#1

Wolf Biermann von der DDR verstoßen

in Leben in der DDR 08.09.2009 12:53
von Angelo | 12.396 Beiträge

1976 wurde Biermann von der IG Metall zu einer Konzertreise in die Bundesrepublik Deutschland eingeladen, wofür ihm die Behörden der DDR eine Reisegenehmigung erteilten. Das erste Konzert fand, vom Dritten Fernsehprogramm des WDR live übertragen, am 13. November in der Kölner Sporthalle statt. Dieses Konzert – Biermann hatte die DDR stellenweise kritisiert, bei anderen Anlässen wie etwa einer Diskussion über den 17. Juni aber auch verteidigt – diente dem Politbüro der SED als Vorwand für die Ausbürgerung „wegen grober Verletzung der staatsbürgerlichen Pflichten“, wie von ADN am 16. November verbreitet wurde. Nach der Ausbürgerung übernahm das ARD-Fernsehen das Konzert in voller Länge. Erst durch diese Übertragung – das Dritte Fernsehprogramm des WDR konnte in der DDR nicht empfangen werden – erfuhren viele Menschen in der DDR zum ersten Mal etwas über Biermanns Lieder.Die Ausbürgerung Biermanns war ein einschneidendes und prägendes Erlebnis für die Künstler- und Dissidenten-Szene der DDR. Gab es nach dem Machtantritt Erich Honeckers 1971 Hoffnung auf eine gesellschaftliche Liberalisierung und Ansätze von Meinungsfreiheit, wurden diese Hoffnungen durch das repressive Vorgehen 1976 wieder zerstört. Nicht wenige Dissidenten änderten ihre Haltung zur DDR nach der Ausbürgerung Biermanns von einer solidarischen Kritik hin zu radikaler Distanz zur DDR.

Viele, auch sehr berühmte Personen in Ost und West, protestierten gegen Biermanns Ausbürgerung. Am 17. November 1976 veröffentlichten dreizehn namhafte DDR-Schriftsteller einen von Stephan Hermlin initiierten, gemeinsam mit Stefan Heym formulierten offenen Brief an die DDR-Führung, in dem sie an diese appellierten, die Ausbürgerung Biermanns zurückzunehmen. Um eine Veröffentlichung sicherzustellen, übergab die Gruppe den Brief nicht nur dem Neuen Deutschland, sondern ebenfalls der französischen Nachrichtenagentur AFP.[7] In den der Veröffentlichung folgenden Tagen schlossen sich der Erklärung rund 100 weitere Schriftsteller, Schauspieler und bildende Künstler an.

Diesen Protest nahm die DDR-Führung zum Anlass für weitere Schikanen gegen die Unterzeichner, was weitere Künstler aus der DDR vertrieb. 1977 kamen so auch Biermanns frühere Gefährtin, die bekannte ostdeutsche Schauspielerin Eva-Maria Hagen, und ihre Tochter aus früherer Ehe Catherina (besser bekannt als Nina Hagen) in die Bundesrepublik Deutschland. Gerulf Pannach und Christian Kunert von der verbotenen Band Renft und der Schriftsteller Jürgen Fuchs wurden noch im November 1976 vom Ministerium für Staatssicherheit verhaftet und nach neun Monaten Haft und unter Androhung von langen Haftstrafen zur Ausreise gezwungen, ebenso die Schauspielerin Katharina Thalbach. Auch Manfred Krug unterzeichnete den Protest, worauf ihm, trotz seiner Beliebtheit in der DDR (mehrfacher Publikumsliebling), weitere Rollen und Konzerte verwehrt wurden. Schon gedrehte Filme wurden nicht mehr gezeigt. Als Folge dessen siedelte er 1977 nach einem Antrag auf Ausreise in die Bundesrepublik über.

Zahlreiche Proteste gab es auch im Westen, sogar in den Reihen SED-naher Kommunisten. In der DKP-Hochburg Marburg unterzeichneten mehrere Dutzend DKP-Mitglieder eine Protesterklärung, die auf dem ersten Cover der Biermann-LP des Kölner Konzerts Das geht sein' sozialistischen Gang abgedruckt wurde.

Quelle: wikipedia


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#2

RE: Wolf Biermann von der DDR verstoßen

in Leben in der DDR 08.09.2009 13:00
von Drewitz | 356 Beiträge

Auch wieder ein Paradebeispiel wie wir uns selber Feinde schafften.Man mußte ja unbedingt Leute,die dem Sozialismus wohlwollend-aber auch kritisch gegenüberstanden unbedingt so vor den Kopf stoßen,daß es vorbei war mit der solidarischen Kritik...

Drewitz


MfS,BV Potsdam,Abt.VI,PKE Drewitz 1.Zug,1.Gruppe 1988-1990 danach GR44 bis zum Ende


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#3

RE: Wolf Biermann von der DDR verstoßen

in Leben in der DDR 08.09.2009 13:02
von Zermatt | 5.293 Beiträge

Kurz danach sagte Biermann (genauen Wortverlaut weiss ich nicht mehr):Ich habe nicht gewusst ,wie schlecht es diesem
Staat geht,wieviel Angst er hat-nicht vor mir,sondern vor meinen Liedern



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#4

RE: Wolf Biermann von der DDR verstoßen

in Leben in der DDR 08.09.2009 16:15
von Berliner (gelöscht)
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Zitat von Zermatt
Kurz danach sagte Biermann (genauen Wortverlaut weiss ich nicht mehr):Ich habe nicht gewusst ,wie schlecht es diesem
Staat geht,wieviel Angst er hat-nicht vor mir,sondern vor meinen Liedern


Hallo Zermatt,

ich hatte den Videoclip mal reingestellt, finde ihn allerdings nicht mehr...

Naja, neu mitschneiden, hochladen...hier die genauen Worte Biermanns:

Berliner




Quelle: Das war die DDR, Teil 5: Geist und Macht


zuletzt bearbeitet 08.09.2009 16:15 | nach oben springen

#5

Wolf Biermann von der DDR verstoßen

in Leben in der DDR 15.03.2010 19:04
von Augenzeuge (gelöscht)
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Interview: Wolf Biermann - der Künstler mit den drei Augen

Zitat Biermann: Ich bin mit 16 in den Osten gegen den Strom von Millionen Flüchtlingen gegangen und war fest davon überzeugt, dass sie in die falsche Richtung gehen. Heute weiß ich, dass sie den richtigen Weg gegangen sind. Das waren keine Dummköpfe, die wussten, dass es besser ist, in einer Demokratie zu leben als in einer Diktatur. Für mich war es dennoch die Rettung. Als Sohn einer Kommunistenfamilie wäre ich wohl Funktionär der DKP in Hamburg geworden und zweimal im Jahr auf Kosten der Arbeitern und Bauern zur Erholung vom Klassenkampf und zur ideologischen Aufrüstung in die DDR gereist. Ich wäre jedes mal noch dümmer nach Hause gekommen als ich sowieso war. Die Revolutionstouristen verblöden immer mehr und begreifen nichts.

Das gesamte Interview:
http://www.derwesten.de/kultur/musik-und...-id2734436.html


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#6

RE: Wolf Biermann von der DDR verstoßen

in Leben in der DDR 15.03.2010 21:40
von karl143 (gelöscht)
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Zitat von Drewitz
Auch wieder ein Paradebeispiel wie wir uns selber Feinde schafften.Man mußte ja unbedingt Leute,die dem Sozialismus wohlwollend-aber auch kritisch gegenüberstanden unbedingt so vor den Kopf stoßen,daß es vorbei war mit der solidarischen Kritik...

Drewitz



@ Drewitz,
ich kann mir nicht vorstellen, das alles von den verantwortlichen Stellen durchexaziert wurde, wenn man Biermann ausweist. Entweder haben die nicht mit diesen großen Protest gerechnet, oder sie haben ihn von vornherein in Kauf genommen. Nach dem Motto: Wenn wir Biermann erstmal los sind, ist das besser trotz des kurzfristigen Ärgers den wir dann hier haben. Die Ausbürgerung war sicherlich kein Schnellschuss der DDR.


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