#61

RE: 1971 - Paul Schulze aus Jüterbog macht mit seiner Familie Urlaub in Dänemark

in DDR Staat und Regime 11.09.2013 09:03
von Nostalgiker | 2.554 Beiträge

Zitat von frank im Beitrag #56


schön für dich ,wer es sich leisten kann ? ich konnte es nicht ! bin auch in keinen fall neidisch !!



.....Hm, das ganze nennt sich wohl Freiheit oder unabdingbares Menschenrecht auf Reisen oder so.
Beides gab es in der DDR nicht oder sehr eingeschränkt.

Späßle beiseite.

Es gibt nun mal Menschen welche sehr Bodenständig sind, die nicht die Erfüllung darin finden ihr Leben lang in der Welt herumzureisen sondern mit ihrem kleinen überschaubaren Lebensraum vollkommen zufrieden sind.

Es ist ein kleiner aber für mich gravierender Unterschied, nicht der "das ich es mir leisten kann", sondern das ich es überhaupt kann wenn ich will und Lust darauf habe.
Ich mich also frei und ohne staatliche, parteiliche Zwänge entscheiden kann wann, wohin und wie ......
Genau das wurde mir in der DDR verwehrt. Ich konnte eben nicht mal einfach so, auch nicht ins sogenannte Bruderland. Jedenfalls Otto Normalbürger, welcher, wenn überhaupt einen ganz gewöhnlichen Urlaub mit dem Sorglos Rundumbetreueungspaket machen möchte ......

Selber gehöre ich jetzt mehr zu den etwas bequemeren Menschen und bin nicht mehr wild darauf als 'Backpacker' durch die Welt zu reisen; was ich durchaus bis ca. Anfang 50 gemacht habe weil mir "organisiertes" Reisen widerstrebte und ich der Meinung bin ein Land lerne ich nicht im All-Inclusive Resort kennen.

Auch das "Argument" aus der damaligen DDR zählt nicht für mich welches da lautete, von wegen keine Reisefreiheit, unsere Bürger können in über ein drittel der Welt reisen ......

Der Teil welcher mir staatlicherseits verwehrt wird wird da umso begehrlicher .......

Um das Problem mal an einem Beispiel zu veranschaulichen.
Selber bin ich in einer Großstadt aufgewachsen und schätzte von Kindheit an die vielfältigsten Angebote in vielerlei Hinsicht welche solch eine Stadt bot.
Ich konnte sie annehmen, ich mußte aber nicht. Allein das Wissen darum das ich könnte wenn ich nur wollte hatte etwas beruhigendes; ich verkneife mir mal 'Freiheitliches'
Nach dem Studium verschlug es mich per Absolventenvermittlung in eine Kleinstadt. Ohne jetzt den Kleinstädtern zu nahe zu treten aber die Enge, das fehlen von Freizeitangeboten etc. machte mich irgendwann frustriert und bestärkte mich in meiner Abneigung gegen die Einschränkungen, so wie ich sie empfand, gegenüber meinem Wohn- und Arbeitsort. Ich wurde dort nie heimisch, nutzte jede sich bietende Gelegenheit von dort zu entkommen und als ich die Chance hatte wieder in eine Großstadt zu ziehen nahm ich sie war, froh dem Ort welcher mich einengte entflohen zu sein ......

Ein immer wieder kehrendes Thema zur Begründung, neben Devisenmangel, ist die Nichtanerkennung der 'DDR-Staatsbürgerschaft' durch die BRD.
Natürlich kann ich versuchen, wenn ich pragmatisch an die Sache herangehe, die damalige Argumentation nachzuvollziehen und auch heute noch sagen, ok genau dadurch wurden viele Übersiedler erst animiert das Land zu verlassen.
Das ist aber meiner Meinung nicht des Pudels Kern, wer unbedingt ein Land verlassen möchte findet Wege und Möglichkeiten dies zu tun.
Auch ich wollte mal bestimmte Orte auf dieser Welt sehen bevor ich 65 bin und genau das haben mir staatliche Fesseln verwehrt. Ich konnte nicht nur meiner eigenen Entscheidung folgend dahin reisen wohin ich wollte, von den finanziellen Möglichkeiten abgesehen.
Wie das Leben so spielt hatte ich die Möglichkeit durch Verwandtenbesuche in den 'Westen' zu fahren, nicht weil ich wollte sondern weil ich "durfte", es wurde mir großzügigerweise gewährt.
An anderer Stelle habe ich schonmal darüber geschrieben, auch das ich damals durch den "Alleinvertretungsanspruch" bedingt mir dort einen Reisepass besorgte und durch die Großzügigkeit der Verwandten die Orte besuchen konnte welche ich, zumindest in Europa, sehen wollte bevor ich alt bin.

Schön für mich aber letztendlich war ich um das zu erleben auf die Gnade des Staates in dem ich lebte und auf die Großzügigkeit der Verwandtschaft angewiesen. Also auch keine freie selbst entschiedene Sache.
Ich mußte darum bitten!
Genauso wie man darum bitten mußte mit JT ins Ausland zu fahren, egal ob Ost oder West, mit dem Reisebüro hauptsächlich nach Ost und wenn man Privat nach Ost fahren wollte mußte man ebenfalls in der Polizeimeldestelle um diese 'Reiseanlage zum Personaldokument' bitten .......
Privat nach West ist ja eine besonder Geschichte .......
Und es oblag der Macht darüber zu entscheiden ob mir die Bitte gewährt wurde oder nicht.
Normal ist das alles nicht aus heutiger Sicht nicht und es war auch damals nicht normal.

Gruß
Nostalgiker


Aber auf einmal bricht ab der Gesang,
einer zeigt aus dem Fenster, da spazieren sie lang,
die neuen Menschen, der neue Mensch,
der sieht aus, wie er war
außen und unter`m Haar
wie er war ...

_______________
aus; "Nach der Schlacht" - Renft - 1974
Text: Kurt Demmler

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#62

RE: 1971 - Paul Schulze aus Jüterbog macht mit seiner Familie Urlaub in Dänemark

in DDR Staat und Regime 11.09.2013 09:45
von Rüganer (gelöscht)
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Zitat ABV aus einem anderen Thread hier im Forum:

Ein entscheidendes, nachvollziehbares Motiv das Risiko einer Flucht einzugehen, lag in der drückenden, jede private Initiative einengenden oder im Keim erstickenden Atmosphäre in der DDR. Die "allwissende" Partei gab die Linie vor. Dem hatte sich alles und jener unterzuordnen. Viele fähige Frauen und Männer sind daran verzweifelt oder wurden regelrecht aus dem Land vergrault.

Ich finde, treffender kann man es gar nicht ausdrücken. Wenn nun der Paul Schulze aus Jüterbog die Gelegenheit bekommen hätte, mit der ganzen Familie in Dänemark Urlaub zu machen, ob der da nicht auch die Möglichkeiten entdeckt hätte, als gut ausgebildeter DDR - Bürger, der aus Nichts noch was machen konnte, den Dänen gegen gutes Geld seine Dienste anzubieten? Und schon wäre er für diese oben so treffend beschriebene DDR verloren gewesen, denn Paul Schulze hätte entdeckt, dass das Leben Spaß machen kann, wenn man erst einmal z. B. in Dänemark Fuß gefasst hat.

Um auf den Beitrag vom Nostalgiker einzugehen, wer in der Schule die Englische Sprache erlernen konnte oder musste, der hatte ein Lehrbuch und darin waren bei mir unter anderem Fotos aus London. Niemals hätte ich geglaubt, diese Fotos einmal mit dem Original vergleichen zu können. Es war für mich damals klar, wie Kloßbrühe - da kommst du niemals hin. Es hat mich auch nicht geärgert oder ich habe es nicht vermisst, so sehr hat man diese Einschränkung schon als Normalität hingenommen. Wenn später dann von Besuchern aus dem Westen, von Monteuren über deren Einsätze erzählt wurde - da hat man mit großen Augen zugehört, aber nie geglaubt - da komm ich auch mal hin.
Wenn ich vor 2 Jahren den Fußweg von der Stadt Petra zu den in Stein gehauenen Monumenten der Nabatäer bei brütender Hitze gegangen bin, dann habe ich das System verdammt, dass mir diesen Fußmarsch zu der Zeit vorenthalten hat, als ich noch voller Kraft und ohne 4 Bypässe lebte. Heute muss ich schon auf Ausflüge achten, die in der Beschreibung als "moderat" deklariert werden.
Leider....


Pit 59 hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#63

RE: 1971 - Paul Schulze aus Jüterbog macht mit seiner Familie Urlaub in Dänemark

in DDR Staat und Regime 11.09.2013 10:18
von Nostalgiker | 2.554 Beiträge

@Rüganer , ich glaube wir machen hier einen Denkfehler.
Wenn das damalige DDR-System, rein hypothetisch, den P. Schulze aus Jüterbog ohne Probleme zum Urlauben nach Dänemark hätte fahren lassen, also ohne jegliche Einmischung und Bevormundung staatlicher Stellen und Institutionen, glaubst Du das wäre von statten gegangen wenn im Staate DDR eine Atmosphäre geherrscht hätte wie sie @ABV so treffend beschrieben hat?
Da beißt sich was aus meiner Sicht. Entweder der Staat mischt sich nicht in die individuelle Lebensgestaltung seiner Bürger ein und lässt ihnen ein Maximum an persönlicher Freiheit oder er 'Definiert' staatlicherseits was unter Freiheit zu verstehen ist, schränkt ein, bevormundet ......

Bei allen Kontroversen bei diesem Thema, ich hänge nicht der These an das bei einer "Reisefreiheit" der überwiegende Teil der DDR Menschen welche ganz normal ins 'westliche' Ausland zum Besuch, Urlaub oder einfach mal so gefahren wären auch dort geblieben wären .......
Das welche dort geblieben wären, keine Frage.
Auch heutzutage gibt es Menschen die meinen ihr Glück im Ausland versuchen zu müssen weil sie mit den Umständen im weitesten Sinne in Deutschland nicht zurecht kommen.
Das Fernsehen ist voll von solchen Doku-Soaps und es sind nicht immer die hellsten Kerzen auf dem Kuchen welche dort bei ihrer "Glückssuche" vorgestellt werden .......

Gruß
Nostalgiker

PS.: und da der 'vormundschaftliche Staat' seinen Bürgern weitgehend das normale Reisen verwehrte war es für viele um die Welt zu sehen nur möglich wenn sie das 'One-Way-Ticket' zu einem Ort wählten wo ihnen dieses Recht nicht vorenthalten wurde ....., um mal beim reisen zu bleiben.


Aber auf einmal bricht ab der Gesang,
einer zeigt aus dem Fenster, da spazieren sie lang,
die neuen Menschen, der neue Mensch,
der sieht aus, wie er war
außen und unter`m Haar
wie er war ...

_______________
aus; "Nach der Schlacht" - Renft - 1974
Text: Kurt Demmler

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#64

RE: 1971 - Paul Schulze aus Jüterbog macht mit seiner Familie Urlaub in Dänemark

in DDR Staat und Regime 11.09.2013 11:54
von Grenzgänger (gelöscht)
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Zitat von Nostalgiker im Beitrag #63
...ich hänge nicht der These an das bei einer "Reisefreiheit" der überwiegende Teil der DDR Menschen.......auch dort geblieben wären .......
Das welche dort geblieben wären, keine Frage.


Diese Frage haben wir im Kollegenkreis so Ende der 70er auch gelegentlich diskutiert. etliche waren der Meinung dass sie selbst wiederkommen würden.
Man sollte überhaupt alle, die "rüberwollten" gehen lassen, um dann mit den "verbliebenen" den Sozialismus umso besser, weil ja nur noch von Protagonisten, gestalten zu können.

Ich habe eben nochmal kurz paar Zahlen bei Wiki zusammengetragen.. demnach haben zwischen 49 und 90 ca, 3,3 Mio Menschen die DDR illegal verlassen (ganz überwiegend bis zum Mauerbau natürlich).
Sind also rund 12-13 Mio noch in der DDR geblieben (wobei ich den Ausgangsstand 49 nicht genau kenne), die sich bis zum Ende der DDR auf knapp 17 Mio "vermehrt" haben.
Jetzt mal angenommen, von den "reisefreien DDR- Bürgern" wären vielleicht nochmal 2 Mio im Westen geblieben, dann würden immer noch knapp 15 Mio Menschen in der DDR gelebt haben.
Das sind etwa genausoviel, wie die "neuen Länder" zur Zeit haben- also von Entvölkerung könnte man da nicht sprechen, auch wenn vielleicht manches Dorf schon eher ausgestorben wäre.

Und das wären Menschen gewesen, die hier leben wollten- aus tausend verschiedenen persönlichen Gründen natürlich.

Und man hätte vielleicht im Wohnungsbauprogramm nur die Hälfte von Arbeiterschließfächern bauen müssen.. die Baukapazitäten wären vielleicht der Sanierung von Altbauten und dem Bau von Straßen zugute gekommen, man hätte im Laden auch mal ein paar Bretter kaufen können usw..
Und der "hochqualifizierte Mediziner" oder was auch immer, wäre auch hier geblieben, weil er nicht mehr 8 Jahre auf die Reparatur der Dachrinne an seiner Dienstvilla warten muss und es ihm ansonsten auch "nicht schlecht" ging ..

Die Kapazitäten für Bau, Unterhaltung und Perfektionierung der Grenze hätten der zivilen Wirtschaft gedient (stellt euch vor, Zaunmaterial zu kaufen für die private Hühnerhaltung wäre überhaupt kein Problem gewesen), die Grenzer hätten ganz normal in ihren Betrieben gearbeitet und der NVA- Dienst wäre ein "Ehrendienst" gewesen...
Wir hätten nur noch ein ganz kleines "Amt für Nationale Sicherheit" gebraucht...

Und es wäre klar gewesen, dass Paul Schulze natürlich aus dem Urlaub zurückkommt, in seine Heimat...

Aber die Fiktion wird immer fiktiver.. und so hat eben die Angst regiert, dass es eben nicht 2 Mio sein werden, die wegbleiben, sondern doch vielleicht 12 Mio... und dann wäre ja nichts mehr zu regieren, zu regeln, zu untersuchen und aufzuklären gewesen.
Die Regierenden hätten sich selbst abgeschafft... aber "Macht ist geil".

Ach ja, man hätte es versuchen sollen...

Siggi


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#65

RE: 1971 - Paul Schulze aus Jüterbog macht mit seiner Familie Urlaub in Dänemark

in DDR Staat und Regime 11.09.2013 12:37
von Moskwitschka (gelöscht)
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Ich habe jetzt nicht alle Beiträge gelesen. Aber ein Aspekt beim "Reisen" scheint mir hier unter zu gehen.

Für nicht wenige sind Heimat, Familie und deren Wurzeln, Freunde und viele kleine Dinge des heimatlichen Alltags wichtige Werte. Und damit auch Gründe mit einem Land verbunden zu sein.

Das war auch zu DDR - Zeiten so. Nur scheint man diesen emotionalen Werten damals keine Bedeutung begemessen zu haben. Wo wir wieder beim Mißtrauen wären.

LG von der grenzgaengerin


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#66

RE: 1971 - Paul Schulze aus Jüterbog macht mit seiner Familie Urlaub in Dänemark

in DDR Staat und Regime 11.09.2013 12:48
von Grenzgänger (gelöscht)
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Zitat von grenzgaengerin im Beitrag #65
......ein Aspekt beim "Reisen" scheint mir hier unter zu gehen.
Für nicht wenige sind Heimat, Familie und deren Wurzeln, Freunde und viele kleine Dinge des heimatlichen Alltags wichtige Werte.



..nee, nee.. ist an mehreren Stellen als durchaus bedeutsam genannt.... aber vielleicht mit der kranken Schwiegermutter und dem Nachbarn, der sich ums Vieh kümmert, etwas umschrieben.. normales Leben eben.

Siggi


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#67

RE: 1971 - Paul Schulze aus Jüterbog macht mit seiner Familie Urlaub in Dänemark

in DDR Staat und Regime 11.09.2013 13:25
von schnatterinchen (gelöscht)
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Nur mal so nebenbei.
Dänemark und der Rest Westeuropas gehörten damals einem Militärbündnis an, welches nach DDR Propaganda mit klingendem Spiel durchs Brandenburger Tor Richtung Berliner Innenstadt marschieren wollte.
Es war bis 1989 Feindgebiet. Die Grenzer werden sich erinnern, wo damals feindwärts war.
Zu Feinden fährt man nicht in den Urlaub. So einfach ist das.
Und ich bleibe dabei, daß nicht ein notorischer Drang der Genossen zur Gängelung die Bürger dazu geführt hat, die Menschen zu hindern in den Westen zu reisen , sondern die Sorge , daß das sorgsam gepflegte Feindbild des Westens abhanden kommt und die DDR von innen politisch aufgeweicht wird, wie es eben 1989 geschehen ist.


zuletzt bearbeitet 11.09.2013 13:30 | nach oben springen

#68

RE: 1971 - Paul Schulze aus Jüterbog macht mit seiner Familie Urlaub in Dänemark

in DDR Staat und Regime 11.09.2013 14:25
von Grenzgänger (gelöscht)
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Zitat von schnatterinchen im Beitrag #67
.......sondern die Sorge , daß das sorgsam gepflegte Feindbild des Westens abhanden kommt ......


Man hätte ja den Urlaubsreisenden einen Handzettel mitgeben können- etwa in der Art:

"Achten Sie bitte bei Ihren Reisen auf die große Anzahl militärischer Einrichtungen und Objekte und auf die starke Präsenz von Militärangehörigen und Militärtechnik im öffentlichen Raum.
Werten Sie dies bitte als Beweis für die nach wie vor bestehende und den Sozialismus in Ihrem Heimatland DDR bedrohende Aggressivität der imperialistischen Mächte.
Praktizieren Sie revolutionäre Wachsamkeit, wenn ihnen in Gesprächen vermittelt werden soll, dass das westliche Bündnis keine Aggressionsabsichten hat.
Wir wissen es besser...
Wir wünschen Ihnen eine gute Reise und einen erholsamen Urlaub- kehren Sie gesund zurück"

Ihr Reisebüro der DDR

Im Kleingedruckten vielleicht noch der Hinweis, dass man sich über einen kurzen schriftlichen Bericht über die gemachten einschlägigen Feststellungen freuen würde...


..hätte doch fürs Feindbild eigentlich reichen müssen, oder ?


Siggi


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#69

RE: 1971 - Paul Schulze aus Jüterbog macht mit seiner Familie Urlaub in Dänemark

in DDR Staat und Regime 11.09.2013 14:31
von Rüganer (gelöscht)
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Nostalgiker,

dass der Paul Schulze aus Jüterbog in Dänemark Urlaub machen wollte, ist eine Fiktion, dagegen war die Aussage von @ABV Realität.
Das beides Realität gewesen sein soll, Normalität in der gelebten DDR – ich gebe Dir unumwunden Recht, da beißt sich gewaltig was. Eben weil die „allwissende Partei“ eine Linie vorgegeben hatte und die ließ es nicht zu, dass Paul samt Familie in Dänemark das Ferienhäuschen benutzen konnte.
Paul hätte erleben können, dass der dänische Vermieter ein ganz passabler Kerl ist, der ihm das vergessene Angelzeug geliehen hätte, der mit ihm ein Tuborg – Bier oder einen Kasten davon ausgetrunken hätte und vielleicht hätte sich dann sogar noch ein umfangreicher Briefkontakt entwickelt, weil Paul ja im nächsten Jahr innerhalb der PGH soviel Zweitwährung bekommen hätte, die ihm einen weiteren Urlaub dort ermöglicht hätte.
Was hätten eigentlich die zuständigen Organe da für einen Aufwand betreiben müssen, um Paul zu überwachen, denn der hätte ja auch noch PGH – Geheimnisse ausplaudern können..
An @ Schnatterinchens Überlegungen ist etwas dran, dem Paul wäre bestimmt niemals eingefallen, Dänen als Feinde zu betrachten.
Wie viele in der DDR haben dies überhaupt ernsthaft geglaubt? Und dies gilt ebenso für Schweden, Finnen, Norweger usw... Feinde?
Natürlich wären ein paar 10.000 weg gewesen, dann aber hätten wohl auch die Staaten gesagt – he, was wollen die hier, wir wollen so viele nun auch nicht. Vielleicht hätte sich das Problem dann von ganz alleine gelöst? Der Aderlass wäre jedoch nicht zu verkraften gewesen, weil es die Fachleute gewesen wären, die man sofort mit offenen Armen empfangen hätte und die auch Arbeit gefunden hätten, die aber dann in der DDR spürbar gefehlt hätten.
Letztendlich blieb der DDR – Führung wohl nichts anderes übrig, das Land so attraktiv gestalten, diese vom ABV beschriebenen Fesseln der Bevölkerung ablegen – dies hat man nicht geschafft und wollte es wohl auch gar nicht, hatte man doch den großen Bruder zum Vorbild oder war ein Ableger von ihm. Dort konnte man sich wohl schon im eigenen Land nicht so bewegen, wie man es wollte...

Für den Handzettel:
Trinken Sie kein Bier oder Alkohol mit Bürgern Ihres Gastlandes!


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#70

RE: 1971 - Paul Schulze aus Jüterbog macht mit seiner Familie Urlaub in Dänemark

in DDR Staat und Regime 11.09.2013 15:12
von Grenzgänger (gelöscht)
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Zitat von Rüganer im Beitrag #69
.....Der Aderlass wäre jedoch nicht zu verkraften gewesen, weil es die Fachleute gewesen wären, die man sofort mit offenen Armen empfangen hätte und die auch Arbeit gefunden hätten, die aber dann in der DDR spürbar gefehlt hätten.



Danke rüganer..
zum Satz oben habe ich noch eine Anmerkung- dieses Argument wird ja schon lange verwendet (und es waren sicher auch in sehr vielen Fällen gut und sehr gut ausgebildete Leute, die "rübergemacht" sind) aber ich hätte für unsere Fiktion die Vorstellung, dass auch dieses Problem durch die "motiviert" nachrückende zweite Reihe relativ schnell zu schliessen gewesen wäre.
So ein "freigewordener" Chefarzt- oder Hauptingenieursposten oder eine Meisterstelle war auch in der DDR begehrt (und sei es nur des Ansehens wegen.. und nicht alle davon waren in der "Partei")
Und wie effektiv arbeitet jemand, der eigentlich weg sein will... ?


Dein anderer Gesichtspunkt ist auch nicht ohne: "... wir wollen so viele nun auch nicht".
Du schriebst von mehreren 10000, ich weiter oben von 2 Mio, die "drüben" geblieben wären.. wahrscheinlich wären größere Auffanglager (wie gehabt) die Folge geworden.
Wahrscheinlich hätte man bald nicht mehr von den "armen Brüdern und Schwestern" gesprochen...

...ach so- Paul wurde natürlich nicht überwacht. Zur Fiktion gehört, dass der "Staat" Vertrauen zu seine Bürgern hat...

Siggi


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#71

RE: 1971 - Paul Schulze aus Jüterbog macht mit seiner Familie Urlaub in Dänemark

in DDR Staat und Regime 11.09.2013 16:31
von schnatterinchen (gelöscht)
avatar

Zitat von Nostalgiker im Beitrag #61


............
Wie das Leben so spielt hatte ich die Möglichkeit durch Verwandtenbesuche in den 'Westen' zu fahren, nicht weil ich wollte sondern weil ich "durfte", es wurde mir großzügigerweise gewährt.
An anderer Stelle habe ich schonmal darüber geschrieben, auch das ich damals durch den "Alleinvertretungsanspruch" bedingt mir dort einen Reisepass besorgte und durch die Großzügigkeit der Verwandten die Orte besuchen konnte welche ich, zumindest in Europa, sehen wollte bevor ich alt bin.

Schön für mich aber letztendlich war ich um das zu erleben auf die Gnade des Staates in dem ich lebte und auf die Großzügigkeit der Verwandtschaft angewiesen. Also auch keine freie selbst entschiedene Sache.
Ich mußte darum bitten!
Genauso wie man darum bitten mußte mit JT ins Ausland zu fahren, egal ob Ost oder West, mit dem Reisebüro hauptsächlich nach Ost und wenn man Privat nach Ost fahren wollte mußte man ebenfalls in der Polizeimeldestelle um diese 'Reiseanlage zum Personaldokument' bitten .......
Privat nach West ist ja eine besonder Geschichte .......
Und es oblag der Macht darüber zu entscheiden ob mir die Bitte gewährt wurde oder nicht.
Normal ist das alles nicht aus heutiger Sicht nicht und es war auch damals nicht normal.

Gruß
Nostalgiker



Och nö , er mußte darum bitten in den Westen reisen zu dürfen. Na das liest sich ja mal nett.
Ich habe mir solche Bitten gleich von Anfang an verkniffen, weil ich es durch Sippenhaft in dieser DDR eh verkackt hatte und mich keiner zusätzlichen Aufmerksamkeit der Organe aussetzen wollte.
Was das Besorgen von Dokumenten im westlichen Ausland anbetrifft hat sich mein ehemaliger Schuldirektor, der jeden zur Sau gemacht hat der mit einem Hendrix T-Shirt oder ähnlichem in die Schule gekommen ist auch bei einer Westreise einen Schwerbeschädigtenausweis besorgt und den dann nach der Wende im Versorgungsamt vorgelegt und gemeint er hat schon einen.
Sein Sohn ist übrigens von einer Auszeichnungsreise nicht wieder in die DDR zurückgekehrt.
Wenn man solche Vorbilder hat brauchts eigentlich keine schlechten Beispiele mehr.


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#72

RE: 1971 - Paul Schulze aus Jüterbog macht mit seiner Familie Urlaub in Dänemark

in DDR Staat und Regime 11.09.2013 16:42
von Nostalgiker | 2.554 Beiträge

Schnattchen, Dir ist vielleicht die Ironie welche hinter dem von mir verwendeten 'bitten' steht nicht aufgefallen ......

Recht hatte der Schuldirektor, wer Ende der 80ger mit einem Hendrix Konterfei auf einem T.Shirt rumlief gehörte gemaßregelt.
Was die Geschichte mit dem Schwerbeschädigtenausweis 'West' betrifft, halte ich mal für das was es ist, eine Geschichte ........
Das der Sohn von einer Westreise nicht wieder kam, wahrscheinlich JT, das kam in den besten Familien vor und ist deshalb weder eine Sensation noch ein Beleg dafür das der Direktor ein ganz besonderes ideologisch durchtriebenes Element war .......

Übrigens machst Du mit Deiner Anklage gegenüber dem Schuldirektor genau das gleiche was damals die 'verantwortlichen Genossen' in solchem Falle machten; sie hielten den Erziehungsberechtigten ein totales versagen bei der Erziehung ihres Nachwuchses vor. Da war es egal ob der 15, 17 oder 32 war. Selber erlebt, deshalb ist es für mich nicht nur eine "Geschichte" vom hörensagen .....

Gruß
Nostalgiker


Aber auf einmal bricht ab der Gesang,
einer zeigt aus dem Fenster, da spazieren sie lang,
die neuen Menschen, der neue Mensch,
der sieht aus, wie er war
außen und unter`m Haar
wie er war ...

_______________
aus; "Nach der Schlacht" - Renft - 1974
Text: Kurt Demmler

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#73

RE: 1971 - Paul Schulze aus Jüterbog macht mit seiner Familie Urlaub in Dänemark

in DDR Staat und Regime 11.09.2013 16:56
von Grenzgänger (gelöscht)
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Zitat von Nostalgiker im Beitrag #72
.....Recht hatte der Schuldirektor, wer Ende der 80ger mit einem Hendrix Konterfei auf einem T.Shirt rumlief gehörte gemaßregelt.....


Ich kann hier die Ironie nicht so recht rauslesen- oder meinst du das ernst ?

Siggi
(der nicht von Paul zu Jimi schwenken, sondern nur deine Meinung erkennen möchte..)


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#74

RE: 1971 - Paul Schulze aus Jüterbog macht mit seiner Familie Urlaub in Dänemark

in DDR Staat und Regime 11.09.2013 16:58
von schnatterinchen (gelöscht)
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Deine Ironie Nostalgiker habe ich tatsächlich "überlesen"
Wieso hatte der Direx recht?
Und das war nicht Ende der 80ger sondern am Anfang.Für ein durchtriebenes Element habe ich diesen Herrn nicht gehalten eher für einen Mensch dessen öffentlich zur Schau gestellte politische Einstellung nicht mit der inneren Einstellung übereinstimmte. Aber das war in der DDR ja weitverbreitet und hat letzlich auch zu deren Untergang beigetragen.


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#75

RE: 1971 - Paul Schulze aus Jüterbog macht mit seiner Familie Urlaub in Dänemark

in DDR Staat und Regime 17.09.2013 01:43
von frank | 1.753 Beiträge

Zitat von Rüganer im Beitrag #58
Zitat von frank im Beitrag #56
Zitat von Vierkrug im Beitrag #53
@Rüganer - Du bekommst eine Antwort. Sicherlich deutet die Vita auf absolute Linientreue. Ja die gab es zur Sache und zum Ziel, aber nicht zu den eingeschlagenen und praktizierten Wegen dorthin. Linientreue bedeutet nicht, dass man sich als Person so verbiegt, das man sich nicht mehr selber erkennt. Ein kritischer Begleiter war ich schon, aber kein "Widerstandskämpfer", wie sich einige ehemalige Mitstreiter heute sehen. Damit muß ich leben und kann ich auch leben.
Auch ich habe mir nach 1989 mit zahlreichen Reisen die Welt weiter erschlossen - warum auch nicht.


Vierkrug


letztes rot mark : schön für dich ,wer es sich leisten kann ? ich konnte es nicht ! bin auch in keinen fall neidisch !!
aber , linientreu , sich nicht mehr selber erkennen , kritischer begleiter und 'ehemalige mitstreiter' dann als 'widerstandskämpfer'
zu beschreiben ist für mich neben der 'spur' , herr wiederstandskämpfer !!!
auch ich hatte zu manchen dingen eine andere auffassung , aber in die hand beißen von wo du dein brot bekommst , hätte damals keiner , schon gar nicht bei uns , genauso wie heute !!!



@Frank,

wenn Du Vierkrug's Beitrag um 22.27 Uhr gestern Abend nicht mehr begreifen konntest, dann ist dies nicht weiter schlimm...
Immerhin hast Du mit Deinem Post auf seine Antwort ein bleibendes Dokument des Unverständnisses geschaffen, über welches man köstlich lachen kann und mich wundert es dann nun nicht, dass Du Dir diese Reisen nicht leisten konntest.
Hattest Du wieder Deinen verbitterten Abend?




gute oder schlechte 'PR' , egal, läuft das nicht heut zu tage so ?
oh , gott , was hab ich da nur geschrieben ?
liegt mir völlig fern wieviel punkte und beiträge ich hier im forum schreibe ,ist und wird mir immer so was von egal sein !!!
mir ist wichtig , hier meine eigene meinung zu präsentieren , so wie ich sie als ehemaliger mfs - angehöriger erlebt habe !
ich habe zum beispiel als oberfeldwebel des MFS zuletzt ca: 800 ostmark verdient , immerhin das doppelte was mein bruder als
land - traktorenschschlosser auf der LPG verdiente !
finanzen sind ja bei reisen ein wichtiger faktor oder ??
vielleicht hätte ich in meinem leben mehr wert auch auf 'schulterstücke' legen sollen als auf 'linientreue' !!!



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