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#1 In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden von ABV 26.09.2016 18:26

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Hallo an alle!
Wie ich bereits vor einiger Zeit berichtete, bin ich gerade dabei die DDR-Geschichte meines Wohnortes, Küstrin-Kietz, zu erforschen. Seit Mai treibe ich mich in verschiedenen Archiven, Potsdam, Frankfurt (Oder) und Seelow, herum. Ein Ende ist momentan nicht in Sitz, was mich mehr als freut.

In Archiven zu forschen ist wie das Graben nach alten Schätzen. Man weiß nie was sich in den vor einem ausgebreiten alten Aktenordern oder in den Zeitungen " von Anno dunnemals" an neuen oder längst vergessenen Wissen verbirgt. Um es vorwegznehmen-eine ganze Menge!
Beim Lesen der Ausgaben des " Neuen Tag", so hieß unsere Regionalzeitung zu DDR-Zeiten, fühlte ich mich wie in einem U-Boot. Mit dessen Hilfe ich dann in die Tiefen der Vergangenheit abtauchte, um dann nach Stunden wieder in der Gegenwart aufzutauchen.
Wer lediglich in alten Zeitungen liest, läuft tatsächlich Gefahr in (N)ostalgie zu versinken. Gegen diese Gefahr hilft nur die Lektüre von anderem, wesentlich aussagefähigerem Schriftgut. Sehr aussagefähig sind zum Beispiel die Akten des MfS, aber auch die leider nur sehr lückenhaft überlieferten Protokolle von Gemeindevertretersitzungen.
Ein Beispiel: Mitte der Achtzigerjahre finden sich mehrere Artikel über unseren Ort, die ein geradezu ideales "rosarotes Bild" zeichnen. Zu Wort kommt darin immer wieder der damalige Bürgermeister, der vor Optimismus nur so strahlte. Von dem selben!!! Bürgermeister existiert ein Schreiben an den " Rat des Kreises Seelow" aus dem Herbst 1988, in dem dieser in dramatischen Worten auf die prekäre Versorgungssituation im Dorf aufmerksam machte. So konnte der Dorfkonsum nicht einmal mehr die Grundversorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln garantieren.
In der Zeitung fand sich davon nichts.
Ich habe auch eine Menge interessanten " Beifang an Land gezogen". Historisch wertvolle Informationen aus meiner Heimatregion, die meinen Wohnort zwar nicht unmittelbar betrafen, trotzdem aber sehr interessant für mich sind.
Zum Beispiel der Umgang mit den Bauern in den ersten Jahren nach dem Krieg. Wer seine Abgabenormen, aus welchen Gründen auch immer, nicht erfüllen konnte, wurde gnadenlos an den öffentlichen Pranger gestellt.







Den Bauern Baarmann habe ich selbst nie kennengelernt. Ich weiß nur, dass er in den "Westen" gegangen ist. Von seinem Bauernhof bleib nichts übrig, als eine im Gebüsch versunkene Ruine. Als Kinder haben wir dort des Öftern gespielt oder in dem am Grundstück vorbei fließenden Graben geangelt.
Heute ist mir bewusst, dass Bauer Baarmann, wie viele andere in dieser Zeit auch, nicht einfach so ihre Heimat verlassen haben. Nein, sie wurden von einem bescheuerten engstirnigen Regime regelrecht aus dem Land geekelt.
Unfreiwillig komisch erscheinen dagen heute solche Schlagzeilen wie: " Schon wieder ist eine DDR-Aussiedlerfamilie in der Bundesrepublik verhungert".
Der 17. Juni spielte in den Schlagzeilen kaum eine Rolle. Als hätten die zahlreichen Arbeiterproteste überhaupt nicht stattgefunden.
Mit Ausnahme dieses Artikels:


Besonders Aufschlußreich waren die zahlreichen Gerichtsreporte, bei denen die Angeklagten in den erste Jahren mit dem vollen Namen genannt wurden. Als eines Tages Bernhard Grünert aus Worin bei Seelow, seines Zeichens einer der ersten LPG-Vorsitzenden der DDR, verprügelt wurde, reagierte die Justiz knallhart:


Immer wieder forderten die Hinterlassenschaften des Zweiten Weltkriegs ihre Opfer unter der Bevölkerung des Oderbruchs:


Wird fortgesetzt


Gruß an alle
Uwe

#2 RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden von ✝thomas 48 26.09.2016 20:00

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Hallo, unter
oldthing.de
findest du über 50 Ansichtskarten, Landkarten über Küstrin usw.
tho

#3 RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden von berlin3321 27.09.2016 06:46

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Sehr interessant, Uwe. Danke.

MfG Berlin

#4 RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden von ABV 04.10.2016 12:12

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Die, verordnete, Freundschaft zur Sowjetunion zog sich von Anfang an wie ein roter Faden durch die Zeitungsausgaben im damaligen Kreis Seelow. Wobei die Wahrheit auch hier in der Mitte gelegen haben dürfte. Nicht alles war gestellt, oder von oben verordnet. Auf beiden Seiten gab es Menschen, die nach all dem furchtbaren Geschehen, Versöhnung und Annäherung am Herzen lag.
















wird fortgesetzt

Gruß an alle
Uwe

#5 RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden von SET800 04.10.2016 14:11

Zitat von ABV im Beitrag #1

...........
Heute ist mir bewusst, dass Bauer Baarmann, wie viele andere in dieser Zeit auch, nicht einfach so ihre Heimat verlassen haben. Nein, sie wurden von einem bescheuerten engstirnigen Regime regelrecht aus dem Land geekelt.
...........................
Gruß an alle Uwe


Hallo, wirklich?

Wie wäre es mit der Klärung der Frage war von 1945 bis 1955 eine einwandfreie rechlich-steuerliche Landwirtschaft als "Großbauer", dafür mal >25ha angenommen, möglich?

Also Ernteerlöse abzüglich Aufwand, Steuern, Sozialversicherung und Lebenshaltungskosten > Null?

Oder Preisvorgaben für Dünger, Saatgut und Technik einerseits und Aufkaufpreise von HO, Genossenschaft oder Staat passten nicht zusammen?

#6 RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden von ABV 04.10.2016 18:05

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Jetzt kommen wir zu einem der für mich, aus naheliegenden Gründen, interessantestem Thema. Die Volkspolizei im Kreis Seelow. Dabei habe ich etliche gute, mittlerweile im wahrsten Sinn des Wortes alte Bekannte gefunden. Manche von ihnen sind längst verstorben. Das ist schon ein merkwürdiges Gefühl, wenn sie einem aus den Zeitungen von " Anno dunnemals" anschauen.




Dieser Fall beschäftigte das VPKA Seelow im Jahr 1952:


Über diese Meldung aus dem Jahre 1952 musste ich kräftig schmunzeln. Denn die bösen Buben von einst, dürften heute hochbetagt sein. Und wahrscheinlich den Satz " das hätten wir uns früher nicht erlauben dürfen", im Munde führen.


Kritik an der Arbeit des VPKA Seelow gab es, zumindest in den Fünzigerjahren auch:


Wird forgesetzt

Gruß an alle
Uwe

#7 RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden von ABV 04.10.2016 19:06

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Auch das gehörte in den ersten Jahren nach dem Krieg tragischerweise zum Alltag im VPKA Seelow:



Diese Frage stellte man sich im Jahr 1953:


Tipps wie diese konnten durchaus Leben retten:


Jetzt wird es aber richtit kriminell. Chicagomethoden im Oderbruch?!


Hausbücher gab es schon 1953:


Der " Teufel Alkohol" stellte bereits vor über sechzig Jahren ein zuweilen tödliches Problem dar. Daran hat sich bis heute in der Seelower Region nichts geändert. Die Dummheit stirbt offenbar nie aus.


Hier noch ein tragisches Beispiel:


Die Kette der Sprengstoffunglücke riss im Oderbruch nicht ab. Kein Wunder. Tobte doch hier eine der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs. Und das über mehrere Wochen.


Hier geht es mal wieder um den schöden Suff. Übrigens, Hermann Seelig ist der Vater eines meiner leider viel zu früh verstorbenen Kumpels.


Und das geht doch runter wie Öl:


wird fortgesetzt

Gruß an alle

der Uwe aus dem Oderbruch

#8 RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden von vs1400 05.10.2016 23:37

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hallo Uwe,
ich finde derartige einblicke durchaus sehr interessant,
doch dies war nicht nur die damalige zeit
und es liegt an dir, was du hier einstellst oder für wertig hältst.

einseitige darstellung führt zu nichts.

gruß vs

#9 RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden von Freienhagener 06.10.2016 11:37

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Und, wie soll er das machen mangels echter Alternativen?
Die Einheitlichkeit der DDR-Presse muß man dir gewiß nicht erklären.

#10 RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden von ABV 06.10.2016 15:48

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Zitat von Freienhagener im Beitrag #9
Und, wie soll er das machen mangels echter Alternativen?
Die Einheitlichkeit der DDR-Presse muß man dir gewiß nicht erklären.


Stimmt! Wenn ich bei meinen Forschungen lediglich auf Zeitungen aus der DDR-Zeit angewiesen wäre, hätte ich die Aktion auch gleich sein lassen können.
Natürlich sind alte Zeitungen eine sehr interessante Informationsquelle. Aber eine die man nur mit größter Vorsicht nutzen sollte. Denn die ganze Wahrheit geht eben nicht aus ihnen hervor. Die erhalten gebliebenen Akten der Gemeinde und Stasi-Akten sprechen nicht selten eine völlig andere Sprache. Mein Lieblingsbeispiel ist das unserem damaligen Bürgermeister, der in der Zeitung die Erfolge im Dorf lobte, gleichzeitig jedoch einen geharnischten Brief an den " Rat des Kreises Seelow" verfasste, in dem er über gravierende Versorgungsmängel informierte.
Man ist oft gezwungen, " zwischen den Zeilen zu lesen".
Manche Dinge über die man sich beim Zeitungsstudium Aufklärung erhoffte, wurden in der Zeitung kaum erwähnt. Zum Beispiel das grauenvolle Zugunglück von Lebus, im Sommer 1977. Lebus gehörte ja ebenfalls zum damaligen Kreis Seelow. Was liegt also näher, als eine ausdrucksfähige Reportage zu erwarten?
Ja, heute wäre das wohl so. Damals widmete der " Neue Tag" der Katastrophe gerade einmal wenige, obendrein nichts sagende Zeilen. Wer jetzt meint, dass man eben nicht!! die Sensationsgier der Leser befriedigen wollte, dem sei gesagt, dass darum nicht unbedingt gehen muss. Die vielen Retter und Helfer hätten ganz sicher einen Dank verdient!

Gruß an alle
Uwe

#11 RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden von Gert 06.10.2016 16:02

Zitat von Freienhagener im Beitrag #9
Und, wie soll er das machen mangels echter Alternativen?
Die Einheitlichkeit der DDR-Presse muß man dir gewiß nicht erklären.


das sehe ich auch so, wenn ich dort zu Besuch war brauchte ich nur eine durchzublättern und wußte was in allen anderen ebenfalls gedruckt war.
Obendrein waren sie so das langweiligste was man auf der Welt als Zeitung lesen konnte

#12 RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden von vs1400 07.10.2016 00:11

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Zitat von Freienhagener im Beitrag #9
Und, wie soll er das machen mangels echter Alternativen?
Die Einheitlichkeit der DDR-Presse muß man dir gewiß nicht erklären.


hallo Freienhagener,

selbst in diesen hier eingestellten darstellungen kann man mehr, als dass gemeinte erfahren.
echte alternativen waren und sind schon immer zeitzeugen. da hilft es eben nicht, jemanden zu erwähnen der hektisch, barsch reagiert, zu erwähnen.
so erfährt man nichts aus dieser zeit.
die bstu ist kein zeitzeuge der ddr und diesbezüglich sollten wir wohl einer meinung sein.
weiterhin wurden ja die ehemaligen tageszeitungsarchive nicht verbrannt und aus weitsichtigkeit gern übernommen.

gruß vs

#13 RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden von ABV 07.10.2016 03:03

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Ob die BSTU ein Zeitzeuge der DDR ist oder nicht, darüber mag man sich streiten. Aber die Stasi-Akten würde ich schon als wertvolle Quelle für die Erforschung der DDR-Geschichte bezeichnen. Es ist ja nicht unbedingt immer so, wie manche meinen, dass in diesen Akten lediglich " menschliche Niedertracht" zu finden ist. Vielmehr geben diese Akten auch Auskunft über ansonsten der Öffentlichkeit kaum bekannte Ereignisse oder über reale, zu jener Zeit vorherrschende Zustände. Zum Beispiel Schlampereien und andere Unzulänglichkeiten in den Betrieben. Viele IM sahen ihre Tätigkeit als Möglichkeit den Staat über bestimmte Mängel zu informieren, in der Hoffnung das diese dann endlich abgestellt werden. Diese Hoffnung hatte sich bekanntlich nicht erfüllt, diese IM werden heute mit bloßen Denunzianten in einen Topf geworfen. Was die Aufarbeitung sowie die Bereitschaft über die eigene Vergangenheit zu reden, zusätzlich erschwert.

Gruß an alle
Uwe

#14 RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden von Freienhagener 07.10.2016 11:51

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Zitat von vs1400 im Beitrag #12
Zitat von Freienhagener im Beitrag #9
Und, wie soll er das machen mangels echter Alternativen?
Die Einheitlichkeit der DDR-Presse muß man dir gewiß nicht erklären.


hallo Freienhagener,

selbst in diesen hier eingestellten darstellungen kann man mehr, als dass gemeinte erfahren.
echte alternativen waren und sind schon immer zeitzeugen.




Meine Äußerung bezog sich auf die Ausschnitte der DDR-Presse.

#15 RE: In den Archiven die DDR neu erlebt und verstanden von eisenringtheo 07.10.2016 15:18

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Zitat von ABV im Beitrag #7
(...)
Und das geht doch runter wie Öl:


wird fortgesetzt

Gruß an alle

der Uwe aus dem Oderbruch


Eigentlich ist das auch ein kritischer Artikel über die Volkspolizei, der genannte Kollege wird zwar gelobt, doch der Kollege Handwerker musste vorher schon mehrmals unabgefertigt nach Hause. Interessant ist, dass die Volkspolizisten in der noch jungen DDR offenabr als Kollegen (und noch nicht als Genossen) bezeichnet wurden.

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