#1

Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 09.02.2011 21:39
von ABV | 4.202 Beiträge

Hallo Freunde!
Ich bin gerade dabei, meine persönlichen Erlebnisse als Volkspolizist in der Zeit von 1989-1990, aufzuschreiben. Ob ich das ganze je veröffentliche steht noch in den Sternen. Möglicherweise stelle ich das ganze dann als PDF zum Download auf meine Homepage.
Vorab gibt es hier schon mal ein Kapitel zum Lesen für euch. Eure Meinungen und/oder Kritiken würden mich sehr interessieren.

Viele Grüße aus dem Oderbruch
Uwe


Am 01. Juli 1945 wurde offiziell in der damaligen Sowjetzone die „ Deutsche Volkspolizei“ gegründet. Seit dem fungierte dieser Tag stets als „Tag der Deutschen Volkspolizei“.
Auch im VPKA Seelow sollte dieser, mittlerweile vierundvierzigste Ehrentag, nach dem üblichen Muster begangen werden. Um 09.00 Uhr trat die gesamte Belegschaft, mit Ausnahme der Kriminalisten, in Paradeuniform auf dem Hof an. Wie in jedem Jahr, so war auch heute der 1. Sekretär der SED-Kreisleitung zur Gratulation erschienen. Unter den amüsierten Augen der Anwesenden, näherte sich der Stabschef im preußischen Exerzierschritt dem Kreissekretär.
„ Genosse 1. Sekretär, der Bestand des Volkspolizeikreisamtes Seelow ist zum Appell anlässlich des heutigen Ehrentages angetreten.“ Die Meldung des Stabschefs, erfolgte ebenso zackig wie sein Paradeschritt. Der Offizier im Range eines Majors war das Musterbild eines Militärs. Man hatte ihn erst vor kurzem aus der Frankfurter Bezirksbehörde nach Seelow versetzt, wo er mit seiner überkorrekten Art ständig den Unmut der Polizisten heraufbeschwor. Der 1. Sekretär, ein noch junger Mann von höchstens vierzig Jahren, dankte nun den Volkspolizisten für ihre geleistete Arbeit. Falls es sich zufällig um die gleiche Rede wie vom Vorjahr handelte, hatte er gute Chancen das dieses unbemerkt blieb. Die in Zweierreihen Abteilungsweise angetretenen warten angespannt auf eine eventuelle Prämie oder gar Beförderung. Man fühlte sich zurückversetzt in die Zeit, wo man als Kind kurz vor der Bescherung bangte, das gewünschte Geschenk auch ja unter dem Tannenbaum zu finden. Nur einer aus unseren Reihen hat von vornherein auf die angebotene Beförderung verzichtet. Und nicht nur das, er hat auch gleich ganz darauf verzichtet ein Volkspolizist zu sein. Es handelte sich um den früheren Unterwachtmeister Hartmut Hasse, bis vor kurzem noch ein Schutzpolizist wie ich. Hartmut wollte nächsten Monat seine langjährige Freundin, die von ihm in kürze ein Kind erwartet, heiraten. Die zuständige Personalabteilung wollte ihm jedoch nicht die benötigte Heiratserlaubnis gewähren. Seine Auserwähle wollte in typisch weiblicher Sturheit, nicht den Kontakt zu ihren, in der Bundesrepublik lebenden Cousin abbrechen. Das hatte zur Folge, dass man die zu einem klärenden Gespräch mit den führenden Genossen des VPKA bestellte. Dort stellte man Hartmut vor die Wahl, entweder Freundin oder Polizei! Auf seinen Hinweis auf den Zustand seiner Freundin, bereitete man ihn ein geradezu unmoralisches Angebot: Hartmut wird am 01. Juli 1989 zum Wachtmeister befördert. Da mit einer Beförderung automatisch auch mehr Gehalt verbunden ist, kann er doch getrost die Alimente für sein Kind bezahlen! Wie gesagt, die Offerte erfolgte in Anwesenheit der werdenden Mutter! Hartmut zeigte Charakterstärke, schlug das Angebot in den Wind und verließ die Volkspolizei. Der Schritt fiel ihm sehr schwer, denn er hing an seinem Beruf. Jeder einzelne Polizist wusste von dem Vorfall, nahm ihn aber hin wie ein bedauerliches Naturereignis. Im Prinzip war man froh, nicht ähnlichen familiären Konflikten ausgesetzt zu sein. Denn Sinn des Ganzen in Frage zu stellen, fiel jedoch niemanden ein.
Später begegnete Hartmut einen der Offiziere, die dieses Schmierentheater zu verantworten hatten. Der Mann versuchte sich damit herauszureden, dass die Kreisdienststelle für Staatssicherheit die Entfernung Hartmuts aus dem Dienst verlangt hätte. Wenn dem so war, warum hat man ihm dann noch solch ein Angebot unterbreitet?
Endlich war der 1. Sekretär an den Schluss seiner mehrseitigen Rede angelangt. Nun endlich erfolgte der ersehnte Höhepunkt des Tages, der erfahrungsgemäß durchaus auch mit einer Enttäuschung enden konnte. Hauptmann Sylvia Reisberg, der Kaderoffizier des VPKA, verlas Dienstgrade und Namen der für eine Beförderung vorgesehenen. Darauf brauchte ich keine Hoffnung zu verschwenden. Mein Dienstgrad, Hauptwachtmeister, bildete den vorläufigen Endpunkt in der Karriere eines DDR-Schutzpolizisten. Die nächste mögliche Beförderung wäre theoretisch, erst 1999 fällig. Bis dahin aber wollte ich längst mein Studium absolviert haben und Offizier sein. Bis dahin war es aber noch ein weiter Weg! Nach den Beförderungen, „regnete“ es Prämien und Orden. Es war für mich völlig überraschend, dass auch ich zu den Geehrten gehörte. Schließlich war ich doch erst seit knapp einem Jahr im VPKA. Man verlieh mir die mit zweihundert Mark zusätzlich „versüßte“ „ Medaille für ausgezeichnete Leistungen in den Organen des MdI“. Auch wenn dieser Orden laut Statistik quasi jedem Volkspolizisten irgendwann einmal verliehen wird, erfüllte mich die Auszeichnung doch mit gewissem Stolz. Nach dem Appell mussten sich die Ausgezeichneten und Beförderten der Abteilung noch einmal beim S-Leiter melden. Danach ging es für mich ins freie Wochenende. Zu meinem Erstaunen, fand ich bereits am Vormittag die aktuelle Ausgabe des „ Neuen Tag“ in meinem Briefkasten. Auf der Seelower Kreisseite widmete sich das Blatt ausführlich, in Wort und Bild, der Arbeit der Volkspolizei. Der Verfasser lobte, ähnlich wie der Kreissekretär der SED, die Polizei „über den grünen Klee“. Ich versuchte mich der Illusion hinzugeben, dass zwischen Volkspolizei und Bevölkerung tatsächlich so etwas wie Harmonie besteht. Vielleicht stimmen ja die Meldungen von den vielen Ausreisewilligen die sich auf den Weg gemacht haben um durch Ungarns offene Grenze zu entfleuchen, doch nicht? War das alles doch nur Propaganda vom Westen? Nur wenige Tage befreite mich ein Erlebnis während einer abendlichen Fußstreife, von meinem Selbstbetrug. Ein herrlicher Sommertag neigte sich seinem Ende zu. Über der damals turmlosen Kirche Seelows brachte ein malerischer Sonnenuntergang den Himmel zum erglühen. Auf dem Puschkinplatz versammelten sich mehrere Gruppen junger Leute. Die meisten von ihnen kamen von einer Discoveranstaltung im nahen Kulturhaus, die an Wochentagen bereits gegen 22:00 Uhr endete. Der herrliche Sommerabend hielt die jungen Leute offensichtlich davon ab, rasch nach Hause zu gehen. Rasch füllte sich der um diese Zeit sonst menschenleere Platz im Herzen Seelows. Erfahrungsgemäß trugen Personenansammlungen, besonders um diese späte Stunde, einiges Potential für Ordnungswidrigkeiten oder sogar Straftaten mit sich. Jugendliches Imponiergehabe und Alkohol hatten bereits zu Großvaters Zeiten die Gendarmen beschäftigt, dass wird wohl auch immer so bleiben. Aber an jenem Abend lag mehr in der noch immer warmen Luft, als nur ein paar harmlose Jugendstreiche. Natürlich blieb mir die ungewöhnliche Bewegung auf dem Puschkinplatz nicht verborgen. Die Tanzveranstaltungen im Kulturhaus bereiteten der Seelower Polizei ohnehin einiges an Kopfzerbrechen. Sachbeschädigungen, aber auch Körperverletzungen waren an der Tagesordnung, ohne dass die Polizei immer sofort einschreiten konnte. Um dem ganzen vorzubeugen, hatten die Streifenpolizisten dem Umfeld des Kulturhauses ihre ganze Aufmerksamkeit zu widmen. Das war leichter gesagt, als getan. Besonders dann, wenn sich ein einzelner Polizist um die Flausen mehrerer hundert Jugendlicher zu kümmern hatte. So erging es mir na jenem Abend. Der Beginn der Urlaubssaison sorgte wie in jedem Jahr für Chaos bei der Dienstplanung. Der erfahrene kluge Polizist geht in solchen Nächten jeglichem Ärger aus dem Weg, da er ohnehin ganz auf sich allein gestellt ist. Aber als junger, knapp fünfundzwanzigjähriger Hauptwachtmeister und frisch gekürter Medaillenträger, sieht man die Welt mit anderen Augen. Erfüllt von Pflichtgefühl und mit dem trügerischen Gefühl der eigenen Unverletzlichkeit, beschloss ich auf dem Puschkinplatz polizeiliche Präsenz zu zeigen. Die Jugendlichen sollten wissen, dass die Staatsmacht ein waches Auge auf sie hat. Zu diesem Zwecke stellte ich mich auf die obere Treppe der altehrwürdigen „Adlerapotheke“. Hier wurden schon Pillen verkauft, als Seelow noch in Preußen lag und von einem König regiert wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg versank der Ort in Schutt und Asche, sogar die Kirche büßte ihren Turm ein. Vieles war nicht mehr so wie es einst war. Nur in der Apotheke wurden bald wieder Medikamente verkauft.
Nun stand ich hier, als unübersehbarer Repräsentant der Staatsmacht, gewandet in die grüne Uniform der Volkspolizei. Mit dem über der Schulter baumelndem Funkgerät und der Kartentasche an der Seite, kam ich mir vor wie der „Leutnant vom Schwanenkietz“ aus dem Fernsehen. Ich lies meinen Blick über den Platz schweifen, vom Schäferbrunnen hinüber zum „Cafe Schmidt“ und der HO-Gaststätte „Oderbruch“. Überall standen in losen Gruppen, diskutierend und gestikuliert, junge Leute. Schon hörte ich die ersten Schmährufe gegen die Polizei, ausgestoßen aus der Anonymität der Gruppe. „ Hau ab Bullenschwein“, brüllte ein mit einem blauen Jeansanzug bekleideter junger Mann. Es folgten Pfiffe und Buhrufe, schon bald schlugen irgendwo leere Flaschen klirrend aufs Pflaster. Ich verspürte ein unbehagliches Gefühl in der Magengegend, beschloss aber trotzdem auf der Stelle zu verharren. „ Wir wollen endlich Freiheit haben und nicht mehr eingesperrt sein“, rief ein junges, höchstens achtzehnjähriges Mädchen. „ Heute haben schon wieder ein paar tausend euren Lügenstaat verlassen, bald sind wir auch weg“, hallte es aus einer anderen Gruppe. Jetzt dämmerte es mir der Grund für die spätabendliche Versammlung: die jungen Leute wollten über die seit Wochen herrschenden, von offizieller Seite noch immer verschwiegenen Ausreisewelle diskutieren. Da von den Erwachsenen anscheinend niemand mit ihnen über dieses Problem sprach, wollten sie sich nun Gehör verschaffen. Und sie taten es, auf eine ebenso unüberhörbare wie unfassbare Art und Weise. Einige von den Anwesenden kannte ich flüchtig, die Mutter eines Mädchens arbeitete als Zivilangestellte bei der Abteilung „Pass und Meldewesen“ im Kreisamt. Mir standen keine Rowdys, sondern ganz normale, anständige junge Leute gegenüber. Gut, einige von ihnen schienen angetrunken zu sein und spielten die üblichen provokanten Spielchen. Aber den meisten ging es nur darum, den angestauten Frust freien Lauf zu lassen. Zu meiner großen Überraschung befanden sich auch junge polnische Erntehelfer unter den Massen. Vor einem Jahr war es noch zu einer Prügelei zwischen Deutschen und Polen gekommen, heute verbrüderten sie sich! Das war gelebte Völkerfreundschaft, hatte aber mit der von der SED stets propagierten nichts gemein. Ein seltsames Stimmengemisch zelebrierte eine Lobeshymne auf die „Solidarnocz“ und Lech Walesa. Einige von den Mädels tanzten ausgelassen in froher Stimmung, jeder einzelne von den gut zweihundert Jugendlichen schien geradezu von einem ausgelassenen Siegestaumel erfasst zu sein. Immer wieder hallten die lauten Rufe nach Freiheit, durch das nächtliche Seelow. Unverhohlener Spott und Hohn schlugen mir entgegen, keine Spur von Vertrauen oder gar Respekt gegenüber der Volkspolizei.
Ich verharrte derweilen noch immer auf der Treppe aus. Meine rechte Hand umklammerte unschlüssig das Mikrofon meines Funkgerätes. Sollte ich dem „Operativen Diensthabenden“ nun Meldung erstatten, oder nicht? Meldung worüber? Etwa wegen vermeintlich „staatsfeindlicher Äußerungen“, die ohne meine Anwesenheit möglicherweise überhaupt nicht gefallen wären? Egal wie, die Volkspolizei zeigte sich machtlos. Nicht nur zahlenmäßig, sondern auch argumentativ. Mussten wir uns nicht auch in den Westmedien über die wahre Lage in der DDR informieren? Hatte nicht erst unlängst ein weltfremder Offizier während einer Parteiversammlung zaghafte Versuche wenigstens ein paar der drängenden Probleme unseres Landes beim Namen zu nennen, mit harschen Worten abgekanzelt? Ich zog mich langsam zurück, in Richtung Breite Straße. Hinter mir hörte ich noch immer die höhnischen Rufe aus Menge, die sich bald nach Hause begab. Ich fühlte mich elend, wie erschlagen. Dagegen hatten die jungen Leute allen Grund zum jubeln. Sie hatten Stärke und Mut bewiesen um auch, oder gerade wegen meiner Anwesenheit, Klartext zu sprechen. Unter dem Eindruck des Erlebten, zog ich von dannen wie ein geprügelter Hund. Es ist wahrlich kein schönes Gefühl, besiegt worden zu sein. Auch nach so vielen Jahren fällt es schwer, sich damit auseinander zusetzen. Vor allem wenn man sich eingesteht, zu Recht besiegt worden zu sein! Mein Erlebnis, sosehr es mich auch traf, sollte jedoch nur ein leiser Vorgeschmack auf viel turbulentere Ereignisse sein. Es war gewissermaßen nur das ferne Wetterleuchten eines schweren Gewittersturms.


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


zuletzt bearbeitet 09.02.2011 21:41 | nach oben springen

#2

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 09.02.2011 22:43
von Zaunkönig | 624 Beiträge

Hallo Uwe, Du hast ja ne bombisch poetische Ader. Da komme ich mit meinen Erlebnissen von 1959-62 an der Berliner Grenze (per Mail) überhaupt nicht mit. Von mir kommt der Wunsch: immer weiter schreiben und scharnier, äähh genier Dich nicht.
Peter, der Zaunkönig


März 1959 bis Mai 1962 an der Grenze in Berlin vom Norden bis an die Stresemannstraße
nach oben springen

#3

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 10.02.2011 02:39
von Hackel39 | 3.123 Beiträge

Zitat von ABV
Hallo Freunde!
Ich bin gerade dabei, meine persönlichen Erlebnisse als Volkspolizist in der Zeit von 1989-1990, aufzuschreiben. Ob ich das ganze je veröffentliche steht noch in den Sternen. Möglicherweise stelle ich das ganze dann als PDF zum Download auf meine Homepage.
Vorab gibt es hier schon mal ein Kapitel zum Lesen für euch. Eure Meinungen und/oder Kritiken würden mich sehr interessieren.

Viele Grüße aus dem Oderbruch
Uwe


Am 01. Juli 1945 wurde offiziell in der damaligen Sowjetzone die „ Deutsche Volkspolizei“ gegründet. Seit dem fungierte dieser Tag stets als „Tag der Deutschen Volkspolizei“.
Auch im VPKA Seelow sollte dieser, mittlerweile vierundvierzigste Ehrentag, nach dem üblichen Muster begangen werden. Um 09.00 Uhr trat die gesamte Belegschaft, mit Ausnahme der Kriminalisten, in Paradeuniform auf dem Hof an. Wie in jedem Jahr, so war auch heute der 1. Sekretär der SED-Kreisleitung zur Gratulation erschienen. Unter den amüsierten Augen der Anwesenden, näherte sich der Stabschef im preußischen Exerzierschritt dem Kreissekretär.
„ Genosse 1. Sekretär, der Bestand des Volkspolizeikreisamtes Seelow ist zum Appell anlässlich des heutigen Ehrentages angetreten.“ Die Meldung des Stabschefs, erfolgte ebenso zackig wie sein Paradeschritt. Der Offizier im Range eines Majors war das Musterbild eines Militärs. Man hatte ihn erst vor kurzem aus der Frankfurter Bezirksbehörde nach Seelow versetzt, wo er mit seiner überkorrekten Art ständig den Unmut der Polizisten heraufbeschwor. Der 1. Sekretär, ein noch junger Mann von höchstens vierzig Jahren, dankte nun den Volkspolizisten für ihre geleistete Arbeit. Falls es sich zufällig um die gleiche Rede wie vom Vorjahr handelte, hatte er gute Chancen das dieses unbemerkt blieb. Die in Zweierreihen Abteilungsweise angetretenen warten angespannt auf eine eventuelle Prämie oder gar Beförderung. Man fühlte sich zurückversetzt in die Zeit, wo man als Kind kurz vor der Bescherung bangte, das gewünschte Geschenk auch ja unter dem Tannenbaum zu finden. Nur einer aus unseren Reihen hat von vornherein auf die angebotene Beförderung verzichtet. Und nicht nur das, er hat auch gleich ganz darauf verzichtet ein Volkspolizist zu sein. Es handelte sich um den früheren Unterwachtmeister Hartmut Hasse, bis vor kurzem noch ein Schutzpolizist wie ich. Hartmut wollte nächsten Monat seine langjährige Freundin, die von ihm in kürze ein Kind erwartet, heiraten. Die zuständige Personalabteilung wollte ihm jedoch nicht die benötigte Heiratserlaubnis gewähren. Seine Auserwähle wollte in typisch weiblicher Sturheit, nicht den Kontakt zu ihren, in der Bundesrepublik lebenden Cousin abbrechen. Das hatte zur Folge, dass man die zu einem klärenden Gespräch mit den führenden Genossen des VPKA bestellte. Dort stellte man Hartmut vor die Wahl, entweder Freundin oder Polizei! Auf seinen Hinweis auf den Zustand seiner Freundin, bereitete man ihn ein geradezu unmoralisches Angebot: Hartmut wird am 01. Juli 1989 zum Wachtmeister befördert. Da mit einer Beförderung automatisch auch mehr Gehalt verbunden ist, kann er doch getrost die Alimente für sein Kind bezahlen! Wie gesagt, die Offerte erfolgte in Anwesenheit der werdenden Mutter! Hartmut zeigte Charakterstärke, schlug das Angebot in den Wind und verließ die Volkspolizei. Der Schritt fiel ihm sehr schwer, denn er hing an seinem Beruf. Jeder einzelne Polizist wusste von dem Vorfall, nahm ihn aber hin wie ein bedauerliches Naturereignis. Im Prinzip war man froh, nicht ähnlichen familiären Konflikten ausgesetzt zu sein. Denn Sinn des Ganzen in Frage zu stellen, fiel jedoch niemanden ein.
Später begegnete Hartmut einen der Offiziere, die dieses Schmierentheater zu verantworten hatten. Der Mann versuchte sich damit herauszureden, dass die Kreisdienststelle für Staatssicherheit die Entfernung Hartmuts aus dem Dienst verlangt hätte. Wenn dem so war, warum hat man ihm dann noch solch ein Angebot unterbreitet?
Endlich war der 1. Sekretär an den Schluss seiner mehrseitigen Rede angelangt. Nun endlich erfolgte der ersehnte Höhepunkt des Tages, der erfahrungsgemäß durchaus auch mit einer Enttäuschung enden konnte. Hauptmann Sylvia Reisberg, der Kaderoffizier des VPKA, verlas Dienstgrade und Namen der für eine Beförderung vorgesehenen. Darauf brauchte ich keine Hoffnung zu verschwenden. Mein Dienstgrad, Hauptwachtmeister, bildete den vorläufigen Endpunkt in der Karriere eines DDR-Schutzpolizisten. Die nächste mögliche Beförderung wäre theoretisch, erst 1999 fällig. Bis dahin aber wollte ich längst mein Studium absolviert haben und Offizier sein. Bis dahin war es aber noch ein weiter Weg! Nach den Beförderungen, „regnete“ es Prämien und Orden. Es war für mich völlig überraschend, dass auch ich zu den Geehrten gehörte. Schließlich war ich doch erst seit knapp einem Jahr im VPKA. Man verlieh mir die mit zweihundert Mark zusätzlich „versüßte“ „ Medaille für ausgezeichnete Leistungen in den Organen des MdI“. Auch wenn dieser Orden laut Statistik quasi jedem Volkspolizisten irgendwann einmal verliehen wird, erfüllte mich die Auszeichnung doch mit gewissem Stolz. Nach dem Appell mussten sich die Ausgezeichneten und Beförderten der Abteilung noch einmal beim S-Leiter melden. Danach ging es für mich ins freie Wochenende. Zu meinem Erstaunen, fand ich bereits am Vormittag die aktuelle Ausgabe des „ Neuen Tag“ in meinem Briefkasten. Auf der Seelower Kreisseite widmete sich das Blatt ausführlich, in Wort und Bild, der Arbeit der Volkspolizei. Der Verfasser lobte, ähnlich wie der Kreissekretär der SED, die Polizei „über den grünen Klee“. Ich versuchte mich der Illusion hinzugeben, dass zwischen Volkspolizei und Bevölkerung tatsächlich so etwas wie Harmonie besteht. Vielleicht stimmen ja die Meldungen von den vielen Ausreisewilligen die sich auf den Weg gemacht haben um durch Ungarns offene Grenze zu entfleuchen, doch nicht? War das alles doch nur Propaganda vom Westen? Nur wenige Tage befreite mich ein Erlebnis während einer abendlichen Fußstreife, von meinem Selbstbetrug. Ein herrlicher Sommertag neigte sich seinem Ende zu. Über der damals turmlosen Kirche Seelows brachte ein malerischer Sonnenuntergang den Himmel zum erglühen. Auf dem Puschkinplatz versammelten sich mehrere Gruppen junger Leute. Die meisten von ihnen kamen von einer Discoveranstaltung im nahen Kulturhaus, die an Wochentagen bereits gegen 22:00 Uhr endete. Der herrliche Sommerabend hielt die jungen Leute offensichtlich davon ab, rasch nach Hause zu gehen. Rasch füllte sich der um diese Zeit sonst menschenleere Platz im Herzen Seelows. Erfahrungsgemäß trugen Personenansammlungen, besonders um diese späte Stunde, einiges Potential für Ordnungswidrigkeiten oder sogar Straftaten mit sich. Jugendliches Imponiergehabe und Alkohol hatten bereits zu Großvaters Zeiten die Gendarmen beschäftigt, dass wird wohl auch immer so bleiben. Aber an jenem Abend lag mehr in der noch immer warmen Luft, als nur ein paar harmlose Jugendstreiche. Natürlich blieb mir die ungewöhnliche Bewegung auf dem Puschkinplatz nicht verborgen. Die Tanzveranstaltungen im Kulturhaus bereiteten der Seelower Polizei ohnehin einiges an Kopfzerbrechen. Sachbeschädigungen, aber auch Körperverletzungen waren an der Tagesordnung, ohne dass die Polizei immer sofort einschreiten konnte. Um dem ganzen vorzubeugen, hatten die Streifenpolizisten dem Umfeld des Kulturhauses ihre ganze Aufmerksamkeit zu widmen. Das war leichter gesagt, als getan. Besonders dann, wenn sich ein einzelner Polizist um die Flausen mehrerer hundert Jugendlicher zu kümmern hatte. So erging es mir na jenem Abend. Der Beginn der Urlaubssaison sorgte wie in jedem Jahr für Chaos bei der Dienstplanung. Der erfahrene kluge Polizist geht in solchen Nächten jeglichem Ärger aus dem Weg, da er ohnehin ganz auf sich allein gestellt ist. Aber als junger, knapp fünfundzwanzigjähriger Hauptwachtmeister und frisch gekürter Medaillenträger, sieht man die Welt mit anderen Augen. Erfüllt von Pflichtgefühl und mit dem trügerischen Gefühl der eigenen Unverletzlichkeit, beschloss ich auf dem Puschkinplatz polizeiliche Präsenz zu zeigen. Die Jugendlichen sollten wissen, dass die Staatsmacht ein waches Auge auf sie hat. Zu diesem Zwecke stellte ich mich auf die obere Treppe der altehrwürdigen „Adlerapotheke“. Hier wurden schon Pillen verkauft, als Seelow noch in Preußen lag und von einem König regiert wurde. Nach dem Zweiten Weltkrieg versank der Ort in Schutt und Asche, sogar die Kirche büßte ihren Turm ein. Vieles war nicht mehr so wie es einst war. Nur in der Apotheke wurden bald wieder Medikamente verkauft.
Nun stand ich hier, als unübersehbarer Repräsentant der Staatsmacht, gewandet in die grüne Uniform der Volkspolizei. Mit dem über der Schulter baumelndem Funkgerät und der Kartentasche an der Seite, kam ich mir vor wie der „Leutnant vom Schwanenkietz“ aus dem Fernsehen. Ich lies meinen Blick über den Platz schweifen, vom Schäferbrunnen hinüber zum „Cafe Schmidt“ und der HO-Gaststätte „Oderbruch“. Überall standen in losen Gruppen, diskutierend und gestikuliert, junge Leute. Schon hörte ich die ersten Schmährufe gegen die Polizei, ausgestoßen aus der Anonymität der Gruppe. „ Hau ab Bullenschwein“, brüllte ein mit einem blauen Jeansanzug bekleideter junger Mann. Es folgten Pfiffe und Buhrufe, schon bald schlugen irgendwo leere Flaschen klirrend aufs Pflaster. Ich verspürte ein unbehagliches Gefühl in der Magengegend, beschloss aber trotzdem auf der Stelle zu verharren. „ Wir wollen endlich Freiheit haben und nicht mehr eingesperrt sein“, rief ein junges, höchstens achtzehnjähriges Mädchen. „ Heute haben schon wieder ein paar tausend euren Lügenstaat verlassen, bald sind wir auch weg“, hallte es aus einer anderen Gruppe. Jetzt dämmerte es mir der Grund für die spätabendliche Versammlung: die jungen Leute wollten über die seit Wochen herrschenden, von offizieller Seite noch immer verschwiegenen Ausreisewelle diskutieren. Da von den Erwachsenen anscheinend niemand mit ihnen über dieses Problem sprach, wollten sie sich nun Gehör verschaffen. Und sie taten es, auf eine ebenso unüberhörbare wie unfassbare Art und Weise. Einige von den Anwesenden kannte ich flüchtig, die Mutter eines Mädchens arbeitete als Zivilangestellte bei der Abteilung „Pass und Meldewesen“ im Kreisamt. Mir standen keine Rowdys, sondern ganz normale, anständige junge Leute gegenüber. Gut, einige von ihnen schienen angetrunken zu sein und spielten die üblichen provokanten Spielchen. Aber den meisten ging es nur darum, den angestauten Frust freien Lauf zu lassen. Zu meiner großen Überraschung befanden sich auch junge polnische Erntehelfer unter den Massen. Vor einem Jahr war es noch zu einer Prügelei zwischen Deutschen und Polen gekommen, heute verbrüderten sie sich! Das war gelebte Völkerfreundschaft, hatte aber mit der von der SED stets propagierten nichts gemein. Ein seltsames Stimmengemisch zelebrierte eine Lobeshymne auf die „Solidarnocz“ und Lech Walesa. Einige von den Mädels tanzten ausgelassen in froher Stimmung, jeder einzelne von den gut zweihundert Jugendlichen schien geradezu von einem ausgelassenen Siegestaumel erfasst zu sein. Immer wieder hallten die lauten Rufe nach Freiheit, durch das nächtliche Seelow. Unverhohlener Spott und Hohn schlugen mir entgegen, keine Spur von Vertrauen oder gar Respekt gegenüber der Volkspolizei.
Ich verharrte derweilen noch immer auf der Treppe aus. Meine rechte Hand umklammerte unschlüssig das Mikrofon meines Funkgerätes. Sollte ich dem „Operativen Diensthabenden“ nun Meldung erstatten, oder nicht? Meldung worüber? Etwa wegen vermeintlich „staatsfeindlicher Äußerungen“, die ohne meine Anwesenheit möglicherweise überhaupt nicht gefallen wären? Egal wie, die Volkspolizei zeigte sich machtlos. Nicht nur zahlenmäßig, sondern auch argumentativ. Mussten wir uns nicht auch in den Westmedien über die wahre Lage in der DDR informieren? Hatte nicht erst unlängst ein weltfremder Offizier während einer Parteiversammlung zaghafte Versuche wenigstens ein paar der drängenden Probleme unseres Landes beim Namen zu nennen, mit harschen Worten abgekanzelt? Ich zog mich langsam zurück, in Richtung Breite Straße. Hinter mir hörte ich noch immer die höhnischen Rufe aus Menge, die sich bald nach Hause begab. Ich fühlte mich elend, wie erschlagen. Dagegen hatten die jungen Leute allen Grund zum jubeln. Sie hatten Stärke und Mut bewiesen um auch, oder gerade wegen meiner Anwesenheit, Klartext zu sprechen. Unter dem Eindruck des Erlebten, zog ich von dannen wie ein geprügelter Hund. Es ist wahrlich kein schönes Gefühl, besiegt worden zu sein. Auch nach so vielen Jahren fällt es schwer, sich damit auseinander zusetzen. Vor allem wenn man sich eingesteht, zu Recht besiegt worden zu sein! Mein Erlebnis, sosehr es mich auch traf, sollte jedoch nur ein leiser Vorgeschmack auf viel turbulentere Ereignisse sein. Es war gewissermaßen nur das ferne Wetterleuchten eines schweren Gewittersturms.



Hallo ABV, ganz grosse Klasse, Deine 1:1- Geschichte mit einer wirklich fühlbaren Authenzität der damaligen Zeit, die ich aus einer ähnlichen Perspektive in Erinnerung habe.
Ich lebte damals auch in recht stabilen Verhältnissen und konnte die zuweilen frustrierte Stimmung der Vorwendezeit überhaupt nicht begreifen, aber das nur nebenbei.
Die Geschichte mit dem Schutzpolizisten Hartmut und dem Entzug der Heiratserlaubnis wegen Westverwandtschaft der verhinderten Zukünftigen klingt aber doch eher wie eine Anektode, wie ich sie schon häufiger in anderen Zusammenhängen aus der damaligen Zeit vernehmen musste.
Alles andere kommt mir jedoch sehr vertraut vor, so dass ich sehr interessiert an der Fortsetzung dieser kleinen Zeitreise bin, verbunden mit dem Wunsch, dass Du den Text mit ein paar Absätzen versehen könntest.



nach oben springen

#4

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 10.02.2011 02:43
von js674 | 231 Beiträge

@ABV,

ich bin echt gespannt wie es bei dir weitergeht und werde mir dann wenn du fertig bist es runter laden und speichern.

gruß Jens


"Sein Erbe hochzuhalten und gleichzeitig neue Wege zu beschreiten ist kein Widerspruch.
Tradition zu bewahren heißt nicht Asche aufzubewahren, sondern eine Flamme am Brennen zu halten"
(Hans-Josef Menke)

nach oben springen

#5

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 10.02.2011 10:17
von 94 | 10.792 Beiträge

Hallo ABV, weiter so! Oral History, das ist doch das, was hier gebraucht wird. Läßt sich gut lesen, danke.


Verachte den Krieg, aber achte den Krieger!


nach oben springen

#6

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 10.02.2011 10:20
von Gert | 12.354 Beiträge

Deine schöne Erzählweise, dein auch selbstkritisches Analysevermögen über die damalige Stimmung und ihre Ursachen, deine Weitsicht für die weiter Entwicklung , einfach Klasse wie du das beschrieben hast. Es wäre gut, wenn das in diesem Forum einige zum Nachdenken bringen würde. Danke sehr für diesen schönen Beitrag.

Lieben Gruß Uwe, vom Vater Rhein an die Oder


.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
Geld ist geprägte Freiheit!
Dostojewski 1866
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
nach oben springen

#7

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 10.02.2011 10:26
von exgakl | 7.236 Beiträge

ich bin auf den nächsten Teil gespannt... Klasse!!!


Man sollte niemanden mit Tatsachen verwirren, der sich seine Meinung schon gebildet hat....
nach oben springen

#8

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 10.02.2011 13:28
von icke-ek71 (gelöscht)
avatar

hallo abv,das ist ja wirklich interessant was du da in dieser bewegten zeit erlebt hast!toll geschrieben..solche beiträge die vom selbsterlebten berichten...sind spannend und interessant..leider viel zu selten im forum!!also mache weiter so..ich bin gespannt wie es weiter geht!!gruß aus berlin von icke


nach oben springen

#9

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 10.02.2011 13:33
von Landeposten (gelöscht)
avatar

Hallo ABV,an Deinen Erzählungen gibts wie immer nichts rum zu kritisieren.Sehr unterhaltsam geschrieben,ich hoffe Du gibst noch mehr zum Besten.Ich freu mich schon mal drauf.


nach oben springen

#10

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 11.02.2011 17:51
von ABV | 4.202 Beiträge

Hallo Freunde!
Erstmal vielen Dank für eure Kommentare. Ich werde euch auf dem laufenden halten, wie es mit dem Projekt weitergeht. Und natürlich gibt es wieder ein paar Auszüge aus dem Buch, vorab und exklusiv für euch.

Viele Grüße aus dem Oderland
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


nach oben springen

#11

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 12.02.2011 16:01
von SanGefr | 218 Beiträge

Hallo ABV
Es freut mich, dass es noch ehemalige Volkspolizisten wie Dich gibt, die auch mal beschreiben, wie es "hinter der steinernden, griesgrämigen Fassade" eines Ordnungshüters der DDR ausgesehen hat. Ich zweifel die Geschichte mit dem Kollegen Hartmut H. nicht an, weil sie logisch klingt. Eine Frage habe ich aber doch noch dazu. Wenn Dein Kollege, wie Du schreibst, bis vor kurzem noch Schutzpolizist war, müsste er ja nach der Wende wieder eingestellt worden sein. Hat er auf Wiedereinstellung in den Polizeidienst geklagt?


nach oben springen

#12

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 12.02.2011 16:50
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von SanGefr
Hallo ABV
Es freut mich, dass es noch ehemalige Volkspolizisten wie Dich gibt, die auch mal beschreiben, wie es "hinter der steinernden, griesgrämigen Fassade" eines Ordnungshüters der DDR ausgesehen hat. Ich zweifel die Geschichte mit dem Kollegen Hartmut H. nicht an, weil sie logisch klingt. Eine Frage habe ich aber doch noch dazu. Wenn Dein Kollege, wie Du schreibst, bis vor kurzem noch Schutzpolizist war, müsste er ja nach der Wende wieder eingestellt worden sein. Hat er auf Wiedereinstellung in den Polizeidienst geklagt?



Hallo SanGefr!
Nein, der Kollege hatte schlichtweg díe Schnauze voll. Er wäre ja genau den selben Offizieren wieder begegnet, die ihn damals aus der Polizei gedrängt hatten. Das wollte er sich wohl nicht antun. Seine Chancen auf eine Widereinstellung wären aber mehr als gut gewesen. Immerhin wurde im Frühjahr 1990 ein früher Oberstleutnant wieder eingestellt, der fünf Jahre vorher wegen Parteischädigendem Verhalten gefeuert wurde. Das fatale daran war, dass das Parteischädigende Verhalten in einem Diebstahl bestand. Der Genosse Oberstleutnant wurde dabei erwischt, wie er von einem am Wegesrand abgestellten PKW Lada irgendwelche Teile abbauen wollte. Der Lada stand auch nicht ganz zufällig da, er diente der KriPo als Köder für "böse Jungs". Das nun ausgerechnet ein hoher VP-Offizier hineintappte, hat intern für immense Lachsalven gesorgt. Der ertappte Sünder wurde aber nicht wegen des Diebstahls angeklagt und/oder entlassen. Aus Kulanz oder warum auch immer, flog der Kerl nur aus den oben genannten Gründen. Das machte ihn nach der Wende zum Opfer, schließlich wurde er ja, offiziell, aus politischen Gründen entlassen. Er besaß sogar die Frechheit wieder in seiner alten Dienststelle anzutraben und die Wiedereinstellung durchzusetzen.

Schöne Grüße vom Oderstrand
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


nach oben springen

#13

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 12.02.2011 17:44
von pferdsdorfer | 29 Beiträge

Ich finde auch diese Geschichte mit hoffentlich vielen Fortsetzungen gut.
Ich war seit dem 12.8.1952 bis zum Ende Grenz- und Volkspolizist.
Die Erzählweise klingt logisch und erklärbar. Auch der "1. Juli" ist sehr gut beschrieben!
Ging es nicht uns allen so??
Man sollte aber auch immer in solchen Erzählungen die Zeit von damals beurteilen, nicht (!) aus heutiger Sicht.
Es war vieles nicht schlecht!
Liebe Grüße aus Dresden
Pferdsdorfer


/Users/manfredblechschmidt/Desktop/pferdsdorfermanfredanwa.jpg
nach oben springen

#14

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 15.02.2011 11:05
von ABV | 4.202 Beiträge

So meine lieben Freunde!
Heute möchte ich euch nun ein weiteres Kapitel meines geplanten Buches vorstellen. Ich bin, wie immer, auf ihre Kommentare, Kritiken und Anregungen gespannt. Oder besser gesagt, ich bin darauf angewiesen. Schließlich seid ihr ja meine Versuchskarnickel. Dat habt ihr nun davon

Rotlichtbestrahlung in Kunitz Loose
Es gab in der Deutschen Volkspolizei den Brauch, möglichst vielen Mitstreitern eine Funktion in den Grundorganisationen von SED und/oder FDJ, „aufs Auge zu drücken“. Im VPKA Seelow wurde im Jahre 1988, unmittelbar vor meinem Wechsel von Berlin dorthin, ein stellvertretender FDJ-Sekretär gesucht.
Blöderweise plauderte ich gegenüber dem Seelower Politoffizier aus, dass ich in Berlin zwei Jahre als stellvertretender FDJ-Sekretär meiner Wachabteilung fungierte. Diese Funktion öffnete mir einige Türen, die sonst verschlossen geblieben wären. Ich durfte an Feiern mit hohen und höchsten Offizieren im Wachkommando Missionsschutz sowie an Freundschaftstreffen in sowjetischen Kasernen teilnehmen. Das war nun nicht der ultimative Brüller, brachte aber etwas Farbe in meinen grauen Alltag. Zumal bei den Feiern mit den besagten Offizierschargen Getränke serviert wurden, die der durchschnittliche Volkspolizist nicht einmal vom Namen her kennen durfte.
Aber in Seelow wollte ich nur noch Polizist sein, Abenteuer erleben und mich auf mein kommendes Studium vorbereiten.
Irgendwelche Tagungen oder Politseminare passten da nicht ins Konzept. Außerdem entsprach ich ganz und gar nicht dem
Idealbild eines FDJ-Funktionärs. Ich hielt mich nicht nur bei den Diskussionen dezent im Hintergrund, Reden schwingen ist mir
allgemein zuwider! Da es aber genügend Selbstdarsteller gab die so etwas für ihr Ego dringend benötigen, fiel dieser Lapsus
kaum ins Gewicht. Entscheidend ist die Teilnahme, dieser alte olympische Grundsatz galt auch für den stellvertretenden
FDJ-Sekretär Uwe Bräuning. Da ich aber ein Mensch bin der prinzipiell niemals Nein sagt, gelang es dem Politoffizier mir
diese Funktion erneut unterzujubeln. Auf meinem FDJ-Sekretär, ein Leutnant der Feuerwehr, konnte ich mich in einem Punkt stets hundertprozentig verlassen. Sobald irgendwelche Schulungen oder Tagungen besucht werden mussten, war der Genosse Leutnant plötzlich dienstlich vollkommen unabkömmlich. So kollidierte eine vom Politorgan der BdVP Frankfurt (Oder) angesetzte, dreitägige Politschulung, ausgerechnet mit einer unaufschiebbaren Übung mit der Freiwilligen Feuerwehr in Zechin. So kam es wie es kommen musste. Zwei Tage vor dem Beginn des Lehrgangs, wurde ich zum Politoffizier gerufen. Dieser, ein kleiner dicker, gemütlich
wirkender Major von knapp fünfzig Jahren, redete nicht lange um den heißen Brei herum. „ Genosse Bräuning, du wirst
übermorgen nach Kunitz Loose fahren und dort am FDJ-Seminar der BdVP teilnehmen. Normalerweise hätte ich ja
den FDJ-Vorsitzenden dorthin beordert, aber leider hat er wichtige dienstliche Aufgaben wahrzunehmen. Die Freiwillige
Feuerwehr Zechin führt eine Übung durch und der Genosse Leutnant hat dort die Aufsicht. Insgeheim ärgerte es mich,
wie der Major so einfach ohne weiteres über meine knappe Freizeit verfügte. Immerhin war ich frisch verheiratet und auf
dem besten Wege demnächst Vater zu werden. Aber wies es eben so war, ich fügte mich einmal mehr in das unvermeidliche.
Am Mittwochmorgen ging es nach Kunitz Loose, einem kleinen Nest in der Ziltendorfer Niederung. Dort befand sich
unmittelbar am Oderdamm, ein Ausbildungsobjekt der Frankfurter Volkspolizeibezirksbehörde. Bis zum Anfang der
sechziger Jahre logierte dort eine Kompanie der „Deutschen Grenzpolizei“, bis dann die Volkspolizei dort einzog.
Die einsame Lage bot geradezu optimale Bedingungen für die militärische Ausbildung, bei der sich die Volkspolizei
nicht so gerne in die „Karten schauen lies.“ Das Ausbildungslager bot aber auch ausreichend Platz, für Lehrgänge anderer Art.
Wie eben diese vom Politorgan angesetzte Schulung für FDJ-Sekretäre und deren Stellvertreter. Von der Bezirksbehörde
wurde eigens ein Bus für die Fahrt nach Kunitz Loose eingesetzt. Vor dem Eingangstor empfing ein gut gelaunter kräftig gebauter dunkelhaariger Oberleutnant die von allen Dienststellen des Bezirkes entsandten Teilnehmer. Beim Anblick der verschiedenen
Uniformen bekam man einen Eindruck, über wie viele unterschiedliche Dienstzweige die VP eigentlich verfügte. Zwischen die
„normalen“ grünen Uniformen mischten sich die blauen Dienstkleider von Transportpolizei, Berufsfeuerwehr sowie das Grau des Strafvollzuges. Natürlich durften auch die sportlichen Zivilisten von der Kriminalpolizei nicht fehlen. Aber auch die „Grünen“ bildeten
keine homogene Einheit. Sie untergliederten sich in Verkehrspolizisten, Schutzpolizisten, Betriebsschutz und Pass & Meldewesen.
Wobei die Verkehrspolizisten als einzige das Privileg besaßen, eine weiße Mütze tragen zu dürfen. Nachdem der Oberleutnant
die Namen der Businsassen mit einer Liste abgeglichen hatte, setzte sich der rote Ikarus-Bus endlich in Bewegung. Die Fahrt
führte in Richtung Eisenhüttenstadt, vorbei an der Auffahrt zur A12. Mitten in Wiesenau bog das Fahrzeug links ab.
Von hier aus ging es über eine holprige LPG-Straße, vorbei an Strohmieten und Silos, weiter in Richtung Oder.
Ein am Feldesrain vorbeifahrender Traktorist schaute sich erstaunt nach uns um. Wahrscheinlich grübelte der Fahrer jetzt,
seid wann in dieser Einöde Busse verkehren? Nach einigen, für unsere Bandscheiben und die Stoßdämpfer des
Busses gleichsam qualvollen Kilometern, hatten wir unser Ziel erreicht. Beim Anblick dieses aus mehreren Baracken
bestehenden, mit einen rostigen Maschendrahtzaun umgebenen Camps, wäre ich am liebsten wieder zurück in den Bus gestiegen.
Das Lager weckte in mir Assoziationen an die berühmt-berüchtigten Feldlager die ich während meiner Armeezeit zwar kennen
aber nicht schätzen lernte. Der gutgelaunte Oberleutnant, bei dem es sich übrigens um den Jugendoffizier der Bezirksbehörde
handelte, nahm erst einmal die Aufteilung der einzelnen Zimmer vor. Jeweils drei Teilnehmer mussten sich eine Stube teilen.
Ich kam in die Gesellschaft von einem Feuerwehroberleutnant aus Frankfurt und eines als Erzieher in der Strafvollzugsanstalt
Rüdersdorf wirkenden Leutnants. Die beiden, sie hießen übrigens Heinz und Frank, erwiesen sich als äußerst angenehme Zimmergenossen. Heinz, ein ausgezeichneter charismatischer Rhetoriker, litt unter einem ganz speziellen Problem.
Man wollte ihn unbedingt auf die VP-Hochschule nach Berlin-Biesdorf schicken und dort zum Politoffizier ausbilden.
Selbst dem damaligen Innenminister Armeegeneral Friedrich Dickel, war das außergewöhnliche Talent des
Feuerwehrmanns nicht verborgen geblieben. Heinz liebte aber seine Arbeit bei der Frankfurter Feuerwehr über alles.
Schon seit frühester Kindheit wollte er nirgendwo anders hin, als zur Feuerwehr. Jetzt musste er sich allerdings den
Nachstellungen des Politorgans erwehren, was bei deren Hartnäckigkeit selbst einen der Helden vom „ VEB Schlauch & Gerümpel“
in die Bredouille bringen konnte. Solche Sorgen plagten einem rhetorischen Tiefflieger wie mich freilich nicht. Ich hoffte nur das ich während des Lehrgangs nicht einschlief, oder anderweitig negativ auffiel.
„Lehrgangsteilnehmer in fünf Minuten einrücken in den Schulungssaal“, rief der Oberleutnant über den Flur unserer Unterkunft.
Versehen mit Stift und Schreibblock, folgten wir der Anweisung des Jugendoffiziers. Dieser wirkte mit einem Male angespannt, seine Heiterkeit schien verflogen zu sein. Das hatte auch seinen guten Grund, wie wir bald erfahren sollten.
Oberst Wolter, der Chef des Frankfurter Politorgans mithin also der oberste Politoffizier im Bezirk, hatte sich zur Eröffnung angesagt.
Es dauerte auch nicht mehr lange, bis der Oberst schwungvoll den Raum betrat. „Achtung“ brüllte der Oberleutnant, wobei alle wie von einer unsichtbaren Feder am Allerwertesten getroffen, von ihren Plätzen in die Höhe schnellten. Gelernt ist eben gelernt!
Friedrich der Große wäre gewesen stolz auf seine „roten Preußen!“ Wobei auch die sich unter uns befindlichen drei Mitarbeiterinnen
vom Pass und Meldewesen, eine ausnahmslos gute Figur machten! Bei uns herrschte eben schon damals Gleichberechtigung.
Der über fünfzigjährige Wolter stellte das absolute Gegenstück zu dem sympathischen Oberleutnant dar. Beim Klang seiner kräftigen, keinen Widerspruch duldenden Stimme, wurde auch dem letzte klar, warum der „Laden“ den er vorstand, „Politorgan“ hieß. Wobei die Betonung vor allem auf dem Wort Organ liegen sollte!
Wolter gehörte zu den Zeitgenossen welche sich selbst am liebsten reden hörten. Wahrscheinlich gehört so etwas aber auch zum Anforderungsprofil eines Politoffiziers? Wie bei solchen Monologen üblich, wurde viel geredet, aber nicht wirklich etwas gesagt. Ich döste vor mich hin und blickte aus dem Fenster hinaus auf den Hof. Mit halbem Ohr registriere ich, dass Oberst Wolter an der Kulturarbeit der einzelnen Dienststellen herummäkelte. Ganz besonders empörte ihn die lieblose Gestaltung der Wandzeitungen, als ob es bei der Polizei nichts Wichtigeres zu tun gäbe. „ Jetzt möchte ich zu einem besonders negativen Beispiel kommen, Genossen“, sagte Wolter mit dröhnender Stimme. Seine weiteren Worte rissen mich endgültig aus der Lethargie. „ Wo ist der Vertreter des VPKA Seelow?“ Der Oberst blickte drohend über unsere Köpfe hinweg und erwartete das sich der angesprochene meldete. Ich fühlte mich in die Eröffnungssequenz des Kubrik-Klassikers „ Full metall jacket“ versetzt. Und zwar in die Szene, wo ein vorwitziger Rekrut „ sind Sie John Wayne, oder bin ich das?“ murmelte und damit den Zorn des Sergeanten auf sich zog.
Na gut, erstens kannte ich damals weder den Film noch hatte ich irgendwas gemurmelt, aber trotzdem ballten sich düstere Wolken über meinem Haupt. Dabei wollte ich dich nicht unangenehm auffallen! Nun galt es zu retten, was noch zu retten ist.
„Hier Genosse Oberst“, antwortete ich darum so zackig wie möglich. Mich traf ein bohrender Blick aus den Augen des Politoffiziers, so als wolle mich dieser eines besonders schweren Dienstvergehens bezichtigen. „ Genosse Hauptwachtmeister, wann war der XI. Partei der SED?“
Ich konnte mir keinen Reim auf diese Frage machen. Wollte er mich der Oberst nun zusammendonnern oder mein Wissen testen?
„ Der XI.Parteitag fand im April 1986 statt“, antworte ich wie ohne groß nachdenken zu müssen. Zu jenem Zeitpunkt war ich ja noch in Berlin und gehörte mit zu den Deppen welche den Parteitag bewachen mussten. Wolter nickte mit verkniffenem Gesicht, befriedigt hatte ihn meine rasche Antwort jedenfalls nicht. „ So, so im April 1986. Das liegt jetzt aber bereits über drei Jahre zurück. Und warum beschäftigt sich dann die Wandzeitung bei euch in Seelow noch immer mit diesem Thema?“ , blaffte der Oberst.
Wandzeitung? Ich hatte mir das verdammte Ding bisher überhaupt noch nicht einmal angesehen. Die Wandzeitung, genaugenommen handelte es sich dabei um ein mit rotem Stoff überzogenes und mit Zeitungsausschnitten dekoriertes Brett, hing ausgerechnet im Warteraum. Kaum anzunehmen, dass sich jemand die Wartezeit ausgerechnet mit dem Studium einer Wandzeitung verkürzen würde. Aber im Warteraum störte das Ding wenigstens niemand.
Jetzt begann mir zu dämmern, warum sich der reguläre FDJ-Vorsitzende aus Seelow, so vehement vor diesem Lehrgang gedrückt hatte. Er hatte nicht den „Arsch in der Hose“ um jemanden zu bestimmen, der sich um die Wandzeitung kümmerte. Um nicht von Oberst Wolter, der großen Wert auf liebevoll gestaltete Wandzeitungen legte, dafür abgebürstet zu werden, musste ich „bluten“. Wie sang doch Frank Schöbel so schön? Mit mir könnses ja machen, stellte ich unter heimlichen Seufzen aufs neue fest.
„ Ich mache Sie persönlich verantwortlich, dass dieser peinliche Umstand endlich abgestellt wird, Genosse Hauptwachtmeister. Ich verbuche diesen Lapsus vorerst noch unter der Rubrik –falsch verstandene Traditionspflege. Aber wehe, wenn ich im Herbst keine Veränderungen feststelle“, drohte der noch immer wütende Oberst mit erhobenem Zeigefinger. Der Politoffizier ahnte ja nicht, dass er im Herbst tatsächlich Veränderungen feststellen konnte. Allerdings dürften ihm diese ungleich schwerer im Magen gelegen haben, als diese veraltete Wandzeitung. Wolter übergab im Anschluss an seine Rede die weitere Leitung des Lehrgangs zurück in die Hände des Oberleutnants.
Dort war sie auch viel besser aufgehoben!
Für die kommenden Stunden beschäftigten wir uns mit der aktuellen politischen Situation in der DDR, die wahrlich genügend Gesprächs und Diskussionsstoff bot. Natürlich zog sich das momentane Geschehen in Ungarn wie ein roter Faden durch die Gespräche. So richtig konnte aber noch niemand den Abbau der dortigen Grenzanlagen sowie die gesamte zukünftige Haltung unseres „Brudervolkes“ gedanklich einordnen. Wollte Ungarn tatsächlich aus dem Verband der sozialistischen Völker ausscheren oder versuchte dieses Land nur einen „etwas anderen „ Weg zu gehen? Noch war völlig unklar, welche Konsequenzen sich daraus für die DDR ergaben. Eine Folge konnte allerdings schon zu diesem Zeitpunkt niemand mehr übersehen. Für fluchtwillige DDR-Bürger bot die täglich durchlässiger werdende ungarische Westgrenze schon jetzt ein unverhofftes Schlupfloch. Wer vom Arbeiter und Bauernstaat die Schnauze voll hatte, benötigte lediglich ein Visum für eine Ungarnreise. Und diese wurden bislang nur in ganz seltenen Ausnahmefällen verweigert. Immerhin galt Ungarn quasi als „ Mallorca des Ostens“, mithin das beliebteste Reiseziel der (Ost)deutschen. Für die Motive der Ausreisewilligen zeigte kaum jemand Verständnis. In diesem Punkt folgten wir ganz der offiziellen Linie, dass es sich bei diesen Menschen um unreife, von den Verlockungen des Westfernsehens verführte Zeitgenossen handelte. Wir waren uns aber dennoch einig, dass die DDR, um nicht weiter angreifbar zu sein, attraktiver und moderner werden muss. Heute kann ich über meine damalige Naivität nur noch mit dem Kopf schütteln. Ich befand mich damals noch am Anfang eines langen, schmerzhaften Lernprozesses.
Im weiteren Verlauf redeten wir auch über unser direktes Nachbarland, Polen. Auch dort befand sich der Sozialismus unverkennbar im Niedergang. Seit kurzem regierte dort die vormals verfemte und bekämpfte Gewerkschaft „Solidarität“. Schon vorher, seit dem 01. April 1989, nannte sich Polen statt Volksrepublik, nur noch Republik. „Zufällig“ rauschte im Juli 1989 eine Mitteilung durch den ostdeutschen Blätterwald, nachdem ein polnischer Bürger angeblich von DDR-Zöllnern misshandelt wurde. Natürlich erteilten die DDR-Medien, ohne auf den eigentlichen Sachverhalt einzugehen, dem Zoll unbesehen „Absolution“ Es war wieder an der Zeit, die alten weit verbreiteten antipolnischen Ressentiments aus der politischen Mottenkiste zu holen. Die SED konnte nichts weniger gebrauchen, als eine übergreifende Sympathiebewegung für das polnische Volk. Auch unser Jugendoffizier tat die Meldung über den misshandelten Polen und die Empörung des Nachbarlandes über den Vorfall, mit der Bemerkung „ die Polacken spinnen doch sowieso“, ab.
Ausnahmsweise zeigten sich SED und ein nicht geringer Teil der Bevölkerung der DDR, in der Betrachtungsweise einig. Eigenartig und traurig, wie längst überkommene Vorurteile in den Köpfen der Menschen, offenbar mühelos reaktiviert werden konnten.
Um 17:00 Uhr beendete der Oberleutnant die heutige Schulung. „ Meine Damen und das war wieder eine Sendung des Politorgans Frankfurt (Oder)“. Dabei gelang es ihm zur Erheiterung aller, den Moderator Dieter Thomas Heck geradezu perfekt zu imitieren. Au weia! Wenn das der stramme Oberst Wolter wüsste! Direkt verboten war das natürlich nicht, auch Volkspolizisten durften seit dem 01.01, 1989 bekanntlich Westprogramme empfangen. Jedenfalls offiziell, denn ich kenne niemanden, der das nicht schon vorher getan hätte. Aber zum Repertoire eines Politoffiziers durfte dennoch allenfalls Heinz Quermann gehören.
Den verdienten Feierabend nutzte ich, zu einer Wanderung auf dem Oderdeich. Die Gegend hier sah tatsächlich nicht viel anders aus, als das vierzig Kilometer nördlich gelegene Oderbruch. Im Süden erhob sich eindrucksvoll die Silhouette des „Stahl und Walzwerkes“ Eisenhüttenstadt. Hatte nicht Walter Ulbricht einst dieses sozialistische Vorzeigewerk persönlich eingeweiht? Ich beschloss, dem Seelower Politoffizier eine Exkursion nach Eisenhüttenstadt vorzuschlagen. Wenige Minuten später hatte ich diesen eher spontanen Gedanken bereits wieder vergessen. Langsamen Schrittes begab ich mich zurück ins Camp, wo mir Heinz und Frank ein paar sehr interessante Einblicke in ihren Dienst gewährten.
Für den nächsten Tag hatte man uns das Erscheinen eines echten „Kundschafter des Friedens“ in Aussicht gestellt. Wann bekam man schon einmal die Gelegenheit solch einem besonderen Menschen gegenüberzustehen?
Am späten Vormittag erschien nun der mit Spannung erwartete „Kundschafter des Friedens“, den man andernorts auch ganz simpel Spion nennen würde. Wer geglaubt hatte einen echten James Bond des Ostens zu erleben, sah sich allerdings enttäuscht. Vor uns stand ein schmächtiger, bieder wirkender Mann, mit grauen schütteren Haaren. In seinem schlecht sitzenden grauen Anzug wirkte er wie ein Lohnbuchhalter aus irgendeiner LPG. Begleitet wurde er von einem deutlich jüngeren, im Gegensatz zu ihm sportlichen Herrn. Dieser, ein Offizier der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Frankfurt (Oder), stellte offensichtlich so etwas wie einen Aufpasser dar. Er hielt sich die gesamte Zeit auffällig zurück, achtete aber offensichtlich darauf, dass der „Kundschafter“ nicht zu viel aus dem Nähkästchen plauderte. Dessen Lebensgeschichte hatte, wie schon sein Äußeres, ohnehin nichts mit vermeintlicher Agentenromantik gemein. In den nächsten Minuten erfuhren wir die tragische Story eines Mannes, die zu Beginn der fünfziger Jahre ihren Anfang nimmt. Damals war er noch ein junger DDR-Bürger, voller Ideale und mit unerschütterlichen Glauben an die Überlegenheit des Sozialismus. Irgendwann in dieser Zeit war das MfS auf ihn aufmerksam geworden. Nach einigen Gesprächen überzeugte ihn der Geheimdienst, mit seiner Frau in die Bundesrepublik überzusiedeln. Dort sollte er sich um eine Anstellung bei einer wichtigen Einrichtung bemühen und diese für die DDR ausspionieren. Der Plan des MfS sollte aufgehen! Schon nach relativ kurzer Zeit gelang es dem Perspektivagenten bei einem Chemiekonzern unterzukommen. Je höher er dort auf der Karriereleiter emporstieg, desto wertvoller wurden die von ihm gelieferten Informationen für die Staatssicherheit. Auch wenn es sich um „gewöhnliche“ Industriespionage, nicht aber um die Aufdeckung irgendwelcher Friedensgefährdender Pläne gehandelt hat. Eines Tages wurde ihm, aus einem nicht genannten Grund, der Boden buchstäblich zu heiß. Um der vermeintlichen oder tatsächlichen Enttarnung zuvorzukommen, flüchtete er mit seiner Frau in die DDR. Jetzt zeigte sich die andere Seite der Medaille seines über Jahrzehnte erfolgreich geführten Doppellebens. Im Laufe der Zeit hatte er sich innerlich in den von ihm ausbaldowerten Konzern integriert. Der Spionageauftrag wurde mehr und mehr zur lästigen Pflicht, während die eigentliche Forschungsarbeit mehr und mehr im Vordergrund stand. Von den Kollegen, die vielfach auch seine Freunde waren, wurde er geachtet und verehrt. Aus dem einstigen vom Sozialismus begeisterten jungen Mann, war längst ein ganz normaler Bundesbürger geworden. Ich bin mir sicher, dass ihm die Schizophrenie seines Daseins, mehr und mehr in Konflikte stürzte. Der überstürzte Rückzug erwies sich als Heimkehr in ein ihm längst fremd gewordenes Land. Seine Ehefrau, sie war die ganze Zeit in den Auftrag ihres Mannes eingeweiht, verkraftete die Situation nicht. Bereits in der Bundesrepublik litt sie unter psychischen Problemen, deren Ursache damals freilich geheim bleiben musste: Sie hatte sich immer ein Kind gewünscht!
Die „Zentrale“ in Berlin hatte dem Agentenpaar aus Sicherheitsgründen die Erfüllung des Kinderwunsches verweigert. Der Verlust ihres gewohnten Umfeldes und des Bekanntenkreises, gaben der angeschlagenen Frau den Rest. Sie musste sich fortan in einer Klinik behandeln lassen, wie uns ihr Mann traurig erzählte.
Bei der anschließenden Fragestunde fasste sich der Rüdersdorfer Gefängnisbedienstete ein Herz.
„ Sind Sie eigentlich über die Verhältnisse in der DDR enttäuscht, oder entspricht das hier ihren Vorstellungen?“ Der traurige Spion tauschte mit seinem Begleiter kurze Blicke aus, ehe er antwortete. Es war unschwer zu erkennen, welche Mühe ihn die Beantwortung dieser Frage bereitete. „ Ja…. , einiges mehr, anderes weniger. Wenn ich mir die Straßen so ansehe und die Straßenbeleuchtung. Da ist ja noch einiges kaputt, sogar in einer Stadt wie Frankfurt.“ Der Stasioffizier zog leicht die Augenbrauen nach oben, ein sichtbares Zeichen welchen Unmut ihm der Auftritt seines Schützlings bereitete. Obwohl einer direkten Antwort auswich, konnte doch jeder die Frustration dieses vom Leben bestraften Mannes spüren.
Als Vorzeigeagent für die offizielle Propaganda erwies sich dieser traurige Held keineswegs, auch nicht vor einem linientreuen Publikum wie dem unseren.
Der nächste Höhepunkt dieses Tages stellte ein „gemütlicher Abend“ mit Oberst Wolter dar. Nicht nur ich hätte wohl gerne darauf verzichtet. Aber dieser Maßnahme konnte sich bei Strafe des „Unterganges“ niemand entziehen.
Der Fernsehsender SAT1 hätte den Ablauf dieses Abends nicht besser in Szene setzen können. Wir gruppierten uns um eine Tafel, an deren Stirnseite Oberst Wolter bereits Platz genommen hatte. Auf dem Tisch wartete eine Armee von Bier und Schnapsflaschen auf ihre Vernichtung. Zu meiner Erleichterung bemerkte ich auch mehrere Teller mit belegten Brötchen. Ein gutes Essen ist nun einmal die Grundvoraussetzung für jegliche Saufereien. Schließlich wollte ich ja nicht schon nach einer Stunde, dem Oberst zu Füßen liegen.
Um uns in die richtige Stimmung zu versetzen, hatte der Oberleutnant eigens eine Schallplatte mit den Liedern des „Oktoberklubs“ aufgelegt.
Natürlich würde sich kein vernünftiger Mensch, Nein auch kein Volkspolizist, freiwillig so etwas anhören. Aber wir waren ja schließlich nicht zu unserem Vergnügen hier.
Der zum Standartrepertoire dieser wohl bekanntesten politischen Singegruppe der DDR gehörende Titel „Wir sind überall“, versetzte den Oberst sofort in feierliche Stimmung. Sicherlich fühlte er sich in seine Zeit als FDJler, irgendwann in den fünfziger Jahren, zurückversetzt? Bei dem zweiten Titel „Sag mir wo du stehst“, sang er sogar leise mit. „Sage mir wie lange du noch stehst“, wäre wohl für den Anlass des Abends passender gewesen. Mit dem vielen hochprozentigen Getränken hätte man sogar eine ganze Kompanie Sowjetsoldaten außer Gefecht setzen können.
Oberst Wolter konnte sich natürlich die unvermeidliche Rede nicht verkneifen. Sie fiel allerdings kürzer als befürchtet aus und endete mit einem Trinkspruch auf die DDR. Auf sein „hoch lebe die DDR und der Sozialismus“ mussten alle Anwesenden auf ex ein Glas „Goldkrone“ leeren. Zu meinem Entsetzen verlangte der Oberst, von jedem einzelnen Teilnehmer einen Trinkspruch. Und dieser hatte, wie der vom Oberst kreierte, mit –hoch lebe die DDR und der Sozialismus, enden. Dabei wurde peinlich darauf geachtet, dass beim trinken nicht etwa geschummelt wurde. Gerechterweise muss an dieser Stelle gesagt werden, dass die Damen von der Orgie verschont blieben. Als erster kam ein Offizier aus dem VPKA Strausberg an die Reihe, danach sollte es dann jeweils von rechts nach links weitergehen. Nun ist es ja durchaus keine Schande, dass der Hauptwachtmeister Bräuning nicht viel verträgt. Zwischen mir und dem Strausberger lagen sechs Vorredner. Wenn die Reihe an mir war, würde ich kaum noch in der Lage sein, Suppe zu sagen. Geschweige denn solch schwere Worte wie Sozialismus! Am Ende beschuldigt man mich noch gar, den Genossen Erich Honecker imitieren zu wollen. Sssotzialismuus .... Nein, das wäre aber echt blöd! Mir blieb nichts anderes übrig, als krampfhaft nach einem passenden Trinkspruch zu suchen, den man auch mit schwerer Zunge einigermaßen fehlerfrei über die Lippen bekam. Blöderweise schnappten mir andere die gängigsten Phrasen vor der Nase weg. In meinem Kopf dämpfte der viel zu schnell hineingeschüttete Alkohol ohnehin jeden halbwegs intelligenten Gedanken. Nun war die Reihe an mir. Schwerfällig schraubte ich mich von meinem Platz. Die in diesem Augenblick auf mich gerichteten Blicke pieksten wie Stiche unsichtbarer Dornen in meinem Körper. Die mir gegenübersitzende Dame versuchte krampfhaft mit hochrotem Kopf ein Lachen zu unterdrücken. „ Ich … schließe mich den Worten meiner Vorredner an, Prost“, zelebrierte ich den ersten Trinkspruch meines Lebens. Das Gesicht des Obersten, eben noch voller Erwartung, verfinsterte sich wie der Himmel vor einem Gewittersturm. Er sah mich an, als wenn ich tatsächlich den Genossen Generalsekretär nachgeäfft hätte. Aber so besoffen war ich ja nun auch wieder nicht. Trotz der finsteren Wolken, blieb das Donnerwetter aber aus. „ Ach ja, der Genosse aus Seelow“, sagte Wolter leicht resigniert, ehe er sich dem mir sitzenden Kollegen zuwandte.
Im Anschluss an die Trinksprüche konnte endlich auch etwas gegessen werden. Für einige, zum Beispiel für mich, kam die feste Nahrung mindestens fünf Schnäpse zu spät. Nach dem Essen fabulierte Wolter, in selbstzufriedener Pose, dass der Sozialismus in der DDR bald jeden einzelnen Bürger erreichen wird. Da wird er sich aber beeilen müssen, sonst ist bald keiner mehr da, zuckte es durch meinen besoffenen Kopf. es mich. . „ Die Jugend in der DDR steht felsenfest zu ihrem Staat. Da kann der Westen erzählen was er will. Die, die unseren Staat verlassen wollen, fallen überhaupt nicht ins Gewicht“, faselte Wolter. Er erhob sich von seinem Stuhl, füllte sein Glas, um einen Toast auf die „ prächtige Jugend der DDR welche dereinst den Kommunismus aufbauen wird“ auszubringen. Niemand wagte ihn zu widersprechen. Ich dachte in diesem Augenblick an die jugendlichen vom Seelower Puschkinplatz und fragte mich was Wolter wohl zu ihnen gesagt hätte? Aber woher sollte der Genosse Oberst auch wissen, was sich derzeit in der DDR zusammenbraute? Er verrichtete seinen Dienst abgeschirmt hinter den dicken Mauern der Frankfurter Volkspolizeibezirksbehörde. Mit aufmüpfigen Jugendlichen kam so einer doch nie in Berührung, sondern nur mit notorischen Jasagern wie uns. Während wir uns die DDR schön soffen, machten sich möglicherweise wieder ein paar hundert oder tausend Bürger unseres Staates auf, um das von Oberst Wolter und Co beschworene „Arbeiter und Bauernparadies“ endgültig zu verlassen.
Am nächsten Tag quälten, nicht nur mich, rasende Kopfschmerzen. Immerhin wachte ich nicht nur mit brummendem Schädel, sondern auch mit der Gewissheit das es nach Hause geht, auf.
Im kommenden Jahr soll der Feuerwehrleutnant gefälligst selber seinen Arsch hierher bewegen, gelobte ich mir unter Schmerzen. Um 13:00 Uhr stand der Ikarus-Bus vor der Pforte, um uns zurück in die Zivilisation zu bringen. Das Ausbildungslager Kunitz Loose sollte ich erst im September 1991 wiedersehen. Zu diesem Zeitpunkt fand ein dreiwöchiger Lehrgang im bundesdeutschen –Straf & Prozessrecht- für mittlerweile ehemalige Volkspolizisten, statt. Den Platz von Oberst Wolter hatte ein Polizeihauptkommissar aus dem Rheinland eingenommen. Heute befindet sich auf dem einstigen Gelände des einstigen Ausbildungsobjektes der DDR-Polizei, ein Kinderheim. Die Kinder haben keine Ahnung welche skurrilen Dinge sich einst in ihrem Domizil abspielten. Im Jahre 2003 wurden bei dem jetzigen Kinderheim und in dessen näherer Umgebung einige Szenen des im deutsch-polnischen Grenzmileus handelnden Spielfilms „Lichter“ gedreht. Es war ein unbeschreibliches Gefühl, als ich den Schauplatz eines Teils meiner eigenen persönlichen Geschichte, auf der Kinoleinwand wiedersehen durfte.


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


zuletzt bearbeitet 15.02.2011 11:24 | nach oben springen

#15

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 15.02.2011 13:59
von icke-ek71 (gelöscht)
avatar

hallo abv,ich habe zwar keine zeit...bin beim malern..super wie du das schreibst..habe mich schon auf deine fortsetzung gefreut..einfach toll deine erlebnisse!!ja ja dein obest wolter..davon gabs ne menge ..gute selbstdarsteller..die haben gar nicht gemerkt wie bekloppt sie sind...weiter so...gruß aus berlin von icke


nach oben springen

#16

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 15.02.2011 16:04
von Gert | 12.354 Beiträge

Hallo Uwe,

habe mit großem Spass den 2.Teil gelesen. Schreibst du das alles aus der Erinnerung oder hast du Tagebuchaufzeichungen oder ähnliche Notizen ? Es ist nämlich so detailgetreu, habe ich den Eindruck. Sehr schön, danke sehr.


Gruß vom Rhein an die Oder


.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
Geld ist geprägte Freiheit!
Dostojewski 1866
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
nach oben springen

#17

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 15.02.2011 18:27
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von Gert
Hallo Uwe,

habe mit großem Spass den 2.Teil gelesen. Schreibst du das alles aus der Erinnerung oder hast du Tagebuchaufzeichungen oder ähnliche Notizen ? Es ist nämlich so detailgetreu, habe ich den Eindruck. Sehr schön, danke sehr.


Gruß vom Rhein an die Oder



Hallo Gert!
Nein, Tagebuch hatte ich damals nicht geführt. Die Erlebnisse habe ich so gut es ging im Gedächtnis gespeichert. Darum muss ich mich beim schreiben so beeilen, damit das alles nicht in Vergessenheit gerät. Man wird ja schließlich nicht jünger

Viele Grüße von der Oder an den Rhein
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


nach oben springen

#18

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 15.02.2011 18:30
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von icke-ek71
hallo abv,ich habe zwar keine zeit...bin beim malern..super wie du das schreibst..habe mich schon auf deine fortsetzung gefreut..einfach toll deine erlebnisse!!ja ja dein obest wolter..davon gabs ne menge ..gute selbstdarsteller..die haben gar nicht gemerkt wie bekloppt sie sind...weiter so...gruß aus berlin von icke



Danke für die Blumen @icke-ek71
Na dann werde ich mal weiter in die Tasten hauen. Hoffentlich macht mir deine Frau hinterher nicht die Hölle heiß, weil ich dich von der Arbeit abgehalten habe.

Viele Grüße aus dem Oderland
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


nach oben springen

#19

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 15.02.2011 21:12
von Zaunkönig | 624 Beiträge

N' Abend Uwe,
ja ja die Hansels, die viel reden und wenig sagen kenne ich auch. Die waren mir jedenfalls sowas von zuwider, am besten war bei denen immer: nicht hinhören.
Ich habe es aber nicht so lange bei der Polizei ausgehalten, 3 Jahre und dann war Schluß. Dann habe ich die große DDR oft für einige Zeit verlassen, um mich auf einer kleinen bewegten DDR im Ausland zu bewegen; will sagen bin mit der DSR zur See gefahren. Und das über 30 lange Jahre bis kurz vor die Rente, deren Euronen ich jetzt vor dem Computer verbrate. Aber auch dort hatten wir manchmal solche Dösköppe, die viel gelabert aber nix konkretes gesagt haben.
Der Schreibe kurzer Sinn: Es ist wieder große Klasse Deine Schreibe. Mein Fazit Weiterschreiben. Das wünscht
Peter, der Zaunkönig


März 1959 bis Mai 1962 an der Grenze in Berlin vom Norden bis an die Stresemannstraße
zuletzt bearbeitet 15.02.2011 21:20 | nach oben springen

#20

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 21.02.2011 20:00
von ABV | 4.202 Beiträge

So und hier mal wieder ein neues Kapitel. Viel Spaß beim Lesen

Ein ganz normaler Tag in der Objektsicherung

Welche Strafe mag wohl für einen jungen ehrgeizigen Polizisten größer sein, als ausgerechnet bei dem schönsten Sommersonnenwetter welches Anfang August 1989 die Oderländer verwöhnte, Dienst in der Objektsicherung zu schieben? Ich konnte diesem alten, ständig humpelnden Obermeister nicht verzeihen, dass er sich ausgerechnet heute krankschreiben ließ.
Die Objektsicherung, befand sich in einem abgeteilten kleinen Raum, direkt im Eingangsbereich. Auf dem Schreibtisch hinter dem der Objektposten seinen Dienst verrichtete, befanden sich zwei Telefone. Ein Apparat verfügte über eine Standleitung zum „ODH“, der bei Vorkommnissen sofort informiert werden konnte. Das zweite Telefon diente vorwiegend zur Kommunikation mit den jeweiligen Sachbearbeitern. Im Rücken des Postens befand sich eine normalerweise verschlossene, mit einem Bild Erich Honeckers versehene Zwischentür. Diese verband das Volkspolizeikreisamt mit der Seelower Kreisverwaltung. Direkt unter dem Honeckerbild stand ein niedriger Aktenschrank, in der allerlei Vordrucke lagerten. Das Bild dieses eher weniger geliebten Politikers, oder besser gesagt meine eigene Trotteligkeit, brachten mich Ende 1988 in eine skurrile Situation. An einem nebligen Novembertag sollte ich ebenfalls als Posten fungieren. Gegen Mittag betrat eine etwas hilflos wirkende ältere Dame mit einem Kranzgebinde in der Hand die Dienststelle. Sie wollte irgend etwas im VPKA erledigen, wobei der sperrige Kranz mit den Trauerschleifen störte. In ihrer Not wandte sie sich an mich, den Freund & Helfer. „ Darf ich den Kranz bei ihnen abstellen?“, fragte sie mit dünner Stimme. Natürlich durfte die Frau, man ist ja schließlich Gentleman! Ich fand auch schnell einen, vermeintlich, geeigneten Abstellplatz. Der niedrige Aktenschrank bot sich als Ablage geradezu an. Dabei dachte ich im Eifer meiner Hilfsbereitschaft allerdings nicht an das hochheilige Konterfei über dem Aktenschrank. Nur noch schnell die Trauerschleifen ausrichten und dann ab zurück an die Scheibe, wo bereits die nächste Kundschaft wartete. Im weiteren Verlauf wunderte ich mich über die sonderbaren Kommentare der vorbeigehenden. „ Oh da kann ich ja heute noch einen Schnaps trinken“, rief ein schelmisch lächelnder Mittdreißiger. „ Mensch von der Neuigkeit ist ja noch gar nichts im Radio gekommen“, murmelte ein anderer, ebenfalls erfreut wirkender Zeitgenosse. Plötzlich betrat ein Oberstleutnant der VP, bei dem es sich um einen ebenso bekannten wie gefürchteten Kontrolloffizier handelte, die Dienststelle. Er starrte entgeistert durch die geöffnete Scheibe auf den Kranz. „ Ist der Genosse Generalsekretär verstorben?“ „ Nicht das ich wüsste, Genosse Oberstleutnant“, antwortete ich voller Erstaunen. „ Nein? Dann entfernen Sie gefälligst den Kranz, Sie Trottel!“
Erst jetzt bemerkte ich das Desaster. Eigentlich hätte nur noch eine Kerze gefehlt und der Traueraltar wäre perfekt gewesen! Ein paar sich dezent im Hintergrund haltende Zuschauer verließen schmunzelnd das VPKA. Soviel Spaß für wenig Geld bekommt man eben nicht alle Tage geboten! Wohl dem, der über sich selbst am lautesten lachen kann!
Die Aufgaben der Objektsicherung ähnelte in vieler Hinsicht denen eines Pförtners. Wer immer das VPKA betrat, musste sich zuerst an der mit einer Glasscheibe versehenen Loge der Objektsicherung melden. Jeder Polizist musste sich beim Betreten der Dienststelle ausweisen, selbst wenn er bereits quasi zum „Inventar gehörte“.
Aber auch der Normalbürger, ganz gleich ob es sich um die Erstattung einer Anzeige oder um die Anmeldung eines PKW handelte, kam an dem Posten nicht vorbei. Dieser informierte dann die zuständigen Sachbearbeiter, während der Bürger XY in dem sich gegenüber befindlichen Warteraum Platz nahm. Normalerweise saßen nur ältere oder frisch eingestellte Polizisten in der Pförtnerloge. Der chronische Personalmangel sorgte jedoch dafür, dass auch die normalerweise operativ arbeitenden Kollegen dort monatlich zwei bis drei Schichten absitzen mussten. Nachts stellte das kein Problem, dieser oder jener soll sogar nach Dienstschluss ausgeschlafen nach Hause gegangen sein. Am Tag, besonders an den Sprechtagen der Verkehrspolizei und des Pass & Meldewesens, konnte diese Tätigkeit durchaus auch in Stress ausarten.
So wie an dem besagten Tag im August, an dem mich das unerbittliche Schicksal zum Objektposten verdammte. Nun hieß es zehn Stunden lang in die verschiedensten Ausweise schauen, Passierscheine ausfüllen und Schlüssel ausgeben oder entgegenzunehmen.
Attestiert wurde ich dabei von einem großgewachsenen fünfundzwanzigjährigen Unterwachtmeister, welcher auf den schönen alten deutschen Vornamen Helmut hörte. Damit hätte er durchaus auch den Titel Helmut III. verdient, denn es gab bereits zwei Helmuts bei der Seelower Schutzpolizei.
Noch niemals hatte die Einstellung eines Polizisten in der Bevölkerung solchen Wirbel verursacht, wie im Fall von Helmut. Und noch nie wurde jemand so schnell wieder aus dem Dienst entfernt, wie er. Helmut war eben in jeder Hinsicht einzigartig.
Zufällig wohnten wir beide im selben Ort, so dass ich den ganzen Trouble quasi live mitverfolgen konnte. Als bekannt wurde das sich Helmut gemeinsam mit seinem Bruder bei der VP beworben hat, erhob sich ein wahrer Sturm der Entrüstung. Galten doch die Gebrüder als weit über die Grenzen ihres Heimatdorfes bekannte Schläger und Trunkenbolde. Ich konnte nicht einmal mehr die Kaufhalle betreten, ohne gefragt zu werden, seit wann Rowdys bei der Polizei anfangen dürfen. Trotz ihres zweifelhaften Rufes, waren die Taten der Gebrüder aber wohl noch nicht aktenkundig geworden. Wer in der DDR irgendwann einmal mit dem Gesetz in Konflikt geraten war, bekam einen so genannten K-Vermerk verpasst. Dieser fand sich in den Meldeunterlagen und wurde selbst nach Jahren nicht aus dem Register getilgt. Wer einen K-Vermerk sein eigen nannte, durfte nicht einmal „Freiwilliger Helfer“, geschweige denn ein richtiger Polizist werden.
Wie dem auch sei, auch der zuständige Abschnittsbevollmächtigte warnte händeringend vor den beiden „Desperados“. Und der muss es ja schließlich wissen! Seitens der Personalabteilung entschied man sich für den Kompromiss, nur Helmut in die Reihen der Volkspolizei aufzunehmen. Glücklich war im VPKA über diese Entscheidung niemand. Der ohnehin angekratzte Ruf der Polizei hatte nun noch mehr Schaden genommen.
Ich entschied mich den Burschen wie jeden anderen Kollegen auch, möglichst ohne Vorurteile, entgegenzutreten.
Helmut hockte Karo rauchend auf einem Polsterstuhl und blickte mir über die Schultern. Der baumlange kräftige Bursche streckte wohlig die Füße aus. Immerhin konnte er wunderbar Kaffee kochen, eine Grundvoraussetzung für jeden angehenden Polizisten.
Die anfängliche Sympathie schwächte sich sofort wieder ab, nachdem er mir unverblümt den eigentlichen Grund seiner Berufswahl eingestand.
„ Weißt du Uwe, dass Leben ist doch viel zu kurz um sich kaputt zu schuften. Ich kenne so viele aus meinem Betrieb, die waren mit Anfang fünfzig fertig auf den Röhren. Als es dann amtlich wurde, dass ich bei der Polizei anfange, da haben mir ganz viele auf die Schultern geklopft. Junge, du machst es richtig. Du brauchst dann nie wieder zu arbeiten.“ Bei diesen Worten huschte ein selbstzufriedenes Lächeln über sein breites Gesicht, so als ob er sich im Paradies wähnte. „Polizeiarbeit ist auch Arbeit“, entgegnete ich. „ Wenn du das erste Mal einen vollgepissten Besoffenen von der Straße räumen musstest, wirst du merken wie schwer diese Arbeit sein kann.“ „ Na ja, dass kommt ja nicht alle Tage vor“, entgegnete Helmut. Ich war damals schon lange genug dabei, um zu wissen das man mit solch einer Einstellung nicht weit kommt. Zu einem guten Polizisten gehörten nun einmal, neben der Bereitschaft zur Unterordnung und der Zurückstellung eigener Belange, Interesse und Liebe zum Beruf. In Helmuts Fall dauerte es nur einen knappen Monat, bis zu seiner ruhmlosen Rückkehr in die Arbeiterklasse. Er hatte gerade eine einzige Woche auf der VP-Schule Neustrelitz hinter sich und den ersten Wochenendurlaub angetreten, als es schon zu einem folgenschweren Zwischenfall kam. Kaum Zuhause, schluckte Helmut ein paar verschreibungspflichtige Tabletten, spülte diese mit „Hochprozentigen“ hinunter, um im Anschluss seine Frau zu verprügeln. So was tut man nicht, auch wenn es die eigene ist! Aber nicht nur seine Karriere bei der Polizei, sondern sein gesamter Aufenthalt auf dieser Erde, sollte nur von kurzer Dauer sein. Wenige Jahre später verstarb Helmut an den Folgen einer Prügelei, deren genaue Umstände nie ganz aufgeklärt werden konnten. Makaberweise ging damit sein Wunsch, sich nicht „kaputt“ arbeiten zu müssen, doch noch in Erfüllung.
Aber nun wieder zurück zu jenem Augustdiensttag des Jahres 1989. In der Verschiedenartigkeit jener Menschen mit denen wir es an diesem Tag zu tun hatten, spiegelte sich im gewissen Maße die Zusammensetzung unserer Gesellschaft wieder. Da war zum einen der selbstbewusst auftretende Mitarbeiter der Kreisdienststelle für Staatssicherheit aus dem Seelower Ortsteil Zernikow. Freundlich grüßend, zog er seinen Dienstausweis aus der Tasche, klappte ihn kurz auf und verlangte den Schlüssel für die „KMK“. Diese drei Buchstaben standen für die „Kreismeldekartei“, mithin eines der sensibelsten Bereiche unserer Dienststelle. Nur wenige, handverlesene Volkspolizisten, durften jenen Raum betreten. Außerdem bestand die Order, dass sich niemand allein in der „KMK“ aufhalten durfte. Dieses Verbot galt selbst für den Amtsleiter! In der „KMK“ befanden sich unzählige Karteikarten mit den Personaldaten, Wohnadressen und zum Teil auch Passfotos, aller Einwohner des Kreises Seelow. Wenn diese Daten in die falschen Hände gerieten, konnte damit durchaus „Schindluder“ getrieben werden! Dessen ungeachtet, konnten die Mitarbeiter des MfS die „KMK“ zu jeder Zeit und meist allein, betreten. Kaum jemand machte sich über diesen eklatanten Widerspruch Gedanken. Warum auch? Für das MfS galten nun einmal Sonderregeln, das war eben so und basta! Dem Amtsleiter muss der Umstand das einige subalterne Stasileute in seinem eigenen Haus mehr Rechte besaßen als er selbst, jedoch „schwer im Magen gelegen haben“. Mitte November 1989, nachdem die Kreisdienststelle kurz vor ihrem Untergang noch in „Kreisamt für Nationale Sicherheit“ umbenannt wurde, untersagte er dessen Mitarbeitern als erstes den Zugang zur „KMK“. Vier Wochen vorher wäre er für diesen mutigen Schritt noch in hohen Bogen gefeuert und/oder ins Gefängnis gekommen!
Ich erinnere mich aber auch an eine dunkelgekleidete Frau mittleren Alters. Sie kam unter Tränen aus dem zum Pass und Meldwesen gehörenden Zimmer 5. Dort bearbeite eine freundliche Obermeisterin der VP, gemeinsam mit einem ebenso freundlichen Unterleutnant, Reiseanträge in die Bundesrepublik bzw. nach Westberlin. Trotz aller Freundlichkeit verließen nicht alle Bürger dieses Zimmer mit glücklichen Gesichtern. So mancher Traum auf eine Reise in den „Westen“ und das Wiedersehen mit Verwandten, zerplatzte in diesem Zimmer. So wie im Fall dieser Frau, die nun leise weinend über den Flur lief. „ Wie man hier mit Menschen umgeht“, schluchzte sie verzweifelt. Ich verbarg mein Mitleid hinter einer Maske aus korrekter Erstarrung. Offene Anteilnahme hätte in diesem Falle bedeutet, den Sinn des Reisegesetzes öffentlich in Frage zu stellen!
Es gab aber durchaus auch andere, die dieses Zimmer No 5 strahlend vor Glück verließen. Diese Menschen wünschten uns noch einen schönen Dienst, ehe sie das VPKA verließen. Wie unverkrampft und freundlich die Bürger ihrem Staat gegenübertraten, wenn man ihnen einmal nicht die Grundrechte verweigerte! Als die Partei und Staatsführung endlich zu dieser Erkenntnis gelangte, war es bereits viel zu spät!
Im VPKA erschienen aber auch andere, sehr unangenehme Zeitgenossen. Es handelte sich um die Spezie des „normalen“ Kriminellen. Menschen dieser Art bringt jeder Gesellschaftsform hervor, ganz gleich ob es sich um eine Demokratie oder Diktatur handelt. Dieser Menschentyp kann sich nirgendwo unterordnen und hat nur seinen eigenen Vorteil im Sinn. Um diesen speziellen „Kundenkreis“ kümmerte sich Abteilung K, welche sich in der oberen Etage befand.
Die Mitarbeiterinnen der sich im Zimmer 3 befindlichen Meldestelle, brauchten sich bislang kaum mit menschlichen Tragödien auseinandersetzen. Wer zu ihnen wollte beispielsweise lediglich einen Personalausweis beantragen, eine Adresse ummelden oder ein „polizeiliches Führungszeugnis“ beantragen. Die ganz profanen Dinge des Alltags eben, bei denen in aller Regel keine einzige Träne vergossen wird. Ein weiterer Aspekt, die Bearbeitung von Reiseanträgen in die sozialistischen Länder, gab ebenfalls kaum Anlass für „Herzeleid“. Das sollte sich aber Anfang August 1989 drastisch ändern! Ein vor Wut schnaufender kräftig gebauter Mann, dessen rot verfärbtes Gesicht einen Kreislaufkollaps befürchten lies, stürmte aus dem Zimmer 3. „ Jetzt habe ich aber die Schnauze voll“, tobte er mit der Stimme eines Opernbaritons. „ Ich trete aus der Partei aus, noch heute. Meinen Mitgliedausweis drücke ich dem Pawlak* persönlich in die Hand.“ Ein in diesem Augenblick den Flur betretender älterer Herr erkundigte sich nach dem Grund dieses Wutausbruches. „ Die haben mir die Reise nach Ungarn nicht genehmigt! Menschenskind ich fahre jedes Jahr mit meiner Sippe an den Balaton. Da schindert man die ganze Zeit wie eine Hafennutte, rennt zu jeder Parteiversammlung und jetzt darf ich nicht nach Ungarn. Die denken doch nicht etwa das ich abhaue? Ist doch einfach nur lächerlich Mensch!“ So wie er, so mussten auch noch viele andere in diesem Jahr auf ihren Ungarnurlaub verzichten. Wer nach Ungarn reisen wollte, wurde von den Sicherheitsorganen mit dem selben Aufwand überprüft, als wenn es sich um einen Trip in die Bundesrepublik handeln würde. Es brauchte nicht einmal der Verdacht einer geplanten „Republikflucht“ bestehen, um das Visum für die Ungarische Volksrepublik zu verweigern. Dem Antragsteller konnte auch, genau wie bei einem Reisewunsch in die BRD, seine jetzige berufliche Stellung oder die eventuelle Verwendung als „Spezialist“ während des Wehrdienstes, zum Verhängnis werden. Mit dieser Maßnahme wollte die Führung der DDR den Massenexodus über Ungarn gen Westen, Einhalt gebieten. Mit diesem „strategischen Geniestreich“ vergrämte die hilflose Führung nun auch noch die letzten Getreuen. Wie sagte doch der Volksmund so schön: „ Genossen, noch vor einem Jahr standen wir kurz vor dem Abgrund. Heute sind wir schon einen Schritt weiter.“


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


nach oben springen



Besucher
22 Mitglieder und 53 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: gerhard
Besucherzähler
Heute waren 879 Gäste und 84 Mitglieder, gestern 3956 Gäste und 189 Mitglieder online.

Forum Statistiken
Das Forum hat 14369 Themen und 557950 Beiträge.

Heute waren 84 Mitglieder Online:

Besucherrekord: 589 Benutzer (24.10.2016 20:54).

Xobor Ein eigenes Forum erstellen