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Wer kauft DDR-Mauerteile mit Tür?

in Presse Artikel Grenze 18.09.2008 11:29
von Angelo | 12.397 Beiträge

Berlin-Touristen suchen in der Bundeshauptstadt oft vergebens nach Resten der Mauer. Bis auf wenige hundert Meter am Spreeufer zwischen Friedrichshain und Kreuzberg ist das Sperrwerk längst aus dem Stadtbild verschwunden. Bäuerlicher Pragmatismus hat aber dafür gesorgt, dass einige der geschichtsträchtigen Mauersegmente in der mecklenburgischen Provinz erhalten blieben und an diesem Freitag zur Versteigerung angeboten werden. «Das waren ursprünglich Betonelemente für den Silobau», sagt ein früherer Chef der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft (LPG) aus der Nähe von Altentreptow, der seinen Namen in diesem Zusammenhang aber nicht genannt wissen will. Diese Segmente seien dann für den Mauerbau zweckentfremdet worden.
Gleich 600 solcher Mauerteile waren 1990 auf Initiative der LPG Pflanzenproduktion Breesen in den Nordosten geholt worden. Als preiswertes Baumaterial auch für den Agrarbetrieb in Teetzleben, der sich gerade auf den Weg in die Marktwirtschaft machte. «Verkauf aus Demontage» steht auf der von den DDR-Grenztruppen ausgestellten Quittung, die der frühere LPG-Chef noch vorlegen kann. Für 200 Betonteile bezahlte die Genossenschaft kurz vor der Währungsunion 37 000 DDR-Mark.

Vier der tonnenschweren «Winkelstützelemente Typ UL 12.41», jedes 3,60 Meter hoch und 2,8 Tonnen schwer, sollen an diesem Freitag bei einer Auktion in Berlin versteigert werden und damit nur sprichwörtlich unter den Hammer kommen. Das Mindestgebot liege bei 4000 Euro, sagt Hans Peter Plettner, Sprecher der Deutschen Grundstücksauktionen AG in Berlin.

Die zum Selbstabholen angebotenen Teile hatten zwischen Potsdamer Platz und Checkpoint Charlie gestanden und tragen Spuren der «Mauerspechte», die sich bunte Andenken aus dem Beton geschlagen hatten. Eines der Betonelemente weist überraschender Weise sogar einen Durchlass auf. «Die Tür war für Revisionszwecke», erklärt Plettner. Solche Teile mit tresorartiger Schlupftür soll es Historikern zufolge rings um Berlin nur sechs oder acht Mal gegeben haben. Die Tür selbst ist aus Stahl, so dick wie der Beton, und ließ sich nur von der DDR-Seite aus öffnen. «Da konnte man nachschauen, aber auch Leute durchschleusen, die nicht gesehen werden sollten» sagt Plettner.

Mauerteile seien noch immer sehr gefragt, betont er. Das Auktionshaus habe bereits mehr als 50 davon versteigert, die meist das Vierfache des Anfangsgebotes brachten. Es habe Käufer aus Italien, Frankreich und der Schweiz gegeben, selbst aus dem amerikanischen San Diego, dem kanadischen Anchorange und sogar aus dem Vatikan.

Dass die Teile aus Teetzleben knapp 20 Jahre nach dem Mauerfall noch einmal eine neue Verwendung finden würden, hatte sich der damalige LPG-Chef wohl nicht träumen lassen. Man habe vor Jahren schon einmal den Verkauf per Annonce versucht, aber vergeblich. Mit drei Traktoren und drei Lastwagen waren die Mauersegmente 1990 immer nachts auf der B 96 nach Norden transportiert worden, eine Fahrt dauerte mehr als zwölf Stunden. «Das war nicht ungewöhnlich, die LPG'n waren damals die häufigsten Käufer von Mauerteilen», hat Plettner ergründet.

Die Betonelemente wurden fast alle in Futtersilos verbaut, nur die vier letzten, die jetzt in einem Lagerhaus stehen, lagen lange auf einer Wiese, als Abgrenzung für Mutterkühe. Man habe sie wegen der Schäden nicht gebrauchen können. «Da wäre Frischluft an die Silage gekommen und das Futter wäre schlecht geworden», sagt ein Landwirt.

Die Grenze um Westberlin war knapp 160 Kilometer lang. Für die 46 Kilometer Mauer waren 45 000 Betonelemente aufgestellt worden. Mehr als 200 Menschen verloren zwischen 1961 und 1989 bei Fluchtversuchen dort ihr Leben. Nach Erkenntnissen von Historikern hatte der spätere DDR-Staatschef Erich Honecker, damals im Zentralkomitee der SED für Sicherheitsfragen zuständig, den Mauerbau im Auftrag von Staatschef Walter Ulbricht unter strengster Geheimhaltung geplant. Mit seiner Prognose allerdings lag Honecker 1989 daneben: Statt 100 Jahre stand die Mauer nicht einmal 30 Jahre.



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