#741

RE: Fragen über Fragen zum Leben in der DDR

in Leben in der DDR 15.10.2014 20:56
von AR-11 | 31 Beiträge

Ich hab die Entwicklung es DDR-Wohnungsbaus in Halle live miterlebt. Positiv. Als ich 1963 geboren wurde, lebten meine Eltern in einer 2-Zimmer Dachwohnung mit Küche und Waschbecken (Kaltwasser) im Flur, Gemeinschafts-Klo war (bloß gut für mich) in Treppenhaus direkt gegenüber, Ofenheizung-logisch. Das war im Stadtteil Glaucha, Wegscheider Str. 1967, mein kleiner Bruder kündigte sich an, fuhren wir immer Mal wieder auf eine ziemlich zugige Ebene: Halle-Neustatdt, dessen Baubeginn in meinem Geburtsjahr war. Dort leistete mein Vater irgendwelche "freiwilligen" Stunden oder so, für unsere nagelneue 3-Raum Wohnung im Block 498/3, 9.Etage (unweit S-Bahn-HP Zscherbener Str.).Wohnzimmer, Küche, Bad mit warmem Wasser und Badewanne, 2 Zimmer und Flur mit Einbauschränken! Ha-Neu war super. Alles in der Nähe: Kindergarten, später Schule, das BAZ für Vatern und die dazugehörige Kaufhalle... Wir blieben dort bis 1975. Da ergab es sich, dass wir das Haus im Rosengarten kaufen konnten, in dem die Familie meiner Mutter als Umsiedler in den Endvierzigern einquartiert wurden. Es lebten dort: meine Großmutter (OG, 1Zimmer+Küche), deren Schwester mit Mann (1 Zimmer+Küche), unten die Großtante meiner Mutter mit Mann, 2 Zimmer mit Küche. Gemeinschaftsbad mit Badeofen im OG (für alle Familien), 1 Klo oben, 1 Klo unten mit Waschraum... Wir lebten zu viert in den zwei Zimmern unten, nachdem die Großtante und ihr Mann verstorben waren.

Der Boden mit Kaltdach wurde im Winter zum Wäschetrocknen genutzt. Als ich in der 8.Klasse war, bauten wir für mich ein Zimmer dort ein-Ofenheizung. Morgens übern- im Winter schneeverwehten (kein Witz)- Boden zur Treppe-im Sommer war dafür eine Affenhitze.... Als kleiner Junge erinnere ich mich daran, dass das Freitagsbad nicht im eigentlichen Bad stattfand sondern gleich in der Waschküche, weil sowieso grade Waschtag war...Ich kann nicht sagen, dass mir sehr gefallen hat...

Es gab ewig was zu bauen: Fenster, Fensterläden, Dach, Putz ausbessern, Treppe neu setzen. Mein erlernter Beruf also folgreichtig: Baufacharbeiter.
Dann Gartenarbeit, weil Vatern zur Arbeit war und die Jungs nicht wussten mit ihrer Kraft wohin...Achso, in diese Kathegorie fiel auch das Kohlenschleppen für alle Wohnparteien jeden zweiten Tag. Die Kohlen, die man zuvor irgenwann zentnerweise vom Kohlenkellerfenster weg, durch das der Kohlenmann diese aus riesigen Körben auf eine Rutsche in den Keller kippte, in die jeweilige Box der Wohnpartei geschaufelt hatte. 60 bis 80 Zentner je Lieferung waren nicht ungewöhnlich. Anfang der 1980er Jahre bauten wir dann in Eigenregie eine Schwerkraftheizung ein-welch ein Fortschritt. Warmes Wasser ohne erst die Gastherme anzuschmeissen...Ja, die hatte Mitte der 70er Jahre den Badeofen ersetzt..

Nach meinem Studium erhielten wir als "frisches" Ehepaar eine 2,5-Zimmer Wohnung WBS 70 in Wolfen-Nord.Obwohl wir noch gar keine Kinder hatten. Ich konnte sogar zwischen 3 Wohnungen, in verschiedenen Stadtteilen von Wolfen, wählen. Damals war mir dieses "Luxusproblem" in der Tat nicht bewusst das gebe ich zu. In Wo-No wohnten wir dann 11 Jahre.

Heute, hier, im Kölner "Speckgürtel", wünsche ich mir manchmal eine solche zweckmäßige Wohnung zurück. Ob sie "schön" waren, diese Plattenwohnungen, liegt im Auge des jeweiligen Betrachters. Ich fand und finde, sie zweckmäßig. Für uns 4 war sie damals ausreichend. Und heute hätte ich gerne wieder eine. Erst recht, wenn ich sehe, was man aus diesen "Platten" gemacht hat...

AR-11
geborener Hallenser


gedient in fremden Streitkräften 1983 bis 1990
zuletzt bearbeitet 15.10.2014 20:59 | nach oben springen

#742

RE: Fragen über Fragen zum Leben in der DDR

in Leben in der DDR 15.10.2014 21:46
von Nostalgiker | 2.554 Beiträge

Die erwähnten Neubauwohnungen mit Ofenheizung gab es tatsächlich und der Wohnungstyp hieß Q3A.
Allerdings ist er kein Plattenbau in dem Sinne der hier erwähnten 'Neubauwohnungen' sondern ein in Großblockbauweise gebautes Wohnhaus.
Diese Variante – für den Betrieb mit Ofenheizungen – wurde ab 1957 als vorläufig einzige Bauweise für den Massenwohnungsbau vorgesehen.
Sie wurden vorrangig zwischen 1957–1969 gebaut und der Schwerpunkt dafür lag in Berlin.
Für die Bezirke der DDR wurden Varianten entwickelt und bis Mitte der 60ger Jahre gebaut.

Alle Nachfolgetypen hatten dann Fernwärme.

Die Platte als solche in der DDR gibt es nicht. Es gab eine Vielzahl von Plattenbauten/typen

Auf der 5. Baukonferenz des ZK der SED und des Ministerrats der DDR wurde beschlossen ab 1970 ein „Einheitssystem Bau“ geschaffen wurde und es wurde der Typ WBS70 favorisiert da dieser Typ die größten Gestaltungsmöglichkeiten für Grundrisse, Fassade und Stockwerksanzahl hatte.

Wie bei vielem sehr positiv angedachten scheiterte letztendlich die Variantenreiche Gestaltung der Wohnblöcke, die flexible Grundrissgestaltung der einzelnen Wohnungen an den ökonomischen Zwängen des Landes.

Letztendlich kam bei dem Ganzen die berüchtigte Monotonie der Neubausiedlungen heraus, die Blöcke wie die Zinnsoldaten in Reihe ausgerichtet weil die Schienen-Anlage für den Kran am billigsten war wenn sie gerade verlegt wurde; ließ sich so auch besser umsetzen oder als großer Kreis und im Innenhof dann die Kindereinrichtungen wie Krippe und Kindergarten etc.

Der so entstanden optischen Monotonie der Wohngebiete wurde teilweise mit einer hemmungslosen und kreativen Gestaltung der Balkone entgegengewirkt.
Da kannten die Bewohner keine Grenzen, von Gelungen bis zur absolut geschmacklichen Entgleisung war alles dabei.


Das wie es @Alfred erwähnte in den Neubaugebieten auch Kinos gebaut wurden halte ich für ein Gerücht.
Ich kenne nur ein einzigen Kinoneubau in der DDR welcher in einem Neubaugebiet gebaut wurde und das war in Marzahn Anfang der 80er Jahre.
Ein Kino mit 400 Plätzen ? für 100.000 Einwohner ......, schlicht ein Witz und nicht Ausdruck des Erfolges einer gut durchdachten und realisierten Sozialpolitik.
Außer den sogenannten Dienstleistungswürfeln mit integrierter oder separat gebauten Wohngebietsgaststätte gab es doch in diesen Wohngebieten kaum Möglichkeiten am Abend mal auf 'nen Bier in die nächste Kneipe zu gehen .....
Auch hier weitestgehendst Fehlanzeige.

Wer sich ein wenig über "die Platte" informieren möchte, der Klicke hier

Gruß
Nostalgiker


Aber auf einmal bricht ab der Gesang,
einer zeigt aus dem Fenster, da spazieren sie lang,
die neuen Menschen, der neue Mensch,
der sieht aus, wie er war
außen und unter`m Haar
wie er war ...

_______________
aus; "Nach der Schlacht" - Renft - 1974
Text: Kurt Demmler

GeMi hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#743

RE: Fragen über Fragen zum Leben in der DDR

in Leben in der DDR 15.10.2014 22:47
von utkieker | 2.913 Beiträge

Die "Platte" in der historischen Innenstadt war lange Zeit ein tabu. Hier ein mal die "Platte" in seiner schönsten Vollendung.
http://www.ostsee.de/rostock/fuenf-giebel-haus.html

Gruß Hartmut!


"Die Vergangenheit zu verbieten macht sie nicht ungeschehen, nicht einmal wenn man versucht sie selbst in sich zu verdrängen"
(Anja-Andrea 1959 - 2014)
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#744

RE: Fragen über Fragen zum Leben in der DDR

in Leben in der DDR 16.10.2014 08:33
von Gert | 12.354 Beiträge

Zitat von AR-11 im Beitrag #741
Ich hab die Entwicklung es DDR-Wohnungsbaus in Halle live miterlebt. Positiv. Als ich 1963 geboren wurde, lebten meine Eltern in einer 2-Zimmer Dachwohnung mit Küche und Waschbecken (Kaltwasser) im Flur, Gemeinschafts-Klo war (bloß gut für mich) in Treppenhaus direkt gegenüber, Ofenheizung-logisch. Das war im Stadtteil Glaucha, Wegscheider Str. 1967, mein kleiner Bruder kündigte sich an, fuhren wir immer Mal wieder auf eine ziemlich zugige Ebene: Halle-Neustatdt, dessen Baubeginn in meinem Geburtsjahr war. Dort leistete mein Vater irgendwelche "freiwilligen" Stunden oder so, für unsere nagelneue 3-Raum Wohnung im Block 498/3, 9.Etage (unweit S-Bahn-HP Zscherbener Str.).Wohnzimmer, Küche, Bad mit warmem Wasser und Badewanne, 2 Zimmer und Flur mit Einbauschränken! Ha-Neu war super. Alles in der Nähe: Kindergarten, später Schule, das BAZ für Vatern und die dazugehörige Kaufhalle... Wir blieben dort bis 1975. Da ergab es sich, dass wir das Haus im Rosengarten kaufen konnten, in dem die Familie meiner Mutter als Umsiedler in den Endvierzigern einquartiert wurden. Es lebten dort: meine Großmutter (OG, 1Zimmer+Küche), deren Schwester mit Mann (1 Zimmer+Küche), unten die Großtante meiner Mutter mit Mann, 2 Zimmer mit Küche. Gemeinschaftsbad mit Badeofen im OG (für alle Familien), 1 Klo oben, 1 Klo unten mit Waschraum... Wir lebten zu viert in den zwei Zimmern unten, nachdem die Großtante und ihr Mann verstorben waren.

Der Boden mit Kaltdach wurde im Winter zum Wäschetrocknen genutzt. Als ich in der 8.Klasse war, bauten wir für mich ein Zimmer dort ein-Ofenheizung. Morgens übern- im Winter schneeverwehten (kein Witz)- Boden zur Treppe-im Sommer war dafür eine Affenhitze.... Als kleiner Junge erinnere ich mich daran, dass das Freitagsbad nicht im eigentlichen Bad stattfand sondern gleich in der Waschküche, weil sowieso grade Waschtag war...Ich kann nicht sagen, dass mir sehr gefallen hat...

Es gab ewig was zu bauen: Fenster, Fensterläden, Dach, Putz ausbessern, Treppe neu setzen. Mein erlernter Beruf also folgreichtig: Baufacharbeiter.
Dann Gartenarbeit, weil Vatern zur Arbeit war und die Jungs nicht wussten mit ihrer Kraft wohin...Achso, in diese Kathegorie fiel auch das Kohlenschleppen für alle Wohnparteien jeden zweiten Tag. Die Kohlen, die man zuvor irgenwann zentnerweise vom Kohlenkellerfenster weg, durch das der Kohlenmann diese aus riesigen Körben auf eine Rutsche in den Keller kippte, in die jeweilige Box der Wohnpartei geschaufelt hatte. 60 bis 80 Zentner je Lieferung waren nicht ungewöhnlich. Anfang der 1980er Jahre bauten wir dann in Eigenregie eine Schwerkraftheizung ein-welch ein Fortschritt. Warmes Wasser ohne erst die Gastherme anzuschmeissen...Ja, die hatte Mitte der 70er Jahre den Badeofen ersetzt..

Nach meinem Studium erhielten wir als "frisches" Ehepaar eine 2,5-Zimmer Wohnung WBS 70 in Wolfen-Nord.Obwohl wir noch gar keine Kinder hatten. Ich konnte sogar zwischen 3 Wohnungen, in verschiedenen Stadtteilen von Wolfen, wählen. Damals war mir dieses "Luxusproblem" in der Tat nicht bewusst das gebe ich zu. In Wo-No wohnten wir dann 11 Jahre.

Heute, hier, im Kölner "Speckgürtel", wünsche ich mir manchmal eine solche zweckmäßige Wohnung zurück. Ob sie "schön" waren, diese Plattenwohnungen, liegt im Auge des jeweiligen Betrachters. Ich fand und finde, sie zweckmäßig. Für uns 4 war sie damals ausreichend. Und heute hätte ich gerne wieder eine. Erst recht, wenn ich sehe, was man aus diesen "Platten" gemacht hat...

AR-11
geborener Hallenser

Gibt es so etwas nicht in Köln Chorweiler ?


.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
Geld ist geprägte Freiheit!
Dostojewski 1866
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
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#745

RE: Fragen über Fragen zum Leben in der DDR

in Leben in der DDR 16.10.2014 09:38
von Moskwitschka (gelöscht)
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War es nicht eher so, dass schon lange vor der Wende die eigenen Plattenbauten im Westen in Verruf gekommen sind? Als "priveligierte" Berlinerin hatte ich täglich das Märkische Viertel in Reinickendorf im Blick. Und wenn ich mit der S - Bahn Richtung Schöneweide fuhr, die Gropiusstadt in Neukölln. Was wurden sie medial hochgejubelt. Die Abendschau des SFB lobte die Architekten in den höchsten Tönen, die architektonischen Ideen und die Visionen die sich für modernes Wohnen in der Zukunft ergaben. Irgendwann in den 80-ern kippte die Stimmung über die Großprojekte des sozialen Wohnungsbaus und wurden zu sozíalen Brennpunkten.

Ich habe unlängst einen Bericht über die ersten Mieter in der Gropiusstadt, die dort als Zeitzeugen auftraten, gesehen. Deren Berichte deckten sich fast 1 : 1 mit denen der Mieter in Marzahn. Vom Glück das sie empfanden, aus dem Altbau mit Außentoilette und Ofenheizung rauszukommen. Doch sozialer Wohnungsbau hatte einen Haken - man konnte nur mit Wohnberechtigungsschein eine Zuweisung bekommen. Das bedeutete, das eine bestimmte Einkommensgrenze nicht überschritten werden durfte.

Zu Marzahn gab es einen gravierenden Unterschied - Mahrzahn war von Anfang an sozial durchmischt - vom Hochschulabsolventen bis zum einfachen Arbeiter war dort alles vertreten.

Und was nach der Wende passierte - darüber brauchen wir an dieser Stelle nicht zu diskutieren. Es geht ja um das Leben in der DDR.

LG von der Moskwitschka


Damals87 hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 16.10.2014 09:49 | nach oben springen

#746

RE: Fragen über Fragen zum Leben in der DDR

in Leben in der DDR 16.10.2014 09:55
von schnatterinchen (gelöscht)
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Aha Q3A jetzt weiß ich es auch.
Die Dinger mit ihren Flachdächern waren nicht uneingeschränkt für Ofenbeheizung geeignet.
Bei uns war oft die Bude völlig verraucht, je nach Wetterlage. Abhilfe war Jahrelang nicht in Sicht. Wir waren KWV. Ein Block weiter (war AWG) wurden "schon" nach ca. zwei Jahren Blechrohre auf die Schornsteine gesetzt. Wir mußten nochmal zwei Jahre warten, bis der Unmut der Mieter zu groß wurde und sich die Herrschaften von der KWV genötigt sahen zu handeln und uns auch die schicken Blechrohre spendierten.
Diese Verlängerungen kann man übrigens auch auf den Bildern in dem Wiki-Beitrag erkennen.


zuletzt bearbeitet 16.10.2014 09:58 | nach oben springen

#747

RE: Fragen über Fragen zum Leben in der DDR

in Leben in der DDR 16.10.2014 10:15
von Rostocker | 7.716 Beiträge

Zitat von utkieker im Beitrag #743
Die "Platte" in der historischen Innenstadt war lange Zeit ein tabu. Hier ein mal die "Platte" in seiner schönsten Vollendung.
http://www.ostsee.de/rostock/fuenf-giebel-haus.html

Gruß Hartmut!


Hartmut--mit so einen Plattenbaustil, wurde auch ein Teil der Rostocker Alstadt saniert. Und zwar hinter der Langen Straße zum Stadthafen runter. Sind heute gefragte Wohnungen in der Innenstadt.


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#748

RE: Fragen über Fragen zum Leben in der DDR

in Leben in der DDR 16.10.2014 10:20
von Nostalgiker | 2.554 Beiträge

Kleine Korrektur @Moskwitschka , was Du aus der S-Bahn in Richtung Schöneweide siehst, Höhe Bahnhof Plänterwald, ist nicht die Gropius-Stadt sondern die sogenannte "Weiße Siedlung" an der Aronstrasse in Neukölln.

Die 'Gropius Stadt' liegt am äußersten Südosten in Neukölln bei Alt-Rudow und war von der Gartenstadt Groß-Ziethen aus zu sehen. Liegt in Brandenburg.
Bedingt auch von Schönefeld aus.

Wobei sich das Märkisches Viertel, die Gropius Stadt, Weiße Siedlung oder das Neubaugebiet am Brunsbütteler Damm in Staaken (Berlin Spandau) optisch nicht sehr unterscheiden.

Gruß
Nostalgiker


Aber auf einmal bricht ab der Gesang,
einer zeigt aus dem Fenster, da spazieren sie lang,
die neuen Menschen, der neue Mensch,
der sieht aus, wie er war
außen und unter`m Haar
wie er war ...

_______________
aus; "Nach der Schlacht" - Renft - 1974
Text: Kurt Demmler

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#749

RE: Fragen über Fragen zum Leben in der DDR

in Leben in der DDR 16.10.2014 10:26
von Rostocker | 7.716 Beiträge

Zitat von Nostalgiker im Beitrag #742
Die erwähnten Neubauwohnungen mit Ofenheizung gab es tatsächlich und der Wohnungstyp hieß Q3A.
Allerdings ist er kein Plattenbau in dem Sinne der hier erwähnten 'Neubauwohnungen' sondern ein in Großblockbauweise gebautes Wohnhaus.
Diese Variante – für den Betrieb mit Ofenheizungen – wurde ab 1957 als vorläufig einzige Bauweise für den Massenwohnungsbau vorgesehen.
Sie wurden vorrangig zwischen 1957–1969 gebaut und der Schwerpunkt dafür lag in Berlin.
Für die Bezirke der DDR wurden Varianten entwickelt und bis Mitte der 60ger Jahre gebaut.

Alle Nachfolgetypen hatten dann Fernwärme.

Die Platte als solche in der DDR gibt es nicht. Es gab eine Vielzahl von Plattenbauten/typen

Auf der 5. Baukonferenz des ZK der SED und des Ministerrats der DDR wurde beschlossen ab 1970 ein „Einheitssystem Bau“ geschaffen wurde und es wurde der Typ WBS70 favorisiert da dieser Typ die größten Gestaltungsmöglichkeiten für Grundrisse, Fassade und Stockwerksanzahl hatte.

Wie bei vielem sehr positiv angedachten scheiterte letztendlich die Variantenreiche Gestaltung der Wohnblöcke, die flexible Grundrissgestaltung der einzelnen Wohnungen an den ökonomischen Zwängen des Landes.

Letztendlich kam bei dem Ganzen die berüchtigte Monotonie der Neubausiedlungen heraus, die Blöcke wie die Zinnsoldaten in Reihe ausgerichtet weil die Schienen-Anlage für den Kran am billigsten war wenn sie gerade verlegt wurde; ließ sich so auch besser umsetzen oder als großer Kreis und im Innenhof dann die Kindereinrichtungen wie Krippe und Kindergarten etc.

Der so entstanden optischen Monotonie der Wohngebiete wurde teilweise mit einer hemmungslosen und kreativen Gestaltung der Balkone entgegengewirkt.
Da kannten die Bewohner keine Grenzen, von Gelungen bis zur absolut geschmacklichen Entgleisung war alles dabei.


Das wie es @Alfred erwähnte in den Neubaugebieten auch Kinos gebaut wurden halte ich für ein Gerücht.
Ich kenne nur ein einzigen Kinoneubau in der DDR welcher in einem Neubaugebiet gebaut wurde und das war in Marzahn Anfang der 80er Jahre.
Ein Kino mit 400 Plätzen ? für 100.000 Einwohner ......, schlicht ein Witz und nicht Ausdruck des Erfolges einer gut durchdachten und realisierten Sozialpolitik.
Außer den sogenannten Dienstleistungswürfeln mit integrierter oder separat gebauten Wohngebietsgaststätte gab es doch in diesen Wohngebieten kaum Möglichkeiten am Abend mal auf 'nen Bier in die nächste Kneipe zu gehen .....
Auch hier weitestgehendst Fehlanzeige.

Wer sich ein wenig über "die Platte" informieren möchte, der Klicke hier

Gruß
Nostalgiker


In Rostock, in den Neubaugebieten in Nordwesten--gab es schon seperate Gaststätten--wo man Abends mal ein Bier trinken gehn konnte. Führe nur mal Lichtenhagen an--das gab es neben der Gaststatte-Am Scharre-- noch 2 weitere Kneipen, ein Cafe, Friseur, Sparkasse--die nicht in so einen Dienstleistungswürfel untergebracht waren. Mal so gesagt-so einheitlich war es doch nicht.


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#750

RE: Fragen über Fragen zum Leben in der DDR

in Leben in der DDR 16.10.2014 10:26
von Kalubke | 2.290 Beiträge

Ja, die Gropiusstadt konnte man sehen, wenn man mit Zug oder S-Bahn auf dem Bahnhof Berlin-Schönefeld stand, oder vom Flugzeug aus beim Start oder Landung in Schönefeld. Die Bausünden der 60'er und 70'er Jahre waren m.E. ein gesamtdeutsches Nachkriegsproblem: großer Bedarf an preiswerten Wohnungen gepaart mit den damaligen Vorstellungen von "moderner" Architektur.

In den Medien wurde jedoch lächerlicherweise über die jeweils andere Seite hergezogen. Die westberliner Neubaugebiete wurden als "Steinwüsten" und die ostberliner als "triste Plattenbausiedlungen" bezeichnet und genüsslich die "soziale Verwahrlosung" der jeweiligen dortigen Bewohner kolportiert. Das Buch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" z. B wurde von den DDR-Ideologen dafür dankbar aufgenommen.

Gruß Kalubke



Damals87 und eisenringtheo haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 16.10.2014 10:36 | nach oben springen

#751

RE: Fragen über Fragen zum Leben in der DDR

in Leben in der DDR 16.10.2014 10:31
von Gelöschtes Mitglied
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Ja , die Gropiusstadt , war ich erst am 27 .9 . dort . Wenn der Zug in Schönefeld einfuhr dann sah man die hellen Hochhäuser von Buckow .
Auch eine von mir nicht geplante Rundfahrt um den neuen Flughafen , menschenleer , fand statt .
Im leben hätte ich mal nie gedacht, dort jemals die Erde zu betreten . Heute habe ich etliche MAUERSTÜCKE von dort . ratata


zuletzt bearbeitet 16.10.2014 10:37 | nach oben springen

#752

RE: Fragen über Fragen zum Leben in der DDR

in Leben in der DDR 16.10.2014 12:48
von Gelöschtes Mitglied
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Wenn ich mir das hier so durchlese und mit meinen eigenen Erlebnissen vergleiche: So sehr unterschied sich die Situation in beiden Teilen Deutschlands gar nicht:

Meine Eltern zogen 1959 in ein frisch gebautes Haus - mit Ofenheizung. Meine Mutter hatte in der Küche sogar noch einen dieser sauschweren Herde, die heute gerne als Dekorationsobjekt Verwendung finden. Genutzt hat sie ihn allerdings nicht sehr lange, dann kam der Gasherd zum Einsatz. Dennoch hat es bin in die späten 70er Jahre gedauert, bis die Ofenheizung durch eine Zentralheizung ersetzt wurde - bis dahin war Kohle schleppen und Asche entsorgen Teil der täglichen Aufgaben.

Und was die Hochhaus-Siedlungen angeht: Die wurden in der Tat als modern, wirtschaftlich und SEHR begehrenswert angesehen. Eine Klassenkameradin von mir wohnte in einem der ersten - na ja, heute würden wir von "höheren" Häusern sprechen, es hatte 10 oder 12 Stockwerke - in Neuss. Ich habe sie mal besucht und war begeistert: Aufzug, Müllschlucker (würde heue wohl als "Bakterienbombe" bezeichnet), Balkon und die tolle Aussicht: Ich war hin und weg und wahrscheinlich grün vor Neid.

Durch die heutige Brille betrachtet sehen wir solche Siedlungen als "Bausünden" an, in Salzwedel habe ich mal für die dort so bezeichneten "Golan-Höhen" den Begriff "Arbeiterintensivhaltung" gehört. Der Geschmack und die Bedürfnisse haben sich geändert: Ging es damals darum, aus (auch im Wesen) zum Teil maroden Altbauten mit (heute) unzumutbaren hygienischen Bedingungen rauszukommen, liegt der Schwerpunkt heute bei anderen Dingen.

Es ist wie immer: Sind die Grundbedürfnisse erst einmal befriedigt, wächst der Wunsch nach MEHR. Der einzige Unterschied liegt für mich darin, dass manche dieser "Bausünden" im Westen vielleicht ein paar Jahre früher begangen wurden - mehr aber auch nicht.


seaman, Kalubke und Damals87 haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#753

RE: Fragen über Fragen zum Leben in der DDR

in Leben in der DDR 16.10.2014 14:06
von eisenringtheo | 9.157 Beiträge

War das nur in Cottbus so oder auch anderswo? Es gab Neubausiedlungen mit allem Komfort, aber um ins Haus zu gelangen, musste man durch den Dreck bis zum Eingang gehen. Kein Geld für Gartengestaltung und Gehplatten.
Theo


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#754

RE: Fragen über Fragen zum Leben in der DDR

in Leben in der DDR 16.10.2014 17:42
von Kalubke | 2.290 Beiträge

Ja, die Grüngesteltung in den frisch gebauten DDR-Neubausiedlungen ließ manchmal lange auf sich warten. In den späten 80'ern versuchte man sich etwas mehr Mühe zu geben, schon bei der Planung. In Hellersdorf wurde z.B. versucht, alte Alleestrukturen zu erhalten, die z.T. noch von den vormaligen Landstraßen stammten. Sah aber komisch aus, ein alleeartiger Fußgängerboulevard quer durch die Siedlung, jedoch kaum oder keine Geschäfte.

Gruß Kalubke



zuletzt bearbeitet 16.10.2014 17:44 | nach oben springen

#755

RE: Fragen über Fragen zum Leben in der DDR

in Leben in der DDR 16.10.2014 17:51
von seaman | 3.487 Beiträge

Zitat von Kalubke im Beitrag #754
Ja, die Grüngesteltung in den frisch gebauten DDR-Neubausiedlungen ließ manchmal lange auf sich warten. In den später 80'ern versuchte man sich etwas mehr Mühe zu geben, schon bei der Planung. In Hellersdorf wurde z.B. versucht, alte Alleestrukturen zu erhalten, die z.T. noch von den vormaligen Landstraßen stammten. Sah aber komisch aus, ein alleeartiger Fußgängerboulevard quer durch die Siedlung, jedoch kaum oder keine Geschäfte.

Gruß Kalubke

Wie lange dauert es eigentlich bis ein Baum grün wird oder ein Busch dicht wird?

Wuchsen im Realsozialismus Pflanzen schneller oder langsamer?
Die "Grüngestellung" im gleichen Zeitraum am Mümmelmannsberg/HH dauerte ähnlich lange,oder?

seaman


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#756

RE: Fragen über Fragen zum Leben in der DDR

in Leben in der DDR 16.10.2014 18:03
von Moskwitschka (gelöscht)
avatar

Ich kann nur aus meinen Erinnerungen in Berlin - Friedrichsfelde berichten - Anfang der 60-ger bis 1978. Nachdem die Gewegplatten lagen, haben sich die Mieter, damals Hausgemeinschaften, im Rahmen von NAW - Stunden oder Subbotniks um die Grünflächen und die Bepflanzung gekümmert. Insbesondere auch um die regelmäßige Pflege und im Sommer auch um das Wässern. Zwar gab es auch ein paar "Arbeiterdenkmale" dazwischen, die sich um Getränke und Gespräche kümmerten, aber das tat dem Elan der anderen keinen Abbruch.

Für mich war das damals selbstverständlich. Zumal wir Kinder auch unseren Spaß hatten, wenn wir unsere Eltern bei ungewohntenTätigkeiten beobachten konnten.

Die damals gepflanzten Pappeln stehen heute noch. Nur die große Rasenfläche vor unserem Haus musste einem Parkplatz weichen.

LG von der Moskwitschka


damals wars hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 16.10.2014 18:09 | nach oben springen

#757

RE: Fragen über Fragen zum Leben in der DDR

in Leben in der DDR 16.10.2014 18:27
von Nostalgiker | 2.554 Beiträge

Also was die Gestaltung der Freiflächen in den Neubaugebieten betrifft.

Ich bin unter anderem in einen Web-Portal welches sich mit der Historie meiner Geburtsstadt beschäftigt.
Viele Leute stellen dort historische Bilder der Stadt ein.

Meine Großeltern Mütterlicherseits wohnten in einem Stadtviertel welches damals Ende der 20er Jahre im Bauhausstil errichtet wurde. Ist klar wenn Bruno Taut Anfang der 20er Jahre Stadtbaudirektor in der Stadt war ......

Die Bilder aus der Zeit zeigen zwischen den Häusern nur brache, kahle Flächen.

Ich hingegen kenne die Siedlung nur mit viel Grün in den Innenhöfen, an den Strassen oder den parkähnlichen Grünflächen.

Deshalb ärgere ich mich unter anderem auch immer ein wenig wenn, um die besondere Tristheit der DDR Neubauviertel darzustellen, Bilder veröffentlicht werden welche diese Viertel zur Zeit des Baus, unmittelbar nach der Fertigstellung der Häuser und am besten noch bei Nieselregenwetter im Winterhalbjahr aufgenommen zeigen.

Warum sich allerdings die Fertigstellung der Fußwege, die Strassen existierten allerdings, so verzögerte wird wohl ewig ein Geheimnis der zuständigen WBK's bleiben.

Ein durchaus realistisches Bild wie es in einem Neubaugebiet Ende der 70er Jahre aussah wenn die Mieter einzogen gibt der Fernsehfilm; ein 6Teiler; "Einzug ins Paradies".
Wegen der realistischen Darstellung blieb der fertige Film jahrelang liegen bis man endlich Ende der 80er im DFF einen Sendeplatz für diese Miniserie gefunden hatte ......

Der Film spielt übrigens im mittleren Bauabschnitt in Marzahn .....

Damals Dreck, Schutt, Wüste, Heute alles Grün mit vielen Bäumen, Rasen etc.

Gruß
Nostalgiker


Aber auf einmal bricht ab der Gesang,
einer zeigt aus dem Fenster, da spazieren sie lang,
die neuen Menschen, der neue Mensch,
der sieht aus, wie er war
außen und unter`m Haar
wie er war ...

_______________
aus; "Nach der Schlacht" - Renft - 1974
Text: Kurt Demmler

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#758

RE: Fragen über Fragen zum Leben in der DDR

in Leben in der DDR 16.10.2014 18:40
von Gelöschtes Mitglied
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Zitat von Nostalgiker im Beitrag #757
Deshalb ärgere ich mich unter anderem auch immer ein wenig wenn, um die besondere Tristheit der DDR Neubauviertel darzustellen, Bilder veröffentlicht werden welche diese Viertel zur Zeit des Baus, unmittelbar nach der Fertigstellung der Häuser und am besten noch bei Nieselregenwetter im Winterhalbjahr aufgenommen zeigen.
Nostalgiker


Das ist zwar jetzt auch OT, aber diesen Ärger teile ich aus tiefster Brust: Der in manchen TV-Beiträgen gesprochene Text mag ja noch halbwegs wahr sein, aber die Bilder transportieren eine ganz eigene Botschaft. Die Macht der Bilder: Die Grenze zwischen Information und Meinungsmanipulation wird hier eindeutig überschritten.

Und da hilft auch die Altersmilde nicht, da werde ich immer noch wütend.


Damals87 hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#759

RE: Fragen über Fragen zum Leben in der DDR

in Leben in der DDR 16.10.2014 18:47
von damals wars | 12.113 Beiträge

Ich kenne Halle Neustadt nur als Stadt der Winde, heute gibt es da viel Grün. Damals waren die Bäume noch klein, und der Wind verfing sich in den Häuserschluchten.
Baufreiheit hatte damals Priorität, mit heutiger Rücksicht auf das Grün hätte man niemals so schnell bauen können.
Außerdem wollten die DDR Baukombinate die Wege so bauen, wie die Bevölkerung sie wollte und warteten ab, bis die Trampelpfade fertig waren, diese Wegstrecken wurden dann von der Bevölkerung auch angenommen. (Ironie aus)


Als Gott den Menschen erschuf, war er bereits müde; das erklärt manches.(Mark Twain)
Ein demokratischer Rechtsstaat braucht Richter, keine Henker. Interview auf der Kundgebung Je suis Charlie am 11.01.2015
"Hass hat keinen Glauben, keine Rasse oder Religion, er ist giftig." der Witwer der britische Labour-Abgeordnete Jo Cox.
http://www.neo-magazin-royale.de/zdi/art...fur-frauke.html
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#760

RE: Fragen über Fragen zum Leben in der DDR

in Leben in der DDR 16.10.2014 18:54
von damals wars | 12.113 Beiträge

Zitat von eisenringtheo im Beitrag #753
War das nur in Cottbus so oder auch anderswo? Es gab Neubausiedlungen mit allem Komfort, aber um ins Haus zu gelangen, musste man durch den Dreck bis zum Eingang gehen. Kein Geld für Gartengestaltung und Gehplatten.
Theo

Die Vorgärten wurden von den Hausgemeinschaften errichtet und gepflegt, gehörte teilweise mit zur großen Hausordnung, die Zuwegung wurde bei uns aus Beton gegossen.


Als Gott den Menschen erschuf, war er bereits müde; das erklärt manches.(Mark Twain)
Ein demokratischer Rechtsstaat braucht Richter, keine Henker. Interview auf der Kundgebung Je suis Charlie am 11.01.2015
"Hass hat keinen Glauben, keine Rasse oder Religion, er ist giftig." der Witwer der britische Labour-Abgeordnete Jo Cox.
http://www.neo-magazin-royale.de/zdi/art...fur-frauke.html
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