#1

Ständige Ausreise aus der DDR

in DDR Politik Presse 07.11.2010 11:55
von Angelo | 12.393 Beiträge

Noch schwerer als den Antragstellern von Besuchsreisen machte es die Staatsführung den Bürgern, die einen Antrag auf ständige Ausreise stellten. Bis 1983 gab es keine Rechtsgrundlage für die Beantragung einer Ausreise aus der DDR. Die Ausreisewilligen wurden kriminalisiert. Grundlage für den Umgang mit den Antragstellern waren geheime Verfügungen und Dienstanweisungen des Ministerrates, des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) und des Ministeriums des Innern (MdI). De jure war das MdI für die ständige Ausreise zuständig, de facto besaß jedoch das MfS ein Direktivrecht gegenüber allen anderen beteiligten Ministerien. Seit 1975 koordinierte die eigens gegründete „Zentrale Koordinierungsgruppe“ (ZKG) den „Export“ von DDR-Bürgern in die BRD. Ihre Aufgabe bestand vor allem im Einspielen von Devisen durch Häftlingsverkäufe und Familienzusammenführungen.

Im September 1983 gab der Ministerrat eine erste offizielle Verordnung bekannt, welche die Ausreise aus der DDR, die „Wohnsitzänderung nach dem Ausland“ juristisch in Form eines Antragsrechts überhaupt erst regelte. Die Antragsteller mussten aber nach wie vor mit starken Sanktionen und langen Bearbeitungszeiten rechnen. Wer einen Antrag einreichte, wurde umfassend überprüft. Das Ziel lautete nach wie vor, Übersiedlungen in die BRD weitgehend zu unterbinden.
In Folge des Antragsrechts explodierte die Zahl der Ausreiseanträge in den folgenden Jahren: 1986 gab es rund 70.000 Anträge, 1987 112.000.

Quelle:http://1989.dra.de


zuletzt bearbeitet 07.11.2010 11:56 | nach oben springen

#2

RE: Ständige Ausreise aus der DDR

in DDR Politik Presse 07.11.2010 14:42
von GilbertWolzow | 3.633 Beiträge

Zitat von Angelo
De jure war das MdI für die ständige Ausreise zuständig, de facto besaß jedoch das MfS ein Direktivrecht gegenüber allen anderen beteiligten Ministerien.



die v.g. aussage entspricht nicht den tatsachen, das mfs hattte am "runden tisch" bei der abt. inneres nur ein mitspracherecht bei evtl. versagungsgründen (lt. richtlinie 2/84 (?) des mfs). der nachteil für den antragsteller war das er evtl. eine ablehnung erhielt und damit verbunden nicht den tatsächlichen grund.

1989 begannen die vorbereitungen in der ddr für ein verwaltungesgericht. das wiederum hätte auch auswirkungen auf die o.g. antragstelle auf ständige ausreise gehabt, da sie damit die ablehnung gerichtlich hätten überprüfen können.


während antragstellung auf ständige ausreise versucht wurde mit allen staatlichen mitteln zu verhindern (es wäre eher eine aufgabe der sed gewesen das problem mit politischen mitteln zu lösen) wurden antragstellungen für eheschliessungen mit bürgern aus dem nsw sehr zügig bearbeitet und meistens positiv entschieden.


* User in einem Forum wo ich mich von Vollpfosten als Verbrecher betiteln lassen muss *
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#3

RE: Ständige Ausreise aus der DDR

in DDR Politik Presse 07.11.2010 15:13
von SkinnyTrucky | 1.260 Beiträge

Zitat von GilbertWolzow
während antragstellung auf ständige ausreise versucht wurde mit allen staatlichen mitteln zu verhindern....



Mit allen staatlichen Mitteln....??? Ja eben.....


Kein Sex mit Nazis...!!!
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#4

RE: Ständige Ausreise aus der DDR

in DDR Politik Presse 07.11.2010 16:15
von Altermaulwurf (gelöscht)
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Die Problematik Antragstellung, war natürlich eine Thematik was die Existenz der DDR zunehmend tangierte und dementsprechend versuchte man diese Entwicklung zugegebener Maßen leider oft nicht sehr zweckmäßig und angemessenen zurück zu drängen.
Dabei muss man die ökonomische Lage der DDR, das besondere Verhältnis der 2 Deutschen Staaten und deren Konkurrenz im Kampf der Systeme sehen um sich zu verdeutlichen, dass eine vollständige Freizügigkeit nicht möglich war. Durch den höheren Lebensstandard in der BRD wäre es zu einem gezielten und gesteuertenn Abfluss existenziell wichtiger Berufsgruppen aus Medizin, Wissenschaft und Produktion gekommen.
Mit der weitgehenden Deligierung dieser Aufgabe an das MfS glaubten die politisch Verantwortlichen eine für sie bequeme Lösung gefunden zu haben - ein Verschiebebahnhof von vielen in der DDR.
Bald wurde die ASTA / ÜSE Problematik zum Albtraum der operativen MA und war nicht mehr regulär zu bewältigen. Fehlende politische Maßnahmen und Richtlinien bzw. undurchsetzbare Forderungen der Parteiebene liessen die Entwicklung außer Kontrolle geraten.
Dabei war die Spannbreite groß, vom Wirtschaftsflüchtling, über desillousionierte und resignierte Bürger bis hin zu politischen Aktivisten war alles vertreten. Erschwerend kam der Umstand, daß sich viele im kirchlichen Umfeld organisierten und öffentlichkeitswirksam wurden.

Täglich landeten damals neue Fälle auf meinem Schreibtisch und führten in betroffenen DE zu Ausnahmesituationen. Seitens unserer MA gab es da wenig Hoffnung dass sich unter der alten politischen Führung da etwas ändern könnte. Die Partei hatte durch ihre Sprachlosigkeit zu drängenden Problemen ,Vertrauen und Respekt leider längst verloren.

Antragstellungen verkamen zu einem Mittel des Frustablassens und auch der Erpressung mit den man Forderungen nach Wohnung, Auto usw. untermauerte. Interessant war, daß durch die Sprachlosigkeit der Partei, das MfS immer mehr zu einem Ansprechpartner wurde und Ratschläge bzw. Rückversicherungen zu erhalten. Entgegen zur Partei sah man hier noch Kompetenz und Handlungsfähigkeit.
Leider war dies ein Trugschluss, das MfS konnte nicht aus den Schatten der SED treten, denn es betraf letztendlich sein Selbstverständnis.

Insgesamt ist es falsch die Problematik Antragsteller sofort und fast Ausnahmslos mit dem MfS zu verküpfen. Die Problematik umfaßte die gesamte Gesellschaft und war letztendlich Ausdruck einer nicht vollzogenen Anpassung und Erneuerung.

Viele MA waren natürlich über verwandtschaftliche Bindungen selbst davon betroffen und sahen die Dinge durch aus nüchtern. Zum Teil kam man auch nicht umhin sich ein zu gestehen, dass manche Motive der Antragstellung leider nachvollziehbar waren.

Allerdings war auch erkennbar, dass dies ausgenutzt wurde um die DDR zu destabilisieren und auch Kirchenvertreter haben die Menschen in ihrem Sinne instrumentalisiert. Dies konnte in der letzten Phase der DDR deutlich herausgearbeitet werden und zeigte auf, das Kirche in der DDR auch immer eine politische Größe war.


zuletzt bearbeitet 07.11.2010 21:19 | nach oben springen

#5

RE: Ständige Ausreise aus der DDR

in DDR Politik Presse 07.11.2010 17:32
von Gert | 12.354 Beiträge

Zitat von GilbertWolzow

Zitat von Angelo
De jure war das MdI für die ständige Ausreise zuständig, de facto besaß jedoch das MfS ein Direktivrecht gegenüber allen anderen beteiligten Ministerien.



die v.g. aussage entspricht nicht den tatsachen, das mfs hattte am "runden tisch" bei der abt. inneres nur ein mitspracherecht bei evtl. versagungsgründen (lt. richtlinie 2/84 (?) des mfs). der nachteil für den antragsteller war das er evtl. eine ablehnung erhielt und damit verbunden nicht den tatsächlichen grund.

1989 begannen die vorbereitungen in der ddr für ein verwaltungesgericht. das wiederum hätte auch auswirkungen auf die o.g. antragstelle auf ständige ausreise gehabt, da sie damit die ablehnung gerichtlich hätten überprüfen können.


während antragstellung auf ständige ausreise versucht wurde mit allen staatlichen mitteln zu verhindern (es wäre eher eine aufgabe der sed gewesen das problem mit politischen mitteln zu lösen) wurden antragstellungen für eheschliessungen mit bürgern aus dem nsw sehr zügig bearbeitet und meistens positiv entschieden.





@Gilbert wenn auch bei diesem Verfahren das MfS nichts zu sagen hatte, wofür waren denn die Genossen des MfS nun wirklich zuständig, wo lag denn ihre eigentliche Macht ? Das würde mich mal interessieren. Ich höre immer nur " nicht verantwortlich, nicht zuständig................ etc " .Dann frage ich mal umgekehrt.

Gruß Gert


.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
Geld ist geprägte Freiheit!
Dostojewski 1866
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
zuletzt bearbeitet 07.11.2010 17:32 | nach oben springen

#6

RE: Ständige Ausreise aus der DDR

in DDR Politik Presse 07.11.2010 17:40
von Alfred | 6.841 Beiträge

Gert,

lies einfach mal die Struktur der Diensteinheiten des MfS und schon ist einiges ersichtlich.


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#7

RE: Ständige Ausreise aus der DDR

in DDR Politik Presse 07.11.2010 17:44
von Angelo | 12.393 Beiträge

Diensteinheiten des MfS
Die Signaturen bestehen aus dem Kürzel „BStU“, „MfS“, dem Kürzel für die Diensteinheit und einer laufenden Lagerungsnummer.

Bei den Diensteinheiten werden die Hauptabteilungen (HA) abgekürzt, die selbständigen Abteilungen (Abt.), die selbständigen Arbeitsgruppen (AG) sowie die Verwaltungen für Aufklärung und Rückwärtige Dienste (HV A) bzw. (VRD).

Bei den HA ist die beim MfS verwendete römische Ziffer bei den Abteilungen die arabische Ziffer zu nennen.

Beispiele:
BStU, MfS, HA I, Nr. 4711;
BStU, MfS, HA PS, Nr. 4711;
BStU, MfS, Abt. XII, Nr. 4711;
BStU, MfS, Abt. 26, Nr. 4711;
BStU, MfS, AG BKK, Nr. 4711;
BStU, MfS, HV A, Nr. 4711;
BStU, MfS, VRD, Nr. 4711.

Ausnahmen/Besonderheiten:
Folgende Diensteinheiten sind ohne den Vorsatz HA oder Abt. als Kürzel zu nennen: AG M, BCD, BdL, OTS, RS, SdM, WR, ZAGG, ZAIG, ZKG, ZMD, ZOS.

Beispiele:
BStU, MfS, BdL, Nr. 4711;
BStU, MfS ZKG, Nr. 4711.


Für Unterstrukturen (Abteilungen) der Hauptabteilungen, selbständigen Abteilungen, Arbeitsgruppen und Verwaltungen werden grundsätzlich keine gesonderten Signaturen vergeben.

Ausnahmen/Besonderheiten:

Für die Unterstrukturen (Abteilungen) der Hauptabteilungen II/6, 10, 13, 19, 21 sowie der Hauptabteilung XX/AKG, Abt. 4 und 9, wurden aus verschiedenen Gründen eigene Signaturreihen eröffnet. Wegen des fortgeschrittenen Erschließungsstandes dieser Unterlagen bleibt diese Signaturvergabe vorläufig bestehen.

Beispiele:
BStU, MfS, HA II/6, Nr. 4711;
BStU, MfS, HA XX/AKG, Nr. 4711.


Bei Unterlagen der Stellvertreter des Ministers wird das Sekretariat mit Sekr. abgekürzt und der Name des Stellvertreters ohne Dienstgrad genannt.

Quelle:http://www.bstu.bund.de/cln_012/nn_71482...054208bodyText3


Meinst du das Alfred ?


zuletzt bearbeitet 07.11.2010 17:45 | nach oben springen

#8

RE: Ständige Ausreise aus der DDR

in DDR Politik Presse 07.11.2010 18:21
von Alfred | 6.841 Beiträge

Angelo,

da fehlen aber viele Diensteinheiten.
Vielleicht hat jemand mal eine komplette Übersicht.


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#9

RE: Ständige Ausreise aus der DDR

in DDR Politik Presse 07.11.2010 18:26
von Alfred | 6.841 Beiträge

Hier ein Auszug der DE der Abwehr:


Dateianlage:
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#10

RE: Ständige Ausreise aus der DDR

in DDR Politik Presse 07.11.2010 18:44
von Altermaulwurf (gelöscht)
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Zitat von Gert

Zitat von GilbertWolzow

Zitat von Angelo
De jure war das MdI für die ständige Ausreise zuständig, de facto besaß jedoch das MfS ein Direktivrecht gegenüber allen anderen beteiligten Ministerien.



die v.g. aussage entspricht nicht den tatsachen, das mfs hattte am "runden tisch" bei der abt. inneres nur ein mitspracherecht bei evtl. versagungsgründen (lt. richtlinie 2/84 (?) des mfs). der nachteil für den antragsteller war das er evtl. eine ablehnung erhielt und damit verbunden nicht den tatsächlichen grund.

1989 begannen die vorbereitungen in der ddr für ein verwaltungesgericht. das wiederum hätte auch auswirkungen auf die o.g. antragstelle auf ständige ausreise gehabt, da sie damit die ablehnung gerichtlich hätten überprüfen können.


während antragstellung auf ständige ausreise versucht wurde mit allen staatlichen mitteln zu verhindern (es wäre eher eine aufgabe der sed gewesen das problem mit politischen mitteln zu lösen) wurden antragstellungen für eheschliessungen mit bürgern aus dem nsw sehr zügig bearbeitet und meistens positiv entschieden.





@Gilbert wenn auch bei diesem Verfahren das MfS nichts zu sagen hatte, wofür waren denn die Genossen des MfS nun wirklich zuständig, wo lag denn ihre eigentliche Macht ? Das würde mich mal interessieren. Ich höre immer nur " nicht verantwortlich, nicht zuständig................ etc " .Dann frage ich mal umgekehrt.

Gruß Gert




Das MfS hatte in diesem Verfahren erst einmal formelle Versagungsgrunde für eine Ständige Ausreise zu prüfen. Das ergab sich unter anderem in Falle von Geheimnisträgern, früheren NVA o. anderen Zugehörigkeiten zu "Bewaffnten Organen" usw.
Diese waren fest definiert und nach dem richtete sich auch das Prozedere der Überprüfung aus, wie Speicherüberprüfung KMK, ZPDP, XII, Ermittlungen Arbeitsstelle / Wohngebiet usw.
Die Grundlagen die zu einer Genehmigung zur Ständigen Ausreise führten, kamen von der politischen Seite und waren keiner Konstanz oder über längeren Zeitraum gültigen Definitionen unterworfen. Es gab durchaus Fälle wo Bedenken vorhanden waren und doch eine Genehmigung nach politischer Einflußnahme stattfand. Nochmals, eine Allmachtsstellung des MfS hat es nie gegeben !!!


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#11

RE: Ständige Ausreise aus der DDR

in DDR Politik Presse 07.11.2010 20:11
von mannomann14 | 625 Beiträge

vieleicht hilft dieser link weiter

http://www.bstu.bund.de/cln_028/nn_13283....html__nnn=true

auf die einzelnen Bereiche klicken ,da geht es weiter.
Gruß mannomann


Etwas über mich zu schreiben, um sich dann daraus ein Bild von mir machen zu können , wäre ungefähr so, wie der Versuch Architektur zu tanzen...
zuletzt bearbeitet 07.11.2010 20:12 | nach oben springen

#12

RE: Ständige Ausreise aus der DDR

in DDR Politik Presse 07.11.2010 21:03
von Huf (gelöscht)
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Mit Interesse habe ich die vorangegangenen Beiträge gelesen. Besonders habe ich über die Beiträge von AMW (heute 16:15 Uhr) und die Darlegungen der Struktur des MfS, die manno gezeigt hat, nachgedacht.
Keine Sorge, ich hole nicht die Keule raus.

Aber beim Nachdenken habe ich mich gefragt, wie kann ein so durchorganisierter Apparat ausgebildeter Menschen, die den tiefsten Einblick in das Leben in der DDR hatten, und netzartig im gesamten Land verbunden waren mit damals modernster Nachrichtentechnik, den alten Männern im Politbüro so blindlings folgen?
Ich meine nicht die Treue zur "Sache", sondern den permanenten Widerspruch zwischen öffentlich propagierten Phrasen und der Erkenntnis der Realität?
Denn nur die MA der Stasi selbst wußten doch, wie es um die DDR bestellt war, in jeder Hinsicht und zu jeder Zeit.

Und da kommt in mir die hypothetische Frage auf, gab es irgendwann einmal Pläne zum Umsturz, zum Putsch, um auf einen reformorientierten Weg des Sozialismus in der DDR zu gelangen?
Wenn auch sicher sehr naiv gefragt, so meine ich, dass die hauptamtlichen MA des MfS die einzige Gruppe von DDR-Bürgern war, die tatsächlich alles wußte, auch Dinge, die man heute als ehem. DDR-Bürger nicht wissen kann.

Kann darüber jemand etwas sagen?

VG Huf


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#13

RE: Ständige Ausreise aus der DDR

in DDR Politik Presse 07.11.2010 21:11
von don71 (gelöscht)
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Zitat von mannomann14
vieleicht hilft dieser link weiter

http://www.bstu.bund.de/cln_028/nn_13283....html__nnn=true

auf die einzelnen Bereiche klicken ,da geht es weiter.
Gruß mannomann


Du hast mir sehr geholfen. Danke Jürgen


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#14

RE: Ständige Ausreise aus der DDR

in DDR Politik Presse 07.11.2010 23:19
von Gert | 12.354 Beiträge

Zitat von Huf
Mit Interesse habe ich die vorangegangenen Beiträge gelesen. Besonders habe ich über die Beiträge von AMW (heute 16:15 Uhr) und die Darlegungen der Struktur des MfS, die manno gezeigt hat, nachgedacht.
Keine Sorge, ich hole nicht die Keule raus.

Aber beim Nachdenken habe ich mich gefragt, wie kann ein so durchorganisierter Apparat ausgebildeter Menschen, die den tiefsten Einblick in das Leben in der DDR hatten, und netzartig im gesamten Land verbunden waren mit damals modernster Nachrichtentechnik, den alten Männern im Politbüro so blindlings folgen?
Ich meine nicht die Treue zur "Sache", sondern den permanenten Widerspruch zwischen öffentlich propagierten Phrasen und der Erkenntnis der Realität?
Denn nur die MA der Stasi selbst wußten doch, wie es um die DDR bestellt war, in jeder Hinsicht und zu jeder Zeit.

Und da kommt in mir die hypothetische Frage auf, gab es irgendwann einmal Pläne zum Umsturz, zum Putsch, um auf einen reformorientierten Weg des Sozialismus in der DDR zu gelangen?
Wenn auch sicher sehr naiv gefragt, so meine ich, dass die hauptamtlichen MA des MfS die einzige Gruppe von DDR-Bürgern war, die tatsächlich alles wußte, auch Dinge, die man heute als ehem. DDR-Bürger nicht wissen kann.

Kann darüber jemand etwas sagen?

VG Huf




@Huf, sehr gute Gedanken und Fragen, die du da formulierst. Ähnliches ist mir auch schon öfter beim Lesen dieser Posts durch den Kopf gegangen. Ich bin mal gespannt, ob darauf von Jemandem eine Antwort mit Substanz kommt oder (nur) ein Verweis in pdf Form auf irgendwelche alten Dokumente dieses Ministeriums.

Gruß Gert


.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
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Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
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#15

RE: Ständige Ausreise aus der DDR

in DDR Politik Presse 08.11.2010 10:33
von Gert | 12.354 Beiträge

Zitat von Altermaulwurf

Zitat von Gert

Zitat von GilbertWolzow

Zitat von Angelo
De jure war das MdI für die ständige Ausreise zuständig, de facto besaß jedoch das MfS ein Direktivrecht gegenüber allen anderen beteiligten Ministerien.



die v.g. aussage entspricht nicht den tatsachen, das mfs hattte am "runden tisch" bei der abt. inneres nur ein mitspracherecht bei evtl. versagungsgründen (lt. richtlinie 2/84 (?) des mfs). der nachteil für den antragsteller war das er evtl. eine ablehnung erhielt und damit verbunden nicht den tatsächlichen grund.

1989 begannen die vorbereitungen in der ddr für ein verwaltungesgericht. das wiederum hätte auch auswirkungen auf die o.g. antragstelle auf ständige ausreise gehabt, da sie damit die ablehnung gerichtlich hätten überprüfen können.


während antragstellung auf ständige ausreise versucht wurde mit allen staatlichen mitteln zu verhindern (es wäre eher eine aufgabe der sed gewesen das problem mit politischen mitteln zu lösen) wurden antragstellungen für eheschliessungen mit bürgern aus dem nsw sehr zügig bearbeitet und meistens positiv entschieden.





@Gilbert wenn auch bei diesem Verfahren das MfS nichts zu sagen hatte, wofür waren denn die Genossen des MfS nun wirklich zuständig, wo lag denn ihre eigentliche Macht ? Das würde mich mal interessieren. Ich höre immer nur " nicht verantwortlich, nicht zuständig................ etc " .Dann frage ich mal umgekehrt.

Gruß Gert




Das MfS hatte in diesem Verfahren erst einmal formelle Versagungsgrunde für eine Ständige Ausreise zu prüfen. Das ergab sich unter anderem in Falle von Geheimnisträgern, früheren NVA o. anderen Zugehörigkeiten zu "Bewaffnten Organen" usw.
Diese waren fest definiert und nach dem richtete sich auch das Prozedere der Überprüfung aus, wie Speicherüberprüfung KMK, ZPDP, XII, Ermittlungen Arbeitsstelle / Wohngebiet usw.
Die Grundlagen die zu einer Genehmigung zur Ständigen Ausreise führten, kamen von der politischen Seite und waren keiner Konstanz oder über längeren Zeitraum gültigen Definitionen unterworfen. Es gab durchaus Fälle wo Bedenken vorhanden waren und doch eine Genehmigung nach politischer Einflußnahme stattfand. Nochmals, eine Allmachtsstellung des MfS hat es nie gegeben !!!




AMW das ist doch mal ne Antwort, mit der ich etwas anfangen kann.

Vielen Dank auch für die von anderen eingestellten Links zur Struktur des MfS. Entschuldigt bitte, aber wenn ich die dort dargestellten Organigramme lese, weiss ich zwar, wie der Laden gegliedert war. Aber sonst bin ich genauso schlau wie vorher. Trotzdem danke für die Mühe.

Gruß Gert


.
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Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
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#16

RE: Ständige Ausreise aus der DDR

in DDR Politik Presse 08.11.2010 10:45
von eisenringtheo | 9.165 Beiträge

Zitat von Gert
[quote="Huf"](...)Aber beim Nachdenken habe ich mich gefragt, wie kann ein so durchorganisierter Apparat ausgebildeter Menschen, die den tiefsten Einblick in das Leben in der DDR hatten, und netzartig im gesamten Land verbunden waren mit damals modernster Nachrichtentechnik, den alten Männern im Politbüro so blindlings folgen?
Ich meine nicht die Treue zur "Sache", sondern den permanenten Widerspruch zwischen öffentlich propagierten Phrasen und der Erkenntnis der Realität?
Denn nur die MA der Stasi selbst wußten doch, wie es um die DDR bestellt war, in jeder Hinsicht und zu jeder Zeit.
(...)

VG Huf

[quote]

Ich bin mir da gar nicht so sicher. In jedem grösseren Betrieb gibt es mehrere Stufen von Vorgesetzten. Die wollen alle ihre Arbeit recht machen und weiterkommen. Da darf man keinen "Sauhaufen" führen und sollte keine Problem in der Arbeitsbewältigung haben. Also wird man so gegen oben berichten, dass Gutes dort bekannt wird und weniger Gutes etwas geschönt hinüberkommt. Einerseits um die Motivation der eigenen Mitarbeiter hochzuhalten, vor allem, um sich die eigene Karierre nicht zu verbauen.
Je höher man steigt, desto weniger schlimm sehen die Probleme aus, nachdem die Berichte durch viele Hände gegangen sind. Nur so kann es heute möglich sein, dass Grosskonzerne von einem Moment auf den andern pleite gehen und die Teppichetage hat nichts gemerkt, weil alle Berichte gut waren. So wird es wohl immer sein und so war es wohl auch beim Mfs:
Beispiel: Grenzvorfall 14. März 1966:
http://www.chronik-der-mauer.de/index.ph...d/593924/page/8
Und was dem Genossen Honecker berichet wurde:
http://www.chronik-der-mauer.de/index.ph...d/file/id/49791
Theo Eisenring


zuletzt bearbeitet 08.11.2010 10:46 | nach oben springen



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