#1

Ärztliche Versorgung in der Sperrzone ? Wie war das?

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 20.04.2009 10:45
von Angelo | 12.396 Beiträge

Wie war das eigentlich mir der Ärztlichen und Rettungsdienstlichen Versorgung im Sperrgebiet mußte der Notarzt auch erst einen Passierschein beantragen bevor er einen Notfallpatienten im Sperrgebiet versorgen durfte? Wie war das geregelt ?

Gruß Angelo


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#2

RE: Ärztliche Versorgung in der Sperrzone ? Wie war das?

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 20.04.2009 12:04
von manudave (gelöscht)
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Das würde ich auch gerne wissen - noch eine Wissenlücke...


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#3

RE: Ärztliche Versorgung in der Sperrzone ? Wie war das?

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 20.04.2009 12:40
von Rainman2 | 5.761 Beiträge

Hallo Angelo und manudave,

ich musste einmal 1982 "gerettet" werden. Mein Blinddarm stand während meines Praktikums in Spahl (Rhön, damals 6. GK / GR3) plötzlich kurz vor dem Durchbruch. Dafür wurde eine "Rettungsstaffette" aufgebaut. Ich wurde von der Kompanie in den Bataillonsstab nach Geisa gefahren. Der Diensthabende im GB freute sich über den Besuch zur nächtlichen Stunde sosehr, dass er mir gleich den ganzen Führungspunkt erklärte. Ich saß schmerzverkrümmt da und hörte tatsächlich etwas zu. So verging die Zeit, bis mich der Sankra vom Regiment abholte. Dieser brachte mich nach Vacha ins Krankenhaus. Die Sache hat, alles in allem, etwas mehr als eine Stunde gedauert. Dafür, dass ich nicht in Lebensgefahr war, gings noch.

Anonsten war die ärztliche Notversorgung (Schnelle Medizinische Hilfe - SMH) in der Regel für den Schutzstreifen bestätigt und auch die Krankenwagenfahrer waren bestätigt. Was geschehen musste, wenn einem diese Bestätigung weggenommen wurde, weiß ich nicht. Die Versorgung mit Krankenhäusern und Ambulatorien entsprach bei uns in Grenznähe durchaus dem hohen Standard ärztlicher Versorgung, wie anderswo im Land. Als Krankenhäuser in Grenznähe habe ich Vacha und Dermbach kennen gelernt (Entferunung der beiden voneinander ca. 18 km). Beide waren für ihre Zeit durchaus ordentlich ausgestattet.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


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#4

RE: Ärztliche Versorgung in der Sperrzone ? Wie war das?

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 20.04.2009 12:43
von manudave (gelöscht)
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Von Geisa nach Vacha oder Dermbach ist aber auch ein ganzes Stück...

Gab es eigentlich damals Rettungshubschrauber in der DDR ?


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#5

RE: Ärztliche Versorgung in der Sperrzone ? Wie war das?

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 20.04.2009 14:01
von nightforce (gelöscht)
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Hallo manudave,
nein, es gab keine Rettungshubschrauber in der DDR.
Die Rettung fand ausschließlich mit Fahrzeugen statt.
Für die Zivilbevölkerung war in fast jedem Dorf eine ausgebildete Krankenschwester dort wohnhaft, die bei Notfällen gerufen werden konnte.
Da fällt mir die Fernsehserie "Schwester Agnes" ein, die mit ihrerm Moped Schwalbe zu Notfällen unterwegs war.
Auch hatte der für einen Ort zuständige Hausarzt einen Passierschein um in diesen Orten Hausbesuche durchführen zu können, sofern er außerhalb wohnte.
Die Krankenschwester und auch der Hausarzt hatten selbst einen Telefonanschluß, um im Notfall von einem Münzfernsprecher, den gab es eigentlich in jedem Ort, gerufen werden zu können.
Bei Orten zwischen den Zäunen, wie z.B. Lütkenwisch gab es für Anwohner die Möglichkeit, einen Arzt und/oder Rettungswagen über die FÜSt zu rufen/rufen zu lassen.
Der Anwohner benutzte dazu einfach die Sprechsäule am Tor, die er ja auch benutzen mußte, um eine Durchfahrt/Durchgang an-/abzumelden.

Gruß nf


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#6

RE: Ärztliche Versorgung in der Sperrzone ? Wie war das?

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 20.04.2009 17:15
von Zermatt | 5.293 Beiträge

Also war es wohl besser fit zu sein,wenn ich mir vorstelle,jemand bekommt einen
Herzinfarkt und die Schwester kommt mit dem Moped.... Das wird eng.



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#7

RE: Ärztliche Versorgung in der Sperrzone ? Wie war das?

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 20.04.2009 19:02
von manudave (gelöscht)
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Wenn man an so manche Ortschaft in z.B. Meck-Pom. denkt, wo man langsam wieder die Ortskrankenschwester einführt, weil keine Ärzte mehr da sind...


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#8

RE: Ärztliche Versorgung in der Sperrzone ? Wie war das?

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 20.04.2009 20:40
von nightforce (gelöscht)
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So sah das Rettungswesen der DDR aus,
die Ortskrankenschwester war meißt sehr schnell vor Ort(mit der Schwalbe), schneller als manch Rettungswagen zu heutiger Zeit.
Sie war sozusagen Ersthelferin, hatte aber auch einige Notfallspritzen im Gepäck und konnte Angehörige zur Hilfe anleiten.
Dieses primitive Notfallsystem war so schlecht garnicht, weshalb heutzutage wieder in dünn besiedelten Gebieten, wie manudave richtiger Weise anmerkte, diese Art der Notversorgung eingeführt werden sollte.
Dann gab es noch den Hausarzt, und wenn für den das Problem nicht lösbar war, dann ging es per Rettungswagen in die nächste Klinik, war auch diese mit dem Problem überfordert, wurde der stabilisierte Patient in eine Spezialklinik überführt, natürlich im Rettungswagen.
Mein Exschwiegervater hatte einen Unfall, im Krankenhaus wurde eine Quetschung der Wirbelsäule mit Risiko Querschnittslähmung diagnostiziert.
Er wurde dann per Rettungswagen auf einer Vakuumliege liegend von Thüringen nach Greifswald (MVP) verlegt und dort auch dementsprechend behandelt.
Sowas war durchaus möglich.

Gruß nf



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#9

RE: Ärztliche Versorgung in der Sperrzone ? Wie war das?

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 24.04.2009 17:06
von Augenzeuge (gelöscht)
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Eine (kleine) Episode für Wissbegierige zur ärztl.Versorgung in der DDR.

Passiert im Sommer 1973 in Scheibe Alsbach (kein Grenzgebiet), Thüringen.
Mitten auf dem Stausee des Dorfes kommt es zu einem schweren Unfall. 10 Leute sind mit einem Tauchfloß unterwegs, ein Paddelboot legt an. Alle rennen zum Paddelboot. Nur ein kleiner Junge nicht. Durch die Schräglage des Floßes kippt ein Tauchbrett (eisenbeschlagen) auf den Jungen. Der Unterschenkel wird gequetscht,viel Blutverlust.
Mittels Boot wird der Junge an Land gebracht, die med. Hilfe gerufen. Nach über 80 min kommt der Krankenwagen.
Er kommt aus Gräfenthal, Grenzgebiet. Das nächstliegendere Krankenhaus in Neustadt ist voll.
Die Fahrt dauert noch einmal über eine Stunde. Der behandelnde Arzt murmelt das man doch hier das Bein retten müßte.
Der Junge versteht nicht. Mann schafft es gerade noch das Bein zu retten.
Was der Junge erst 35 Jahre später erfährt (über ein Buch- Die Grenze durch Deutschland, Graefe): Wenige Minuten zuvor war einer jungen Frau der Unterschenkel beim Tritt auf eine Miene an der Grenze so verletzt worden, das er amputiert werden mußte. Die Frau heißt Sieglinde B. Sie wollte flüchten, gemeinsam mit ihrem Verlobten, ein Ungar.
Er wurde erschossen, als er seiner Verlobten helfen wollte. Sie war schon über den letzten Zaun gefallen. 40 m trennten sie von der Freiheit. BGS-Beamte schrien sich mit den Grenzern an. Niemand half. Man wartete auf den Minendienst.
Übrigens, ein Grenzer (Horst K., der diese Frau mit geborgen hatte), brach danach mit dem System. Er flüchtete 14 Tage später in den Westen. Erwar einer von 28 Uniformierten, die in diesem Jahr fahnenflüchtig wurden.

Noch eins. Die Eltern mußten zum Besuch des Sohnes im Krankenhaus jedes Mal einen Passierschein beantragen. Sie durften ihn einmal die Woche besuchen.

Diese Story war genauso, wie ich es erzählt habe. Ich war dabei.




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#10

RE: Ärztliche Versorgung in der Sperrzone ? Wie war das?

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 25.04.2009 17:07
von Augenzeuge (gelöscht)
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Ich war nicht nur dabei, ich war der Junge.


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