#21

RE: Aufklärung schwerer Straftaten usw.

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 27.04.2016 19:18
von Merkur | 1.018 Beiträge

Zitat von B208 im Beitrag #20


Aber Merkur , warum ist es den Verantwortlichen der DDR in 40 !!! Jahren nicht gelungen der DDR Bevölkerung dieses positive Bild des MfS zu vermitteln .
Es ist doch immer die gleiche Leier , in einigen Beiträgen gut erkennbar , den Klassenfeind und die Wende für das schlechte Image verantwortlich zu machen .
Das schlechte Image des gesamten MfS wurde doch nicht erst ab 1990 formuliert .
Auch vermittelt dein Beitrag den Eindruck , in der DDR waren Mord , Totschlag , Erpressung , Brandstiftung , Kindesmisshandlung an der Tagesordnung und die Mitarbeiter des MfS , die Nebenberuflichen und die freiwilligen Helfer waren mit der Aufklärung dieser schweren Straftaten voll ausgelastet .
Dass es diese Kriminalisten und Kriminaltechniker beim MfS gab steht doch ausser Frage , auch dass schwere Straftaten durch diese Personengruppe aufgeklärt wurden , kein Zweifel .
Die Schmährufe der DDR Bevölkerung vor 1990 richteten sich sicherlich aber auch nicht gegen diese Personengruppe und man kann diesen Personenkreis sicherlich auch nicht für den Niedergang der DDR verantwortlich machen .
Du als ausgewiesener Fachmann kannst doch bestimmt Angaben über die Anzahl der Mitarbeiter des MfS machen , die mit den von dir beschriebenen Aufgaben betraut waren .

B208



Weil es die Verantwortlichen versäumt haben, eine realistische Öffentlichkeitsarbeit zu gewährleisten. Bis zu Anfang der 70er Jahre hat man es getan und dann leider aus übertriebener Geheimniskrämerei völlig eingestellt. Bis dahin sind beispielsweise gute Filme in Zusammenarbeit mit der DEFA entstanden und auch etliche Bücher/Hefte sind publiziert worden. Das alles hat man in den 70er und 80er Jahren auf ein Mindestmaß zurückgefahren und wenn dann beispielsweise etwas in der Presse erschien, war es so stark neutralisiert, dass das MfS gar nicht vorkam.
Hinsichtlich der Verantwortlichkeiten sehe ich beide Seiten. Zum einen war man natürlich für das schlechte Image selbst verantwortlich zum anderen sehe ich der heutigen Berichterstattung über das MfS schon ein System der politisch gewollten und bewusst negativ geprägten Darstellung. Natürlich hat das MfS beispielsweise Personen des politischen Untergrunds und Republikflüchtlinge operativ bearbeitet, was man aus heutiger Sicht auch kritisch betrachten muss, denn nicht alle waren wirkliche Staatsfeinde, sind aber z. T. als solche behandelt worden. Aber das ist eben nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite habe ich in meinem Ausgangsbeitrag aufgegriffen.

Ob nun jede Spezialkommission immer voll mit der Untersuchung der von mir angeführten Straftaten ausgelastet war, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich weiß jedoch, dass etliche Mitarbeiter oft aus der Reisetasche gelebt haben und im In- und Ausland im Einsatz waren. Und wenn es ein operativ bedeutsames Verbrechen, eine Katastrophe/Havarie gab, dann wurde mit hohem personellen Einsatz bezirksübergreifend bzw. DDR-weit ermittelt. Wer einmal den personellen Ansatz bei den Knabenmorden von Eberswalde oder im Kreuzworträtselfall von Halle-Neustadt betrachtet, als 581.000 Handschriften untersucht werden mussten, kann das sicher nachvollziehen. Oder wenn 4.000 Alibis im Untersuchungsprozess zu einem Tötungsdelikt überprüft werden mussten, dann wären viele Mitarbeiter im Einsatz. Und da waren dann auch die territorialen Diensteinheiten im Verantwortungsbereich in Gänze gefordert. Jeder IM-führende Mitarbeiter hatte beispielsweise seine Verbindungen so zu instruieren, dass dabei möglichst Hinweise zur Aufklärung der Tat erlangt werden konnten. Natürlich gab es auch sog. "Saure-Gurken-Zeiten". Die wurden aber zur Bearbeitung von bis dahin nicht geklärten Fällen, zur Weiterbildung usw. genutzt. Bei der Vorkommnisuntersuchung der Linie IX gab es z. B. im Schulungsobjekt Bad-Saarow regelmäßige Weiterbildungsveranstaltungen für die Untersuchungsführer aus den Bezirken mit Gerichtsmedizinern, Ballistikern, Trassologen, Spreng- und Brandexperten.



zuletzt bearbeitet 27.04.2016 20:04 | nach oben springen

#22

RE: Aufklärung schwerer Straftaten usw.

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 29.04.2016 03:43
von B208 | 1.323 Beiträge

Ab Anfang der 70er !
Kann es da Zusammenhänge zum sich abzeichnenden wahren Zustand der DDR geben ?!?!

B208


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#23

RE: Aufklärung schwerer Straftaten usw.

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 29.04.2016 08:37
von Merkur | 1.018 Beiträge

Das vermag ich nicht direkt zu beurteilen. Sicher aber hat sich zu dieser Zeit viel verändert, auch in der Tätigkeit des MfS. So sind Aufgaben hinzugekommen, die einer politischen Lösung bedurft hätten und nicht der operativen Tätigkeit eines Sicherheitsorgans. Und es kam auch die Zeit, in der der kleine Erich sich beim großen Erich rückversicherte. Passierte etwas im Lande und das MfS wollte darüber in der Presse berichten, hatte der große Erich das letzte Wort. Stand dann auf dem Papier "einverstanden E.H." wurde stark neutralisiert berichtet. Damit überließ man auch der Westpresse die Deutungshoheit, die über viele dieser Dinge dann reißerisch und teilweise auch unzutreffend berichtete. Dann drangen dadurch wieder Gerüchte in die DDR zurück usw. Das war alles nicht gut und trug auch dazu bei, dass die Bevölkerung kaum noch wusste, was das MfS eigentlich tat.



zuletzt bearbeitet 29.04.2016 08:42 | nach oben springen

#24

RE: Aufklärung schwerer Straftaten usw.

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 29.04.2016 09:19
von Gert | 12.354 Beiträge

Zitat von Merkur im Beitrag #21




Ob nun jede Spezialkommission immer voll mit der Untersuchung der von mir angeführten Straftaten ausgelastet war, vermag ich nicht zu beurteilen. Ich weiß jedoch, dass etliche Mitarbeiter oft aus der Reisetasche gelebt haben und im In- und Ausland im Einsatz waren. Und wenn es ein operativ bedeutsames Verbrechen, eine Katastrophe/Havarie gab, dann wurde mit hohem personellen Einsatz bezirksübergreifend bzw. DDR-weit ermittelt. Wer einmal den personellen Ansatz bei den Knabenmorden von Eberswalde oder im Kreuzworträtselfall von Halle-Neustadt betrachtet, als 581.000 Handschriften untersucht werden mussten, kann das sicher nachvollziehen. Oder wenn 4.000 Alibis im Untersuchungsprozess zu einem Tötungsdelikt überprüft werden mussten, dann wären viele Mitarbeiter im Einsatz. Und da waren dann auch die territorialen Diensteinheiten im Verantwortungsbereich in Gänze gefordert. Jeder IM-führende Mitarbeiter hatte beispielsweise seine Verbindungen so zu instruieren, dass dabei möglichst Hinweise zur Aufklärung der Tat erlangt werden konnten. Natürlich gab es auch sog. "Saure-Gurken-Zeiten". Die wurden aber zur Bearbeitung von bis dahin nicht geklärten Fällen, zur Weiterbildung usw. genutzt. Bei der Vorkommnisuntersuchung der Linie IX gab es z. B. im Schulungsobjekt Bad-Saarow regelmäßige Weiterbildungsveranstaltungen für die Untersuchungsführer aus den Bezirken mit Gerichtsmedizinern, Ballistikern, Trassologen, Spreng- und Brandexperten.



@Merkur und was ist mit den Straftaten bei NS Verbrechen ? Ich habe kürzlich eine Meldung gelesen, dass ca. 1700 Straftaten in den Jahrzehnten des Bestehens der DDR im Zusammenhang mit NS - Zeit vom MfS aufgeklärt / ermittelt wurden. Es ist aber nur in 150 Fällen zu Verurteilungen gekommen. Es wird berichtet, dass man auf alle möglich Sachen " Rücksicht " nehmen musste. Was ist daran richtig? Wie kann man eine komplette Linie im MfS beschäftigen, bei der nur 150 Verurteilungen über Jahrzehnte herauskamen. Die müssen doch die meiste Zeit Skat gespielt haben


.
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#25

RE: Aufklärung schwerer Straftaten usw.

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 29.04.2016 09:35
von Alfred | 6.841 Beiträge

Gert,

die meisten Verurteilungen gab es gleich nach 1945, ein MfS erst ab 1950.

Bis 1950 wurden 7.200 Personen verurteilt. Auch war es nicht immer Aufgabe des MfS.

Aber @Merkur hat vielleicht noch bessere Zahlen.


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#26

RE: Aufklärung schwerer Straftaten usw.

in Staatssicherheit der DDR (MfS) 29.04.2016 16:59
von Merkur | 1.018 Beiträge

Zitat von Gert im Beitrag #24



@Merkur und was ist mit den Straftaten bei NS Verbrechen ? Ich habe kürzlich eine Meldung gelesen, dass ca. 1700 Straftaten in den Jahrzehnten des Bestehens der DDR im Zusammenhang mit NS - Zeit vom MfS aufgeklärt / ermittelt wurden. Es ist aber nur in 150 Fällen zu Verurteilungen gekommen. Es wird berichtet, dass man auf alle möglich Sachen " Rücksicht " nehmen musste. Was ist daran richtig? Wie kann man eine komplette Linie im MfS beschäftigen, bei der nur 150 Verurteilungen über Jahrzehnte herauskamen. Die müssen doch die meiste Zeit Skat gespielt haben


Was soll damit gewesen sein? Die wurden da, wo es möglich war und der Beweis geführt werden konnte, konsequent verfolgt. Von 1945 bis 1989 sind auf dem Territorium der SBZ/der DDR 12.890 Personen entsprechend verurteilt worden. Insgesamt wurden 165 Personen verurteilt, die durch Untersuchungsorgane des MfS ermittelt worden waren. Diese Zahl ist logisch, denn die große Masse der Täter wurde verurteilt, als es die DDR und das MfS noch gar nicht gab. Das MfS hat bei der Strafverfolgung von Nazi- und Kriegsverbrechern so gehandelt, wie es andere Institutionen auch taten, Prüfung von Anzeigen, Hinweisen und Mitteilungen zu einem Tatverdacht, zweifelsfreie Indentifizierung des Tatverdächtigen, Prüfung der Haft- und Vernehmungsfähig, Suche und Sicherung von Beweisen, Zeugenvernehmungen, Ermittlungen zu den Opfern der Verbrechen, Mittätern, Auftraggebern und Hintermännern, Zusammenfassung der Ermittlungsergebnisse und Übergabe an die Staatsanwaltschaft zur Einleitung eines Ermittlungsverfahrens bei ausreichender Beweislage.
Die DDR hielt sich an die völkerrechtlichen Gebote zur Aufdeckung, Aufklärung und Verfolgung von Nazi- und Kriegsverbrechen sowie Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Auf dem Territorium der DDR wurden umgerechnet auf die Einwohnerzahl ca. zehnmal so viele Nazi-und Kriegsverbrecher verurteilt als in der BRD.

Ich glaube auch, dass Du keine richtige Vorstellung von der Thematik hast. Im MfS ist keine "komplette Linie" mit dieser Thematik beschäftigt gewesen und auch erst 1968 wurde mit der HA IX/11 eine ausschließlich auf Nazi- und Kriegsverbrechen spezialisierte Diensteinheit geschaffen.
Und das war ja nun kein Riesenapparat sondern eine Abteilung mit ca. 40 Mitarbeitern. Die HA IX/11 hatte die Aktenführung, Analyse, Auskunftserteilung und Recherche zur Unterstützung einer qualifizierten Untersuchung faschistischer Verbrechen zu gewährleisten. Die IX/11 führte also Karteien, erteilte Auskünfte und beschaffte Informationen aus dem In- und Ausland zu Verbrechen und möglicherweise beteiligten Personen. Von daher ist Dein Vorwurf, dass diese Mitarbeiter "die meiste Zeit Skat gespielt haben" müssen sicher nicht boshaft, sondern einfach Deiner Unkenntnis der Zusammenhänge geschuldet.



passport, Gert, freddchen, Signalobermaat und Hackel39 haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 29.04.2016 17:06 | nach oben springen


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