#1

Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 08.09.2009 15:43
von Berliner (gelöscht)
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ich habe mich schon ein Mal zum Thema "wo geht der Weg hin ?" im anderen Thread geaeussert.

Ich als Amerikaner in diesem Forum, habe ich es besonders schwierig mir vorzustellen, wie es damals war in der DDR zu leben. Sicherlich haben auch Wessis aehnliche Probleme, aber bei mir ist es akut.

Ich ziehe mir hunderte von DVDs rein, lese (gelengentlich) ein Buch, aber schwer ist es immer noch zwischen Propoganda und der stylistischen Darstellung der Dokus, echt zu verstehen wie das damals gelaufen ist.

Als ich gerade diesen Beitrag von Ernest (Ernie) lass, dachte ich "DAS IST ES!". Das ist genau was ich wissen wollte! Wie es damals war. Was hat man gedacht ? Was hat man gefuehlt ? Was ist einem passiert, auch an einem Freitag Nacht ? Habt Ihr den blauen Wuerger getrunken ? Euch mal ueber die gelegentliche Banana gefreut ? Hat das mit der Tabakkrise, wie GW erzaehlt, auch Euch betroffen ?

Hier der Beitrag von Ernie:

Zitat von Ernest
Ich hatte zwar nie den generellen Vorsatz abzuhauen, nur da es so leicht und auch fast täglich möglich war, dachte man doch sehr, sehr oft über ein """""was wäre wenn"""" nach. Um ehrlich zu sein, über den Ablauf einer Flucht hat man schon nachgedacht und das nicht nur einmal. Schon alleine aus dem Grund, weil man so gesehen zu den "Auserwählten" gehörte, denen es möglich war.

Die Flucht an sich wäre das Problemloseste dabei gewesen.
Aber dann kam die Frage, """""wie geht es weiter ????"""" , """was kommt danach????""""
Hat man einmal den Schritt in diese Richtung getan, dann mußte man es durchziehen, ein Zurück gab es dann nicht. Diese Entscheidung hatte etwas so extrem Endgültiges an sich, daß machte mir Angst.

Ich hatte zwar genug Westverwandtschaft, die mich vielleicht für`s erste aufgefangen, sich auch gefreut hätte. Man hätte das, wovon man immer geträumt hat, man würde sich sehen können. Nur ich kam ja nicht auf Besuch, also wäre das in dem Fall auch kein "Auffanglager" für ewig für mich.

Und dann kamen die nächsten Fragen...........wie baust du dir ein neues Leben auf ?????????
Man steht alleine, gerade mal 19/20 Jahre alt, in einer Welt, die man nur von Hören-Sagen kennt.....alleine ohne Rückenhalt. Es kann alles wunderbar klappen und man ist überglücklich, aber was, wenn es nicht so klappt. Rückgängig machen konnte man alles nicht mehr. Dazu war der Schritt zu einschneidend.
Ja, was macht man, wenn wirklich alles in die Hose geht und nichts von dem eintritt, was man sich erhofft hat. Obwohl ich so gesehen nicht mal richtig wußte, was ich mir eigentlich erhoffe.
Jedenfalls konnte ich dann nicht einfach sagen. """""och, dann führe ich halt mein altes Leben weiter."""". Das würde dann bestimmt nicht mehr so problemlos, wie die Flucht verlaufen.

Ich glaube die ganze Thematik hat mich damals abgehalten, ernsthaft über so einen Schritt nachzudenken.
Erstens die Entgültigkeit so einer Entscheidung und zweitens halt die Ungewissheit.

Hätte nicht jeder damals die Möglichkeit haben müssen, sein Wohl dort zu suchen, wo er es für richtig hält ???? Findet er sein Glück, dann ist es ok, na und wenn nicht, dann kehrt er eben zurück und lebt so wie bisher.
Halt jeder wie er möchte und wie er es mag.
Das mag vielleicht etwas naiv klingen, nur irgendwie auch logisch.

Meine Patentante ist hier (im Osten) bei ihrer Tante (Schwester meiner Mutter) groß geworden. Durch die Kriegswirren, Bombardement usw. kam sie noch zu Kriegszeiten aus einer Westdeutschen Großstadt hier her, weil es hier sicherer war. Erst mit 16 kehrte sie dann (jetzt nach Essen)zu ihrer Mutter zurück. Als sie Volljährig war, zog sie wieder in den Osten, weil hier ihre Wurzeln waren, weil sie hier groß geworden ist und es als ihre "Heimat" empfand. Hat geheiratet, ein Pädagigikstudium aufgenommen und bis zu letzt als Lehrerin gearbeitet.
Ich glaube in die DDR zurückgezogen ist sie etwa 1963/64.
Soweit ich es von Erzählungen kenne, verlief zu der Zeit und speziell in dem Fall alles sehr problemlos.
Nur die damalige Zeit war vielleicht noch eine andere und der Fall hatte auch keine Flucht zur Grundlage.


Jetzt was von mir. Diese Geschichte stellte ich zuerst in die Sperrzone, aber soll zeigen, dass ich auch gerne mitmache. Nur vom DDR-Alltag ist natuerlich nichts zu spueren...

Zitat von Berliner
als ich den Brief bekam, war ich zuerst erschrocken, danach entsetzt. Mich vor dem Arbeitsamt vorstellen ? Und was ? Alldas aufschreiben was ich in letzter Zeit als "Jobsuche" zurechtschustern konnte ?

Und was wenn nicht...? Naja, kein Arbeitslosengeld mehr...

Es war ein freier Fall vom Leiter zum Bettler, ein Blatt herausholen und alles niederschreiben. Darf das Forum hinkommen ? Nein...eigentlich nicht. Namen, Daten, Fakten (er, Fakten ?).

Es kam der Tag, sich erst in der richtigen Stelle vorzeigen, dann die Meldung woanders hinzugehen.

Der neue Ort ist gerammelt voll, aber in den Gesichtern eine gewisse Menschlichkeit. Wir sind ja alle schliesslich in der selben Lage. Jetzt weiss ich wie es ist, am Ende einer "glorreichen" Karriere, arbeitslos zu sein.

Ich setze mich hin, ein kleines Maedchen sitzt vor mir, auf dem Schoss eines Mannes, der "nicht von hier" zu sein scheint. Ein spanischer Name wird gerufen, der Mann steht auf, das kleine Maedchen geht ihm eifrig nach, nur an Schnelligkeit fehlt es ihr.

Noch ein Nachname, nicht ueblich, wird von mir korrigiert. Ich stehe auf und gehe in den Raum wohin mir gezeigt wird, "gefaelschtes Blatt" in der Hand.

Die Leute schauen mich wieder an, diesmal im "kleinsten Kreis", freundlicher, naeher. "Automotive Industry" ? Jop. Das sind die meisten, die anderen aus der Branche "Hausbau".

Es wird geplaudert, sie sind nett, es kommen wieder viele Ideen heraus. So stelle ich mir die Demokratie vor. Oder ist das nur bloss Menschlichkeit?

Der Beamte tritt ein, der befuerchtete Moment. Verteilt Blaetter an die, die sie nicht ausgefuellt haben, es sollen rasch "Nachweise" entstehen. Der Mann ist nett, versteht die jetzige Lage, ich atme aus. Doch nicht so schlimm wird's werden...

Mein Blatt gefaellt ihm gut, viel drauf, sachlich, und nicht alles gelogen. Schaut mir in die Augen als ich "Danke" sage, waehrend er den naechsten Namen ruft. Wir sind doch alle bloss Menschen...

Draussen an die frische Luft, der Moment ist vorbei und es faellt die Spannung schlagartig. Aber nur bis ich mich wieder verschlossen im Auto befinde durfte es raus, "GOTT SEI DANK!".

Berliner


OK, das war es. Mal schauen war daraus wird. Ich wuerde mich sehr ueber Stories von Euch freuen. Es muss nicht was besonderes sein, man braucht auch nicht Schriftsteller zu sein um etwas zu schreiben. Ich bin's auch nicht...nur begeisterte Leser...

Berliner


zuletzt bearbeitet 08.09.2009 15:46 | nach oben springen

#2

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 08.09.2009 16:22
von glasi | 2.815 Beiträge

ich könnte was erzählen. aber ich war nur besucher. wenn doch interesse besteht dann schreibe ich was. lg glasi.



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#3

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 08.09.2009 16:29
von Berliner (gelöscht)
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Zitat von glasi
ich könnte was erzählen. aber ich war nur besucher. wenn doch interesse besteht dann schreibe ich was. lg glasi.


Hallo glasi!

mach's so wie Turtle...losschreiben!

Berliner


zuletzt bearbeitet 08.09.2009 16:29 | nach oben springen

#4

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 08.09.2009 16:31
von Drewitz | 356 Beiträge

Hey-alte Ami!
Was willst Du genau hören?Feierabendgestaltung eines PKE?Oder Leben eines Lehrling?Kannste beides bekommen!
Gruß
Drewitz


MfS,BV Potsdam,Abt.VI,PKE Drewitz 1.Zug,1.Gruppe 1988-1990 danach GR44 bis zum Ende


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#5

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 08.09.2009 16:46
von Berliner (gelöscht)
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Zitat von Drewitz
Hey-alte Ami!
Was willst Du genau hören?Feierabendgestaltung eines PKE?Oder Leben eines Lehrling?Kannste beides bekommen!


Hallo Drewitz!

ja, das ist nun mal das schwierige an solchen Threads zu erklaeren was mal gewuenscht wird...

Ich mache hier den Anfang (von meiner Sicht aus).

Ich habe mir viele DEFA Filme ergattert. Beispiele sind "Der Bauloewe", "Einfach Blumen aufs Dach", "Erscheinen Pflicht", auch aeltere so "propogandamaessige" wie "Unser taeglich Brot", etc., etc..

Was mich immer an solchen Filmen fasziniert, wo ich einfach wie gefesselt dasitze und hingucke, es wie das wahre Leben damals gewesen ist. Das fasziniert mich ohne Ende.

Ich habe ja in den USA gelebt und ich koennte Euch auch viele Geschichte erzaehlen. Ich habe mal einen "Tanz" erwaehnt, mein bester Freund und ich ("die Nerds") spielten die Musik und standen gelegenlich auf zu tanzen. Mal auf den Parkplatz um ein Bier zu holen (war natuerlich verboten, war nur 16)...

Sollte ich jetzt mehr erzaehlen wuerde es sich ins Nichts ausdehnen...auch nicht mein Stil.


Schreib' halt Geschichten, die mal "banal" war, aber fuer Dich eine besondere Bedeutung hatten. Und es soll auch ein bisschen DDR-Alltag dabei sein (bitte schoen)...


Vielen Dank!
Berliner


zuletzt bearbeitet 08.09.2009 16:47 | nach oben springen

#6

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 08.09.2009 16:48
von Drewitz | 356 Beiträge

alles klar-werde mich morgen mal ransetzen...
Drewitz


MfS,BV Potsdam,Abt.VI,PKE Drewitz 1.Zug,1.Gruppe 1988-1990 danach GR44 bis zum Ende


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#7

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 08.09.2009 16:53
von Berliner (gelöscht)
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Zitat von Drewitz
alles klar-werde mich morgen mal ransetzen...
Drewitz


vielen Dank!

Berliner


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#8

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 08.09.2009 17:00
von westsachse | 464 Beiträge

Schau dier mal Ete und Ali an ist von 1985 mit Jörg Schüttauf. Handelt von zwei Jugendlichen, die gerade vom Grundwehrdienst entlassen weden. Oder Solo Sunny. Die Filme erzählen vom Leben des Normalbürgers in der DDR.

Viel Spass

westsachse


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#9

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 08.09.2009 17:07
von Berliner (gelöscht)
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Zitat von westsachse
Oder Solo Sunny.



den habe ich bereits, nur noch nicht angeschaut...

Danke fuer'n Tip!

Berliner


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#10

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 08.09.2009 18:11
von Berliner (gelöscht)
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diese Geschichte ist zwar ziemlich heftig, und nicht geraaaaade was ich gemeint habe, wollte aber trotzdem den Anfang machen.

Berliner

Quelle: Damals in der DDR Projekt - mdr
"Ihre DDR Geschichten"


Grenzerfahrung
von Manfred Wagner


Im Jahre 1976 musste ich mit meinem Pkw auf dem Transitweg nach Berlin zu einer Messe fahren. Die Reise ging über Eisenach und ich hatte das Prozedere beim Grenzübertritt über mich - besser gesagt unter mir - ergehen lassen. Es tat nicht weh, als der Grenzwächter mit seinem fahrbaren Spiegel die Unterseite meines Fahrzeuges inspizierte.

Die Messe in Berlin ging zu Ende und ich machte mich auf dem Transit-Weg zurück nach Südbaden. Es war einen Tag vor dem Himmelfahrtstag - auch Vatertag genannt. Auf einmal kam ich - so habe ich es in Erinnerung, auf einen großen betonierten Platz mit vielen Fahrspuren, vorbei an Wachtürmen, linker Hand fiel mir ein Eisenbahnwaggon mit Betonplatten beladen auf. Dieser diente wohl dazu, schnell in die Fahrbahn geschoben zu werden um verdächtige Fahrzeuge aufzuhalten.

Ich benutzte die linke Spur und traf auf einen jungen Grenzschützer. Er war sehr freundlich und ich fragte ihn, ob ich für meine mitgeführten Waren einen Transitschein benötige. Dies war damals im Dreiländereck zwischen Deutschland und der Schweiz üblich, um weite Umwege zu sparen. Er informierte mich, dass dies auf dem Transitweg nicht nötig wäre, solange ich diesen vorgeschriebenen Weg nicht verlassen würde.

Ich präsentierte meine Identifikationsdokumente, er nahm sie entgegen und (das kam mir erst später) beförderte sie auf einem Laufband wohl in eine Datenstation zur Prüfung. Ich freute mich, dass alles so gut lief und ich bald zuhause sein würde. Von meinen Grenzübertritten in die Schweiz war ich Wartezeiten gewohnt. Beim Grenzübertritt in die Schweiz suchte man sich jedoch meistens die Fahrzeugkolonne aus, von welcher man erwartete, dass sie ein schnelleres Vorwärtskommen ermöglichen würde.

Also habe ich meine Gewohnheiten auch bei diesem "Grenzübertritt" beibehalten. Die rechte Abfertigungsspur schien mir ein schnelleres Fortkommen zu bieten. Denkste! Nach einigem Warten erreichte ich den Grenzschützer in seinem "Kiosk". Ich kam von einem freundlichen Menschen zu einem Menschen, welcher sofort mit seinem stechenden Blick ein gewisses Angstgefühl auslöste. Er sprach kein Wort zu mir.

Da ich im Verkauf tätig und Ansprachen an schweigende Menschen gewohnt war, machte ich einen Vorstoß und fragte ihn, ob ich etwas falsch gemacht habe. Wieder ein peinliches Warten - dann merkte ich plötzlich, dass dieser Mensch auch sprechen konnte. Sprechen ist aber eine Verharmlosung, es waren Worte, die wie Giftpfeile auf mich trafen: Etwa "sie sind doch Westdeutscher... sie wissen doch immer alles besser..."

Dies alles löste ja mein Problem, eine Abfertigung, um endlich weiterfahren zu dürfen, wiederum nicht. Alles dauerte lange und ich dachte, jetzt muss ich eine Unterwürfigkeit an den Tag legen, denn er saß ja am längeren Hebel. Es tat sich nichts. Meine Idee war dann, da auch die Verständigung von meinem Auto-Inneren zum "Mann im Kiosk" etwas problematisch und somit die an mich gerichteten Worte unverständlich waren, mit einem gut gemeinten Vorschlag - dass ich jetzt aussteigen werde, zu ihm kommen, um die Sache in Ruhe zu besprechen.

Es kam ein strikt geäußerter Wortschwall: "Wenn sie dies tun werden, dann sind sie ein toter Mann!" Dies hörte ich und kapierte, dass die Lage unzweideutig war, denn ich blickte in den Lauf seiner Handfeuerwaffe. Mein Gedanke war jetzt wird es ernst und es war wohl auch ernst gemeint, ich war real in Todesgefahr. Niemals vorher hatte ich eine Waffe auf mich gezielt gesehen, ein böses Erlebnis.

Der Grenzschützer nutzte die Chance nicht, mir mit ein paar netten Worten die Lösung des Problems anzubieten, um alles leicht zu entflechten. Nein, er schickte immer mehr "Giftpfeile" zu mir. Etwa der Art, dass wohl die BILD-Zeitung wieder über die von DDR-Grenzern verschuldeten, lahmen Abfertigungen berichten würde, dabei sei ich es und meinesgleichen, welche dafür verantwortlich seien.

Da ich trotz der bedrohlichen Situation absolut nicht verstand, was er mit mir im Schilde führte, sagte er zu mir: "Ich glaube, sie sind krank." Dies löste in mir den Gedanken aus: Wenn er mich in eine DDR-Irrenanstalt zur Untersuchung steckt, dann bin ich nicht so schnell wieder auf freiem Fuß. Diese mögliche Maßnahme - wozu er wohl berechtigt gewesen wäre - wollte ich auf jeden Fall vermeiden.

Da kam mir ein Geistesblitz und es ist fiel mir wie Schuppen von den Augen: Ich bin auf der falschen Spur. Also habe ich den Grenzwächter vorgeschlagen, dass ich aus meinem Fahrzeug aussteigen wolle, um beim gegenüberliegenden "Kiosk" meine Papiere abzuholen. Wiederum zog er seine Waffe und warnte nochmals eindringlich unter Hinweis auf "sofortigen Tod durch erschießen".

Ich musste die hinter mir wartenden Autofahrer durch die Scheibe hindurch bitten, doch soweit zurückzufahren, dass ich in die linke Spur wechseln konnte. Es klappte und die linke Spur wurde durch die Autofahrer für mich frei gehalten, ich sah wieder einem freundlichen Menschen in die Augen, er gab mir mit einem netten Augenzwinkern meine Papiere zurück.

Meine Fahrt konnte ich sodann unbehindert fortsetzen und diese Horrorszene hinter mir lassen.


Noch ein Wort zur Sache...
Eine Woche später hat die ARD in der Tagesschau berichtet, dass in der Gegend von Hof, ein italienischer Fernfahrer von DDR-Grenzwächtern erschossen wurde, weil er den Sicherheitskräften nach "Bleiben sie stehen" oder einem ähnlichen Befehl nicht Folge geleistet habe.

Meine Vermutung war, er hatte eventuell bei dem anderen Zollamt etwas vergessen und lief zurück, zurück in den Tod. Nachträglich lief mir nicht nur e i n Schauer über den Rücken - denn, dass so ein Verlauf hätte gut und gerne auch in meinem Fall in Berlin passieren können.


zuletzt bearbeitet 08.09.2009 18:16 | nach oben springen

#11

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 08.09.2009 18:21
von Drewitz | 356 Beiträge

Der arme Mann!So einiges davon kann wirklich nur seiner Angst vor den bösen Grepos zuzurechnen sein.Diese Haluzinationen von der Pistole und dem bösen Grenzer mit der Vollmacht zum töten und zur Einweisung in die Klapse!

Kann ja gar nicht sein-wir hatten immer nur eine Lizenz-entweder zum töten oder zur Einweisung in die Klapse!

Drewitz


MfS,BV Potsdam,Abt.VI,PKE Drewitz 1.Zug,1.Gruppe 1988-1990 danach GR44 bis zum Ende


zuletzt bearbeitet 08.09.2009 18:44 | nach oben springen

#12

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 09.09.2009 22:48
von muts | 89 Beiträge

Zitat von Berliner

Ich ziehe mir hunderte von DVDs rein, lese (gelengentlich) ein Buch, aber schwer ist es immer noch zwischen Propoganda und der stylistischen Darstellung der Dokus, echt zu verstehen wie das damals gelaufen ist.

Berliner



Hallo Berliner,

ich glaube die banalen Dinge kann man zumeist nur zwischen den Zeilen lesen. Sie sind einfach zu banal, das eine Erwähnung lohnt.
Vielleicht erinnert man sich bei Eintreffen eines Schlüsselerlebnisses.

Dazu ein einfaches, schönes Erlebnis von mir, ein kleines, eigentlich ganz einfaches mit dem Schlüsselreiz für Erinnerung.

Es ist das Jahr 2001 ,ich stehe in Cuxhaven am Strand der Nordsee. Ein traumhafter Sonnenuntergang. Es ist gerade Ebbe und am Horizont versinkt die Sonne im Schlick des Wattenmeeres.
Schön an diesem Sonnenuntergang ist nicht nur der Sonnenuntergang selber. Nein, viel besser ist die Erinnerung an den naturwissenschaftlich interessierten kleinen Matthias , der die 5. Klasse einer Polytechnischen Oberschule in Magdeburg besucht, etwa 22 Jahre früher.
5. Klasse Geografieunterricht in der DDR, Thema: die Bundesrepublik Deutschland.
Nordseeküste, Gezeiten, Ebbe, Flut, das Wasser ist weg, sechs Stunden später ist es wieder da.
Der kleine Matthias fragt sich ,wie soll das gehen, wie sieht das aus. Er kann es sich nicht vorstellen.
Er würde es gerne einmal sehen, aber er weiß, daß er es nie sehen wird.

22 Jahre später, der große Matthias steht am Strand und das Wasser ist weg.


Du kennst sicher die Langzeitdokumentation "Die Kinder von Golzow". Die Filme aus dieser Reihe sind, denke ich, an Authenzität nicht zu überbieten. Die Menschen in den Filmen dort sind real ohne propagandistische Verformungen, stylistischen Darstellungen und quotenwirksamen Überhöhungen.

Gruß
Matthias


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#13

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 09.09.2009 23:11
von bruno | 598 Beiträge

@duane

es muss so etwa oktober 1985 gewesen sein,
ich hatte in erfurt im "bau-und reperaturkombinat"
gearbeitet und es war wieder einmal DIPOLOMATENJAGD.
da kam ein bauleiter zu mir und meinen kollegen
(wir waren ja jungfacharbeiter)und sagte, wir sollten
heute abend am erfurter hauptbahnhof den genossen
honecker begrüssen. "nee-machen wir nicht" - "achso,
ihr wollt aber auch mal wieder was von uns" - "na gut,da gehen wir eben hin!"
da bekamen wir jeder eine karte, die uns berechtigte den
bahnhofsvorplatz zu betreten.
hingegangen sind wir aber nicht.

ist das das was du dir so vorstellst?


nichts auf der welt ist so gerecht verteilt wie der verstand.
denn jedermann ist überzeugt, dass er genug davon habe.
rené descartes
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#14

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 10.09.2009 01:19
von Rainman2 | 5.762 Beiträge

Hallo Duane (Berliner),

eine kleine Geschichte aus meinem Leben. Ich begann 1977 meine Lehre als Kfz.-Schlosser in Leipzig. Dieser begehrte Beruf war eigentlich nicht mein Ziel, aber ich musste einen Beruf lernen, bevor ich Offizier werden konnte. Das Wehrkreisamt Leipzig hatte mir den Beruf vorgschlagen und ich ergriff ihn, vor allem mangels Alternativen. Ich fand mich unter Motorsportfans wieder, die gern an den Maschinen schrauben wollten. Ich wollte nur den Berufsabschluss und mehr nicht. Da lagen Konflikte in der Luft. Vor allem in der praktischen Arbeit war ich Stein des Anstoßes und erweckte permanent den Unmut meines Lehrmeisters. Das Problem verstärkte sich, als es auf die Abschlussprüfungen zuging. Ich musste durch die Berufsschule und die Lehrwerkstatt durch eine vorzeitige erfolgreiche Prüfung geschleift werden, damit ich bereits im Juni 1979 zur Armee gehen konnte. Aber meine praktischen Leistungen hinkten immer noch zurück. Die Qualität der Arbeit war nicht schlecht, aber die Quantität. Ich kam einfach nicht an die Regelleistung von 12,50 Mark pro Stunde ran. In Arbeit umgesetzt hieß das, ein Facharbeiter musste an einem Tag den Motorwechsel bei einem LKW W50 allein durchführen können - die Arbeitsregelleistung für diese Arbeit lag bei etwa 100,00 Mark (Zahlen ohne Gewähr). Zu allem Unglück für meinen Lehrmeister war ich "gesellschaftlich aktiv". Ich machte Musik und war im letzten halben Jahr meiner Lehre gleichzeitig in drei Singegruppen (Betriebsberufsschule Kraftfahrzeuginstandhaltungsbetrieb Leipzig, Energiekombinat Leipzig, Betriebsberufsschule Graphischer Großbetrieb Interdruck Leipzig) und in einem Chor (Estradenchor Leipzig). Für gesellschaftliche Arbeit war es üblich, bei Auftritten eine Freistellung zu erhalten. Praktisch hat ein Kulturverantwortlicher des Trägerbetriebes der jeweiligen Singegruppe eine Freistellung (ein einfaches Formular) ausgefüllt und mir mitgegeben. Damit konnte ich während der Arbeitszeit meinem Hobby nachgehen. Mein Lehrmeister wetterte schon seit einiger Zeit gegen diese überhand nehmenden Freistellungen. Etwa im Februar 1979 hatte er die Nase voll. Er würde jetzt keine Freistellung anderer Betriebe mehr akzeptieren, erklärte er, und berief sich auf meine noch nicht ausreichenden Leistungen im praktischen Lehrabschluss. Kein Problem, dachte ich. Ich informierte die Kulturverantwortlichen der Trägerbetriebe über die Situation. Meine Bitte lautete: Stellt die Anträge über die FDJ-Stadtleitung. Das war sehr einfach. Der dortige Kulturverantwortliche kannte mich und die Singegruppen inzwischen. Mein Lehrmeister wetterte weiter. Jede Woche kam mindestens eine Freistellung von mindestens 4 Stunden. Er holte mich zum Gespräch und erklärte etwa im April 1979, dass er nun auch keine Freistellungen der Stadtleitung mehr akzeptieren wolle. Er könne das auch mit meinen immer noch nicht ausreichenden Leistungen begründen. Da ich Offiziersbewerber war, wähnte ich mich sicher. Außerdem hatten meine drei Singegruppen bei der "Frühlingspalette" (einem jährlich stattfindenden kulturellen Leistungsvergleich der Lehrlinge der Stadt Leipzig) die vorderen Plätze belegt und ich war mehrfach Preisträger bei den Vokalsolisten. Man kannte mich also bei den Funktionären. Ich nahm Kontakt zur Stadtleitung auf und legte das Problem dar. Natürlich hörten sie das mit meinen Leistungen nicht gern, aber sie brauchten auch Leute für die Singebewegung. Also kamen wir überein, dass künftige Freistellungen nur noch über die Bezirksleitung der FDJ laufen sollten. Das war auch wieder kein Problem. Kaum zwei Wochen nach meinem Gespräch mit meinem Lehrmeister kam ich mit einer zweitägigen Freistellung der Bezirksleitung für mehrere Auftritte mit meinen drei Singegruppen und als Solist bei einer größeren FDJ-Konferenz. Mein Lehrmeister beschwerte sich wutschnaubend bei der Betriebsberufsschule. Da hatte er aber Pech, da deren Singegruppe mit dabei war und meine Präsenz bei den Auftritten als Aushängeschild galt. Da resignierte mein Lehrmeister und verzichtete auf eine eventelle Eskalation, also der Auseinandersetzung mit der nächsten Stufe, dem Zentralrat der FDJ (damaliger Vorsitzender übrigens noch Egon Krenz). Nein, mein Lehrmeister war kein böser Mensch. Er hatte einfach etwas dagegen, dass so ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen, wie ich, auf der einen Seite seinem Hobby nachgeht und sich auf der anderen Seite einfach nur so durch die Prüfung mogelt, nach dem Motto: Ich werde Offizier, ihr dürft mich garnicht durchfallen lassen. Das Interessante war, dass zu dieser Zeit die Leistung in der gesellschaftlichen Arbeit tatsächlich gesellschaftlich eine höhere Akzeptanz fand, als die Leistungen in der eigentlichen Arbeit. Die zweitägige Freistellung war aber die letzte Nagelprobe. Danach ging es ohne weitere Störungen weiter, ich bestand die Prüfung - gerade so und mit Hilfe, aber das ist eine andere Geschichte.

ciao Rainman


Übrigens: Unbedingt Solo Sunny ansehen. Genial, der Film!!!


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


zuletzt bearbeitet 10.09.2009 01:26 | nach oben springen

#15

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 10.09.2009 19:22
von Berliner (gelöscht)
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Zitat von muts
Dazu ein einfaches, schönes Erlebnis von mir, ein kleines, eigentlich ganz einfaches mit dem Schlüsselreiz für Erinnerung.

Es ist das Jahr 2001 ,ich stehe in Cuxhaven am Strand der Nordsee. Ein traumhafter Sonnenuntergang. Es ist gerade Ebbe und am Horizont versinkt die Sonne im Schlick des Wattenmeeres.
Schön an diesem Sonnenuntergang ist nicht nur der Sonnenuntergang selber. Nein, viel besser ist die Erinnerung an den naturwissenschaftlich interessierten kleinen Matthias , der die 5. Klasse einer Polytechnischen Oberschule in Magdeburg besucht, etwa 22 Jahre früher.
5. Klasse Geografieunterricht in der DDR, Thema: die Bundesrepublik Deutschland.
Nordseeküste, Gezeiten, Ebbe, Flut, das Wasser ist weg, sechs Stunden später ist es wieder da.
Der kleine Matthias fragt sich ,wie soll das gehen, wie sieht das aus. Er kann es sich nicht vorstellen.
Er würde es gerne einmal sehen, aber er weiß, daß er es nie sehen wird.

22 Jahre später, der große Matthias steht am Strand und das Wasser ist weg.


Hallo Matthias,

das ist genau die Art von Geschichte, vielen Dank!

Sie vereint in uns eine gewisse Menschlichkeit, die weit ueber Grenzen hinausgeht. Ausserdem ist sie einfach ein gute Story.

Zitat von muts
Du kennst sicher die Langzeitdokumentation "Die Kinder von Golzow". Die Filme aus dieser Reihe sind, denke ich, an Authenzität nicht zu überbieten. Die Menschen in den Filmen dort sind real ohne propagandistische Verformungen, stylistischen Darstellungen und quotenwirksamen Überhöhungen.


Ich habe gerade die DVD-Serie in meinen Warenkorb auf amazon.de gelegt. Wenn es mir zukunftig moeglich ist, werde ich sie unbedingt kaufen und anschauen.

Danke!
Berliner


zuletzt bearbeitet 10.09.2009 19:24 | nach oben springen

#16

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 10.09.2009 19:48
von Wolfgang B. (gelöscht)
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Hallo zusammen,

Bitte mehr davon ...


Der Langzeitdoku "Die Kinder von Golzow" habe ich (größtenteils) mein Alltagsbild der DDR zu verdanken, dafür den Machern ein liches Dankeschön.


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#17

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 10.09.2009 19:51
von Berliner (gelöscht)
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Zitat von bruno
es muss so etwa oktober 1985 gewesen sein,
ich hatte in erfurt im "bau-und reperaturkombinat"
gearbeitet und es war wieder einmal DIPOLOMATENJAGD.
da kam ein bauleiter zu mir und meinen kollegen
(wir waren ja jungfacharbeiter)und sagte, wir sollten
heute abend am erfurter hauptbahnhof den genossen
honecker begrüssen. "nee-machen wir nicht" - "achso,
ihr wollt aber auch mal wieder was von uns" - "na gut,da gehen wir eben hin!"
da bekamen wir jeder eine karte, die uns berechtigte den
bahnhofsvorplatz zu betreten.
hingegangen sind wir aber nicht.

ist das das was du dir so vorstellst?


Hallo Danilo!

ja, genau das sind die Dinge, die ich mir vorstelle. Vielen Dank!

Es ist so aehnlich wie bei uns. Ich rief ein Meeting meiner Mitarbeiter zusammen. Da ich Logistikleiter war, waren viele fast Kinder, junge Leute die im Lager gearbeitet haben. Und es war nicht so einfach, sie fuer solche Meetings zu begeistern. Als junger Manager hatte ich damals (habe ich noch) viel zu lernen...

Frage, passierte dann nichts, weil Ihr nicht aufgetaucht seid ? Oder war schon damals 1985 das alles (so am Anfang des Endes) nicht mehr ernstzunehmen ?

Duane


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#18

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 10.09.2009 20:14
von Augenzeuge (gelöscht)
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Zitat von Berliner

Frage, passierte dann nichts, weil Ihr nicht aufgetaucht seid ? Oder war schon damals 1985 das alles (so am Anfang des Endes) nicht mehr ernstzunehmen ?
Duane



Will mich mal höflich einmischen.....wenn ich darf...

Also 1985 hat niemand, weder in Ost nocht West, diese Entwicklung geahnt. Eine Endzeitstimmung gab es nicht. Man befand sich noch im Glauben auf der Überholspur zu sein, und den Kapitalismus zu überholen ohne einzuholen.
Man hat bei die Aquise genau gewusst, das viele nicht kommen. Deshalb hat man immer mehr Leute verpflichtet bzw. eingeladen....als man benötigte.
Ob das ohne Folgen blieb hing sehr oft von den Verantwortlichen ab, die nach solchen Abweichlern suchten oder es einfach ließen...

Eine wahre Story von mir. Hocecker kam nach Halle und durfte den Boulevard entlangspazieren. Kurz zuvor verdeckte man die sanierungsbedürftigen Stellen im Gebäude, nahm frische Farbe für die Fassaden. Kurzzeitig sah man in den Schaufenstern Artikel, die es sonst nie gab. Man zeigte ihm die Errungenschaften voller Stolz, wohl wissend, dass die Rückseiten der Gebäude wie Überbleibsel des Krieges noch aussahen. Honecker strahlte und merkte nicht wie er verar....wurde.
Ähnliche Dinge liefen in den Betrieben oft ab.....aber man war es eben so gewöhnt und merkte gar nicht, dass dieses "Spiel" nicht mehr lange gut gehen konnte.

Augenzeuge


Gruß, Augenzeuge


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#19

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 10.09.2009 20:22
von bruno | 598 Beiträge

Frage, passierte dann nichts, weil Ihr nicht aufgetaucht seid ? Oder war schon damals 1985 das alles (so am Anfang des Endes) nicht mehr ernstzunehmen ?

duane, es hatte ja keiner gemerkt das wir nicht da waren,
wir hatten gesagt,da waren soviel leute das wir honi nicht
mal gesehen hätten(wie schade!!!).


nichts auf der welt ist so gerecht verteilt wie der verstand.
denn jedermann ist überzeugt, dass er genug davon habe.
rené descartes
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#20

RE: Geschichten aus dem DDR-Alltag

in Leben in der DDR 10.09.2009 20:47
von Berliner (gelöscht)
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Zitat von Rainman2
Hallo Duane (Berliner),

eine kleine Geschichte aus meinem Leben. Ich begann 1977 meine Lehre als Kfz.-Schlosser in Leipzig. Dieser begehrte Beruf war eigentlich nicht mein Ziel, aber ich musste einen Beruf lernen, bevor ich Offizier werden konnte. Das Wehrkreisamt Leipzig hatte mir den Beruf vorgschlagen und ich ergriff ihn, vor allem mangels Alternativen. Ich fand mich unter Motorsportfans wieder, die gern an den Maschinen schrauben wollten. Ich wollte nur den Berufsabschluss und mehr nicht. Da lagen Konflikte in der Luft. Vor allem in der praktischen Arbeit war ich Stein des Anstoßes und erweckte permanent den Unmut meines Lehrmeisters. Das Problem verstärkte sich, als es auf die Abschlussprüfungen zuging. Ich musste durch die Berufsschule und die Lehrwerkstatt durch eine vorzeitige erfolgreiche Prüfung geschleift werden, damit ich bereits im Juni 1979 zur Armee gehen konnte. Aber meine praktischen Leistungen hinkten immer noch zurück. Die Qualität der Arbeit war nicht schlecht, aber die Quantität. Ich kam einfach nicht an die Regelleistung von 12,50 Mark pro Stunde ran. In Arbeit umgesetzt hieß das, ein Facharbeiter musste an einem Tag den Motorwechsel bei einem LKW W50 allein durchführen können - die Arbeitsregelleistung für diese Arbeit lag bei etwa 100,00 Mark (Zahlen ohne Gewähr). Zu allem Unglück für meinen Lehrmeister war ich "gesellschaftlich aktiv". Ich machte Musik und war im letzten halben Jahr meiner Lehre gleichzeitig in drei Singegruppen (Betriebsberufsschule Kraftfahrzeuginstandhaltungsbetrieb Leipzig, Energiekombinat Leipzig, Betriebsberufsschule Graphischer Großbetrieb Interdruck Leipzig) und in einem Chor (Estradenchor Leipzig). Für gesellschaftliche Arbeit war es üblich, bei Auftritten eine Freistellung zu erhalten. Praktisch hat ein Kulturverantwortlicher des Trägerbetriebes der jeweiligen Singegruppe eine Freistellung (ein einfaches Formular) ausgefüllt und mir mitgegeben. Damit konnte ich während der Arbeitszeit meinem Hobby nachgehen. Mein Lehrmeister wetterte schon seit einiger Zeit gegen diese überhand nehmenden Freistellungen. Etwa im Februar 1979 hatte er die Nase voll. Er würde jetzt keine Freistellung anderer Betriebe mehr akzeptieren, erklärte er, und berief sich auf meine noch nicht ausreichenden Leistungen im praktischen Lehrabschluss. Kein Problem, dachte ich. Ich informierte die Kulturverantwortlichen der Trägerbetriebe über die Situation. Meine Bitte lautete: Stellt die Anträge über die FDJ-Stadtleitung. Das war sehr einfach. Der dortige Kulturverantwortliche kannte mich und die Singegruppen inzwischen. Mein Lehrmeister wetterte weiter. Jede Woche kam mindestens eine Freistellung von mindestens 4 Stunden. Er holte mich zum Gespräch und erklärte etwa im April 1979, dass er nun auch keine Freistellungen der Stadtleitung mehr akzeptieren wolle. Er könne das auch mit meinen immer noch nicht ausreichenden Leistungen begründen. Da ich Offiziersbewerber war, wähnte ich mich sicher. Außerdem hatten meine drei Singegruppen bei der "Frühlingspalette" (einem jährlich stattfindenden kulturellen Leistungsvergleich der Lehrlinge der Stadt Leipzig) die vorderen Plätze belegt und ich war mehrfach Preisträger bei den Vokalsolisten. Man kannte mich also bei den Funktionären. Ich nahm Kontakt zur Stadtleitung auf und legte das Problem dar. Natürlich hörten sie das mit meinen Leistungen nicht gern, aber sie brauchten auch Leute für die Singebewegung. Also kamen wir überein, dass künftige Freistellungen nur noch über die Bezirksleitung der FDJ laufen sollten. Das war auch wieder kein Problem. Kaum zwei Wochen nach meinem Gespräch mit meinem Lehrmeister kam ich mit einer zweitägigen Freistellung der Bezirksleitung für mehrere Auftritte mit meinen drei Singegruppen und als Solist bei einer größeren FDJ-Konferenz. Mein Lehrmeister beschwerte sich wutschnaubend bei der Betriebsberufsschule. Da hatte er aber Pech, da deren Singegruppe mit dabei war und meine Präsenz bei den Auftritten als Aushängeschild galt. Da resignierte mein Lehrmeister und verzichtete auf eine eventelle Eskalation, also der Auseinandersetzung mit der nächsten Stufe, dem Zentralrat der FDJ (damaliger Vorsitzender übrigens noch Egon Krenz). Nein, mein Lehrmeister war kein böser Mensch. Er hatte einfach etwas dagegen, dass so ein Hans-Dampf-in-allen-Gassen, wie ich, auf der einen Seite seinem Hobby nachgeht und sich auf der anderen Seite einfach nur so durch die Prüfung mogelt, nach dem Motto: Ich werde Offizier, ihr dürft mich garnicht durchfallen lassen. Das Interessante war, dass zu dieser Zeit die Leistung in der gesellschaftlichen Arbeit tatsächlich gesellschaftlich eine höhere Akzeptanz fand, als die Leistungen in der eigentlichen Arbeit. Die zweitägige Freistellung war aber die letzte Nagelprobe. Danach ging es ohne weitere Störungen weiter, ich bestand die Prüfung - gerade so und mit Hilfe, aber das ist eine andere Geschichte.

ciao Rainman


Übrigens: Unbedingt Solo Sunny ansehen. Genial, der Film!!!


Hallo Klaus-Peter (Rainman),

ich danke Dir, dass Du immer Zeit findest auf meine Beitraege einzugehen (auch auf meine PN). Das weiss ich sehr zu schaetzen.

Wie ich sehe in Deiner Geschichte (und vielleicht hast Du sie deswegen mit Absicht erzaehlt), spielten damals im Sozialismus die gleichen Machtfaktoren wie im heutigen "Kapitalismus" eine grosse Rolle. Z.B., welche Leistungen Du erbringen konntest, wen Du kanntest, ob Du weisst wie Du Deine Macht ausspielst... das sind alle bekannte Gegenstaende meiner Gesellschaft. Ob gut oder schlecht...menschlich eben.

Ein kleines Lob auszusprechen, nicht nur fuer die exzelente Story, sondern auch fuer die damaligen Leistungen der sozialistischen Gesellschaft. Vielleicht weil ich (teilweise) musikalisch veranlagt bin, finde ich es ganz i.O., dass mit Absicht Platz fuer solche Dinge (kulturelle Dinge) im Leben geschaffen wird.
Das fehlt uns hier in unserer Fast-Food Gesellschaft. Wir sind gut Geschaeftsleute (mal zu gut) aber schlechte Gesellen. Wir bekommen einander kaum zu Gesicht und wenn dann, wird ueber das Geschaeft geredet.

Das Leben ist schoen (und auch kurz).

Vielen Dank, Klaus-Peter!

Bis dann,
Duane (Berliner)


zuletzt bearbeitet 10.09.2009 20:49 | nach oben springen



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