#1

Der Grenz-Gänger

in DDR Grenze Literatur 13.10.2008 14:32
von Angelo | 12.394 Beiträge

Leser über das Buch "Der Grenz-Gänger"
Deutsch-deutsche Begegnungen der alltäglichen Art, eingefangen an der ehemaligen Grenze der beiden einstmals getrennten deutschen Staaten.

Mit seinem Spürsinn für die vielen kleinen Details begab sich der Autor auf die Wanderschaft, um die Menschen hüben wie drüben auf thüringer, bayerischer oder hessischer Seite nach ihren Sorgen und Nöten gleichermaßen wie nach ihren Freuden und Erfolgen zu befragen. In seiner ihm typischen Art bleibt er nicht unparteiisch nebenbei stehen, sondern lässt seine Gefühle und Gedanken in die Gespräche und in das Buch einfließen. Der Stil der Berichterstattung hält den Leser bei der Stange. Man ist gespannt, wem der Autor noch begegnet und welche Ansichten über das Zusammenleben der in unterschiedlichen Gesellschaften aufgewachsenen Menschen noch mitgeteilt werden. Interessant war für mich die Tatsache, dass sich in den fünfzehn Jahren nach der Einheit diese eher auseinander divergiert hat als es zu Beginn der Fall war. Immer wieder kehrt in abgewandelter Version der Satz zurück: Damals, gleich nach der Wende konnte man mit Ossis/ Wessis noch reden. Ein Satz, der links wie rechts des ehemaligen Grenzstreifens ausgesprochen wird. Darinnen sind sich beide Seiten völlig einig.

Die deutsch-deutsche Befindlichkeit nach fünfzehn Jahren Einheit ist aber nur ein Aspekt, der das Buch lesenswert macht. Ein anderer, ebenso interessanter, ist das Leben in einer Region, die zur Zeit der Grenze einen ganz besonderen Menschenschlag hervorbrachte. Auf beiden Seiten lebte man am Rand des Landes. Ob es sich dabei auf thüringer Seite um die für nicht alle DDR-Bürger zugängliche Sperrzone handelte oder auf bayerisch-hessicher Seite um den etwa 50 Kilometer breiten Streifen des Zonenrandgebietes. Auf beiden Seiten gab es jahrzehntelang keinen Durchgangsverkehr. Für die Menschen in diesen Regionen war die Grenzöffnung ein besonderer Umbruch in ihrem Leben, mehr als im Leben anderer Deutscher. Wie sie dies heute betrachten und verarbeitet haben, ist vom Autor aufschlussreich und amüsant beschrieben worden und mindestens genauso unterhaltsam wie das ständige Ost-West-Geplänkel.

Das Buch kann man(n) nur empfehlen. Es ist eine beeindruckende Darstellung und Beschreibung Deutsch/Deutscher Gegenwart entlang des ehemaligen Grenzzaunes. Landolf Scherzer ist es gelungen den Menschen, die in Ost und West entlang des ehemaligen Eisernen Zaunes gelebt haben, eine Stimme zu geben. Er hat sie einbezogen in dem er Sie, Ihren Empfindungen und Meinungen erzählen lies und sich selber als Autor zurücknahm. Er lässt wirklich die Menschen zu Wort kommen und zeigt damit wie nah und doch weit auseinander die Deutschen aus Ost und West im Jahre 2004/5 noch immer sind. Einfach Klasse!!!!!

Bestellen können Sie das Buch "Der Grenz-Gänger" hier:


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#2

RE: Der Grenz-Gänger

in DDR Grenze Literatur 28.05.2009 16:11
von rustenfelde | 676 Beiträge

Absolut empfehlenswertes Buch. Sehr volksnaher Schriftsteller!


"Ich weiß nicht, dass ich jemals von der zauberhaften Schönheit eines Erdfleckens so innerlichst berührt worden wäre."
Theodor Storm über das Eichsfeld (1856)


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#3

RE: Der Grenz-Gänger

in DDR Grenze Literatur 28.05.2009 17:26
von Rainman2 | 5.761 Beiträge
Ich habe Landolf Scherzer bereits zu DDR-Zeiten mehrfach erlebt. Ich muss gestehen, sein Schreibstil gefällt mir nicht wirklich. Er war lange Journalist, das merkt man. Aber was und wie er über Leute berichtet, wie er in dieser Region Thüringen verwurzelt ist und diese Wurzeln aus seinen Geschichten über die Leute immer wieder hervortreten lässt, das ist wunderschön. Ich nutze die Chance, dass dieser Thread noch einmal hochgeholt wurde (Danke rustenfelde!), um noch ein paar persönliche Buchempfehlungen zu Landolf Scherzer auszusprechen:

"Der Erste" - Dieses Buch sorgte in der DDR bereits für Aufsehen. Landolf Scherzer hatte darum gebeten, mal einen Ersten Sekretär einer SED-Kreisleitung zu begleiten. Er bekommt den Ersten vom Kreis Bad Salzungen "zugewiesen", H.-G. Fritschler. Da der Regimentsstab des GR3 in Dermbach und somit in diesem Kreis lag, kannte ich Fritschler. Ein offener Mensch, lebendig, interessiert, offen und (sic!) kritisch. Sein uns gegenüber vorgetragener Bericht über das Käsewerk Bad Salzungen und den hoffnungslosen Versuch, mit entrahmter DDR-Milch Emmentaler Käse zu produzieren, ließ schonmal die Kinnladen der Politoffiziere runterklappen. Da redete einer Klartext. Das war erstaunlich. Das Buch beschreibt H.-G.F. so, wie auch ich ihn kennengelernt habe. Obwohl der Mann sicher nicht typisch für einen Ersten Kreissekretär der SED war, ist die Zeit um ihn herum und sein letztendliches Tun typisch. Ein ungewöhnliches Stück DDR-Geschichte aus einer ungewöhnlichen Sichtweise. (antiquarisch und als Neuausgabe erhältlich bei amazon)

"Der Zweite" - Gleiche Technik - gleiche Gegend, nur ist es diesmal der neue Landrat nach der Wiedervereinigung. Es ist nicht ganz soviel Herz drin, wie im ersten Buch. Dennoch auch hier ein interessantes Dokument eines beginnenden, schweren Einigungsprozesses.

"Der Letzte" - Einer ist zuwenig! Landolf Scherzer begleitet gleich den ganzen Thüringer Landtag. Aus meiner Sicht absolut lesenswert, wenn man einen Blick hinter Politikerschicksale werfen will, wenn nicht gerade Hochglanzpressefuzzies dabei sind. Landolf Scherzer wird von allen als Mensch begriffen und so verhalten und äußern sie sich ihm gegenüber. Das ist ein seltener Glücksfall in dieser Mediengesellschaft.

Sollte Scherzer mal in Eurer Gegend eine Lesung machen: Hingehen!!!

ciao Rainman

"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


zuletzt bearbeitet 28.05.2009 17:28 | nach oben springen

#4

RE: Der Grenz-Gänger

in DDR Grenze Literatur 13.08.2009 18:22
von Affi976 (gelöscht)
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Hallo K.-P.,
Du hast völlig Recht. Ich habe auch die besagten Bücher regelrecht verschlungen. Mehr Klartext ging und geht fast nicht.
Leider scheinen unsere Politiker diese Bücher nicht zu lesen, sonst wäre einiges anders.
Meine Empfehlung: Vorwärts und Vergessen von Uwe Müller u. Grit Hartmann
Verrat verjährt nicht, auf den Autor komme ich gerade nicht, ein Westkorrespondent jedenfalls, der sich auf die Suche nach ehemaligen Spionen und Spitzeln macht, diese findet und mit ihnen spricht, sie praktisch enttarnt hat.
Viele Grüße vom Exfriedrichshainer
Affi


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#5

RE: Der Grenz-Gänger

in DDR Grenze Literatur 13.08.2009 19:00
von Jameson | 759 Beiträge

Hallo Rainman,
die genannten Bücher sind Spitze und ich freue mich endlich mal "Erbsenzählen" zu können. Genosse Fritschler heißt H.-D. und nicht H.-G.
Kennst Du zufällig "Rummelplatz" von Werner Bräunig?

Hallo Affi,
Dein Tip habe ich eben bestellt, Danke dafür.
Ahoi Jameson



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#6

RE: Der Grenz-Gänger

in DDR Grenze Literatur 14.08.2009 15:44
von Rainman2 | 5.761 Beiträge

Hallo Jameson,

den Kümmelspalter mit Erbsen erschlagen - det hab ick jern, wa!

Aber hast recht, Hans-Dieter war und ist sein Name. Ich hatte ihn mehrfach bei uns im Regimentsstab erlebt. Was hätte aus dem kleinen Ländchen alles werden können, wenn alle Parteifunktionäre so gewesen wären ...

Das Buch von Bräunig sagt mir was, aber gelesen habe ich es nicht. Vor lauter Forum kommt man ja auch kaum noch dazu, etwas anderes zu lesen!

Liebe Grüße aus dem Friedrichshain - auch an Affi, den alten Exfriedrichshainer!
ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


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#7

RE: Der Grenz-Gänger

in DDR Grenze Literatur 14.08.2009 16:00
von Affi976 (gelöscht)
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Wenn Euch meine Bücher so gefallen, hier noch ein toller Tipppppppp.
Es ist eine Doktorarbeit, aber mit viel Herzblut gemacht. Eine Reise entlang der Grenze und viele der Denkmale analysiert und aufgeschrieben.
Maren Ullrich, Geteilte Ansichten
wenn ihr es über zweitausendundeins.de bestellt, kostet das Buch nur 9,90€ ansonsten 29,90€, aber absolut empfehlenswert, auch von künstlerischer Seite her gut betrachtet.
Bis zur nächsten Empfehlung, viele Grüße aus Weimar
Affi


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