#381

RE: Die Maueröffnung bleibt ein Versehen der SED

in Das Ende der DDR 24.05.2014 10:53
von Kalubke | 2.291 Beiträge

so wie ich das aus Dokumentationen mitbekommen habe, ließen sie zunächst ca. 500 Leute rüber, mit Stempel auf dem Bild, dann war eine Weile wieder zu. Die eigentliche Öffnung kam dann gegen Mitternacht als nach mehrfachen Anrufen von Jäger bei seinen Chefs keine Reaktion kam, sondern einfach wieder aufgelegt wurde. 1-2 Stunden später kehrten dann die ersten wieder zurück z.T. mit Stempeln auf dem Bild. Sie wurden nicht abgewiesen, sondern durchgewunken. Zwei Entscheidungen, die einzig und allein Jäger getroffen hat. Die mit den 500 kam noch von oben.

Gruß Kalubke



zuletzt bearbeitet 24.05.2014 11:00 | nach oben springen

#382

RE: Die Maueröffnung bleibt ein Versehen der SED

in Das Ende der DDR 24.05.2014 10:56
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von Harzwanderer im Beitrag #378
Die Grenzer waren doch gar nicht mehr Herr der Lage. Da standen noch am gleichen Abend hunderttausende Bürger an der Grenze und wollten rüber und wieder zurück. (Ich rede von Berlin, selbst gesehen).
Die PKE konnten deshalb auch nicht mehr stempeln. Es ging rein praktisch nicht, nicht etwa weil die plötzlich ein schlechtes Gewissen gehabt hätten.

Wenn die geschossen hätten, wären sie ein Magazin später gelyncht worden. Das war keine "Entscheidung" oder gar Edelmut, sondern die nackte Not der PKE. Und ja, "man" hat sie alleine gelassen.


Ich sehe es eher so: den Mitarbeitern der Passkontrolleinheiten lag es absolut fern, auf die Leute zu schießen!! Sie hatten viel mehr Angst davor, von den Massen überrannt und eventuell aus purem Selbsterhaltungstrieb, von der Schusswaffe Gebrauch machen zu müssen.
Bei deinem Beitrag klingt die unterschwellige Behauptung durch, dass die PKE-Leute "potentielle Killer" waren, die eben nur aus Pragmatismus, Angesichts der Übermacht, die Waffen im Holster ließen. Und das ist absoluter Unsinn!
Den Ernstfall wollte niemand. Weder die Grenzer bzw die Passkontrolleure. Noch die Demonstranten. Zwischen allen herrschte so etwas wie ein "Konsens der Vernunft". Typisch Deutsch eben. In anderen Ländern wäre, in ähnlicher Situation, ganz sicher viel Blut geflossen.

Gruß Uwe


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#383

RE: Die Maueröffnung bleibt ein Versehen der SED

in Das Ende der DDR 24.05.2014 10:57
von Harzwanderer | 2.921 Beiträge

Die PKE waren bewaffnet und hatten einen Schießbefehl, um Grenzdurchbrüche zu verhindern.
Hier ist ein Beispiel vom April 89, wo der Befehl mal zeitweise ausgesetzt wurde, richtet sich auch an die PKE.

Zitat
Zur Aufhebung des Schießbefehls, 12. April 1989

Hauptabteilung I beim Kommando Grenztruppen
Pätz, 12.4.1989

Niederschrift

Seit dem 3. 4. 1989 wurden nach mündlicher Beauflagung durch den amtierenden Minister für Nationale Verteidigung, Generaloberst Streletz, durch den Stellv. Minister und Chef Grenztruppen der DDR, Gen. Generaloberst Baumgarten, alle unterstellten Verbände, GK Nord, GK Mitte und GK Süd, gegen 19.00 Uhr mündlich angewiesen, die Schußwaffe in Grenzdienst (Staatsgrenze zur BRD und zu Berlin (West)) zur Verhinderung von Grenzdurchbrüchen nicht anzuwenden.

Nur bei Bedrohung des eigenen Lebens darf die Schußwaffe eingesetzt werden.

Diese Befehlsgebung ist am 4.4.1989 bis zum Grenzposten bekanntgemacht worden und wird praktiziert.

Am 4. 4. 1989, 22.00 Uhr, erfolgte der Befehl des Kommandeurs GR-36 an den DHO der Grenztruppen der DDR auf der GÜSt Chausseestraße. Am 5. 4. 1989, 08.35 Uhr, wurde durch den DHO der Grenztruppen der DDR, Major Stockmann, bei einer Absprache im Zusammenwirken der Zugführer der PKE, Hauptmann Laban, und der Obersekretär des Zolldienstes, Eckardt, mit dem Inhalt des Befehls vertraut gemacht.

Stellv. Leiter der HA I
Nieter
Oberst

Quelle: BStU, MfS, HA VI Nr. 1308, Bl. 27.


Quelle: http://www.chronik-der-mauer.de/index.ph...d/608093/page/3

Und hier der zeitliche Ablauf:

Zitat
Um den Druck der Massen zu mindern, ließen die Posten am Grenzübergang Bornholmer Straße um 21:20 Uhr die ersten DDR-Bürger nach West-Berlin ausreisen. Allerdings ließ der Leiter der Passkontrolleinheiten ihre Pässe ungültig stempeln, was die Ausbürgerung der ahnungslosen Inhaber bedeutete. Gegen 23:30 Uhr war der Ansturm der Menschen [Film 13,31 MB] jedoch so groß, dass der Leiter der Passkontrolleinheiten, der noch immer ohne offizielle Dienstanweisung war, den Schlagbaum endgültig öffnete. Ca. 20.000 Menschen konnten in der folgenden Stunde ohne Kontrolle die Bösebrücke passieren. Auch die anderen innerstädtischen Grenzübergänge wurden im Verlauf des späten Abends geöffnet. Infolge der friedlichen Revolution in der DDR und der politischen Veränderungen in den Staaten Ost-Europas war in dieser Nacht die Berliner Mauer gefallen.



http://www.berlin.de/mauer/oeffnung/index.de.html


zuletzt bearbeitet 24.05.2014 11:04 | nach oben springen

#384

RE: Die Maueröffnung bleibt ein Versehen der SED

in Das Ende der DDR 24.05.2014 11:06
von Kalubke | 2.291 Beiträge

Zitat von Harzwanderer im Beitrag #383

Zitat
Um den Druck der Massen zu mindern, ließen die Posten am Grenzübergang Bornholmer Straße um 21:20 Uhr die ersten DDR-Bürger nach West-Berlin ausreisen. Allerdings ließ der Leiter der Passkontrolleinheiten ihre Pässe ungültig stempeln, was die Ausbürgerung der ahnungslosen Inhaber bedeutete. Gegen 23:30 Uhr war der Ansturm der Menschen [Film 13,31 MB] jedoch so groß, dass der Leiter der Passkontrolleinheiten, der noch immer ohne offizielle Dienstanweisung war, den Schlagbaum endgültig öffnete. Ca. 20.000 Menschen konnten in der folgenden Stunde ohne Kontrolle die Bösebrücke passieren. Auch die anderen innerstädtischen Grenzübergänge wurden im Verlauf des späten Abends geöffnet. Infolge der friedlichen Revolution in der DDR und der politischen Veränderungen in den Staaten Ost-Europas war in dieser Nacht die Berliner Mauer gefallen.


http://www.berlin.de/mauer/oeffnung/index.de.html



deckt sich doch genau mit den Aussagen, die ich aus SPIEGEL-TV "9.November'89: Das Protokoll eines historischen Versehens" entnommen habe. In der Dokumentation gab es auch die von mir erwähnten Hintergrundinfos zum Entscheidungsverhalten von Harald Jäger, der in der Doku selbst zu Wort kommt.

Gruß Kalubke



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#385

RE: Die Maueröffnung bleibt ein Versehen der SED

in Das Ende der DDR 24.05.2014 11:33
von ABV | 4.202 Beiträge

Jäger sagt aber auch, so habe ich das jedenfalls in Erinnerung, dass die unsinnige Anweisung, besonders "ungeduldige" Bürger die Ausreise zu gewähren, dafür jedoch deren Personalausweise ungültig zu stempeln, von Oberst Rudi Ziegenhorn stammt. Ziegenhorm befand sich, anders als Jäger, nicht selbst am Ort des Geschehens, sondern im Lagezentrum der HA VI, in der Berliner Schnellerstraße.

Gruß Uwe


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#386

RE: Die Maueröffnung bleibt ein Versehen der SED

in Das Ende der DDR 24.05.2014 11:37
von Harzwanderer | 2.921 Beiträge

Dessen Anweisung dürfte doch wiederum von noch höherer Stelle (Krenz, Mielke o.ä.) gekommen sein. Die These, dass alles spontanes Chaos war, stimmt doch so nicht. Die Öffnung war geplant und das Vorgehen war geplant, bis man dann doch überrollt wurde. Und rückwirkend dichten sich alle Beteiligten den Heiligenschein an.


zuletzt bearbeitet 24.05.2014 11:40 | nach oben springen

#387

RE: Die Maueröffnung bleibt ein Versehen der SED

in Das Ende der DDR 24.05.2014 12:01
von ABV | 4.202 Beiträge
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#388

RE: Die Maueröffnung bleibt ein Versehen der SED

in Das Ende der DDR 24.05.2014 12:02
von ABV | 4.202 Beiträge

Upps: gibt mal Stasi Funker in die Google-Suchmaschine ein. Dann findet ihr den vollen Text.

Gruß Uwe


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#389

RE: Die Maueröffnung bleibt ein Versehen der SED

in Das Ende der DDR 24.05.2014 12:08
von eisenringtheo | 9.158 Beiträge

Solche gebührenpflichtige Berichte lese ich immer via Google Suche aus dem Cache (Rechtsklick beim Abwärtspfeil). Aber ich weiss nie, ob das auch legal ist...
https://www.google.ch/search?q=Ein+nicht..._sm=93&ie=UTF-8
Theo


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#390

RE: Die Maueröffnung bleibt ein Versehen der SED

in Das Ende der DDR 24.05.2014 12:08
von ehem. Hu | 466 Beiträge

Zitat von ABV im Beitrag #385
Jäger sagt aber auch, so habe ich das jedenfalls in Erinnerung, dass die unsinnige Anweisung, besonders "ungeduldige" Bürger die Ausreise zu gewähren, dafür jedoch deren Personalausweise ungültig zu stempeln, von Oberst Rudi Ziegenhorn stammt. Ziegenhorm befand sich, anders als Jäger, nicht selbst am Ort des Geschehens, sondern im Lagezentrum der HA VI, in der Berliner Schnellerstraße.
Gruß Uwe


Weil eben keine Weisungen von ganz oben kamen, war das die s. g. Ventillösung: Die größten Krakeler und die Leute, die unbedingt auf der Ausreise beharren, sind erstmal aus den Massen in Richtung Westen zu lassen, damit die Stimmung nicht aufgeheizt wird. Dass das bei den Massen naturgemäß nur kurzzeitig - wenn überhaupt - wirken kann, hat uns der weitere Ablauf gezeigt. Ich weiß noch , dass es anfangs noch daran ging, Fernschreiben mit den Personalien zu senden. Das kann aber auch eine Idee eines örtlich zuständigen MA der BV MD gewesen sein, keine Ahnung. Das wurde nur sehr kurze Zeit durchgehalten.

friedliche Grüße Andreas


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#391

RE: Die Maueröffnung bleibt ein Versehen der SED

in Das Ende der DDR 24.05.2014 12:19
von ehem. Hu | 466 Beiträge

Zitat von Harzwanderer im Beitrag #386
Und rückwirkend dichten sich alle Beteiligten den Heiligenschein an.


Na für die PKE kann ich ein wenig sprechen und die machen das mit Sicherheit nicht. Wir waren überrascht und haben nach einer kurzen Zeit der Lähmung einfach pragmatisch gehandelt. Den Heiligenschein hatten wir aber tatsächlich in den nächsten Tagen von den DDR-Bürgern bekommen, die uns mit allem möglichen überschütteten (Pralinen, Schnaps, Sekt, Blumen).

friedliche Grüße Andreas


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#392

RE: Die Maueröffnung bleibt ein Versehen der SED

in Das Ende der DDR 24.05.2014 12:29
von Kalubke | 2.291 Beiträge

Zitat von Harzwanderer im Beitrag #386
Dessen Anweisung dürfte doch wiederum von noch höherer Stelle (Krenz, Mielke o.ä.) gekommen sein. Die These, dass alles spontanes Chaos war, stimmt doch so nicht. Die Öffnung war geplant und das Vorgehen war geplant, bis man dann doch überrollt wurde. Und rückwirkend dichten sich alle Beteiligten den Heiligenschein an.


nee, da muss man etwas differenzieren (habe gerade im Hintergrund die Doku laufen):

Zunächst hat Osl Harald Jäger (Stellvertender Leiter PKE Bornholmer Straße, Leiter Passkontrolle) Grenzalarm ausgelöst, obwohl das eigentlich nur sein Vorgesetzter gedurft hätte. Danach wurde, wie bereits gesagt, durch Ost Rudi Ziegenhorn, MfS HA VI, Leiter Bereich Passkontrolleinheiten der nutzlose „Ventillösungsbefehl“ erteilt.

Nach erneutem Anruf von Jäger bei Ziegenhorn wurde ihm von Ziegenhorn unterstellt, dass er aus Angst nicht in der Lage ist, die Situation an der GüSt real einzuschätzen und anschließend ohne die Erteilung von weiteren Befehlen aufgelegt. Das war der Moment, wo Jäger endgültig die Schnauze voll hatte und die Sache selbst in die Hand nahm.

Gruß Kalubke



zuletzt bearbeitet 24.05.2014 14:49 | nach oben springen

#393

RE: Die Maueröffnung bleibt ein Versehen der SED

in Das Ende der DDR 24.05.2014 12:52
von Kalubke | 2.291 Beiträge

...das wäre jetzt vielleicht noch zu klären, ob die "Ventillösung" von der Leitung der HA VI kam, oder von höchsten Ebenen. Ob letztere sich mit derartigen "Optionen" genau auskannten ist aber die Frage.

Wenn einer versagt hat, dann die Leitung der HA VI. Wie kann man erst einen unsinnigen Befehl erteilen und anschließend seine Untergebenen für unzurechnungsfähig erklären? Typisches Beispiel für das Kollabieren von patriarchalischen Führungsstrukturen in derartigen Krisensituationen.

Gruß Kalubke



zuletzt bearbeitet 24.05.2014 13:17 | nach oben springen

#394

RE: Die Maueröffnung bleibt ein Versehen der SED

in Das Ende der DDR 24.05.2014 13:25
von Harzwanderer | 2.921 Beiträge

Ganz offenbar gibt es bis heute eine zentral gesteuerte Kampagne, alles spontan aussehen zu lassen. Dabei war von der bestellten Frage auf der Pressekonferenz an alles ein (mindestens auf Politbüroebene, siehe Schabowski) von oben geplantes Unternehmen. Ihr glaubt doch nicht ernsthaft, dass bei so einer Schicksalsfrage für ein System irgendwelche Tschekisten aus dem mittleren Management entscheiden? Befehl und Gehorsam. Schild und Schwert der Partei.

Die BVG in West-Berlin hatte schon den ganzen Tag lang alles auf Rädern, was fuhr. Der sogenannte Smog-Fahrplan (eigentlich dafür gedacht, falls es bei Smog Fahrverbote für private PKW in WB gegeben hätte). Sooooo überraschend und eigenmächtig entschieden worden kann es nicht gewesen sein, wenn selbst der Klassenfeind Bescheid wusste und schon fertige Stadtpläne für die Ostler gedruckt hatte.


seaman hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 24.05.2014 13:27 | nach oben springen

#395

RE: Die Maueröffnung bleibt ein Versehen der SED

in Das Ende der DDR 24.05.2014 14:18
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von Harzwanderer im Beitrag #394
Ganz offenbar gibt es bis heute eine zentral gesteuerte Kampagne, alles spontan aussehen zu lassen. Dabei war von der bestellten Frage auf der Pressekonferenz an alles ein (mindestens auf Politbüroebene, siehe Schabowski) von oben geplantes Unternehmen. Ihr glaubt doch nicht ernsthaft, dass bei so einer Schicksalsfrage für ein System irgendwelche Tschekisten aus dem mittleren Management entscheiden? Befehl und Gehorsam. Schild und Schwert der Partei.

Die BVG in West-Berlin hatte schon den ganzen Tag lang alles auf Rädern, was fuhr. Der sogenannte Smog-Fahrplan (eigentlich dafür gedacht, falls es bei Smog Fahrverbote für private PKW in WB gegeben hätte). Sooooo überraschend und eigenmächtig entschieden worden kann es nicht gewesen sein, wenn selbst der Klassenfeind Bescheid wusste und schon fertige Stadtpläne für die Ostler gedruckt hatte.


Schon Ende Oktober hatte doch die SED-Führung ein neues Reisegesetz in Aussicht gestellt. Damit verbanden sich, aus damaliger Sicht, erheblich verbesserte Bedingungen für Privatreisen. Die aber in keinem Verhältnis zu dem nach dem 09. November tatsächlich eingetretenen Bedingungen stehen.
So oder so, auch wenn die Mauer am 09. 11. 1989 nicht geöffnet worden wäre, mussten sich die Verantwortlichen in Westberlin auf einen anschwellenden Strom von Reisenden aus der DDR vorbereiten. Was sie ja auch taten.
Die Ereignisse am 09.11. 1989 basieren unter anderem darauf, dass Oberst der VP Gerhard Lauter, seines Zeichens oberster Leiter des Pass & Meldewesens, den Entwurf des vorliegenden, von der breiten Öffentlichkeit bereits abgelehnten Reisegesetzes, gemeinsam mit einer aus VP und MfS-Offizieren bestehenden Arbeitsgruppe, noch einmal überarbeiten sollte. In erster Linie ging es dem ZK um die Regelungen zur "ständigen Ausreise". Privatreisen spielten dabei nur eine untergeordnete Rolle. Ein Indiz mehr, wie Weltfremd die Führung der DDR in Wirklichkeit war.
Lauter hatte, anders als seine Auftraggeber jedoch erkannt, wie wichtig gerade Privatreisen, aus denen die Bürger anschließend freiwillig zurückkehrten, für die große Masse war. Eigenmächtig, ohne sich vorher mit Vorgesetzten oder dem ZK abzuzstimmen, arbeitete die "Arbeitsgruppe Lauter" den zuvor so nicht vorgesehenen Passus mit den Privatreisen in den Entwurf mit ein. Das war eine höchst mutige Tat, von allen Beteiligten!! Die durchaus ernste Konsequenzen für jeden einzelnen haben konnte!
Noch am selben Tag wurde der Entwurf dem ohnehin völlig "unter Strom stehenden", will sagen hochgradig gestressten Krenz vorgelegt, der den Entwurf im ZK vorstellte. Keiner, weder Krenz noch die Mitglieder des ZK, waren sich nur ansatzweise der Sprengkraft des überarbeiteten Reisegesetzes bewusst. Genau so wenig wie später Schabowski, der mit seinem verwirrten Gestammel bei der Pressekonferenz, die Gemüter der DDR-Bürger vollends verwirrte.
Verstanden im Sinne von begriffen, hatte man auch in der Bevölkerung keiner, was die "Arbeitsgruppe Lauter" eigentlich ausdrücken wollte: " dass jeder DDR-Bürger ab dem Morgen des 10. November brav zur nächsten VP-Meldestelle gehen soll, um dort ein Visa für eine Privatreise in die Bundesrepublik / oder Westberlin, beantragen kann."
Zu keinem Zeitpunkt war davon die Rede, dass man einfach zur nächsten GÜST gehen, den Personalausweis zücken und den "Westen" besuchen darf.
Schabowskis Worte hatten einen Massenwahn ausgelöst. Eigentlich bar jeder Logik, da der VISA-Verkehr zwischen der DDR und der Bundesrepublik bzw Westberlin, mit keinem Wort aufgehoben wurde.
Vielleicht können ja Psychologen eines Tages eine Erklärung finden, wie es zu solch einem Massen-Irrtum kommen konnte?

Gruß Uwe


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zuletzt bearbeitet 24.05.2014 14:19 | nach oben springen

#396

RE: Die Maueröffnung bleibt ein Versehen der SED

in Das Ende der DDR 24.05.2014 14:24
von Harzwanderer | 2.921 Beiträge

Und genau von dieser Version bin ich nicht überzeugt. Auch wenn sie sich immer so schön erzählen lässt. Habe ja oben die Widersprüche aufgelistet.

Vielleicht wollte die SED nicht öffentlich eingestehen, dass sie einfach nicht mehr weiter wusste und konnte, pleite war und ihnen die SU, die damals genug mit sich selbst zu tun hatte, die Unterstützung politisch entzogen hatte, während das Volk auf die Straße ging oder über Ungarn abhaute.

Die Maueröffnung war eine grundsätzliche Weichenstellung und eine bewusste. Von oben aus der Not heraus.


zuletzt bearbeitet 24.05.2014 14:24 | nach oben springen

#397

RE: Die Maueröffnung bleibt ein Versehen der SED

in Das Ende der DDR 24.05.2014 14:43
von ABV | 4.202 Beiträge

Selbstverständlich hatte die SED-Führung nach einer "Ventillösung" gesucht. Aber nach einer, die, aus SED-Sicht, den wenigstens Schaden anrichtet. Wie zum Beispiel die Gewährung von mehr, jedoch noch immer kontrollierter und beschränkter Reisefreiheit. Nach wie vor hätten Reisen abgelehnt werden können, wenn "wichtige" Gründe dem entgegenstanden. Nach wie vor wäre an den Grenzübergängen alles nach altem Muster, geregelt verlaufen. Die Mauer hätte ihre Funktion, vor allem unbeschadet, behalten.
Außerdem: die SED-Führung befand sich überhaupt nicht in der Position, eigenmächtig das Grenzregime zu ändern. Jedenfalls nicht ohne Rücksprache mit Moskau.
Es gehört zu den Legenden der Wende, dass Gorbatschow, Egon Krenz am Morgen des 10. November für dessen " mutigen Schritt die Mauer zu öffnen", gratuliert haben soll. Ehe trifft wohl zu, was Zeitzeugen aus dem Umfeld Gorbatschows berichten: nämlich das Michail Sergiejewitsch außer sich vor Wut über den "eigenmächtigen Schritt" der DDR-Regierung war.
Selbst das trifft nicht zu. Krenz Versuch das nächtliche Chaos an der Staatsgrenze nachträglich als "souveränen Akt" darzustellen, hat ihm schon damals keiner abgenommen.

Gruß Uwe


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#398

RE: Die Maueröffnung bleibt ein Versehen der SED

in Das Ende der DDR 24.05.2014 14:47
von Moskwitschka (gelöscht)
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Vielleicht sollte man sich die Zeit nehmen und ein ein paar Orginalquellen aus der Zeit studieren

http://zefys.staatsbibliothek-berlin.de

So erfuhr am 24.10.1989 die DDR Bevölkerung, dass auch in der Sowjetunion im Obersten Sowjet ein neues Reisegesetz diskutiert wurde, dass eine ständige Ausreise aus der Sowjetunion ermöglichen sollte. Oder am 6.11.1989, dass sich immer noch über Prag viele auf den Weg in Richtung Bundesrepublik machten, deren Ausreise unbürokratisch gehandhabt wurde. Viele kleine Zeichen, dass etwas mächtig in Bewegung ist.

Wenn man sich die Zeit nimmt, bekommt man ein gutes Stimmungsbild aus dem Land DDR im Herbst 1989. Aber auch ein Überblick über die Reaktionen der Staatsführung in der Zeit.

Ich habe leider derzeit keine Zeit dafür, aber schon ein, zwei Artikel haben neugierg gemacht. Zumindest auf die Suche nach anderen Quellen zu gehen, als die seit 1989 immer wieder bemühten, dokumentierten und kommentierten.

LG von der Moskwitschka


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zuletzt bearbeitet 24.05.2014 14:51 | nach oben springen

#399

RE: Die Maueröffnung bleibt ein Versehen der SED

in Das Ende der DDR 24.05.2014 15:33
von Kalubke | 2.291 Beiträge

Zitat von Harzwanderer im Beitrag #394
Ganz offenbar gibt es bis heute eine zentral gesteuerte Kampagne, alles spontan aussehen zu lassen. Dabei war von der bestellten Frage auf der Pressekonferenz an alles ein (mindestens auf Politbüroebene, siehe Schabowski) von oben geplantes Unternehmen. Ihr glaubt doch nicht ernsthaft, dass bei so einer Schicksalsfrage für ein System irgendwelche Tschekisten aus dem mittleren Management entscheiden? Befehl und Gehorsam. Schild und Schwert der Partei.

Die BVG in West-Berlin hatte schon den ganzen Tag lang alles auf Rädern, was fuhr. Der sogenannte Smog-Fahrplan (eigentlich dafür gedacht, falls es bei Smog Fahrverbote für private PKW in WB gegeben hätte). Sooooo überraschend und eigenmächtig entschieden worden kann es nicht gewesen sein, wenn selbst der Klassenfeind Bescheid wusste und schon fertige Stadtpläne für die Ostler gedruckt hatte.

Zitat von Harzwanderer im Beitrag #396
Und genau von dieser Version bin ich nicht überzeugt. Auch wenn sie sich immer so schön erzählen lässt. Habe ja oben die Widersprüche aufgelistet.

Vielleicht wollte die SED nicht öffentlich eingestehen, dass sie einfach nicht mehr weiter wusste und konnte, pleite war und ihnen die SU, die damals genug mit sich selbst zu tun hatte, die Unterstützung politisch entzogen hatte, während das Volk auf die Straße ging oder über Ungarn abhaute.

Die Maueröffnung war eine grundsätzliche Weichenstellung und eine bewusste. Von oben aus der Not heraus.


..Deine Fakten stimmen ja grundsätzlich alle. Aber welchen Sinn hätte ein, wenn ich Dich richtig verstehe, minutiös nach Drehbuch gesteuertes scheinbares Chaos gemacht? Wozu dieser ganze Aufwand, wo die DDR doch ohnehin schon in Agonie lag? Und warum stützen Nachrichtenmagazine wie z.B: der SPIEGEL auch heute die Version vom echten Chaos? Ich kann den Nutzen einer solchen Aktion nicht erkennen.

Gruß Kalubke



ABV hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 24.05.2014 15:33 | nach oben springen

#400

RE: Die Maueröffnung bleibt ein Versehen der SED

in Das Ende der DDR 24.05.2014 15:39
von Harzwanderer | 2.921 Beiträge

Irgendwann wurde es echtes Chaos. Das praktische Ausmaß des Andrangs und das Tempo hat sie überrascht. Vermutlich haben sie schon geahnt, was kommen würde (wozu gabs die Stasi?), und genau deshalb haben sie dieses ganze Verwirrspiel betrieben. Die Sensation Grenzöffnung möglichst beiläufig und zufällig verkünden, aus "Nettigkeit" ("man ist ja kein Unmensch") dann doch gleich aufgemacht und so. Hat nichts genützt. Bei der Volkskammerwahl 90 ist es für die SED auch wieder richtig in die Hose gegangen.


zuletzt bearbeitet 24.05.2014 15:39 | nach oben springen



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