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Asbach-Sickenberg:Eine Insel will mehr

in Presse Artikel Grenze 04.07.2009 06:27
von Angelo | 12.396 Beiträge

Asbach-Sickenberg. (tlz) Weit und breit kein Wasser. Die Insel ist von Wald und Wiesen umgeben. Romantisch und idyllisch gelegen. In einem Reisekatalog tauchte sie bis vor 20 Jahren aber nicht auf. Der unfreiwillig zur Insel erklärte Ort lag an der innerdeutschen Grenze. Jedoch auf der Seite, die ein Bus voller Touristen nicht hätte einfach ansteuern können. Weil ein bei Wanfried geschlossenes Abkommen fünf hessische Dörfer der sowjetischen Besatzungszone zuschlagen hatte. Das ist Geschichte. Heute hoffen die 117 Einwohner von Asbach-Sickenberg, dass die Straße ins hessische Bad Sooden-Allendorf endlich saniert wird.

Manches geht schnell. Gerade einmal ein Jahr alt war die DDR. Da wurde aus Asbach und Sickenberg Asbach-Sickenberg. In dem Protokoll der Gemeinderatssitzung vom 17. Juni 1950 heißt es: "Der Antrag der Gemeinde Sickenberg stattzugeben, ist die Gemeinde Asbach einverstanden, daß die Gemeinde Asbach und Sickenberg zusammengelegt wird." Eine Begründung für diesen Schritt ist nicht vermerkt. Bürgermeisterin Ursel Lange kennt sie nicht. Damals war sie neun Jahre alt, und heute weiß die Bürgermeisterin fast alles über die Geschichte ihres Ortes. Asbach wird dieses Jahr 725 Jahre alt.

Wenn Ursel Lange von "wir" spricht, dann meint sie Asbach und Sickenberg. Der Ort ist zusammengewachsen. Die Zeit der DDR hat die Einwohner zusammengeschweißt. Es gibt nur wenige Gemeinden in Deutschland mit solch einer wechselvollen Geschichte. Das macht die "hessischen" Dörfer in Thüringen zu etwas Besonderem.

"Der 17. September 1945 wurde für die Bewohner von Asbach-Sickenberg ein verhängnisvoller Tag." So beginnt die frisch gedruckte Chronik ihr Kapitel zum Wanfrieder Abkommen. Russen und Amerikaner hatten Gebiete getauscht, weil sie an einer für die Amerikaner wichtigen Eisenbahnlinie lagen - an der "Whiskey-Wodka-Linie". Asbach, Sickenberg, Vatterode, Weidenbach und Hennigerode kamen in die sowjetische Besatzungszone, also nach Thüringen. Neuseesen und Werleshausen wanderten nach Hessen.

Hätte es die Grenze zwischen Ost und West nicht gegeben, wäre dieser Schritt nicht so folgenreich wie letztlich war. Auch daran wird im Jahr, in dem sich der Mauerfall zum 20. Mal jährt, besonders erinnert.

Und heute? Verwaltet wird der Ort von Thüringen aus. Daran hat sich nichts geändert. Die Asbach-Sickenberger kaufen sehr oft in Bad Sooden-Allendorf ein, das nur einen Katzensprung entfernt liegt. "Wir sind zu Thüringen gehörig", sagt Ulrike Tylkowski. Sie hat mit an der Chronik zum Festjahr gearbeitet. Aus den Köpfen ist es aber längst nicht, dass Asbach und Sickenberg hessisch waren.

Dabei gab es nach der Wende Bestrebungen, Asbach-Sickenberg wieder nach Hessen anzugliedern. Laut Chronik hatten sich 97 Prozent der Einwohner bei einer Unterschriftenaktion dafür ausgesprochen. Am 23. Februar 1990 sei ein Antrag auf Eingemeindung an die Stadt Bad Sooden-Allendorf gestellt worden, den der Gemeinderat der Kurstadt entsprach.

Bis 1997 versuchten Bürgermeister und Einwohner, das Wanfrieder Abkommen zu annulieren. Als Grund nannten sie das Zusammengehörigkeitsgefühl und die geografische Lage. Bekanntlich scheiterten die Bestrebungen, weil das Abkommen nur ein Staatsvertrag aufheben konnte, hieß es damals.

Auch das ist Geschichte. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Die bitterste Zeit waren die Jahre der Teilung. "Un was haen se uns färrn großen Scherbenhaufen hingerloßen", schrieb Karl Leineweber 1990 in einem Gedicht. Direkt am Ort verlief der Zaun. Besucher aus dem Osten mussten vor der Reise nach Asbach-Sickenberg einen Passierschein beantragen. Für Reisende aus dem Westen steckte die SED die Hürden noch höher. Besonders grotesk war es am Friedhof in Sickenberg. Die ersten Grabsteine standen nur fünf Schritte von den Zaunfeldern entfernt. Verwandtschaft aus dem Westen verfolgte die Beisetzung von der "anderen" Seite. "Die Grenzer blickten von einem Wachturm direkt auf den Friedhof", erinnert sich Lange.

Die erste Beisetzung, bei der Familienangehörige nicht mehr von dem Zaun getrennt wurden, war am 25. Januar 1990.

"Willkommen im hessischen Asbach-Sickenberg" stand auf dem weißen Transparent, das in den Winterhimmel gestreckt wurde. 5000 Personen sollen es bei der Öffnung der Grenze in Asbach-Sickenberg gewesen sein. Am 20. Januar 1990 um 12 Uhr war es soweit. Von Ost und West strömten die Menschen herbei und feierten. "Keiner der damals anwesenden Menschen wird diese Eindrücke bis an sein Lebensende je vergessen", heißt es in der Dorfchronik. Die Freiheit war nun nicht mehr in greifbarer Nähe, sondern Realität.

Die Asbach-Sickenberger wollen nicht vergessen werden. Zum Beispiel bei Fördermittel für Straßensanierungen. Vor allem die Strecke nach Bad Sooden müsse neu werden. Ursel Lange ist zuversichtlich. Zuversichtlicher als bisher. Dass Autos irgendwann problemlos zu der Insel rollen können. Die Insel zwischen Hessen und Thüringen.

03.07.2009 Von Christian Thiele
http://www.tlz.de/tlz/tlz.nachbarstaedte...=TLZ&dbserver=1


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#2

RE: Asbach-Sickenberg:Eine Insel will mehr

in Presse Artikel Grenze 04.07.2009 11:12
von Heldrasteiner (gelöscht)
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Ich habe heute nicht viel Zeit, daher mache ich es kurz, obwohl zu diesem Artikel ne Menge zu sagen wäre.

Wie bereits im Bericht meiner Grenzexkursion erwähnt, wurden u.a. Asbach und Sickenberg, die beide ehemals hessisch waren, in Folge des Wanfrieder Abkommens gegen die Orte Neuseesen und Werleshausen (ehemals thüringisch) getauscht. Das Wanfrieder Abkommen war ein Vertrag, den die amerikanischen Besatzungstruppen mit der russischen Administration schlossen wegen immer wiederkehrender Zwischenfälle an der sog. Whisky-Wodka-Linie, einer Eisenbahnhauptversorgungsmagistrale.

Nähere Infos findet Ihr z.B. hier:
http://de.wikipedia.org/wiki/Bahnstrecke...3G%C3%B6ttingen
http://www.coldwarhistory.us/Cold_War/Th...vodka-line.html

Im MDR lief im Mai zu diesem Thema auch ne Doku:
http://www1.mdr.de/doku/geschichte/2271155.html


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