#201

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 28.07.2016 11:38
von icke46 | 2.593 Beiträge

Zitat von passport im Beitrag #199
Zitat von Kalubke im Beitrag #198
Habe bei der Übersetzung versucht mich eng ans Original zu halten:

A female Border Guard waved me over to excange my thirty West German Marks for East German Marks.

Eigentlich lässt Jens offen, wieviel er genau für seine 30 Westmark bekommen hat.

Gruß Kalubke



Theo hat Recht. Ein Tagesvisum kostete DM 5,- plus DM 25,- Pflichtumtausch pro Tag.


passport


Das heisst dann im Umkehrschluss, dass ich unrecht habe?

Gruss

icke



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#202

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 28.07.2016 12:34
von Kalubke | 2.293 Beiträge

Zitat von eisenringtheo im Beitrag #200
I^nteressant wäre eigentlich, was die NSA in Jens Buch hat schwärzen lassen...

http://www.bbc.com/news/magazine-23978501
Theo


...im Prinzip alles, was mit Angaben über US-Dienststellen, -aktivitäten und Sonstigem in dieser Richtung zu tun hat. Wobei Einiges davon in anderen Inernetbeiträgen nachgelesen werden kann wie z..B. die Bezeichnung der Militäreinheit von Jens.

Gruß Kalubke



IM Kressin hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#203

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 28.07.2016 12:38
von passport | 2.628 Beiträge

Zitat von icke46 im Beitrag #201
Zitat von passport im Beitrag #199
Zitat von Kalubke im Beitrag #198
Habe bei der Übersetzung versucht mich eng ans Original zu halten:

A female Border Guard waved me over to excange my thirty West German Marks for East German Marks.

Eigentlich lässt Jens offen, wieviel er genau für seine 30 Westmark bekommen hat.

Gruß Kalubke



Theo hat Recht. Ein Tagesvisum kostete DM 5,- plus DM 25,- Pflichtumtausch pro Tag.


passport


Das heisst dann im Umkehrschluss, dass ich unrecht habe?

Gruss

icke







Sorry, hatte Deinen Beitrag glatt überlesen


passport


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#204

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 28.07.2016 13:46
von icke46 | 2.593 Beiträge

Macht ja nix, ich find es ja eher lustig , obwohl man sich natürlich fragen konnte, was an meiner Darstellung falsch war.

Man soll das Ganze ja nicht immer so bierernst nehmen.

Gruss

icke



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#205

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 29.07.2016 16:17
von VNRut | 1.485 Beiträge

Hier noch mal zu @Kalubke Beitrag #195 die Schleuse Eiskeller (Kienhorst) am POP/Tor Niederneuendorfer Weg

https://www.google.com/maps/@52.5758203,...m/data=!3m1!1e3

http://www.denkmallandschaft-berliner-ma...&type=satellite

http://www.denkmallandschaft-berliner-ma...&type=satellite (Fotos anklicken)

https://www.youtube.com/watch?v=vqUmWpz0eqk

Immerhin habe ich im Sommer/Herbst 1983 auch zwei Schleusungen mitbekommen, musste zwar den BT POP Neuendorfer Weg (Tor) Richtung Schönewalde verlassen um Zwischenposten zu beziehen, aber noch bevor wir loszogen fuhren der UAZ durch das Tor des vorderen Sperrelements (Steckmetall-zaun) ins vorgelagerte Territorium. Erst nach 1983 wurde der Streckmetall-zaun durch Betonelemente ersetzt was man auf den Fotos von 1988/89 gut erkennen kann.

Gruß Wolle


GKM - 05/05/1982 bis 28/10/1983 im GAR 40/1.Abk/2.Zug (Oranienburg 17556) & GR 34/1.Gk/2.Zug (Groß-Glienicke 85981)
Aufrichtigkeit ist wahrscheinlich die verwegenste Form der Tapferkeit. (William Somerset Maugham, britischer Schriftsteller 1874 - 1965)
Ohne die Kälte und Trostlosigkeit des Winters gäbe es die Wärme und die Pracht des Frühlings nicht. (Ho Chi Minh)

http://www.starsofvietnam.net/
https://www.youtube.com/watch?v=OAQShi-3MjA
Gruß Wolle
Kalubke und IM Kressin haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 29.07.2016 16:28 | nach oben springen

#206

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 01.08.2016 23:35
von Kalubke | 2.293 Beiträge

Hi, @VNRut,

bei Denkmallandschaften ist auch diese TK10 AS mit eingezeichneten Sperranlagen vom Bereich Falkenhagene Forst zu sehen. Nach Westberlin hin war der Falkenhagener Forst laut Karte noch einmal mit einem 2 m hohen Grenzzaun abgezäunt.



Du hast doch mal geschrieben, dass ihr auch den Abschnitt PoP BT "Kuhlake" räumen musstet, weil durch das Gassentor Pestalozzistraße Leute kamen und ins Vorgelegerte gingen. Die könnten als HIME der HAI/KGT/AEA zur OGS "B" unterwegs gewesen sein. Der Übertrittspunkt nach Westberlin war die Radelandstraße.



Gruß Kalubke



IM Kressin und VNRut haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 02.08.2016 18:53 | nach oben springen

#207

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 01.08.2016 23:37
von eisenringtheo | 9.164 Beiträge

Die könnten als HIME zur OGS "B" der HAI/KGT/AEA unterwegs gewesen sein

Ich versteh nur Bahnhof..
Theo


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#208

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 01.08.2016 23:46
von Kalubke | 2.293 Beiträge

Also bei der Militärabwehr des MfS (HA I) gab es eine Abteilung Äußere Abwehr (AEA), die geheimdienstlich im Westen operierte. Sie besaß ca. 12 so genannte HIME-Gruppen (Hauptamtliche Inoffizielle (korr.) Mitarbeiter im besonderen Einsatz), die regelmäßig mit falschen Papieren über operative Grenzschleusen (OGS) zu Beobachtungs- und Ermittlungseinsätzen in den Westen geschleust wurden. Im oberen Kartenteil ist auch ein Stück des Schleusungsweges von Jens durch den Falkenhagener Forst in den Kienhorst zu sehen (Niederneuendorfer Weg).

Bei Lübeck gab es für diese HIME-Gruppen die OGS "Nordwest". Dem BGS war es damals (1987) gelungen, die Rückkehr von einer der Gruppen über die OGS "Nordwest" in die DDR zu beobachten (siehe hier und hier) .

Gruß Kalubke



IM Kressin, eisenringtheo, diefenbaker, VNRut und sentry haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 04.08.2016 10:35 | nach oben springen

#209

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 03.08.2016 14:38
von seaman | 3.487 Beiträge

Zitat von Kalubke im Beitrag #208
Also bei der Militärabwehr des MfS (HA I) gab es eine Abteilung Äußere Abwehr (AEA), die geheimdienstlich im Westen operierte. Sie besaß ca. 12 so genannte HIME-Gruppen (Hauptamtliche Informelle Mitarbeiter im besonderen Einsatz), die regelmäßig mit falschen Papieren über operative Grenzschleusen (OGS) zu Beobachtungs- und Ermittlungseinsätzen in den Westen geschleust wurden. Im oberen Kartenteil ist auch ein Stück des Schleusungsweges von Jens durch den Falkenhagener Forst in den Kienhorst zu sehen (Niederneuendorfer Weg).

Bei Lübeck gab es für diese HIME-Gruppen die OGS "Nordwest". Dem BGS war es damals (1987) gelungen, die Rückkehr von einer der Gruppen über die OGS "Nordwest" in die DDR zu beobachten (siehe hier und hier) .

Gruß Kalubke


HIME = Hauptamtliche inoffizielle Mitarbeiter im besonderen Einsatz

seaman


Kalubke hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#210

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 03.08.2016 15:33
von Ebro | 564 Beiträge

Bei mir hieß es HIME= Hauptamtlich Inoffizieller Mitarbeiter Ermittler



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#211

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 03.08.2016 15:49
von sentry | 1.077 Beiträge

Bei "Hauptamtliche inoffizielle Mitarbeiter im besonderen Einsatz" würdet Ihr ja sicher auch schnell auf HIMBEERE gekommen sein, oder?


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#212

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 03.08.2016 15:59
von Ebro | 564 Beiträge

Was heißt das?



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#213

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 03.08.2016 16:11
von sentry | 1.077 Beiträge

War nur Quatsch, weiß auch nicht, warum ich das geschrieben habe.
Wie auch immer, schönen Dank für die Verweise auf das Thema "Schleusungen". Hatte ich bisher immer irgendwie umgangen, ist aber eine wirklich spannende Geschichte, was da alles so gemacht wurde an der Grenze.


zuletzt bearbeitet 03.08.2016 16:11 | nach oben springen

#214

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 03.08.2016 16:45
von Alfred | 6.841 Beiträge

Zitat von Kalubke im Beitrag #208
Also bei der Militärabwehr des MfS (HA I) gab es eine Abteilung Äußere Abwehr (AEA), die geheimdienstlich im Westen operierte. Sie besaß ca. 12 so genannte HIME-Gruppen (Hauptamtliche Informelle Mitarbeiter im besonderen Einsatz), d

Gruß Kalubke


Die Bezeichnung kenne ich so nicht.

Bei den OibE - Offiziere im besonderen Einsatz - war dies so.

Bei den HIM so wie Ebro schreibt.


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#215

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 03.08.2016 18:42
von Kalubke | 2.293 Beiträge

verdecktes Ermitteln im Westen war doch ein "besonderer Einsatz", oder? Na wie auch immer, hier wie versprochen der 1. Teil des Kap 13 aus

"Against All Enemies von J. M. Carney:

"Können Sie Codes beschaffen?"
Ralph Lehmann

Meine neuen Instruktionen lauteten, nachrichtendienstlich wertvolles Material einschließlich der Telefonbücher der US-Streitkräfte in Berlin zu beschaffen. Die Telefonbücher waren mein vorrangiges Ziel und recht einfach zu besorgen. Ich war sicher, dass sie mit leichten Dingen begannen, aber das war auch zu erwarten. Telefonbücher sind meistens das Erste, was Nachrichtendienste von einem neuen oder potenziellen Rekruten aus zwei guten Gründen anfordern. Der erste ist einfache Informationsbeschaffung. Militärische Telefonverzeichnisse liefern gewöhnlich eine klare Kommandostruktur, welche die Hierarchie aller Einheiten zusammen mit vollständigen Telefonnummern aufzeigt. Der zweite Grund ist komplizierter. Obwohl Telefonverzeichnisse im Allgemeinen freigegeben sind oder nur als „FOUO“ (Nur für Dienstgebrauch) klassifiziert sind, kann ihre Lieferung an einen potenziellen Feind
immer noch die fernmeldetechnische Spionage ermöglichen. Der bescheidene, angehende Agent wird in seinen ersten Tagen oft mit dieser scheinbar unwichtigen Aufgabe betraut. Die Auswahl von weiterem potenziell interessantem Material, das geliefert werden könnte, wurde meinem Ermessen überlassen, da die Einschätzung seiner Wertigkeit in erster Linie von mir abhing. Einer der wenigen Vorzüge, die ich besaß war, dass sie nicht überprüfen konnten, was für mich verfügbar war und was nicht. Wir entwarfen einen Plan und stellten sicher, dass er verständlich und einfach abzuarbeiten war. Er ließ mir reichlich Zeit zu „jagen“, wie ich es nannte, denn ich war keinen ernsthaften Zeitbeschränkungen unterworfen.
Ralph hatte schon begonnen, mir Vorträge über operative Sicherheit zu halten. Diese ständigen Erinnerungen waren ermüdend, aber notwendig. "Nie ein Originaldokument mitnehmen, es sei denn, es wird nicht vermisst " wiederholte er. Uns nichts geben, das ausdrücklich für Sie bestimmt ist." "Ich habe ein ziemlich gutes Gedächtnis. Ich kann auch Notizen machen.", sagte ich zuversichtlich.
"Sicher, wenn es funktioniert" stimmte er zu. "Oh, und nie einen Xerox-Kopierer benutzen! Nie." Seine Stimme war fest, ohne laut zu sein. "Wir haben nur einen vorn im Gebäude neben dem Büro des Kommandanten. Es wäre sowieso schwierig, ihn zu benutzen. Ich denke nicht, dass sie so genau mitbekommen, was dort wirklich kopiert wird." Das war in der Tat so. Es war nur ein Protokoll auszufüllen für die angefertigten Kopien. Es lief wie so viele Dinge in der XXXXXX-Welt grundsätzlich auf Vertrauensbasis. Es war für mich unergründlich, warum es auf diese Art und Weise gehandhabt wurde, weil so der Eintritt der sprichwörtlichen Katastrophe zu erwarten war. XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX
XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX
XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX.
"Deshalb sollte man es gerade nicht tun. Es besteht ein Sicherheitsrisiko, wenn auch ein kleines." Er legte seinen Notizblock hin und nahm einen Schluck von seiner Limonade. "Jedes unkontrollierbare Risiko, jede Unwägbarkeit, die wir ignorieren, ist ein 100%iges Risiko." "In Ordnung, keine Kopierer." stimmte ich zu und akzeptierte seine Belehrung. Sogar als sie später allgemein verfügbar wurden und ich mir sicher war, dass sie auch sicher waren, verwendete ich sie nicht. Das war die Art und Weise meiner Konditionierung für die operative Arbeit, wie Ralph sie sich wünschte: Wenn mir etwas beigebracht werden musste, dann wurde es wiederholt und wiederholt, bis es mir in Fleisch und Blut übergegangen war.
Ich kann nicht beurteilen, wie andere Spione geschult wurden, aber ich erhielt relativ wenig professionelle Ausbildung. Es ist natürlich auch für jene wichtig, für die man arbeitet, dass man nur so viel Handwerk vermittelt bekommt, wie unbedingt nötig, weil das den potentiellen Schaden durch Verrat oder Enttarnung auf ein Minimum eingrenzt.
In meinem Fall redeten wir zwar oft über handwerkliche Grundlagen, aber es tat sich im Nachgang der Gespräche wenig. Ich hatte ein Talent für einige Dinge, sagte er. Ich war z.B. bereits recht versiert, was die Standardpraxis der Überprüfung von Feindbeobachtung betrifft. Auf Englisch
wird es gewöhnlich „sich selbst reinigen“ genannt, während es die Deutschen als „auf Schatten achten“ bezeichnen. Ralph muss sich recht sicher gewesen sein, dass ich meinen Teil der Absicherung unserer Aktivitäten korrekt erfüllte. Er schlug gelegentlich sogar Ausbildungsspiele in Gegenüberwachung für mich vor. Wenn ich mich auf eine nächtliche Ausbildung in der Verwendung von Geheimtinten und Chiffrier-Blöcken gefreut hätte, wäre ich sicher tief enttäuscht worden. Sie waren nicht dazu bestimmt, Teil meiner Agentenlaufbahn zu werden. Bedeutsamer als jede Technik oder Vorrichtung ist die Spionage mit menschlichen Quellen. Die Psychologie ist ebenso ein Teil der Agentenwelt wie Mikrofilme und eventuell sogar noch wichtiger. Eine Geheimdienstagentur kann die besten technischen Ausrüstungen besitzen, aber der „Mann an der Quelle“ ist im Allgemeinen unersetzlich. Menschen sind intuitiv, was z.B. Satelliten nicht sind. Menschen können Fragen stellen oder lügen; eine Minox-Kamera kann das nicht. Wie bei allem gibt es aber auch eine Kehrseite: Menschen können trotz ihrer Vorzüge ihre Überzeugung ändern, ängstlich werden oder einfach die Seiten wechseln. Ich begann das MfS dafür zu bewundern, dass es zwar auch den Einsatz von technischen Mitteln in seine Arbeit einbezog, aber nie die Bedeutung menschlicher nachrichtendienstlicher Tätigkeit (HUMINT) unterschätzte. Meine „Beutezüge“ begannen allen Ernstes bereits einige Tage nach meinem Eiskeller-Abenteuer. Ich hatte angefangen, allgemeine Informationsquellen zu begutachten und sie in meinem Kopf systematisch nach ihrer Wertigkeit zu ordnen. Mein Geometrielehrer in der 9. Klasse hatte uns ausgeklügelte Gedächtniskunststücke beigebracht, um uns zu helfen, langweilige Dinge wie z.B. Formeln lernen zu können. Sie kamen jetzt zur Anwendung als ich versuchte, den gewaltigen Informationsfluss zu ordnen. XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX, war ein buchstäblicher „Präsentierteller für Verratsmaterial“. Während der Informationsgehalt in vielen Berichten beschränkt war, dienten die Informationen in ihnen oft als Hinweise, wo weitere detaillierte Berichte zu finden waren. XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX
XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX. Ein bestimmter unbedeutender Bericht erörterte beispielsweise die Wartungsaktivitäten eines Verteilerkastens in einem innerstädtischen Waldgebiet. Der Bericht selbst war harmlos und es war nicht das Thema selbst, das mich interessierte. Wie so oft der Fall, werden wichtigere Details in den Begleitinformation gefunden. Einige Absätze weiter unten in einer Nebenbeschreibung war der genaue Standort einer relativ ungesicherten Telefonverbindung erklärt. XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX.
Da die Telefonbücher ganz oben auf meiner Materialliste standen, die Ralph anforderte, machte ich schnell zwei Exemplare ausfindig. Eins, konnte ich dem Flurtelefon entnehmen, das sich ein
Stockwerk tiefer befand und ein weiteres bekam ich aus den Besucherunterkünften, wo es niemand vermissen würde. Ich entfernte sie in der Nacht vor dem nächsten Treff. Auch hatte ich mehrere Originalkopien von Berichten XXXXXXXXXXXXXXXXXXXX, die in persönlichen Schließfächern zurückgelassen worden waren, im Ausbildungszimmer ausfindig gemacht. Das Ausbildungszimmer war nicht nur eine guter Ort, um zu nach Informationen jagen, es war auch eine gute Stelle, um Dinge zu verstecken oder abzulegen. Es war eine gute Lektion in der Schaffung von glaubhaften Legenden. Das Zimmer selbst war vierundzwanzig Stunden am Tag unverschlossen und alle Linguisten, Auswerter und Tagesdienstler hatten Zugang. Neue Auszubildende bewahrten dort ihre persönlichen Ausbildungsordner zusammen mit weniger wertvollen persönlichen Dingen auf. Ich organisierte einen dieser Ordner aus dem Materiallager und ließ ihn im Dienstbereich. Sie wurden normalerweise vor dem Gebrauch durch neue Auszubildende recycelt. Ich beschloss, den Namen des Vornutzers darauf zu lassen. Diese Person war vor Jahren entlassen worden. Solange der Ordner relativ unversehrt blieb und darin alles ordentlich abgeheftet war, würde er im Allgemeinen niemandem auffallen. Ich konnte dort die Papiere zwischen anderem Material verstecken und wenn sie entdeckt worden wären, hätte der Besitzer nicht ermittelt werden können. In den nächsten zwölf Tagen sammelte ich verschiedene Dokumente, so wie ich sie in die Hand bekam. Außerdem stellte ich eine Liste von Notizen in meiner speziellen Kurzschrift über Material zusammen, das ich nicht entnehmen konnte. Diese Angaben wurden ein regulärer inhaltlicher Teil unserer Treffs. Nachdem Ralph seine üblichen Fragen gestellt hatte, wurde mir erlaubt, frei zu den Themen und Information zu sprechen, auf die sich diese Notizen bezogen. Ralph stellte dann ergänzende Fragen. Im Anschluss daran las er von seinen Notizblock Fragen von „anderen Leuten“ über Themen des letzen Treffs vor. Ich vermutete, dass es zum Teil Fragen vom KGB waren.
Am Ende unseres Treffs war ich in einem Zustand hoher Erwartung und bereit für die nächste Zusammenkunft. Die Gefühle von Stress und Gefahr wurden jetzt von der absoluten Routine meines „von Tag zu Tag Lebens“ gelindert. Solange das so blieb, war alles andere auch ausgeglichen. Die relative Leichtigkeit, mit der ich Informationen und sogar Originaldokumente sammeln konnte, stand im völligen Gegensatz zu der Gefahr, die das Ganze darstellte. Wenn ich gefasst würde, dann wäre ich ein toter Mann. Ich musste erfahren, wie man diese Angst relativieren und gleichzeitig als Motivator verwenden kann. Die absolut drakonischen Strafen für Spionage machten selbst die unschlüssigsten Spione resolut. Was ist die Konsequenz, wenn man bei halbherziger Arbeit erwischt werden kann? Man wird sein Bestes geben. Spät-, Nacht- und Tagesdienste vergingen und der Trefftag war bald gekommen. Ich hatte die Telefonbücher am Vorabend unserer dienstfreien Zeit mitgenommen und sie sorgfältig in wasserdichtes Plastik- und Luftzuleitungsband eingewickelt. Die losen Dokumente verpackte ich gesondert. Die beiden kleineren Pakete wanderten dann in meinen DDR-Rucksack, den ich auf meiner ersten Reise in Ostberlin vor einem Jahr gekauft hatte. Meine Radwanderkarte war absichtlich so gefaltet dass sie für den Fall der Fälle einen anderen Teil des britischen Sektors zeigte. Ich hatte einen Walkman, Kopfhörer und einen Satz Reservebatterien für meine Radfahrmusik dabei. In den Tagen zuvor hatte ich die Fahrzeiten ermittelt. Ich brauchte über eine Stunde mit dem Rad von XXXXXXXXX bis zum Eiskeller. Ein gleichmäßiges straffes Tempo war erforderlich und es durften keine größeren Verkehrsbehinderungen auftreten. Ich hatte auch Ausweichstrecken geplant und sogar mehrere Einbahnstraßen in der Nähe von Spandau entdeckt, die von Autos nicht durchfahren werden konnten und so eine Verfolgung mit dem Fahrzeug behinderten. Ich bevorzugte auch Fußgängerzonen und verkürzte meine Fahrzeitzeit jedes Mal mit Hilfe von alternativen Fahrtrouten. Auch bezog ich U-Bahnstrecken mit ein, um jegliche Überwachung zu erschweren. Mit dem Fahrrad in der U-Bahn unterwegs zu sein, machte mich zu einem äußerst schwer zu observierenden Ziel. Am ersten Tag der Dienstpause stand ich früh auf und ging in die Markthalle im Bergmann-Kiez frühstücken. Gewisse Rituale beizubehalten war auch an Trefftagen wichtig. Ich aß langsam und genoss die morgendliche Ruhe und den Frieden. Das Wetter war ausgezeichnet und ich hatte keine Eile. Als ich mein Frühstück beendete, kam eine von den älteren türkischen Frauen herüber und fragte, ob sie mein Tablett abräumen darf. Ich bejahte und dankte ihr auf Türkisch. Ihr Lächeln war echt, als sie nickte und das Plastiktablett vom Tisch nahm. Sie erschien einen Moment später wieder und fragte, ob sie mir noch eine Tasse Kaffe bringen darf, obwohl es nicht ihre Aufgabe war. Ich lehnte ihr Angebot ab, dankte ihr aber. Ich wusste, dass auch die kleinste Freundlichkeit gegenüber diesen Leuten, die wir täglich zu unserem Vorteil ausnutzten, unüblich war. Es wird auch leicht vergessen, dass wir deshalb hier ein angenehmes Leben hatten, wie nur wenige Personen sonst im US-Militär. Darum wurde Berlin auch von vielen als Stationierungsort bevorzugt. Unsere türkische Putzfrau mit ihrem Kopftuch, saugte den ganzen Tag die Flure rauf und runter, schrubbte die Duschen und reinigte die Gemeinschaftsräume. Ich hörte aber nie, dass ihr irgendjemand mal dafür dankte, oder gar versuchte sich mit ihr zu unterhalten. Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass es viel schlimmer ist, ignoriert anstatt nur abgelehnt zu werden. Ich erinnerte mich an eine frühere Begegnung mit einer unserer regulären Putzfrauen, als sie an meine Tür klopfte, während ich mich zum Dienst vorbereitete. "Entschuldigen Sie", sagte sie in ihrem gebrochenen Deutsch. "Was für Musik Sie da hören?" Sie meinte die Kassette, die auf meiner Stereoanlage lief. Es war eine bekannte türkische Musikerin, die „I will survive“ auf Türkisch sang.
"Das? Es ist Ajda Pekkan, "sagte ich. "Mögen Sie sie?" "Oh, ja ... sehr! Könnten Sie lassen Tür offen, wenn ich machen sauber?" Sie zeigte mit ihrer freien Hand auf ihre bedeckten Ohren. "So ich kann hören, bitte!" Ich denke, dass sie verwirrt war, als ich darüber lachte, aber ich versicherte ihr, dass es kein Problem wäre.

Es wurde bald ziemlich selbstverständlich, dass die Putzfrauen an meine Tür klopfen und mich darum baten, dass ich ihre Lieblingskassette abspielte. Ich ließ meine Tür offen und sie schlossen sie dann für mich ab wenn ich gegangen war. Oft fand ich mein Bett gemacht, meinen Fernseher abgestaubt und meinen Teppich gesaugt als ich zurückkehrte. Nichts kam jemals abhanden und ich genoss es, ihnen ihre miserablen Tage etwas erträglicher zu machen. Ich bin mir sicher, es war als ob ich Kemal Atatürk an der Wand hängen hätte, darüber wachend dass dies keine schmerzlichen Folgen für mich haben würde.
Als ich so darüber nachdachte, schaute ich auf die Uhr an der Fassade eines Verwaltungsgebäudes in der Ferne. Es war sieben Uhr fünfzig. Mein Plan war, ab acht im Sattel zu sitzen. Das MfS wartete. Ich sah diese dussligen kleinen mehrsprachigen Speisekarten auf dem Tisch an und musste grinsen. "Geliyorum!" sagte ich vor mich hin. "Ich komme!" Schnell zurück zu meinem Zimmer, Zähne putzen und ich war bereit. Ich ergriff meine Lenkertasche und meinen Walkman und steckte gute Sitarmusik in das kleine graue Gerät. Während ich die Treppe hinuntereilte, zwei Stufen auf einmal nehmend, spulte ich das Band zurück: „Ravi Shankar“ und danach die „Beatles“ erinnere ich mich. Wenn alles nach Plan läuft würde ich von der Schönwalder Allee in den Eiskeller abbiegen, wenn „John“ und „Paul“ begannen, sich über den „Taxman“ zu beklagen. Auf dem Rückweg würde mir „XTC“ dabei helfen, den Stress abzuschütteln.
Das Fahrrad stand im schmutzigen Vorraum bereit und ich schloss es schnell auf. Ich war nachts schon einmal unten gewesen, um es zu kontrollieren damit es in letzter Minute keine Überraschungen gab. Das lange Seilschloss, welches mein 10-Gang Rad sicherte, glitt herab, und ich hob es aus dem Fahrradständer. Meine Uhr sagte mir, dass ich pünktlich war. Ausgezeichnet. An der kleinen Wechselstube und dem „Class VI“-Laden vorbei radelnd, sah ich, wie mir zwei OSI-Agenten entgegenkamen und in ihre Büros gingen. Ich zeigte ihnen geistig den Mittelfinger Sie waren wahrscheinlich unterwegs um die Welt vor irgendeinem Marihuanaraucher zu retten, dachte ich. „Fickt Euch!“, hätte ich ihnen am liebsten zugerufen. In Wirklichkeit sagte ich es Ihnen dennoch und zwar auf meine Weise. Denn die kleinen Pakete auf meinem Rücken waren mehr, als ihnen nur den Mittelfinger zu zeigen, ich klinkte meine Füße in die Metallklammern auf den Pedalen ein, schloss die Klettverschlüsse meiner Handschuhe und verschwand schnell im fließenden Verkehr.
Auf Westberlins Fahrradwegen konnte man mühelos Radfahren. Der lange Weg gab mir Gelegenheit, meine Instruktionen zu überprüfen und etwas von der Anspannung in meinem Körper abzuarbeiten. Ich war in meiner eigenen Welt versunken, als ich fuhr und ich fuhr schnell. Trotz des vielen Verkehrs in Berlin war ich nur einmal von einem Auto angefahren worden, als es die Vorfahrt missachtete. Bei anderer Gelegenheit fuhr ich auf das Heck eines Stadtbusses auf, als er plötzlich vor mir auf einer vereisten Strasse am Rathaus Steglitz bremste. Ich wurde vom Fahrrad geworfen und hatte meine Lektion gelernt. Jetzt konnte ich solche Zwischenfälle nicht gebrauchen. Ich hatte bisher zu denen gehört, die darüber belehrt wurden, keinen Sonnenbrand zu bekommen und sich auch nicht beim Sport zu verletzen. "Nicht vergessen!" pflegten sie zu sagen, "Euer Körper ist Eigentum der Regierung!" Jetzt war ich auch sozialistisches Eigentum. Ich gehörte dem Volk. Die Minuten vergingen schnell und ein Stadtbezirk folgte dem nächsten. Nicht lange und ich näherte mich Spandau. Die historischen Bauten der Innenstadt wichen unattraktiven Wohnvierteln, und das schöne Charlottenburger Schloss wurde von Fabriken abgelöst. Ausgedehnte Kleingartenanlagen sagten mir, dass bald auf der rechten Seite IKEA und auf der linken die Westberliner Polizeischule erreicht sein würde. Spandau und sein historischer mittelalterlicher Stadtkern lagen um die Ecke.
Der Bahnhof Spandau war mein Kontrollpunkt, wo ich feststellte, ob ich zu früh oder zu spät dran war und meine Geschwindigkeit entsprechend anpassen konnte. Als ich Spandau hinter mir ließ, war die „Alexander Kaserne“ der letzte wichtige Meilenstein. Danach ging es ununterbrochen schattige Waldwege entlang, bis die Mauer abrupt ihr Ende signalisierte. Dort begann ich meine letzte Runde. Nach und nach wurden meine Sinne hellwach. Ich griff in die Lenkertasche und schaltete meinen Walkman ab. „Janis Joplin“ hörte auf, über ein Stück ihres Herzens zu singen; sie hätte mich sonst zu sehr abgelenkt. Ich verlangsamte die Fahrt vorsichtig auf einer tiefen sandigen Spur, um wegen der sich schnell ändernden Untergrundverhältnisse noch sicher lenken zu können. Es ging über Sand, schmutzigen Boden, Pflastersteine und Asphalt. Ich verließ die gut befestigte Strasse im zweiten Gang und stieg in meine Pedale, wegen der Erschütterungen, die durch den schmalen harten Rennsattel ungedämpft übertragen wurden. Einige Stöße weiter und ich fuhr wieder auf Asphalt. Mehrere Rechtskurven um ein umzäuntes Gebiet, ostdeutsches Territorium, und dann nach links. Dort rechts, wo sich einst eine Brücke befand, die einen großen Luchgraben überquerte, stand jetzt die Mauer. Hier kann man die Grenze nicht mehr passieren, dachte ich. Als es wieder geradeaus ging, quakten Tausende von Fröschen aus einem lang gestreckten, mit Algen bedeckten Wassergraben. Rohrkolben bewegten sich leicht in die Brise. Es war schwer vorstellbar, dass man sich hier immer noch in einer Millionenstadt befand. Hinter dem Graben erhob sich die ominöse Betonkonstruktion der Mauer. "Hallo, Genossen.", sagte ich außer Atem zu ihnen hinüber. Der Weg, der direkt zu meinem Grenzübertrittspunkt führt, tauchte links auf, aber ich sollte die Runde weiterfahren und mich von der Gegenrichtung her annähern. Ich wusste, dass ich beobachtet wurde, konnte aber niemanden sehen.
Am westlichen Rand des Eiskellers ging die Mauer geradeaus weiter. Ein Metallgitterzaun begann hier und folgte dem abknickenden Verlauf der Grenze im Süden des Eiskellers. Ich konnte dahinter die Gesichter der Grenzposten erkennen, aber sie zeigten keine Reaktion. Sie folgten meinem Weg aufmerksam mit dem Fernglas. Hier ist es, sagte ich mir, einige hundert Meter weiter. Vorn rechts war meine Übertrittsstelle. Meine Hände in den Handschuhen, zogen in kurzen Intervallen leicht an den Bremsen und ich nahm meine Füße von den Pedalen. Das Fahrrad rollte geräuschlos auf dem mit Tau bedeckten Asphalt aus und ich wechselte mit einer schnellen Lenkbewegung vom Asphalt auf den mit Laub bedeckten Waldboden. Ich steuerte mein 10-Gang-Rad zwischen die Bäume ... ein Tritt, noch ein Tritt ... geschafft! Ich war
in der DDR. Ich lehnte mein Fahrrad gegen einen großen Baum und tat so als ob ich urinieren müsste. Dabei beschloss ich mich umzuschauen, weil das normalerweise jemand aus Verlegenheit oft tut. Links sah ich wie zwei Köpfe, bedeckt mit ostdeutschen Armeekäppis, über den Rand des Schützengrabens blickten. Als sich unsere Augen trafen, erkannten wir uns. So weit so gut.
Der Fahrer signalisierte mir, schnell zu ihnen zu kommen. Ich nahm mein Fahrrad auf die Schulter und lief zum Graben. Meine drei Freunde warteten dort auf mich.
"Alles in Ordnung?" fragte der ältere Mann. Er hob seinen Kopf wieder über den Rand des Grabens, um nach Personen Ausschau zu halten.
"Ja." keuchte ich noch außer Atem. "Da draußen ist Niemand."
"Es ist ja auch noch sehr früh. Auf dem Rückweg müssen Sie mehr aufpassen?" sagte der große Mann.
"Natürlich." versicherte ich ihm. „Da sitzen wir nun“, dachte ich, „drei Grenzposten, ein Amerikaner und ein Fahrrad, alle im Namen des Weltfriedens“. Niemand würde es je glauben. Wenn sie jemals einen Film daraus machten, würden sie diese Szene sicher heraus schneiden, weil das irgendwie doch zu sehr an den Haaren herbeigezogen wirkt.
"Bringen Sie Ihr Fahrrad hier rüber. " sagte der ältere Mann. Wir haben eine Plane, um es abzutarnen. Es war eine einfache grüne Armeeplane und sie reichte kaum um den Fahrradrahmen und die Räder zu bedecken. "Wir werden es auf die andere Seite des Zaunes mitnehmen" sagte er, in die Richtung des Tores zeigend, das wir bei meiner ersten Ausschleusung benutzt hatten. Damit es nicht gefunden wird, falls hier zufällig irgendjemand herumstolpern sollte."
"Wer sollte denn hier her kommen?" fragte ich überrascht. Er sah mich an und lächelte.
"Nun, normalerweise niemand ..." Er sah wie jemand aus, der bereit war, damit zu beginnen eine Geschichte zu erzählen, aber er hielt inne. "Ab und zu kommen hier dummerweise einige Liebespaare vorbei." Ich konnte mir denken, was es für eine Geschichte das gewesen sein könnte.
Als das Fahrrad abgetarnt war, schoben wir es durch den vorderen Grenzzaun und ließen es in den Büschen wie ein verletztes Tier zurück. Wir liefen unseren Weg zurück durch das Niemandsland und verwischten dabei unsere Spuren mit Kiefernzweigen, Dann gingen wir seitwärts um nicht die gepflügten Furchen des Kontrollstreifens zu zerstörten, die angelegt worden waren, um Fußabdrücke besser sichtbar zu machen. Ich wollte sie fragen wozu der ganze Aufwand erforderlich ist? Haben die Grenzposten denn nicht beobachtet, wie ich den Wald betreten habe? Würden sie es nicht bereits wissen? Es machte irgendwie keinen Sinn, aber es stand mir nicht zu, derartige Fragen zu stellen.
Unsere Tour durch das vorgelagerte Gebiet wurde zur Routine, ich wurde wieder einmal unter einer diesmal aber ziemlich übel riechenden grünen Plane im Heck unseres russischen Jeeps versteckt. Auf der Fahrt durfte ich ein wenig länger auf dem Rücksitz bleiben, bevor wir den ersten Kontrollpunkt erreichten. Das ermöglichte mir, zu erkennen, wo wir genau waren.
und es wurde mir klar, dass meine Begleiter nicht versuchten, irgendetwas vor mir zu verbergen. Ich hatte begonnen zu rekonstruieren, wo wir entlang gefahren waren, aber die Strecke zwischen Falkensee und dem Eiskeller war immer noch voller Lücken für mich. Die Gespräche mit meinen Grenzposten darüber waren, als ich dazu kam sie anzusprechen, recht belanglos. Keiner von uns offenbarte konkrete Informationen, aber wir waren immer freundlich zueinander. Ich bin nicht sicher, was Ralph ihnen über mich erzählt hatte, aber sie behandelten mich wie einen von ihren eigenen Leuten. Ihre Waffen wurden um mich herum nicht besonders gesichert, und sie zeigten kein Misstrauen. Von allen Ostdeutschen, mit denen ich zusammenarbeitete, waren diese drei die Ersten, denen ich tatsächlich vertraute. Sie hatten mein Leben in ihren Händen, und ich gewissermaßen ihres auch.
Dieser Eindruck, nicht nur nützlich, sondern auch wertvoll zu sein, war für mich entscheidend. Ich hatte beschlossen, alles mir Mögliche für die Arbeit mit dem MfS zu tun, in guten wie in schlechten Tagen. Diese Entscheidung kam trotz der Art und Weise, wie ich bei meinem ersten Treff von Ralph und Günther behandelt wurde. Ich wollte ihnen damit beweisen, dass sie bei mir falsch, total falsch lagen. Ich war nicht der „Durchschnittsamerikaner“, was immer das in ihren Augen auch war. Ralphs Forderung, dass ich die dreihundert Mark annehmen sollte, fand ich damals beleidigend und finde es heute noch. Ich habe weder Zahlungen für meine Tätigkeit für das MfS gefordert noch erhalten. In Wirklichkeit habe ich mich dafür sogar verschuldet. Abgesehen von Geldzahlungen für die operativen Kosten erhielt ich nie eine Entlohnung für meine Dienste. Meine Motivation mag anfangs noch unklar gewesen sein, aber es war ganz sicher kein Streben nach finanziellem Gewinn. Wenn es darum gegangen wäre, wäre ich sicher nicht zu den Ostdeutschen gegangen.
Es gibt viele falsche Vorstellungen über die Motivation von Spionen im Allgemeinen und über meine im Besonderen. Es war nicht überraschend, dass das MfS zunächst davon ausging, dass ich Geld wollte. Es passte zu ihrem Weltbild über die Bürger von kapitalistischen Ländern. Es war unglaublich naiv und primitiv und meine Weigerung diesem Bild zu entsprechen, verwirrte sie anscheinend in der ersten Phase unserer Zusammenarbeit. Ein Spion, der nur schwer manipuliert (oder kompromittiert) werden kann, ist potenziell unberechenbar. Auf dieser Stufe des Agentenspiels war ich mir zwar noch nicht sicher, was ich genau wollte, aber es gab eine Menge Zeit, meine Entscheidungen reifen zu lassen. Mein ursprünglicher Wunsch mich in der DDR niederzulassen, blieb jedoch weiter in meinem Hinterkopf. Diese Tatsache gab dem MfS wiederum mehr als alles andere die Chance, mich so lange wie möglich im operativen Einsatz zu behalten. Ungeachtet der Entwicklungen der kommenden Monate und Jahre blieb jedoch mein Wunsch immer ganz oben auf meiner Liste. Ich glaube, dass sowohl mein Führungsoffizier als auch das MfS es versäumten, dies als ein potenzielles Motiv für den eigenmächtigen Abbruch meines Einsatzes zu erkennen. Je wertvoller ich für das MfS wurde, desto unwahrscheinlicher wurde meine Übersiedlung in die DDR. Von Anfang an war ich mit diesem schmerzhaften Rätsel konfrontiert.
Unser Fahrzeug näherte sich dem ersten Kontrollpunkt und ich wurde wieder aufgefordert, unter meiner Plane zu verschwinden. An den mehrmaligen Stopps erkannte ich die einzelnen Etappen unseres Weges durch die Gassentore und Hindernisse der Grenzsperranlagen. Einige Minuten später nahm unsere Geschwindigkeit zu. Wir fuhren aus dem Grenzgebiet hinaus,
und rollten weiter über befestigte Strassen. Ich konnte nun wieder hervor kommen. Unser Fahrer brauste die Straße entlang, bis wir den unbefestigten Parkplatz erreichten, wo wir uns alle das erste Mal getroffen hatten. Ralph wartete bereits in seinem Wartburg. Nachdem der Jeep im Sand des Parkplatzes anhielt, zwängten wir uns aus dem Fahrzeug. Ralph und der ältere Mann konferierten kurz vorne am Jeep und ich wartete, bis sie fertig waren. Ihre Gesichter verrieten mir, dass alles nach Plan lief. Ein Lächeln, ein Händedruck und meine Grenzposten fuhren schnell ab. ... Fortsetzung folgt


Gruß Kalubke



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zuletzt bearbeitet 03.08.2016 18:53 | nach oben springen

#216

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 22.08.2016 01:21
von Kalubke | 2.293 Beiträge

... hier nun der Schluss von Kap. 13 aus J. M. Carney: AGAINST ALL ENEMIES


"Nun, ich sehe, dass alles ohne besondere Vorkommnisse abgelaufen ist." sagte Ralph, als er sich mir zuwandte. Er warf mir einen langen Blick zu. Ich trug meine übliche Jogginghose, ein weißes T-Shirt und Adidas Turnschuhe. Meine westliche Kleidung fiel auf und unterschied sich deutlich von der der Anderen, die auf den Straßen unterwegs waren. "Vorgehen, einsteigen!" wies er mich an. Wir legten unsere Sicherheitsgurte an und er startete den Motor, nachdem er wieder den Choke gezogen hatte. Blauer Auspuffqualm des Zweitakters drang in das Innere des Wagens. "Unser Haus ist nicht weit entfernt von hier. Wir können Mittagessen und dann in Ruhe reden. Sind sie bereit?"
"Lassen sie uns fahren!" sagte ich. Unsere Fahrt war kurz und führte uns einige Minuten südwärts in eine Siedlung aus Einfamilienhäusern. Das schmutzige Straßenschild sagte, dass wir uns in der Veltener Straße, einer ruhigen unscheinbaren Seitenstrasse befanden. Nachdem Ralph geparkt hatte und seine Aktentasche aus dem Kofferraum holte, gingen wir über die gepflasterte Straße zu einem kleinen, gepflegten Haus. Er signalisierte mir, dass ich die Klingel drücken sollte. Einen Moment später erschien eine Frau in blauem Kittel am Fenster und verschwand sofort wieder. Sekunden später kam sie, ließ uns in den Hof und begrüßte uns, ohne sich vorzustellen. Ich war etwas verwirrt, dass uns diese Leute in ihre Häuser ließen, ohne zu wissen, wer ich war, oder was wir taten. Es schien, als ob wir uns in einer Welt von namenlosen Genossen bewegten.
Sobald sich die schwere Tür schloss, bat uns die Frau mittleren Alters darum, unsere Schuhe zu auszuziehen und stellte uns zwei Paar Pantoffeln auf den Flur. Unsere Jacken nehmen wir mit ins Zimmer, sagte Ralph.
"Sind Sie hungrig?" fragte sie, "Ich habe Knacker auf dem Herd. Die werden bald fertig sein!" Sie wischte ihre Hände auf ihrer Schürze ab, verschwand in die Küche und schloss die Tür hinter sich. Ralph wartete, bis sie weg war, und zeigte dann auf ein Zimmer direkt gegenüber vom Eingang. "Lassen Sie uns hier hinein gehen." sagte er.
Unser Besprechungsraum war tatsächlich ein Schlafzimmer. Laut Ralph gehörte es einem jungen Mann, der gegenwärtig in der Nationalen Volksarmee diente. Ein gerahmtes schwarz/weiß Foto von seiner Grundausbildung wurde stolz in einem Vitrinenschrank präsentiert. In seiner Abwesenheit hatte die Familie sein Zimmer an eine Austauschstudentin aus der Sowjetunion untervermietet. Die Ausstattung war normal: ein funktionaler Kaffeetisch mit Dekor aus billigem Furnier, ein Schlafsofa und dazu passende Stühle, die Polster allerdings in fürchterlich grellen Farben. Ich verstand nie warum so abartig hässliche intensive Farben verwendet wurden, aber es war so. Die allgegenwärtigen, mit feierlichem Ritual gesammelten Touristengeschenke aus Ostberlin - ein Plastikfernsehturm und ein kitschiges Brandenburger Tor - standen als Staubfänger oben auf einer Ablage. Ein „Misha“, das Maskottchen der boykottierten Olympischen Spiele von 1980 in Moskau, bot hinter dem Glas des Vitrinenschrankes, einen weichen Kontrast zu einer Anzahl von ordentlich vor ihm aufgestellten Biergläsern, hinter denen er gefangen war. Es war wie sehr schlechtes sozialistisches Feng Shui.
Wie auch alles andere, was wir taten, entwickelten unsere Treffs ihren besonderen Verlauf. Ralph musste zwangsläufig die Couch einnehmen, und ich nahm ihm gegenüber auf einem der Stühle Platz. Wir packten unsere Materialien neben uns auf die Sitze und legten auf den Tisch, was jeweils gebraucht wurde. Limonade oder Mineralwasser erschienen wie von Zauberhand und dann begannen wir. "Was haben Sie für mich, Jeff?" fragte Ralph, als er sich zwanglos über den Tisch beugte. Ich wusste, dass die niedrige Couch schlecht für seinen Rücken war, weil er sich ständig strecken musste, um die Beschwerden zu lindern. "Ich hatte schon immer diese Probleme mit meinem Rücken ..."
"Lassen Sie mich auspacken." Ich zog zwei kleine Pakete aus dem Rucksack heraus und warf sie auf dem Tisch. Er kontrollierte meine Verpackung.
"Sehr professionell." sagte er, die ordentliche Faltung und Verklebung bewundernd. "Damit können Sie bestimmt Karriere machen." witzelte er.
"Das bezweifele ich." entgegnete ich ernsthaft. "Ich bin nicht sehr gut in diesen Dingen und das, worin ich gut bin, interessiert mich eigentlich nicht sonderlich?" Ich fragte mich, ob er meinen ironischen Unterton verstand, hatte aber Zweifel daran. Von Anfang an führten wir unsere Gespräche in erster Linie auf Deutsch, obwohl es zu jener Zeit es eine Herausforderung für mich war. Es ermöglichte mir aber meine Deutschkenntnisse schnell zu verbessern, jedoch mitzuhalten, war geistig sehr anspruchsvoll. Wenn Unklarheiten über einen Ausdruck oder die Bedeutung eines Worts bestanden, konnten wir leicht auf Englisch umschalten, da Ralph auch damit vertraut war. Ich wusste, dass er sogar fließend Russisch beherrschte, aber das war noch keine Option für mich.
"Was ist das?" fragte er und blätterte einige der zerknitterten Originale durch, nach denen er gegriffen hatte. "Wo bekamen Sie sie her?" Ich konnte den eigenartigen Geruch des Spezialpapiers wahrnehmen auf dem die Dokumente gedruckt waren.
"Sie wurden in Säcken für die Dokumentenverbrennung bereitgelegt."
"Ich verstehe." Er untersuchte sie peinlich genau und legte sie ordentlich zur Seite. Sein Notizblock und Stift erschienen. Das bedeutete, dass es Fragen geben würde.
"Ich mache mir auch Notizen." fügte ich leise hinzu, als er notierte, "Wollen Sie sie sehen?" Ich zeigte ihm die winzigen Stücke Papier. Er war nicht in der Lage, irgendetwas zu entziffern, so dass er sie mir mit einem anerkennenden Nicken zurückgab. "Erklären Sie mir diese Notizen" sagte er und neigte sich zurück in die weiche Lehne der Couch. Er war ein guter Zuhörer. Die Fragen würden später kommen. Ich begann mit mehreren unveröffentlichten Telefonverbindungen, auf die ich gestoßen war. Dann hielt ich einen Vortrag darüber, dass es einen kruden Plan gab, Hubschraubertypen mit Hilfe von empfangenen akustischen Fingerabdrücken ihrer Rotorgeräusche elektronisch zu erkennen. "Was wissen Sie darüber?" er fragte mit ernsthaftem Interesse. "Nichts." sagte ich, als ich immer noch meine Notizen durchsuchte, um mein Gedächtnis aufzufrischen. "Ist es ein Plan der US-Luftwaffe?"
Als ich einen ungewöhnlichen Bericht beschrieb, blieb er eine Weile bei diesem Thema. XXXXXXXXX. Das machte den Bericht wichtig, da eine undichte Stelle nicht gestopft werden kann, wenn man über sie nichts weiß. Umgekehrt kann aber der Feind endlos mit wertlosem Abfall gefüttert werden, wenn er denkt, dass die gefährdete Kommunikationsverbindung nicht bekannt ist. Kleinere und größere Vermerke wurden in sein Notizbuch eingetragen.
XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX Hinweise.
"Was ...?" Er schielte zu mir herüber. "Wie wurden diese Informationen herausgefunden?" „Ich erinnere mich nicht genau. Es war die Befragung eines Überläufers, glaube ich." Ich versuchte, mich an das Dokument selbst zu erinnern. Ich stellte mir die Überschrift und den Text in meinem Kopf vor. "Es lag auf dem Tisch, wo wir unsere Protokolle abheften. Ich las es schnell und prägte mir die Einzelheiten ins Gedächtnis ein." Dieser Tisch nahe der Tür war ein bevorzugter Ort zur Dokumentensichtung für mich. Es wurde eine Art Leseecke, weil dort jedes Mal interessante Broschüren, Berichte und Studien landeten, einschließlich der Berichte und Photos XXXXXXXXXX nachdem die entsprechenden Personen XXXX sie gelesen hatten. Sie waren als ergänzende Informationen gedacht, aber eigentlich ein Sicherheitsalptraum. Nachdem diese Literatur von den Vornutzern dort abgelegt wurde, interessierte sich niemand mehr dafür (geschweige denn wusste), was damit weiter geschah. Es war wie ein Wühltisch im Kaufhaus XXXXXXXXXXX. Das ganze Phänomen ergab sich aus dem Prinzip der offenen Gesellschaft, in den Vereinigten Staaten. Der Grundsatz „wissen müssen" wurde in den Kopf jeder Person eingehämmert, die mit diesen geheimen Information umging und die Informationen wurden nach dem Grundsatz „wissen müssen“ verteilt. Alle Angehörigen der Gemeinschaft der Geheimdienste der USA waren deshalb daran gewöhnt, einen derart breiten uneingeschränkten Zugang zu jedem und zu allem zu haben. Ich begann es "gut zu wissen" zu nennen, weil es genau das für mich war. Wenn z.B. ein Mitarbeiter in einer Auswertungsabteilung pikante Informationen von einem sowjetischen Überläufer erhielt, dauert es nicht lange bis alle anderen Kollegen davon Kenntnis erhielten. Denn was nützen die besten Informationen, wenn man sie nicht mit anderen teilt?
Das MfS arbeitete genau nach dem umgekehrten Prinzip. Es ging richtigerweise von menschlichen Schwächen aus und grenzte ihr Wissen absichtlich ab. Ich musste früh lernen, daran keinen Anstoß zu nehmen. "Was geschieht mit diesem XXXXXXXXX Ralph?" fragte ich. Er schaute in seiner Aktentasche nach und sah nicht auf. "Es geht an die richtigen Leute." sagte er auf sonderbare Art und Weise. Das war alles: Es geht an die richtigen Leute. Ich brauchte nicht zu wissen, ob konkrete Maßnahmen ergriffen wurden, oder ob sich die Oberen mit meiner Information ihre Hintern abwischten. Ich befand mich einfach nicht in der Position, diese Fragen zu stellen. Im MfS war der Informationsfluss im Allgemeinen eine Einbahnstraße von unten nach oben.
Nachdem Ralph die Informationen über den Doktor aufschrieb, erzählte ich ihm von einem anderen Bericht aus dem Notaufnahmelager XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX XXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX scheinen verschiedenste interessante Informationen nur so herumzuliegen." sagte Ralph mit einem Hauch von Humor. "Ist es dort wirklich so lax?"
"Ist es." sagte ich ohne Zaudern.
"Aber trotzdem nicht nachlässig werden." erinnerte er mich. Bald kam unser Mittagessen, und wir machten es uns gemütlich. Während wir aßen, erörterten wir die Einzelheiten meiner Grenzschleusungen.
"Alles klappte heute reibungslos. Das ist sehr gut. Jene Männer sind Ihre Freunde und sie riskieren ihr Leben, um Ihres zu verteidigen. Glauben Sie mir. ", fügte er unnötigerweise hinzu und verdrückte eine weitere Scheibe der zähen Knacker. "Ihre Sicherheit liegt in ihren Händen!"
"Ich glaubte es."
"Sie haben ja keine Ahnung davon, wie viele Leute jedes mal dort draußen sind, um Sie direkt oder indirekt zu unterstützen, wenn Sie geschleust werden, " Ich wusste, es war besser nicht konkret nachzufragen. Denn wenn ich fragte, würde er es mir bestimmt nie genauer erklären. Also wartete ich ab und schwieg. "Die Posten auf den Wachtürmen? Das sind keine normalen Grenzer. Es sind unsere Leute." Er schaute mich an, um meine Reaktion zu beobachten. "Die echten Grenzsoldaten müssen vor der Schleusung ihre Wachtürme verlassen und werden dann durch unsere Leute ersetzt. Sie sind wie Grenzsoldaten angezogen, aber sie sind unsere Leute." Er ließ dies auf mich wirken "Wir nehmen eine Menge Schwierigkeiten für Sie in Kauf." Er hob seine Gabel hoch und schwenkte ein kleines Stück Knacker bedeutungsschwer in meine Richtung. "Für Ihre Sicherheit.“ korrigierte er sich mit vollem Mund.
Ich wusste nun, dass noch viel mehr im Hintergrund meiner Grenzschleusungen stattfand und dass es offensichtlich größere Operationen waren. "Daran sollten Sie erkennen, wie wichtig Sie für uns, für den Weltfrieden sind." Ich wurde nicht politisch genug erzogen, um alle Aspekte des „Weltfriedens“ einschätzen zu können, aber ich fühlte mich wichtig, selbst wenn meine Motivationen noch nicht so klar waren. Unsere Gastgeberin kam nachdem sie gerufen wurde herein und räumte den Tisch ab. Als sie gegangen war, erschien das gefürchtete Geld-Kuvert auf dem Tisch.
"Hier für Sie." sagte er fast mahnend. Ich fand es bezeichnend, dass das Geld nie direkt von Hand zu Hand ging, sondern als erstes immer auf den Tisch gelegt wurde. "Sie müssen die Quittung unterschreiben." Ralph gab mir seinen schweren Stift und blitzartig fühlte ich mich nicht mehr wichtig sondern eher wie eine Hure. Ich war mir sicher, dass Ralph ein paar wichtige Vorlesungen verschlafen hatte, als er in Moskau Psychologie studierte, sonst hätte er in dieser Situation anders gehandelt. Ich sagte nichts und steckte das Geld ein, sogar ohne es mir anzusehen. Bisher hatte das MfS für etwa dreihundert Dollar zum damaligen amtlichen Wechselkurs ziemlich viele gute Informationen erhalten. Wenn Spione Lebensmittelgeschäftsgeschäfte sind, dann wäre ich Aldi: sauber, gute Auswahl und sehr preiswert. Ich fragte mich, was sie tun würden, wenn ich um mehr gebeten hätte? Ich würde die Antwort auf diese Frage nie erfahren.
Ralph wies mich an, zunächst weiter auf diese Weise Information bis zu unserem nächsten Treff zu sammeln. Anhand einer von mir zu liefernden Liste von Dokumenten, auf die ich Zugriff hatte, würden wir dann einen zielgerichteteren Ansatz entwickeln. Am Ende unseres Treffs, wurde ein Datum im nächsten Monat festgelegt. Außerdem wurde eine geringfügige Änderung der Planungen meiner Ein- und Ausschleusungen gemacht. Meine Schleuser würden mich über die Einzelheiten instruieren, wenn ich zurückkehrte, erinnerte er mich. Ich fürchtete, dass sich die Aufregung irgendwann legen und ich eines Tages nichts mehr haben würde, was ich aufschreiben könnte. Ich lag, wie so oft in jenen frühen Tagen ziemlich falsch. Als die Aktentasche schließlich wieder erschien, die neben der Couch stand, nahm ich an, dass es Zeit war zurückzukehren, aber mein Führungsoffizier hatte andere Pläne. "Ich habe heute eine kleine Exkursion geplant. Ich denke es ist gut, dass Sie etwas von der DDR sehen, wenn Sie eine Weile hier sind." Ich sagte ihm, dass ich sehr daran interessiert bin.
„Wenn sie bestimmte Orte sehen möchten," sagte er," lassen Sie es mich jetzt wissen." Ich nickte. "Wenn wir die Zeit haben, fahren wir dorthin."
Wir sammelten unsere Sachen ein, dankten unserer Wirtin und gingen zurück zum Auto. Einige Augenblicke später schleuderte der Wartburg mit seinen harten Reifen auf den groben Pflastersteinen herum und bog in die Bahnhofstraße ein. Wir fuhren einmal um die Siedlung und dann zurück auf die Hauptstraße. Wir kamen am bekannten unbefestigten Parkplatz vorbei und fuhren nordwärts weiter. Das Ortsschild zeigte Hennigsdorf, aber ich hatte keine Ahnung wohin es ging. Zum Teufel, dachte ich und fragte: "Ralph, wo fahren wir hin?" "In ein Konzentrationslager." Das gab mir einen ernsthaften Dämpfer. Sachsenhausen hatte die gewünschte Wirkung und Ralph musste das Thema auch nicht länger vertiefen. Später auf dem Weg zurück nach Falkensee sah ich still in die schöne Landschaft hinaus und versuchte die schlechten Gedanken aus meinem Kopf zu verbannen. Nach einer Weile sprach er eindringlich zu mir. "Schauen Sie, ich weiß, dass das ein Ort ist, der Sie deprimiert hat. Aber es ist gut, dass wir uns erinnern, wofür wir kämpfen ... und wogegen. Wir können es nie zulassen, dass das wieder geschieht. Der Sozialismus ist nicht perfekt und es wäre viel besser, wenn wir keine Milliarden für sinnloses Wettrüsten ausgeben müssten." Er sah mich kurz an, um zu sehen, ob ich zuhörte, Ich rührte mich nicht. "Sie trafen die richtige Wahl, Jeff."
"Sie trafen die richtige Wahl." Jene Wörter hallten in meinem Kopf wider, als wir in den Eiskeller zurückgingen, um mein Fahrrad zu holen. Ich war auf dem Rückweg die meiste Zeit still, und meine Begleiter schienen es bemerkt zu haben, dass ich niedergeschlagen war.
"Alles in Ordnung?" fragte der große Mann.
"Ja“, sagte ich immer noch in Gedanken. Ich schüttelte sie ab und kehrte in die Wirklichkeit zurück.
"Wir müssen mit Ihnen noch über Ihren nächsten Besuch reden." sagte der ältere Mann. Die anderen zwei kamen näher. "Sie kennen diese Stelle, aber jetzt werden wir Ihnen noch einen anderen Ort zeigen, wo wir uns treffen können. Ich bin sicher, dass Sie mit ihm bereits vertraut sind." Ich nickte verständig mit meinem Kopf und wartete. "Wenn Sie zu unserem Treff kommen, fahren Sie doch die Hauptstrasse entlang in Richtung Eiskeller richtig?"
"Das ist die Schönwalder Allee, korrekt." erklärte ich ihnen.
"Genau. Zuhören! Dort wo die Straße endet .... Nun, da ist die Grenze. Sie können da nicht weiter fahren."
"Dort biege ich nach links auf den Asphaltweg ab. Dann gibt es ein kleines Stück alten DDR-Gebietes, das ich umfahren muss. Zweimal rechts und einmal links herum, bevor ich auf den Weg neben der Mauer treffe." sagte ich und zeichnete die Wegstrecke mit meiner rechten Hand in die Luft zwischen uns. "Genau!" unterbrach er. "Genau da, wo Sie links abbiegen? Dort ist es, wo wir uns das nächste Mal treffen werden." Ich dachte einige Sekunden nach. Es war auf der Westberliner Seite der Mauer. Wie gefährlich könnte das sein, fragte ich mich. "Ist es sicher?" fragte ich dennoch.
"Ja, es ist DDR Gebiet. Nur einige Meter, aber es ist unseres."
"Also treffe ich Sie das nächste Mal dort?" XXXXXXXXXXX "Ja." Es war sonst nichts weiter zu sagen. "So, wir werden Sie jetzt zurückbringen, O.K.?" XXXXXXXX "in Ordnung". Der ältere Mann und der Fahrer gingen mit mir bis zum Waldrand. Wir sahen uns alle um. Die Gegend war sauber.
"Steigen Sie auf Ihr Fahrrad!" wies mich der ältere Mann an. Ich langte hinunter und befestigte meine Füße an den Pedalklammern. Meine Freunde hielten mich aufrecht. "Fertig?" "Fertig." "Toi toi toi." Beide schubsten mich ab nach Westberlin und ich flitzte davon. „Schau nicht zurück.“ sagte ich mir. Ein Rat, den ich mir an diesem Tag bekümmert gab.
Als ich zurück XXXXX kam, war klebte eine Nachricht an meiner Tür. Ich entfaltete den gelben Zettel, als ich mit meiner Schulter die Tür aufschob. Sie war von meinen Bekannten. Sie wollten wissen, ob ich heute ausgehen wollte. Ich würde vorher eine Dusche nehmen und den Adrenalingestank abwaschen. Ich hatte einen schweren Tag hinter mir, also warum nicht? Außerdem konnte ich einige Runden ausgeben mit dem Schmiergeld in meiner Tasche.


Gruß Kalubke



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#217

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 25.08.2016 09:51
von Harzwanderer | 2.923 Beiträge

Danke für die Mühe.

Für mich ist erstaunlich, wie dankbar der für irgendwelche Kleinigkeiten ist. Er darf durch die Grenze und kriegt ne Bratwurst in Falkensee, geheim im Stasi-Haus. Supertoll. Glückwunsch. Alle Genossen halten so toll zusammen.
Das streichelt das Ego genug, so dass man Spion wird? Echt schräge Truppe. Gleichzeitig dämmert ihm, wie er von der Stasi systematisch verstrickt und eingebunden wird, mit Geld, Quittung, was mitbringen. Und dann noch ausgerechnet für den Osten arbeiten?

Ich verstehe ja, dass man als Landei in der Ferne sich einsam fühlt, vielleicht auch als Schwuler beim Militär aber da muss ja ein derartig schwaches Selbstwertgefühl hinter stehen, wenn man sich durch solche wirklich nur noch banalen "Geheim"-Dinge derartig blenden lässt. Da er sich ja Ost-West-mäßig schon ein wenig auskannte, hätte er meiner Meinung nach erkennen müssen, dass er nur ein nützlicher Idiot mehr für die ist und immer bleiben wird.

Tja, so funktionieren Geheimdienste und nutzen es mit "operativer Psychologie" aus. Mal ein wenig streicheln, dann ein wenig Druck machen und so weiter. Ein Doofer findet sich immer.


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zuletzt bearbeitet 25.08.2016 10:18 | nach oben springen

#218

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 25.08.2016 10:18
von Kalubke | 2.293 Beiträge

Die mentale Gemengelage bei Jens wird recht komplex gewesen sein. Vom Militär wollte er prinzipiell weg und vom Übertritt in den Osten schien er sich m. E. erhofft zu haben, auf einen Schlag alles hinter sich lassen zu können. Deswegen hatte ihn der Zeitungsartikel mit dem nach China übergelaufenen taiwanesischen Piloten auch besonders berührt. Gleichzeitig hatte er die Großstadt Berlin lieben gelernt, weil es hier wesentlich unkomplizierter ist als Schwuler zu leben und in gleichgesinnten Kreisen zu verkehren. Dann kamen natürlich noch die Psychotricks der HV A hinzu (die Herausstellung seiner besondere Bedeutung als Kämpfer an der unsichtbaren Front, die er als normaler Übersiedler in die DDR nie bekommen würde, der extra wegen ihm getriebene hohe Absicherungsaufwand bei den Grenzschleusungen usw.). Wobei er hierzu ausdrücklich sagte, dass er sich jedes mal benutzt und wie eine Hure vorkam, als ihm der Agentenlohn am Ende des Treffs förmlich aufgedrängt wurde. Vor allem muss man auch sein damaliges Alter (19) sehen. Ob man da selbst so souverän hätte handeln und entscheiden können, bzw. Bluffs und Psychotricks hätte so ohne weiteres durchschauen können? Seine FO waren immerhin ca. 20 Jahre älter als er. Durch den Altersunterschied waren sie für einen Teenager wie ihn sicher auch Personen mit einer gewissen Autorität.

Gruß Kalubke



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zuletzt bearbeitet 25.08.2016 10:21 | nach oben springen

#219

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 25.08.2016 10:42
von Alfred | 6.841 Beiträge

Nur mal als Anmerkung. Die Absicherungsmaßnahmen bei Schleusungen waren immer hoch, nicht nur bei Jens.

Geld wurde auch nicht aufgedrängt, es gab immer die Möglichkeit Zahlungen abzulehnen. Diese Variante habe ich auch selbst mehrfach erlebt und dies wurde dann auch akzeptiert.


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#220

RE: Ein Stasi - Maulwurf bei der NSA

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 25.08.2016 10:46
von Harzwanderer | 2.923 Beiträge

Die Geldmenge ist gar nicht mehr so wichtig, Hauptsache man hat ihn am Wickel, wie er Material übergibt und irgendwas dafür bekommt. Bestimmt gibt es das auf Band und vermutlich auch auf Orwo.

Dem zu erzählen, wie irre wichtig er ist, wie viele Genossen ihr Leben für ihn riskieren (Hä?), fällt wieder in die Psycho-Schublade. Ein NSA-Spion für die Stasi war sicher ein wirklich guter Fang. Und dann noch ein so naiver. Der in den Osten will und sich stattdessen im Westen abmelken lässt. Bei höchstem Risiko vor allem für ihn selbst. Aber so konnte er sich selbst wenigstens ein wenig "wichtig" fühlen. "Wenn ihr wüsstet, was ich undercover für ein toller Hecht bin".

In seiner Situation hätte er doch einfach nur den US-Dienst bei nächsten legaler Gelegenheit quittieren müssen und eben privat in West-Berlin weiterleben? Ohne Stasi und Militär. Niemand hätte den irgendwie behelligt oder die Nase gerümpft, ob schwul oder nicht. Erst die Eitelkeit und Geltungssucht, eigentlich Minderwertigkeitskomplexe, scheinen ihn ja in den Osten getrieben zu haben, wo ein echt privaten Rückzug vor diesem Hintergrund am wenigsten erwartet werden konnte. Dass so ein MfS-Übersiedler wirklich rundum beschattet wird und "nur" falsche Freunde im Umfeld platziert kriegt, ist ja wohl völlig klar? Siehe RAF-Aussteiger in der DDR.


zuletzt bearbeitet 25.08.2016 11:16 | nach oben springen



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