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#1 "Salut, Roter Oktober!" oder: Wie man preiswert nach Berlin kam von Thüringerin 28.12.2014 10:54

1977 durfte ich mit meiner Mannschaft „Touristischer Mehrkampf“ zum „Fest des Roten Oktober“ nach Berlin fahren. Das Fest wurde anlässlich des 60. Jahrestages der Oktoberrevolution im damaligen Russland veranstaltet. Es war selbstverständlich, dass die DDR als kleiner Bruder der großen Sowjetunion dieses Ereignis mit einer würdigen Veranstaltung feierte.

An solchen Veranstaltungen durften immer nur ausgewählte FDJ-ler teilnehmen. Diese bekamen dann ein Mandat für diese Veranstaltung, die sich meistens über mehrere Tage hin zog. Die Jugendlichen wurden in der Regel einheitlich eingekleidet, meist mit den gleichen Jacken und Kopfbedeckungen. Stoffbeutel mit aufgedruckten Emblemen ergänzten das Outfit.

Diesmal waren wir also die "Auserwählten". Wir durften nach Berlin fahren! Das fanden wir fetzig! Natürlich bekamen auch wir einheitliche Nylonjacken und eine Art Mütze oder Hut mit einem roten Stern vorne dran. Der Hut sah echt bescheuert aus, fand ich. Sollte ich ihn irgendwann wieder finden, dann werde ich ihn fotografieren und hier abbilden. Jeder Leser kann sich dann vorstellen, dass ein 14jähriges Mädchen sowas nicht unbedingt auf dem Kopf haben muss. Ich beschloss, das Teil nur dann zu tragen, wenn es sich gar nicht vermeiden ließ – sprich, wenn es strikt angeordnet wurde.

Wir bereiteten uns auf die Fahrt vor, indem wir eine Wandzeitung gestalteten. Wir sollten während unseres Aufenthaltes in Berlin an einem Erfahrungsaustausch an einer Schule teilnehmen und wollten mit der Wandzeitung über das Training, die Wettkämpfe und unsere Erfolge berichten. Immerhin waren wir jedes Jahr Kreismeister im Touristischen Mehrkampf, landeten auch bei den Bezirksmeisterschaften immer auf dem Siegertreppchen und schafften es sogar einmal bis zu den DDR-Meisterschaften. (Ich werde bei Gelegenheit mal erzählen, was „Touristischer Mehrkampf“ ist, für die, die sich darunter nichts vorstellen können.)

Zu solchen Großveranstaltungen kamen die auserwählten Jugendlichen aus der ganzen Republik nach Berlin. Sie mussten natürlich alle untergebracht werden. Meistens erfolgte die Unterbringung in Schulen. Es wurden Luftmatratzen in Klassenräume gelegt – fertig. Ältere Teilnehmer wurden auch in Gastfamilien untergebracht.

Unser Quartier – mit UNSER meine ich einen Teil der Delegation aus dem Bezirk Suhl – war die 13. Oberschule in der Adalbertstraße. Mit unseren Mandaten durften wir übrigens alle öffentlichen Verkehrsmittel benutzen, so oft wir wollten und im ganzen Raum Berlin, Ostberlin natürlich, logisch. Schnell hatten wir uns alle wichtigen Verbindungen, Umsteigebahnhöfe und die Stationen, die dazwischen lagen, eingeprägt. Die Versorgung zum Frühstück und Abendbrot erfolgte über Verpflegungsbeutel (wir sagten Fresspakete), Mittag gab es warmes Essen am jeweiligen Ort des Aufenthaltes. Es war immer reichlich und auch Obst war dabei.

Das Beste an der ganzen Sache war, wir konnten viel selbst unternehmen. Wir mussten lediglich zu den vorgeschriebenen Zeiten wieder im „Objekt“ sein bzw. uns zu den angeordneten Veranstaltungen einfinden. Außerdem sollten wir uns jeder Zeit und überall angemessen benehmen, schließlich waren wir ja auserwählte FDJ-ler. Wir nutzten diese Freiheit natürlich voll aus und erkundeten Berlin auf eigene Faust. Wir kamen zwar aus einem kleinen Dorf, noch dazu aus dem letzten Zipfel der Republik, auch guckte man uns öfter komisch an, wegen unserer fränkischen Mundart, aber wir bewegten uns wie selbstverständlich, ohne Ängste und Hemmungen in Berlin, als wären wir jede Woche dort. Ach, es war einfach schön. Die Tage vergingen viel zu schnell.

Das Ganze hat sicher einen Haufen Geld gekostet, da ließ sich die Regierung wirklich nicht lumpen. Wir fragten nicht danach, als Jugendliche interessierte uns das nicht. Wir wollten nur was erleben. Dennoch, die Einkleidung der Teilnehmer, die Reisekosten, die Unterbringung und Verpflegung, die Organisation der Massenveranstaltungen, es gab Auftritte von Rockbands und es wurde einfach ganz viel geboten – das war nicht grad ein Pappenstiel. Für die Regierung war wichtig: Es wurde präsentiert, es wurden Parolen geschwungen, der Sozialismus zeigte sich von seiner Sonnenseite, es war gute Stimmung unter den Teilnehmern und die Festveranstaltung im „Stadion der Weltjugend“ war durchorganisiert bis ins kleinste Detail.

Keine Ahnung, was die Berliner von solchen Spektakeln hielten. Ich glaube, sie waren froh, wenn der ganze Rummel wieder vorbei war, die U- und S-Bahnen nicht mehr überfüllt waren und der Alltag wieder einkehrte. Aber auch darüber zerbrachen wir uns damals nicht den Kopf.

Die morgendlichen Appelle ließen wir über uns ergehen, dann gehörte der Tag uns. Und manchmal, wenn ich mir die alten Schwarz-Weiß-Fotos angucke und mich an die Zeit erinnere, fallen mir Textstücke aus den Liedern der Singegruppen ein:

„Und das war im Oktober, als das so war, in Petrograd, in Russland, im siebzehner Jahr …“

Dann muss ich schmunzeln und staune darüber, was einem doch im Gedächtnis so alles hängen bleibt …

Übrigens hätte ich wohl nie im Leben eine "Fahrkarte" nach Berlin bekommen, wenn ich eine schlechte Sportlerin gewesen wäre. Immerhin war ich getauft, nahm in meiner Freizeit am Konfirmandenunterricht teil und sollte ein halbes Jahr später konfirmiert werden, außerdem hatten meine Eltern Kontakte nach dem Westen und keiner in unserer Familie war in der Partei, ähm, ich korrigiere, in der richtigen Partei! (mein Opa war ja in der CDU ...) - also: ich war wirklich nicht grad der perfekte kommunistische Nachwuchskader ;-)

Es gibt eine DVD: Salut, Roter Oktober – Ein Film von Rolf Schnabel zum 60. Jahrestag der Oktoberrevolution (1977, Farbe)

Ein Bildchen von dem Hut habe ich auch entdeckt unter:

http://t3.gstatic.com/images?q=tbn:ANd9G...tW1TYCipurJA9Yg

#2 RE: "Salut, Roter Oktober!" oder: Wie man preiswert nach Berlin kam von 28.12.2014 11:25

Hast Du Dir ja alles gut gemerkt, Heike! Also ist es ein Erlebnis für Dich gewesen! Klar in dem Alter ist es wohl so, endlich mal raus und ab in die Großstadt! Sind Eindrücke die bleiben in der Erinnerung! Hast aber nichts von den Jungs geschrieben, die gab es doch auch? Oder?
Schönen Rest Sonntag und guten Rutsch!
Grüsse steffen52

#3 RE: "Salut, Roter Oktober!" oder: Wie man preiswert nach Berlin kam von Thüringerin 28.12.2014 11:33

naja, Steffen, vielleicht hab ich da schon ein bisschen nach Jungs geguckt, weiß ich nicht mehr. Aber es gibt diesbezüglich nichts Nennenswertes zu berichten, ich war ganz artig
LG

#4 RE: "Salut, Roter Oktober!" oder: Wie man preiswert nach Berlin kam von furry 28.12.2014 11:37

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Zitat von Thüringerin im Beitrag #1
Die Jugendlichen wurden in der Regel einheitlich eingekleidet. Meist mit gleichen Jacken, Kopfbedeckungen und Stoffbeuteln.



Nannte man die Stoffbeutel nicht Hosen?
Der letzte Satz liest sich so lustig.

#5 RE: "Salut, Roter Oktober!" oder: Wie man preiswert nach Berlin kam von Thüringerin 28.12.2014 11:43

lach, Hosen gab es keine, und wenn, dann wäre sie für mich bestimmt "Hochwasser" gewesen

#6 RE: "Salut, Roter Oktober!" oder: Wie man preiswert nach Berlin kam von Pit 59 28.12.2014 11:43

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Ja,das haben sich die "Jungs" in Berlin schon was Kosten lassen,man hatte es doch Für die Kampfreserve der Partei war nichts zu teuer.
Na sicherlich wars für den einen oder anderen Jugendlichen ein Erlebnis zu den Auserwählten gehört zu haben.
Für so etwas wurde ich nicht ausgewählt,achja war ja auch nicht in der FDJ.
Den Roten Stern auf dem Hut haben sie auch nicht Vergessen,nicht besonders Modisch,aber sehr wichtig

#7 RE: "Salut, Roter Oktober!" oder: Wie man preiswert nach Berlin kam von Thüringerin 28.12.2014 11:47

Ich wäre bestimmt auch nie dahin gekommen, wenn ich keine gute Sportlerin gewesen wäre. Immerhin war ich getauft, nahm am Konfirmandenunterricht teil und sollte ein halbes Jahr später konfirmiert werden - also nicht grade der perfekte kommunistische Nachwuchs

#8 RE: "Salut, Roter Oktober!" oder: Wie man preiswert nach Berlin kam von Vierkrug 28.12.2014 12:36

An die Budjonowka (Budjonny-Mütze) kann ich mich ebenso erinnern, wie auch an die Ausschreitungen beim Konzert auf dem Alex.

Vierkrug

#9 RE: "Salut, Roter Oktober!" oder: Wie man preiswert nach Berlin kam von Thüringerin 28.12.2014 12:42

Wer hat denn damals auf diesem Konzert gespielt? Von Ausschreitungen weiß ich nichts. Sowas ist ja auch nie an die große Glocke gehängt worden, es hätte ja ein schlechtes Bild gegeben. Wir mussten auch immer zu einer bestimmten Uhrzeit im Objekt sein, sonst gab es Ärger, denn wir waren ja noch minderjährig. Falls das Konzert abends war, haben wir sicher nicht daran teilgenommen oder nur den Anfang mitgekriegt ...

#10 RE: "Salut, Roter Oktober!" oder: Wie man preiswert nach Berlin kam von 28.12.2014 12:43

Zitat von Thüringerin im Beitrag #1
(Ich werde bei Gelegenheit mal erzählen, was „Touristischer Mehrkampf“ ist, für die, die sich darunter nichts vorstellen können.)

Danke!
Ich habe zwar Phantasie und bin auch durchaus kreativ, aber zu "touristischem Mehrkampf" fällt mir nur bedingt etwas ein. OK, in Bayern könnte es ein Wettkampf im Schuhplatteln, Jodeln und Maßkrugstemmen sein, ergänzt um Blasmusik und eigenartige Tanzriten, aber für so touristisch klischeebeladen habe ich Thüringen bis jetzt nicht gehalten.

Was war es also? Ein Verdauungslauf auf die Wartburg nach einem Bratwurstwettessen? Ein Kochwettbewerb mit Prämierung der besten Klöße oder Knödel?

Hilfääääääää

#11 RE: "Salut, Roter Oktober!" oder: Wie man preiswert nach Berlin kam von Vogtländer 28.12.2014 12:45

Dandelion,verwechselst nicht so ein klitzekleinwenig den Thread,wenn Du hungrig bist?

#12 RE: "Salut, Roter Oktober!" oder: Wie man preiswert nach Berlin kam von Thüringerin 28.12.2014 12:46

lach, das mit dem Verdauungslauf liegt ja schon mal gar nicht so weit entfernt, wenn ich Zeit habe, schreibe ich heut Abend etwas darüber oder morgen. Es hat mir auf jeden Fall viel Spaß gemacht
Und jetzt mach ich erst mal einen gemächlichen Verdauungslauf, damit die zwei Klöße und der Braten im Bauch ein bisschen bewegt werden

#13 RE: "Salut, Roter Oktober!" oder: Wie man preiswert nach Berlin kam von Moskwitschka 28.12.2014 12:49

Hier der Film in Originalfassung Салют, Красный Октябрь (Salut, Roter Oktober) (Документальный фильм на немецком, 1977 год.)

http://rutube.ru/video/fd0ac66a07411f7df3316394007ded37/

LG von der Moskwitschka

#14 RE: "Salut, Roter Oktober!" oder: Wie man preiswert nach Berlin kam von Annakin 28.12.2014 12:51

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Hallo

Dein Einleitungstext lassen in mir Erinnerungen an das Nationale Jugendfestival 1979 wach werden. Allerdings wurden wir nicht eingekleidet sondern hatten am Tag der Teilnahme in FDJ Hemd zu erscheinen. Kurz vor Abfahrt bekam jeder noch einen Aufnäher in die Hand gedrückt der uns als Teilnehmer des Bezirkes Potsdam auswies.Ansonsten vieles analog wie hier beschrieben,kostenlose Benutzung der Nahverkehrsmittel bis zum Abwinken,Essenmarken die eingelöst werden konnten und Verpflegungsbeutel.Was die Kosten betrifft, würde gern mal gewusst haben was alleine die der Buskonvois waren die sich in den drei Tagen nach und von Berlin bewegt haben.Sonst fast nur positive Erinnerungen an dem Festival viele Veranstaltungen besucht und viele Leute kennen gelernt.

#15 RE: "Salut, Roter Oktober!" oder: Wie man preiswert nach Berlin kam von Thüringerin 28.12.2014 12:52

Danke, also wenn ich mich dabei selbst sehe, fress ich einen Besen

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