#21

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 29.01.2014 21:28
von 94 | 10.792 Beiträge

naja @gs26, sooo an den Haaren herbeigezogen isses ja nun och nicht in dem Film. Und @Kurt, Frage Buch ... biste sicher? Ich meine mich nur an diese 'Wissen und Kämpfen'-Hefte erinnern zu können.
Dagegen bei der GWW waren das aktuelle Programm der SED und der KPdSU sowie die blauem und roten Sechsbänder (zumindest die Schutzümschläge, der Polit von Neuenhof hatte tatsächlich mal das Kamasutra 'getarnt', sozusagend ein Sexbänder) von Vorteil. Achso, wenn eine ellenlange Rede oder sowas auf der Titelseite vom ND war, kam eine konspektierte Version davon och nicht schlecht.

Wissen und Kämpfen ... http://www.ddr-museum.de/de/museum/objektdatenbank/1003402
blaue und rote 6bänder ... http://img.zvab.com/member/02794s/56696092.jpg und http://img.zvab.com/member/d04904/46886071.jpg

P.S. Programm war auch nicht schlecht, meinte aber Bericht und Direktive ... http://img.zvab.com/member/49661k/1357150.jpg


Verachte den Krieg, aber achte den Krieger!


zuletzt bearbeitet 29.01.2014 21:31 | nach oben springen

#22

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 29.01.2014 21:33
von mibau83 | 822 Beiträge

lutze du bist doch, wenn ich es richtig gelesen habe, ein ossikind.
du hast doch auch solche sachen wie fdj-studienjahr und stabü erlebt, wie erging es dir dabei?
nicht anders haben wir den polituntericht auf einer grenzkompanie erlebt, haben immer schön zugehört und uns dabei ausgeruht ;-)
über irgendwelche grenzspezifischen sachen ging es dort nicht.


Lutze hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#23

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 29.01.2014 21:35
von Vogtländer (gelöscht)
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Nun stellen wir uns mal vor:
Ein frischer Polit hat seinen ersten Grenzdurchbruch.Mit Todesfolge!
Er fängt an,an der Berechtigung der Grenze und des Waffeneinsatzes zu zweifeln und verzweifeln.Ergebnis:Er sieht sich nicht mehr befähigt,den Politunterricht weiterzuführen.War eine Umsetzung dann machbar?oder sogar die bessere Lösung?


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#24

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 29.01.2014 21:36
von Rainman2 | 5.762 Beiträge

Ach Lutze, das sind ja wieder so viele Fragen auf einmal. Ich fange mal mit der ersten Frage an:

Ja, es gab Politoffiziere, die irgendwann begannen, an ihrem Auftrag zu zweifeln. Zwei Fälle sind mir direkt bekannt.

Einer war bei uns an der Offiziershochschule der absolut Kundige in allen Fragen Werke von Marx, Engels und Lenin. Er studierte viel in den jeweiligen Gesamtausgaben, ging weit über die Lehrpläne und Studienfragen hinaus. Er war bei uns ein angesehener Spezialist in Fragen Zitate und Textstellen. Seine Abschlussarbeit an der Offiziershochschule schrieb er in Form einer Chrestomathie mit Aussagen von Marx, Engels und Lenin zu Krieg und Frieden. Wir wurden zusammen mit 20 anderen jungen Leutnants direkt von der Offiziershochschule an die Militärpolitische Hochschule geschickt, um dort nach den 3 Jahren OHS noch einen 10-monatigen Lehrgang zur Heranbildung zum Politoffizier zu machen. In dieser arbeitete er an einer Arbeit, die er bereits an der Offiziershochschule mit einem Dozenten für dialektischen und historischen Materialismus (Philosophie) begonnen hatte. Es war, soviel mir bekannt wurde, eine Arbeit, die sich mit den Aussagen der Klassiker zur Entwicklung der Arbeitsproduktivität beschäftigte. Ich fürchte, da der Junge analytisch durchaus stark war, er ist in den Vergleich Theorie und Praxis hineingegangen. Eines Tages war er sang- und klanglos verschwunden. Es hieß, die Arbeit sein unter Verschluss und sein Mentor von der Offiziershochschule hätte auch mächtig Ärger am Hacken. Warum das damals kein Weckruf für mich war ... ich weiß es nicht. Da war einer über das Studium des "Wissenschaftlichen Grundlagen des Sozialismus" in den Zweifel zum Sozialismus geraten. Der Fall wurde unter den Teppich gekehrt, wir erhielten keinerlei Informationen über die Abversetzung oder Entlassung.

Ein zweiter Fall war ein Kollege aus meiner eigenen Ausbildungskompanie in Plauen. Er war, genau wie der im ersten Beispiel genannte und ich, mit nach Berlin zur sofortigen Heranbildung zum Politoffizier gegangen. Man nannte uns dort auch wenig liebevoll: Die Wochenleutnants. Normalerweise brauchte man für diesen Lehrgang mindestens ein Jahr Truppenpraxis. Nach dem erfolgreichen Abschluss dieses Lehrgangs wurden wir unserer Wege geschickt und verloren uns aus den Augen. 1997 traf ich ihn durch Zufall und erfuhr, dass er nach 2 Jahren Truppendienst eine Frau kennengelernt und mit ihr ein Kind gezeugt hatte. Er wollte sie heiraten, doch sie hatte zu viel Westverwandtschaft. Man stellte ihn vor die Wahl Dienst als Politoffizier oder die Frau. Er entschied sich für die Frau und wurde entlassen. Er kam zunächst in die Produktion, konnte aber nach einem Jahr (1986) ein Studium als Jurist aufnehmen. Er schloss dieses 1991 mit Staatsexamen ab und arbeitet noch heute als Volljurist.

Ansonsten gab es auch Politoffiziere, die ihren Glauben oder ihre Motivation verloren hatten und nur noch ihre Zeit herunterdienten. Sie waren erfahren, spulten ihre Texte herunter, machten keine wesentlichen Fehler, hatten aber den Zug nach oben irgendwann oder irgendwie verpasst. Was da noch an wirklicher Haltung da war oder lediglich nur noch als Automatismus wirkte, war schwer nachzuvollziehen.

Das größte Problem an der Arbeit als Polit in der Linie war, dass man keine Zeit für Reflexion, für ruhiges Nachdenken, für Auseinandersetzung hatte. Selbst wenn man das gehabt hätte, wo hätte man die Partner dazu gefunden. Mir wurde das erst klar, als ich zum Diplomstudium nach Berlin ging und mehr als ein halbes Jahr aus der Truppe raus war. Ich musste nicht mehr fast mechanisch politisch funktionieren. Ich konnte plötzlich wieder anfangen zu denken. Eine heikle Sache, sowohl das Funktionieren, als auch das plötzliche Denken.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


Lutze, Damals87, Schuddelkind, 80er und harzstreuner haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#25

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 29.01.2014 21:38
von Kurt | 933 Beiträge

Zitat von 94 im Beitrag #21
naja @gs26, sooo an den Haaren herbeigezogen isses ja nun och nicht in dem Film. Und @Kurt, Frage Buch ... biste sicher? Ich meine mich nur an diese 'Wissen und Kämpfen'-Hefte erinnern zu können.
Dagegen bei der GWW waren das aktuelle Programm der SED und der KPdSU sowie die blauem und roten Sechsbänder (zumindest die Schutzümschläge, der Polit von Neuenhof hatte tatsächlich mal das Kamasutra 'getarnt', sozusagend ein Sexbänder) von Vorteil. Achso, wenn eine ellenlange Rede oder sowas auf der Titelseite vom ND war, kam eine konspektierte Version davon och nicht schlecht.

Wissen und Kämpfen ... http://www.ddr-museum.de/de/museum/objektdatenbank/1003402
blaue und rote 6bänder ... http://img.zvab.com/member/02794s/56696092.jpg und http://img.zvab.com/member/d04904/46886071.jpg

P.S. Programm war auch nicht schlecht, meinte aber Bericht und Direktive ... http://img.zvab.com/member/49661k/1357150.jpg


Handbuch für politische Arbeit in Truppenteilen und Einheiten. Das Buch habe ich genauso behalten, wie Handbuch militärisches Grundwissen und Handbuch für Panzerinstandsetzungsspezialisten. Wie gesagt, alle drei Bücher an der U-Schule bekommen und im Bücherregal geparkt.


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#26

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 29.01.2014 21:40
von 94 | 10.792 Beiträge

Ahh, Du warst Uffz? Alles klar, die Hefte waren für die Grundwehrdiener wimre.

Zitat von Vogtländer im Beitrag #23
Ein frischer Polit hat seinen ersten Grenzdurchbruch.Mit Todesfolge!
Na was nu?

Zitat
[...] Lösung?

Apropos Lösung ... http://youtu.be/TqfOcX_1Fi0?t=155s


Verachte den Krieg, aber achte den Krieger!


zuletzt bearbeitet 29.01.2014 21:41 | nach oben springen

#27

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 29.01.2014 21:41
von Vogtländer (gelöscht)
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Der Grenzverletzer verblutet hinterm Zaun!auf dem Vorgelagerten.
Zugegeben,ein heftiges Beispiel.


zuletzt bearbeitet 29.01.2014 21:42 | nach oben springen

#28

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 29.01.2014 21:44
von seaman | 3.487 Beiträge

Zitat von seaman im Beitrag #20
Zitat von g.s.26 im Beitrag #18
@seaman kannst du da mal etwas mehr Licht machen? Mich würde wirklich interessieren wie so ein Unterricht abgelaufen ist. Ich kenne nur die Variante aus dem Film NVA, aber das war eine Komödie und sicher nicht so wie es gemacht wurde.


seaman



Einfach löschen......


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#29

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 29.01.2014 21:45
von Rainman2 | 5.762 Beiträge

Zitat von Vogtländer im Beitrag #23
Nun stellen wir uns mal vor:
Ein frischer Polit hat seinen ersten Grenzdurchbruch.Mit Todesfolge!
Er fängt an,an der Berechtigung der Grenze und des Waffeneinsatzes zu zweifeln und verzweifeln.Ergebnis:Er sieht sich nicht mehr befähigt,den Politunterricht weiterzuführen.War eine Umsetzung dann machbar?oder sogar die bessere Lösung?

Kurze Antwort: Ja.

Als ich im Jahre 1984 nach unserem ersten Grenzdurchbruch (ohne Verletzte oder Tote) dienstlich immer mehr unter Druck geriet und sich abzeichnete, dass meine Zusammenarbeit mit meinem Kompaniechef die Sache auch nicht leichter machte, bot mir der Politstellvertreter des Bataillons direkt und ohne meine Initiative an, mich bei einem Versetzungsgesuch unterstützen zu wollen. ich sollte versuchen, mich in eine Stabseinheit versetzen zu lassen. Was antwortete ich damals, im verzweifelten festhalten an dem Grundsatz: "Du hast dort zu stehen, wo Dich die Partei hinstellt"? Ich lehnte ab. Ein paar Wochen später wurde ich ohne Versetzungsgesuch in den Stab des Regiments versetzt. Nun gut, aber die Möglichkeit der Versetzung unter Beibehaltung der Dienststellung gab es. Für die Parteipolitkader gab es einen speziellen Kaderoffizier im Grenzkommando. Über den lief das dann.

Im Falle einer Nichteinsatzfähigkeit aufgrund moralischer Bedenken oder Probleme wäre eine Abversetzung in jedem Fall erfolgt. Ob es dann zur Weiterverwendung als Offizier oder gar als Politoffizier kam, hing sicher vom Einzelfall ab.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


Lutze, 94, elster427, Damals87, 80er, DoreHolm, Winch und Pzella 82 haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#30

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 29.01.2014 21:48
von Vogtländer (gelöscht)
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Danke Rainman.Wieder mal lehrreich!


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#31

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 29.01.2014 22:05
von Lutze | 8.034 Beiträge

Zitat von mibau83 im Beitrag #22
lutze du bist doch, wenn ich es richtig gelesen habe, ein ossikind.
du hast doch auch solche sachen wie fdj-studienjahr und stabü erlebt, wie erging es dir dabei?
nicht anders haben wir den polituntericht auf einer grenzkompanie erlebt, haben immer schön zugehört und uns dabei ausgeruht ;-)
über irgendwelche grenzspezifischen sachen ging es dort nicht.

ja,ich bin ein geborener Mecklenburger,
wie es mir ging im Staatsbürger-Unterricht?,
gar nicht mal so schlecht,
selbst meine kritischen Fragen versuchte man zu beantworten,
hätte ich nicht gedacht,wird gleich kommen,
und welche Fragen?,
Solidarnosc hat mich sehr beschäftigt als Jugendlicher
Lutze


wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren
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#32

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 29.01.2014 22:12
von elster427 | 789 Beiträge

@Rainman2
als "ungedienter" hab ich da mal ne Frage!
Warst du auch in der GK oder im GB dann als APO bzw BO Sekretär verantwortlich , oder gabs dafür einen extra
Genossen?
mfg Jan


1981 - 1989 MfS BV Potsdam Abt, VI PKE Drewitz
1990 GT GR 44
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#33

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 29.01.2014 22:17
von 94 | 10.792 Beiträge

Polit 'durfte' kein PS sein, zumindest in der GK. Hab aber auch 'ne Frage: Wieviele verschiedene WuK-Hefte gabs eigentlich?


Verachte den Krieg, aber achte den Krieger!


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#34

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 29.01.2014 22:55
von Rainman2 | 5.762 Beiträge

Na dann der Reihe nach:

Zitat von elster427 im Beitrag #32
@Rainman2
als "ungedienter" hab ich da mal ne Frage!
Warst du auch in der GK oder im GB dann als APO bzw BO Sekretär verantwortlich , oder gabs dafür einen extra
Genossen?
mfg Jan

94 hat es schon geschrieben: Der Polit durfte kein Parteisekretär sein.
Ich war verantwortlich für die Arbeit der Grundorganisation der SED, die es auf Kompanieebene bereits gab. Ich wurde auch in die Parteileitung gewählt. Aber Parteisekretär durfte bzw. sollte ich nicht werden. Das Interessante: Es gab neben dem Prinzip der militärischen Einzelleitung, das ja den unbedingten Gehorsam einschließt, auch noch das Prinzip der führenden Rolle der Partei. Diese wurde demzufolge durch den Parteisekretär als den ehrenamtlichen und den Politstellvertreter als den hauptamtlichen Parteiarbeiter durchgesetzt. Beide hatten auch, neben dem Kompaniechef, eigene, voneinander unabhängige Meldewege. Der Parteisekretär war nicht verpflichtet, seine Parteiinformation mit mir abzustimmen. Und ich hatte meinen Meldeweg über die Politabteilung. Dort flossen zwar die Meldungen zusammen, aber das änderte nichts am Prinzip.

Zitat von 94 im Beitrag #33
Polit 'durfte' kein PS sein, zumindest in der GK. Hab aber auch 'ne Frage: Wieviele verschiedene WuK-Hefte gabs eigentlich?

Ich glaube es waren 12 Stück für die gesamte NVA. Das reichte für einen vollen Turnus, da ja noch Sonderhefte (z.B. für die Grenztruppen) bzw. Sonderthemen bei bestimmten Tagungen des ZK der SED oder gar bei einem Parteitag eingesetzt wurden. Frag mich aber bitte nicht mehr nach den konkreten Themen. Letzen Endes ließen sich die Themen auf die Grundüberzeugungen zurückführen, deren Ausprägung ja das Ziel der politischen Arbeit sein sollte:
- Überzeugung von der führenden Rolle der Arbeiterklasse und ihrer marxistisch-leninistischen Partei
- Überzeugung von der friedenserhaltenden Rolle des Sozialismus
- Überzeugung von der Sieghaftigkeit des Sozialismus im Weltmaßstab
- Überzeugung von der führenden Rolle der Sowjetunion und unserem Bruderbund mit ihr
- Überzeugung von der Aggressivität des Imperialismus
Das sitzt noch, und irgendwie rankten sich die Themen an diesem Gerüst entlang.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


elster427, Lutze und Pzella 82 haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#35

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 29.01.2014 22:57
von mibau83 | 822 Beiträge

Zitat von Lutze im Beitrag #31

ja,ich bin ein geborener Mecklenburger,
wie es mir ging im Staatsbürger-Unterricht?,
gar nicht mal so schlecht,
selbst meine kritischen Fragen versuchte man zu beantworten,
hätte ich nicht gedacht,wird gleich kommen,
und welche Fragen?,
Solidarnosc hat mich sehr beschäftigt als Jugendlicher
Lutze


siehste lutze ;-), so habe ich es auch erlebt. habe auch schon immer viel hinterfragt.
im politunterricht auf der grenzkompanie gefiel das dem polit. weil da war einer der aktiv mitmachte, der sich beteiligte und fragen stellte, während die anderen ruhten.
am diensthalbjahresende hat so etwas mir sogar das bestenabzeichen eingebracht, weil aktive teilnahme am politunterricht war schon die halbe miete für die "kratzerplatte".


Lutze hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#36

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 29.01.2014 23:18
von West_Tourist (gelöscht)
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Jeder NVA. Soldat wusste ganz genau was an dieser Politpropaganda, in Wahrheit dran ist. Wie jeder andere DDRler auch. Alle wussten das die Zonengrenze ausschliesslich der Fluchtverhinderung galt. Aber nicht weil auf der andern Seite, die Nato bis auf die Zaehne bewaffnet in Sichtweite steht. Da waren keine Stellungen oder Stacheldraht. Nur gruene Grenze. Schon klar das man den DDR Grenzern im Politunterricht, Sinn und Zweck ihres Dienstes erklaeren musste.


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#37

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 29.01.2014 23:27
von Rainman2 | 5.762 Beiträge

Na schön, dass es immer noch einen gibt, der es zusammenfasst, damit es auch jeder versteht.
Erinnert mich aber irgendwie an früher ...

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


elster427, exgakl, Winch, Pzella 82, EK82I und harzstreuner haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#38

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 29.01.2014 23:44
von Duck | 1.741 Beiträge

Zitat von Rainman2 im Beitrag #24
Ach Lutze, das sind ja wieder so viele Fragen auf einmal. Ich fange mal mit der ersten Frage an:

Ja, es gab Politoffiziere, die irgendwann begannen, an ihrem Auftrag zu zweifeln. Zwei Fälle sind mir direkt bekannt.

Einer war bei uns an der Offiziershochschule der absolut Kundige in allen Fragen Werke von Marx, Engels und Lenin. Er studierte viel in den jeweiligen Gesamtausgaben, ging weit über die Lehrpläne und Studienfragen hinaus. Er war bei uns ein angesehener Spezialist in Fragen Zitate und Textstellen. Seine Abschlussarbeit an der Offiziershochschule schrieb er in Form einer Chrestomathie mit Aussagen von Marx, Engels und Lenin zu Krieg und Frieden. Wir wurden zusammen mit 20 anderen jungen Leutnants direkt von der Offiziershochschule an die Militärpolitische Hochschule geschickt, um dort nach den 3 Jahren OHS noch einen 10-monatigen Lehrgang zur Heranbildung zum Politoffizier zu machen. In dieser arbeitete er an einer Arbeit, die er bereits an der Offiziershochschule mit einem Dozenten für dialektischen und historischen Materialismus (Philosophie) begonnen hatte. Es war, soviel mir bekannt wurde, eine Arbeit, die sich mit den Aussagen der Klassiker zur Entwicklung der Arbeitsproduktivität beschäftigte. Ich fürchte, da der Junge analytisch durchaus stark war, er ist in den Vergleich Theorie und Praxis hineingegangen. Eines Tages war er sang- und klanglos verschwunden. Es hieß, die Arbeit sein unter Verschluss und sein Mentor von der Offiziershochschule hätte auch mächtig Ärger am Hacken. Warum das damals kein Weckruf für mich war ... ich weiß es nicht. Da war einer über das Studium des "Wissenschaftlichen Grundlagen des Sozialismus" in den Zweifel zum Sozialismus geraten. Der Fall wurde unter den Teppich gekehrt, wir erhielten keinerlei Informationen über die Abversetzung oder Entlassung.

Ein zweiter Fall war ein Kollege aus meiner eigenen Ausbildungskompanie in Plauen. Er war, genau wie der im ersten Beispiel genannte und ich, mit nach Berlin zur sofortigen Heranbildung zum Politoffizier gegangen. Man nannte uns dort auch wenig liebevoll: Die Wochenleutnants. Normalerweise brauchte man für diesen Lehrgang mindestens ein Jahr Truppenpraxis. Nach dem erfolgreichen Abschluss dieses Lehrgangs wurden wir unserer Wege geschickt und verloren uns aus den Augen. 1997 traf ich ihn durch Zufall und erfuhr, dass er nach 2 Jahren Truppendienst eine Frau kennengelernt und mit ihr ein Kind gezeugt hatte. Er wollte sie heiraten, doch sie hatte zu viel Westverwandtschaft. Man stellte ihn vor die Wahl Dienst als Politoffizier oder die Frau. Er entschied sich für die Frau und wurde entlassen. Er kam zunächst in die Produktion, konnte aber nach einem Jahr (1986) ein Studium als Jurist aufnehmen. Er schloss dieses 1991 mit Staatsexamen ab und arbeitet noch heute als Volljurist.

Ansonsten gab es auch Politoffiziere, die ihren Glauben oder ihre Motivation verloren hatten und nur noch ihre Zeit herunterdienten. Sie waren erfahren, spulten ihre Texte herunter, machten keine wesentlichen Fehler, hatten aber den Zug nach oben irgendwann oder irgendwie verpasst. Was da noch an wirklicher Haltung da war oder lediglich nur noch als Automatismus wirkte, war schwer nachzuvollziehen.

Das größte Problem an der Arbeit als Polit in der Linie war, dass man keine Zeit für Reflexion, für ruhiges Nachdenken, für Auseinandersetzung hatte. Selbst wenn man das gehabt hätte, wo hätte man die Partner dazu gefunden. Mir wurde das erst klar, als ich zum Diplomstudium nach Berlin ging und mehr als ein halbes Jahr aus der Truppe raus war. Ich musste nicht mehr fast mechanisch politisch funktionieren. Ich konnte plötzlich wieder anfangen zu denken. Eine heikle Sache, sowohl das Funktionieren, als auch das plötzliche Denken.

ciao Rainman


Ich kenne einen Polit der wollte mit den BGS frühstücken gehen


08/88 - 10/88 Eisenach
10/88 - 12/88 Räsa / Unterbreizbach (Rhön Thüringen/Hessen)
12/88 - 01/90 Erbenhausen (Rhön Thüringen/Bayern)


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#39

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 29.01.2014 23:45
von 94 | 10.792 Beiträge

Mal zurück zu dem Worst Case vom @Voigtländer, ich glaube solch ein Fall wurde im Alltag recht schnell 'verdrängt', ähnlich wie heute ein Rettungssani auch privat auf die Tube drückt, obwohl er öfters schon die Folgen solcher Rasserei vom Straßenrand klauben durfte. Irgendwie so eine Art Selbstschutz, sonst wäre man ja für diesen Job (sowohl der eine wie auch der ehemalige) vollkommen daneben.
Der mMn schlimmere Fall für einen Kompanie-Polit war eine Fahnenflucht, vielleicht noch mit Anwendung der Schußwaffe, und vielleicht noch eines Längerdienenden ...


Verachte den Krieg, aber achte den Krieger!


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#40

RE: versagte Polit-Offiziere

in Grenztruppen der DDR 30.01.2014 00:17
von Rainman2 | 5.762 Beiträge

@94
Mein persönlicher Worst Case waren 2 Pionierbauabschnitte im Grenzabschnitt und in der gleichen Zeit 2 Grenzdurchbrüche.
Das hat mich schon an den Rand meiner psychischen Belastbarkeit geführt.
Da der zweite Grenzdurchbruch mit Minenverletzten einherging und ich mich schon an anderer Stelle ausgiebig über meine damaligen Gedanken geäußert habe ("Das Schwein ist durch") kann ich bestätigen, solange es sich um Fremde, also in meiner damaligen Sicht Feinde handelte, funktionierte die Verdrängung eher. Sie hält nicht ewig, aber zunächst und damals hat oder hätte sie funktioniert. Wie das im Fall, dass es ein persönlicher Bekannter gewesen wäre (Fahnenflucht eigene Einheit) kann ich nicht sagen. Es gibt für so etwas kein "Denkmodell".

@Duck
Hätte ich damals gesagt, ich wollte mit dem BGS frühstücken, dann wäre ich komplett weg vom Fenster gewesen. Nein, ich sagte, ich frühstücke in Weimarschmieden und das ist ein kleiner, verträumter Ort. Das konnte man mir in Maßen "verzeihen".

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


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