#1

Brunos Unfall

in Mein Grenzer Tagebuch 23.10.2010 20:15
von TOMMI | 1.987 Beiträge

Die Erlebnisse bei den GT waren so vielfältig, dass es keiner größere Kreativität bedarf, die eine oder andere
Geschichte wieder zu geben. Das wahre Leben spiegelte sich auch den Grenzkompanieen wieder, nur eben unter
den bekannten Bedingungen. So war es auch bei Verkehrsunfällen, die gab (und gibt es) im zivilen wie auch im
militärischen Leben. Aber nun zur Sache:
Ende 1987 (oder war es Anfang 1988?) kamen, wie immer im gewohnten Rhytmus, neue Soldaten von der "Keimschmiede"
zu uns nach Teistungen. Das "Völkchen", was da kam, war bunt gemischt, ein komplettes Abbild der damaligen
DDR-Bevölkerung, was Wohnort, Beruf und auch intelektuelles Niveau betraf. In den meisten Fällen kamen sie von weit her.
Man mochte denken, man schickte die Leute so weit von zu Hause weg, wie nur möglich.
Wenn ich hier schreibe "in den meisten Fällen", so war es nicht zu 100% so. Und eben diesmal war auch solch eine
"Ausnahme, die die Regel bestätigt", dabei. Ein junger Soldat kam aus dem Nachbarort Hundeshagen, etwa 4 km entfernt.
Er gehörte zu den wenigen (von Berufssoldaten abgesehen), die keinen Urlaub benötigten, um nach Hause zu kommen.
Er erhielt von uns den Spitznamen "Bruno". Er war ein sehr angenehmer und umgänglicher Zeitgenosse, an den man sich
gerne zurück erinnert. Als Posten im Dienst hatte man ihn gerne dabei, als auch in Tee- oder Kaffeerunden. Fehlte bei
einer Skat- oder Doppelkopfrunde der 3. bzw. 4.Mann, so war er als Spielpartner zur Stelle, wenn es der Dienst erlaubte.
Eingesetzt wurde als Kraftfahrer auf einem LO, das bevorzugte Fahrzeug der A-Gruppen.
Dann, im April 1988, wenige Tage vor meinem Heimgang, passierte es. Bruno hatte mit seiner A-Gruppe Frühschicht
(4:00-12:00). Da sich die A-Gruppe zeitweise in der Führungsstelle aufhielt, führte der Weg der Ablösung von der Führungs-
stelle den Kolonnenweg hinab über das Tor "Bahndamm" in die Kaserne zurück. Heute sind diese Stellen im Rahmen des
Grenzlandmuseums "Eichsfeld" im Original erhalten und zu besichtigen. Als wir in der Kaserne auf die abgelöste A-Gruppe
warteten, platzte die Nachricht herein, dass es einen Unfall gegeben hatte. Der Buschfunk der Kaserne berichtete: "Bruno
hat den LO auf den 6er (6m-Kontrollstreifen) gelegt. Auch bei uns gab es die Seuche der Schaulustigkeit. Da der betroffene
Abschnitt sehr gut von der Kaserne aus zu sehen war, stigen nicht wenige von uns (mich eingeschlossen) aufs Dach, welches
sehr gut als Aussichtsplattform zu benutzen war. Ich borgte mir ein Fernglas und sah die Bescherung.
An einer Stelle, von der Kolonnenweg bergab vom Pferdeberg eine Linkskurve machte, lag der LO hilflos wie ein Käfer verkehrt
herum auf dem 6er. Als dann direkte Augenzeugen in die Kaserne zurück kamen, erfuhren wir genaueres.
Wohl in Vorfreude auf den anstehenden Feierabend mit dem verbundenen Mittagessen fuhr Bruno wohl etwas zu schnell.
Den Gesetzen der Fliehkraft kann sich auch kein LO der GT entziehen. So führte die Physik zu dem bekannten Ergebnis.
Die Ladefläche des Fahrzeuges war total hinüber. Dagegen war das Führerhaus nahezu unbeschädigt. Während dieser
Crashfahrt haben alle 4 Insassen im Führerhaus gesessen. Diesem Umstand verdanken sie es, dass sie absolut unverletzt
blieben, möglicherweise ihr Leben. Weiterhin wurde damals erzählt (keine Ahnung, ob Gerücht oder Wahrheit), dass ein
an den Unfallort herbeigeeilter Regimentsoffizier sich nicht nach dem Befinden der Unfallopfer erkundigt hat und stattdessen
aber fragte, was denn am Fahrzeug kaputt sei.
Inwieweit der Unfall Konsequenzen für Bruno hatte, weiß ich nicht mehr.
Jedenfalls hatte ich später noch einen Streit mit dem KfZ-Techniker, der es nicht zulassen wollte, dass ich das Funkgerät aus
dem nunmehr schrottreifen Fahrzeug ausbauen wollte. Nach einigem Hin-und Her gelang es mir dann doch.

Die Jahre vergingen. Der Zufall wollte es, dass ich Anfang der 90er beruflich in Hundeshagen, Brunos Heimatort, zu tun hatte.
Bei zwei Dorfbewohnern erkundigte ich mich, was aus ihm geworden sei. Sie erzählten mir, er hatte einen schweren Verkehrsunfall
und liegt im Koma. Es sehe sehr schlecht mit ihm aus.
Armer Bruno, Autos waren wohl nicht seine besten Freunde. Im wünschte ihm von Herzen, dass er es trotz der pessimistischen
Prognose doch noch schaffen würde und dass ihm der liebe Gott nach der gelben Karte im April '88 nicht noch die rote zeigte.
Weiteres habe ich dann leider nicht mehr erfahren.


EK 88/I
GR4 / 5.GK (Teistungen)


zuletzt bearbeitet 23.10.2010 20:16 | nach oben springen

#2

RE: Brunos Unfall

in Mein Grenzer Tagebuch 23.10.2010 20:23
von Zermatt | 5.293 Beiträge

Hallo Tommi,

endlich noch mal was zum Thema.Ein guter Beitrag.
Bitte mehr davon.



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#3

RE: Brunos Unfall

in Mein Grenzer Tagebuch 23.10.2010 21:04
von P3 | 357 Beiträge

Echt eine sehr berührende Geschichte. Bei uns war ein ähnlicher Fall, 82 im Sommer, war wohl gerade WM in Spanien, hat ein Kamerad den LO von der Frühschicht auf den Rücken gelegt. War wohl auch, wie in Tommis Beitrag, zu schnell auf dem Weg in die Kompanie. In einer 90 Grad Kurve hinter einem Eisenbahntunnel kam der LO von der Strasse ab und überschlug sich in einem Maisfeld Wie durch ein Wunder kamen die zehn oder zwölf Insassen mit leichten bis mittleren Blessuren davon. Unser Schlosser Jens, hatte geistesgegenwärtig die Batterie des aus dem auf dem Dach liegenden Fahrzeuges entfernt, der auslaufende Sprit hätte leicht das Wrack entzünden können und die unter Schock stehenden Kameraden wären sicher nicht so glimpflich davongekommen. Der Fahrer musste sich verantworten, kam aber, für meine Begriffe, gut dabei weg, wir gingen gemeinsam nach Hause.

Gruß
P3


Wo viel Freiheit, ist viel Irrtum, doch sicher ist der schmale Weg der Pflicht.


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#4

RE: Brunos Unfall

in Mein Grenzer Tagebuch 23.10.2010 21:39
von VNRut | 1.486 Beiträge

Ebenfalls im Winter 1982/83 verunglückten zwei junge Grenzsoldaten nach einen Grenz-Alarm-Einsatz im Raum Falkensee/Groß Glienicke. Weil ein Motorrad defekt war, lud man es mit auf einen LKW, auf denen schon Soldaten saßen. Durch Unachtsamkeit, Übermüdung, unangemessene Geschwindigkeit oder schlechte Straßenverhältnisse verlor der LKW Fahrer die Kontrolle und stürzte in einen tiefen Graben und überschlug sich. Das Motorrad auf der Ladefläche erschlug zwei Soldaten.

VN_Rut


GKM - 05/05/1982 bis 28/10/1983 im GAR 40/1.Abk/2.Zug (Oranienburg 17556) & GR 34/1.Gk/2.Zug (Groß-Glienicke 85981)
Aufrichtigkeit ist wahrscheinlich die verwegenste Form der Tapferkeit. (William Somerset Maugham, britischer Schriftsteller 1874 - 1965)
Ohne die Kälte und Trostlosigkeit des Winters gäbe es die Wärme und die Pracht des Frühlings nicht. (Ho Chi Minh)

http://www.starsofvietnam.net/
https://www.youtube.com/watch?v=OAQShi-3MjA
Gruß Wolle
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#5

RE: Brunos Unfall

in Mein Grenzer Tagebuch 23.10.2010 21:47
von VNRut | 1.486 Beiträge

Ende Oktober 1982 verstarb auch durch einen tragischen Unglücksfall mein ehemaliger Arbeitskollege (Azubi) und Kumpel Uwe B. im Alter von 20 Jahren in Magdeburg auf der mehrspurigen Berliner Chaussee. Er war damals Kradfahrer bei der Bereitschaftspolizei und regulierte seine Einheit vom Feldlager (Gefechtsübungen?) zurück in die Kaserne. Durch Unachtsamkeit, Übermüdung, schlechte Sichtverhältnisse oder technischen Defekt (Ursache geheim gehalten) lenkte ein SPW Fahrer sein Gefährt in einer Kurve gerade aus und überrollte ihm. Am 10. November´82 wurde er in "allen Ehren" beigesetzt.

VN_Rut


GKM - 05/05/1982 bis 28/10/1983 im GAR 40/1.Abk/2.Zug (Oranienburg 17556) & GR 34/1.Gk/2.Zug (Groß-Glienicke 85981)
Aufrichtigkeit ist wahrscheinlich die verwegenste Form der Tapferkeit. (William Somerset Maugham, britischer Schriftsteller 1874 - 1965)
Ohne die Kälte und Trostlosigkeit des Winters gäbe es die Wärme und die Pracht des Frühlings nicht. (Ho Chi Minh)

http://www.starsofvietnam.net/
https://www.youtube.com/watch?v=OAQShi-3MjA
Gruß Wolle
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#6

RE: Brunos Unfall

in Mein Grenzer Tagebuch 24.10.2010 00:10
von P3 | 357 Beiträge

Auf alle, die bei ihrem Dienst einfach mal Pech hatten !

Gruß
P3


Wo viel Freiheit, ist viel Irrtum, doch sicher ist der schmale Weg der Pflicht.


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#7

RE: Brunos Unfall

in Mein Grenzer Tagebuch 24.10.2010 09:40
von Stabsfähnrich | 2.046 Beiträge

ZItat @Tommi: Weiterhin wurde damals erzählt (keine Ahnung, ob Gerücht oder Wahrheit), dass ein
an den Unfallort herbeigeeilter Regimentsoffizier sich nicht nach dem Befinden der Unfallopfer erkundigt hat und stattdessen
aber fragte, was denn am Fahrzeug kaputt sei.


abgesehen vom tragischen Unfallgeschehen, ist für mich erschreckend und auch selbst erlebt, wie manche Dienstvorgesetzte die Arbeit mit dem Menschen betrieben haben. Auch ich hatte nach einem Dienstunfall mit dienstlich zugeteiltem Motorrad (TS 250/2) das zweifelhafte Vergnügen, dass mir noch im Med.-Punkt die Wiedergutmachungsverordnung der NVA/GT überreicht wurde - dies in Verbindung mit dem Befehl über die Einbehaltung eines Teils meiner Besoldung (Dienstbezüge). Der Krankensuch erfolgte erst drei Tage danach und war mehr wie eine Floskel. Es war ein Schauspiel eines Laiendarstellers aus dem GB. Dem entsprechend waren auch die Gensungswünsche welche damit endeten, dass ich doch mal über das Thema "Mensch und Technik" nachdenken solle und ggf. nach meiner Genesung in einer der folgenden GWW Unterrichtungen dazu einen selbstkritischen Beitrag leisten solle.
Letzteres ging an mir vorbei, da ich als einzigster Unteroffiziersdienstgrad in der Runde der GWW Teilnehmer (ab Ultn. aufwärts) für das Kaffee holen zuständig war. Warum ich als "kleiner " Ufw. an Stelle der GWA an der GWW teil nehmen mußte - entzieht sich noch heute meiner Kenntnis.


Mit freundlichen Grüßen - Chris
www.polizeilada.de
www.grenzradio911.info
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