#161

RE: Aufarbeitung

in DDR Staat und Regime 29.01.2014 10:44
von Gert | 12.354 Beiträge

Zitat von Barbara im Beitrag #157
Zitat von Gert im Beitrag #42
Eigentlich wollte ich hier nichts mehr schreiben wie ich es vor 4 Wochen in einem Post angekündigt habe.
Nun hat aber mein spezieller Freund @seaman eine Flasche aufgemacht, dessen entweichender Geist mich inspiriert, hierzu etwas zu schreiben. Ich mache eine Ausnahme.

Es geht um die Verantwortlichkeit für alles, was die SED von 1946 bis zu ihrer Auflösung getan hat.
Das Dasein der SED fing schon mit einer Straftat an, nämlich Erpressung mit Gewaltandrohung durch die Sowjetarmee und hier speziell durch ihren Terrorarm NKWD, für die Mitglieder der SPD in diese Einheitspartei einzutreten. Einige Widersacher haben bitter für ihren Widerstand bezahlt.

Daraufhin arbeitet die SED an der Staatsgründung der DDR die dann 1949 durchgeführt wurde. Im Vorfeld fanden schon durch die Sowjets später aber auch durch die SED zahlreiche Enteignungen von Produktionsmitteln statt, daruafhin flüchteten viele Firmen nach WD, der Rest verschwand als Reparation irgendwo in Karaganda und verrottete in der Steppe.
Unter diesen schlimmen Bedingungen geschah der Wiederaufbau. Da dieser dem Einpeitscher Ulbricht nicht schnell genug ging, beschloss er und seine SED die Arbeiter noch mehr auszubeuten, in dem man die Arbeitsnormen ständig hochsetzte. Eine Normerhöhung ist / war faktisch eine Lohnkürzung. Das ging bis zum 17.Juni 53 gut, dann kam es zum Arbeiteraufstand. Der Grund für diese Revolte wurde seitens der SED natürlich bei den reaktionärsten Kreisen im Westen, bei den Imperialisten und Kriegstreibern in WD geortet.
( Das übliche Spielchen)
Es wurde überharte Urteile gegen vermeintliche oder tatsächliche Rädelsführer von dem kommunistischen Fallbeil H. Benjamin und ihren Genossen erlassen und vollstreckt. Danach trat Friedhofsruhe ein in der DDR. Die SED regierte mit harter Hand unter dem Schutz der Sowjetarmee. In den Folgejahren kam es zu weiteren Einschnitten, wie Mauerbau, rigide bis tödliche Grenzbefestigungen, weitere Enteignungwellen von PM, bis 1972 quasi die letzte Zeitungsbude verstaatlicht war.
Die Folge: eine ineffiziente Warenproduktion und Verteilung führte zu einem unbefriedigendem Lebensstandard der wiederum eine Vetternwirtschaft und Korruption hervorbrachte. Der Abstand im Lebensstandard zu WD wuchs und wuchs und mit ihr die Unzufriedenheit der Leute und die Menschen hatten keine Alternative zu dieser miserablen Politik, weil sie gewaltsam eingesperrt waren.
Der Staat gerierte sich, wie ein Monopolist sich eben zu geben pflegt nämlich anmaßend, herrisch, ungerecht, strafend auf allen Ebenen gegenüber denen, die nur einen Millimeter von den vom Staat vorgegebenen Normen abwichen. Der Bürger war quasi entmündigt auf vielen Positionen und Ebenen.
Wer war also hierfür verantwortlich? Ich vermeide das Wort Täter. Nach meiner Einschätzung ist dies in erster Linie die SED und damit meine ich nicht nur das ZK und das Politbüro sondern jedes einzelne Mitglied der SED ist mitverantwortlich. Es gab keine „ Mitläufer „ so wie es sie auch in der Nazizeit nicht gab. Jeder der das Bonbon am Revers trug ist für mich in der Verantwortung für diese miserable Entwicklung dieses Staates aber auch für die Menschenrechtsverletzungen, für Morde, Unterdrückung, Erpressung und andere Straftaten, die der Staatsapparat anordnete. Mit- und hauptverantwortlich ist natürlich aus meiner Sicht an 2.Stelle auch der Sicherheitsapparat der SED, das ist vor allem das MfS. Das war der verlängerte Arm der Partei und der hat gnadenlos zugeschlagen, wo es die Partei für richtig hielt. Da das MfS keine Wehrpflichtigen beschäftigte, sind das für mich alles aktive und voll verantwortliche Beteiligte an diesen Vorgängen. Denn sie waren ja auch gleichzeitig ohne Ausnahme SED Mitglieder!


Im Falle der wehrpflichtigen Grenzsoldaten sehe ich da keine direkte Mitverantwortung, denn sie hatten zu gehorchen, ansonsten siehe oben. Ich selbst habe ja auch 18 Monate Grenzdienst gemacht und in dieser Zeit eine Festnahme eines Flüchtlings gehabt. Also war ich auch ein Rädchen in diesem von der SED zu verantwortenden Sicherheitsapparat für sie, für das Volk aber auch Terrorapparat. Ich stand aber innerlich nicht dahinter. So wie ich auch die Offizieren damals nicht als meine Genossen ansah, vor allem nicht den Politeinpeitscher.
So nun kann sich jeder heraussuchen, wo er stand und wo er heute steht.

Ich möchte noch eine Bemerkung zu den vielen Angriffen, denen sich der User studfrie hier ausgesetzt sieht, machen. Wenn ich das richtig sehe, waren in seinen Posts keine persönlichen Beleidigungen anderer User enthalten, umgekehrt hatte er aber einiges einzustecken, dass ich als sehr grenzwertig ansehe. Vor allem wird auf den Umstand reflektiert, dass er jung ist und die meisten seiner „Gegner „ alt sind.

Leute, es ist keine Verdienst ein alter Sack zu sein, es ist auch kein Ausweis von Intelligenz ein alter Sack zu sein. Es besteht überhaupt keine Veranlassung, sein Lebensalter als Qualitätsmerkmal in diese Diskussionen zu bringen. Ich kenne einige dumme „ alte Säcke „ und ich kenne auch einige sehr kluge aber noch junge Menschen. Ich finde, in diese Diskussion sollte mehr Sachlichkeit einziehen und auf die Inhalte bezogen gesprochen werden.





Gert, zu den beiden letzten Abschnitten deines Beitrags:

Er hat die Haltung "stell dich nackt auf den Marktplatz, ich will dich mit Steinen bewerfen - und danach gebe ich dir eine Haltungsnote."

Das ist das Gegenteil von Aufarbeitung. Das ist Tribunal von der unangenehmsten Sorte, für das ich mich z.B. "fremdschäme". Damit konterkariert man seinen eigenen "aufklärerischen" Anspruch und tut quasi das, was man vermeintlich anprangert.

Möchte nicht wissen, wir er sich stellen würde, wenn wir mal das Thema "Verdränger-Vergangenheit" in der ehm. BRD - als Beispiel die Übernahme von Nazi-Richtern - in die junge Demokratie, aufgreifen würden. Von der deutschen Richterschaft ist dieses Thema nie bearbeitet worden, oder ?? dazu Buchempfehlung: Ursula Krechel: Landgericht.

Oder die Kolonialpolitik der Franzosen, die von Schweinereien sondersgleichen geprägt ist und deren Auswirkungen bis heute wirksam sind.
Dazu: sprich mal mit frankophonen Afrikanern oder lies mal afrikanische Soziologen.

Nein, so einfach ist das alles nicht, und gerade wenn man als Student einen wissenschaftllichen Anspruch hat, muss man sich auch daran messen lassen.
Ich bin eigentlich erstaunt, wie gelassen hier letztlich mit ihm umgegangen wird, ich hätte ihn längst rausgeschmissen.
.



Barbara, meine kritischen Anmerkungen an meien Altersgenossen waren nicht auf die Inhalte seiner Posts abgestellt, mit den Inhalten war ich auch nicht immer zufrieden. Meine Kritik geht an den Punkt, wo man Alter = Intelligenz setzt, diese Überheblichkeit die dann zuTage kommt, wenn Älter mit Jüngeren sich austauschen. Wenn es etwas an seinen Ausführungen zu kritisieren gibt, kann man das mit Argumenten gut machen. Aber nicht nach der Methode, he he du junger Schnösel , was willst du eigentlich, und so fort.


.
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Geld ist geprägte Freiheit!
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#162

RE: Aufarbeitung

in DDR Staat und Regime 29.01.2014 11:26
von Hackel39 | 3.123 Beiträge

Zitat von Schuddelkind im Beitrag #116
Um nochmal auf den Begriff "Aufarbeitung" zurückzukommen, nochmal was aus Wiki.

"Nach der Deutschen Wiedervereinigung 1990 ergaben sich sehr ähnliche Probleme und Fragen in Bezug auf die Aufarbeitung und Vergangenheitsbewältigung der Verbrechen des SED-Regimes, der Funktionsträger verschiedener Ebenen, aber auch einfacher Bürger. Ein Kernproblem war und ist dabei: Wie lässt sich eine wirkliche gesellschaftliche und historische Aufarbeitung der Verantwortung und Schuld Einzelner im Interesse der Opfer und der Gesamtgesellschaft mit dem Bemühen um Integration von Personen und Gruppen vereinbaren, welche in die Verbrechen der SED-Diktatur involviert waren? Dabei waren und sind bei Teilen der Bevölkerung der Neuen Bundesländer sehr ähnliche Verdrängungsmuster und Rechtfertigungsmodelle wie nach 1945 zu beobachten."

Der renommierte Historiker Hans-Ulrich Wehler antwortete auf die Frage, ob man einen Schlussstrich unter die Vergangenheitsbewältigung der DDR-Geschichte ziehen sollte, im Jahr 2007:

„Nein, das wäre fatal. Und zum Glück ist das – außer von manchen Leuten aus der Ex-PDS – nur selten öffentlich zu hören. Natürlich hätten die gern, dass ihre kleine Mörderrepublik endlich aus dem Fokus kommt. Aber das wird nicht geschehen. Die DDR war ein mörderisches Regime, das viele Menschenleben auf dem Gewissen hat. Es gibt keinen Grund, in der Erinnerung daran nachzulassen. Von einem Schlussstrich kann keine Rede sein. (…) Eine intensive Beschäftigung mit der DDR-Vergangenheit ist dringend geboten. Die Konsequenzen dieses Staates sind doch nicht nur in Bitterfeld, sondern auch in der Gesellschaft noch über Jahrzehnte zu beobachten.“


Kleine Mörderrepublik...was ist das denn für ein Historiker ?
Kann man Renommee jetzt schon aus dem Kaugummiautomaten rausziehen ?
Aber wenigstens wirkt er ja auch noch kritisch an der Aufarbeitung des neuen Unrechts mit (ab min 2:00) http://www.youtube.com/watch?v=Vhax5ECUZ-Q , so daß ich gar nicht glauben kann, daß er ein solches Vokabular verwendet.
Aber 2007 ist ja schon eine Weile her.



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#163

RE: Aufarbeitung

in DDR Staat und Regime 29.01.2014 12:01
von Heckenhaus | 5.112 Beiträge

Zitat von Schuddelkind im Beitrag #116

Der renommierte Historiker Hans-Ulrich Wehler antwortete auf die Frage, ob man einen Schlussstrich unter die Vergangenheitsbewältigung der DDR-Geschichte ziehen sollte, im Jahr 2007:

.............. Es gibt keinen Grund, in der Erinnerung daran nachzulassen. Von einem Schlussstrich kann keine Rede sein. (…) Eine intensive Beschäftigung mit der DDR-Vergangenheit ist dringend geboten. Die Konsequenzen dieses Staates sind doch nicht nur in Bitterfeld, sondern auch in der Gesellschaft noch über Jahrzehnte zu beobachten.“


Richtig, erinnert muß werden, im passenden Rahmen. Und zwar wahrheitsgetreu, ohne aufbauschen, ohne übertreiben, ohne unter den
Tisch kehren. Und das möglichst von realistischen Zeitzeugen und nicht von belesenen Journalisten oder Nachwuchshistorikern oder
solchen, die eine DDR nur aus einer Richtung betrachtet haben.
Intensive Beschäftigung heute, nach 25 Jahren, halte ich für überzogen.
Oder soll auch der letzte ehemalige DDR-Bürger, der trotz aller Mängel und politischer Unmenschlichkeiten froh und zufrieden dort sein
Leben gelebt hat, auch noch ein schlechtes Gewissen bekommen ? Das wird nicht gelingen, auch wenn noch so viel mit der nur schlechten
DDR argumentiert wird.
Politisch war sie keinesfalls akzeptabel, aber was will man mit ewiger, fast militanter, Aufarbeitung und Beschäftigung denn bezwecken ?
Wer bis heute seine Einstellung zum damaligen Staat gefunden hat, der behält sie. Bekehren läßt sich niemand.


.
.
„Toleranz ist die letzte Tugend einer untergehenden Gesellschaft.”
— Aristoteles -

"Man kann alle Leute einige Zeit zum Narren halten und einige Leute allezeit; aber alle Leute allezeit zum Narren halten kann man nicht."
— Abraham Lincoln –
.
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#164

RE: Aufarbeitung

in DDR Staat und Regime 29.01.2014 13:08
von Moskwitschka (gelöscht)
avatar

Ich will noch einmal auf meinen Beitrag #49 zurückkommen, der zu einiger Verirrung oder Verwirrung geführt hatte.

Das Thema "Aufarbeitung" habe ich eher anders verstanden. Eher als ein sehr persönliches Thema. Und vor allem als einen Rückblick auf die letzten 25 Jahre. Es war damals, 1989/90 für viele ein Bruch. Jeder ist damit unterschiedlich umgegangen. Die einen haben verdrängt und haben sich in neue Perspektiven gestürzt, andere haben sich in Vereinen egal welcher couleur organisiert, widerum andere haben sich ins stille Kämmerlein zurückgezogen. Dann gibt es die, die Bücher geschrieben haben oder in den verschiedensten Foren Spuren hinterlassen. Ich könnte noch zig andere Wege beschreiben.
...
Über diese Erfahrungen, die jeder einzelne dabei gemacht hat - bei seiner ganz "persönlichen Aufarbeitung" - nicht Abrechnung - war für mich der Grund mich in diesen thread zu beteiligen.
...
In diesem Sinne verabschiede ich mich aus diesem thread, und mache demnächst einen eigenen auf.


Das werde auch jetzt auch tun. Meinen langen Weges der Aufarbeitung werde ich jedoch im nicht öffentlichen Bereich beschreiben. Es ist sehr persönlich und schon das Schreiben des ersten Teiles ist mir nicht leicht gefallen - weil Erinnern auch weh tun kann. Selbst nach so langer Zeit.

Aber wer will und kann, kann mir gerne folgen.

Beim Lesen Mein langer Weg der Aufarbeitung

oder auch mit seinem eigenen Weg, seiner Geschichte.

LG von der Moskwitschka


zuletzt bearbeitet 29.01.2014 13:15 | nach oben springen

#165

RE: Aufarbeitung

in DDR Staat und Regime 29.01.2014 13:16
von Nostalgiker | 2.554 Beiträge

Ohne jetzt näher darauf einzugehen, mir hat die Aussage von @Rainman2 zur "Erziehung der Kritiklosigkeit" gefallen. Denn "Kritik" konnte sehr schnell als ein 'gegen den Staat sein' gedeutet werden.
Ich nehme mal an das viele Eltern der sogenannten Aufbau Generation in der DDR, jedenfalls diejenigen die in der DDR an die Verwirklichung des Ideals einer besseren und gerechteren Gesellschaft glaubten und hofften, sehr verinnerlicht hatten das es für vieles was im Großen und Kleinem Kritikwürdig war genügend objektive und nachvollziehbare Gründe gab warum es zum Zeitpunkt gerade nicht so war, sondern erst später so sein könnte.
Die nicht zu kritisierenden Widersprüche in der Gesellschaft waren nichtantagonistische Widersprüche welche im Laufe der Zeit positiv und mit friedlichen Mitteln gelöst werden, während die Antagonistischen Widersprüche nur durch revolutionäre Umwälzungen gelöst werden können. So lernte ich es jedenfalls später ......

Im Zeitraum vom Spätsommer 1961 bis vielleicht Sommer 1962 führten meine Eltern mit mir sehr intensiver Auseinandersetzungen um den Begriff "Mauer". Welche Argumente sie insgesamt anbrachten ist mir zum größten Teil entfallen aber mir wurde immer und immer wieder erklärt das es richtig "antifaschistischer Schutzwall" hieße und nur Gegner dieser friedenssichernden Maßnahme dieses Unwort sagen würden.

Auf welchen Kompromiss wir uns letztendlich einigten weiß ich nicht mehr genau.
Zum Thema Grenze kam Jahre später nochmals zu einer Erbitterten Diskussion nachdem ein damaliger Kumpel von seinen Erlebnissen als GWDler an der Westgrenze erzählte und vor allem die ins Landesinnere gerichteten Grenzschutzanlagen schilderte. Wie das? Sollte doch diese stark gesicherte Grenze das Eindringen der Äußeren Feinde verhindern, so wurde es doch offiziell Verkündet.
Die Diskussion wurde nicht zu Ende geführt und das Thema "Grenze" und "Grenzsicherung" war fortan kein Thema mehr.

Fragen, besonders kritische Fragen, wurden einem sehr schnell politisch negativ ausgelegt. Da schreckte auch die eigene Familie nicht davor zurück mir einmal als besonders schweren Rüffel einen ideologischen "Westdrall" zu attestieren.

Die Schere im Kopf, was darf und kann ich sagen und wenn; wie sag ich es und in welchen Situationen schweige ich lieber bzw. lege das geforderte Lippenbekenntnis ab um mich selber nicht in Schwierigkeiten zu bringen, hat man doch faktisch mit der Muttermilch eingesogen.
In dieser Beziehung lernte man sehr schnell.

Als Jugendlicher hat mich zu großen Teilen die unter uns abfälligen und negativen Äußerungen über alles in der DDR; Zusammengefast in dem Satz: "In diesem Scheißstaat ist doch alles Mist." irritiert, abgestoßen und ich habe es damals nicht verstanden wieso redeten sie so?
Vor allem irritierte mich das sie in der Schule oder bei anderen Anlässen sehr bestimmt und prinzipiell genau das sagten wovon sie meinten das es gehört werden will. Diese weitverbreitete Diskrepanz zwischen 'privater' und 'offizieller' Meinung.

Ende des ersten Teils

Gruß
Nostalgiker


Aber auf einmal bricht ab der Gesang,
einer zeigt aus dem Fenster, da spazieren sie lang,
die neuen Menschen, der neue Mensch,
der sieht aus, wie er war
außen und unter`m Haar
wie er war ...

_______________
aus; "Nach der Schlacht" - Renft - 1974
Text: Kurt Demmler

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#166

RE: Aufarbeitung

in DDR Staat und Regime 29.01.2014 13:27
von Stringer49 | 700 Beiträge

Guten Tag,

die wenig sinnvollen Wörter wie « Mörderrepublik « (Was war das 3. Reich des Herrn Hitler mit der Shoah, wenn schon die DDR ein Mörderstaat ist ?) oder die Jagd nach den Mitläufern kann ein perverses Resultat haben. Sie verhindern den Blick auf essentielle Fragen:

1. Die sozialistischen Länder (in differenzierte Graduation) und auch der Westen meinen, dass die Elimination der Leute mit «gefährlichen» Ideen das Ende dieser Ideologie bedeutet. Obzwar die Menschen heute den Horror des Terrorismus kennen sollten (Paris St Michel, NY, Madrid, London) , gibt es immer mehr junge Leute der westlichen Länder, welche terroristische Gruppen integrieren.

Das Verbot von Symbolen ( DDR ) oder die Ausgrenzung von Mitläufern wird die marxistisch-leninistische Ideologie nicht eliminieren. Es ist also notwendig, sich mit dieser Ideologie zu beschäftigen ( Aufarbeitung). Ein Verbot schafft keine Klarheit, es ist (vielleicht) ein Element der Aufarbeitung.

2. Diese Ideologie stipuliert die « führende Rolle der ( kommunistischen / sozialistischen ) Partei. Dieses Prinzip finden wir im Artikel 1 der Verfassung der DDR. Die danach folgenden Grundrechte sind, juristisch gesehen, Tochterrechte, sie haben das Prinzip der Leadership der Partei geerbt. Die Grundrechte sollten so diese Limits nicht überschreiten. Ich darf frei sagen, was die führende Partei und ihre Politik nicht tangiert; Kritik ist hingegen nicht kompatible zur Verfassung.

Ein anderes Beispiel : Die Orientierungen des Obersten Gerichtes der DDR, sind zu einem Teil, nicht öffentlich gewesen. Wie sollte ein Rechtsanwalt eine Berufung realisieren, wenn die Rechtsgrundlage existierte ohne zu existieren ?

Jede Demokratie ist verletzlich. Jedes Grundrecht bringt auch die Gefahr, dass es gegen die Demokratie benutzt wird. Die erste Verfassung der DDR war sehr demokratisch. Wie ist es gelungen, sie so zu verändern ?

3. Alle Historiker mit starken Worten sollten auch bedenken, dass Deutschland sehr viel Geld an die DDR bezahlt hat, damit Gefangene frei wurden. Viele Gefangene waren eingesperrt worden, weil sie Grundrechte für sich reklamierten. (Ethisch gesehen, wohl eine gute Handlung der deutschen Politik)

Es ist aber auch möglich zu fragen, warum die deutschen Politiker mit diesem Geld Gefängnisse in der DDR oder das Equipement der Staatssicherheit bezahlt haben.

Hier zeigt sich, dass einfache Antworten Legenden schreiben. Legenden haben mit der Wahrheit nichts zu tun.

4. Sind wir nicht auch Mitläufer, heute ? Wir wollen Sicherheit, deshalb akzeptieren wir, dass unser privates Leben transparent wird. Ein Missbrauch ist nicht möglich ohne Passivität oder stille Unterstützung des anderen. Auch in diesem Kontext machen die Fragen von @studfri einen Sinn.

Geschichte ist eine Schatzkammer für die Zukunft, weil ich weiss, was nicht mehr machen sollte. Die Mitläufer werden für den Weg nach dem Morgen nützlich sein, besonders, wenn auch sie wissen, was sie falsch machten.

Mit dem Hammer starker Wörter werden sie es nicht begreifen. Sie werden vielleicht zurück gehen.

Stringer49


Wenn das Wort das Mittel gegen die Stille und das Getöse ist, so ist die Flut der Wörter im Stakkato seine dialektische Umkehrung.


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#167

RE: Aufarbeitung

in DDR Staat und Regime 29.01.2014 13:52
von elster427 | 789 Beiträge

Ich muß an dieser Stelle mal den @studfri etwas in Schutz nehmen. Wenn ich seine Vita ansehe muß ich sagen, mir ist es
ebenso ergangen ,nur mit anderen Vorzeichen - er West ich Ost.
Meine Eltern , beide beim MfS , haben mich im Sinne dieses Staates erzogen , wie wohl auch Studfir seine es mit ihm getan haben.
Somit unterscheiden wir uns nur durch unsere Geburtsorte.
In meiner Jugend habe ich selten politische Entscheidungen in der DDR hinterfragt, da man mir diese Dinge im Elternhaus
nahebrachte.
Dazu kam ,mein Heimatort war Potsdam Eiche - also auch durch die Eltern meiner Mitschüler und das Vorhandensein der JHS - Juristischen Hochschule des MfS ,welches meine politische Meinung stark mitbeeinflußte.
Das Nachdenken über mein bisheriges Leben und die Veränderungen welche sich daraus ergaben, wird wohl bei Studfri nie einsetzen , da er nicht an solch einen Wendepunkt in seinem Leben kommen wird.

Für mich stand in frühester Jugend fest, das ich Berufsoffiziier werden wollte.
Die Entscheidung fürs MfS und dabei für die Güst Drewitz fiehl während meiner Berufsausbildung , wo ich auch Kandidat der SED wurde.
All diese Entscheidungen habe ich selber für mich getroffen- was ich damals dachte.
Heute weiß ich , das man mich auf diesen Weg geschoben hat. Nicht durch meine Eltern, sondern durch Gespräche mit dem Werber des MfS .
Die Arbeit als Passkontrolleur hat mich begeistert , trotz der widrigen Umstände des Dienstes. Diese Tätigkeit ist im Grunde in allen
Staaten das selbe , nur mit anderen politischen Voraussetzungen. Selbst in der BRD war die Tätigkeit die Selbe wie in der DDR.
Am Anfang war man hochmotiviert nach den "Feinden" der Republik zu suchen - wozu man natürlich auch Übersiedler und Flüchtlinge
zählte.
So ab 1988 fingen dann die ersten Diskusionen in den Kollektiven an , über die erhöhten Angriffe auf die Grenze, den Dauerdruck auf die GT und die Frage , warum lassen wir die Leute nicht reisen um diesen Druck abzubauen.
Viele hier im Forum stellen sich wahrscheinlich vor -überall Wanzen -Zuträger -oder sonst was!
Gab es bestimmt auch, doch man konnte ohne Angst darüber reden.
Als dann die ersten aus Prag in den Westen durften und in Dresden diese Polizeischlacht stattfand,
begannen bei uns immer mehr Genossen offen über die Frage des Sinnes von diesem Vorgehen nachzudenken und auch in
Parteiversammlungen zu reden.
Mein persönliches Nachdenken begann in Maputo im November 89 wo man uns mit den Worten -"Was wollt ihr noch hier , keiner braucht euch noch" begann.
Der Rest wird zu persönlich und bleibt ungesagt.
MfG Jan


1981 - 1989 MfS BV Potsdam Abt, VI PKE Drewitz
1990 GT GR 44
seaman, Stringer49, Peter42, Damals87, Grenzverletzerin, furry, Gert, ABV, RudiEK89, exgakl und Schuddelkind haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#168

RE: Aufarbeitung

in DDR Staat und Regime 29.01.2014 13:59
von Stringer49 | 700 Beiträge

Zitat von elster427 im Beitrag #167

[...]
Für mich stand in frühester Jugend fest, das ich Berufsoffiziier werden wollte.
Die Entscheidung fürs MfS und dabei für die Güst Drewitz fiehl während meiner Berufsausbildung , wo ich auch Kandidat der SED wurde.
All diese Entscheidungen habe ich selber für mich getroffen- was ich damals dachte.
[...]
MfG Jan



Ich möchte Dir danken. Respekt. Der « aufrechte Gang » ( Stephan Heym, 4 November 1989) ist leicht, wenn wir keine Last tragen.

Stringer49


Wenn das Wort das Mittel gegen die Stille und das Getöse ist, so ist die Flut der Wörter im Stakkato seine dialektische Umkehrung.


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#169

RE: Aufarbeitung

in DDR Staat und Regime 29.01.2014 14:30
von elster427 | 789 Beiträge

@elster427 , also so wie ich es in Erinnerung habe, waren es Soldaten bzw. Uffze auf Zeit. Sie bekamen auch mehr Geld als ich als einfacher GWD Leistender. Ich bekam wimre 80 Mark Wehrsold. Kann aus eigener Erfahrung berichten, dass mich 1962 ein Bekannter aus einem Jugendclub, den ich immer besuchte um bestimmte Musik zu hören, ansprach und für das Wachregiment FD warb. Ich kann mich dunkel erinnern, dass er von 3 Jahren Dienstzeit und einem Gehalt sprach. Das sind ja doch für mich Berufssoldaten bzw. Soldaten auf Zeit und keine GWD Leistende.
Dass es parteilose Angehörige des Mfs gab, kann ich mir wirklich nicht vorstellen. Natürlich beweisen bis zum letzten Mann kann ich es auch nicht. So wie man heute in Tendenzbetrieben wie Betrieben der kath. Kirche nicht arbeiten kann, wenn man nicht Katholik ist, so war das beim MfS als Parteiloser ebenso nicht möglich.

Hallo @Gert
zu den Dreiendern beim MfS, die bekamen kein Gehalt sondern Wehrsold und waren auch keine
Berufssoldaten.

Parteilose MA des MfS- Ich kann dir alleine von der Güst Drewitz etwa 7-8 Leute nennen , welche nicht Parteimitglieder waren.
Deren Höchster Dienstgrad an der Güst war dann der Oberfeldwebel.Sie mußten aber trotzdem an allen Parteiveranstaltungen teilnehmen
Weiter mit der Beförderung ging es nur als Parteimitglied.
Dazu kamen die vielen Handwerker, Gärtner,Verkäuferinnen, Köche, Kellnerinnen,Frisörinnen, Reinigungskräfte usw.
welche zwar Mitarbeiter des MfS waren , aber nicht unbedingt Parteimitglieder sein mußten.
Wir waren da weiter als die Kirche!
MfG Jan


1981 - 1989 MfS BV Potsdam Abt, VI PKE Drewitz
1990 GT GR 44
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#170

RE: Aufarbeitung

in DDR Staat und Regime 29.01.2014 14:58
von matloh | 1.203 Beiträge

Wenn sich jemand auch ein wenig für Psychologie interessiert, dann würde ich den Film (eigentlich: Doku) "Das radikal Böse" empfehlen. Die Überlappung mit diesem Thread ist nur partiell, schon alleine deswegen, weil der Film vom Völkermord der SS in der UDSSR handelt (den ich hier in keinster Weise mit irgendwelchen anderen Geheimdiensten, Sicherheitsministerien oder sonst irgendwas in Relation setzen will). Dennoch gibt er aus meiner Sicht interessante Einblicke in sehr heikle Themen - womit wir wieder beim Threadthema wären.

cheers matloh


Aus gegebenem Anlass temporär: Nein, die Erde ist keine Scheibe!

"Wer die Freiheit aufgibt, um Sicherheit zu gewinnen, wird am Ende beides verlieren." (Benjamin Franklin)
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#171

RE: Aufarbeitung

in DDR Staat und Regime 29.01.2014 14:59
von grenzgänger81 | 968 Beiträge

Zitat von Stringer49 im Beitrag #168
Zitat von elster427 im Beitrag #167

[...]
Für mich stand in frühester Jugend fest, das ich Berufsoffiziier werden wollte.
Die Entscheidung fürs MfS und dabei für die Güst Drewitz fiehl während meiner Berufsausbildung , wo ich auch Kandidat der SED wurde.
All diese Entscheidungen habe ich selber für mich getroffen- was ich damals dachte.
[...]
MfG Jan



Ich möchte Dir danken. Respekt. Der « aufrechte Gang » ( Stephan Heym, 4 November 1989) ist leicht, wenn wir keine Last tragen.

Stringer49


Danke für deine Ehrlichkeit !
Wer wirft den ersten Stein.....sind wir nicht alle in diesem Staat aufgewachsen ?
Wir konnten es uns doch nicht aussuchen, der eine so ,der Andere hat einen anderen Weg gewählt.
HATTEN WIR EINE ANDERE WAHL ?
Sicher nicht,denn wir waren ja die Guten.(uns wurde ,das Böse ständig vor Augen gehalten.)
Egal wie meine Kinder 29 &26 können das schon garnicht mehr verstehen .
Eigentlich kümmert es keinen A...... mehr, außer die es unbedingt wissen wollen ,oder die ....die sich sich damit wichtig machen wollen.
Für mich ist es nicht mehr wichtig ....es ist viel zu viel Zeit vergangen.
Also habe ich kein Problem damit.
Nur eines damit habe ich ein großes PROBLEM ,aus dem heutiger Sicht zu behaupten : Das war alles rechtens,wir haben nur Befehle ausgeführt.
Nicht Schuld oder Unschuld.....sondern :wir haben anders gedacht !! ...würde schon genügen um vielleicht einen anderen Konsens zu finden.

Grüsse Grenzgänger 81


Heckenhaus und damals wars haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#172

RE: Aufarbeitung

in DDR Staat und Regime 29.01.2014 15:00
von Gert | 12.354 Beiträge

Zitat von elster427 im Beitrag #167
Ich muß an dieser Stelle mal den @studfri etwas in Schutz nehmen. Wenn ich seine Vita ansehe muß ich sagen, mir ist es
ebenso ergangen ,nur mit anderen Vorzeichen - er West ich Ost.
Meine Eltern , beide beim MfS , haben mich im Sinne dieses Staates erzogen , wie wohl auch Studfir seine es mit ihm getan haben.
Somit unterscheiden wir uns nur durch unsere Geburtsorte.
In meiner Jugend habe ich selten politische Entscheidungen in der DDR hinterfragt, da man mir diese Dinge im Elternhaus
nahebrachte.
Dazu kam ,mein Heimatort war Potsdam Eiche - also auch durch die Eltern meiner Mitschüler und das Vorhandensein der JHS - Juristischen Hochschule des MfS ,welches meine politische Meinung stark mitbeeinflußte.
Das Nachdenken über mein bisheriges Leben und die Veränderungen welche sich daraus ergaben, wird wohl bei Studfri nie einsetzen , da er nicht an solch einen Wendepunkt in seinem Leben kommen wird.

Für mich stand in frühester Jugend fest, das ich Berufsoffiziier werden wollte.
Die Entscheidung fürs MfS und dabei für die Güst Drewitz fiehl während meiner Berufsausbildung , wo ich auch Kandidat der SED wurde.
All diese Entscheidungen habe ich selber für mich getroffen- was ich damals dachte.
Heute weiß ich , das man mich auf diesen Weg geschoben hat. Nicht durch meine Eltern, sondern durch Gespräche mit dem Werber des MfS .
Die Arbeit als Passkontrolleur hat mich begeistert , trotz der widrigen Umstände des Dienstes. Diese Tätigkeit ist im Grunde in allen
Staaten das selbe , nur mit anderen politischen Voraussetzungen. Selbst in der BRD war die Tätigkeit die Selbe wie in der DDR.
Am Anfang war man hochmotiviert nach den "Feinden" der Republik zu suchen - wozu man natürlich auch Übersiedler und Flüchtlinge
zählte.
So ab 1988 fingen dann die ersten Diskusionen in den Kollektiven an , über die erhöhten Angriffe auf die Grenze, den Dauerdruck auf die GT und die Frage , warum lassen wir die Leute nicht reisen um diesen Druck abzubauen.
Viele hier im Forum stellen sich wahrscheinlich vor -überall Wanzen -Zuträger -oder sonst was!
Gab es bestimmt auch, doch man konnte ohne Angst darüber reden.
Als dann die ersten aus Prag in den Westen durften und in Dresden diese Polizeischlacht stattfand,
begannen bei uns immer mehr Genossen offen über die Frage des Sinnes von diesem Vorgehen nachzudenken und auch in
Parteiversammlungen zu reden.
Mein persönliches Nachdenken begann in Maputo im November 89 wo man uns mit den Worten -"Was wollt ihr noch hier , keiner braucht euch noch" begann.
Der Rest wird zu persönlich und bleibt ungesagt.
MfG Jan



ich verstehe aber nicht, wie du von der Güst nach Maputo/Mosambik kommst ? Oder gehört diese Frage in den persönlichen Bereich?


.
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Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
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#173

RE: Aufarbeitung

in DDR Staat und Regime 29.01.2014 15:03
von elster427 | 789 Beiträge

ich verstehe aber nicht, wie du von der Güst nach Maputo/Mosambik kommst ? Oder gehört diese Frage in den persönlichen Bereich?[/quote]


Suche bitte das Thema Als Objektsicherungskraft in Mosambik/Maputo
da habe ich alles beschrieben.
mfg jan


1981 - 1989 MfS BV Potsdam Abt, VI PKE Drewitz
1990 GT GR 44
Gert hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#174

RE: Aufarbeitung

in DDR Staat und Regime 29.01.2014 15:08
von Gert | 12.354 Beiträge

Zitat von elster427 im Beitrag #169
@elster427 , also so wie ich es in Erinnerung habe, waren es Soldaten bzw. Uffze auf Zeit. Sie bekamen auch mehr Geld als ich als einfacher GWD Leistender. Ich bekam wimre 80 Mark Wehrsold. Kann aus eigener Erfahrung berichten, dass mich 1962 ein Bekannter aus einem Jugendclub, den ich immer besuchte um bestimmte Musik zu hören, ansprach und für das Wachregiment FD warb. Ich kann mich dunkel erinnern, dass er von 3 Jahren Dienstzeit und einem Gehalt sprach. Das sind ja doch für mich Berufssoldaten bzw. Soldaten auf Zeit und keine GWD Leistende.
Dass es parteilose Angehörige des Mfs gab, kann ich mir wirklich nicht vorstellen. Natürlich beweisen bis zum letzten Mann kann ich es auch nicht. So wie man heute in Tendenzbetrieben wie Betrieben der kath. Kirche nicht arbeiten kann, wenn man nicht Katholik ist, so war das beim MfS als Parteiloser ebenso nicht möglich.

Hallo @Gert
zu den Dreiendern beim MfS, die bekamen kein Gehalt sondern Wehrsold und waren auch keine
Berufssoldaten.

Parteilose MA des MfS- Ich kann dir alleine von der Güst Drewitz etwa 7-8 Leute nennen , welche nicht Parteimitglieder waren.
Deren Höchster Dienstgrad an der Güst war dann der Oberfeldwebel.Sie mußten aber trotzdem an allen Parteiveranstaltungen teilnehmen
Weiter mit der Beförderung ging es nur als Parteimitglied.
Dazu kamen die vielen Handwerker, Gärtner,Verkäuferinnen, Köche, Kellnerinnen,Frisörinnen, Reinigungskräfte usw.
welche zwar Mitarbeiter des MfS waren , aber nicht unbedingt Parteimitglieder sein mußten.
Wir waren da weiter als die Kirche!
MfG Jan



Jan, an die Putze und den Koch hatte ich dabei nicht gedacht. Aber sag mal, wer war denn so unterbelichtet und hat sich für volle 3 Jahre verpflichtet für ein Taschengeld ( Wehrsold ) ? Ist für mich kaum vorstellbar. Oder gibt es noch ein anderes Motiv, von dem ich nichts weiss ?


.
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#175

RE: Aufarbeitung

in DDR Staat und Regime 29.01.2014 15:12
von elster427 | 789 Beiträge

Ich glaube es gab Leute aus Überzeugung , oder wegen Studienplätzen?
Gruß Jan


1981 - 1989 MfS BV Potsdam Abt, VI PKE Drewitz
1990 GT GR 44
Gert hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#176

RE: Aufarbeitung

in DDR Staat und Regime 29.01.2014 15:21
von Hackel39 | 3.123 Beiträge

Zitat von DoreHolm im Beitrag #155
Zitat von Grenzverletzerin im Beitrag #129
[quote=DoreHolm|p327078][quote=Grenzverletzerin|p327063][quote=DoreHolm|p327055][quote=Grenzverletzerin|p327037]@DoreHolm , machst du es dir mit deiner Aussage nicht etwas zu einfach? Wenn es denn so viele SED - Mitglieder gab, denen der 'Mist' bewusst war...ja warum habt ihr dann nix geändert (?) - zum Wohle des Volkes.





Rot: In der Tat, diesen Eindruck hatte ich so manches mal, wenn die BPO-Sekretäre zu den monatlichen Beratungen in die Stadtbezirksleitung gerufen waren. Dort wurde neben dem allgemeinen Blabla und aber auch interessanten Informationen zu gesellschaftlichen Fragen des In- und Auslandes auch Kritik geübt. Kritik am Betrieb, weil irgendwelche Plankennziffern nicht erfüllt werden, weil es dort anscheinend ideologische Probleme gäbe (das betraf dann Kritik an den BPO-Sekretär) u.s.w. Ich gehörte zu denen, die das nicht widerspruchlos hinnahmen und ich weiß, daß ich so manchmal von einem Nachbarn unter dem Tisch einen Tritt an´s Schienbein bekam, ich solle doch den Mund halten, bringt sowieso nichts. Dementsprechend wurden in den Monatsberichten zum Punkt "Stimmungen und Meinungen" von vielen Sekretären eben nicht Klartext gesprochen, um sich Scherereinen zu ersparen und seine Ruhe zu haben. Ist zwar menschlich nachvollziehbar, wer hat noch nie Unangenehmes unter den Tisch gekehrt, um vor Vorgesetzten oder Behörden seine Ruhe zu haben, aber damit werden eben Probleme nur vor sich hergeschoben und nicht gelöst. Zu mir sagte mal der 1. Sekretär sinngemäß "Von Dir kommen ja sowieso immer solche Berichte", will heißen, nicht gerade dazu geeignet, um als Erfolgsmeldung nach weiter oben berichtet zu werden. Diesen Vorwurf des Verschweigens von Problemen und Zuständen muß ich mir nicht zum Vorwurf machen lassen, wenngleich ich aus heutiger Sicht natürlich weiß, daß ich in vielen Fällen noch deutlicher hätte sein sollen. Das Resultat wäre eine baldige Ablösung als BPO-Sekretär gewesen wegen Untragbarkeit und nicht gefestigtem Klassenstandpunkt. Eigentlich, aus heutiger Sicht, hätte es mir recht sein sollen, da ich nicht an dieser Funktion geklebt hatte und mit meinen fachlichen Aufgaben ziemlich ausgelastet war (BfN, WAO, Normung, PWT, Ratiomittelbau).



Ja Dore Holm, das deckt sich mit meinen Erkenntnissen, wenngleich ich diese Anleitungen der GO- Sekretäre (svw. mit den BPO- Schulungen der SED- Kreis- bzw. Stadtbezirksleitungen) wenig fruchtbar für das konkrete betriebliche Geschehen waren.
Es hatten sich später aber gewisse Strategien entwickelt, mit denen man über den bequemen Weg (Lobhudelberichte) zu unbequemen Lösungen anregen konnte, somit stand man zwar als linientreuer unkritischer Genosse da, realisierte aber das Machbare.
Dazu mal zwei Praxisbeispiele.
Ein paar junge Kollegen aus der Lokwartung sprachen mich immer wieder darauf an, endlich einen eigenen Aufenthaltsraum zu bekommen, woraufhin der Leiter immer wieder sagte, daß die sich nicht aufhalten sondern arbeiten sollten.
Nun war aber nicht immer eine Lok da und die konnten sich ja schlecht in der Kantine aufhalten oder so wie momentan in diesen Leerlaufzeiten ihre Kollegen bei der Arbeit stören, so daß ich zum geeigneten Zeitpunkt im Anschluß an meine Hochglanzberichte diesen Mißstand sozusagen außerhalb des Protokolls aber direkt nach meiner Rede vortrug, so daß ich es tatsächlich schaffte, die gerührten Genossen Entscheider beim zweiten Versuch zu veranlassen, diesen Pausenraum zu schaffen.
Ähnlich ging ich mit dem Projekt der Jugendlok vor, auch hier gab es erhebliche Widerstände seitens älterer Dispolokführer ohne Planstelle u.a. Neider bis hin zu Drohungen, Schläge dafür zu bekommen, wenn diese (noch nicht realisierte) Maschine den vorgesehenen Ehrennamen bekommen sollte, Skepsis aus den Reihen "alteingesessener" Planbesatzungen u.v.a. Widerstände, die ich mit genau dieser Strategie, der Kunst des Machbaren, wie es heute heißt, umsetzen konnte.
Ehrlich waren diese rosaroten Referate nicht, aber eben auch nicht komplett verlogen, irgendetwas dazwischen aber warum soll man jetzt die falsch dargestellten Anteile dieser Berichte so hoch wichten um dann sogar daraus zu schlußfolgern, daß genau das aus heutiger Sicht anzuklagen ist ?
Eine ehrliche Aufarbeitung des Geschehens von gestern wäre das auch bloß nicht.



DoreHolm hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 29.01.2014 16:03 | nach oben springen

#177

RE: Aufarbeitung

in DDR Staat und Regime 29.01.2014 16:08
von Alfred | 6.841 Beiträge

Zitat von Gert im Beitrag #174
Zitat von elster427 im Beitrag #169
@elster427 , also so wie ich es in Erinnerung habe, waren es Soldaten bzw. Uffze auf Zeit. Sie bekamen auch mehr Geld als ich als einfacher GWD Leistender. Ich bekam wimre 80 Mark Wehrsold. Kann aus eigener Erfahrung berichten, dass mich 1962 ein Bekannter aus einem Jugendclub, den ich immer besuchte um bestimmte Musik zu hören, ansprach und für das Wachregiment FD warb. Ich kann mich dunkel erinnern, dass er von 3 Jahren Dienstzeit und einem Gehalt sprach. Das sind ja doch für mich Berufssoldaten bzw. Soldaten auf Zeit und keine GWD Leistende.
Dass es parteilose Angehörige des Mfs gab, kann ich mir wirklich nicht vorstellen. Natürlich beweisen bis zum letzten Mann kann ich es auch nicht. So wie man heute in Tendenzbetrieben wie Betrieben der kath. Kirche nicht arbeiten kann, wenn man nicht Katholik ist, so war das beim MfS als Parteiloser ebenso nicht möglich.

Hallo @Gert
zu den Dreiendern beim MfS, die bekamen kein Gehalt sondern Wehrsold und waren auch keine
Berufssoldaten.

Parteilose MA des MfS- Ich kann dir alleine von der Güst Drewitz etwa 7-8 Leute nennen , welche nicht Parteimitglieder waren.
Deren Höchster Dienstgrad an der Güst war dann der Oberfeldwebel.Sie mußten aber trotzdem an allen Parteiveranstaltungen teilnehmen
Weiter mit der Beförderung ging es nur als Parteimitglied.
Dazu kamen die vielen Handwerker, Gärtner,Verkäuferinnen, Köche, Kellnerinnen,Frisörinnen, Reinigungskräfte usw.
welche zwar Mitarbeiter des MfS waren , aber nicht unbedingt Parteimitglieder sein mußten.
Wir waren da weiter als die Kirche!
MfG Jan



Jan, an die Putze und den Koch hatte ich dabei nicht gedacht. Aber sag mal, wer war denn so unterbelichtet und hat sich für volle 3 Jahre verpflichtet für ein Taschengeld ( Wehrsold ) ? Ist für mich kaum vorstellbar. Oder gibt es noch ein anderes Motiv, von dem ich nichts weiss ?


Mehrere tausend Menschen als unterbelichtet zu bezeichnen finde ich eine Frechheit.


passport hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#178

RE: Aufarbeitung

in DDR Staat und Regime 29.01.2014 16:16
von Hackel39 | 3.123 Beiträge

Zitat von Gert im Beitrag #174
[quote=elster427|p327220][orange]

Jan, an die Putze und den Koch hatte ich dabei nicht gedacht. Aber sag mal, wer war denn so unterbelichtet und hat sich für volle 3 Jahre verpflichtet für ein Taschengeld ( Wehrsold ) ? Ist für mich kaum vorstellbar. Oder gibt es noch ein anderes Motiv, von dem ich nichts weiss ?


Ich weiß nicht, ob es zu einfach gedacht ist, diese "Dreijährigen" mit Opfern von Drückerkolonnen aus dem Versicherungs- und Zeitschriftengewerbe zu vergleichen, aber die werbenden Offiziere und teilweise sogar Arbeitskollegen waren zuweilen schon eine echte Plage, ich kann es nicht anders sagen.
Auf einer Parteiwahlversammlung ging mich mal jemand aus dem Rangierlokdienst vor versammelter Mannschaft an, ich solle erst mal ein richtiger Sozialist werden, bevor ich eine Grundorganisation leite.
Sein Einwand war, daß jemand der nur zum Grundwehrdienst bereit war noch kein Treuebekenntnis zum Staat geliefert hat, woraufhin ich wie anderswo in diesem Zusammenhang nur entgegnete, daß ich im Lokfahrdienst mit dem 150%igen Arbeitspensum des "Durchschnittsfahrers" mit Planstunden viel nützlicher für diese Volkswirtschaft war als an einem Platz, der mir zwangsweise zugewiesen wird.
Diese Attacken hörten bis zu dessen Ausscheiden nicht auf, der Clou war, als er in der Nachwendezeit mal einen Stahlhelm mitbrachte, auf dem mein Name draufgeschmiert war und ihn im Aufenthaltsraum platzierte, woraufhin ich ihn im hohen Bogen auf den in Sichtweite abgestellten Schrottwagen warf.
Der blieb dann auch dort, weil der Güterwagen unter dem Fahrdraht war und sein giftiger Kommentar dazu war, daß man mich früher für so etwas erschossen hätte.
Wie Du siehst, gab es auch unter Genossen ganz erhebliche offen ausgetragene Feindseeligkeiten, wenngleich die nicht repräsentativ waren.



zuletzt bearbeitet 29.01.2014 16:32 | nach oben springen

#179

RE: Aufarbeitung

in DDR Staat und Regime 29.01.2014 16:20
von elster427 | 789 Beiträge

Tja es gab auch unter Genossen solche , solche und Idioten!
Und diese gab es überall!!
mfg jan


1981 - 1989 MfS BV Potsdam Abt, VI PKE Drewitz
1990 GT GR 44
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#180

RE: Aufarbeitung

in DDR Staat und Regime 29.01.2014 16:33
von 94 | 10.792 Beiträge

Zitat von Schuddelkind im Beitrag #116
Der renommierte Historiker Hans-Ulrich Wehler ...
Naja, Wehler polarisiert ja gern. Aber das ist ja nicht das Thema jetzt?

Also zu den 3endern, Sold ist ja nicht gleich Sold. Ich zitiere mal aus der in #1 erwähnten Quelle:
Und das wurde ich am 01.08. 1969 mit meinem Ersten Tag in der oben genannten Kreisdienststelle ( KD) einer kleinen Kreisstadt. Mein Nachbar nahm mich im Diensttrabi mit. Und ich muss sagen, ich war damals stolz. Ich weiß auch, dass mich einige im Ort beneideten. Ich wurde als Unteroffizier eingestellt und erhielt damals eine Vergütung von 735.- DDR Mark. Ungefähr 100 mehr , als ich als Dreher hatte. Aber bei deutlich mehr Stunden auf Achse.

Und wimre war neben bequemeren Zugang zu einem Studienplatz und der Möglichkeit noch vor Studienbeginn dienen zu dürfen auch und gerade der finanzielle Anreiz ein gern genutztes Argument der Werber, nicht nur fürs WR. Schließlich gabs ja auch 50% mehr Stipendium nach den drei Jahren 'Ährendienst'.


Verachte den Krieg, aber achte den Krieger!


seaman und Gert haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 29.01.2014 16:34 | nach oben springen



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