#21

RE: Dienst und Schichtzeiten eines Grenztruppen-Soldaten

in Grenztruppen der DDR 06.07.2009 20:08
von Rainman2 | 5.762 Beiträge

Zitat von Zermatt
War bei Personalmangel oder hohem Krankenstand auch eine reguläre 12 oder 24 Stunden Schicht über einen
kurzfristigen Zeitraum möglich ?(also 12 St. Dienst-12 St frei usw oder 24 St Dienst-24 St frei usw)


Hallo zermatt,

ein wirklicher Personalmangel bestand auf der einen Seite immer. Es war immer knapp, die Planungsvorgaben zu erfüllen. Ein so hoher Krankenstand, dass wir das Dienstregime hätten verändern müssen, ist mir nicht bekannt. Der kurzfristige Ausfall eines Soldaten oder Unteroffiziers nach Abschluss der Planung konnte bedeuten, dass die merkwürdigsten Handstände gemacht werden mussten, um den inzwischen erarbeiteten und bestätigten Befehl für den Grenzdienst zu erfüllen.

Die einzigen Zeiten, in denen zum Drittel- bzw. Hälftedienst planmäßig übergegangen wurde waren die Feiertage (Weihnachten, Silvester), an denen immer ein Fünftel der Kompanie im Urlaub war, und die beiden Tage der Zu- und Abversetzung im Jahr (Heimgang und Anlieferung der neuen Soldaten). Der Hälftedienst (12 Stunden Dienst - 12 Stunden) frei war das Höchste der Gefühle und wurde maximal über 3 Tage gezogen, dann wären alle auf dem Zahnfleisch gekrochen. Denn durch Lagen in der Grenzsicherung und Ablösezeiten wurden das ja mehr als 12 Stunden Dienst. Mehr war nicht zumutbar. Wäre der Personalbestand aus welchen Gründen auch immer soweit geschrumpft, dass auch ein Hälftedienst nicht mehr zu gewährleisten gewesen wäre, hätte man eine zeitweilige Verstärkung der Kompanie beantragen müssen. Ein solcher Fall ist mir aber nicht bekannt. Einen 24 Stunden-Grenzdienst gab es nicht. Das hätte keiner lange durchgehalten. Ich selbst hatte lagebedingt meinen längsten durchgehenden Grenzdienst mit ca. 19 Stunden. Sowas reicht, zumal ich vorher in der ganzen Woche kaum geschlafen hatte.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


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#22

RE: Dienst und Schichtzeiten eines Grenztruppen-Soldaten

in Grenztruppen der DDR 06.07.2009 20:15
von bruno | 598 Beiträge

die kompanie in rustenfelde war eine sogenannte "schmetterlingskompanie",
meine tagesschichten(im grenzdienst) kann ich an einer hand abzählen.
wir waren fast nur nachts im busch und auch jede nacht in einem anderen
grenzbereich von mühlhausen bis nach nordhausen.
auch die zeiten waren immer verschieden, ob es nun 19 uhr oder 4 uhr -
da war alles dabei.


nichts auf der welt ist so gerecht verteilt wie der verstand.
denn jedermann ist überzeugt, dass er genug davon habe.
rené descartes
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#23

RE: Dienst und Schichtzeiten eines Grenztruppen-Soldaten

in Grenztruppen der DDR 06.07.2009 21:06
von muts | 89 Beiträge

Die bisher genannten Schichteinteilungen habe ich (88-89)nicht erlebt.
Als Hinterlandindianer, wie rustenfelde beschrieb fand Grenzdienst ausschließlich nachts statt. Das hatte aber auch den Vorteil, daß dann die ganze Bude zur gleichen Zeit schlief, solche zusätzlichen Dinge wie A-Gruppe Objekt, Alarmposten oder Kompanie Grenzarlarm entfielen ja auch, so daß zumindest nach dem Dienst eine gesicherte Ruhe herrschte.Allerdings war dieses System auch sehr anfällig für bunte Spiele wie Frühsport oder gemeinsames Stuben- und Rvierreinigen.
Innerhalb der Kompanie im 2.GB war die Abfolge der Dienste in etwa so wie in OSS`N Kalender. Innerhalb von 24 Stunden wurde man zu einem Dienst eingeteilt, egal ob 8 oder 12 Stunden lang. Durch Verkürzung der Zeiten zwischen den Diensten und Kombination von 8 und 12 Stunden Schichten versuchte man Schichtwechsel hinzubekommen. Typisch für den Fußlatscher wie mich war soetwas wie : 13:00-21:00 Kontrolle K2, nächsten Tag 06:00 - 18:00 Wachposten, dann 04:00-12:00 Kontrolle K6 und zur Erholung erst nächsten Morgen 6:00 wieder auf Wache. Zwischen den Schichten konnte man noch für solche Dinge wie A-Gruppe Objekt oder Alarmposten eingeteilt sein, wo die Wahrscheinlichkeit gegeben war ,daß man seine Nachtruhe in der Abriegelung verbrachte.
Dienstvorbereitung und Nachbereitung hielt sich aber zeitlich in Grenzen. Der "E" wurde eine halbe Stunde vor Dienstbeginn "geweckt". So hatte er Zeit zum Ankleiden, vll. etwas essen und dann Waffenempfang. Der Soldat durfte eine Stunde vor Dienstbeginn aufstehen, der mußte ja noch ein Revier reinigen. Dienstnachbereitung erschöpfte sich im Waffen reinigen und Revierreinigen für den Soldaten.
An einem Tag je Kalenderwoche hatte man Dienstfrei in der Zeit von 18:00 bis 18:00 des Folgetages.


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#24

RE: Dienst und Schichtzeiten eines Grenztruppen-Soldaten

in Grenztruppen der DDR 06.07.2009 23:12
von bruno | 598 Beiträge

@ muts

a-gruppe und a-zug das gab es bei uns!


nichts auf der welt ist so gerecht verteilt wie der verstand.
denn jedermann ist überzeugt, dass er genug davon habe.
rené descartes
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#25

RE: Dienst und Schichtzeiten eines Grenztruppen-Soldaten

in Grenztruppen der DDR 07.07.2009 00:03
von Rostocker | 7.725 Beiträge

Wenn nach den regulären Dienst noch A-Gruppe angesagt war.Hat es mir immer angekotzt in diese verkeimten Betten und Decken auf der Führungsstelle zu pennen.


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#26

RE: Dienst und Schichtzeiten eines Grenztruppen-Soldaten

in Grenztruppen der DDR 07.07.2009 06:25
von Rainman2 | 5.762 Beiträge

Hallo Rostocker,

ja, ich erinnere mich noch gut an dieses "Freudenfeuerwerk der Gerüche", wenn ich durch die A-Gruppen-Etage in der Führungsstelle nach oben gestiegen bin. Hat mich immer sehr an die Wachschichten an der Offiziershochschule erinnert, wo die Ruheräume auch entsprechend ausgerüstet waren und rochen. Es erstaunt mich immer wieder, dass man da nicht über andere Lösungen nachgedacht hat. Aber irgendwie war man auch als Offizier der Meinung: "Uns ging's auch nicht besser, da müssen halt alle mal durch." Die Armee bringt schon Seltsames im Menschen hervor.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


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#27

RE: Dienst und Schichtzeiten eines Grenztruppen-Soldaten

in Grenztruppen der DDR 07.07.2009 08:53
von sentry | 1.106 Beiträge

Zitat von GilbertWolzow
auf wieviel stunden seit ihr im durchschnitt im monat gekommen ?


Ich habe nochmal mein Tagebüchlein bemüht. Ganz so einfach ist das natürlich nicht zu sagen, um einen genormten Vergleich zu haben. Ich schildere einfach 'mal ein Beispiel nach meiner Version. Halbwegs detailliert habe ich leider nur das 3. DHJ dokumentiert.

In Marienborn galt (warum auch immer):
Frühaufzug 8h
Spätaufzug 7h
Nachtaufzug 9h

November 1987 (30 Tage, davon 21 Wochentage)
Einen Tag im Nov. hatte ich Urlaub, also 29 d Anwesenheit
FAZ 8x = 64 h
SAZ 8x = 56 h
NAZ 3x = 27 h
GUvD3x = 48 h

SUMME: 195 h + 7h = 202 h

Die 7h Extra entstehen, weil 2 Schichten 12-h-Schichten waren.
Der GUvD war natürlich ein 24-h-Dienst. Da er aber nur 16 h davon tatsächlich im Dienst war, habe ich auch nur 16h/d angesetzt.
Nominal war das erstmal gar nicht so viel. In 20 Arbeitstagen muss ein Werkdädscher auch 160 h arbeiten.
Wie waren denn so die Dienstzeiten in anderen uniformierten Einheiten (Gilbert?).
Aber man muss bedenken, dass 1,5 h vor Schicht angeweckt wurde und nach der Schicht noch Ablösung, Nachbereitung und solche Nettigkeiten warteten. Interessanter da oben ist das Ungleichgewicht der Schichten. Das deutet darauf hin, dass der Ablauf eben nicht so regelmäßig war, wie vorgesehen.
Bei normaler Schichtenfolge wären 3 Schichten in 4 Tagen zu bringen. Wenn man gar keinen Urlaub ansetzt wären das also 274 Schichten á im Mittel 8h Länge in 365 Tagen oder eben 22 Schichten in 29 Tagen. Nix besonderes also im November, mal abgesehen davon, dass 5 Schichten Überlänge hatten und eben der Wechselrhythmus holperig war.

Einen noch: März 1988 (31 Tage, davon 23 Wochentage)

FAZ 8x = 64 h
SAZ 10x = 70 h
NAZ 7x = 63 h
UvD 1x = 8h

SUMME: 205h + 3h = 208 h

Die 3h Extra entstehen, weil 1 Schicht eine 12-h-Schichten war. Nichts besonderes an Stunden, aber 26 Schichten in 31 Tagen. Normal wären 23 gewesen, also drei Schichten zu viel diesen Monat. Und in der "vielen" Freizeit habe ich noch folgende Aktivitäten entwickeln dürfen:

1x USM-Streife (Ich schätze 2 h).
2x an die Grenzlinie zur Absicherung von Arbeiten (insg. 4h)

Insgesamt hatte mein 3. DHJ 181 Tage. Davon hatte ich 18 Tage Urlaub - wow! kann das sein??
Bei 163 Tagen Anwesenheit habe ich 130 volle Schichten geschoben, 17 davon waren zwischen 12 und 16 h lang.
Bei normalem Ablauf hätten das 122 Schichten sein sollen mit im Mittel 8 h Länge.
Zusätzlich bin ich 7x ausgerückt zu irgendwelchen besonderen Maßnahmen (Absicherungen an der Linie, USM-Streifen usw.), A-Gruppenalarm, Alarmüberprüfungen, ganztägige Schießausbildungen usw. nicht mitgezählt.

Im 3. DHJ hatte ich einen Springer (FAZ-NAZ-SAZ) oder "Dreifachschicht" nach o.g. Terminologie und 5 Kurze Wechsel (oder "Doppelschicht"), also Schichtwechsel, wo nur eine Schicht zwischen zwei Grenzdiensten frei war und nicht drei, wie im Normalfalle. Die Wechsel wo nur zwei statt drei Schichten frei waren bleiben ungezählt, genauso wie der üble Dritteldienst (12-h-Schichten 6-18 oder 18-6 am laufenden Band).

Ich habe auch 'mal eine typische Woche aus meinem Tagebuch angehängt.
A1, A5, B5 sind die Postenpunkte auf denen ich war.
AS bedeutet "Altenschicht", d.h. es waren 2 EK's gemeinsam auf Grenzdienst. 12 h bedeutet, dass die Schicht 12 Stunden lang war.
Vom 21. auf den 22. und vom 23. auf den 24. sieht man zwei der beliebten Kurzen Wechsel, letzterer sogar besonders nett, weil die zweite Schicht 12 Stunden dauerte.

Angefügte Bilder:
Tagebuch_Auszug_web.jpg

zuletzt bearbeitet 07.07.2009 08:56 | nach oben springen

#28

RE: Dienst und Schichtzeiten eines Grenztruppen-Soldaten

in Grenztruppen der DDR 07.07.2009 09:31
von GilbertWolzow | 3.633 Beiträge

Zitat von GilbertWolzow
auf wieviel stunden seit ihr im durchschnitt im monat gekommen ?


Zitat von sentry
Ich habe nochmal mein Tagebüchlein bemüht. Ganz so einfach ist das natürlich nicht zu sagen, um einen genormten Vergleich zu haben.

SUMME: 195 h + 7h = 202 h

In 20 Arbeitstagen muss ein Werkdädscher auch 160 h arbeiten.


Aber man muss bedenken, dass 1,5 h vor Schicht angeweckt wurde und nach der Schicht noch Ablösung, Nachbereitung und solche Nettigkeiten warteten.

SUMME: 205h + 3h = 208 h


danke sentry für deine antwort. am anfang dachte ich, man, es wäre bei euch alles ganz geruhsam gewesen... aber jetzt habe ich so eine art, andauernden dienst mit überraschungen, erfahren.


In Antwort auf:
Wie waren denn so die Dienstzeiten in anderen uniformierten Einheiten (Gilbert?).

@sentry, ich glaube, dass würde hier den rahmen sprengen und du sagst anschliessend, ich habe deine frage provoziert . wobei ich die vor- und nachbereitung nicht mit dazu zähle, es war schlimmer...
toll finde ich, was ihr alles noch an aufzeichnungen hervorzaubern könnt. nochmals danke, @sentry


* User in einem Forum wo ich mich von Vollpfosten als Verbrecher betiteln lassen muss *
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#29

RE: Dienst und Schichtzeiten eines Grenztruppen-Soldaten

in Grenztruppen der DDR 07.07.2009 09:38
von sentry | 1.106 Beiträge

Zitat von Oss`n
auch so konnten Dienstzeiten aussehen und das nicht selten...
Oss`n


P.S.: Wenn man sich das Tagebuch von Oss'n genauer ansieht, handelt es sich dort ja eigentlich auch um eine Dreifachschicht, also einen "Springer" im SiK-Jargon.

Die Hässlichkeit beginnt ja schon am 30.05 mit der 8-16-Schicht.
08-16|00-08|16-24| Das sind 24h Grenzdienst in 40h - eine Schichtfolge die kein Mensch brauchte und die unbedingt vermieden werden sollte - aber doch immer wieder vorkam.
Unsere E's erzählten Ende '87 sogar noch von Doppelspringern, wo an diesen Rhythmus noch eine vierte Schicht gehängt wurde...


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#30

RE: Dienst und Schichtzeiten eines Grenztruppen-Soldaten

in Grenztruppen der DDR 07.07.2009 18:22
von muts | 89 Beiträge

Zitat von bruno
@ muts

a-gruppe und a-zug das gab es bei uns!


Hallo Bruno,
das gab es bei uns nicht, mal abgesehen von der nächtlichen A-Gruppe im Abschnitt der Nachbarkompanie.
Wie lief das dann bei Grenzalarm ab, seid ihr dann außerhalb in der Abriegelung gewesen, oder hat man euch dann in den Abschnitt gelassen ?

Gruß
Matthias


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#31

RE: Dienst und Schichtzeiten eines Grenztruppen-Soldaten

in Grenztruppen der DDR 08.07.2009 08:30
von sentry | 1.106 Beiträge

Zitat von GilbertWolzow
ich glaube, dass würde hier den rahmen sprengen und du sagst anschliessend, ich habe deine frage provoziert


Ja Du hast recht. Ich wollte eigentlich nur mal für mich selbst wissen, ob das, was ich da so erlebt habe, wirklich eine außergewöhnlich hohe Belastung war imVergleich zu anderen militärischen Einheiten (diensthabende Systeme oder so). Dass es mir gereicht hat, kann man ja wohl rauslesen
Aber im Grunde hast Du das ja schon beantwortet: Muss wohl auch im Vergleich 'ne ganze Menge gewesen sein.

Genutzt hat's mir auch - für eine Richtigstellung: Ich hatte immer geschrieben, ich wäre in einem Jahr 297x an der Grenze gewesen. Jetzt wo ich mich nochmal näher damit beschäftigt habe, habe ich einen Zahlendreher aufgeklärt. Es waren insgesamt "nur" 279x, was bei Abzug von Urlaub, Schießtagen und unter Berücksichtigung der insgesamt 61 überlangen Schichten (>= 12h) immer noch ausreichend pervers ist.
Die hohe Zahl der 12-h-Schichten kommt daher, dass ich Gehilfe des Diensthabenden Offiziers Eisenbahn (GDHO/E) auf der Eisenbahn-GÜSt Marienborn gelaufen bin. Das waren grundsätzlich 12-h-Schichten und das durften nur so 4 oder 5 bestätigte Soldaten pro Jahrgang machen ('ne "Blutgruppen"-Geschichte).


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#32

RE: Dienst und Schichtzeiten eines Grenztruppen-Soldaten

in Grenztruppen der DDR 08.07.2009 11:54
von GilbertWolzow | 3.633 Beiträge

In Antwort auf:
Ich wollte eigentlich nur mal für mich selbst wissen, ob das, was ich da so erlebt habe, wirklich eine außergewöhnlich hohe Belastung war imVergleich zu anderen militärischen Einheiten (diensthabende Systeme oder so). Dass es mir gereicht hat, kann man ja wohl rauslesen
Aber im Grunde hast Du das ja schon beantwortet: Muss wohl auch im Vergleich 'ne ganze Menge gewesen sein.


@sentry, ja ihr habt eine ungewöhnlich hohe stundenzahl "geschrubbt"... wir hatten im durchschnitt 260 stunden pro monat bei unregelmässigen 12 und 24 stunden diensten. auch bei uns waren alle fertig, so das sie z.t. im stehen schlafen konnten.

In Antwort auf:
Die hohe Zahl der 12-h-Schichten kommt daher, dass ich Gehilfe des Diensthabenden Offiziers Eisenbahn (GDHO/E) auf der Eisenbahn-GÜSt Marienborn gelaufen bin. Das waren grundsätzlich 12-h-Schichten und das durften nur so 4 oder 5 bestätigte Soldaten pro Jahrgang machen ('ne "Blutgruppen"-Geschichte).


eine "blutgruppen"- geschichte ? was ist das denn?


* User in einem Forum wo ich mich von Vollpfosten als Verbrecher betiteln lassen muss *
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#33

RE: Dienst und Schichtzeiten eines Grenztruppen-Soldaten

in Grenztruppen der DDR 08.07.2009 13:18
von sentry | 1.106 Beiträge

Zitat von GilbertWolzow
eine "blutgruppen"- geschichte ? was ist das denn?


Wie - nich' schon 'mal in diversen anderen Foren zum Thema gehört? Kann ich gar nicht glauben.
Aber gut, 'mal zur allgemeinen Erleuchtung ein paar Sätze dazu.

GT-intern wurden die Einsatzmöglichkeiten der Grenzer ("Wo darf der Soldat hin und wo nicht...") nach Buchstaben von A-D kategorisiert. Diese Buchstaben wurden im Grenzerjargon als "Blutgruppen" bezeichnet.
Folgende Bedeutung (geholt aus NVA-Forum):

Kategorie A: Der Soldat konnte mit jedem Angehörigen der Grenztruppen auf dem gesamten Grenzgebiet eingesetzt werden, also auch hinter den letzten Sperranlagen bis zu den Grenzsäulen.

Kategorie B: Der Soldat war bis zur Höhe des ersten Kolonenweges einsetzbar und durfte mit einem A-Bestätigten im gesamten Grenzgebiet Dienst tun.

Kategorie B1: Diese Soldaten konnten mit einem A-Bestätigten im gesamten Grenzgebiet Dienst tun. Mit einem B-Bestätigten (ohne Ziffer) bis zur Höhe des ersten Kolonnenweges agieren.

Kategorie C: Dazu zählten alle Soldaten im Urlaub und alle abkommandierten Soldaten.

Kategorie D1: Diese Soldaten durften nur “freundwärts” handeln, also hinter den Sperranlagen, und nur gemeinsam mit einem A- Bestätigten. Der Einsatz mit einem B-Bestätigten war nicht erlaubt.

Kategorie D2: Der Soldat war grenzdienstuntauglich.

Es gibt auch andere Abstufungen und Definitionen (je nach Quelle), aber so in etwa ist das schon korrekt, denke ich, und vermittelt einen ausreichenden Eindruck.
Die Bestätigung für das Vorgelagerte Hoheitsgebiet wird anderswo auch als "A013" bezeichnet.
Fakt ist, dass die Einstufung des einzelnen Grenzers regelmäßig überprüft wurde. Quellen behaupten mindestens einmal monatlich.

Unter den Soldaten der SiK Marienborn war dieses System, dass sich mit den Einsatzmöglichkeiten der Grenzer beschäftigte, so nicht bekannt. Das Wort "Blutgruppen" verwendeten wir auch nicht. Bei uns gab es im SiK-Jargon verschiedene Stufen von "staubig" und "bestätigt". Ultrastaubige Typen gingen nur auf "ungefährliche Postenpunkte, z.B. auf die B2 auf dem Dach eines Stellwerkes am östlichen Rand der Eisenbahn-GÜSt, mehr als 5 km von der Grenze weg.
Der Gegenpol war der "Linienbestätigte", der in seiner Grenzerzeit mehr sah als so mancher (die meisten?) Offizier(e) in der Sicherungskompanie Marienborn, der Gehilfe des Diensthabenden Offiziers Eisenbahn (GDHO/E) lief, er durfte sich alleine im Schutzstreifen bewegen und durfte ins vorgelagerte Hoheitsgebiet.
Der "Bestätigte" durfte auf Postenpunkte unmittelbar an der Grenzlinie, durfte den Eisenbahnaufzug leiten, durfte auf die B5, einen POstenpunkt wo er ganz alleine war...
Der "Staubige" durfte nur auf Hinterlandposten und war nur ganz selten an der Autobahn-GÜSt...sein Revier war der 5km im Hinterland liegende Bahnhof.

Die Überprüfung dieser Einstufung kann ich am eigenen Leib bestätigen, oder sagen wir mal: zumindest "gefühlt bestätigen".
Gerade wenn man linienbestätigt war, wie ich, und überwiegend die "coolen" Postenpunkte besetzte, registrierte man sehr feinfühlig jede hässliche Veränderung im Einsatzplan. Wenn man da 'mal in einem Zeitraum sehr häufig GUvD in der Einheit stand oder Wacheinheit oder eben wiederholt auf die B2, dann dachte man tatsächlich': "Schei*, ich bin nicht mehr bestätigt!"
Glücklicherweise waren das aber immer nur kurze Phasen und man konnte wieder aufatmen. Es hatte ja keiner Bock, seinen Grundwehrdienst in einer telefonzellengroßen Butze auf dem Dach eines Stellwerkes abzusitzen.
Wir hatten in Marienborn rund um die Uhr 12 Posten und Dienste (UvD, GUvD, Wache) zu besetzen. Im 3. DHJ hätte ich bei 130 vollen Schichten und gleichmäßiger Aufteilung jeden Postenpunkt also etwa 11x besetzen müssen.
Tatsächlich musste ich nicht einmal Wache stehen und war nur 5x auf der oben beschriebenen B2.
73 Schichten also 56% aller Einsätze habe ich auf 4 Postenpunkten verbracht, wo man sicher Blutgruppe A sein musste, davon 35 Schichten auf der B5 an der Eisenbahn-GÜSt alleine auf Grenzdienst (einmal sogar 6x in einer Woche). Dazu kamen noch 5 Einsätze an der Grenzlinie, sozusagen A013. Es waren eben von schätzungsweise ca. 80 Soldaten nur 4 oder 5, die das regelmäßig machen durften.


zuletzt bearbeitet 08.07.2009 13:25 | nach oben springen

#34

RE: Dienst und Schichtzeiten eines Grenztruppen-Soldaten

in Grenztruppen der DDR 08.07.2009 14:05
von GilbertWolzow | 3.633 Beiträge

danke sentry, ist ja wie ein grundlagenwerk. hauptsache finde ich deinen beitrag zur erklärung immer wieder...


* User in einem Forum wo ich mich von Vollpfosten als Verbrecher betiteln lassen muss *
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#35

RE: Dienst und Schichtzeiten eines Grenztruppen-Soldaten

in Grenztruppen der DDR 08.07.2009 19:17
von Oss`n | 2.779 Beiträge

Hallo sentry,
so sah eine Beförderung zur Blutgruppe "A" aus.


Als HTML (Auktion, Homepage):


Oss`n


Spucke nie in einen Brunnen - es könnte sein, du mußt mal daraus trinken !
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#36

RE: Dienst und Schichtzeiten eines Grenztruppen-Soldaten

in Grenztruppen der DDR 08.07.2009 19:38
von bruno | 598 Beiträge

Zitat von muts
Zitat von bruno
@ muts

a-gruppe und a-zug das gab es bei uns!


Hallo Bruno,
das gab es bei uns nicht, mal abgesehen von der nächtlichen A-Gruppe im Abschnitt der Nachbarkompanie.
Wie lief das dann bei Grenzalarm ab, seid ihr dann außerhalb in der Abriegelung gewesen, oder hat man euch dann in den Abschnitt gelassen ?

Gruß
Matthias


hallo matthias!

wenn wir aus dem grenzdienst kamen,
war der erste blick auf den dienstplan im flur.
es kam öfters vor, das man 5 - 6 tage hintereinander
a-gruppe hatte und wenn der büffel ging - knarre geschnappt
(egal welche) und dann ging es nach innerhalb.
und immer (bei mir) war es der starke regen oder das
diensthabende wildschwein/reh was den alarm ausgelöst hat.


nichts auf der welt ist so gerecht verteilt wie der verstand.
denn jedermann ist überzeugt, dass er genug davon habe.
rené descartes
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#37

RE: Dienst und Schichtzeiten eines Grenztruppen-Soldaten

in Grenztruppen der DDR 08.07.2009 19:40
von Zermatt | 5.293 Beiträge

Ja,die Personalanalyse wurde monatlich einmal durchgeführt,Kriterien dabei waren:

- Dienstdurchführung
- Postverkehr
- erzielte Ergebnisse bei Ausbildungsmassnahmen
- Urlaubsaussprachen



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#38

RE: Dienst und Schichtzeiten eines Grenztruppen-Soldaten

in Grenztruppen der DDR 08.07.2009 19:42
von Pitti53 | 8.789 Beiträge

da haben wir früher gesagt,mit so einer beurteilung kann er minister werden


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#39

RE: Dienst und Schichtzeiten eines Grenztruppen-Soldaten

in Grenztruppen der DDR 08.07.2009 20:02
von Oss`n | 2.779 Beiträge

ein VKU hätte mir schon gereicht.


Spucke nie in einen Brunnen - es könnte sein, du mußt mal daraus trinken !
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#40

RE: Dienst und Schichtzeiten eines Grenztruppen-Soldaten

in Grenztruppen der DDR 09.07.2009 07:32
von sentry | 1.106 Beiträge

Zitat von Oss`n
so sah eine Beförderung zur Blutgruppe "A" aus.


Cooles Dokument, hast Du das in Deiner Personenakte gefunden?
Muss ich direkt noch mal durchforsten, aber ich glaube so was habe ich nicht gefunden, obwohl viel GT-Kram enthalten ist.

Nochmal zum Thema Dienstzeiten:
Weiß einer noch, wieviele Tage Urlaub einem kleinen Grenzsoldaten zustanden?


zuletzt bearbeitet 09.07.2009 07:32 | nach oben springen


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