#1

Diplomat in der DDR Narrenfreiheit ?

in DDR Staat und Regime 29.10.2010 13:20
von Angelo | 12.396 Beiträge

Ich habe hier ein schönes Video über Diplomaten in der DDR gefunden es ist leider in Englisch aber ich denke die meisten von euch können ja ein bisschen Englisch um es zu verstehen. Aber jetzt auch meine Frage zu dem Video wie man sehen kann kommt der Diplomat ohne viele Probleme über den Grenzübergang. Hatten Diplomaten aus dem Westen auch Narrenfreiheit in der DDR ? Wie wurde mit diesen umgegangen ? Vielleicht weiß ja jemand was darüber. War es denn Diplomaten möglich so auch Flüchtlinge aus der DDR zu schmuggeln ? Denn die Diplomaten Fahrzeuge wurde ja bestimmt nicht durchsucht oder ?


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#2

RE: Diplomat in der DDR Narrenfreiheit ?

in DDR Staat und Regime 29.10.2010 16:28
von Eumel | 139 Beiträge

Kann man alles nicht so pauschal beantworten. Gab übrigens schon mal im Forum etwas dazu beim Thema Gamma-Kanonen.

Diplomaten bzw. Mitarbeiter vom Diplomatischen Korps, welche in der DDR akkreditiert waren, konnten recht einfach und ohne (Zoll-)Kontrolle ein- und ausreisen. Außer das es natürlich eine bevorzugte Abfertigung gab, beschränkte sich auch da die Passkontrolle auf ein Minimum (War ja auch im Film zu sehen). Überwacht wurden sie natürlich trotzdem. Bei schwerwiegenden Verstößen durch diese Diplomaten, konnte es recht schnell zu Ende sein mit der Akkreditierung. Diese mussten allerdings erst mal nachgewiesen werden.

Etwas anderes war es, wenn jemand mit Diplomatenpass ohne Akkreditierung einreist. Da sah es mit Immunität natürlich wieder anders aus. Als krassestes Beispiel sei ein bundesdeutscher Diplomatenpass, ausgestellt in Westberlin für einen westberliner Abgeordneten, genannt. Der würde gar nicht anerkannt werden, da ja nach damaliger Gesetzeslage Westberlin kein Teil der Bundesrepublik war.

Ansonsten ist es eben so wie heute auch. Botschaften sind exterritorial und die Akkreditierten geniessen Immunität und nutzen das manchmal auch reichlich aus


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#3

RE: Diplomat in der DDR Narrenfreiheit ?

in DDR Staat und Regime 29.10.2010 19:37
von ABV | 4.202 Beiträge

Ich habe ja drei Jahre die Diplomaten, oder besser gesagt deren Einrichtungen, bewacht. Die Diplomaten besaßen in der DDR keine Narrenfreiheit, wohl aber, wie in jedem anderen Staat auch, diplomatische Immunität. Für uns Polizisten galten im Umgang mit den Diplomaten besondere Regeln. Wenn zum Beispiel der Botschafter eines Landes zum Posten kam um mit ihm zum Beispiel auf den Jahrestag seines Heimatlandes anzustoßen, durfte der Polizist das angebotene Gläschen nicht etwa ablehnen. Mir ist das allerdings in meiner Dienstzeit nicht einmal passiert, dass ein hoher Diplomat mit mir ein Schnäpperken trinken wollte.
Dafür gab es bei der PLO-Vertretung immer den leckersten Kaffee und manchmal auch ein Stückchen Kuchen. Und das ohne besonderen Anlass. Von der Gattin des Irakischen Botschafters bekam ich einmal einen Kasten mit echt Schweizer Konfekt kredenzt. Wir durften solche Geschenke annehmen, hatten das aber sofort zu melden. Irgendwie ist mir das aber an dem Abend entfallen.
Andere Posten des WKM bekamen Whiskey oder Kognak geschenkt. Das war ein Dankeschön das wir immer so schön auf die Leute aufgepasst haben. Wahrscheinlich wussten die Diplomaten nicht, dass das Wachkommando Missionsschutz nicht nur be sondern auch überwachte. Die Fahrzeugbewegungen vor den Residenzen und Botschaften wurden akribisch auf einem extra Vordruck notiert. Des Weiteren waren wir angehalten, so genannte Informationen zu erbringen. Die bekam man, wenn überhaupt, vom Personal. Manchmal ging die Chose auch anderes herum. In Pankow wohnte irgend so ein Attache der USA-Botschaft. Sein Haushälter, ein Pakistani, bewirtete uns stets mit Kaffee. Dabei zeigte er sich als sehr neugierig. Wir wurden direkt über unsere familiären Verhältnisse ausgefragt, was ja einen Haushälter nun wirklich nichts angeht. Nicht mal, wenn er nicht im Dienste der USA stehen würde. Später wies uns unser Wachabteilungsleiter daraufhin, dass der Haushälter, allgemein wurde er nur Patrick genannt, für die CIA arbeiten soll. Falls das stimmen sollte, dann waren seine "Ausforschungen" reichlich plump und ganz sicher nicht von Erfolg gekrönt.
Botschafter aller Staaten mussten von den Posten des Missionsschutzes mit militärischer Ehrenbezeugung gegrüßt werden. Der Posten vor der Residenz des Botschafters von Großbritannien hatte dieses einmal "vergessen." Der Gesandte der Queen zeigte sich not amused und klagte im Außenministerium der DDR sein Leid. Das führte wiederrum dazu, dass der Posten von seinem Chef gehörig eine auf die Mütze bekam. Im Gerüchten vorzubeugen, ich war es diesmal nicht.

Gruß an alle
Uwe


www.Oderbruchfotograf.de

http://seelow89.wordpress.com/tag/volkspolizei-seelow/


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#4

RE: Diplomat in der DDR Narrenfreiheit ?

in DDR Staat und Regime 29.10.2010 20:57
von eisenringtheo | 9.180 Beiträge

Zwar geniessen Diplomaten die Rechte aus dem Wiener Überkommen
http://de.wikipedia.org/wiki/Wiener_%C3%...che_Beziehungen
haben aber auch Pflichten. So müssen sie sich mit einem Pass beim Grenzübertritt ausweisen können. Diesen Umstand versuchte die DDR im Jahre 1986 auszunutzen, um zu erreichen, dass die westlichen Staaten die russische Sektorengrenze zu den amerikanischen, französischen und britischen Sektoren als Staatsgrenze der DDR anerkannten: Die Diplomaten mit Ausnahme der Allierten mussten ab sofort den Pass vorzeigen. Da Diplomaten Vertreter eines Staates sind, hätte man damit sozusagen anerkannt, dass man eine völkerrechtliche Grenze überschreitet. Das wollte man auf gar keinen Fall und ist "aussen herum" von West- nach Ostberlin gereist.
http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13516921.html
Theo


zuletzt bearbeitet 29.10.2010 20:58 | nach oben springen

#5

RE: Diplomat in der DDR Narrenfreiheit ?

in DDR Staat und Regime 29.10.2010 22:32
von Eumel | 139 Beiträge

Das ist ein sehr schönes Beispiel.

Die akkreditierten Diplomaten (und Botschaftsangestellten) hatten bis dahin ihre Klappkarte (KK) Rot bzw. Grün (also ihren Dienstausweis). Der reichte zum Grenzübertritt. Plötzlich sollten sie außerdem ihren Pass vorlegen. Mhh ... und wenn sie den nicht dabei hatten? ... oder haben wollten? Jedenfalls gab es da doch zu dieser Zeit einige deftige Auseinandersetzung an der Güst. Den Ärger hatten die Leute an der Abfertigung auszustehen. Jedenfalls zog das Kreise bin in höchste Ebenen. Das ging soweit, dass die (westlichen) Alliierten mit Abbruch der diplomatischen Beziehungen drohten. Wobei das "aussen herum" auch wohl eher die Ausnahme war. Die meisten reisten nach wie vor normal, auch mit Pass. Allerdings waren die Ausnahmen eben "wichtig" und so wurde bereits im Juni (*denk*) die Passvorlage wieder rückgängig gemacht.

Wobei: Sie Aussage mit der Sektorengrenze und Diplomaten stimmt in diesem Sinne zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Seit 1974 war die DDR und die BRD völkerrechtlich anerkannt und die Diplomaten hatten sich an völkerrechtliche Bestimmungen zu halten. Militärmissionen waren immer noch ein anderes Ding.


zuletzt bearbeitet 29.10.2010 22:33 | nach oben springen

#6

RE: Diplomat in der DDR Narrenfreiheit ?

in DDR Staat und Regime 29.10.2010 23:10
von eisenringtheo | 9.180 Beiträge

Zitat von Eumel
(...).

Wobei: Sie Aussage mit der Sektorengrenze und Diplomaten stimmt in diesem Sinne zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Seit 1974 war die DDR und die BRD völkerrechtlich anerkannt und die Diplomaten hatten sich an völkerrechtliche Bestimmungen zu halten. Militärmissionen waren immer noch ein anderes Ding.


Die Anerkennung der DDR und der BRD einserseits und der Berlin Status waren zwei Paar Schuhe. Über den Berlin Status wachten die Alliierten und deren befreundeten Staaten in aller Welt nahmen darauf aus Eigeninteresse auch etwas Rücksicht: Hätte es die UdSSR zugelassen, die DDR hätte in Berlin auch Grenzsäulen aufgestellt; doch die passten nicht ins Konzept der UdSSR Aussenpolitik.
Theo


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#7

RE: Diplomat in der DDR Narrenfreiheit ?

in DDR Staat und Regime 30.10.2010 00:00
von Eumel | 139 Beiträge

Zitat von eisenringtheo

Zitat von Eumel
(...).
Wobei: Sie Aussage mit der Sektorengrenze und Diplomaten stimmt in diesem Sinne zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Seit 1974 war die DDR und die BRD völkerrechtlich anerkannt und die Diplomaten hatten sich an völkerrechtliche Bestimmungen zu halten. Militärmissionen waren immer noch ein anderes Ding.


Die Anerkennung der DDR und der BRD einserseits und der Berlin Status waren zwei Paar Schuhe. Über den Berlin Status wachten die Alliierten und deren befreundeten Staaten in aller Welt nahmen darauf aus Eigeninteresse auch etwas Rücksicht: Hätte es die UdSSR zugelassen, die DDR hätte in Berlin auch Grenzsäulen aufgestellt; doch die passten nicht ins Konzept der UdSSR Aussenpolitik.
Theo




Es waren zwei paar Schuhe und immer recht kompliziert. Allerdings betraf das auch beide Seiten. In der Öffentlichkeit wurde in der westlichen Welt der Sonderstatus ja doch etwas heruntergespielt (ausser bei Wehrdienstverweigerern )

Hier mal das Protokoll von 1971:

http://www.verfassungen.de/de/de45-49/viermaechte71.htm

Vielleicht kann da über die spätere Zeit jemand anderes noch Dokumente bringen? Es gab da noch bis 1989 einige Vereinbarungen. Habe aber auf die Schnelle keine Dokumente gefunden. Wikipedia schweigt sich da leider auch aus. Der Sonderstatus von Berlin (West) setzte sich jedenfalls sehr lange fort.


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