#41

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 11:48
von FRITZE (gelöscht)
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Nun, dass man Personen, die nicht systemkonform waren oder anderweitig im Wege waren, nun, das ist kein Alleinstellungsmerkmal der DDR.

Der Gustl Mollath hats erfahren ,am eigenen Laibe !

http://de.wikipedia.org/wiki/Gustl_Mollath


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#42

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 11:50
von Gelöschtes Mitglied
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Zitat von EMW-Mitarbeiter im Beitrag #40
Nun, dass man Personen, die nicht systemkonform waren oder anderweitig im Wege waren, nun, das ist kein Alleinstellungsmerkmal der DDR.
nur mal zum nachdenken: in der Psychatrie sieht heute vieles besser aus, leider ist das für die Mehrheit der Betroffenen aber heute schlimmer, wie vor rund 20 Jahren. Beidseits der Grenze.

Meine Frau arbeitet mit geistig schwerbinderten bzw. geistig auffälligen Menschen. Leider fällt es mir schwer, darüber zu schreiben, ohne dabei jemanden Probleme zu bereiten. Vielleicht fällt mir was dazu ein.


Zu der Geschichte meines Vaters, die ich umgehend noch fortsetze, aus meiner Sicht spezifiziere, kommt hinzu, das mein Neffe Sebastian das DownSyndrom hat, eine genetisch bedingte, psychologische Störung, aber glücklicher Weise in heutiger Zeit im Familienkreis aufwachsen, leben kann. Ich weis dadurch genau, wovon ich schreibe und einfach mache ich es mir dabei sicher nicht.


zuletzt bearbeitet 22.01.2015 12:00 | nach oben springen

#43

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 12:06
von Gelöschtes Mitglied
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Zitat von Stuelpner im Beitrag #20
Vor ein paar Wochen war ich zur Besichtigung im Schloß Hubertusburg in Wermsdorf/Sachsen. Dort ist eine psychiatrische Klinik untergebracht. Patient dieser Klinik war Karl Hans Janke, der als "pathologischer Erfinder" behandelt wurde. Unzählige Entwicklungen, die einen zum Staunen bringen, entstanden in der Zeit bis zu seinem Tod 1988. Erst jetzt wurden diese Schätze bei Renovierungsarbeiten auf dem Dachboden gefunden. Ihm ist ein kleines Museum gewidmet, wo viele seiner Originalerfindungen ausgestellt sind. Ein halbstündiger Film informiert über die Klinik und den genialen Erfinder. Ein kleiner Mosaikstein der Psychiatrie in der DDR.

Gruß Stuelpner


Dieser Thread hat eine von mir erwartete Eigendynamik bekommen, das ich diesen wertvollen Beitrag erst jetzt las, der bisher von mir unbeachtet, dazwischen kam. Danke,


Stuelpner hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#44

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 12:25
von Rainman2 | 5.762 Beiträge

Ob nicht systemkonforme Menschen auf diesem Weg zum Schweigen gebracht wurden, ist vielleicht möglich. Ich gebe aber zu bedenken, dass es auch unter den Medizinern der DDR einen Berufsethos gab, der eine solche Vorgehensweise sehr in Frage stellen könnte. Wir bewegen uns da eigentlich schon auf dem Gebiet von Verschwörungstheorien. Ich möchte hier ehrlich gesagt nicht der Gedankenkette: "Wäre ja möglich - könnte es gegeben haben - gab es bestimmt ..." sinnlos hinterher rennen.

Allerdings ist die Psychiatrie auch ein Ort, an dem es zu merkwürdigen Informationsflüssen kommen kann. Mir fiel wieder ein Beispiel aus Leipzig Dösen ein. Bei einem Besuch und einem Gespräch mit Patienten aus der Sozialtherapiestation kam eine Patientin aus einer anderen Station dazu. Man kannte sich, sie wurde akzeptiert und kümmerte sich nahezu rührend um andere, half, informierte Ärzte oder Pfleger, wenn diese etwas übersehen hatten. Ich gestehe, die Tatsache, dass es eine junge und gutaussehende Frau war, erleichterte es ihr, auch mit mir in ein Gespräch zu kommen. Wir unterhielten uns eine Weile, andere zogen sich aus der Runde zurück. Als wir unter vier Augen waren, flüsterte sie mir plötzlich zu, sie werde hier festgehalten, damit sie nicht nach ihrem Kind suche. Ich war zunächst perplex. Ihre Geschichte erzählte von einer Zwillingsgeburt, bei der man ihr das zweite Kind weggenommen hatte. Man gab ihr nur ein Kind. Als sie nach dem zweiten Kind fragte und es forderte, wich man ihr aus und später steckte man sie in eine psychiatrische Klinik um sie loszuwerden. Sie erzählte Details über die Zwillingsgeburt, die im logischen und zeitlichen Ablauf so abstrus waren, dass sie nicht stimmen konnten. Als erneut jemand ins Gespräch kam, brach sie ab und wurde wieder freundlich. Ich sah die Frau bei späteren Besuchen nicht wieder. Ich erkundigte mich nach ihr und erhielt sinngemäß folgende (man verzeihe die laienhafte Formulierung) Antwort: Das Gehirn dieser Frau hatte die Geburt ihres Kindes zweimal abgespeichert. Sie hatte tatsächlich nur ein Kind bekommen. Alle Widersprüche glich sie immer wieder durch andere Geschichten aus (z.B. mal lagen 2, mal 14 Tage zwischen den beiden Geburten).

Es ist schwierig zu überblicken, was da in diesen ca. 20 Milliarden Nervenzellen alles passieren kann. Was Abweichung, was Krankheit, was Gestörtheit ist. Ich habe einen verdammten Respekt vor Leuten, die sich der Psychiatrie widmen um anderen Menschen zu helfen. Und dieses Helfen bezieht sich ja nicht nur auf die Patienten, sondern eben auch auf die Umwelt der Patienten.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


zuletzt bearbeitet 22.01.2015 12:26 | nach oben springen

#45

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 12:38
von Gelöschtes Mitglied
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Zitat von Rainman2 im Beitrag #44
Ob nicht systemkonforme Menschen auf diesem Weg zum Schweigen gebracht wurden, ist vielleicht möglich. Ich gebe aber zu bedenken, dass es auch unter den Medizinern der DDR einen Berufsethos gab, der eine solche Vorgehensweise sehr in Frage stellen könnte. Wir bewegen uns da eigentlich schon auf dem Gebiet von Verschwörungstheorien. Ich möchte hier ehrlich gesagt nicht der Gedankenkette: "Wäre ja möglich - könnte es gegeben haben - gab es bestimmt ..." sinnlos hinterher rennen.

.....
......
......


ciao Rainman


Nein, keine Verschwörungstheorien. Du hast so viel und ausführlich geschrieben, möchte aber nur kurz antworten. Dein Beispiel mit einer möglichen "Blockade". Wenige Posts zuvor schrieb ich über das DownSyndrom meines Neffen. Meine Schwägerin, obwohl sofort informiert, wollte die Krankheit des Kindes mindestens 6 Monate lang nicht wahr haben, blendete sie einfach aus, wurde aggressiv, wenn mein Schwager sie darauf ansprach. Und sie machte ihm Vorwürfe in Bezug auf seine xy-Chromosomen. Ein Rückblick auf eventuelle Erbbelastungen war beiderseits negativ. Sie haben diese schwierige Anfangszeit gut gemeistert, überstanden. Heute sind die beiden ganz fürsorglich liebende Eltern, die sich sehr gut ergänzen, wobei die Behinderung von Sebastian zum ganz normalen Alltag gehört und kein Thema mehr ist. Durch Rückübereignung und Landverkauf nach der Wende durch die Eltern meiner Schwägerin, Gewinner der Wende, war auch die finanzielle Basis für das soziale Umfeld aller gesichert, was auch wichtig und nicht in jedem Falle selbstverständlich und möglich ist. Ein paar Jahre später wurde eine gesunde, sehr intelligente Tochter geboren, die ebenfalls Musik, wie unsere, macht und sich lange Zeit mit Japanologie beschäftigte. Sebastian arbeitet in einer entsprechend betreuten Einrichtung und ist ein toller, freundlich sensibler Mann geworden, der sich seinen Möglichkeiten entsprechend, auch sprachlich gut weiter entwickelt hat.


zuletzt bearbeitet 22.01.2015 13:10 | nach oben springen

#46

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 12:42
von Lutze | 8.039 Beiträge

nur etwas merkwürdig @Rainman2,das diese Frau auf einmal weg war,
wenn sie doch die Wahrheit erzählt hat?
denkbar wäre es
Lutze


wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren
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#47

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 12:52
von EMW-Mitarbeiter | 465 Beiträge

Zitat von Lutze im Beitrag #46
nur etwas merkwürdig @Rainman2,das diese Frau auf einmal weg war,
wenn sie doch die Wahrheit erzählt hat?
denkbar wäre es
Lutze

Woran machst Du fest, dass sie die Wahrheit sagt? Also, da gehört schon mehr dazu, als einfach zuhören und später feststellen, sie ist weg. Das ist dann eher "Dschungelcamp-Logik". Man sollte nicht glauben, was manch ein geistig Behinderter für Geschichten erzählen kann, und das sogar richtig detailiert.

Es ist auch übrigens keine neue Errungenschaft, das nun Trisomie-21 Behinderte zuhause geplegt werden können. Das ging, je nach Schwere der Vehinderung auch früher. Allerdings gibt es eben diese Genmutation eben mit leichten Behinderungen, als auch in schweren Behinderungen.


Warum wachsen wohl BRD und die 5 neuen Bundesländer nicht zusammen bzw. werden es nie tun? Man merkt es zum Teil auch hier im Forum.
Ich für meine Person werde mich jedenfalls politisch nicht mehr äussern und mich an Diskussionen mit politischen Seitenhieben und nach unten treten nicht mehr beteiligen.
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#48

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 13:24
von Gelöschtes Mitglied
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Zitat von Lutze im Beitrag #46
nur etwas merkwürdig @Rainman2,das diese Frau auf einmal weg war,
wenn sie doch die Wahrheit erzählt hat?
denkbar wäre es
Lutze


@Lutze

Dann wäre die Frage, aus welchem Grunde sollte man ihr das zweite Kind vorenthalten wollen?
Wenn ihr sozialer Status so fragwürdig gewesen wäre, hätte man ihr doch sicher beide Kinder vorenthalten?

Gruß Reinhard


zuletzt bearbeitet 22.01.2015 13:25 | nach oben springen

#49

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 13:34
von Gelöschtes Mitglied
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Zitat von Rainman2 im Beitrag #44
.......dass es auch unter den Medizinern der DDR einen Berufsethos gab, der eine solche Vorgehensweise sehr in Frage stellen könnte.
ciao Rainman


Eid des Hippokrates

Der Eid in der DDR

In der DDR wurde der Eid unter Bezug auf das Gesellschaftssystem mit folgenden Worten eingeleitet:

„In hoher Verpflichtung gegenüber der sozialistischen Gesellschaft und ihren Bürgern, eng verbunden mit der Deutschen Demokratischen Republik, gelobe ich …“


Zitat/Quelle: Wikipedia

Ist dieser Beitrag glaubwürdig? >>>> http://www.antipsychiatrieverlag.de/vers...tel/mueller.htm


zuletzt bearbeitet 22.01.2015 13:41 | nach oben springen

#50

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 13:38
von Lutze | 8.039 Beiträge

Zitat von Reinhardinho im Beitrag #48
Zitat von Lutze im Beitrag #46
nur etwas merkwürdig @Rainman2,das diese Frau auf einmal weg war,
wenn sie doch die Wahrheit erzählt hat?
denkbar wäre es
Lutze


@Lutze

Dann wäre die Frage, aus welchem Grunde sollte man ihr das zweite Kind vorenthalten wollen?
Wenn ihr sozialer Status so fragwürdig gewesen wäre, hätte man ihr doch sicher beide Kinder vorenthalten?

Gruß Reinhard



da tun sich viele Fragen auf,
warum flüstert diese Frau ihre Geschichte einen Außenstehenden zu?
diese Fragen kann ich nicht beantworten,woher auch
Lutze


wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren
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#51

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 13:44
von Gelöschtes Mitglied
zuletzt bearbeitet 22.01.2015 13:47 | nach oben springen

#52

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 13:45
von schnatterinchen (gelöscht)
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Die schwurbelt ja auch ganz schön rum. Und wen interessierte es denn im Westen , wenn eine renitente unbekannte Person in der DDR

http://www.psychiatrie-und-ethik.de/aktu...Psychiatrie.pdf


"Klapsmühle" eingesperrt wurde.


Paramite und Lutze haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 22.01.2015 13:50 | nach oben springen

#53

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 14:01
von Paramite | 414 Beiträge

Zitat von schnatterinchen im Beitrag #52
Die schwurbelt ja auch ganz schön rum. Und wen interessierte es denn im Westen , wenn eine renitente unbekannte Person in der DDR

http://www.psychiatrie-und-ethik.de/aktu...Psychiatrie.pdf


"Klapsmühle" eingesperrt wurde.





Dieser Bericht beantwortet doch meine Frage.


Wenn du zu viel säufst, geht die Leber am Alkohol kaputt. Wenn du zu viel rauchst, haut's die Lunge auseinander. Aber das Hirn lässt sich mit allem Blödsinn füllen – es bleibt schmerzfrei! Richard Rogler

Alt werden und dumm bleiben, das ist ein richtiges Kunststück! Hans Kasper
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#54

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 14:01
von EMW-Mitarbeiter | 465 Beiträge

Zitat


da tun sich viele Fragen auf,
warum flüstert diese Frau ihre Geschichte einen Außenstehenden zu?
diese Fragen kann ich nicht beantworten,woher auch
Lutze


Weil die anderen schon die Geschichte kennen? Und weil die Person hier ein neues "Opfer" findet?


Warum wachsen wohl BRD und die 5 neuen Bundesländer nicht zusammen bzw. werden es nie tun? Man merkt es zum Teil auch hier im Forum.
Ich für meine Person werde mich jedenfalls politisch nicht mehr äussern und mich an Diskussionen mit politischen Seitenhieben und nach unten treten nicht mehr beteiligen.
zuletzt bearbeitet 22.01.2015 14:05 | nach oben springen

#55

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 14:02
von schnatterinchen (gelöscht)
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Zitat von Paramite im Beitrag #53
Zitat von schnatterinchen im Beitrag #52
Die schwurbelt ja auch ganz schön rum. Und wen interessierte es denn im Westen , wenn eine renitente unbekannte Person in der DDR

http://www.psychiatrie-und-ethik.de/aktu...Psychiatrie.pdf


"Klapsmühle" eingesperrt wurde.





Dieser Bericht beantwortet doch meine Frage.



Hier noch ein Link von einer Person aus diesem Bericht.Waltraud Krüger schrieb das Buch Ausreiseantrag - Sie nannten mich Nervensäge.

http://www.ddr-ausreise.de/1905020.htm


"Wer den sozialistischen Staat DDR verlassen will, kann nicht normal sein."


zuletzt bearbeitet 22.01.2015 14:22 | nach oben springen

#56

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 14:56
von Rainman2 | 5.762 Beiträge

Zitat von Lutze im Beitrag #46
nur etwas merkwürdig @ Rainman2,das diese Frau auf einmal weg war,
wenn sie doch die Wahrheit erzählt hat?
denkbar wäre es
Lutze

Nein, @Lutze ,

Ich habe sie nicht mehr getroffen. Ich hatte sie vorher nicht gesehen und danach halt auch nicht mehr. Leipzig Dösen ist kein kleines Krankenhaus und ich schrieb ja auch, dass sie auf einer anderen Station lag. Außerdem war die Zeit meiner Besuche dort begrenzt auf ein viertel Jahr. Ich hatte aber im Nachhinein mit zwei ehemaligen Patienten von dort gesprochen und übereinstimmend die von mir hier gegebene Auskunft erhalten. Sie hatte so ziemlich jedem eine andere Rahmengeschichte erzählt. Glaub mir, Lutze, wir haben hier das bittere Schicksal eines erkrankten Menschen vor uns, nicht die Verschwörung von irgendwem gegen eine junge Mutter.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


Lutze hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#57

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 17:42
von Gelöschtes Mitglied
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Zu der Zeit, über die ich berichte, mein Vater und meine Mutter in den Anfängen der DDR, mag es ja leider noch gegolten haben, das man eine besondere Obrigkeitshörigkeit hatte, besonders den „Göttern in weiß“ gegenüber. Nicht nur gegolten, sondern es war ungeschriebenes Gesetz. Das hat sich heute zum Glück ganz anders entwickelt, man weiß, dass die niedergelassenen Ärzte auch um jeden Patienten kämpfen müssen. Der Patient an sich ist aufgeklärter und selbstbewusster und fragt den einen oder anderen Kollegen erst, bevor er sich einer kostenintensiven Behandlung unterzieht, auch wenn sie die Krankenkasse bezahlt. Das Internet spielt auch eine große Rolle, wo sich jeder zunächst aufgrund gewisser Zipperlein seine persönliche Selbstdiagnose stellen lassen, was manchmal total daneben und fatale Folgen haben kann. Eine gewisse Vorbereitung durch Informationen zur Fragestellung beim Arzt seines Vertrauens ist heute aber legitim und angesagt und jeder Arzt sollte dies auch verstehen können. Nur ein Patient, der sich mit der Krankheitsmaterie auseinander setzt, versteht auch die Diagnose und die daraus schlussfolgernden Therapieangebote. Kosten- und Zeitdruck bei den Ärzten zwingen den Patienten heute oftmals zum Mitdenken und Prüfen von Rezepten beispielsweise. Wettbewerb und Preisvergleiche auch bei den ärztlichen Dienstleistungen, was ich für sehr zeitgemäß und nützlich empfinde.

Mein Vater, ein sehr guter Facharbeiter, künstlerisch, handwerklich begabt, feinsinnig und der Philosophie zugeneigt. Meine Mutter die Realität des Lebens in persona. In Pommern hat sie bereits als Kind die Gänse gehütet und dem Vater, meinem Opa, beim Fischer-Netze-Flicken am Ostsee-Strand geholfen. Zwei Charaktere, die unterschiedlicher nicht sein konnten. Beide fanden aber zusammen. Wo die Liebe hin fällt. Die Nachkriegsjahre waren ja bekanntlich sehr schwer in Ost und West. Sie begannen sich eine kleine Welt aufzubauen, wobei auch ich dabei entstand. Als Flüchtlinge wohnte meine Mutter zuerst mit ihren Eltern zusammen und dann bekamen mein Vater und meine Mutter ein kleines Häuschen mit einem Zimmer am Rande unserer Siedlung und danach das sog. Westgrundstück mit 2,5 Zimmern, Küche, und Veranda. Das schon beschriebene rote Haus mit den grünen Fensterläden. Beide arbeiteten sehr viel. Meine Großmutter wohnte letztlich auch auf unserem Grundstück in einem kleinen Haus mit einem Zimmer über Garage und Waschküche. Die musste mit mir dann auch fertig werden, während meine Eltern das Geld verdienten. Dass wiederholt sich gerade auch bei meiner Tochter und meiner Enkeltochter für mich als Opa für alle Fälle. .

Meine Mutter hat in dieser Zeit die „Eskapaden“ meines Vaters mit Hobby Motorrad, Modell-Eisenbahn und Drehbank im Keller, seine Ölmalereien, nicht verstehen können. Ich glaube, das ihm dies auch oftmals sehr weh tat. Es gab auch diesbezügliche Auseinandersetzungen. Mein Vater war kein Kneipengänger und trank Alkohol nur bei besonderen Anlässen und dies auch wirklich sehr mäßig. Nun will ich wirklich nicht mehr so weit ausholen. Die fehlende Anerkennung seitens meiner Mutter, die posttraumatischen, nicht verarbeiteten Erlebnisse während des Stalingrad-Feldzuges mit seiner zusätzlichen Verwundung, seine kräftezehrende Vielfältigkeit in Arbeit und Hobby führten schlussendlich zu seiner psychischen Erkrankung, die ich hier im Einzelnen nicht genau beschreiben werde. Nur so viel, er hörte im Radio Stimmen, die nicht da waren, er fuhr mit seinem Motorrad nach Ahrensfelde in die Kneipe und trank. Das machte meine Mutter sehr eifersüchtig und verstärkte die fehlende Anerkennung von ihr noch mehr durch Eifersuchts-Vorwürfe. Die Ärzte attestierten später ein manisch-depressives Krankheitsbild. Ich habe noch in Erinnerung, wie sich sein Zustand oft von himmelhoch jauchzender Euphorie in eine mit den Händen auf den Kopf gestützte Lethargie abwechselte.

Meine Mutter war mit der Situation überfordert und wusste sich nach geraumer Zeit nicht mehr anders zu helfen, als das sie im Krankenhaus anrief, was damals von Neu-Lindenberg aus nicht so einfach war. Die einzige Telefonzelle war meistens defekt und es gab in der ganzen Siedlung höchsten zwei oder drei private Anschlüsse. Nach etwa zwei Stunden hielt der Barkas-Krankenwagen vor unserem Gartentor und sie nahmen meinen Vater mit in die Anstalt nach Eberswalde. Jetzt mache ich eine kleine Pause, bis ich dann zu dem Schluss meiner Erzählung kommen werde.


zuletzt bearbeitet 22.01.2015 18:02 | nach oben springen

#58

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 19:01
von Gelöschtes Mitglied
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Solche Menschen, wie mein Vater es damals war, begegnen einem heute tagtäglich und niemand würde nur ansatzweise auf die Idee kommen, in einem Krankenhaus anzurufen und diese Menschen in eine geschlossene Anstalt befördern zu lassen. Damals war das aber so und zu einfach, wie ich meine. Ich habe niemals gesagt, das ich eine politische Gedankenverbindung zwischen Psychiatrie und DDR knüpfen wollte. Durch die Eigendynamik der Post einiger User hat sich dieser Thread auch thematisch in dieser Richtung entwickelt. Ich hatte meinen Vater sehr lieb. Meine Mutter auch, aber das war anders. Sie war sehr herrisch, was sich während der Krankenhausaufenthalte meines Vaters noch verstärkte. Sie meinte wohl, als allein erziehende Mutter besonders streng sein zu müssen, wo ich voll dagegen hielt.

Bei Krankenhausurlauben sah ich, wie mein Vater täglich bis zu 14 verschiedene Tabletten-Sorten schlucken musste. Ein kostenloser Proband für die Erforschung der Medikamente seitens der ostdeutschen Pharmaindustrie. Ruhig stellen mit allen Mitteln. Das war der einzige Versuch einer wissenschaftlichen Heil-Methode damaliger Zeit. In seiner depressiven Phase, selbstverständlich auch durch die ungeheure Menge an Betäubungsmitteln, versuchte er einen Suizid, der aber misslang. Mein Vater war kein Staatsfeind, der mehrfach in einer psychiatrischen Anstalt eingewiesen wurde. Er war einfach krank. Ich besuchte ihn sonntags in Eberswalde und musste eine kleine Weltreise mit verschiedenen öffentlichen Verkehrsmitteln machen und mich dann noch auf den Gelände zu der geschlossenen Anstalt durchkämpfen, wo mir dann aufgeschlossen wurde und ich als Jugendlicher Menschen sah, die man in diesem Alter besser so gebündelt noch nicht sehen sollte.

Unser Heimatort bestand aus ca. 120 Seelen. Wenn einer damals betrunken des Abends aus der Kneipe torkelte, wusste es am nächste Morgen die ganze Siedlung. So auch von meinem Vater von dessen Einweisung in die Nervenheilanstalt und ihr könnt Euch vorstellen, was dies für ein Kind bedeutet. Man ist geächtet in diesem miefigen, spießigen Umfeld, aber man wird gleichzeitig auch stark dabei. Meinen richtigen Frieden mit meiner Mutter konnte ich bis heute noch nicht machen. Mein Vater starb dann 1982 im Krankenhaus Friedrichshain, im Koma liegend, an Nierenversagen. Ich denke, es waren die vielen unterschiedlichen Medikamente, die seine Organe zerstörten. Schuldzuweisungen sind müssig.


zuletzt bearbeitet 22.01.2015 19:10 | nach oben springen

#59

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 19:10
von Grenzverletzerin | 1.182 Beiträge

Hallo Reinhard,

ich danke dir für deine Ausführungen. Kein leichtes Thema. Leider sind im Mom die meisten mit ihren ..***.IDA -Grabenkämpfen beschäftigt. Ich habe zu DDR - Zeiten nie etwas mit Psychiatrien zu tun gehabt, noch kannte ich jemanden der dort war. Deshalb kann ich leider nichts dazu beitragen.
Ich kannte einige Renitente in der DDR aber GsD kann ich nicht berichten, dass jemand verschwand oder in der Psychiatrie landete...in Filmen wird es öfter mal ins Spiel gebracht.


Unter Chemikern funktioniert die Evolution noch: Dumme Experimentierer werden natürlicherweise und rasch eliminiert.

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#60

RE: "Einer flog über das Kuckucksnest" - Psychiatrie in der DDR

in DDR Staat und Regime 22.01.2015 19:17
von Gelöschtes Mitglied
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Zitat von Grenzverletzerin im Beitrag #59
Hallo Reinhard,

ich danke dir für deine Ausführungen. Kein leichtes Thema. Leider sind im Mom die meisten mit ihren ..***.IDA -Grabenkämpfen beschäftigt. Ich habe zu DDR - Zeiten nie etwas mit Psychiatrien zu tun gehabt, noch kannte ich jemanden der dort war. Deshalb kann ich leider nichts dazu beitragen.
Ich kannte einige Renitente in der DDR aber GsD kann ich nicht berichten, dass jemand verschwand oder in der Psychiatrie landete...in Filmen wird es öfter mal ins Spiel gebracht.



Ein Thema, was offenbar kurz vor dem Tod kommt....Ich danke Dir. Sicher gibt es hier und einige haben sich ja schon geäußert, einen, der einen kannte, dem so etwas widerfahren ist. Es ist einfach auch ein Thema, welches in diesem Forum noch so nicht besprochen wurde und ich habe es nun mal gemacht, ohne die DDR in diesem Fall diskreditieren zu wollen. Es war eben auch ein Stück DDR und welche Willkürlichkeiten dabei auch entstanden, kann man ja besser bei Google recherchieren, es sei denn, es finden sich noch Zeitzeugen, die auch bereit sind, sich dazu öffentlich zu äußern.

Liebe Grüße, Reinhard


Grenzverletzerin hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 22.01.2015 19:25 | nach oben springen



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