#21

RE: Buchenwald nach 1945

in Leben in der DDR 02.04.2009 16:38
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
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Hallo Wolfgang einem Experten wie dir „ Begriffsstutzigkeit“ vorzuwerfen, nein du alter Proletarier das wollte ich nicht es war nur falsch von mir ausgedrückt worden den die Beiträge die du schon eingestellt hast sprechen alle eine gut recherchierte Sprache. Aber hebe jetzt nicht gleich ab wie das HB- Männchen sondern bleib uns erhalten. Ich hänge so schon hinterher wegen den Franzosen muss aber erst einmal unter meinen Zeitungsstapeln wühlen, damit ich den Beitrag finde. Hin zu Peter ( Transitfahrer ), das war mir schon klar was du meintest aber lass sie mich trotzdem erzählen, diese Geschichte von Erwin Bekier damit auch wir großen Jungs etwas zum Lesen haben. Es geht also weiter….

Nacht ohne Ende 2. Teil

Ein paar Wochen darauf, im März, hatte Lokführer Steckel eine Fahrt, die durch sein schlesisches Heimatstädtchen führte. Es blieb Zeit, Else seine Frau aufzusuchen. Sie hatte ihn nicht mehr fortlassen wollen. „Die Russen, Mann. Sie sind schon an der Oder! Nimm uns mit!“ Sie stand da, den Jungen an der Hand, schwer atment, ihr Leib war schon stark gewölbt. Im Mai, so hatte der Arzt gesagt, würde sie niederkommen. Wie sollte er die Frau mitnehmen in diesem Zustand? Und überhaupt, es war verboten! Wie sie es sich nur vorstellte? Sie wusste eben nicht, was es hieß, in dieser Zeit Lokführer zu sein.Er machte ein paar Andeutungen, sah den Schreck in ihren Augen und sprach nicht mehr über seine Arbeit, wie stets in den vergangenen Jahren.
Wenn es notwendig wird, hole ich dich“, versprach er ihr, und er versuchte, Else die Angst vor den sowjetischen Soldaten auszureden. Sie waren beide einstmals Mitglieder der sozialistischen Arbeiterjugend gewesen. Sie hatten einander kennengelernt, als sie Streitgespräche darüber führten, wie in Deutschland der Sozialismus aufgebaut werden müsste. Sie hatten Bücher gelesen, die berichteten, wie die russischen Arbeiter ohne Kapitalisten und Gutsbesitzer fertig wurden. Sie waren beide Arbeiterkinder, und die Russen- hier fiel Lokführer Steckel jedoch ein, das die russischen Arbeiter und Bauern inzwischen ihre deutschen Klassengenossen kennengelernt hatten. Es war nicht ganz so verlaufen, dieses“ Kennenlernen“, wie die meisten der Russen es sich wohl einmal vorgestellt hatten .Deutsche Arbeiter lagen nämlich hinter einem Maschinengewehr, standen hinter einem Geschütz, saßen in einem Panzer oder hielten, mit der MPi im Anschlag, vor dem Gefangenenlager Wache- führten auch eine Lok.
Heut war wieder so eine Nacht, in der seine Gedanken nicht zur Ruhe kamen. Er erinnerte sich der ersten Jahre mit Else. Er war 1905 geboren, Else war nur ein paar Jahre jünger. Beide sprachen sie oft von den Kinderjahren im ersten Weltkrieg, mit dem ständigen Hunger, der Kohlrübensuppe und der Grippeepidemie. Hungern mussten sie freilich auch später, in den Inflationsjahren, auch dann, als die Reichsmark eine stabile Währung war. Wenn er so an Else in dieser Zeit dachte- sie hatte eigentlich immer, auch in den schwierigsten Situationen einen Ausweg gewusst. Lange Zeit verdiente sie mehr als er, 28,- Mark in der Woche als Verkäuferin in der Buchhandlung. Ihm hatte sie eine Stellung als Transportarbeiter verschafft. Er bekam für seine Tätigkeit 14,- Mark in der Woche.
Die Geschäfte und Warenhäuser quollen vor Waren über, aber das Angebot täuschte. Es gab zu viele Steckels, die von 42,- Mark eine Woche lang leben mussten. Sie legten zuerst das Geld für Miete, Heizung und andere feststehende Ausgaben weg. Else hatte für alles ein Fach. Was übrig blieb, verteilte sich so: Die Kleidung wurde vom Mund abgespart, das Essen von der Kleidung, abwechselnd, wie es gerade am notwendigsten war. Wer Kinder hatte, sie ernähren, kleiden und Schulbücher kaufen musste, für den war selbst ein einmaliger Kinobesuch in der Woche Luxus. Leute, die täglich größere Strecken zurücklegen mussten, rechneten, was schließlich teurer kam, die Fahrt mit der Straßenbahn oder neue Schuhsohlen.
Ausgerechnet in dieser Zeit bewilligte die sozialdemokratische Regierung den Bau von Panzerkreuzern. Die Kommunisten machten Protestmärsche. Sie suchten Mitglieder der sozialistischen Arbeiterjugend und Sozialdemokraten auf, um mit ihnen darüber zu diskutieren. Diese antworteten mit der Argumentation ihrer Parteipresse:“ Ist die rote Armee etwa ohne Waffen?“

Gruß ihr beiden Rainer-Maria


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#22

RE: Buchenwald nach 1945

in Leben in der DDR 03.04.2009 17:23
von Wolfgang B. (gelöscht)
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Hallo Rainer-Maria,

frisch mit "Hammer und Zirkel" dekoriert, immerhin fasse ich es als Ehre auf, muss ich Dir mitteilen, dass mich Deine Anspielung auf das HB-Männchen zwar nicht in die Luft, aber imerhin zu "youtube" gebracht hat. Was für ein Satzbau, der Duden bekäme Albträume davon! Also jetzt, google doch mal "HB Männchen", die Clips sind zum sich Wegwerfen.

Zu dem von mir angesprochennen Lager in Hüfingen habe ich (kurioserweise) gerade heute neue Informationen gefunden, die ich an anderer Stelle (wegen des Themas) einstelle. Ich denke Du hast Interesse daran, Du alter Archivar und Bibliothekar!

zuletzt bearbeitet 03.04.2009 18:14 | nach oben springen

#23

RE: Buchenwald nach 1945

in Leben in der DDR 03.04.2009 20:14
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
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Hallo alle zusammen es geht weiter mit der Geschichte von Erwin Bekier.

Nacht ohne Ende 3. Teil

Lokführer Steckel verlangsamte die Fahrt. Einen Augenblick lang gestattete ihm seine Tätigkeit keinerlei Gedanken an die Vergangenheit. Vorwarnsignal- eigentlich müsste die Strecke frei sein. Der Himmel rötete sich – nicht vom Sonnenaufgang, der war nicht im Nordwesten. Wer weiß, in welcher Stadt wieder Häuser brannten und zusammenbrachen. Es konnte Dessau sein oder Leuna. Vielleicht flogen die Tommys oder Amis sogar einen Großangriff auf Berlin? Seitdem die Russen ihre Offensive von der Weichsel bis zur Oder vorgetragen hatten, bombardierten die Engländer und Amerikaner vorwiegend das Gebiet zwischen Elbe und Oder. Am Tage stürzten sich ihre Jagdbomber auf die Eisenbahnzüge.
Es gab kaum noch eine deutsche Flugabwehr, und die noch einsatzfähige Flak schützte die Industriezentren. Die Eisenbahnwerkstätten spuckten aber immer noch reparierte Kriegsloks aus; es gab davon mehr als Lokführer, sie zu bedienen. Einmal hatte ein strenges Gesetz die Länge der Fahrzeit der Lokführer geregelt. Jetzt achtete niemand mehr auf die Einhaltung. Jetzt wurde den Eisenbahnern befohlen wie den Soldaten, und sie waren im Einsatz, so lange wie notwendig. Die Loks aus den Werkstätten wollten nicht so Recht funktionieren
Sie waren repariert von Fremdarbeitern und Gefangenen.
Trotz Hunger, Peitsche und Galgen mehrten sich deren Widerstandsaktionen. Dem Faschismus war in diesen Millionen zusamengetriebener Sklaven eine neue feindliche Armee erwachsen. ,die ihre Verbündeten in den illegal kämpfenden deutschen Antifaschisten fand.Es gab schon nicht mehr genügend Aufseher und Überwacher, die man dieser Armee gegenüberstellen konnte. Wer halbwegs auf den Füßen stand von den Alten und den ganz Jungen und eine Panzerfaust halten konnte, den hatte man in diesen Tagen zum Volkssturm einberufen oder zur Hitlerjugend –Division und zum Werwolf.
Lokführer Steckel stellte die Hebel wieder auf volle Fahrt. Was war im da eben für ein Wort in den Kopf gekommen? Faschismus? Er schaute sich nach dem Heizer um , der war neu, und Steckel traute keinem Neuen. Hatte er etwa laut gedacht? Wieso kam er plötzlich darauf? Zum ersten Mal hatte er es auf der Stempelstelle gehört. Fünf Jahre lang gingen sie beide, Else und er, stempeln, so nannte man es, wenn der Vermerk „ arbeitslos“ in den Arbeitsausweis gedruckt und die Unterstützung, das Stempelgeld, ausgezahlt wurde. Auch die vielen Besitzer der kleinen Geschäfte mussten in dieser Zeit stempeln gehen. Wie die Arbeiter drehten auch diese ehemaligen Geschäftsleute und ihre Angestellten die Stempelpfennige dreimal um, bevor sie dafür Margarine, Marmelade, Heringe, Brot und Malzkaffee erwarben. Else kam nach drei Jahren nicht mehr mit ihren Fächern zurecht. Es fehlte in dem einen oder anderen. So wurde aus dem Mietefach das Geld für das Essen genommen. Manchmal blieben beide Fächer leer, dann ließen sie anschreiben. Ihr Stempelgeld war oft schon ausgegeben, bevor sie es bekamen, und sie bekamen immer weniger. Größere Familien mussten mit dreizehn bis sechzehn Mark in der Woche auskommen. Damals tauchten die Braunen auf der Stempelstelle auf, in Uniform, SA- Männer, und zuerst fanden sie keinerlei Kontakt. Faschisten wurden sie genannt, nach ihren Kumpanen, den italienischen Schwarzhemden
Verstehen konnte es der Lokführer bis heute nicht, wie es zu solchen Verhältnissen kommen konnte. Die Hausbesitzer exmittierten die Mieter – die Wohnungen standen leer, und Menschen lagen auf der Straße. Millionen von Arbeitslosen liefen von morgens bis abends umher, um sich durch irgendwelche Handlangerdienste wenigstens ein paar Pfennige zu verdienen. Das waren zum großen Teil ausgebildete Facharbeiter – und in den Fabriken standen die Maschinen still. Auf den Obstplantagen verfaulten an den Bäumen die Äpfel und Birnen – die Besitzer pflückten nicht, weil niemand die Früchte kaufen konnte. Die Kinder stahlen auf den Wochenmärkten Mohrrüben. Die Eltern schlugen sie dafür und sagten: „ Bleibt ehrlich!“ Die Not wurde immer größer.
Die Sozialdemokraten sagten dazu: Weltwirtschaftskrise, weil es auch in anderen großen Staaten so aussah. Die Faschisten schrien: „ Die Juden sind schuld und die Bolschewisten.“ Die Kommunisten argumentierten, es liege im System. Tatsächlich bekam ein Reichswehrsoldat mehr Sold, als drei Familien Arbeitsloser Geld zum Leben hatten. Die Panzerkreuzer wurden weitergebaut, in Deutschland und auch in den anderen Ländern. Mit dem System musste es etwas zu tun haben, den es gab keine Nachricht über Arbeitslosigkeit in der Sowjetunion. Steckel wusste von deutschen Werken, die ihre Arbeitskräfte nur beschäftigen konnten, weil sie Aufträge aus der Sowjetunion hatten . Damals gingen Facharbeiter sogar hinüber nach Russland, nicht nur Kommunisten. Sie schrieben Verschiedenes an ihre Angehörigen, aber eines war in allen Briefen zu lesen: Der Arbeiter und seine Arbeit waren in diesem Land geachtet.

Gruß Rainer-Maria


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#24

RE: Buchenwald nach 1945

in Leben in der DDR 04.04.2009 19:42
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
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Hallo alle zusammen

Nacht ohne Ende 4. Teil

Lokführer Steckel wischte sich den Schweiß von der Stirn, was für eine verdammte Fahrt heute wieder! Haltesignal. Beinahe hätte er es überfahren. Es würde wohl länger dauern, ehe es weiterging. Er packte seine Stullenbüchse aus.
Es war schließlich so gekommen, wie es die Kommunisten gesagt hatten: Wer Hindenburg wählt , wählt Hitler! Und wer Hitler wählt, wählt den Krieg! Steckel der Arbeitslose Steckel hatte Hitler nicht gewählt, aber wer eigentlich? Stimmen hatte Hitler doch bekommen, bei jeder Wahl mehr. Aus dem ruinierten Mittelstand? Wahrscheinlich von jenen, die hofften, dass sie sich nehmen könnten, was vorläufig noch Eigentum der Juden war. Vielleicht auch aus den Kreisen der bankrott gegangenen Bauern? Ganz bestimmt aber von den ewigen Marschierern! Die drängte es ja nach dem Osten, und die wollten, das Deutschland über alles in der Welt sein sollte. Aber den Kommunisten gaben bei der letzten Wahl sechs Millionen Deutsche ihre Stimmen. Ein Jahr später machte der ehemalige Generalfeldmarschall Hindenburg Hitler zum Reichskanzler. So sehr hatte der Linksruck, der sich in den sechs Millionen Stimmen manifestierte, die Besitzer der Fabriken und Gutsbesitzer erschreckt, das sogar ehemalige Kriegsgegner in Deutschland wohlwollend und erleichtert die „ nationale Ordnung“ des deutschen Volkes begrüßten.
Auf der Strecke pfiff der Gegenzug.- Damals hatten alle Fabriksirenen so gepfiffen, als der 1 Mai, der Feiertag der Arbeiter, zum nationalen Feiertag des Dritten Reiches gemacht wurde.- Steckel gab das Gegensignal, und es war ihm, als hörte er durch das Pfeifen die Stimmen von damals aus dem Lautsprecher, die den Deutschen Wohlstand, ein geachtetes Leben in Frieden und ein tausendjähriges Reich unter dem Hakenkreuz versprach.
„Zuerst kam das Wunder und dann das große Wundern“ , so sagten die Leute später von dieser Zeit. Die Arbeitslosen verschwanden. Zuerst die aktiven Kommunisten- in die Konzentrationslager. Ihnen folgten die Juden. Dann gab es den Reichsarbeitsdienst. Dort „durfte“ gearbeitet werden, für fünfundzwanzig Pfennige pro Tag und Uniform und dreimal täglich Essen. Dann kam der Bau der Reichsautobahnen und des Westwalls. Dann wurden die Armee, die Flotte und die Luftwaffe aufgebaut; die Wehrmacht brauchte Panzer, Flugzeuge, Geschütze, Maschinengewehre, Munition, Autos, Kleidung, Konserven, Zeltplanen- sie brauchte alles. Auf einmal reichten in den Fabriken die Arbeitskräfte nicht aus. Viele Frauen gingen in die Betriebe. Die Partei der Faschisten war die NSDAP, Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei. Sie hatte so viele Mitglieder, dass das Ausland sah, es mussten auch Arbeiter und Bauern in der NSDAP sein, und die Kinder vieler Arbeiter und Bauern wurden Mitglied der Hitlerjugend und des Bundes Deutscher Mädchen.
Der ehemalige Arbeitslose Steckel wurde Gleisarbeiter. Im Jahr 1936, als die Wehrmacht in Spanien ihre neuen Waffen erprobte und dem Faschisten Franco half, das Volk zu unterjochen, bot sich dem Streckenarbeiter Steckel die Gelegenheit, einen Lokführerlehrgang zu besuchen. An diese Zeit erinnerten sich die Soldaten, wenn sie im Lazarett lagen, und die Frauen im Luftschutzkeller wie an goldene Zeiten. Auch die Steckels erwarben in dieser Zeit einen Volksempfänger, und einige Kollegen zahlten sogar die Raten für einen Volkswagen.“ Alles für das Volk“, sagte der Reichspropagandaminister, und Lokführer Steckel fuhr Züge, auf denen stand „ Kraft durch Freude“, so genannt nach der Urlaubsaktion der Nationalsozialisten. Es gab sogar große Schiffe, die fuhren auch „ Kraft durch Freude“; in die Fjorde Norwegens und zu den Inseln Italiens. Dorthin fuhren sie später auch , als Truppentransporter und Lazarettschiffe.
„He, Steckel! Das Signal!“ Das war der Heizer. Verwirrt riß Lokführer Steckel an seinen Hebeln. Das war ihm all die Jahre über noch nicht vorgekommen. Grün! Freie Fahrt! Der Zug jagte in die Dunkelheit hinein.

Gruß Rainer-Maria


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#25

RE: Buchenwald nach 1945

in Leben in der DDR 05.04.2009 17:58
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
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Hallo alle zusammen

Nacht ohne Ende 5. Teil

Tausendjähriges Reich? Zwölf Jahre davon waren um, jetzt im Mai 1945. Ja, es gab eine Zeit, da hatte er, Steckel, Freude empfunden an seinem Beruf, besonders dann, als er auch Fahrten in fremde Länder machen durfte. In Friedenszeiten war es nur ein kleiner Kreis ausgewählter Lokführer gewesen, der die großen internationalen Strecken befuhr. Er hatte sich dann fast als solch ein Lokführer gefühlt, wenn auch die Zeiten nicht mehr ganz so friedlich waren. Nicht, das seine Lok Schlaf- oder Speisewagen mit unternehmungslustigen Urlaubsreisenden beziehungsweise Geschäftsleuten zog, nein, er beförderte Güterzüge. Allerdings fuhren in diesen Zügen auch Menschen, Uniformierte und Nichtuniformierte. Zuerst wurden solche Länder wie Österreich, das Memel- oder Saargebiet ins Reich „ heimgeholt“ , andere fremde Länder wurden später Protektorate, Generalgouvernements oder- einfach eroberte Gebiete. Zum Glück galt das von der Deutschen Reichsbank für diese Länder herausgegebene Besatzungsgeld, das in einem sehr günstigen Kurs zu den Landeswährungen stand. Heute nach diesen sechs Jahren , war dieses Geld weniger wert als Toilettenpapier. Wie die deutschen Armeen strömte es zu seinem Ausgangsort zurück. Die strecken, die er zu befahren hatte, wurden immer kürzer. Das hatte den Vorteil, das er die Frau und den Jungen öfters zu sehen bekam, allerdings – mitbringen konnte er ihnen nicht mehr so viel und schon gar nicht mehr solche Kostbarkeiten, die er in den ersten Kriegsjahren aus den Fremden Ländern mitgebracht hatte. Jetzt war es ihm unangenehm, daran zu denken. Aber damals hatte man es eigentlich nicht so empfunden. Schon einige Zeit vor dem Krieg war in der Heimat die Butter rationiert worden. Bekleidung, wie Hemden, Anzüge, Schuhe, Strümpfe, gab es seit Kriegsbeginn nur auf Abschnitte einer Punktkarte. Zigaretten und Schokolade wurden zugeteilt. Die Frauen, besonders aber die Eisenbahnerfrauen, klagten über die Seife. Sie war wenig geeignet, schmutzige Wäsche sauber zu waschen, schon gar nicht die Kleidung eines Lokomotivführers. Das änderte sich plötzlich alles- damals -, als die Eisenbahner über Nacht begehrte Leute wurden. Die einen gaben ihr Besatzungsgeld in Athen, Belgrad oder Prag aus, die anderen in Warschau, Kopenhagen, Brüssel, Amsterdam oder Paris. Wo die einen nicht hinkamen, dorthin fuhren die anderen. Sie gaben untereinander Bestellungen auf und tauschten ein, was sie selber nicht besorgen konnten. Die Eisenbahnerfrauen wurden von den Soldatenfrauen beneidet. Die Soldaten bekamen weniger Sold, und sie konnten nicht so oft Päckchen mit Butter und Speck aus Dänemark und Polen, mit Seife, Parfüm, Strümpfen und Kognak aus Frankreich, mit Schokolade, Kakao und Eierlikör aus Holland, mit Tafelöl und Sultaninen aus Griechenland schicken. Die Offiziere allerdings versorgten ihre Familien kistenweise mit begehrten Waren, und der faschistische Staat schuf ganze Ausplünderungsorganisationen für die eroberten Länder. Auf der Gegenstrecke stand wieder ein Zug. Was der wohl beförderte? Militär? Von West nach Ost fuhr jetzt Militär. Von Ost nach West? Steckel wusste nicht einmal, was er transportierte. Es war Kriegsgeheimnis. Wahrscheinlich Maschinen oder wertvolle Instrumente oder weiß der Teufel was für Dinge, die den Russen nicht in die Hände fallen sollten. Sein Zug rollte langsam an dem Gegenzug vorüber, wie es das Signal forderte. An der anderen Lokomotive stand geschrieben: „Räder rollen für den Sieg!“ ebenso wie auf seiner. Der Volksmund flüsterte dazu:“ Köpfe rollen nach dem Krieg.“
Nach dem Krieg – Lokführer Steckel konnte sich solch eine Zeit gar nicht vorstellen, aber sie musste kommen. Der krieg ging zu Ende, auch wenn immer mehr Züge mit Soldaten von West nach Ost fuhren, jetzt im März 1945. Er ging zu Ende wie das Tausendjährige Reich.
Das Signal gab ihm wieder freie Fahrt – nach Westen. Wohin? Er fuhr wie ein Soldat. Auf der nächsten Station würde man ihm das nächste Fahrtziel mitteilen.
Wie sollte es weitergehen? Was kam nach diesem Krieg? Der Junge! Als er ihn zum Abschied auf den Arm genommen hatte, sagte der Knirps: „ Ich werde Lokführer, Vati!“ Die Frau – sie wartete. Er hatte gesagt: „ Ich hole dich, wenn es soweit ist.“ Wann war es soweit, und dann? Ein Mensch wollte zur Welt, sein zweiter Sohn, vielleicht auch eine Tochter? Lokführer Steckel drehte sich um. Er schaute dorthin, wo er seine Familie wusste, wo sich kaum merklich das Morgengrauen ankündigte. Er versuchte ,sich vorzustellen, wie es weitergehen könnte.

Hier könnte die Geschichte von Lokführer Steckel enden, dies tut sie aber im Buch nicht., denn sie umfasst noch zwei Teile. Hervorzuheben für den jugendlichen Leser wäre, den wir Älteren sind schon mit der Problematik vertraut dieser von mir dick markierte Satz und besonders : Der Volksmund flüsterte dazu:“ Köpfe rollen nach dem Krieg.“ Weil er doch so gut zum Thema Buchenwald nach 1945 passt. Jetzt bin ich ja einmal gespannt, Peter ( Transitfahrer ) wie die Hände hoch gehen, so wie im Geschichtsunterricht. Für uns älteren Profis, so den Senior Skifahrer weil es doch seine frühesten Kindertage betraf, habt ihr Interesse an dem Rest? Und wie hatte sie Euch gefallen, die Geschichte, ich möchte aber hier nicht den Oberlehrer spielen den meine Generation und die meines Bruders im Geiste Rainman wurde erst nach dem Krieg geboren, in eine bessere und friedliche Zeit und jetzt gehe ich einmal von uns beiden aus, in der DDR geboren. Daher wohl unsere stille Übereinstimmung in vielen Punkten und man muß sie ja nicht unbedingt so würde jetzt mein Freund Peter ( Turtle) formulieren mit“ dem Leben der Anderen“ teilen.

Gruß alle zusammen Rainer-Maria


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#26

RE: Buchenwald nach 1945

in Leben in der DDR 05.04.2009 19:37
von Transitfahrer (gelöscht)
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Hallo Rainer-Maria,

die Hand geht hoch. Dieser Link http://de.wikipedia.org/wiki/Speziallager_Nr._2_Buchenwald beschreibt das Speziallager2 ganz gut. Auch die Diskussion ist lesenswert. Zumal dort ein ehemaliger Insasse das Lagerleben gut beschreibt.
Das große Problem ist, daß viele mittlerweile Wissen was vor 1945 in den KZ passiert ist. Nur die Nutzung danach kennt kaum einer.
Und zum KZ Neuengamme lies Dir dies mal durch http://de.wikipedia.org/wiki/KZ_Neuengamme.
Dort herrschten nach 1945 wesentlich bessere Bedingungen als im Speziallager2. Und den Kriegsverbrechern ging es auch an den Kragen.
Und wie wir wissen ist die Selbstbefreiung des KZ Buchenwald durch Kommunisten ja auch nur ein Märchen. Aber das nur mal am Rande.

Gruß
Peter


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#27

RE: Buchenwald nach 1945

in Leben in der DDR 06.04.2009 17:09
von rapper19 (gelöscht)
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hallo Rainer-Maria,

die Abhandlung über die Widerständler teile ich 150%ig mit einer Einschränkung zu diesem schönen Bericht: 1972 fing ich an, mich für Gewerkschaft und Arbeitergeschichte zu interessieren. Genau das was du geschrieben hast haben wir auf Schulungen und im Betriebsrat so vermittelt und auch vermittelt bekommen. Für die Linken in den Betriebsräten war schon klar, wer diese Widerständler waren und was die "Helden" wollten. Ich komme aus Duisburg im Ruhrgebiet. Du hast natürlich Recht: Die Offiziellen Organe haben die Geschichte so dargestellt, wie Tom Cruise sie heute noch spielt.Die offiziellen Organe waren aber auch das rote Tuch für die 68ger und für die spätere Friedensbewegung.

viele Grüße und danke für den (die) wirklich interessanten Beiträge

rapper19


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#28

RE: Buchenwald nach 1945

in Leben in der DDR 06.04.2009 18:10
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
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Hallo Peter ( Transitfahrer) danke für deine Stimme, das ist wie bei der Wahl, nur noch eine Stimme gleich 100% Wahlbeteiligung,“ ein verdammt gutes System, diese Demokratie“, es geht also weiter und noch zu Neuengamme, da war ich mal vor ein paar Jahren. Schade, dort lag so viel Literatur über das Lager nach 1945 herum und wir waren unter Zeitdruck, so das ich am Ende mit leeren Händen davongefahren bin, habe mich im Nachhinein etwas geärgert.


Nacht ohne Ende 6. Teil / Eine von Millionen

Es war soweit. Das Land und die Städte wurden evakuiert. Die einen fuhren mit Leiterwagen, die anderen mit Autos – Andere gar nicht. Deren Städte waren nämlich zu Festungen erklärt wurden und alle, die darin wohnten zu Kämpfern. Breslau war solch eine Festung. Die Stadt, in der Else Steckel lebte und auf ihren Mann wartete, war keine.
Aber Else Steckel wollte warten, auf ihren Mann. Der hatte versprochen, sie zu holen, wenn es soweit wäre. Die Kollegen des Mannes drängten: „ Ob sie mit uns fahren oder mit Ihrem Mann, Hauptsache ist doch, Sie kommen hier erstmal heraus. Sie dürfen nur einen Koffer Gepäck mitnehmen, keinen großen“, und der Kollege ihres Mannes versuchte zu scherzen: „ Sie wissen, Robert Ley hat gesagt, ohne Gepäck marschiert es sich leichter.“ Robert Ley war der Führer der Arbeitsfront, und „ Kraft durch Freude“ hatte ihm ebenfalls einmal unterstanden. Jetzt gab es keine „ Kraft – durch – Freude“ –Züge mehr, jetzt gab es nur Evakuierungszüge – ohne Gepäck.
Else Steckel hätte auch mit Erlaubnis kein großes Gepäck tragen können. Sie trug schon schwer genug.
Heimlich verließ der Zug den Bahnhof, aber schon am nächsten Halteplatz wurde er von anderen Flüchtlingen gestürmt. Die Eisenbahner konnten die Menschen, die schon seit Wochen unterwegs waren und denen irgend jemand gesagt hatte, sie würden morgen oder übermorgen in einen großen Kessel geraten oder von den Russen überrollt werden, nicht aufhalten. Voller Angst und Entsetzen drängten sie sich nicht nur in die Abteile, sie stiegen auf die Dächer und hängten sich an die Trittbretter. Irgendwo auf der Strecke, in der Nacht , gab es Fliegeralarm. Der Zug wurde geräumt. Seine Insassen rannten auf das freie Feld, unter ihnen auch Else Steckel. Mit der rechten Hand hielt sie den Jungen, in der linken trug sie eine Aktentasche. Der kleine Koffer blieb im Zug, und der fuhr weiter, um sich dem Fliegerangriff zu entziehen.
Die nächstgelegene Stadt, die Else Steckel nach mehrstündigem Marsch erreichte, war Oschatz. Sie war eine von Zehntausenden, die durch die Straßen dieses Städtchens irrten, auf der Suche nach einer Bleibe. Die Einheimischen kämpften um ihre Wohnungen, als wären die Flüchtlinge Feinde, die ihnen ihr Eigentum nehmen wollten. In den Geschäften wurden die Lebensmittel nur auf Karten ausgegeben. Die wenigsten der Flüchtlinge hatten Karten, oder die, die sie besaßen, galten hier nicht. Irgendwo wurde ein Silo „ geräumt“. Irgend jemand gab Else Steckel eine Büchse Fett. Eine Frau sah Else Steckel mit dieser Büchse in den Händen, und sie fand für sie Platz in dem Keller ihres Hauses.
Hier gebar Else Steckel, am 8. Mai 1945 um 6.00 Uhr morgens.
Sie zerriß ein Stück ihrer Kleidung, um das Kind einzuhüllen. Gegen Mittag ging sie auf die Straße, das Kind im Arm, weil sie in ihrer Handtasche noch eine Punktkarte fand mit einigen Punkten daran, für die sie ein Handtuch erwerben wollte.
Der Besitzer des Geschäfts, in dem es Handtücher gab, sagte:“ Diese Karte ist hier nicht gültig, und ich weiß überhaupt nicht, was noch gültig ist.“
„Dann gehe ich zur Polizei,“ sagte Else Steckel.
Der Geschäftsinhaber antwortete:“ Polizei gibt es auch nicht mehr:“
Die Frau fand einen Mann, einen Arbeiter, der eine Armbinde trug. Er war nicht Polizei, er war nicht Behörde, er gehörte einfach zu jenen Menschen, die man später „ Aktivist der ersten Stunde“ nannte. Er sorgte dafür, dass Else Steckel das Notwendigste bekam, was sie für ihren neugeborenen Sohn brauchte, geleitete sie zurück in den Keller und versprach, jemanden zu schicken, der nach ihr sehen sollte.

Gruß Rainer- Maria


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#29

RE: Buchenwald nach 1945

in Leben in der DDR 06.04.2009 23:18
von turtle | 6.961 Beiträge

Hallo Rainer-Maria,
Eigentlich hatte ich nicht vor die Geschichte vom Lokführer Steckel zu lesen. Als ich die Titel der Bücher von Erwin Bekier las wie „ Auf den Spuren Lenins“ wunderte mich nicht wieso ich von ihm nichts im Bücherregal habe . Ich hatte sogar mit einer Rüge für Dich gerechnet, da Du vom Thema Buchenwald nach 1945 zu weit abkommst. Das Buch geboren am 8.Mai von Erwin Bekier vom VEB Der Kinderbuchverlag Berlin 1971 Inhalt: Das Buch berichtet vom Ende des Dritten Reiches, vom Geschehen in der Stunde Null und von der Gründung und Entwicklung der DDR. Trotzdem, einmal abgesehen das die Sowjetunion in dieser Zeit wie es sich für einen guten Schriftsteller der DDR gehört zu gut wegkommt. Stalins Terrorregim wird nicht annähernd erwähnt ist diese Geschichte ziemlich realistisch. Gruß Dein Freund Peter(Turtle)


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#30

RE: Buchenwald nach 1945

in Leben in der DDR 07.04.2009 19:06
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
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Buchenwald 7.04.2009


Hallo alle zusammen, heute der Letzte Teil der Geschichte von Erwin Bekier, und Reinhold,(rapper 19) du alter Gewerkschafter in den heutigen Gewerkschafts- Konzernen so wie die großen Monopolgesellschaften des Kapitals, wo keiner mehr so richtig weiß, wer da mit wem unter einer Decke steckt, ich grüße dich hiermit, für dich habe ich noch ein paar Zeilen am Ende der Geschichte. Auch für meinen Freund Peter, der letzte Teil, oh, Peter das ist ein Bilderbuchlebenslauf im Sozialismus. Du weißt, er gab jedem eine Chance und ließ keinen zurück, der so wie Rainman in etwa schrieb, mit offenen und ehrlichen Absichten kam. Ob derjenige sie dann auch nutzte, das stand natürlich auf einem anderen Blatt.

Nacht ohne Ende 7. Teil / Werner Steckel


Ich bin Kriminalist. Aber ich bin nicht durch das Fernsehen zu diesem Beruf gekommen, der sehr interessant und immer noch notwendig ist. Ursprünglich wollte ich, wie mein Bruder Lokomotivführer werden. Mein Vater, der im April 1945 als vermisst gemeldet wurde, hat diesen Beruf ausgeübt. Mein Bruder kann sich noch an Vater erinnern, und in den Kinder- und Jugendjahren hat er mich mit seiner Begeisterung angesteckt.
Unsere Mutter wurde durch die Kriegsereignisse nach Mittweida verschlagen. Sie arbeitet im VEB Baumwollspinnerei. Sicherlich ist es ihr nicht leicht geworden, uns beide groß zu ziehen. Allerdings hat sie uns das niemals merken lassen. Als ich in Mittweida die Zehnklassenschule absolvierte, hat Mutter gerade auch ihre Facharbeiterprüfung abgelegt. Sie wurde als Aktivistin ausgezeichnet, und ihre Arbeitskollegen achten sie sehr. Unseren Berufswünschen stand sie zunächst ablehnend gegenüber. Wohl auf Grund ihrer eigenen Erlebnisse. Aber- Mein Bruder ist heute Lokführer, auf einer Elektrolok. Manchmal, wenn ihn seine Tour hier bei uns durchführt, macht er eine Stippvisite zu Hause. Mutter kann sich jedes Mal wieder darüber wundern, wie blütenweiß sein Hemd und wie sauber seine Uniform ist. Vaters Wäsche, so sagt sie immer, sah da anders aus, schmutzig, verrußt.
Schon deshalb beneidet sie ihre Schwiegertochter. Ich habe zunächst im RAW Diesellokschlosser gelernt; das ist Voraussetzung für den Beruf eines Lokomotivführers. Auf meiner Lehrstelle wählten mich die Freunde von der FDJ zum Sekretär des Lernaktivs. Mir machte diese Arbeit Spaß. Ich organisierte unter anderem Wanderfahrten, Zeltlager an der Ostsee und im Mittelgebirge. Aus dieser Zeit ist mir die Leidenschaft für den Schwimm- und Fotosport geblieben. Damals richtete ich mit noch zwei Freunden eine Dunkelkammer ein, die uns die Möglichkeit zu allerlei fotografischen Experimenten bot. Später führte mich mein sportliches und gesellschaftliches Interesse zur GST. Mein Bruder war zu dieser Zeit schon Lokführer, und ich fuhr ein halbes Jahr als Heizer. Dann meldete ich mich freiwillig zur Armee. Während der Militärdienstzeit kam ich mit erfahrenen Genossen zusammen. Was ich von ihnen lernte, ließ mich das Schicksal meiner Mutter und meines Vaters im richtigen Licht sehen. Noch in der Armee wurde ich Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands, und ich nahm mir vor, meine Interessen und Wünsche in Übereinstimmung mit den Erfordernissen unserer Zeit und unserer Gesellschaftsordnung zu bringen. Ich wollte zunächst die Offizierslaufbahn einschlagen. Ich sehe doch, was in der Welt geschieht, und möchte alles, was in meinen Kräften steht, tun, um zu verhindern, dass sich das Schicksal meiner Mutter und das von Millionen Müttern noch einmal oder vielleicht noch schrecklicher wiederholt. Dann wurde eines Tages unter den Offiziersanwärtern für andere Berufszweige geworben. Die Front unseres Kampfes ist breit und erfordert Fachleute auf jedem Gebiet. Ich meldete mich zur Ausbildung als Kriminalist, und nach einigen Prüfungen wurde ich zum Besuch einer Fachschule delegiert. In jedem Urlaub traf ich mich mit meiner Schulfreundin, sie ist jetzt meine Frau, und wir haben beide ein Kind, unsere Tochter Kerstin. Mit meinem Filmapparat halte ich die Ereignisse ihrer ersten Lebensjahre fest. Ich bin am ersten Tag des Friedens geboren, und mein ganzes Leben ist bisher im Frieden verlaufen- für meine Tochter wünsche ich mir dasselbe. Früher hat meine Mutter nur von der Vergangenheit gesprochen, später dachte sie an unsere Zukunft, an die ihrer Söhne, und jetzt sprechen wir schon von der Zukunft ihrer Enkeltochter. Sie wird ja auch einmal eine Frau und eine Mutter werden. Natürlich möchten wir das erleben. Wenn man Mutter vom Tag meiner Geburt erzählen hört, so möchte man denken, fünfundzwanzig Jahre sind keine lange Zeit. Na ja, noch fünfundzwanzig Jahre weiter, und ich halte vielleicht eine fünfjährige Enkelin an der Hand. So kurz nach dem Jahre zweitausend wird sie auf der Schulbank sitzen und mich nach dem Früher fragen. Ich denke, ich werde ihr vieles zu erzählen haben, so wie wir alle einmal aus unserer heutigen Zeit voller Stolz berichten werden.

Gruß Rainer-Maria


PS: Soll ich jetzt als gerechten Ausgleich zur Jugendliteratur der DDR einen „ Martin Walser“, eine herrliche Geschichte aus dem Westdeutschland der 1960- Jahre hinterher schieben? Oder lieber einen“ Rolf Hochhuth, ich habe sie alle, die Alten Westdeutschen Schriftsteller! Die letztere Geschichte spielt um die Männer des 20. Juli 1944 und heißt „Die Berliner Antigone“ Der Punkt zur Weiterführung unserer Korrespondenz, Reinhold, da lag Erwin Bekier nicht falsch mit seiner Version, wie du über eure Schulungen schreibst, es freut mich , Einen aus dem Ruhrpott da wo auch meine Tante Hilde gelebt hatte, hier dabei zu haben. So wie du über deine Tage in der alten DDR geschrieben hast könnte ich wunderschöne Kindheitserinnerungen an einen Besuch im Ruhrgebiet vor dem Mauerbau einbringen. Vielleicht später einmal, bleiben wir erstmal bei Walser oder Hochhuth.
Die erstere Geschichte von M. Walser würde aber eher in die „ Weiterführung Diskussion BRD - DDR“ passen!


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#31

RE: Buchenwald nach 1945

in Leben in der DDR 07.04.2009 19:07
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
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Hallo Peter ( turtle) es freut mich, das dir die Geschichte in ihrem Realismus gefallen hatte. Zwischendrin so im 5. Teil fiel mir auf, das der jugendliche Leser von damals wirklich auch einmal zwischen den Zeilen lesen musste, Zitat: „ Allerdings fuhren in diesen Zügen auch Menschen, Uniformierte und Nichtuniformierte“. Das Letztere Zivilisten Menschen gewesen sind, die in die Vernichtungslager der Nationalsozialisten transportiert wurden, darüber wird sich Lokführer Steckel schon seine Gedanken gemacht haben! Denk ich jetzt an unser Thema „ Was wussten die Offiziere?“ könnte ich sofort wieder einen nahtlosen Übergang finden um dieses „ Wissen“ das man manchmal besser für sich behält, wenn ein kluger Kopf auf den eigenen Schultern sitzt. Aber Rainman, mein Bruder im Geist und S51 mit seinem herrlich aus dem Leben gegriffenem Text über die abgelegte Ehe haben gekämpft wie die Löwen gegen Tiroler und Skifahrer, unseren Senior wo mich mein Bauchgefühl und das in Bezug auf sein Alter nach langer Zeit wieder einmal in Stich gelassen hatte. Der Meinungsaustausch brandete hin und her, wie eine große Panzerschlacht im zweiten Weltkrieg. Erst wollte ich mich noch mal mit einem Text beteiligen aber dann dachte ich so bei mir, mach es wie Lokführer Steckel, beobachte die Sache aus deinem sicheren Lokführerhaus und denk dir deinen Teil. Den ich habe doch aus unser beider Diskussionen gelernt . So, wieder zum Thema weil du dachtest, ich komme mit der Geschichte zu weit von der Thematik“ Buchenwald nach 1945 „ ab. Hätte Lokführer Steckel überlebt, ich bezeichne ihn hier als eines dieser zig Millionen kleinen Rädchen im anfangs gut geölten Getriebe des „ Tausendjährigen Reiches“, und trotz alledem hatte er meine vollste Sympathie in der Geschichte, dann wäre auch er mit hoher Wahrscheinlichkeit im Speziallager Buchenwald gelandet, dort vielleicht ebenfalls umgekommen. Entschuldige Peter aber jetzt die gute Frage an das Forum: Ob seine Söhne dann diesen ihren Weg auch so im Sozialismus gegangen wären , wie im letzten Teil geschildert? Oder gar den Weg in den anderen Teil Deutschlands? So wie du Peter mein Freund und weil wir einmal dabei sind, bist du der ältere Bruder von Patrick Swayze oder der Zwillingsbruder von metlouf? Du kennst meinen ursächsischen Humor aber als ich dein Bild sah tauchte die Frage automatisch auf. Erst einmal genug für heute

Gruß allen Rainer- Maria


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#32

RE: Buchenwald nach 1945

in Leben in der DDR 07.04.2009 19:28
von rapper19 (gelöscht)
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hallo Rainer-Maria, es wäre schön wenn du noch eine Geschichte aus dem anderen Teil Deutschlands nachschieben könntest.

ich möchte noch nachtragen, das ich irgendwo geschrieben hatte, das ich ein kritischer Gewerkschafter bin und weil ich mit einer Gruppe mal in einem großen Werk eine Betriebsratswahlschiebung aufgedeckt hatte, wäre ich um ein Haar aus der Organisation rausgeflogen und ich kann dir sagen damals dachte ich ans Mittelalter an die Inquisition. Es ging mir jahrelang nicht gut. Eben weil ich die Organisation und die Idee Gewerkschaft schon aus der Geschichte her liebte und es war mein Ein und Alles. Von Hochhut habe ich leider nur "eine Liebe in Deutschland" gelesen und dieser Roman paßt kaum hierher.

Ich freue mich auf deine Geschichte

Reinhold


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#33

RE: Buchenwald nach 1945

in Leben in der DDR 07.04.2009 20:00
von rapper19 (gelöscht)
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hallo, hier zu nochmal.
1979 hatte man uns als Gewerkschafter natürlich auch auf den Ettersberg geführt. Ich habe auf dem Apellplatz gestanden und in die Ferne gesehen. So viel Weite und hier dieses Bedrücktsein. Ich konnte an dem Tag kaum noch sprechen. Das bewog mich dann auch sehr viel Literatur über Buchenwald zu lesen. Auch von ehemaligen Insassen. Es hat mich sehr getroffen. Die Gedenkglocken haben weh getan.

viele Grüße

Reinhold


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#34

RE: Buchenwald nach 1945

in Leben in der DDR 07.04.2009 20:41
von bruno | 598 Beiträge

ich war als 14 jähriger 1979 in rathsfeld(nähe bad frankenhausen)
im ferienlager.
da war auch ein gruppe kinder und jugendliche aus dem kreis
frankfurt/main und offenbach(aus arbeiterfamilien)im ferienlager.
mit denen haben wir zusammen im zeltkino "nackt unter wölfen"
angesehen, anschliessend sassen wir auf einer wiese im kreis
und haben über den film und über die zeit der nazidiktatur
diskutiert.
die truppe aus den alten bundesländern war ja unsere altersklasse,
es war erschreckend, die wussten gar nichts aus der zeit und zu dem
thema, die waren über die handlung des filmes natürlich schockiert.

im übrigen schaue ich (ich wohne am rand von erfurt)genau auf den
ettersberg.


nichts auf der welt ist so gerecht verteilt wie der verstand.
denn jedermann ist überzeugt, dass er genug davon habe.
rené descartes
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#35

RE: Buchenwald nach 1945

in Leben in der DDR 07.04.2009 21:59
von rapper19 (gelöscht)
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hallo Bruno,
Ich hatte mir selbst einiges erlesen aus der Geschichte. Nicht das was "normal" war und ich muss mal was loswerden. Rainer-Maria schrieb irgendwo, ich zitiere mit meinen Worten: "Es waren nicht nur Kommunisten die im Widerstand waren". Ich hingegen aus dem Westen war über Kommunisten im Widerstand kaum informiert und so hat mich der Film nicht schockiert, aber stark beeindruckt. Immerhin war ich 28Jahre alt im Gegensatz zu den Kindern die du kennengelernt hast. Im Übrigen hatte ich das Glück ihn in der letzten Woche auf irgendeinem Fernsehkanal noch einmal zu sehen. Ich war wieder beeindruckt nach all den Jahren.
Die Geschichte wird/ wurde hier ja auch aus "anderen" Augen gesehen.In der Schule lernst du Pippin der Kleine und Sacki der Große. Die Revolution in Frankreich kenne ich auch nicht aus der Schule. Geschichte der Arbeiterbewegung musst du Dir selbst beibringen. Schwer, wenn du überall andere Freizeitangebote hast. Meine Tochter hat Abi und was meinst du was die von der Geschichte weiß? Ich will garnicht fragen. Mit diesen langweiligen Geschichtsunterrichten, die wir hier in den Schulen hatten, war kein Wissen zu vermitteln. Klar, Adolf war schlecht und das mit den Juden (von Kommunisten redet keiner) hätte er doch nicht machen dürfen. Dann noch den Film "Schindlers Liste" zwangsgesehen und das war es dann. Irgendjemand schenkte mir mal ein Buch mit dem Titel: Ihr da oben, wir hier unten von Bernt Engelmann. Das war interessante Geschichte und die erweckte meine Neugier darauf.
Lieber Bruno, weil die Gegend in der du wohnst,so schön ist hat es ja besonders weh getan auf dem Apellplatz zu stehen. Ich stellte mir vor als ich dastand, wo ist meine Familie, was geschieht mit Ihnen? Und hinter dem Zaun soviel Land und Gegend wo man laufen und leben kann und mit den Seinen an einem Tisch sitzen kann. Bewegende Eindrücke und von meiner Delegation war ich der einzige der sich Mutterseelen alleine mitten auf den Platz gestellt hat und die Eindrücke auf sich hat wirken lassen. Einschneidend!

Danke für Deinen interessanten Beitrag auf den ich gerne eingegangen bin und alles Gute

Reinhold


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#36

RE: Buchenwald nach 1945

in Leben in der DDR 08.04.2009 15:41
von turtle | 6.961 Beiträge

Hallo Rainer-Maria,
Nun ist mir klar warum mir die Frauen hinterherlaufen! Sie verwechseln mich genau wie Du. Ich dachte immer ich sehe Gott ähnlich. Na meine Frau sagt manchmal zu mir „ nein mein Gott,nicht schon wieder“ Na gut irren ist menschlich, oder denk mir meinen Teil. Den ich habe doch auch aus unser beider Diskussionen gelernt! Ha.Ha.
Übrigens wer ist überhaupt Metlouf habe keine Ahnung wer das sein soll, oder wie der aussieht. Aber das weiß von Gott auch keiner! Und wie Steckels Kinder entschieden haben ob Ost oder West bleibt ein Geheimnis und lässt immer Raum zum spekulieren übrig. Gruß Dein Freund Peter(turtle)


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#37

RE: Buchenwald nach 1945

in Leben in der DDR 08.04.2009 16:28
von bruno | 598 Beiträge

hallo reinhold,

mitte der achtziger jahre lief in der ard oder im zdf
der dreiteiler "der schrei nach leben", buch martin gray,
im fernsehen. ich glaube dieser film hat zum ersten mal
in der alten bundesrepublik zum nachdenken und zur
diskussion(in der masse) über die zeit der nazidiktatur angeregt.

ich persönlich war im übrigen damals sehr entsetzt, als ich
im februar 1990 in der "thüringer allgemeinen" lass, das buchenwald
noch bis 1950 von den russen im prinzip weiter als kz genutzt wurde.


nichts auf der welt ist so gerecht verteilt wie der verstand.
denn jedermann ist überzeugt, dass er genug davon habe.
rené descartes
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#38

RE: Buchenwald nach 1945

in Leben in der DDR 08.04.2009 17:39
von Zermatt | 5.293 Beiträge

Guten Abend Peter

hier ist wohl Meat Louf gemeint,ein US Sänger.Der war mal ziemlich dick,ist jetzt aber schön dünn.Bild stelle ich besser nicht rein.
Die Musik dürfte nicht ganz dein Fall sein...



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#39

RE: Buchenwald nach 1945

in Leben in der DDR 08.04.2009 20:18
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
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Hallo Bruno und Reinhold wenn keiner etwas dagegen hätte, auch im Forum allgemein würde ich doch die Kurzgeschichte von Rolf Hochhuth“ Die Berliner Antigone“ nach Ostern einstellen. Ich habe schon einmal die Männer vom 20. Juli 1944 hier mit ins Spiel gebracht, und sie passt , ich verspreche sie passt ganz gut dazu, ist auch nicht so lang wie die von Lokführer Steckel. Es wäre ein gerechter Ausgleich, Literatur Ost zu Literatur West vor 1989. Zum Ettersberg eine kleine Geschichte, in meinem Text vom 10. 12. 2008 hatte ich schon angeschnitten das nicht der erste Schulausflug meiner Kinder dorthin ging. Als im Elternbeirat tätiger Vater habe ich von Besuch zu Besuch festgestellt, dass das Augenmerk immer mehr auf die Zeit nach 1945, auf dieses Speziallager gelegt wird und ich denke, da steckt schon System dahinter. Natürlich sind diese Lager nach dem 2. Weltkrieg kein Thema in den Schulen der DDR gewesen, aber warum wohl wäre eine gute Frage? Dieses Versäumnis hängt uns, die die DDR erklären möchten heute ganz schön an den Hacken aber da war ja noch die Literatur siehe mein Text vom 31.03 09. Ein Trost der aber nichts entschuldigt. Noch ein kleines Beispiel zum System, die letzte Klasse verlässt das Krematorium im Objekt und keiner der Schüler nimmt Notiz von der Tafel, die Linkerhand in das Mauerwerk eingelassen ist. So im hinausgehen frage ich den Gedenkstättenführer ob er über Ernst Thälmann und seine Ermordung hier an dieser Stelle am 18.8.1944 nicht ein paar Worte an die Schüler richten möchte. Sein Gesicht sprach Bände und dann kam ein Kommentar der in etwa so lautete: „Das wäre heute alles nicht mehr wichtig, uninteressant und halt nicht in seinem Erklärbogen darin“! Da wird es unseren Schülern heute bald genau so ergehen, wie euch damals, Reinhold die fragen dann“ Kommunisten“? Waren das nicht die, die damals 1989 die Wende eingeleitet haben? Von der“ Mangelwirtschaft“ DDR zum „Mangelwissensland“ BRD ist es doch nur ein kleiner Schritt gewesen! Aber weg vom Thema hin zum anderen Thema – Flucht bei Moorsleben und ich hoffe, Angelo vergibt mir das ich es gleich hier mit erledige, es freut mich Werner, das dir die Angaben weiter geholfen haben. Zwischendrin wollte ich noch etwas schreiben aber Wolfgang, der andere Geschichtsfanatiker und du haben schneller den Weg zur Quelle gefunden. Wie schon von mir geschrieben könnte diese tragische Sache mit deinem Vater aber auch ein Unfall gewesen sein. Der und da gebe ich dir Recht, natürlich genau so der Aufklärung bedürfte. Noch kurz zu Peter und Meat Loaf , Zermatt hatte es sogar richtig geschrieben im Gegensatz zu mir Stümper. Du bist der Schönste, mein Freund keine Frage denn wie hatte mein Schwiegervater mal gesagt : „ Wir Männer sind von Natur aus schön“ Aua, verdammt, schon wieder meine Frau mit der Bratpfanne …..Ich verabschiede mich heute schon ins Wochenende und wünsche Allen im Forum ein ruhiges und erholsames Osterfest.

Gruß Rainer- Maria


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#40

RE: Buchenwald nach 1945

in Leben in der DDR 08.04.2009 20:20
von turtle | 6.961 Beiträge

Hallo Zermatt,
Danke! Meat Loaf kenne ich natürlich! Stimmt heute habe ich bald dessen Kampfgewicht von damals. Und seine Oldies mag ich sogar. Gruß Peter


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