#1

Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 26.02.2015 12:05
von der 39. | 522 Beiträge

Mein erster Tag war am 10.Februar 1949, eine DDR gab es noch nicht. Ich war mit 18 Jahren freiwillig Volkspolizist geworden und nach einem halben Jahr Streifendienst in Bismark zur vorübergehenden Aushilfe an die Grenze nach Salzwedel geschickt. In meiner veröffentlichten Autobiografie habe ich das beschrieben. Einen Auszug füge ich bei. Da im Forum meine Auszüge aus dem Buch anderweitig veröffentlicht wurden, verweise ich nachdrücklich auf das Urheberrecht.
An der Grenze

Es ist der 10. Februar 1949. Der Lkw fuhr mit noch anderen Freiwilligen in Richtung Salzwedel. Nach kurzem Aufenthalt in Salzwedel zur Erledigung der Formalitäten, ging die Fahrt weiter in Richtung Arendsee. Wir fuhren fast jede Grenzdienststelle an und einzelne Polizisten stiegen ab, sie hatten ihre neue Dienststelle erreicht. Schließlich hieß es Wachtmeister Schröder absteigen, ich war angekommen in Drösede, genauer im Grenzkommando Drösede B. Das B verwies darauf, dass in diesem Ort 2 Grenzkommandos A und B in Bauernhäusern untergebracht waren.
So ein Grenzkommando bestand aus 10 Polizisten. Ein Leiter, ein Stellvertreter und acht Streifenpolizisten, von denen immer ein Postenpaar im 8-Stundendienst den jeweiligen Grenzabschnitt bewachten, einer hatte Urlaub und einer Dienstfrei, denn für je 10 Tage operativen Dienst gab es einen freien Tag. Eine Frau aus dem Ort kochte mittags für uns, ansonsten bekamen wir unsere Rationen zugeteilt. In der Kommandantur, so nannte sich die übergeordnete Dienststelle, gab es einen Fourier, der regelmäßig mit einem kleinen grünen Lieferwagen Lebensmittel brachte. Zigaretten gab es einmal im Monat eine Packung mit 150 Zigaretten der Marke Cronos. Da ich nicht rauchte, habe ich die Zigaretten immer gegen etwas Essbares eingetauscht. Harzer Roller bekamen wir allerdings reichlich, meist in kleinen Kisten, noch weiß und „unreif“. Die Kunst, ihn zu essen, bestand darin zu warten, bis er durch war, manchmal waren aber die Maden schneller. Um nicht so lange warten zu müssen, bis er reif war, wurde er auch zerkrümelt und mit etwas Wasser zu Kochkäse umfunktioniert. Die meisten Stiegen mit Harzer Roller wurden aber bei den Bauern vertauscht gegen Eier, Wurst oder Speck. Im Frühjahr war es dann regelmäßig in den ersten Jahren so, dass wir unsere Einkellerungskartoffeln aussortieren mussten und dann für die Bevölkerung zur Verfügung stellten. Für uns begann dann die obligate Nudel-Reis-Zeit bis zur neuen Kartoffelernte.
Der Dienst war anstrengend und essen konnten wir immer. Aber manchmal gab es auch Braten und nicht zu wenig. Einige von uns Polizisten brachten von zu Hause Karabinermunition mit, die aus alten Kriegsbeständen stammte. Wir waren mit K 98 ausgerüstet, ebenfalls noch alte Wehrmachtsbestände. Das Schießen von Wildschweinen war streng untersagt, der Besitz von schwarzer Munition ebenfalls. Aber Hunger ist auch sehr unangenehm. Als wir einmal gerade dabei waren, ein Wildschwein zu zerlegen, hielt ein klappriger VW-Geländewagen vor der Tür, der Kommandanturleiter kam zur Kontrolle. Blitzschnell warfen wir durch eine Fußbodenklappe das Schwein in den Keller, aber der Geruch hat uns wohl verraten. Der Polizeirat ließ sich nichts anmerken, erst als er ging, sagte er, ich hoffe doch, hier hat keiner schwarze Munition und ihr vergesst nicht, mich einzuladen.
Nach wenigen Wochen musste in jedem Grenzkommando ein Gewerkschaftsvertrauensmann gewählt werden, da allen bekannt war, dass ich von der FDJ kam, war ich gewählt und wurde dadurch automatisch der stellv. Kommandoleiter. Übrigens währte das nicht lange, denn dann kam ein Befehl, dass in den bewaffneten Organen innerhalb der Parteiorganisation keine Wahlfunktionen ausgeübt werden dürfen und ich wurde Politstellvertreter, PK (Polit-Kultur)war die übliche Kurzbezeichnung, zum Oberwachtmeister wurde ich auch befördert.
Ich denke, es war in dieser Zeit, als ein erster Theaterbesuch angesagt war. Die auserwählten Polizisten fuhren mit einem Mannschafts-Lkw nach Dessau, dort war das Theater wieder in Betrieb. Das Dessauer Theater war bekannt, dort befand sich damals die größte Drehbühne Europas. Das Theaterstück, eine Oper, war allen unbekannt, es hieß: Der Hufschmied zu Worms. Der zuständige Kulturoffizier der sowjetischen Militäradministration hatte den Antrag des Theaters für die Oper: Der Waffenschmied von Lortzing abgelehnt, mit der Bemerkung: Nix Waffenschmied. Die findigen Theaterleute legten ihm nun den Antrag für ein anderes Stück vor, natürlich war “Der Hufschmied von Worms“ nichts anderes als der Waffenschmied. Es hatte also geklappt.
In Drösede war der Grenzdienst zwar anstrengend, aber doch irgendwie noch gemütlich. Grenzgänger gab es kaum, mit den westlichen Zöllnern wurde öfters ein Plausch gemacht, ja sogar Karten gespielt. Doch dann fand die Idylle ein plötzliches Ende. Vom Nachbarkommando Drösede A kam ein Anruf, dass in der Nähe unseres Postens mehrere Schüsse gefallen seien. Ich begab mich sofort in Begleitung eines Polizisten zu unserem Postenstand. Nach einem Marsch von ca. 20 Min. sahen wir dann das Schreckliche, zwei tote Polizisten. Der Hergang war erst unklar, dann ergab sich folgendes. Dort am Postenstandort war ein Brett zwischen 2 Bäumen eingeklemmt als eine Art Sitzbank. Die beiden Polizisten hatten offensichtlich gesessen und ihre Karabiner auf den Knien liegen gehabt. Durch Unvorsichtigkeit oder Spielerei löste sich ein Schuss und tötete einen Polizisten sofort. Daraufhin hat der Schütze in sein Postenbuch eingeschrieben:“ Ich Jäger erschossen. Meier“ und sich selbst auch erschossen, die wirklichen Namen sind mir noch bekannt, ich möchte sie aber nicht nennen. Beide waren Freunde aus Dessau und kannten sich schon von Zuhause her. Die Dienststelle bekam einen anderen Postenbereich zugewiesen, die psychische Belastung für die Polizisten war hoch, man hatte darauf Rücksicht genommen. Auch für mich war das Erblicken der beiden toten Kameraden schwer zu überwinden. Zwar hatte ich auf meiner Flucht 1945 so manchen Toten gesehen, aber die Beiden waren nicht anonym, es waren zwei von neun Kameraden der Dienststelle, ich hatte lange daran zu knabbern.
Nach einigen Wochen fragte ich in Salzwedel an, wann es nun wieder nach Hause in unsere Reviere geht, angeblich wusste niemand etwas von 4 Wochen, ich war ein Grenzer geworden und das für viele Jahre.
Wenige Wochen danach wurde die DDR gegründet und für mich kam am 20.11.1949 die Versetzung in eine andere Dienststelle, zur Politschule der VP nach Bernburg bzw. Aschersleben, die Schule zog zwischenzeitlich um. Ich musste meine Abschlussprüfung vorzeitig ablegen und wurde mit einer neuen Aufgabe betraut.
An dieser Stelle ein Wort zu den Bezeichnungen der Einheiten. Die unterste Organisationsform an der Grenze war das Grenzkommando, das sich von 10 über 18 bis zu 38 Polizisten entwickelte. Schließlich wurde es militärisch umbenannt in Grenzkompanie mit 4 Offizieren, 12 Unteroffizieren und 57 Soldaten.
Den Kommandos bzw. Kompanien waren Kommandanturen übergeordnet, die mal in Abteilungen umbenannt wurden und schließlich Grenzbataillone hießen. Diese Einheiten waren in Grenzbereitschaften und nach Umbenennung in Grenzregimentern zusammengefasst. Darüber hinaus gab es dann noch Grenzbrigaden bzw. später Divisionen.

der 39.


nach oben springen

#2

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 26.02.2015 12:52
von bingernhier | 246 Beiträge

Sehr geehrter Herr Schröder (@der 39. )
Ihre Schilderungen mit dem Tot Ihrer Kameraden muß und ist bestimmt auch heute für Sie noch ein Trauma.
Hochachtung empfinde ich für Sie, dass Sie darüber heute reden können. Sie als Veteran der Zeitzeugen geben uns wieder ein Zeugnis dafür, das eine Aufarbeitung der Zeitgeschichte eine auserordentliche Wichtigkeit für die heutige Gesellschaft ist.
Ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie uns die ISBN-Nummer Ihrer Autobiographie hinterlassen können, damit man ein Einblick in Ihre Biographie bekommt.
Hochachtungsvoll
bingernhier


der 39. hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#3

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 26.02.2015 17:19
von berlin3321 | 2.519 Beiträge

Moinmoin,

toll geschrieben, Danke und gern mehr.

MfG Berlin


Dieser Beitrag ist eine Meinungsäußerung, nicht repräsentativ, im Sinne des Art. 5 des Grundgesetzes und durch diesen gedeckt !
der 39. hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#4

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 26.02.2015 18:07
von schulzi | 1.760 Beiträge

Hallo @der 39. deinen Beitrag finde ich Toll ,den es zeigt den Weg eines Polizisten der in einer schweren Zeit nicht ganz freiwillig zum Grenzer wurde


der 39. hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#5

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 26.02.2015 19:08
von EK82I | 869 Beiträge

39. herzlichen Dank für Deine Erinnerungen.Lass uns weiter daran teilhaben.
Gruss Michael


der 39. hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#6

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 26.02.2015 20:14
von der 39. | 522 Beiträge

Danke für die freundlichen Worte von mehreren Seiten zu meinem Beitrag. Ich hatte diesen Beitrag und noch einige mehr, bereits in diesem Forum veröffentlicht. Leider habe ich mich 2010 zurückgezogen, weil ich das Gefühl hatte, dass die Diskussionen zu einseitig wurden und auch die Richtung verworren war. Diese Beiträge sind auch nicht mehr vorhanden, ich kann sie jedenfalls nicht mehr finden, komme nur bis 2013 zurück, vielleicht mache ich auch etwas falsch..Ich melde mich wieder mit einem weiteren Beitrag. Die gewünschte ISBN-Nr für Buch und Ebook lautet:
978-3-85251-974-6 ,der Titel "Herbststimmung"
Es grüßt der 39.


bendix, bingernhier, Sonne, IM Kressin und matzelmonier79-2 haben sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#7

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 26.02.2015 20:19
von hundemuchtel 88 0,5 | 2.492 Beiträge

@der 39., herzlichen Dank für Deine interessanten Schilderungen, sie geben einen Einblick in die Grenzsicherung der ganz frühen Jahre.

gruß h.


der 39. hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#8

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 28.02.2015 18:44
von der 39. | 522 Beiträge

Da sich einige Forumteilnehmer für den ersten Tag interessieren, stelle ich heute einen weiteren Auszug aus meinem Buch ein.
Teil 2
Schierke

Der Chef der Grenzpolizei im Land Sachen-Anhalt Inspekteur Höfer erschien in Aschersleben und teilte mir mit, dass ich zunächst nicht in eine Dienststelle versetzt werde, sondern ich soll nach Schierke fahren und mich dort als Leiter der Einsatzreserve melden. So begab ich mich Ende Februar 1950 nach Schierke. Dort warteten bereits etwa 30 Polizisten auf mich, es ging um die ersten Wintersportmeisterschaften der DDR. Da Schierke im unmittelbaren Grenzgebiet lag, erhalte ich die Aufgabe, für die Dauer der Meisterschaften dort den Grenzabschnitt mit den zusätzlichen Kräften zu sichern.
Wir waren in einem kleinen Hotel oder Pension gegenüber dem Hotel Heinrich Heine mit dem Dachsbau untergebracht. Leider konnten die meisten Polizisten nicht besonders gut Schi fahren, so dass es im hohen Schnee reichlich Probleme gab. Von den Meisterschaften hatten wir nichts gesehen, 12-Stundendienst, Sachen trocknen, essen, schlafen und wieder alles von vorne.
Als der Einsatz erfolgreich beendet war, d.h. es gab keinerlei Störung der Wintersportmeisterschaften, wird die Einheit aufgelöst, jeder meiner Polizisten fuhr in eine andere Dienst-stelle, im Gepäck mindestens eine Flasche Schierker Feuer-stein, die der dortige Apotheker herstellte. Obwohl mich ei-gentlich kein Freund solcher Kräutergetränke war, hatte ich auch eine Flasche im Gepäck, wann bekam man denn sonst so etwas und irgendjemandem wird’s schon schmecken. Auch ich konnte nicht bleiben und erhielt den Befehl, als PK nach Beendorf zu gehen.

Beendorf zum Ersten

Anfang 1950, inzwischen VP-Hauptwachmeister, wurde ich in Beendorf als PK (PK hieß ausgeschrieben Stellvertreter für Polit und Kultur und nicht wie immer fälschlich interpretiert wurde, Politkommissar) eingesetzt. Beendorf gehörte zur Grenzbereitschaft Osterwieck, später wurde Osterwieck aufgelöst und in die Grenzbereitschaften Oschersleben und Halberstadt aufgeteilt. Ich gehörte nun nicht mehr zu Salzwedel. Der gesamte Abschnitt für das Land Sachsen-Anhalt war danach in die 3 Bereitschaften Salzwedel, an der Elbe bei Wittenberge beginnend, Oschersleben und Halberstadt, in Schierke ein-schließlich Brocken endend, eingeteilt.
Ich wusste um die Schwierigkeiten in Beendorf, war doch der Ort und die Dienststelle immer als Beispiel in den Schulungen hingestellt worden. Mein oberster Chef, Inspekteur der VP Kurt Höfer wies mich persönlich vor Ort in meine neuen Aufgaben ein. Höfer war Spanienkämpfer und hatte seine Dienststelle für den Grenzbereich Sachsen-Anhalt in der Nähe von Halle im Gut Gimritz. Übrigens war auch sein Kaderchef Giebel ein Spanienkämpfer aus den Internationalen Brigaden. Von Höfer erhielt ich persönlich auch ab und zu Sonderaufgaben und er versäumte es nie, bei uns in Beendorf vorbei zu kommen, wenn er in der Nähe war.
Mir ist noch in Erinnerung, dass er einmal kam und im Vieraugengespräch auf die Materialengpässe im SAG-Betrieb Waggonbau Ammendorf verwies, dort konnten die Personenzugwagen für die Bahn als Reparationsleistungen nicht fertiggestellt werden, weil kein Rosshaar für die Polsterung da war. Ich kannte zwar die genauen Details nicht, aber der geheime Befehl war eindeutig. Ich hatte mit einem bewaffneten Begleiter in Zivil zu bestimmter Zeit eine Kolonne von 3 LKWs aus Ammendorf am Rasthof Börde zu übernehmen und die Kolonne über die Grenze bis zu einem Holzplatz im Wald kurz vor Helmstedt, schon auf westlichem Gebiet, zu bringen. Der Rasthof Börde war eine Autobahnraststätte an der Autobahn Helmstedt – Berlin, allerdings zu der Zeit nicht in Betrieb. In den dortigen Gebäuden waren Dienststellen untergebracht, deren Namen ich nicht kannte, mit denen ich aber wiederholt zu tun hatte.
An dem genau beschriebenen Platz im Wald sollten wir warten, bis 3 andere LKWs aus westlicher Richtung kamen und 3 Ladungen Rosshaar zum Umladen brachten. Das Umladen der Ballen vollzog sich sehr schnell. Genauso schnell waren die West-LKWs wieder verschwunden und wir wieder auf unserer Seite. Alles hatte reibungslos geklappt, es hatte keine Landkarte oder Ortsskizze gegeben, kein Stück Papier, keine Unterschrift, keine Namen. Es war aber auch kein Zöllner oder Polizist auf westlicher Seite aufgetaucht, die 3 West-Lkw hätten eigentlich Aufsehen erregen müssen. Danach hatte ich die Kolonne bis nach Ammendorf bei Halle zu begleiten. Den Begleitposten setzte ich in Beendorf im Vorbeifahren wieder ab. In Ammendorf angekommen, fuhren die LKWs ins Werk, ich durfte das Werk nicht betreten, ich musste einfach am Tor stehen bleiben. Niemand kümmerte sich um mich, ich hatte Hunger und Durst, kein Fahrzeug, nichts. Alles in allem hat die Aktion über 48 Stunden gedauert, bis ich halb verhungert und verdurstet nach abenteuerlicher Bahnreise von Ammendorf wieder in meiner Dienststelle in Beendorf eingetroffen war. Die Fahrtkosten musste ich aus eigener Tasche bezahlen, ich konnte die Aktion ja nicht als Dienstreise abrechnen. Ohne Lebensmittelmarken bekam ich unterwegs auch nichts Ordentliches zu essen.
Bei anderer Gelegenheit erhielt ich von einer Dienststelle im Rasthof Börde, die es eigentlich gar nicht gab, den Auftrag, erneut nach dem Westen zu gehen. Vorsichtshalber rief ich die Kommandantur in Marienborn an, aber dort wurde ich ab-gewimmelt, das Eisen war wohl zu heiß. Großzügig wurde ich mit der Grenzbereitschaft Osterwieck verbunden. Nach einigem Hin und Her bekam ich vom Kommandeur der Bereitschaft den Rüffel: Wenn die Genossen von der Börde kommen, brauche ich nicht jedes Mal nachfragen, ich sei wohl ein Rückversicherer. Ich begab mich also in Zivil nach Bad Helmstedt, jedenfalls ein Vorort von Helmstedt. Dort war ein Treff ausgemacht, und es kamen auch zwei junge Leute, die ich nach Beendorf brachte. Sie hatten das FDJ-Seidenbanner von Nordrhein-Westfalen bei sich und brachten es zum Deutschlandtreffen nach Berlin.
Ab und zu musste ich auch einen Grenzabschnitt ohne Posten lassen und dort verdiente KPD-Funktionäre übernehmen, die zur Erholung in die DDR kamen. Solche Anweisungen zu nicht zu besetzenden Grenzabschnitten habe ich mehrmals bekommen. Ich kann hier nur wiedergeben, was mir damals bekanntgegeben wurde. Was ich wirklich abspielte, kann ich nur vermuten, aber es wird vielleicht immer verborgen bleiben. Aus meiner Stasiakte weiß ich, dass der Leiter dieser ominösen Dienststelle Börde namens Hammermann viel später aussagte, dass er davon eigentlich nichts wisse und sich auf mich nicht besinnen könne. Mein Handicap war, dass sich alle nur mit Du und irgendwelchen Vornamen ansprachen, auch die KPD-Genossen. Nur Kapitän Iwanow hieß so, wird aber in Wirklichkeit auch nicht so geheißen haben.
Kapitän Iwanow war der Betreuer von der sowjetischen Dienststelle in Haldensleben, immer sehr freundlich und vertraut, wenn es möglich war. Er besaß ein Motorrad, eine ARDIE, noch mit Hebelgas, und brauchte dringend eine neue Vorderraddecke. Ich bekam Geld von ihm in die Hand gedrückt und ging wieder einmal nach Helmstedt um an einer bestimmten Stelle die Decke abzuholen und zu bezahlen. Oft erfuhr ich die Aktionen aber nicht. Ich bekam nur den Befehl, diesen oder jeden Posten für eine bestimmte Zeit nicht zu besetzen und auch keine Kontrollen dort zuzulassen. Es war immer mit einer unverhohlenen Drohung verknüpft. Meist sagte er, wenn das, Genosse Siegfried, nicht klappt, machst Du eine weite Reise.
Wenn Ihr einen 3.Teil lesen wollt, so meldet Euch
der 39.


Oelprinz50, bendix, Udo, Rothaut, EK82I, Gert, bingernhier, Cambrino, Lutze, schulzi, MHL-er, turtle, IM Kressin, vs1400, Sonne, EK 70 und VNRut haben sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#9

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 28.02.2015 19:30
von schulzi | 1.760 Beiträge

Bitte mach weiter ,warte schon.schulzi


der 39. hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#10

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 03.03.2015 17:31
von der 39. | 522 Beiträge

Leider ist die Resonanz auf meine beiden ersten Beiträge zum ersten Tag nur sehr gering. Möglicherweise besteht für die ganz alten Geschichten wirklich kein Interesse mehr. Ich finde in den Forenbeiträgen ohnehin eine andere Generation und hoffe wohl vergebens auf Wortmeldungen von Mitgliedern, die vor 1963 gedient haben. Kann das auch daran liegen, dass ich Offizier war und deshalb abgelehnt werde?Außerdem ist mir noch unklar, wo meine Beiträge aus 2010 geblieben sind, ebenfalls zum Thema : Erster Tag..
Einen 3. Beitrag werde ich in den nächsten Tagen noch einmal einstellen, dann warte ich erst einmal ab.
Der 39.


IM Kressin und Sonne haben sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#11

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 03.03.2015 17:42
von schulzi | 1.760 Beiträge

Zitat von der 39. im Beitrag #10
Leider ist die Resonanz auf meine beiden ersten Beiträge zum ersten Tag nur sehr gering. Möglicherweise besteht für die ganz alten Geschichten wirklich kein Interesse mehr. Ich finde in den Forenbeiträgen ohnehin eine andere Generation und hoffe wohl vergebens auf Wortmeldungen von Mitgliedern, die vor 1963 gedient haben. Kann das auch daran liegen, dass ich Offizier war und deshalb abgelehnt werde?Außerdem ist mir noch unklar, wo meine Beiträge aus 2010 geblieben sind, ebenfalls zum Thema : Erster Tag..
Einen 3. Beitrag werde ich in den nächsten Tagen noch einmal einstellen, dann warte ich erst einmal ab.
Der 39.

Das du Offizier warst daran wird es nicht liegen den wir haben genug hier im Forum und ein jeder bringt sich ein.Ich finde die Beiträge von Genossen bzw.Kameraden die in den anfangsjahren gedient haben gerade interessant .Doch bedenke das es von deinen Jahrgang nicht mehr viele gibt ,darum bist bist du hier ein wertvoller Zeitzeuge.


Oelprinz50, EK82I, hardi24a, bingernhier, der 39., Jobnomade, IM Kressin und Sonne haben sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#12

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 03.03.2015 18:00
von der 39. | 522 Beiträge

Zitat von schulzi im Beitrag #11
Zitat von der 39. im Beitrag #10
Leider ist die Resonanz auf meine beiden ersten Beiträge zum ersten Tag nur sehr gering. Möglicherweise besteht für die ganz alten Geschichten wirklich kein Interesse mehr. Ich finde in den Forenbeiträgen ohnehin eine andere Generation und hoffe wohl vergebens auf Wortmeldungen von Mitgliedern, die vor 1963 gedient haben. Kann das auch daran liegen, dass ich Offizier war und deshalb abgelehnt werde?Außerdem ist mir noch unklar, wo meine Beiträge aus 2010 geblieben sind, ebenfalls zum Thema : Erster Tag..
Einen 3. Beitrag werde ich in den nächsten Tagen noch einmal einstellen, dann warte ich erst einmal ab.
Der 39.

Das du Offizier warst daran wird es nicht liegen den wir haben genug hier im Forum und ein jeder bringt sich ein.Ich finde die Beiträge von Genossen bzw.Kameraden die in den anfangsjahren gedient haben gerade interessant .Doch bedenke das es von deinen Jahrgang nicht mehr viele gibt ,darum bist bist du hier ein wertvoller Zeitzeuge.

Danke für Deine Nachricht.. Manchmal vergesse ich, dass ich nicht mehr viele Freunde und Bekannte von früher habe, sie sind einfach alle weggestorben. Icvh denke daran wird es liegen, " alte Grenzer" sind rar geworden. Also dann zu einem 3.Teil.
der 39.


bendix, schulzi, Rothaut, EK82I, Gert, Jobnomade, bingernhier, hardi24a und IM Kressin haben sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#13

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 03.03.2015 18:21
von bingernhier | 246 Beiträge

Hallo @der 39. einen herzlichen Dank für Teil 2.
Ich bin schon sehr gespannt auf den 3. Teil. Ihr Buch " Herbststimmung "werde ich mir im Buchhandel besorgen.
Und nun warte ich ganz gespannt auf Ihren nächsten Teil.

Mit freundlichen Grüßen.
bingernhier


der 39. hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#14

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 03.03.2015 18:48
von der 39. | 522 Beiträge

Teil 3
Eines Tages bekamen wir Verstärkung durch Chargen, Hauptwachmeister, es waren Kriegsgefangene aus der Sowjetunion, die eine Antifaschule besucht hatten und gleich mit diesen Dienstgraden in die Grenzpolizei übernommen wurden. Sie wurden auch nun von Iwanow und den Leuten der Magdeburger Börde bevorzugt zu den Sonderaufgaben eingesetzt, bis einer von Ihnen, ein gewisser Riemann nach dem Westen abhaute und das ganze Schleusungssystem im Westen offenbarte. In Folge dessen wurden einige Schleuser, die im Westen arbeiteten, dort festgenommen und eine Reihe von hohen KPD-Funktionären beim Grenzübertritt ebenfalls durch den westlichen Zoll gestellt. Danach besann man sich wieder auf mich, wenn es ein Problem zu lösen galt.

Ich werde verhaftet

Dann eines Tages, ich hatte am Vorabend wieder den Posten an der Helmstedter Straße unbesetzt lassen müssen, kam Kapitän Iwanow und sagte, dass es wichtiges zu besprechen gäbe, ich solle am Folgetag nach Haldensleben in seine Dienststelle kommen. Ich fuhr am nächsten Tag mit dem Dienstfahrrad nach Haldensleben, nicht ahnend, dass meine weite Reise dicht bevor stand. Ich wurde in der sowjetischen Dienstelle sofort entwaffnet und in einen Kellerraum gebracht mit einer grellen Birne an der Decke und einer Pritsche. Ich war sehr lange dort, bekam ab und zu etwas zu essen. Ich verlor jedes Zeitgefühl. Dann werde ich zur Vernehmung gebracht. Kapitän Iwanow ist nicht zu sehen. Ich werde immer wieder befragt, was ich an jenem Abend gemacht habe, als ich den Abschnitt frei halten musste. Ich hatte sozusagen kein Alibi. Später erfuhr ich, dass es in meiner Dienststelle Befragungen gab, während ich in Haldensleben saß. Dann werde ich zum Essen in den Speisesaal geholt, Iwanow taucht wieder auf und redet etwas von einer Verwechslung, ich könne wieder nach Hause fahren. In der Dienststelle werde ich gefragt, wo ich solange war, immerhin war ich dreieinhalb Tage weggewesen. Und jetzt sei der anderer mit ähnlichem Namen, ein VP-Meister meiner Dienststelle, weg. Dann kam Iwanow nach einigen Tagen und in unserem einzigen wirklich sehr persönlichen Gespräch erzählte er mir, was geschehen war. Ein desertierter sowjetischer Offizier war durch den sowjetischen Geheimdienst ausfindig gemacht worden, ich glaube in Hannover. Er lebte von Schiebereien. Er wurde mit kleineren Schieberwaren geködert und dann wurde ihm ein ganzer riesiger Koffer mit Damenstrümpfen avisiert. Der Lieferer könne aber nicht so weit schleppen und käme nur bis Brunntal, irgendwo im Wald. Der Deserteur kam und wurde überwältigt und nach Beendorf gebracht, schließlich abtransportiert. Das alles hatte, zumindest die Verfrachtung des Deserteurs in ein Auto, das vor dem Postamt in Beendorf stand, jemand aus einem Keller heraus beobachtet und nach dem Westen gemeldet. Dieser Jemand musste gewusst haben, dass der Abschnitt nicht besetzt war. Am anderen früh oder noch in der Nacht wurde es im Westrundfunk gebracht. Man hatte sich eine Geschichte zusammengereimt, die der Wahrheit sehr nahe gekommen war. Und der Name Schröder war gefallen, deswegen mein Haldenslebenaufenthalt. Aber es ging in Wahrheit um einen ähnlichen Namen, der mir bekannt ist. Der VP-Meister kam jedenfalls nicht wieder in unsere Dienststelle zurück. Auf meine Frage, was denn mit dem desertierten Offizier geschieht, meinte Iwanow: Nichts, er lebt nicht mehr. Nach diesem ausführlichen Gespräch mit Iwanow habe ich ihn nie wieder gesehen. Wenn ich bei seinen Nachfolgern nach ihm gefragt habe, hieß es immer, dass es ihm gut gehe. Ich denke, er musste für diese Enttarnung auch bezahlen und vielleicht selber die weite Reise machen.


Entlassung

Dann bekam ich die Anweisung, mich im Gut Gimritz bei Oberst Giebel zum Kadergespräch zu melden. Am Vortag, ich will mich gerade Auf die Reise machen, tauchte Inspekteur Höfer auf. Ich berichtete ihm, dass ich mich am Folgetag auf Gut Gimritz zum Kadergespräch melden soll. Ich wüsste aber noch gar nicht genau, wie ich dahin komme. Er sprang sofort ein und sagte, er nimmt mich mit, wenn er abends nach Hause fährt. So war es auch, ich fuhr mit ihm nach Gut Gimritz, er wohnte unmittelbar daneben, ich esse und schlafe bei ihm. Morgens fuhren wir gemeinsam in die Dienststelle.
Als ich in die Kaderabteilung zum Inspekteur Giebel gerufen werde, teilt der mir lakonisch mit, dass ich entsprechend dem Befehl 2/49 des Chefs der Deutschen Volkspolizei mit sofortiger Wirkung entlassen sei. Ich solle draußen warten, bis meine Entlassungspapiere gebracht werden. Eine Welt brach für mich zusammen. Ich hatte mein ganzes Leben auf den Dienst in der Polizei ausgerichtet, jetzt wusste ich nicht mehr weiter. Dann kam Höfer aus seinem Zimmer und fragte im Vorbeigehen, ob ich immer noch warte. Ich erzählte ihm, ich glaube unter Tränen, dass ich entlassen bin. Er stürzte in das Zimmer von Giebel, laute Worte, die ich zwar nicht verstand, auf jeden Fall kein friedliches Gespräch. Höfer kommt mit rotem Kopf heraus und schnarrt mich an: Geh rein. Ich gehe in das Zimmer, Giebel sagt, dass es sich um eine Verwechslung handelte, es täte ihm leid, ich könnte wieder in meine Dienststelle fahren. Ich musste aber noch einmal warten, man hatte meinen Dienstausweis schon zerschnitten, ich bekomme einen ohne Bild, Lichtbild soll später eingereicht werden.
Dieser Befehl 2/49 hatte zum Inhalt, dass alle Polizeiangehörigen, die in westlicher Kriegsgefangenschaft waren oder Verwandtschaft ersten Grades in der Bundesrepublik hatten, oder als unzuverlässig eingeschätzte Umsiedler waren bis auf wenige Ausnahmen zu entlassen waren. Ich hatte bereits viele treue und zuverlässige Kameraden durch diesen Befehl verloren und war der Meinung, dass diese Aktion beendet war. Aber es gab offensichtlich im Folgejahr, also 1950 noch eine zweite Welle, deren Opfer ich beinahe geworden wäre. Aus späteren Veröffentlichungen weiß ich, dass bis zu einem Drittel der gesamten Polizeistärke der DDR in dieser Zeit entlassen wurde.
In einer RIAS-Sendung, die ich nicht selbst gehört habe (wie auch), kam eine lokale Durchsage, die etwa so lautete: Wir warnen vor VP-Meister Merkel und Schröder, sie sind Agenten der GPU. Merkel war der Leiter der Grenzkriminalpolizei in Marienborn. Wenn in den Dienststellen um Marienborn herum, also Sommersdorf, Harbke, Morsleben und Beendorf Grenzverletzer festgenommen worden waren, wurden sie unabhängig von der jeweiligen Richtung einmal am Tag in einem begleiteten Fußmarsch nach Marienborn gebracht. Dort bei der Grenzkriminalpolizei wurden sie vernommen und dann in der Regel zum Bahnhof in Richtung Hinterland gebracht. Der Zoll kontrollierte sie ebenfalls. Natürlich gab es auch Fahndungserfolge dort in Marienborn. Solche Personen wurden dann der regulären Kriminalpolizei des jeweiligen Kreises übergeben. Wieso nun der VP-Meister Merkel als Leiter der Grenzkripo und ich, als GPU-Agenten bezeichnet wurden, ist mir völlig unklar geblieben. Was dahintersteckte, habe ich nie aufklären können, aber es war auch nicht wichtig für mich, hatte ich doch mit Merkel eigentlich nichts zu tun gehabt. Mit GPU war der sowjetische Geheimdienst gemeint, der aber damals schon lange einen anderen Namen trug, was die Radioleute im Westen offensichtlich nicht wussten.
Bei einer späteren Ermittlung des MfS zu meiner Person wegen Spionageverdacht wurden auch der VP-Meister Merkel, der Leiter der Börde-Dienststelle Hammermann und die Dienststelle des Kapitäns Iwanow in Haldensleben befragt. Es wurde bestätigt, dass meine Aussagen dazu korrekt waren und dass ich nie eine Verpflichtung unterschrieben hatte. Damals hatte ich keine Ahnung von diesen Untersuchungen gegen mich, aus heutiger Sicht kann ich sagen, dass ich leider fast immer keine Ahnung hatte, was so hinter meinem Rücken lief.

Hessen

Zurück in Beendorf, erwartet mich nach wenigen Wochen der Befehl zum 1.Januar 1951 als PK nach Hessen zu gehen. In Hessen war der Grenzabschnitt sehr groß, es musste durch die Postenpaare, aber auch durch die Kontrollen weit gelaufen werden. Hessendamm wurde eine Straße genannt, die genau auf die Grenze zuging in Richtung Wolfenbüttel. Ich wusste, das ist die Straße, die mich letztlich zu meiner Schwester nach Wolfsburg führen würde. Sie war nach ihrer Flucht aus Kremkau mit der Bauerntochter Waltraut Arnold zusammen, dort in Vorsfelde angekommen und geblieben, Vorsfelde gehört heute zu Wolfsburg.
In den ersten Jahren nach der Wende, bin ich die Strecke oft gefahren, bis dann die Autobahn bis Magdeburg fertig war. Es war schon ein komisches Gefühl, wenn ich durch Hessen fuhr, viele Erinnerungen kamen hoch.
Auch der Hundeplan fiel mir wieder ein. Wenn die Soldaten zum Postendienst marschierten, mussten sie immer mitten durch den Ort. An jedem Gehöft bellten dann die Hunde, wenn die Ablösung zurück kam das ganze Gebelle noch einmal. Die sogenannten Grenzführer wussten das und erkannten am Gebell der Hunde genau, wo sich unsere Posten befanden. Zum Leidwesen der Soldaten entschloss ich mich, die Anmarsch- und Abmarschwege zu verlegen, so dass sie außen um den Ort herumführten und keine Hunde mehr bellten. Von nun an wussten wir, wo sich nachts Leute im Ort bewegten, denn nun bellten die Hunde nicht mehr unseretwegen. Leider waren die Wege der Soldaten beträchtlich weiter geworden und sie demzufolge eher losmarschieren mussten. Übrigens waren einige Soldaten was die Hundestimmen betraf, so perfekt geworden, dass sie genau sagen konnten, welcher Hund gerade bellt und wo.
Auch die Bewaffnung wurde erneut gewechselt, Wir bekamen die MPi K und den Karabiner 100. Am ersten Mai war sozusagen traditionell verstärkter Grenzdienst, d.h. es wurde vom 8-Stundendienst zum 12-Stundendienst übergegangen, um mehr Posten einsetzen zu können. Der 12-Stundendienst war eine extrem hohe Belastung für die Soldaten. 12 Stunden Posten- oder Streifendienst, dazu die manchmal sehr langen Anmarsch- und Abmarschwege, es gab nur Essen, Schlafen und wieder zum Dienst gehen. Vormittags bekomme ich über das Grenzmeldenetz die Meldung, dass ein Demonstrationszug aus Hessen über Hessendamm sich in Richtung Grenze bewegt und ein weiterer Zug sich aus Mattierzoll, unsere gegenüber liegende Ortschaft, ebenfalls zur Grenze bewegt. Die Leute aus Mattierzoll verharrten an der Grenze, die Hessener wurden durch den Grenzposten mit der Waffe in Schach gehalten. Die Situation konnte jeden Augenblick eskalieren. Ich schärfte den Soldaten kurz ein, nur zu schießen, wenn wirklich ihr Leben in unmittelbarer Gefahr sei. Dann hielt ich vor den Hessenern eine natürlich nicht geplante Mairede, machte ihnen klar, dass jede Einzelaktion zum Scheitern verurteilt ist, nur wenn alle die Einheit wollen, dann wird es sie auch geben. Ich hatte Erfolg. Als die ersten kehrt machen, marschierten auch die Leute aus Mattierzoll wieder nach Hause. Ich meldete pflichtgemäß das Vorkommnis an die Kommandantur nach Dedeleben.
Dann trafen in der Dienststelle alle möglichen Offiziere ein, vom Regiment, damals noch Grenzbereitschaft, aber auch andere, die ich nicht kannte. Ich wurde aufgefordert, meine Entschlüsse und Befehle darzulegen. Mir wurde vorgeworfen, dass ich mich selbst in Gefahr gebracht hätte und als Kommandeur bei einem Zwischenfall nicht mehr hätte handeln können. Die „Rädelsführer“ hätte ich auch nicht erkannt, wurde mir vorgeworfen, weil ich gesagt hatte, das waren alles Fremde. Ich bin aber nicht disziplinarisch zur Verantwortung gezogen worden. Beim Biertrinken später in der Dorfgaststätte hat mir so mancher aus dem Ort wortlos auf die Schulter geklopft. Im Januar 1952 schlägt wieder die Stunde des Abschiedes von einer Dienststelle, ich werde nach Harbke versetzt.
Der 39.


bendix, hundemuchtel 88 0,5, Udo, schulzi, Rothaut, EK82I, IM Kressin, MHL-er, turtle, vs1400, EK 70, Grenzkind1978 und VNRut haben sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#15

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 03.03.2015 19:01
von thomas 48 | 3.569 Beiträge

Es war sehr interessant.
Ich wundere mich immer über das Vertrauen welches die Genossen untereinander hatten


der 39. hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#16

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 03.03.2015 19:23
von Gert | 12.354 Beiträge

Zitat von der 39. im Beitrag #10
Leider ist die Resonanz auf meine beiden ersten Beiträge zum ersten Tag nur sehr gering. Möglicherweise besteht für die ganz alten Geschichten wirklich kein Interesse mehr. Ich finde in den Forenbeiträgen ohnehin eine andere Generation und hoffe wohl vergebens auf Wortmeldungen von Mitgliedern, die vor 1963 gedient haben. Kann das auch daran liegen, dass ich Offizier war und deshalb abgelehnt werde?Außerdem ist mir noch unklar, wo meine Beiträge aus 2010 geblieben sind, ebenfalls zum Thema : Erster Tag..
Einen 3. Beitrag werde ich in den nächsten Tagen noch einmal einstellen, dann warte ich erst einmal ab.
Der 39.

du bist sicher der älteste Grenzer hier im Forum, jedenfalls kann ich mich nicht erinnern, einen neuen Forenteilnehmer hier gelesen zu haben, der noch vor Gründung der DDR an dieser Zonengrenze stand. Da erhebt sich für mich auch die Frage nach dem Sinn des Grenzdienstes. Es war ja zu der Zeit noch eine Zonengrenze zwischen der sowjetischen und britisch/amerikanischen Zone. Wieso wurde da überhaupt Grenzdienst gemacht? Deutschland war doch noch eine Einheit. Was hat man euch damals dazu gesagt, warum ihr an dieser " Grenze" Dienst verrichten solltet?
Ich war zu der Zeit noch ein Kind und mein Vater erzählte mir, das er zwecks Schmuggeln zur Beschaffung der vielen Mangelwaren in der Sowjetzone von unserem damaligen Wohnort in Erfurt in die britische Zone über Waldwege ging und zwar bei Ellrich im Harz. 1 - 2Tage und dann mit vollem Rucksack zurück.
Deine Geschichte finde ich sehr interessant, weil das wirklich das " Adam und Eva " des 40 jährigen Grenzdienstes der DDR ist. Schreib bitte weiter


.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
Geld ist geprägte Freiheit!
Dostojewski 1866
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
der 39. und IM Kressin haben sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#17

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 03.03.2015 20:34
von GKUS64 | 1.609 Beiträge

Unbedingt weiter schreiben!

Das wünscht sich ein DDner von einem DDner!


der 39. und IM Kressin haben sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#18

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 03.03.2015 21:13
von damals wars | 12.175 Beiträge

Im Gut Gimritz in Halle befindet sich heute ein Altersheim.
Grüße aus Halle


Als Gott den Menschen erschuf, war er bereits müde; das erklärt manches.(Mark Twain)
Ein demokratischer Rechtsstaat braucht Richter, keine Henker. Interview auf der Kundgebung Je suis Charlie am 11.01.2015
"Hass hat keinen Glauben, keine Rasse oder Religion, er ist giftig." der Witwer der britische Labour-Abgeordnete Jo Cox.
http://www.neo-magazin-royale.de/zdi/art...fur-frauke.html
der 39. hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#19

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 03.03.2015 22:43
von der 39. | 522 Beiträge

Zitat von GKUS64 im Beitrag #17
Unbedingt weiter schreiben!

Das wünscht sich ein DDner von einem DDner!

Wenigsens noch ein Dresdener. Das ist ja wie eine Ablösung. Ich habe 15 Jahre vor DIr den Dienst begonnen und bin gegangen, als Du kamst. Danke, dass Du Dich gemeldet hast
Der 39.


IM Kressin hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#20

RE: Der erste Tag

in Grenztruppen der DDR 03.03.2015 23:12
von passport | 2.638 Beiträge

@der 39.

Finde Deine Berichte gut. Mach einfach weiter so.
Mein alter Herr trat im Jahr 1948 der DGP im Land Thüringen bei.


passport


der 39. hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen


Besucher
4 Mitglieder und 33 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: Andre Lambert
Besucherzähler
Heute waren 310 Gäste und 22 Mitglieder, gestern 3660 Gäste und 197 Mitglieder online.

Forum Statistiken
Das Forum hat 14371 Themen und 558175 Beiträge.

Heute waren 22 Mitglieder Online:

Besucherrekord: 589 Benutzer (24.10.2016 20:54).

Xobor Ein eigenes Forum erstellen