#1

Bitterfeld-Syndrom: Das Tschernobyl der DDR

in Leben in der DDR 23.09.2009 14:29
von Angelo | 12.397 Beiträge

Die DDR kannte das Wort Umweltschutz nicht wirklich, das schlimmste Beispiel für die Verunreinigung der Umwelt in der DDR war die Stadt Bitterfeld.Es wurde sogar ein Syndrom nach der Stadt benannt.
Das Bitterfeld-Syndrom bezeichnet eine anthropogen bedingte Bodendegradation durch lokale Kontamination, Abfallakkumulation und Altlasten. In Bitterfeld wurde dieses Syndrom erstmals diagnostiziert. Die Ursachen für die starken Umweltprobleme in Bitterfeld lagen in der Ansiedelung von Chemieindustrie ohne ausreichende Umweltschutzmaßnahmen.


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#2

RE: Bitterfeld-Syndrom: Das Tschernobyl der DDR

in Leben in der DDR 23.09.2009 15:01
von Mechaniker (gelöscht)
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Ja, scherzhaft sprach man zu DDR-Zeiten vom "Luftkurort Bitterfeld", ich lebe ja seit fast 53 Jahren nur 30km davon entfernt. Bis jetzt fühle ich mich aber noch ganz o.k.
Die Gegend war wirklich furchtbar, aber es gab halt jede Menge Arbeit. Wenn man heute Bilder von damals sieht, aua aua! Es hat sich seit der Wende enorm viel getan und ich will hoffen, daß die Spätfolgen dieser Sauerei nicht so lang anhalten wie in Tschernobyl. Die Industrie hat sich gewandelt, jetzt sitzen dort Q-cells & Co., die alten Dreckschleudern gingen eh nur noch abzureißen. Inwieweit es dort noch gefährliche Altlasten gibt, ist schwer zu sagen, man hält sich da eher bedeckt.
Wir fahren aber gern zur "Goitzsche", einem geflutetem Tagebau am Rande Bitterfelds. Ist ein richtiges
Vorzeigeobjekt in Sachen Rekultivierung geworden mit tollen Freizeitangeboten, ganz toll!
Die Regenerierungskraft der Natur ist schon enorm. Sie holt sich alles wieder zurück, wenn wir ihr das Feld wieder überlassen.

Klaus


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#3

RE: Bitterfeld-Syndrom: Das Tschernobyl der DDR

in Leben in der DDR 23.09.2009 17:48
von Angelo | 12.397 Beiträge

Also Bitterfeld war auch nach der Wende noch eine Katastrophe ich war mal dort 1995 es war einfach nur grauenhaft was die DDR mit dieser Stadt gemacht hat.Da wollte ich nie wohnen auch jetzt 20 Jahre danach ist dort die Erde noch verseucht


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#4

RE: Bitterfeld-Syndrom: Das Tschernobyl der DDR

in Leben in der DDR 23.09.2009 18:28
von Zermatt | 5.293 Beiträge

Das stimmt wohl,wie da mit Wasser,Böden und Luft umgegangen worden ist-ein ganz schwarzes
Kapitel,viel schlimmer geht es wohl nicht mehr. War 91 mal ganz kurz da,der Eindruck
hat mir aber schon gereicht.



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#5

RE: Bitterfeld-Syndrom: Das Tschernobyl der DDR

in Leben in der DDR 23.09.2009 18:28
von Augenzeuge (gelöscht)
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Es hat sich viel getan dort. Ich habe mir die Goitsche vor 2 Jahren angesehen, ich kenne die Ecke gut von früher, es ist ein Meilenstein im Umweltschutz. Das Wasser ist nicht verseucht, viele Tiere sind wieder da, die damals schon fast als ausgestorben galten. Hier ein Bild:

Angefügte Bilder:
goi.JPG

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#6

RE: Bitterfeld-Syndrom: Das Tschernobyl der DDR

in Leben in der DDR 23.09.2009 18:32
von Mechaniker (gelöscht)
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1995 ist 14 Jahre her! Zu Altlasten habe ich ja schon etwas geschrieben, Details entziehen sich meiner Kenntnis. Bitterfeld ist nach wie vor keine attraktive Stadt, aber es ist seit 1995 viel saniert worden,
es stinkt nicht mehr und der allgegenwärtige Staub ist auch weg. Mehr zu tun als bisher geschehen ist, dafür fehlt in der gebeutelten Region vermutlich auch das liebe Geld.
Aber der Vergleich mit Tschernobyl hinkt doch wohl etwas!

Klaus


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#7

RE: Bitterfeld-Syndrom: Das Tschernobyl der DDR

in Leben in der DDR 23.09.2009 18:33
von Mechaniker (gelöscht)
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Stimmt, Augenzeuge!
Die Goitzsche hat auch eine Webseite, bloß so zur Info.


zuletzt bearbeitet 23.09.2009 18:35 | nach oben springen

#8

RE: Bitterfeld-Syndrom: Das Tschernobyl der DDR

in Leben in der DDR 23.09.2009 19:32
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
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Hallo alle zusammen, mal eine ganz einfache Frage, weil ich als geborener Leipziger praktisch in diesem ganzen Einzugsgebiet der Winde aus Ost,Süden, Westen ,Norden aufgewachsen bin, so Leuna, Buna, Espenhain, Bitterfeld, Böhlen usw.
Wo gab es wohl vor 1989 die meisten Allergien, im Westen Deutschlands oder in der DDR?
Sollte hier ein Arzt im Forum sein, bin ich ja mal echt gespannt auf seine Aussage.
Und Jörg, bitte mit dem Finger immer erst auf die eigene Nase, siehe zum Beispiel den Ruhrpott!

Gruß Rainer- Maria


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#9

RE: Bitterfeld-Syndrom: Das Tschernobyl der DDR

in Leben in der DDR 23.09.2009 19:49
von Wolfgang B. (gelöscht)
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Tja, lieber Rainer-Maria,
ich sehe die Bilder aus den 60er/70er Jahren noch vor mir, die aus dem Ruhrpott meine ich. Kann mich auch noch dran erinnern, dass viele Kinder zur "Erholung" in den Schwarzwald und ähnlich schöne Gegenden verschickt wurden, fast wie bei Adolf bei der "Kinderlandverschickung".
Übelste Bilder kommen auf, Rhein, Ruhr, alle Flüsses waren damals komplett am A... Die Luft sowieso, Wäsche aufhängen war da nix.

Aber das hat sich ja zum Glück geändert, heute baden wir wieder im Rhein, die Lachse (Indikator für sauberes Wasser) kommen langsam zurück. Allergien bei Kindern sind aber heute trotzdem nicht weniger geworden, sind eben leider nur Andere.

Und wie sieht es heute in Bitterfeld aus? Ich weiß es nicht, ist ne ernstgemeinte Frage.


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#10

RE: Bitterfeld-Syndrom: Das Tschernobyl der DDR

in Leben in der DDR 23.09.2009 20:21
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
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Hallo Wolfgang, genau wie du es schreibst, das ist es was ich meine, die Ehrlichkeit der eigenen Nase. Eine Geschichte, weil ich so gerne G. erzähle, die aus dem Leben.
Ich habe in Espenhain gelernt und ich kenne auch die ganzen anderen, ja, du liest richtig, Jörg, diese Dreckbuden.
Durch meinen Beruf, ich bezeichne mich mal als einen DDR- Baustellen- Globetrotter.
Es braucht mir keiner zu erzählen, wie es da aussah, ich habe Augen im Kopf, eine gute Nase und noch bessere Ohren.
Jörg hat einmal in irgendeinem Thema, wo es um den alten Krupp ging, so in etwa geschrieben; " Wenn du wußtest als junger Proletarier um diesen ganzen Schmutz, warum bist du dann nicht, warum hast du nicht..?.und, und, und.
Mensch, Jörg, ich war doch nicht verrückt, ich war bodenständig so wie der Bergmann aus dem Ruhrpott.
Der wußte auch....sollte er deswegen seinen eigenen Arbeitsplatz in Frage stellen?
Wir waren Beide Realisten, für unsere kleinen Familien.
Tut mir leid, Angelo, bitte beim nächsten Mal die Gegenüberstellung: " Ostdreck zu Westdreck"
Sonst wird es nichts, da bin ich mir 100% sicher mit der Vereinigung in den Köpfen!

Gruß Rainer- Maria


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#11

RE: Bitterfeld-Syndrom: Das Tschernobyl der DDR

in Leben in der DDR 23.09.2009 20:22
von Augenzeuge (gelöscht)
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Zitat von Rainer-Maria-Rohloff
Hallo alle zusammen, mal eine ganz einfache Frage, weil ich als geborener Leipziger praktisch in diesem ganzen Einzugsgebiet der Winde aus Ost,Süden, Westen ,Norden aufgewachsen bin, so Leuna, Buna, Espenhain, Bitterfeld, Böhlen usw.
Wo gab es wohl vor 1989 die meisten Allergien, im Westen Deutschlands oder in der DDR?
Sollte hier ein Arzt im Forum sein, bin ich ja mal echt gespannt auf seine Aussage.
Und Jörg, bitte mit dem Finger immer erst auf die eigene Nase, siehe zum Beispiel den Ruhrpott!
Gruß Rainer- Maria



Hallo Rainer,
ich weiß, mit dem Finger an der Nase hast du es gern...

Nun kommt von mir das Aber:

Der Thread heisst Bitterfeld. Wir bewerten die alten und die neuen Zustände dort, das Ruhrgebiet brauchen wir dafür nicht unbedingt, außerdem hatten wir vor einiger Zeit schon mal einen ähnlichen Disput. Hier hatte ich die Entwicklung des Ruhrgebietes aufgezeigt, die Umwelt-Fehler der 50/60 gab es in den 80ern dort nicht mehr. Das ist Fakt!

Natürlich gab es in der DDR weniger Allergien als in der BRD. Dieses Ergebnis jedoch am Schadstoffausstoss dieser Gegend festzumachen entbehrt jeder vernünftigen Grundlage. Ursächlich hierfür war sicher die Ernährung. Fast food war relativ unbekannt, Fertiggerichte auch, die lange Haltbarkeit der West-Lebensmittel hatte sicher auch negative Folgen.

Hier ein längerer Artikel zu Bitterfeld, ich weiß, du lässt dich von der Länge des Beitrags nicht abschrecken- das finde ich gut. Du wirst auch Dinge lesen, welche dir gefallen werden....du weißt doch, ich verschweige nichts.

DIE ZEIT, 19.09.1991 Nr. 39 - 19. September 1991
Bitterfeld ist anders
Region der Widersprüche: In der verseuchten Natur gedeihen Orchideen trotz
drohender Massenarbeitslosigkeit keimen neue Hoffnungen / Von Fritz Vorholz


„Kennst du die Stadt, wo die Sonne nie lacht, wo man uns nervlich fertigmacht, wo man uns nahm unsere letzte Tugend, das ist Bitterfeld, die Stadt unserer Jugend."

In Bitterfeld sah es tatsächlich schon immer noch etwas trister aus als in anderen
Chemiestädten. Die Stadt ist nur deswegen zum Industriestandort geworden,
weil im Boden Braunkohle liegt — Energie und einst wichtiger Rohstoff für die
Chemie. Um an das braune Gold zu kommen, ist die Landschaft geradezu
verwüstet worden. Halden und Restlöcher bestimmen das Bild. Doch bis vor vierzig
Jahren war die Chemiefabrik selbst nicht schmutziger als irgendeine andere in
Deutschland.

Dann kam die Wende zum Schlechteren. Im Zweiten Weltkrieg waren die Anlagen
zwar von Bombern verschont geblieben, danach hielt sich die sowjetische
Besatzungsmacht an den Chemieanlagen schadlos. Doch anstatt die Demontage
zum Anlaß zu nehmen, die ostdeutsche Chemieindustrie grundlegend zu
modernisieren, Zwängten die DDR-Wirtschaftsplaner veraltete Ersatzanlagen
in die Gebäude, die zum Teil noch aus der Jahrhundertwende stammen — eine
folgenschwere Weichenstellung.

Ausgestattet mit der Technik von gestern, mußte die Bitterfelder Chemiefabrik
eine gigantische Produktionsschlacht liefern. Über 4000 verschiedene Produkte
hatten die Anlagen auszuspucken. Bitterfeld galt als „Apotheke" der ostdeutschen
Chemieindustrie. Um noch das Letzte aus den Maschinen herauszuholen, wurden
sie auf Kosten der Arbeitssicherheit und der Umwelt gnadenlos verschlissen. Es
war fast ein Wunder, daß es bei der schweren Explosion des Jahres 1968 blieb,
bei der über fünfzig Chemiearbeiter den Tod fanden. Geld für Reparaturen und
Modernisierungen genehmigte die Ostberliner Regierung nur in Ausnahmefällen.

Vier Prozent des Nationaleinkommens der ehemaligen DDR wurden in der
Bitterfelder Region erwirtschaftet; zurück floß nur ein halbes Prozent.
Die Mißwirtschaft hatte schlimme Folgen: Nicht nur die Schornsteine bliesen
Staub und gelbe Abgasfahnen in die Luft; ganz unplanmäßig zischte und quoll
das Gift auch aus Kesseln und Rohren, die nicht selten faustgroße Löcher hatten.

Völlig ungereinigt wurden toxische Abwässer in das Flüßchen Mulde geleitet und
landeten schließlich in der Nordsee. Abfälle — darunter die gefährlichsten aus
dem Arsenal der Chemieproduktion — wurden einfach in alte Braunkohlegruben
gekippt. Mit dem Motto „Brot, Wohlstand und Schönheit" versuchte das SED-Politbüro
den DDR-Bürgern den Frevel schmackhaft zu machen.

Rolf Weiher arbeitete in der Chemiefabrik, zuletzt als Betriebsleiter der
Schwefelsäureanlage. Er holte sich dort eine chronische Bronchitis. Am 1.
Dezember 1989 alarmierte er — damals noch SED-Genosse, heute wegen seiner
Vergangenheit umstrittener Vorsitzender des Bitterfelder Umweltvereins — den
DDR-Ministerpräsidenten Hans Modrow: 55 Gebäude der Chemiefabrik hätten
schwere Bauschäden, 32 Kilometer Chlorleitungen seien hochgradig verschlissen,
168 Überwachungspflichtige Druckanlagen drohten zu zerbersten, und 9716
Werktätige seien übermäßigen chemischen und physikalischen Einflüssen
ausgesetzt.
Eigentlich müßte die Hinterlassenschaft dieser Rücksichtslosigkeit viel
verheerender sein, als der Rostocker Hygieneprofessor Uwe Thielebeule
kürzlich im Auftrag des Umweltbundesamtes herausfand. Zwar stellte der
Gesundheitsforscher fest, daß Bitterfelder Arbeitnehmer überdurchschnittlich
häufig an Hautund Atemwegserkrankungen leiden. Auch ist ein erschreckend
hoher Anteil der Bitterfelder Kleinkinder anfällig für infektbedingte Krankheiten
der Mandeln, Halslymphknoten.und der Lunge. Und jede fünfte Schwangerschaft
von Bitterfelder Frauen verlief nach Erkenntnissen Thielebeules „gestört"!
Zudem ist die Lebenserwartung von Bitterfelder Frauen niedriger als im weniger
umweltbelasteten Mecklenburg.
Aber: Männer in Bitterfeld leben länger, die Wahrscheinlichkeit, in Bitterfeld an
Krebs zu erkranken, ist nicht größer als anderswo, und selbst die Rückstände in
der Muttermilch sind trotz der extremen Umweltbelastung nicht so alarmierend
hoch, daß vom Stillen abgeraten werden müßte. Daß schließlich die Kinder in
Bitterfeld einen halben Zentimeter kleiner geboren werden und etwas leichter sind
als Babys in weniger belasteten Regionen, hat mit der Umweltsituation wohl wenig
zu tun. „Mit hoher Wahrscheinlichkeit", heißt es in Thielebeules Bericht, „sind diese
Unterschied« nicht einer Schadstoffbelastung in Bitterfeld zuzuordnen." Trotzdem
behaupten böse Zungen, dass in Bitterfeld nur Zwerge zur Welt kommen.

Bitterfeld hat seinen Ruf weg. Hier muß einfach alles eine Katastrophe sein.
Und jede neue Negativ-Schlagzeile schreckt Investoren ab und schmälert die
Zukunftsaussichten, meinen die Einwohner. Sie fangen an, sich darüber zu ärgern
— so wie Karl-Ludwig Enders, seit vielen Jahren Arbeitsund Umweltbeauftragter
der Chemiefabrik Er beschönigt nichts, gesteht, daß man den Weg des geringsten
Widerstands gegangen sei. „Aber den Superlativ als schmutzigste Stadt Europas,
den verdienen wir wirklich nicht", sagt Enders.
Merkwürdig: Trotz allen Umweltfrevels überlebten in der Bitterfelder Umwelt Tiere
und Pflanzen, die aus der sauberen Zivilisationslandschaf: im Westen längst
vertrieben wurden — roter und schwarzer Milan, Fischund Seeadler, Schwarzund
Weißstorch, Waldkauz, Sperber und Habicht Fünf Orchideenarten fand man in
der Umgebung des Chemiekomplexes. Nicht weit davon entfern: beginnt das
Biosphärenreservat Mittlere Elbe. Und. im Muldestausee, hofft man, werden sich
selbs: Biber wieder wohl fühlen.
Fast die Hälfte aller Brutvogelarten der Ex- DDR ist im Bitterfelder Raum
nachgewiesen, bei den Reptilien sind es sogar fast achtzig Prozent Häßlichkeit
und Idylle liegen dicht nebeneinander: die Chemiefabrik auf der einen Seite, die
Wildnis des Muldensteiner Berges nicht weit davon entfernt. „Das ist schon eine
seltsame Gegend hier", wundert sich Rudolf Gröger. Er ist Biologe, arbeitet in der
Umweltabteilung des Chemiewerkes und gilt dort als „der Grüne". Bitterfeld —
etwa doch nicht das ökologische Katastrophengebiet? „Es ist viel komplizierter",
sagt Gröger. Trotz der Verpestung von Wasser, Luft und Boden hat der fehlende
Massenwohlstand Überlebensnischen für Pflanzen und Tiere erhalten, die
zwischen Asphaltadern, Eigenheimsiedlungen und Freizeitparks im Westen keinen
Lebensraum mehr finden.
Erst recht stimmt das alte Bild nicht mehr, seit die Marktwirtschaft in Bitterfeld
regiert. Die neuen Spielregeln zwangen die ältesten und umweltbelastendsten
Betriebe rasch zum Aufgeben. Dazu gehörten auch die Salpetersäureanlagen,
dis jahrzehntelang die gelbbraunen Rauchfahnen gen Himmel bliesen. Dieses
Bitterfelder Wahrzeichen ist verschwunden. Insgesamt wird 1991 nur noch ein
Drittel der Schadstoffmengen aus den Schornsteinen quellen, die noch 1989
die Atemluft verpesteten. Die Abwasserflut sinkt um ein Drittel, der Gehalt an
Giftstoffen zum Teil noch drastischer, bei Blei um 81 Prozent, bei Phenol um 94
Prozent. Die Menge der toxischen Abfälle schließlich wird in diesem Jahr nur noch
ein Viertel der Basismenge aus dem Jahr 1989 betragen. „Wir haben hier immer
noch häßliche Vögel", gibt der Chemiemanager Strauß zu und meint damit extrem
umweltbelastende Anlagen, die per Ausnahmegenehmigung noch bis 1996 in
Betrieb bleiben dürfen. Aber selbst der Umweltschützer Weiher ringt sich zu dem
Bekenntnis durch: „Hier ist keine Seveso-Region. Das kann man einfach nicht
sagen."
Doch bessere Luft und weniger verschmutztes Wasser haben einen hohen
Preis. Die Besserung beruht nämlich ausschließlich auf der Stillegung der alten
Dreckschleudern, insgesamt mehr als ein Drittel aller Anlagen. Das hat mehr als
10.000 Arbeitsplätze gekostet.


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#12

RE: Bitterfeld-Syndrom: Das Tschernobyl der DDR

in Leben in der DDR 23.09.2009 20:33
von Zermatt | 5.293 Beiträge

Natürlich gab es auch Umweltverschmutzung im Ruhrpott,das war aber,ich bezeichene es so,
eine" kontrollierte Umweltverschmutzung " die im zumutbaren Rahmen lag.Oder sagen wir
es mal so:Die Umweltverschmutzung im Pott war heftig,die in Bitterfeld brutal.



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#13

RE: Bitterfeld-Syndrom: Das Tschernobyl der DDR

in Leben in der DDR 23.09.2009 20:48
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
avatar

Jörg, es kann sein, das wir jetzt wieder aneinander vorbeischreiben. Das kenne ich doch Alles,aus deinem ellenlanger Artikel.
Wir , die Lehrlinge in meinem Lern- Aktiv haben noch am Objekt gelernt, das hieß kochend heiße Dampfleitungen, das hieß Brandblasen ohne Ende...
Unvorstellbar heute, oh Gott, der TÜV, und weiß was nicht noch alles für Sicherheitsfurzis, den würden sich die Haare sträuben, wenn...
Sind wir Nachmittags unter der Dusche vor und durch die Kühltürme zum Zug, so im Winter, ohne Mütze, junge Kerle...zu was brauchen die eine Mütze...sahen unsere Haare aus wie bei Otto Walkes, wenn er sie einmal nicht gewaschen hatte.
Und komm mir nicht mit" Nur Bitterfeld"! Das habe ich gerne, wir picken uns etwas heraus, machen es so richtig madig, aus dieser DDR und dann sehen wir mal, wie der Leser vor Mitleid zerfliest, wegen dem " Jubiläum.Die Tränen kommen ihm...
Den das darf ja nicht...und in Frage...weil Alles drüben war aber auch soetwas von...besser.
Träumst du, mein Freund.

Grß Rainer- Maria


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#14

RE: Bitterfeld-Syndrom: Das Tschernobyl der DDR

in Leben in der DDR 23.09.2009 22:09
von Sonny (gelöscht)
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Ich war 1996/97 (während meiner Bw-Zeit in Leipzig) zwei- oder dreimal in Bitterfeld, da sah die Stadt eigentlich schon wieder ganz ordentlich aus, zahlreiche sanierte Häuser usw. Die vielen Industrieruinen und -brachen in der Gegend fielen aber noch stark auf, die dürften heute auch weitgehend verschwunden sein. Und die "Seenplatten" (ja auch im Leipziger Raum und in der Lausitz) waren damals ebenfalls erst in der Planung.

Natürlich gab es auch im Westen starke Umweltverschmutzung (mein Vater ist im Ruhrgebiet der 50er Jahre aufgewachsen und kann da einiges erzählen), aber wie schon erwähnt wurde dort früher etwas dagegen getan. (Anders als in der DDR durfte das Thema im Westen ja auch offen angesprochen werden, die Umweltschutzbewegeung und schließlich die Grüne Partei entstanden etc. --- in der DDR galten Umweltschützer dagegen als "Staatsfeinde" und wurden entsprechend behandelt.)

Was die Allergien angeht, so sehen manche Mediziner die Ursache eher darin, daß man es (insbes. bei Kindern) mit der Hygiene eher übertreibt. Nicht umsonst gab es früher den Spruch: "Der Mensch muß ein Pfund Dreck im Jahr fressen, dann bleibt er gesund."


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#15

RE: Bitterfeld-Syndrom: Das Tschernobyl der DDR

in Leben in der DDR 24.09.2009 15:02
von Augenzeuge (gelöscht)
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Hallo Rainer,

das Thema eignet sich auch für deine Erzählung. Dann ging der Opa mit dem Hans durch die alten Bitterfelder Strassen, ein paar Ruinen stehen noch und fallen dem Hans auf ,und er fragt nach früher. Und der Opa erzählt von den Umweltverbrechen einer Generation, der er auch selbst mal angehörte, von Umweltzerstörung, die es in Ost und West gab, im Westen aber rechtzeitig erkannt wurde, aber die erst in Bitterfeld behoben wurden, als der Osten zum Westen kam und auch neue Seenlandschaften und Erholungsgebiete entstanden. Ja, und warum die ideologische Sicht der DDR, die ja angeblich nur auf das Wohl des Volkes ausgerichtet war, damals die Menschen behinderte, die gegen diesen Umweltfrevel etwas unternehmen wollten- darauf wirst du dem Hans schon die richtige Antwort geben. Vergiss dabei nicht zu erwähnen, dass es auch möglich gewesen wäre, dass der Braunkohlebagger das Dorf, wo Hans jetzt wohnt, gefressen hätte....

Gruß, Jörg


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#16

RE: Bitterfeld-Syndrom: Das Tschernobyl der DDR

in Leben in der DDR 24.09.2009 16:13
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
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Jörg mein Freund, heute früh, sehr zeitig, so gegen 3.45 Uhr traf ich den Opa, er stand schon am Gartenzaun,wartete auf seine Zeitung, der alte Mann und wir plauderten kurz, ich nahm mir einfach die Zeit.
Er meinte: " Weißt du Rainer, als ich noch etwas jünger war, war ich auch so ein wilder Draufgänger,so ein Hitzkopf wie dein Freund Jörg aus dem Forum, sah einige Dörfer im Leipziger Umland unter den riesigen Löffeln der Schaufelradbagger verschwinden und dachte immer, ich könnte etwas dagegen tun.
Aber es ging mir wie denen auf der anderen Seite des Bretterzaun, diesen Idealisten von der " Startbahn West" oder denen von " Gorleben".
Ich konnte nichts tun, überhaupt nichts tun, oder meinst du, ich sollte mich damals vor diesen riesigen Schaufelradbagger legen?
Der Mann oben im Führerstand in ca. 30 Meter Höhe hätte mich doch überhaupt nicht bemerkt, der hätte sein Pausenbrot gegessen und wäre in aller Ruhe über mich drübergerollt.
Ne, ne, Rainer, wie du siehst lebe ich noch und das habe ich wohl meinem gesunden Menschenverstand zu verdanken.
Ich meinte darauf: "Wie wahr, alter Mann, wie wahr", und dann fügte ich noch hinzu: " Wenn ich einmal so alt bin wie du, werde ich vielleicht auch einmal so weise"
Im Umdrehen, er schlurfte auf seinen Filzlatschen gemütlich zum Haus zurück sah ich noch, wie er verschmitzt vor sich hin lächelte.
So ein "Altes Schlitzohr", dachte ich noch und eilte zum nächsten Briefkasten.

Gruß Rainer- Maria


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#17

RE: Bitterfeld-Syndrom: Das Tschernobyl der DDR

in Leben in der DDR 24.09.2009 17:44
von Augenzeuge (gelöscht)
avatar

Nun Rainer, um 3:45 Uhr wundert es mich gar nicht, dass dein Opa den geistigen Zenit des Tages noch nicht erreicht hatte. Wäre bei mir auch so. Dementsprechend bewerte ich seine Aussagen.

Sag mal, du hast wohl nur meinen letzten Satz des Beitrages gelesen. Denn darauf konzentrierst du dich mit ganzer Kraft. Meine Kernaussage ist wohl verlorengegangen…oder wurde nicht wahrgenommen. Im überhitzten Gemüt kommst du zu dem Schluss, man kann sich nur vor den Bagger werfen….um ihn vielleicht zu stoppen? Auch wenn ich als Hitzkopf tituliert werde, traust du mir wirklich keine bessere, gut überlegte Handlung zu? Schade, aber ich werde weiter daran arbeiten, um diese deine Meinung über mich in Frage zu stellen.

Irgendwie erinnert mich deine Idee an die englischen Maschinenstürmer in England im 18. Jahrhundert….als man gegen die Maschinen losging und sie zerstörte, aber nicht gegen die, welche die Maschinen zum Laufen unter unmenschlichen Bedingungen gebracht hatten.

Erkennst du die Ruhe und Sachlichkeit in meinem Beitrag? Nein? Dann lies ihn noch mal, und lehne dich dabei zurück. Glaub mir, ich bin eher der Realist als der Idealist- obwohl, manchmal vermischt sich beides etwas….sollte es auch….aber aus dem hitzköpfigen Alter bin ich raus.

Gruß, Jörg


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#18

RE: Bitterfeld-Syndrom: Das Tschernobyl der DDR

in Leben in der DDR 24.09.2009 18:28
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
avatar

Jörg, jetzt war ich doch noch einmal beim Opa, hatte ihm eine Kopie von deinem Text gleich mitgebracht.
Er brauchte doch eine Weile, ist nicht mehr der Jüngste so mit Lesebrille und...
Er meinte: " Schau, Junge, was haben sie den bis heute gemacht, die Idealisten, na, nennen wir sie die Realisten hinter dem Bretterzaun?
Jedes Jahr sind sie neu gegen den Drachen angerannt, so wie in der schönen Geschichte mit dem Ritter, der gegen den Drachen...und dann wuchsen ihm ständig neue Köpfe...und seine Hand mit dem Schwert wurde müde, das Visier klemmte und es kam einfach kein Drachentöter, der sagte: " Geh weg, tapferer Ritter, lass mich mal ran...Pfeil aufgelegt und angezündet und Volltreffer mitten ins Herz.
Und so ketten sie sich heute noch an Eisenbahngleise, bauen Zeltdörfer mitten im Wald aber der Drache, es kümmert ihn einfach nicht.
Er liegt da und hält sich den Bauch vor Lachen, karrt seine verstrahlten Container von A nach B, baut neue Startbahnen und, und, und...
Es kümmert ihn einfach nicht.
Ach so, dann meinte der Opa noch: " Wer hat den damals von dem ganzen Dreck hier bei uns hinter dem östlichen Bretterzaun profitiert?
Waren das nicht die hinter...dem Bretterzaun beim großen Klaus, damit ihre Glitzerschaufenster immer gefüllt waren...sogar unsere " Politischen Gefangenen " mußten ihre Damastbettwäsche nähen.!
Ach, Junge, meinte er noch, sie haben so ein verdammtes Gottvertrauen, die Idealisten, Realisten, sie sind wie die Lämmer, die zur Schlachtbank geführt werden, mit leiser Musik, so schön einschläfernd...
Und dann sagte er noch. " Ich bin heute noch eine Weile auf, also wenn dein Freund, der Jörg noch eine Frage hat, komm zu mir.

Gruß Rainer- Maria


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#19

RE: Bitterfeld-Syndrom: Das Tschernobyl der DDR

in Leben in der DDR 24.09.2009 19:34
von glasi | 2.815 Beiträge

hallo. bitterfed mit tschernobyl zu vergleichen ist etwas hart. es war schon eine schlimme sache wie mit der natur umgegangen worden ist. ich möchte nicht wissen wie es heute ausgesehen hätte wenn es die ddr heute noch geben würde.aber ich will mir kein weiteres urteil bilden weil ich aus der nähe des ruhrgebiet komme und da war es ja viel schlimmer. .lg glasi



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#20

RE: Bitterfeld-Syndrom: Das Tschernobyl der DDR

in Leben in der DDR 24.09.2009 19:38
von Augenzeuge (gelöscht)
avatar

Zitat von glasi
aber ich will mir kein weiteres urteil bilden weil ich aus der nähe des ruhrgebiet komme und da war es ja viel schlimmer. .lg glasi



Zu welcher Zeit, glasi??


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