#81

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 29.03.2011 13:10
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von Zaunkönig
Guten Morgen oderbruchfotografierender ABV Uwe,
habe gerade den letzten Teil Deiner Erlebnisse in mein Schreibprogramm kopiert. Ist, wie die vorigen Teile auch, wiedermal Klasse geschieben. Sind inzwischen schon 21 Seiten geworden.
Peter, der Zaunkönig



Danke für die lobenden Worte, Peter
Dann werde ich mal dein Schreibprogramm noch etwas anwachsen lassen.

Sonnige Grüße aus dem Oderland
Uwe


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#82

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 03.04.2011 17:19
von teemann | 8 Beiträge

Zitat von GilbertWolzow
@uwe, an deinem letzten beitrag ist nüscht rumzumaulen , aber eine frage hätte ich: die moped´s die viele abv´s fuhren, waren doch "schwalben". waren das dienst- moped´s oder musste man sich jeder "dorf-sheriff" den fahrbaren untersatz privat zulegen? warum hat man sich als "dorf-sheriff" freiwillig auf so eine gurke gesetzt und sich nicht stattdessen eine 250´er mz geholt? wie ich lesen konnte, hat dein dich kontrollierender hauptmann auch eine 250´er mz gefahren. oder gab es eher ein internes ranking ?




da fällt mir übrigens eine Quizfrage ein:
"Was war in der DDR Tierquälerei ???"

die Antwort:
"ein ABV auf ner Schwalbe"


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#83

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 03.04.2011 17:56
von ABV | 4.202 Beiträge

Der war echt gut. Fast so gut, wie der " Große grüne Greifvogel mit drei Buchstaben."
Man muss auch mal über sich selber lachen können.

Gruß an alle
Uwe


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#84

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 19.05.2011 21:17
von ABV | 4.202 Beiträge
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#85

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 19.05.2011 21:19
von ABV | 4.202 Beiträge

Hallo Freunde!
Heute mal wieder eine Vorabvorstellung eines Kapitels meines geplanten Buches
Viel Spaß beim Lesen, euer Uwe

Streife in einem Dorf zu laufen, ist etwas anderes als in einer Stadt. Während in einer Stadt ein Polizist mit Kartentasche und Funkgerät gewissermaßen zum Bild gehört, fällt man in einem knapp fünfhundert Seelen zählenden Nest wie Libbenichen natürlich sofort auf. Es hatte sich mittlerweile herumgesprochen, dass ich der neue Abschnittsbevollmächtigte bin. Die Leute reagierten mit einer Mischung aus Gleichgültigkeit und Misstrauen. Vertrauen muss man sich erst erarbeiten, tröstete ich mich in Gedanken. Immerhin verzichteten nun die Traktoristen auf ihr mittägliches Bier, was sie sonst immer vor dem Konsum tranken. Zufrieden über die ersten Früchte meiner Arbeit, setzte ich meinen Streifengang fort. Frau N., eine wegen ihrer Schwatzhaftigkeit und Neugier geradezu berüchtigte Dorfbewohnerin, radelte gerade die Straße hinunter. Sie stoppte direkt vor mir und schwang sich im kühnen Schwung vom Sattel ihres postgelben Diamantrades. „ Sie sind doch jetzt unser neuer ABV?“ „ Ja das bin ich“, bestätigte ich nicht ohne Stolz. „ Na das wird ja mal Zeit, dass wir hier einen vernünftigen Sheriff bekommen!“ Diese Worte waren natürlich Balsam für meine Seele, genau so etwas will ein Polizist von der Bevölkerung hören. Aber wie definiert man eigentlich einen „ vernünftigen Sheriff?“ Viel Zeit zum nachdenken blieb mir nicht, denn Frau N. klagte mir nun die nächsten zehn Minuten ihr Leid. Seit Jahren lagen die benachbarten Familien N. und M. miteinander im Clinch. Warum, weswegen oder was nun der Auslöser der Familienfehde war, wussten die Beteiligten wahrscheinlich selbst nicht mehr. An manchen Tagen genügte ein Funken, um das nachbarliche Pulverfass in die Luft zu jagen. Ausgelöst wurden die jeweiligen Szenarien, von den jeweiligen Damen. Wen wundert es, so etwas muss in der weiblichen Psyche liegen. Während die Damen die Situation bis zur endgültigen Eskalation hoch schaukelten, versuchten sich die Männer in Schadensbegrenzung. In Anbetracht möglicher Sanktionen, wie zum Beispiel Liebesentzug, mussten die Ehemänner nun doch Partei für die jeweilige „bessere Hälfte“ ergreifen. „ Stellen Sie sich vor, Herr Bräuning“, schnaufte Frau N. noch immer sichtlich aufgewühlt. „ Stellen Sie sich vor, ich hänge gestern Wäsche auf, da beschimpft mich die M. tatsächlich über den Zaun. Die Worte waren so gemein, die kann ich jetzt nicht wiedergeben. Aber so geht das nun schon bald jeden Tag. Ich halte das nicht mehr aus. Ihr Vorgänger, diese Flasche, hat ja überhaupt nichts unternommen. Den war das absolut egal, na der kennt die Familie M. ganz gut. Darum war er ja auch auf ihrer Seite.“ Am Augenaufschlag war deutlich zu erkennen, welche großen Erwarten Frau N. ausgerechnet in meine Person setzte. Wenn Sheriff Bräuning in Libbenichen einreitet, herrscht wieder Ruhe und Ordnung am Gartenzaun. „ Frau N. wann immer Sie mich brauchen, rufen sie einfach an! Dieser Zustand muss beendet werden, notfalls muss gegen Familie M. ein Ordnungsstrafverfahren eingeleitet werden.“ Gut gebrüllt Löwe! In meinem Übereifer bemerkte ich nicht, dass ich gerade dabei war einen der schlimmsten Fehler zu begehen, der einen Polizisten unterlaufen kann. Ich hatte vorschnell und ohne die Gegenseite anzuhören, Partei für jemanden ergriffen. Vor allem aber meine Zusage, dass Frau N. jederzeit nach mir verlangen konnte, sollte noch gravierende Folgen haben.
Schon am nächsten Abend gegen 22:00 Uhr, ich war gerade von der Grenzstreife an der Oder zurück, piepste mein Funkgerät. Hundemüde und alles andere als begeistert, trabte hinunter zur Wohnung meines Nachbarn. Dieser, ein Oberleutnant der Kriminalpolizei, verfügte als einzigster im Hause über einen dienstlichen Telefonanschluss. Der arme Kerl hatte die undankbare Pflicht diesen Apparat bei Bedarf jederzeit zur Verfügung zu stellen. Ich meldete mich vorschriftsmäßig beim Diensthabenden. „ Hauptwachtmeister Bräuning, ihr habt mich gerufen?“ Auf der anderen Seite meldete sich der stets gut gelaunte Oberleutnant Karl-Heinz N. „ Sag mal Uwe,“, erkundigte sich Karl-Heinz dabei das e am Ende meines Vornamens betonend, „ sag mal Uwe, was hast du mit der Frau N. aus Libbenichen ausgemacht?“ „ Was? Na gar nichts“, stammelte ich. Siedendheiß fiel mir nun das gestrige Gespräch auf der Libbenichener Dorfstraße ein. „ Du sollst ihr versichert haben, immer für sie dazusein. Nun verlangt sie ausdrücklich nach dir. Es gibt da wohl irgendwelche Streitigleiten mit ihren Nachbarn. Was genau hat sie nicht gesagt. Du aber Bescheid. Na dann schwinge dich mal aufs Moped und fahre nach Libbenichen. Wer solche Aussagen trifft, der muss auch damit rechnen, dass man ihm beim Wort nimmt.“ Verdammte Scheiße, fluchte ich. Nun hieß es wieder hinein in die Uniform und ab durch die Nacht nach Libbenichen. Eine halbe Stunde später traf ich bei der völlig aufgelösten Frau N. ein. Herr N., ein ruhiger netter Genossenschaftsbauer, hielt sich im Hintergrund. Es war kaum zu übersehen, wie peinlich ihm die ganze Situation war. Wie immer war es auch an diesem Abend zu einem verbalen Wortgefecht zwischen der holden Weiblichkeit gekommen. Diesmal soll aber Herr M. , der vom Charakter auffallende Ähnlichkeiten zu seinem Leidensgefährten vom anderen Ende des Zauns aufwies, ins Geschehen eingegriffen haben. Nicht aktiv, aber Frau N. fühlte sich dennoch bedroht und war sich nun ihres Lebens nicht mehr sicher. Ich hörte mir nun erst die Version der Frau N. an, was einige Zeit in Anspruch nahm. Anschließend begab ich nun zur Familie N., die, bestehend aus Mutter, Vater und dem sechzehnjährigen Sohn, vollzählig versammelt in der Wohnstube saß. Möglicherweise erwarteten sie mich bereits, da Frau N. sich ganz sicher nicht verkneifen konnte, mit ihrer „Geheimwaffe“ zu drohen. Hier herrschte wahrlich dicke Luft, was nicht nur an den Unmengen von den drei Mitgliedern der Familie M. vor meinem Eintreffen gerauchter „ Cabinet“ liegen konnte. In ihren Gesichtern wiederspiegelte sich jene trotzige Haltung, mit der die Menschen auch schon in der DDR „ihrer“ Polizei gegenübertraten.
Wie sich doch die Bilder ähnelten: auch hier wurde ich vom Wortschwall der Hausherrin beinahe zugedeckt. Diese behaupte nun ihrerseits, von der Frau N, beleidigt worden zu sein. „ Da läuft ja die dämliche Kuh“, soll Frau N. laut und vernehmlich gesagt haben. Na gut, jeder zieht sich die Jacke an, die ihm passte. Nein, nein! Das hatte ich nur gedacht, nicht aber gesagt. Ganz so plump, begann meine Karriere als ABV nun doch wieder nicht. „ Gibt es Zeugen dafür?“, erkundigte ich mich in der Hoffnung, dass es keine gab.
„ Natürlich mein Mann hat das auch gehört. Und nun möchte ich Anzeige wegen Beleidigung erstatten.“ Auch das noch und vor allem um diese Zeit! „ Frau N. behauptet aber, dass sie von ihnen beleidigt wurde. Es soll ja auch nicht das erste Mal gewesen sein“, fügte ich mit gewichtiger Mine hinzu. Frau M. sprang von ihrem Sessel hoch, dabei verfärbte sich ihr schmales Gesicht puterrot. „ Bernd, du trittst sofort aus der Partei aus, wenn wir hier nicht unser Recht bekommen. Die Familie N. kann sich erlauben was sie wollen, so geht das nicht!“ Verdammt noch mal, nun drohte der verdammte Nachbarschaftsstreit auch noch eine ungeahnte politische Komponente zu bekommen. Im „Kreml“, der SED-Kreisleitung Seelow, war man sicher nicht amused, wenn sich die Reihen der ohnehin gebeutelten „Avantgarde der Arbeiterklasse“ noch weiter lichten. Nicht auszudenken, wenn Genosse M. seinen Schritt mit „ Enttäuschung über die Willkürmaßnamen der Volkspolizei“ begründet. Das gibt Abzüge in der „B-Note“, von den vielen unangenehmen Nachfragen ganz zu zweifeln. „ Uns allen wäre schon damit geholfen, wenn die Streitereien endlich aufhören würden. Im übrigen hat sich Frau N. heute von ihrem Mann bedroht gefühlt...“ „ Von meinem Bernd?“, piepste die M. im Brustton der Empörung. Tatsächlich, wie er so versunken und gekrümmt im Fernsehsessel hockte, wirkte der mit einem kaum mehr zu übersehendem Bierbauch „gesegnete“ Gatte, nun wahrlich nicht sehr bedrohlich. „ Irgendwie soll da etwas vorgefallen sein“ deutete ich gegenüber dem Ehepaar M. an. Mehr konnte ich ja auch gar nicht sagen, denn Frau N. hatte sich mir gegenüber schließlich auch nur mit Andeutungen begnügt. Zu meinem Leidwesen begann nun Frau M. ihrerseits die Familie N. in den „schwärzesten Farben“ zu schildern. So wie sich die Angelegenheit darstellte, war es nur eine Frage der Zeit, bis die Parteien tatsächlich an die Wäsche gingen. Die Gründe der mit Feuereifer geführten Wortgefechte hätten selbst der kleinen Gruppe des Libbenichener Kindergartens die Schamesröte ins Gesicht getrieben. Mit was sich so ein ABV aber auch so alles beschäftigen muss! Für spannende Kriminalfälle blieb kaum noch Zeit, gesetzt dem Fall das endlich mal etwas aufregendes passiert in dieser Gegend. Falls die sich wirklich gegenseitig abmurksen, bekomme ich meinen ersten großen Fall... Ein ebenso verführerischer, wie ketzerischer Gedanke. Außerdem wäre es wohl nicht gut für mein Image, wenn ausgerechnet ein Streit den ich schlichten sollte, so mörderisch eskaliert. Nun ist so lange nichts passiert, da kann meine lang ersehnte Bewährungsprobe auch noch warten. Es war nun an der Zeit, die Initiative zu übernehmen. „ Wer nun Schuld hat, oder nicht, kann heute ohnehin nicht mehr geklärt werden. Uns allen wäre sehr damit geholfen, wenn hier zukünftig Ruhe herrscht. Vielleicht sollte man nicht jedes Wort auf die „ Goldwaage“ legen? Ihr seid doch alle erwachsene, vernünftige Menschen..“ So ein Appell an die Vernunft hilft immer. Oder besser gesagt, fast immer! Für diese Nacht konnte ich beiden Parteien noch das Versprechen abluchsen, Ruhe zu geben. Gegenüber Frau N. lies ich offen, ob und welche Sanktionen der Familie M. drohen. Mir war längst klar geworden, dass das kein Fall für die Polizei, sondern eher für die Schiedskommission war. Jeder einzelne Akteur trug genauso viel oder so wenig Schuld an der Situation, wie der andere. Aber genau das wollte eben niemand einsehen. Ganz unzufrieden war ich mit dem Ergebnis meines Einsatzes nun auch wieder nicht. „ Ruhe und Ordnung wiederhergestellt. Die Parteien wurden belehrt und halten jetzt für den Rest der Nacht Ruhe.“ , meldete ich telefonisch von meinem Sachsendorfer Dienstzimmer aus.
„ Hat noch irgendjemand Ansprüche an die Polizei, oder ist die Angelegenheit ein für alle Male damit erledigt?“ Mein Gott das der „ Operative Diensthabende“ auch alles immer so genau wissen muss! „ Na ja, dass kläre ich am morgigen Tage“, lautete meine salomonische Antwort. „ Willst du noch mal mit den Leuten reden?“ „ Ja, aber dann in Ruhe. Jetzt bringt das nicht viel.“ Gott sei Dank gab sich Oberleutnant Nau. mit der Antwort zufrieden. Mittlerweile war es 01:00 Uhr morgens, in gut drei Stunden musste ich wieder an die Staatsgrenze. Mit dem Wort Grenze motivierte ich mich mittlerweile selbst. Das klang doch besser, als Streife auf dem Oderdamm laufen. Staatsgrenze klang doch viel gewaltiger und wichtiger, so als ob ich die Invasion eines mächtigen Feindes verhindern sollte. Dabei handelte es sich doch vielmehr im Gegenteil um einen Exodus der eigenen Bevölkerung. Selbst in meinen kühnsten Träumen hätte ich mir niemals träumen lassen, dass dieses Standartproblem der DDR auch einmal an der Grenze zu Polen akut werden könnte. Nun schnell nach Hause und schlafen, wer weiß was mich in wenigen Stunden erwartet.
Lange Rede kurzer Sinn, an den nächsten Abenden rief Frau N. wieder im VPKA an. „ Herr Bräuning hat gesagt, er kommt auf jeden Fall.“ Mit diesem Satz überzeugte Frau N. auch den skeptischsten Diensthabenden. Ich fühlte mich angesichts der hoffnungslos verfahrenen Lage, hilflos und ausgepowert. Mittlerweile hatte Hauptmann B., mein besorgter Vorgesetzter, von der Bürgermeisterin „ Wind von der Sache bekommen.“ „ Sag mal was machst du denn da für eine Scheiße?“, tadelte er mich in der ihm eigenen unnachahmlichen Art und Weise.
„ Warum in aller Welt fährst du jeden Abend von Manschnow nach Libbenichen? Ich denke du bis jung verheiratet, da hat man doch andere Hobbys?“ „ Was kann ich dafür, wenn die sich jeden Abend streiten“, entgegnete ich ungewollt patzig. „ Du kannst nichts dafür. Aber du musst Abhilfe schaffen, sonst hat das ja nie ein Ende.“ Nun durfte ich, wie so oft, erleben wie ein erfahrener Polizist auch den schwierigsten Nachbarschaftsstreit beilegt. Beide Familien wurden kurzerhand in den „ Rat der Gemeinde“ bestellt. Im Beisein von Hauptmann B., der Bürgermeisterin und meiner Wenigkeit, durften die plötzlich sehr „zahmen Streithammel“ ihre Sicht der Dinge darlegen. Plötzlich war nun alles nicht mehr so schlimm, bestimmt handelte es sich einfach nur um Missverständnisse. Verdammt und deswegen habe ich mir nun die Nächte um die Ohren geschlagen? Hauptmann B.s lockere Art imponierte ihnen sichtlich und schuf eine beinahe freundschaftliche Atmosphäre. Jetzt fehlte nur noch, dass die einst verfeindeten Parteien weinend um den Hals fallen. So weit kam es aber dann doch nicht. Immerhin hatte ich in diesen Tagen wieder eine ganze Menge dazugelernt. Eines wurde mir auf jeden Fall klar: von einem richtigen Abschnittsbevollmächtigten trennten mich Lichtjahre an Erfahrung.


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#86

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 19.05.2011 22:48
von Commander | 1.037 Beiträge

Hallo ABV,hatte eigentlich etwas anderes vor,aber nach "Überfliegen"dieses Kapitels mußte ich einfach zur ersten Seite und alles lesen.
Hut ab,eine tolle Leistung,ich freue mich schon auf`s nächste.
Gruß Commander.



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#87

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 20.05.2011 08:25
von Zaunkönig | 624 Beiträge

Schon eine ganze Zeit habe ich nach der Fortsetzung gesucht und nicht gefunden. Aber jetzt ist alles wieder da, ich dachte schon Du bist krank. Ja ja, die lieben Nachbarn, ein komisches Wort und schon geht der Zank los, der dann über Jahre dauern kann. Ist wieder bestens gelungen diese Lektion. Von wegen neue Besen kehren gut. Die Dinger müssen erst mal eingearbeitet werden.
Noch recht viel weitere Folgen wünscht sich
Peter, der Zaunkönig


März 1959 bis Mai 1962 an der Grenze in Berlin vom Norden bis an die Stresemannstraße
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#88

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 20.05.2011 08:47
von Gert | 12.354 Beiträge

Das war eine erfrischende Morgenlektüre , so direkt nach dem Frühstück. Besten Dank Gert

P.S. und immer eine Handbreit Wasser unter dem Schiff. Im Rhein ist gerade noch so viel, wie sieht es in der Oder aus ?


.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
Geld ist geprägte Freiheit!
Dostojewski 1866
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
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#89

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 20.05.2011 08:52
von exgakl | 7.223 Beiträge

na endlich gehts weiter Uwe.... ich hab schon drauf gewartet, man kann ja nicht immer nur den Stasi-Streit lesen


Man sollte niemanden mit Tatsachen verwirren, der sich seine Meinung schon gebildet hat....
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#90

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 20.05.2011 11:40
von GZB1 | 3.286 Beiträge

@ABV

liest sich wirklich gut, weiter so.


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#91

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 20.05.2011 16:24
von ABV | 4.202 Beiträge

Hallo Freunde!
Erstmal vielen herzlichen Dank an alle Kommentatoren. Ich denke mal in den nächsten Tagen geht es mit einer Fortsetzung weiter. Gert zu deiner Frage, diu wirst es nicht glauben, aber de Pegel der Oder ist sogar noch etwas höher als normal. Wir Ostler tanzen eben immer etwas aus der Reihe. Die Niederschläge in Deutschland wirken sich auf den Oderpegel nur sehr wenig aus. Entscheidend ist, wie viel oder wie wenig es in Polen und Tschechien, dem Quellgebiet der Oder, regnet. Wir könnten also rein theoretisch in Brandenburg die schlimmste Dürre erleben und trotzdem mit Hochwasser kämpfen. Den Rheinpegel beobachte ich immer bei Wetteronline, dass ist schon erschreckend, was man dort liest.


Gruß an alle
euer Uwe


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#92

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 20.05.2011 17:28
von Zkom IV | 320 Beiträge

Hi Uwe,

habe auch schon sehnsüchtig auf eine Fortsetzung gewartet. Nun ist sie endlich da. Zustimmung auch für @ exgakl. Es ist sehr entspannend mal keine "Endlos- Diskussion" über das gute oder auch schlechte Wirken gewisser Organe lesen zu müssen.

Bin wie immer auch auf die nächste Fortsetzung gespannt. Mach weiter so.

Und... weiter Gute Besserung und alles immer schööööön mit der Ruhe!!

Gruß Frank



zuletzt bearbeitet 20.05.2011 17:32 | nach oben springen

#93

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 20.05.2011 18:42
von ABV | 4.202 Beiträge

Danke Frank!
Keine Sorge, beim Schreiben pegelt sich mein Blutdruck immer im normalen Bereich ein.

So und nun das nächste update

Hin und wieder ereignen sich Dinge, die man vorher nie für möglich gehalten hätte. Bei der letzten abendlichen Streife in Dolgelin war es mir gelungen, über meinen Schatten zu springen. Mir war es tatsächlich gelungen, mit den Jugendlichen des Ortes ins Gespräch zu kommen. So etwas ist nie leicht, vor allem nicht für einen uniformierten Polizisten. Schon seit der Steinzeit und womöglich noch viel früher, gibt es Differenzen zwischen so genannten Autoritäten und jungen Menschen. Waren wir anders? Gott bewahre! Auf Duckmäusern lässt sich nun mal keine Zukunft aufbauen, auch wenn es für die regierenden doch recht bequem wäre. In meiner altbekannten Art hätte ich den ersten Kontakt beinahe in bewährter Art und Weise prompt vermasselt. In Ermangelung eines echten Jugendklubs musste in Dolgelin die Dorfstraße gewissermaßen als „inoffizieller Jugendtreff“ herhalten. Während ich durch die den noch sehr warmen Frühherbstlichen Abend zu einer Streife nutzte, versammelten sich ungefähr fünfzehn Jugendliche mit ihren Mopeds, meist handelte es sich um Fahrzeuge des Typs „S51“, am Straßenrand. Zunächst reagierte ich so wie immer. Ich zeigte offen und demonstrativ „Präsenz“. Seht her, die Volkspolizei hat ein wachsames Auge auf euch, sollte das heißen. Das so etwas auch nach hinten losgehen kann, weil es einfach provozierend wirkt, ist ja schon aus einem früheren Kapitel her bekannt.
Haben da nicht ein paar Burschen Bierflaschen in der Hand? Die wollen doch nicht etwa nachher unter Alkoholeinfluss mit ihren Karren durchs Dorf fahren? Das verlangte ja geradezu nach einem polizeilichen Einschreiten! Aber wie sollte ich mich, zu Fuß, alleine mit ein paar betrunkenen Mopedfahrern fertig werden? So lange die mich sehen, fährt ohnehin keiner. So respektlos sind auch nicht. Oder doch? Also, zurück ins Dienstzimmer und aus Seelow einen Streifenwagen anfordern. Ein gestellter alkoholisierter Kraftfahrer und wenn es nur ein S51-Rocker war, macht sich immer gut für die Statistik. Aber die Ernüchterung folgte auf den Fuß! „ Du weißt doch, dass der Streifenwagen wegen der Situation an der Grenze in Seelow zu bleiben hat. Da muss schon etwas weltbewegendes passieren. Kommst du mit den paar Mopedfahrern nicht alleine klar?“, brummte der „ Operative Diensthabende“. Wie konnte ich auch nur solch eine dämliche Frage stellen? Schon seit Tagen waren die Funkstreifenwagen nur damit beschäftigt, die „illegalen Grenzgänger“ von der Oder in den Gewahrsam des VPKA zu bringen. Die DDR steckt in der Krise und ich Trottel will besoffene Mopedfahrer einfangen. Schweren Herzens begab ich mich zurück auf die Straße.
Die Jugendlichen mit ihren Mopeds hatten mich natürlich längst bemerkt. Ich wich ihnen nun nicht mehr aus, sondern lenkte meine Schritte in ihre Richtung. „ Guten Abend, Jungs und Mädels“, grüßte ich. Dabei versuchte ich so entspannt wie möglich zu wirken. Das Wetter meinte es an diesem Abend tatsächlich gut mit den Oderländern. Man fühlte sich beinahe in den Juli zurückversetzt. Im Dämmerlicht des scheidenden Tages spielten unzählige Mücken in der langsam wie ein glühender Feuerball am westlichen Horizont versinkenden Sonne.
„ Tag Herr Polizist“, erwiderte eine glockenhelle Mädchenstimme meinen Gruß. Die anderen Jugendlichen, von denen niemand älter als zwanzig Jahre sein konnte, musterten mich dagegen schweigend. Wahrscheinlich fürchteten sie, von ihrem Platz vertrieben zu werden. Hatten mir meine Sinne einen Streich gespielt? Ich konnte keine Bierflaschen mehr entdecken. „ Haben wir was angestellt? Hat sich wieder jemand über uns beschwert?“, erkundigte sich ein kräftiger dunkelhaariger Bursche. Seinem gereizten Tonfall nach zu schließen, gehörten Respekt und Achtung vor der Polizei nicht gerade zu seinen Grundtugenden. „ Nein, hier hat sich niemand beschwert“, versuchte ich ihn zu beruhigen. „ Nein? Und was wollen Sie dann von uns?“ Der Bursche hatte die Daumen unter seine Hosenträger mit welchen er eine ausgewaschene Jeans vom Herunterrutschen bewahrte, geschoben. Wie er so dastand, vor der Gruppe seiner schweigenden Kumpels, wirkte der junge Mann wie ein Rummelboxer vor dem Kampf. „ Ich bin nur auf Streife, mehr ist nicht“, entgegnete ich. Das war wieder so eine Situation, von der man auf keiner Polizeischule etwas hört. Zu mindest nicht in der Volkspolizeischule in Neustrelitz, wo ein großer Teil des Lehrstoffes aus Marxismus-Leninismus bestand. Den Rest schult das Leben und ich war gerade mitten in einer Lektion. „ Seit wann kommen denn die Bullen extra aus Seelow, um in Dolgelin Streife zu laufen?“ „ Ich bin hier der neue ABV“, antwortete ich so bestimmt wie möglich. Sehr viel Respekt konnte ich tatsächlich nicht erfahren. Mein Alter, ich war damals erst fünfundzwanzig Jahre alt, erwies sich als großes Manko. Es wäre besser gewesen, wenn für solch eine verantwortungsvolle Tätigkeit wie die des Abschnittsbevollmächtigten, eine Mindestaltersgrenze von mindestens vierzig Jahren bestanden hätte. Aber das war nun einmal aus „personaltechnischen Gründen“ nicht möglich, so dass junge Polizisten mit ihrem Mangel an Lebenserfahrung von einem „ Fettnapf in den nächsten trampeln mussten.“ Um dennoch Stärke zu zeigen, konnte ich mir ein paar moralinsaure Belehrungen nicht verkneifen. „ Noch hat sich keiner über euch beschwert. Aber zu hören wart ihr trotzdem. Vielleicht könnt ihr ja etwas leiser sein, die Anwohner möchten schließlich schlafen. Da ist es nicht so schön, wenn ihr hier auf der Straße steht und Musik hört.“ Ein Mädchen hatte tatsächlich ein Kassettentonband der Marke „Stern“ dabei, so wie ich früher. Und meine Musik war noch viel lauter, was ich in diesem Moment natürlich „verdrängt“ hatte. „ Wir wollen ja gar nicht auf der Straße stehen. Aber wo sollen wir denn hin?“, gab ein anderer Jugendlicher zu bedenken. Meinen gutgemeinten Hinweis auf den Bürgermeister erregte ungewollt Heiterkeit. „ Haben wir doch alles schon gemacht. Für einen Jugendklub sind weder Finanzen noch Räumlichkeiten vorhanden, wurde uns gesagt“, sagte ein schmächtiger blondgelockter Junge. „ Ich rede Morgen mit dem Bürgermeister“, versprach ich vorschnell wie immer. „ Ich setzte mich für euch ein. Außerdem können wir somit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: ihr habt euren Klub und die Leute ihre Ruhe. Ordnung und Sicherheit sind zwei gute Argumente, denen sich auch ein Bürgermeister nicht verschließen kann.“ „ Das würden Sie für uns tun?“ Ich glaubte nun in den Augen der Jugendlichen so etwas wie freudiges Leuchten, gepaart mit Anerkennung für meine Person, zu erkennen.
„ Uwe du sollst dich doch nicht immer so weit aus dem Fenster lehnen“, säuselte mir ein kleiner unsichtbarer Engel ins Ohr. Leider erwischte der himmlische Flattermann meine taube Seite, so dass ich ihn ignorierte.
Das Gespräch mit dem Bürgermeister fand aber tatsächlich statt. Es endete nach wenigen Augenblicken mit einem müden, mitleidigen Lächeln des „Dorfhäuptlings“. Es war eben kein Geld da, für einen Jugendklub. Da konnte auch ein Abschnittsbevollmächtigter nichts unternehmen! Auch wenn er sich, wie mein frustrierter Schutzengel zu sagen pflegte, „ zu weit aus dem Fenster gelehnt hat.“
Auf jeden Fall war nun das Eis zwischen mir und den Jugendlichen etwas gebrochen. Nach zögerlichen, gegenseitigem Abtasten, begann sich tatsächlich eine Konversation zwischen uns zu entwickeln. „ Was sagen Sie eigentlich zu der Geschichte mit dem verschleppten Mitropa-Koch, die heute in der Zeitung stand? Da sollen doch die bösen Bundesdeutschen einen Koch aus der DDR mit einer Mentholzigarette betäubt und in die bundesdeutsche Botschaft in Budapest verschleppt haben“, wurde ich plötzlich unvermittelt gefragt. Diese Frage brachte mich völlig aus dem Konzept. Ich kannte den Artikel. Er kam mir aber, vorsichtig ausgedrückt, reichlich „komisch“ vor. Aber genau das konnte ich doch auf keinen Fall vor der versammelten Dorfjugend behaupten. „ Na ja, also den westlichen Geheimdiensten muss man alles zutrauen“, stammelte ich. Johlendes Gelächter, die einzig mögliche Reaktion auf diesen Blödsinn, erklang weithin hörbar durch das abendliche Dolgelin. Lieber Gott lass das Pflaster dieser Straße aufgehen und verschlucke mich, flehte ich in Gedanken. So etwas nennt man wohl „ Schere im Kopf“. Du bist gezwungen etwas zu vertreten, ohne selbst von dessen Wahrheitsgehalt überzeugt zu sein. Ein Abschnittsbevollmächtigter der öffentlich einen auch im „ Neuen Deutschland“ dem „ Zentralorgan der SED“ erschienen Artikel öffentlich anzweifelt, dürfte in große berufliche Schwierigkeiten kommen. Aber vielleicht war ja an der Geschichte doch etwas dran, so unwahrscheinlich sie auch anmutet. Nur warum soll der Bundesnachrichtendienst ausgerechnet einen unbedarften MITROPA-Boulettenschmied entführen, wenn täglich mehrere tausend DDR-Bürger freiwillig gen Westen strömen. Von denen wird doch bestimmt jemand kochen können, falls es dem BND nun auf einen Vertreter dieses speziellen Berufszweiges angekommen war. MITROPA-Essen in der BND-Kantine? Vielleicht wollen die „Schlapphüte“ auf diese Art und Weise die Mägen ihrer potentiellen DDR-Agenten abhärten? Quatsch! Aber ein guter ABV muss nun einmal alles was offiziell in der DDR verbreitet wird, verteidigen. Auch wenn er sich dabei zum „Klops“ macht.
Am nächsten Tag sollte sich in meinem Abschnitt ein Ereignis anbahnen, welches meine bisherigen Zweifel an der Ehrlichkeit der DDR-Presse auf bizarre Art und Weise steigern sollte.


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#94

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 21.05.2011 20:08
von ABV | 4.202 Beiträge

Und hier das nächste update.

Viel Spaß damit

euer Uwe

Am nächsten Tag erreichte mich ein Anruf von Hauptmann Werner Th. Neben seiner Tätigkeit als ABV in Golzow, fungierte er zurzeit als Gruppenpostenleiter. Manfred B. hatte seinen verdienten Urlaub angetreten und war für ein paar Tage mit seiner Familie verreist.
Werner informierte mich, dass um die Mittagszeit ein Genosse O. von der Seelower Kreisdienststelle für Staatssicherheit in meinem Dolgeliner Dienstzimmer erscheinen wird.
„Der will irgend eine Aktion mit dir besprechen. Höre gut zu und vermassele das nicht“, ermahnte mich Th.
Donnerwetter, wenn die Staatssicherheit sich hinausbemüht, dann kann es sich ja wirklich nur um etwas sehr wichtiges handeln. Von den anderen Kollegen wusste ich bereits, dass sich das MfS bei Bedarf gerne an den Abschnittsbevollmächtigten wendete. War dieser doch, schon von Amts wegen, zu jeglicher Auskunft verpflichtet. Natürlich lag es am Abschnittsbevollmächtigten selbst, was dieser dem MfS mitteilte. Es gab einige Dorfpolizisten, die sich im Falle eines Falles schützend vor in Verdacht geratene Einwohner ihres Abschnittes stellten. So wie im Fall von Oberleutnant Bruno R., in den siebziger und frühen achtziger Jahren Abschnittsbevollmächtigter in Sietzing. Eines Tages hatten dort unbekannte Täter ein paar Fahnen heruntergerissen, wobei ein paar Jugendliche aus dem Ort sehr schnell in den Fokus der Ermittlungen gerieten. „ Das sind alle gute Jungs, fleißig und anständig. Die machen so etwas nicht“, so lautete das mündliche Zeugnis das ihnen ihr ABV ausstellte. Die Ermittlungen verliefen im Sande und die „guten Jungs“ durften aufatmen.
Da ich die Leute in meinem Abschnitt selbst kaum kannte, dürfte mein Nutzen als Auskunftsperson allerdings sehr eingeschränkt sein. Selbst um jemanden als „guten Jungen“ einzuschätzen, reichte eine Dienstzeit von knapp drei Wochen nicht aus. Was also wollte der Vertreter der „obersten Staatsnacht“ von mir?
Genosse O. erschien tatsächlich pünktlich um 12:00 Uhr mittags in meinem Büro. Vom Sehen her war er mir bereits bekannt. Er gehörte zu jenen operativen Stasi-Mitarbeitern, welche im Seelower VPKA quasi ein und aus gingen. Mit der schmalen goldfarbenen Brille und seinem stets höflich zurückhaltenden Auftreten, erinnerte O. mehr an einen Lehrer als an einem Geheimdienstmitarbeiter. Kein Wunder, hatte er doch noch bis vor ein paar Jahren an einer „Polytechnischen Oberschule im Kreis Seelow“ Kindern das „ Einmaleins“ beigebracht. Meine Schwiegermutter, die ebenfalls Lehrerin war, hatte ihn als einen sehr netten Kollegen in Erinnerung. Was hat solch einen Mann dazu bewogen, ausgerechnet zum MfS zu wechseln? Einsicht in die Notwendigkeit oder war es die Aussicht auf eine bessere Bezahlung? Immerhin entstammte O. einer Funktionärsfamilie, deren Mitglieder in den verschiedensten Gremien des Kreises Seelow arbeiteten. Dieser Umstand prädestinierte ihn aus „kaderpolitischer Sicht“ geradezu für eine Karriere im MfS, da sich die „Firma“ nur aus Mitgliedern solch „lupenreiner“ sozialistischer Vorzeigefamilien rekrutierte. Bei der Volkspolizei sah man das nicht ganz so streng, obwohl man auch dort auf den familiären Hintergrund der Mitarbeiter achtete.
Ich erwartete meinen Gast hinter meinem Schreibtisch. Dort, neben dem Telefon und der Schreibmaschine, fühlte ich mich am sichersten. Man konnte schließlich nie wissen, was O. wirklich wollte. Ehe O. zur Sache kam, stellte er zunächst ein paar belanglose Fragen. So in der Art: „ Wie lange bist du denn schon hier ABV? Wo ist denn der Genosse L.?“ Geheimdienstler und Polizisten müssen immer erst eine „Atmosphäre“ schaffen, ehe sie auf den Punkt kommen. Das funktioniert am besten, wenn man den Gesprächspartner mit möglichst viel „Müll“ voll quatscht. Als O. dann endlich die „Katze aus dem Sack lies“, sollten mir dann doch die Ohren schlackern. In Sachsendorf, also in meinem Abschnitt, wohnte eine Frau T. Diese war bisher keineswegs negativ aufgefallen, galt als fleißig und staatsloyal. Ihr Bruder dagegen, war im August über die ungarische Grenze nach Österreich geflohen. Mittlerweile befand sich der Bruder in einem Notaufnahmelager in der Bundesrepublik. Nun hatte das MfS erfahren, dass sich der verlorene Bruder im Flüchtlingslager nicht wohl fühlte und von starkem Heimweh geplagt wurde. Nur die Angst vor einer Bestrafung hielt ihn von einer Rückkehr in die DDR ab. Jetzt könnte der geneigte Leser auf den Gedanken kommen, dass sich die Staatssicherheit doch freuen könnte. Man könnte doch einfach über die selben Kanäle über welche die Seelenpein des Geflüchteten zur Staatssicherheit drang, dem armen Kerl Straffreiheit zusichern. Wäre doch ein nobler humaner Akt gewesen, der dem angekratzten Image gut getan hätte.
Nein, weit gefehlt! Einfach zurückkommen und so tun als wäre nichts geschehen, dass ging in der DDR beim besten Willen nicht. Wenn schon, dann sollte der „Entfleuchte“ auch etwas für das von ihm so schnöde Heimatland tun! Er sollte nach seiner Heimkehr im Fernsehen der DDR über seine schlimmen Erfahrungen in der Bundesrepublik sprechen. Das in diesem andere bestimmen, was er in der Bundesrepublik wirklich erlebt hat, versteht sich wohl von selbst. Kurz und knapp, die Staatssicherheit plante einen Propagandacoup, um DDR-Bürger welche bereits auf gepackten Koffern saßen, den Westen zu vermiesen. Eine wichtige Rolle in diesem „Schmierentheater“, fiel der Frau T. zu. Diese sollte, im Auftrag der Staatssicherheit, Kontakt zu ihrem Bruder aufnehmen. Als Belohnung sollten die Geschwister eine Neubauwohnung in Frankfurt (Oder) bekommen.
Soviel Offenheit mir gegenüber hatte ich nicht erwartet. Es machte wohl doch einen Unterschied, ob man nur einfacher Schutzpolizist, oder Abschnittsbevollmächtigter ist. Obwohl ich das ja, streng genommen noch gar nicht war. Meine offizielle Dienststellung lautete „Schutzpolizist im Abschnitt“, was ich sehr gerne immer wieder verdrängte. Erst 1992, die erfolgreiche Beendigung meines Studiums vorausgesetzt und der Ernennung zum Leutnant, werde ich mich mit ruhigem Gewissen Abschnittsbevollmächtigter nennen können.
Aber nun wieder zurück zum Thema: Mir war die ganze Zeit aufgefallen, dass O. eine merkwürdig emotionslose Art und Weise an den Tag legte. Wie ein Lehrer, der eine Matheaufgabe an die Tafel schreibt und damit dabei den Lösungsweg erklärt. Einmal Pauker, immer Pauker? Oder zweifelte auch O. langsam an seinen Aufgaben?
„ Wollen wir mal hoffen, dass sich Frau T. zu der Aufgabe bereit erklärt.“, sagte ich nach einigen Sekunden des Schweigens. O. zuckte mit den Schultern. Täuschte ich mich, oder war da ein skeptischer Zug in seinem Gesicht? „ Wenn Frau T. ablehnt, dann können wir auch nichts machen. Zwingen kann man sie nicht, was hätte es auch für einen Sinn?“ Wahrscheinlich überhaupt keinen, dass wussten wir beide wohl am besten. Vielleicht hatte ihn diese Skepsis, verbunden mit dem Wissen über eine mögliche Ablehnung seitens der Frau T., bewogen, bei der Volkspolizei um Amtshilfe zu bitten? Wie sich im weiteren Verlauf des Gesprächs zeigte, sollte ich dem Genossen O. morgen vormittag mein Dienstzimmer zur Verfügung stellen. O. hätte natürlich auch Frau T. in die Kreisdienststelle in Seelow-Zernikow vorladen können. Aber er wollte nicht mit der „Tür ins Haus“ fallen, darum sollte es zunächst so aussehen, als ob lediglich der Abschnittsbevollmächtigte mit Frau T. sprechen möchte. Nur würde sie dann nicht auf mich, sondern eben auf den Genossen O. treffen.
„ Ich komme morgen früh um 07:0 Uhr wieder hier her nach Dolgelin. Du übergibst mir die Schlüssel für dein Dienstzimmer. Danach hast du dich die nächsten drei Stunden hier nicht mehr blicken zu lassen. Wenn alles erledigt ist, deponiere ich die Schlüssel bei der Sekretärin des LPG-Vorsitzenden. Heute wirst du noch eine Vorladungskarte ausfüllen und persönlich bei der Frau T. vorbeibringen.“ O. schob mir einen Zettel mit der Wohnadresse der Frau T. zu. Ich warf einen Blick auf den Zettel und steckte ihn in die linke Brusttasche meiner silbergrauen Uniformbluse. „ Und welchen Grund soll ich ihr nennen?“ „ Schreibe einfach zur Klärung eines Sachverhaltes. Das stimmt immer“, antwortete O. nach kurzem Überlegen.
Da ich da auch nicht von selbst drauf gekommen bin! Die Floskel „ zur Klärung eines Sachverhaltes“ deckte das gesamte polizeiliche Spektrum, von der Ordnungswidrigkeit bis zum Kapitalverbrechen ab. Der auf diese Art und Weise vorgeladene wusste im Prinzip nur, dass er bei der Polizei zu erscheinen hatte. Es war natürlich schwierig, wenn nicht so gar unmöglich, sich mit diesem Wissen, oder Nichtwissen, auf das kommende vorzubereiten.
O. erhob den Zeigefinger der rechten Hand in die Höhe, er mich mit ernster Mine belehrte:
„ Du darfst auf keinen Fall gegenüber der Frau T. etwas verlauten lassen, auch keine Andeutungen. Sie wird sich sicher denken können, dass die Vorladung im Zusammenhang mit der Republikflucht ihres Bruders steht. Trotzdem, lass dich auf kein Gespräch mit ihr ein. Rede auch mit sonst niemanden darüber, je weniger davon wissen, desto besser.“
Na das war ja mal wieder typisch! Die Volkspolizei darf sich mal wieder die Drecksarbeit für die Staatssicherheit übernehmen und sich zum Deppen machen. Ich soll eine von mir unterschriebene Vorladungskarte übergeben und gegenüber der Bürgerin so tun, als wüsste ich selbst nicht warum ich sie vorladen möchte. Wie blöd ist das denn? Einen offenen Widerspruch leistete ich mir natürlich nicht. Ich war daran gewohnt zu funktionieren und alle Weisungen auszuführen. Eine Weisung vom MfS, selbst von einem subalternen Mitarbeiter wie O., galt nun einmal als ehernes Gesetz. O. stand schon an der Tür und verabschiedete sich von mir. „ Bis morgen früh dann. Ich verlasse mich auf dich!“
Ich traf Frau T. in ihrer kleinen Wohnung in Sachsendorf an. Sie erschrak, als ich ihr die Karte überreichte. „ Worum handelt es sich denn?“ Ihre Stimme wirkte brüchig, wie jemand der unter Atemnot leidet. „ Das weiß ich selbst nicht. Ich soll ihnen nur die Vorladung überbringen“, log ich. So weit wie möglich, versuchte ich einen Blickkontakt mit Frau T. zu vermeiden. Ich fühlte mich unsicher und durchschaut. „ Passt ihnen der Termin?“, erkundigte ich mich sicherheitshalber. „ Er wird mir wohl passen müssen“, antwortete Frau T. mit gequältem Lächeln. Nun rasch aufs Moped und schnellweg! Je mehr ich über die Sache nachdachte, desto elender fühlte ich mich. Mir kam wieder das gestrige Gespräch mit den Dolgeliner Jugendlichen über die angebliche Entführung eines DDR-Bürgers in den Sinn. Hatte man diesem angeblichen Opfer etwa auch eine Neubauwohnung versprochen, wenn dieser solch eine „Räuberpistole“ von sich gibt? Hatte O. nicht davon gesprochen, dass der geflüchtete Bruder unter starkem Heimweh litt? Heimweh konnte man aber schließlich über all bekommen. Heimweh taugte nicht als Munition für den ost-westlichen Propagandakrieg.
Falls der Bruder von Frau T. auf das Angebot eingeht, dann würden andere bestimmen, was er über seine Erlebnisse in der Bundesrepublik erzählt. Wahrscheinlich waren die Texte schon vorgefertigt und lagerten bereits in irgend einer Schublade.
Lange Rede kurzer Sinn, am nächsten Morgen erhielt Genossen O. brav meine Schlüssel und ich holte sie ebenso brav Mittags aus dem Büro des LPG-Vorsitzenden ab. Von der ganzen Angelegenheit hatte ich bis zum heutigen Tage nie wieder etwas gehört. Die sich in den nächsten Wochen und Monaten überschlagenden politischen Ereignisse hatten das geplante Schmierentheater a la DDR im Untergang, offenbar zunichte gemacht.


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#95

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 22.05.2011 13:02
von ABV | 4.202 Beiträge

Und hier das nächste update

Viel Spaß damit,
euer Uwe

Wie in der gesamten DDR, so ging auch im Kreis Seelow in diesen Tagen ein Gespenst um. Nein, nicht der Kommunismus, wie es in abgewandelter Form einst Karl Marx in seinem „ Manifest“ verkündete. Diese Vision einer besseren Gesellschaft war in der Realität für so viele nicht mehr zu ertragen. Nein, das Gespenst des Jahres 1989 hieß „ Neues Forum“. Auf Partei und Dienstversammlungen warnten die Vorgesetzten vor diesem „ Sammelbecken der antisozialistischen Kräfte“. Die Bezirksbehörde der Volkspolizei in Frankfurt (Oder) sendete Fernschreiben an alle Kreisämter des Oderbezirkes, in denen explizit auf die besondere Gefährlichkeit dieses „Geheimbundes“ hingewiesen wurde. Jeder Abschnittsbevollmächtigte wurde persönlich aufgefordert, Aktivitäten des „ Neuen Forums“ in seinem Verantwortungsbereich nicht zuzulassen. Im Kreis Seelow blieb, trotz aller Beschwörungen, das „ Neue Forum“ ein Popanz, von dem zwar alle sprachen, den bisher jedoch niemand zu Gesicht bekam. Eines Nachmittags sah ich zufälligerweise einen Fernsehauftritt des Sängers Frank Schöbel, den dieser gemeinsam mit seiner Begleitband -Manu-, absolvierte. Sowohl Frank Schöbel als auch seine Begleitband, trugen tiefschwarze Kleidung, so als würden sie auf einer Trauerfeier und nicht in einer Unterhaltungssendung auftreten. Der Text ihres Liedes jagte mir einen eisigen Schauer den Rücken hinunter. Was hier, vorgeblich auf eine verfahrene „Beziehungskiste“ zweier Menschen gemünzt, zum Vortrag kam, spiegelte in eindeutiger Art und Weise die Situation der DDR wieder. Frank sang von der Wahrheit und dem Lügendickicht, in dem wir eingesperrt sind. Passt das nicht auch ganz konkret auf mich?
Waren da nicht die immer nach dem selben Ritual ablaufenden Parteiversammlungen, bei denen die wirklichen Diskussionen immer erst hinter her, im kleinen Kreise, stattfanden? Musste ich nicht erst gestern mein Dienstzimmer an das MfS abtreten, damit diese ungestört eine Propagandaaktion vorbereiten konnten? Immer wieder diese Zweifel und dennoch hatte ich nicht den Mut, auch nur ein wenig zu protestieren. Wie auch? Das wäre ja schließlich gleichbedeutend mit dem Ende meiner beruflichen Karriere. Ja, Aurora und Frank sangen mir aus der Seele. Aber das war doch mein Staat, die DDR! Wir können doch jetzt nicht alles schlecht reden, was in vierzig Jahren erreicht wurde. Das kann doch nicht alles auf Lügen aufgebaut worden sein? So etwas wirft man doch nicht weg! Meine Gedanken drehten sich im Kreise. Ein ungutes Gefühl, verbunden mit einer diffusen Furcht vor der Zukunft, bemächtigte sich meiner. Wie soll das alles nur enden?
In den gut vierzig Kilometer langen, zum Gebiet des Kreises Seelow gehörenden Grenzabschnitt, entwickelte sich die Lage immer unübersichtlicher. Trotz der hohen Präsenz von Grenztruppen und Volkspolizei, insbesondere im Bereich zwischen Reitwein und Frankfurter Stadtgrenze, riss die Zahl der versuchten und auch geglückten illegalen Grenzübertritte, einfach nicht. Aber auch im restlichen Bereich wagten mehr und mehr DDR-müde die lebensgefährliche Passage der Oder. Aus diesem Grunde wurden die Streifen nun auch an ausgewählten Punkten nördlich von Reitwein bis hin nach Kienitz, verstärkt.
Mir wurden nun ebenfalls zwei junge Bereitschaftspolizisten unterstellt, mit denen ich fortan den Bereich Kietz zu „sichern“ hatte. Am Parkplatz vor dem „ Kulturhaus der Eisenbahner“ nahm ich die beiden von einem zackigen Leutnant in Empfang. Der Offizier hatte vor einem Mannschaftswagen welcher mit heruntergelassener Heckklappe auf dem Parkplatz stand, Aufstellung genommen. Nachdem er sich versichert hatte, dass ich auch der richtige Ansprechpartner bin, lies er die Knaben absitzen. „ Sie unterstehen jetzt für die nächsten acht Stunden dem Befehl des Hauptwachtmeister Bräuning. Für die Dauer ihres Einsatzes ist er ihr Vorgesetzter. Der Genosse wird Sie in ihre konkreten Aufgaben und in die Besonderheiten des Abschnittes einweisen. Punkt 21:00 Uhr werden Sie von diesem Parkplatz wieder abgeholt, wenn es die Lage erlaubt. Ich wünsche ihnen maximale Kampferfolge.“
Gut bebrüllt Löwe. Die Volkspolizei an sich war schon ein latent militanter Haufen. Wobei im Alltag der „normalen Polizei“ das militärische Gehabe doch ziemlich stark im Hintergrund stand. Gegrüßt wurde erst ab Major aufwärts und der Ton war, abseits aller Formalitäten, sehr zivil. Die Bereitschaftspolizei, in der Wehrpflichtige ihren Dienst verrichteten, sah das allerdings erheblich anders aus. Im Prinzip handelte es sich bei dieser Truppe um eine Art „Zwitter“, von Armee und Polizei. Ich glaube manchmal, das die selbst nicht wussten, wohin sie nun gehörten. Nach seiner Ansprache schwang sich der zackige Leutnant, der auch bei der NVA gut aufgehoben wäre, auf den Beifahrersitz des W 50. Der Fahrer startete den Motor und schon sauste das Gefährt in Richtung Manschnow davon.
Meine beiden Bereitschaftspolizisten, es handelte sich um einen Anwärter =Soldat und einen Unterwachtmeister =Gefreiter, standen etwas hilflos in der Gegend herum. Ich reichte ihnen die Hand zur Begrüßung, dann trabten wir erst einmal zur einzigen Telefonzelle im Dorf, um dem „Operativen Diensthabenden“ die Übernahme zu melden. Mit verkniffenen Gesichtern mustern die beiden Bepos die Umgebung. „Wart ihr schon mal in Kietz“, erkundigte ich mich vorsichtig. Ihre unter heftigem Kopfschütteln vorgebrachte Verneinung verwunderte mich nicht. Die Jungs erzählten mir, dass sie aus den Bezirken Magdeburg und Cottbus stammen und von einem Ort mit dem seltsamen kurzen Namen Kietz, nie etwas gehört hätten.
„ Was soll man auch in Kietz?“, antworte ich mit verhaltenem Lächeln. Immerhin konnte ich mich nun als eine Art Fremdenführer betätigen. Als erstes gingen wir über die von der Karl-Marx-Straße über die Gleisanlagen führende Brücke, in Richtung Bahnhof. Mitten auf der Brücke verharrte ich für einen Moment und wies auf zwei Schornsteine, aus denen gerade tiefschwarzer Qualm in die Atmosphäre stieg. „ Die beiden Schornsteine gehören zur Zellulosefabrik in Kostrzyn, sie befinden sich also schon auf polnischem Gebiet. Im Oderbruch kann man sie an vielen Stellen deutlich erkennen, man kann sich also gut an ihnen orientieren.“ Unter uns, auf der mit zerfahrenen Pflastersteinen bedeckten Dorfstraße, rollten in diesem Augenblick drei sowjetische Militärlastwagen vorbei. Der Geruch der Abgase stieg beißend in unsere Nasen, angewidert drehten wir uns in Richtung Bahnhof zurück. „ Sind hier Russen, ich meine sowjetische Soldaten, stationiert?“ Die Frage stammte von dem Unterwachtmeister, einem schlanken dunkelhaarigen Mann von höchstens zwanzig Jahren.
„ Ja, hier in Kietz gibt es sogar zwei Regimenter. Die einen sind direkt am Oderdamm stationiert, die anderen auf der Oderinsel. Ich zeige euch das nachher noch genauer.“
Wir sahen uns nun auf dem Bahnhofsgelände um. Ein blauuniformierter Reichsbahnangehöriger wuselte mit einer Kelle in der Hand, auf dem Bahnsteig herum. Er erwartete wohl den Personenzug aus Richtung Strausberg, welcher in Kürze eintreffen musste.
„ Das trifft sich ja gut. Denn können wir gleich mal schauen, wer so alles in Kietz aussteigt. In der letzten Woche sollen die Grenztruppen hier jemanden aus Berlin geschnappt haben, der wohl hier über die Grenze wollte. Bei ihm wurde übrigens auch ein Mitgliedsausweis der „ Republikaner“ gefunden.“ So hatte man es uns jedenfalls in einer Dienstversammlung erzählt. Auf welche Art und Weise ein Bürger der DDR zu einer Mitgliedschaft bei den Republikanern kam, blieb schon damals ein Geheimnis. Immerhin bot mir der einfahrende Zug die Gelegenheit, etwas Abwechslung in den monotonen Streifendienst an der Grenze zu bekommen. Die sich verbunden mit weithin hörbaren Warnsignal senkenden Schrankenbäume am Bahnübergang Rosendamm, kündeten von der bevorstehenden Einfahrt des Personenzuges. „ Wir kontrollieren aber nur die wirklich verdächtigen“, ermahnte ich die Polizeisoldaten. Die Jungs nahmen die Weisung mit der für Befehlsempfängern so typischen Gelassenheit auf. Wir machen alles was Sie von uns verlangen, sollte deren Mimik wohl zum Ausdruck bringen. Kurz vor Einfahrt des Zuges, betrat ein Volkspolizist in der blauen Uniform der Transportpolizei den Bahnsteig. Der Polizist, ein schon in die Jahre gekommener, grauhaariger VP-Obermeister, stutzte zunächst bei unserem Anblick. Danach rang er sich doch ein Lächeln ab und fragte, ob wir denn Langeweile hätten. „ Nein, wir wollen nur mal sehen wie die Trapo arbeitet“, erwiderte ich grinsend. Mit quietschenden Bremsen rollte der von einer Diesellok gezogene Personenzug in den Kietzer Bahnhof ein. Spätestens hier, an diesem letzten Bahnhof vor der Staatsgrenze, mussten alle Reisenden den Zug verlassen. Heute waren es nur drei Leute, welche den unscheinbaren Grenzort Kietz zum Reiseziel gewählt hatten. Zwei Reisende, ein sowjetischer Offizier und eine alte weißhaarige Dame, waren wohl über jeglichen Verdacht „ über den Osten in den Westen zu wollen“, erhaben. Aber der dritte, ein knapp dreißigjähriger langhaariger Jeansträger, dessen runde Brille Assoziationen an John Lennon erweckte, passte voll ins Raster. Der Transportpolizist nickte mir zu, was wohl bedeuten sollte, dass er die Kontrolle übernimmt. Das tat er dann auch. Höflich und korrekt forderte er den Mann auf sich auszuweisen. „ Wat soll der Quatsch“, entgegnete der langhaarige ärgerlich. „ Sie wissen doch, dass wir eine besondere Situation haben. Darum muss die Volkspolizei hin und wieder Personenkontrollen durchführen.“ „ Nee, det weeß ich nich“ ,antwortete der Mann patzig. Ja, woher sollte er das auch wissen? In den Medien der DDR wurde die Fluchtwelle im allgemeinen und die Tatsache das diese nun auch über die eigenen Ostgrenzen rollte, noch immer „erfolgreich“ totgeschwiegen. Unser „ John-Lennon-Verschnitt“ erwies sich aber tatsächlich als harmlos. Er wollte nur seine in Kietz lebenden Eltern besuchen. Dem Trapo-Obermeister schien die Kontrolle wohl selbst peinlich zu sein. Er lies den Mann mit einem Lächeln von dannen ziehen und wünschte ihm noch einen schönen Aufenthalt in Kietz. „ Wir können nicht in jeden Reisenden einen potentiellen Grenzverletzer sehen“, schimpfte er leise. Ich fühlte mich auch etwas ratlos, aber irgendwie müssen wir unsere Aufgaben doch erfüllen!
Der erwähnte Transportpolizist sollte das Ende der Grenzsicherung in Kietz, nicht mehr erleben. Wenige Tage nach dieser Begegnung kam er auf tragische Art und Weise ums Leben, als er das Dach seines Eigenheimes teeren wollte.
In den kommenden Tagen begleiten mich die beiden Bereitschaftspolizisten nun täglich. Mit ihnen kamen auch Freiwillige Helfer der Volkspolizei und sogar der sich bereits in Rente befindliche, frühere VP-Meister Heinz P. aus Kietz, zum Grenzeinsatz. Sollte dieses letzte Aufgebot tatsächlich die Fluchtwelle beenden? Wir fühlten uns mehr und mehr verschaukelt. Bei den Kontrollen konnte eine immer klarer zum Vorschein tretende Gereiztheit bei den Menschen, nicht mehr übersehen werden. „ Ich habe im Kofferraum kein Schlauchboot versteckt“, knurrte uns eine Trabantfahrerin eines Tages während einer Fahrzeugkontrolle an, ohne von uns nach einem Schlauchboot gefragt worden zu sein. Lange konnten diese Maßnahmen jedenfalls nicht mehr aufrecht erhalten werden. In den Nachtstunden kam es nun auch im Bereich Kietz zu einem versuchten Grenzübertritt. Jemand hatte versucht über die Eisenbahnbrücke nach Polen zu gelange, wobei er allerdings den dort stehenden Wachposten direkt in die Arme lief. Derweil wurden die regulären Grenzer an der Oder in aller Eile mit Funkgeräten ausgerüstet. Dabei wurde nicht beachtet, dass die Reichweite dieser Geräte völlig ungenügend war. So konnte der Grenzabschnittsposten von Kietz, Stabsfähnrich R., lediglich Satzfetzen und Knacken vernehmen, als man bei einer nächtlichen Streife zu einem Einsatz schicken wollte. Auf Seite der polnischen Grenzorgane hatte man sich offenbar zu einem inoffiziellen Kompromiss durchgerungen. Wer direkt an der Grenzlinie, also dem Ufer der Oder und deren Hinterland, geschnappt wurde, musste mit seiner Festnahme und der anschließenden Auslieferung an die DDR rechnen. Die Übergabe der DDR-Bürger erfolgte jeweils über den Grenzübergang Frankfurt (Oder)/ Stadtbrücke-Slubice. Wer sich aber bereits mindestens fünf Kilometer im Landesinnern befand, konnte seinen Weg unbehelligt von Polizei und Grenzschutz, bis nach Warschau fortsetzen. Seitens der VP-Führung machte man die Polen immer unverhohlener für die Lage an der Grenze verantwortlich. Dabei gab es nur einen Verantwortlichen für die vertrackte Situation selbst: die Partei und Staatsführung der DDR. Diese aber war, um es mit Frank Schöbel zu sagen, gefangen im Lügendickicht. Statt endlich zu reagieren und aufzuwachen, bereitete man sich in Staatsratsgebäude in Berlin lieber auf den bevorstehenden 40. Jahrestage der DDR vor. Eine fatale Entscheidung, die zwangsläufig in den Untergang führen musste.


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zuletzt bearbeitet 22.05.2011 14:01 | nach oben springen

#96

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 22.05.2011 13:23
von icke46 | 2.593 Beiträge

Hallo, Uwe,

ich lese Deine Erinnerungen an die Endzeit der DDR gerne - gerade auch als Alt-Bundi, um nicht Wessi zu sagen.

Nun ist im letzten Text eine Ungenauigkeit, die mir direkt ins Auge sprang, nämlich das Lied von Frank Schöbel "Wir brauchen keine Lügen mehr". Ich habe seinerzeit die Sendung "Ein Kessel Buntes" gesehn, wo er dieses Lied sang - und nur gestaunt, was singt der da.

Die Sendung "Ein Kessel Buntes" lief am 23.09.1989, Frank Schöbel sang nicht mit Aurora Lacasa, sondern mit Manu - und das Lied hat deshalb Aufsehen erregt, weil es in der Wiederholung der Sendung im DDR-Fernsehen herausgeschnitten wurde.

Ein Mitschnitt ist zu sehen unter http://www.myvideo.de/watch/7914547/Fran..._Luegen_Mehr_HQ

Das ändert nichts an der Qualität Deiner Erinnerungen, die unbedingt in Buchform gehören - nur hakt sich mit Sicherheit immer jemand an den kleinen Fehlern fest.

Gruss

icke



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#97

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 22.05.2011 13:46
von ABV | 4.202 Beiträge

Danke @icke
ich werde das sofort nachprüfen und auch ändern. Du hast Recht, an solchen Fehlern kann tatsächlich die Qualität des übrigen geschriebenen in Frage gestellt werden. Zu Recht, so etwas darf nicht vorkommen. Ich störe mich ja auch, wenn zum Beispiel in einem Film Details nicht stimmen.

Viele Grüße aus dem Oderland
und nochmals vielen Dank
Uwe


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#98

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 22.05.2011 13:52
von Feliks D. | 8.887 Beiträge

Mich verwundert, dass O. Uwe so umfassend über die Pläne und Absichten informiert hat. Es galt ja immer noch der Grundsatz, dass jeder nur dass wissen musste, was für ihn notwendig war und für Uwe hätte das also bedeutet Zimmer räumen und Vorladung abgeben. Nun ja zu dem Zeitpunkt war dies sicherlich auch schon egal, bzw. das kleinste Problem.

Die Texte sind jedoch nach wie vor super und irgendwie findet man in jedem etwas wo man sich selbst wiederfindet. Einfach Klasse.


Was ich zu sagen hatte habe ich gesagt, nun fürchte ich das allerletzte Wort. Der Sprache Ohnmacht hat mich oft geplagt, doch Trotz und Hoffnung gab ich niemals fort! Mir scheint die Welt geht aus den Fugen bringt sich um, die vielen Kriege zählt man schon nicht mehr. Auch dieses neue große Deutschland macht mich stumm, der Zorn der Worte und die Wut wird mehr. Die Welt stirbt leise stilles Schreien hört man nicht, es hilft kein Weinen und man sieht's nicht im Gesicht. Wer einen Menschen rettet rettet so die Welt, am Ende überleben wir uns doch. Nur wir bestimmen wann der letzte Vorhang fällt, still und leise verlassen wir die Welt!

Macht es gut Freunde!
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#99

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 22.05.2011 13:54
von ABV | 4.202 Beiträge

Da kann man mal sehen, wie sehr einem die Erinnerung nach so vielen Jahren einen Streich spielen kann. Den Auftritt damals hatte ich so in Erinnerung, dass Frank Schöbel gemeinsam mit Aurora das Lied sang. Von einer Begleitband Namens Manu wußte ich bis heute nichts.

Danke icke
Viele Grüße von der Oder
Uwe


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#100

RE: Meine persönlichen Wendeerlebnisse als Volkspolizist

in Mythos DDR und Grenze 22.05.2011 13:58
von ABV | 4.202 Beiträge

Zitat von Feliks D.
Mich verwundert, dass O. Uwe so umfassend über die Pläne und Absichten informiert hat. Es galt ja immer noch der Grundsatz, dass jeder nur dass wissen musste, was für ihn notwendig war und für Uwe hätte das also bedeutet Zimmer räumen und Vorladung abgeben. Nun ja zu dem Zeitpunkt war dies sicherlich auch schon egal, bzw. das kleinste Problem.

Die Texte sind jedoch nach wie vor super und irgendwie findet man in jedem etwas wo man sich selbst wiederfindet. Einfach Klasse.



Danke Felix! Über die Offenheit von diesem O. hatte ich mich auch gewundert. Aber in Seelow tickten die Uhren auch schon damals ein wenig anders, als im Rest der Republik. Über das Ergebnis seines Gespräches mit der Frau wurde ich aber selbstverständlich nicht informiert. Soweit ging das Vertrauen, auch in Seelow, nun doch wieder nicht.


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