#1

„Tillich war vielleicht kein Held“ - Kurt Biedenkopf zur DDR-Debatte

in Presse Artikel Grenze 02.12.2008 16:29
von Angelo | 9.805 Beiträge | 4398 Punkte

Dresden. Sachsens Alt-Ministerpräsident Kurt Biedenkopf stellt sich hinter Regierungschef Stanislaw Tillich (beide CDU). Die Debatte um dessen Rolle im DDR-System werde weder ihm noch der Problemlage im Lande gerecht.
Wie bewerten Sie die Debatte der letzten Tage um die DDR-Vergangenheit von Stanislaw Tillich?

Ich verfolge sie mit wachsendem Unverständnis und Enttäuschung. Es ist eine Debatte, die vor allem vom Westen getragen wird. Ich bedaure es sehr, dass ein Mann, über dessen Wahl zum Ministerpräsidenten viele, auch ich, ausgesprochen glücklich sind, jetzt unverdient in eine solche Debatte geraten musste. Stanislaw Tillich hat über seine politische Vergangenheit in der DDR selbst offen und überzeugend Auskunft gegeben und sie ernsthaft bewertet. Auch für ihn muss gelten, dass sich Menschen in die bestehenden Verhältnisse eingefügt haben, die sie für dauerhaft halten mussten. Schwierig war es aus heutiger Sicht nur dann, wenn sie aktiv politisch engagiert waren mit dem Ziel, das SED-Unrechtssystem zu rechtfertigen und zu festigen.

Auf Tillich trifft das nicht zu?

Nein.

Hat die CDU ausreichend ihre Vergangenheit aufgearbeitet?

Die sächsische CDU hat 1991 in Görlitz einen Parteitag ausschließlich dieser Aufgabe ge-widmet. In der Folge ist der damalige Vorsitzende zurückgetreten. Die Partei hat sich um die Entwicklung von Kriterien bemüht, nach denen wir entscheiden konnten. Wichtigstes Kriteri-um war die Überzeugung, dass der Wert eines Bürgers, der Mitglied der CDU war, sich nicht durch das Eintrittsdatum, sondern danach entscheidet, wie die Menschen ihn in der Gemein-schaft sehen und beurteilen, in der er heute lebt, und ob sie ihm vertrauen.

Gab es nicht auch in der CDU systemstützende Funktionsträger?

Nicht jeder Funktionsträger war ein aktiver Werber für das System. Die Grenze kann nur bei einer Individualbewertung gezogen werden. Tillich war seit Oktober 1987 im Rat des Kreises tätig und ab Mai 1989 als Stellvertreter des Vorsitzenden für Handel und Versorgung zuständig – eine Aufgabe, um die sich damals niemand drängte. Ich finde es gleichwohl beachtlich, dass Stanislaw Tillich heute sagt, er würde sich nicht wieder so entscheiden wie damals.

Gilt ihre Abgrenzung auch für ehemalige SED-Mitglieder?

Nein. Die SED war die herrschende Partei und der eigentliche Sitz der Staatsmacht. Gleichwohl wurden nach der Wende keineswegs alle Mitglieder der SED ausgegrenzt. Wer nur Mitglied war und keine das Herrschaftssystem aktiv unterstützende Funktion inne gehabt hatte, dem wurde die Zusammenarbeit nicht verweigert.


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#2

RE: „Tillich war vielleicht kein Held“ - Kurt Biedenkopf zur DDR-Debatte

in Presse Artikel Grenze 03.12.2008 11:38
von GSZ-woru • ( Gast )
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Hallo,
Herr Tillich war für mich schon ein Unterstützer des Systems von damals, diese hohe Position im Rat des Kreises Kamenz (Stellvertreter) wurde man nicht mal ebenso. Vorteilhaft für ihn war sicher auch seine Herkunft, sein Vater war SED-Mitglied und bekleidete hohe Ämter im Sorbenverband, alles war sehr stimmig, um in so einem jungen Alter auf so einen Posten zu gelangen. Für mich ist er ein typischer Wendehals, der seine Fahne nach dem Wind ausrichtet und in jedem System Karriere macht, eben ein typischer Berufspolitiker. Ihm jetzt anzurechnen, dass er so nicht wieder handeln würde, zeigt für mich, dass er nicht zu seiner Vergangenheit steht und nur auf seine Karriere schaut.

Auch ein Herr Tillich wurde damals als Grenzer täglich vergattert, seine Heimat notfalls auch mit Waffengewalt zu verteidigen, sprich auf Leute zuschießen, die abhauen wollten. Dass die meisten verschont blieben, die Waffe gegen andere leute einzusetzen, ich übrigens auch, haben wir dem glücklichen Umstand zu verdanken. Jetzt im nachhinein zu sagen, als Christ hätte ich gezielt daneben geschossen, lasse ich so nicht gelten. Auch hier zeigt sich, dass er nicht zu seiner Vergangenheit steht. Ich weiß noch genau, welche Zweifel mich damals geplagt haben, aber ich vermag nicht eindeutig zu behaupten, wie ich damals gehandelt hätte, darüber können nur Leute sprechen, die in so eine Situation geraten sind. Ich kann mich bei mir noch genau an eine Festnahme errinnern (ohne Schuss), wie ich gezittert habe und mein Puls hochschoss.

Für mich steht fest, dass alle die damals an der Grenze gedient haben, keine Feinde der DDR waren, wir waren Teil des Systems, jeder hatte das Recht nein zum Grenzdienst zu sagen, ohne eingebuchtet zu werden.

An der Debatte stört mich am meisten, dass die CDU immer den Eindruck hinterlässt, Ihre Leute aus dem Osten waren Widerstandskämpfer gegen das SED-System. Auch hier sei nochmal dran erinnert, dass Frau Merkel zu DDR-Zeiten einmal FDJ-Sekretärin für Agitprop war, auch ein Posten, den man nicht unbedingt annehmen mußte. Auch die Ost-CDU muss sich eingestehen, dass die meisten aus ihren Reihen Mitläufer zu DDR-Zeiten waren.

Gruß





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