#1

DDR und die Vergangenheit

in Leben in der DDR 18.06.2013 16:47
von Rikura | 6 Beiträge

Ich hab schon einige wunderbare Berichte in einem anderen Thema gefunden, zum Thema "Schulbildung" in der DDR und wie weit Man(n) aufgeklärt wurde über die NS-Vergangenheit.
Trotzdem würde ich gerne noch einige konkrete Fragen dazu stellen.

Eine Frage die mich sehr beschäftigt ist: Wie sah der Alltag in der DDR aus -->Machte man sich Gedanken über die Vergangenheit (schließlich wollten bestimmt Kinder wissen warum es „2 Deutschlands“ gibt oder wurde es anders gesehen?)

In wie weit wurde in der Schule was zur Nazi Vergangenheit gesagt? (Es müsste ja schließlich einige Lehrer gegeben haben, welche selbst involviert waren im NS Regime und vielleicht sogar noch eine gute Meinung davon hatten`?!)

Inwiefern kamen ehemalige Nazi größen in der DDR "an die Macht"? Wurde in der DDR stark nach ehemaligen Verbrechern gesucht und publik gemacht?

Berichteten Zeitungen über das Thema Nationalsozialismus und deren ganzen Ausmaß?

Wurde mit den Eltern darüber geredet oder herrschte ein großes "Verdrängen"?

Alles Fragen die mir einfach kein Schulbuch beantworten will und wenn dann nur sehr einseitig. Mich würden eure Erinnerungen interessieren

**Nachtrag:
Hat die Ns Vergangenheit überhaupt eine Rolle gespielt für die Generation "nach dem Krieg"? Oder ging sie einfach ihrem Alltag nach. Wie waren dadurch die Familien Verhältnisse geprägt? Eine Generation vom Krieg geprägt die andere aufgewachsen in einem neuen System der DDR.


Geschichte muss Lebendig bleiben. Wer Vergangenes vergisst, ist dazu verdammt sie zu wiederholen.
zuletzt bearbeitet 18.06.2013 22:13 | nach oben springen

#2

RE: DDR und die Vergangenheit

in Leben in der DDR 18.06.2013 18:03
von passport | 2.642 Beiträge

Hallo Rikura, erstmal von mir ein herzliches Willkommen im Forum.

Über Aufkläung von NS-Verbrechen findest Du hier einige interessante Beiträge !

http://www.mfs-insider.de/


Dort unter diesen Beiträgen mal schauen

Zur "Focus"-Ente, das MfS habe mehr als 20.000 Nazi- und Kriegsverbrecher gedeckt.
Gegendarstellung
"Neues Deutschland" vom 20.11.2004: "Jetzt neu: politisch korrekt lügen"
"Was wusste, tat, verhinderte die Stasi? Enttarnung, Verfolgung und Verurteilung von Nazis in der DDR
"junge Welt" vom 25.11.2004: "Seriöse Aufklärung von Naziverbrechen"
Dienstaufsichtsbeschwerde: formlos, fristlos, fruchtlos!


passport


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#3

RE: DDR und die Vergangenheit

in Leben in der DDR 18.06.2013 18:42
von Lutze | 8.042 Beiträge

Hallo Rikura,
unser Russischlehrer war in sowjetische Kriegsgefangenschaft gewesen,
er war einfacher Wehrmachts-Soldat gewesen,im Unterricht hat er viel
darüber erzählt,das war manchmal so spannend,wir sind garnicht zum
Russischlernen gekommen
Lutze


wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren
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#4

RE: DDR und die Vergangenheit

in Leben in der DDR 18.06.2013 18:50
von Mike59 | 7.980 Beiträge

Zitat von Lutze im Beitrag #3
Hallo Rikura,
unser Russischlehrer war in sowjetische Kriegsgefangenschaft gewesen,
er war einfacher Wehrmachts-Soldat gewesen,im Unterricht hat er viel
darüber erzählt,das war manchmal so spannend,wir sind garnicht zum
Russischlernen gekommen
Lutze

Okay - und ich dachte nur bei mir war das so. Dafür bin ich auch immer mit Russisch 5 in die Relegationsrunde für das nächste Schuljahr gegangen. Aber Geschichte hat mich eh mehr interessiert.


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#5

RE: DDR und die Vergangenheit

in Leben in der DDR 18.06.2013 19:41
von Moskwitschka (gelöscht)
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Zitat von Rikura im Beitrag #1


(Es müsste ja schließlich einige Lehrer gegeben haben, welche selbst involviert waren im NS Regime und vielleicht sogar noch eine gute Meinung davon hatten`?!)




Liebe Rikura,

ich bin 1964 eingeschult worden und habe keinen Lehrer oder Lehrerin erlebt, die eine positive Meinung zum Nationalsozialismus hatten.

Hier einige links zum Bildungswesen nach 1945:

Reeducation

"Die von den vier alliierten Mächten geplante und durchgeführte demokratische Bildungsarbeit im gesamten Nachkriegsdeutschland ist als Reeducation (auch Re-Education) bekannt, obwohl dies zunächst nur die US-amerikanische Bezeichnung war. In den anderen Besatzungszonen wurden auch andere Begriffe verwendet: „Reconstruction“ bei den Briten, „mission civilisatrice“ bei den Franzosen und „antifaschistisch-demokratische Umgestaltung“ in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ)."

http://de.wikipedia.org/wiki/Reeducation

Neulehrerbewegung in der sowjetischen Besatzungszone

"Zur Wiederaufnahme des Schulbetriebes nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde in kurzen Programmen Akademikern, in der sowjetischen Besatzungszone auch jungen Arbeitern, der Weg ins Lehramt eröffnet.

Für das Programm wurden alle gemeldeten Bürger mit einem akademischen Grad geprüft, und soweit keine Verstrickung mit der NSDAP oder deren Staatsorganen bestand, in das Umschulungsprogramm zum Lehrer übernommen. Dieses bestand im Wesentlichen aus Unterweisungen in Pädagogik nach dem damaligen Wissensstand, sodass sie nach nur wenigen Monaten den Schuldienst antreten konnten. Im Neulehrerprogramm der sowjetischen Besatzungszone liefen die Kurse typisch 4 bis 8 Monate, oft in eigens eingerichteten Schulen. Hier wurden junge Arbeiter besonders gefördert. In den westlichen Besatzungszonen wurden an allen Universitäten pädagogische Fakultäten eingerichtet, die Junglehrer in maximal einjährigen Kursen heranbildeten.

Wurden im ersten Schuljahr noch einige Lehrer mit nationalsozialistischer Vergangenheit geduldet, so wurden die Richtlinien für den Verbleib im Schuldienst schrittweise verschärft. In den westlichen Besatzungszonen konnten einige Lehrer mit zweifelhaftem Hintergrund nach sogenannten „Entbräunungskursen“ ab 1947 wieder in den Schuldienst eintreten, während in der sowjetischen Besatzungszone das Neulehrerprogramm so umfangreich gestaltet wurde, dass große Teile der bisherigen Lehrerschaft von den rund 40.000 Neulehrern ersetzt wurden. Obschon die alte Lehrerschaft die Qualität einer höchstens einjährigen Umschulung anzweifelte, war aufgrund des zumeist akademischen Hintergrundes der Neulehrer das Ergebnis hinreichend gut und ermöglichte den sonst im Nachkriegsdeutschland aufgabenlosen Berufen eine feste Anstellung. Die große Mehrzahl der Neulehrer blieb auf Dauer im Schuldienst tätig."

http://de.wikipedia.org/wiki/Neulehrer

LG von der grenzgaengerin


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#6

RE: DDR und die Vergangenheit

in Leben in der DDR 18.06.2013 19:45
von Mike59 | 7.980 Beiträge

Alltag in der DDR?

Was ist Alltag und für wen? Im Arbeitsprozess bist du ja offensichtlich noch nicht @Rikura
Das wäre ja Alltag im Schulalter. Wecker klingelt - aufstehen. Meine Eltern sind schon an der Arbeit - das bereitgestellte Frühstück Brot Butter Marmelade und/oder Wurst - Muckefuck oder Milch. bääh
Also ohne Frühstück zur Schule. Der Weg führt am örtl. Bäcker vorbei - der hat heute ganz frischen Bienenstich mit Cremfüllung. Das Taschengeld reicht gerade noch für zwei Stück - lecker.
danach Schule bis 14 - 15 Uhr. Mittagessen gibt es in der Schule und es gibt "Pausenmilch" die Kosten waren erschwinglich. Nach der Schule ging es nach Hause. Klamotten wechseln oder auch einfach vergessen und gleich wieder auf die Rolle. Abends dann der erzieherische Anschiss weil weil das Frühstück noch so stand wie es gestellt wurde der Mülleimer nicht entleert wurde, die Kleidung für die Schule am nächsten Tag nicht mehr zu gebrauchen war, keine Hausaufgaben erledigt waren und der Aufsatz mit einer glatten 5 nicht akzeptiert wird. Abendessen - Fernsehen - Bett dort noch Lesen. Ermahnung Licht aus. Der nächste Tag wartet.

Ich weiß nicht ob das noch in der Erinnerung ist, wie das früher ???? also in der Zeit um 1960-1970 so mit der Tageswäsche war. Ich kann mich noch erinnern das die Wäsche eine Woche getragen wurde, bevor sich dann am Samstag in einer Zinkwanne gewaschen (Badetag) wurde und es gab neue saubere Kleidung. Ansonsten nur Hände, Gesicht und zur Not mal die Füße gewaschen bzw. was eben gerade als besonders schmutzig erachtet wurde. Wir hatten einen Wasserhahn in der Wohnung! Einmal im Monat war Waschtag, aber dann alles, denn die Waschküche war für diesen Tag reserviert. Die Tage danach ging es dann zum Wäsche plätten. In Erfurt nannte sich das die Rolle - gemeint war Wäschemangeln. Oje ich schweife ab.


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#7

RE: DDR und die Vergangenheit

in Leben in der DDR 18.06.2013 22:09
von Fritze (gelöscht)
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bei mir warens dann meist die Streuselschnecken ,welche in der grossen Pause geholt wurden . Damals war der Kuchen auch erschwinglich für unser Taschengeld ! Preis einer Streuselschnecke 9 Pfennig , Gefüllter Bienenstich 40 Pfennig
MfG Fritze


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#8

RE: DDR und die Vergangenheit

in Leben in der DDR 18.06.2013 22:16
von Gelöschtes Mitglied
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@Fritze und nicht die Amerikaner zu vergessen !!!

Vierkrug


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#9

RE: DDR und die Vergangenheit

in Leben in der DDR 18.06.2013 22:25
von Fritze (gelöscht)
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Zitat von Vierkrug im Beitrag #8
@Fritze und nicht die Amerikaner zu vergessen !!!

Vierkrug



"Genau , tu was für den Frieden !"


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zuletzt bearbeitet 18.06.2013 22:26 | nach oben springen

#10

RE: DDR und die Vergangenheit

in Leben in der DDR 21.06.2013 00:24
von Bugsy | 454 Beiträge

Liebe Claire,

auch von mir schöne Grüße. Die DDR war antifaschistisch, obgleich Faschisten schon vorhanden waren. Nur dass sie nicht sehr ernst genommen wurden. In der BRD hingegen wurde die Nazizeit bis weit in die 1980er hinein weitgehend totgeschwiegen. Natürlich konnte man die 12 Jahre nicht überspielen, aber das lief darauf hinaus, dass SchülerInnen in etwa gesagt wurde: "Tja, ab 1933 gab es eine ziemlich unangenehme Zeit, mit einem Weltkrieg und so, aber das war 1945 vorbei und dann kam das deutsche Wirtschaftswunder". Sogar Wessi LehrerInnen, die selbst mehr darüber wissen wollten, mussten Material und Dokumentarfilme aus der DDR holen, denn "vor Ort" was kaum was zu finden. Es waren auch die DDR-Forscher, die peinlicherweise auch die Wessis auf Nazis in hohen Stellen aufmerksam machten. Zum Beispiel der Ministerpräsident von BaWü, und Nazirichter, Hans Filbinger, der in Norwegen sogar nach dem Ende des Krieges Deseteure zum Tode verurteilt hatte.

Hier ist ein sehr interessantes Stück zu der Frage der Behandlung der Nazis in der DDR und auch teilweise in der BRD.

http://www.mfs-insider.de/Abhandlungen/Rueter.htm

MsG


Fünf Minuten vor der Zeit ist des Soldaten Pünktlicheit, der Sanitäter kommt zehn Minuten später.
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#11

RE: DDR und die Vergangenheit

in Leben in der DDR 21.06.2013 00:45
von damals wars | 12.215 Beiträge

Zitat von Vierkrug im Beitrag #8
@Fritze und nicht die Amerikaner zu vergessen !!!

Vierkrug



Die Amis hatte ich auch zum Fressen gern.
Die gab es aber nur mit Glasur.


Als Gott den Menschen erschuf, war er bereits müde; das erklärt manches.(Mark Twain)
Ein demokratischer Rechtsstaat braucht Richter, keine Henker. Interview auf der Kundgebung Je suis Charlie am 11.01.2015
"Hass hat keinen Glauben, keine Rasse oder Religion, er ist giftig." der Witwer der britische Labour-Abgeordnete Jo Cox.
http://www.neo-magazin-royale.de/zdi/art...fur-frauke.html
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#12

RE: DDR und die Vergangenheit

in Leben in der DDR 21.06.2013 07:44
von schnatterinchen (gelöscht)
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Zitat von Bugsy im Beitrag #10
Liebe Claire,

auch von mir schöne Grüße. Die DDR war antifaschistisch, obgleich Faschisten schon vorhanden waren. Nur dass sie nicht sehr ernst genommen wurden. In der BRD hingegen wurde die Nazizeit bis weit in die 1980er hinein weitgehend totgeschwiegen. Natürlich konnte man die 12 Jahre nicht überspielen, aber das lief darauf hinaus, dass SchülerInnen in etwa gesagt wurde: "Tja, ab 1933 gab es eine ziemlich unangenehme Zeit, mit einem Weltkrieg und so, aber das war 1945 vorbei und dann kam das deutsche Wirtschaftswunder". Sogar Wessi LehrerInnen, die selbst mehr darüber wissen wollten, mussten Material und Dokumentarfilme aus der DDR holen, denn "vor Ort" was kaum was zu finden. Es waren auch die DDR-Forscher, die peinlicherweise auch die Wessis auf Nazis in hohen Stellen aufmerksam machten. Zum Beispiel der Ministerpräsident von BaWü, und Nazirichter, Hans Filbinger, der in Norwegen sogar nach dem Ende des Krieges Deseteure zum Tode verurteilt hatte.

Hier ist ein sehr interessantes Stück zu der Frage der Behandlung der Nazis in der DDR und auch teilweise in der BRD.

http://www.mfs-insider.de/Abhandlungen/Rueter.htm

MsG



Geschichte kann so einfach sein! Wunderbar.
Im Westen die Bösen im Osten die Guten.


zuletzt bearbeitet 21.06.2013 07:52 | nach oben springen

#13

RE: DDR und die Vergangenheit

in Leben in der DDR 21.06.2013 08:27
von Rostocker | 7.734 Beiträge

Zitat von damals wars im Beitrag #11
Zitat von Vierkrug im Beitrag #8
@Fritze und nicht die Amerikaner zu vergessen !!!

Vierkrug



Die Amis hatte ich auch zum Fressen gern.
Die gab es aber nur mit Glasur.


@ damals wars---Das schlimmst war ja der Gruppensex in der Bäckerei.Wenn ein Amerikaner,zwischen zwei Schnecken lag.


Bugsy hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#14

RE: DDR und die Vergangenheit

in Leben in der DDR 21.06.2013 08:28
von eisenringtheo | 9.190 Beiträge

Zitat von schnatterinchen im Beitrag #12



Geschichte kann so einfach sein! Wunderbar.
Im Westen die Bösen im Osten die Guten.


Im Westen waren mutmassliche Naziverbrecher in den siebziger und achtziger Jahren ein "Dauerbrenner" in der Presse, vor allem dank des Simon Wiesenthal Centers
http://de.wikipedia.org/wiki/Simon_Wiesenthal
zum Beispiel kam fast jeden Tag ein Bericht über Kurt Waldheim, den österreichischen Bundespräsidenten
http://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Waldheim
Auch Klaus Barbie war prominent in den Zeitungen vertreten
http://de.wikipedia.org/wiki/Klaus_Barbie
Zu den Urteilen: Die ausgesprochenen Strafen sind im Osten zum Teil extrem hoch
http://www1.jur.uva.nl/junsv/ddr/DDRLfdNrfr.htm
http://www1.jur.uva.nl/junsv/brd/Lfdnrfr.htm
Theo


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#15

RE: DDR und die Vergangenheit

in Leben in der DDR 21.06.2013 09:55
von Paramite | 414 Beiträge

Zitat von Rikura im Beitrag #1
.

Eine Frage die mich sehr beschäftigt ist: Wie sah der Alltag in der DDR aus -->Machte man sich Gedanken über die Vergangenheit (schließlich wollten bestimmt Kinder wissen warum es „2 Deutschlands“ gibt oder wurde es anders gesehen?)


Mich hat es als Kind nicht interessiert, warum es 2 deutsche Staaten gab. Es war halt so. Als ich noch am Zaun lebte, war für mich genau hinter dem Zaun die Welt zu Ende. Für mich gab es dort nix mehr.

Mit etwas zunehmenden Alter, hat man gewusst, dass es da noch die BRD gab. Natürlich wusste man auch, dass es dort schöne Dinge zu kaufen gibt, oder das es Westgeld gab und Intershop's. Natürlich wusste ich das alles von meinen Klassenkameraden. Ich selber bin so gut wie nie in den Genuss von westdeutschen Produkten gekommen. Familie väterlicher Seite war in hohen Positionen gesessen und da war sowas natürlich absolut tabu! Ich bin dafür in den Genuss von köstlicher russischer Schokolade gekommen.

Über das Nazigeschwadel haben wir in der Schule zwar gerdet bzw auch als Schulstoff dran genommen, aber der größte Teil waren die Heldentaten der roten Armee. Ich muss aber auch sagen, für mich ist nur die rote Armee der Sieger über Nazideutschland. Aber das wäre nun ein anderes Thema!
In den familiären Kreisen wurde nie über so etwas gesprochen und mich hat es auch wirklich nicht interessiert als Kind.

Ich muss gestehen, ich habe lange mit dem Ende der DDR zu kämpfen gehabt. Ich hab ihr lange hinterher getrauert. Hab mich lange an alten Dinge geklammert. Was soll man machen als 12, 13, 14jähriger. ich stand da, ohne Perspektive, ohne Pionierhalstuch, ohne Klassenfeind, den ich dann ganz nach Vorbild meines Vater als stolzer Grenzer, davon abhalten wollte, in unsere DDR einzufallen.

Jaja, so war es für mich. Ich kann für mich und nur für mich behaupten, ich hatte eine schöne Kindheit in der DDR. Ich war stolzer Pionier und wäre bestimmt auch ein stolzer Grenzer geworden!
Mittlerweile bin ich froh in einem anderen Land leben zu dürfen. Es hat auch sehr sehr viele Macken die mich gewaltig stören, aber es lebt sich ganz gut hier in diesem heutigen und jetzigen Deutschland!

Ich hoffe, ich bin nicht zu weit abgeschweift....


Wenn du zu viel säufst, geht die Leber am Alkohol kaputt. Wenn du zu viel rauchst, haut's die Lunge auseinander. Aber das Hirn lässt sich mit allem Blödsinn füllen – es bleibt schmerzfrei! Richard Rogler

Alt werden und dumm bleiben, das ist ein richtiges Kunststück! Hans Kasper
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#16

RE: DDR und die Vergangenheit

in Leben in der DDR 21.06.2013 10:16
von Rainman2 | 5.764 Beiträge

Zitat von Rikura im Beitrag #1
Ich hab schon einige wunderbare Berichte in einem anderen Thema gefunden, zum Thema "Schulbildung" in der DDR und wie weit Man(n) aufgeklärt wurde über die NS-Vergangenheit.
Trotzdem würde ich gerne noch einige konkrete Fragen dazu stellen.

Eine Frage die mich sehr beschäftigt ist: Wie sah der Alltag in der DDR aus -->Machte man sich Gedanken über die Vergangenheit (schließlich wollten bestimmt Kinder wissen warum es „2 Deutschlands“ gibt oder wurde es anders gesehen?).

Hallo Rikura,

ich kann nur für mich selbst sprechen, erhebe also keinen Anspruch auf Wahrheit oder Objektivität. Interessanterweise machten wir uns in den 70er und 80er Jahren eher Gedanken über die Gegenwart und Zukunft. In Tagebuchaufzeichnungen und Briefen dieser Zeit, auch bei meiner Lebensgefährtin, findet sich überproportional der Wunsch nach Frieden. Der Begriff der atomaren Bedrohung, der Gefahren eines weltweiten Atomkrieges war allgegenwärtig. Aber das war nicht Deine Frage. Bei der Vergangenheit war "alles klar". Wir hatten eine wissenschaftliche Weltanschauung, die die richtigen Lehren aus der Vergangenheit gezogen hatte und wir standen auf der richtigen Seite. Das ist zu stark vereinfacht? Nun ja, sagen wir, es war eines dieser Axiome, das man innerlich anerkannte oder dem man sich mit Gleichgültigkeit anschloss, je nachdem. Es ging um Geschichte und die war vorbei. Das mit den Nazis war schlecht. Es gab Widerstand, es gab Zauderer, es gab Leute die Verrat geübt hatten, aus Eigennutz oder aus Zwang, Folter, Todesangst. Es gab die Befreier und die Befreiten. Wenn man wollte, war diese Welt einfach, unkompliziert, leicht verständlich und entsprach unseren Wünschen nach Bequemlichkeit, Harmonie und Klarheit. Dass es zwei Deutschlands gab ließ sich einfach in dieses Schema einordnen: Die Nazis waren schuld, die Mitläufer waren mitschuldig, die mangelnde Einheitsfront gegen den Faschismus war mitschuldig. Das war der Grundtenor. Die Geschichtsbücher waren gespickt mit Zitaten von Marx, Engels, Lenin und aus Reden der Partei- und Staatsführung. Aus dieser Sicht, die letztlich die Auseinandersetzung mit konkreten Erscheinungen, gar mit der Politik der Partei verhindern sollte, erwuchs ein Geschichtsunterricht, der fast nur die "großen Zusammenhänge" behandelte, sich aber kaum mit Details oder persönlichen Schicksalen beschäftigte, es sei denn, es betraf Freiheitskämpfer und Antifaschisten. Ein Geschichtsprofessor hat es in Wendezeiten mal schön auf den Punkt gebracht: "In der DDR kannten alle nur die Zusammenhänge. Keiner wusste, was da zusammenhängt, aber sie kannte die Zusammenhänge. Und im Westen ist es genau umgekehrt." Das trifft den Nagel so ziemlich auf den Kopf, aus meiner Sicht zumindest.

Zitat von Rikura im Beitrag #1
In wie weit wurde in der Schule was zur Nazi Vergangenheit gesagt? (Es müsste ja schließlich einige Lehrer gegeben haben, welche selbst involviert waren im NS Regime und vielleicht sogar noch eine gute Meinung davon hatten`?!)

Ja, zur Nazivergangenheit wurde viel gesagt. Es verlief nach dem oben genannten Schema. Achtung, dabei ging es nicht darum, Lügen über die Geschichte zu verbreiten. Die Leute, die uns unterrichteten taten das weitestgehend mit besten Absichten und oft im Glauben, dies sei die Wahrheit. Wenn man sich heute mal einen Film wie "Nackt unter Wölfen" anschaut, kann man gut nachvollziehen, wie das funktionierte. Dieser Film ist gleichzeitig Kunstwerk, Geschichtsaufarbeitung, Propaganda und mit letzterem auch Geschichtsverfälschung. Er enthält humanistische Wahrheiten von größter Kraft und größtem Wert, er würdigt Menschen, die dieser Würdigung wert sind und verfälscht zugleich eine Reihe von eine Details, damit in der Gesamtwirkung neben der Ästhetik und dem moralischen Appell auch noch die Propaganda Wirkung haben kann. Es ist ungeheuer schwer, diesen Film mit einer Kritik gerecht zu werden. Und nach meiner Auffassung steht er exemplarisch für gesamte Geschichtserziehung in der DDR. Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus sollte uns moralische Werte vermitteln, den Wert des Friedens zeigen, die Notwendigkeit des steten Kampfes um den Fortschritt der Menschheit nahebringen und genauso sollte sie uns auf die Seite eines inzwischen an der Macht entarteten Parteiapparats bringen. Dieser Bruch zeigte sich dann auch bei mir. Ich hätte jedem KZ-Aufseher in die Fresse gespuckt und war doch selbst bereit, an einer Grenze zu dienen und auf Leute zu schießen, deren Verbrechen darin bestand, ein Land zu verlassen, in dem sie nicht mehr leben wollten. Niccolo Macchiavelli (1469-1527) hat mal diesen wunderbaren Satz geschrieben: "Es ist für den Beobachter erheiternd, wie blind die Menschen für ihre eigenen Vergehen sind und wie heftig sie die Laster verfolgen, die sie selbst nicht haben."

Lehrer, die bereits zur NS-Zeit Lehrer waren, hatte ich als 1960er Jahrgang wohl kaum. Man hätte es höchstens vermuten können, aber wenn, dann war das nicht Gegenstand der öffentlichen Diskussion. Einer meiner Lehrer strahlte damals sehr viel Autorität aus, was nicht nur mich beeindruckte. In der nachträglichen Bewertung meiner Erinnerungen komme ich allerdings zu dem Schluss, dass er einer der "alten Schule" gewesen sein konnte. Aber das ist spekulativ.

Zitat von Rikura im Beitrag #1
Inwiefern kamen ehemalige Nazi größen in der DDR "an die Macht"? Wurde in der DDR stark nach ehemaligen Verbrechern gesucht und publik gemacht?

Beides: Ja. Wobei man sich über den Begriff "Nazigrößen" streiten kann. Aber man kann kein Staatsgebilde nur mit Laien errichten. Beamte, Generale und Offiziere sowie Polizisten, die in der NS-Zeit schon gedient hatten, kamen wieder zum Einsatz, natürlich nur, wenn sie sich von der Vergangenheit erkennbar distanzierten. Dazu gibt es aber schon viele Aufarbeitungen und hier könnte ich nur zitieren. Verzeih, das ist mir zu langweilig. Nach den Verbrechern wurde definitiv gesucht und es wurde auch publiziert. Vielleicht gab es auch da bis in höchste Kreise Kungeleien und Vertuschungen, aber dieses Feld überlasse ich anderen.

Zitat von Rikura im Beitrag #1
Berichteten Zeitungen über das Thema Nationalsozialismus und deren ganzen Ausmaß?

Ja, wobei auch hier wieder der Begriff "ganzes Ausmaß" extrem schwer zu greifen ist. Über die Alltagsgeschichte, die Alltagskultur, das Alltagswahrnehmen von Politik und Krieg wurde weniger in Zeitungen geschrieben. Da gab es eher die Belletristik (Günter Hofé, Dieter Noll, Erik Neutzsch, Hans von Oettingen - das sind nur mal ein paar Namen dazu auf die Schnelle - bitte an die alten Foristen: Keine Diskussion, welche Namen hier noch hingehören). Es gab einen breiten gesellschaftlichen Diskurs dazu (ich zähle die Literatur durchaus zu einem ernstzunehmenden Bestandteil desselben), aber in der offiziellen Parteipropaganda lief es eher auf eine oberflächlichere Auseinandersetzung hinaus. Aber auch da war das Thema quasi allgegenwärtig.

Zitat von Rikura im Beitrag #1
Wurde mit den Eltern darüber geredet oder herrschte ein großes "Verdrängen"?

Meine Mutter war bei Kriegsende 7 Jahre alt. Ihre Kriegserlebnisse stehen, für mich bis zu ihrem Tod verborgen, in ihren Tagebüchern. Mit ihr gab es eher Gespräche auf einer Ebene zwischen offizieller Parteipropaganda und dem oben erwähnten Diskurs über den Alltag. Bei meiner Großmutter (alte Sozialdemokratin, aber eher aus Gewohnheit in der Familie heraus) dominierten Episoden aus der Zeit. Das klang immer sehr alltäglich und ich versuchte immer, das offizielle Bild mit den Erzählungen meiner Großmutter in Einklang zu bringen. Die Belletristik verschaffte mir dann den Zugang. Hier verstand ich dann die Erzählungen meiner Großmutter besser.

Zitat von Rikura im Beitrag #1
Alles Fragen die mir einfach kein Schulbuch beantworten will und wenn dann nur sehr einseitig. Mich würden eure Erinnerungen interessieren ...

Ja, das Gefühl kenne ich. So ging es mir, als ich mich zu DDR-Zeiten der Frage annähern wollte, wie das zu Nazi-Zeiten eigentlich im Alltag gelaufen ist. Leider ist mein Beitrag eher ein Aufsatz als ein Dokument der Erinnerung. Aber ich hoffe, Du kannst was damit anfangen. Und wenn nicht ... ein alter Mann durfte was erzählen - ooch was wert!

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


Rikura, Bugsy und DoreHolm haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 21.06.2013 10:17 | nach oben springen

#17

RE: DDR und die Vergangenheit

in Leben in der DDR 21.06.2013 10:27
von Pit 59 | 10.164 Beiträge

Natürlich wusste man auch, dass es dort schöne Dinge zu kaufen gibt, oder das es Westgeld gab und Intershop's. Natürlich wusste ich das alles von meinen Klassenkameraden. Ich selber bin so gut wie nie in den Genuss von westdeutschen Produkten gekommen. Familie väterlicher Seite war in hohen Positionen gesessen und da war sowas natürlich absolut tabu! @Paramite

Na da haben Dir Deine Klassenkameraden aber was falsches erzählt,die ganze BRD war ein Intershop (die gabs in der DDR)
David,ich wäre froh gewesen wenn ich 1989 erst 12 jahre alt gewesen wäre.Mir wäre die Erlernung eines Zukunftsorientierten Berufes leichter gefallen als mit 40.
Übrigens Russische Schokolade war lecker überhaupt kein Zweifel.
Und so etwas wie mit Deiner Familie kenne ich nur zur genüge,meine Ehefrau stammt aus so einer.


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#18

RE: DDR und die Vergangenheit

in Leben in der DDR 21.06.2013 10:55
von Paramite | 414 Beiträge

Zitat von Pit 59 im Beitrag #17
Natürlich wusste man auch, dass es dort schöne Dinge zu kaufen gibt, oder das es Westgeld gab und Intershop's. Natürlich wusste ich das alles von meinen Klassenkameraden. Ich selber bin so gut wie nie in den Genuss von westdeutschen Produkten gekommen. Familie väterlicher Seite war in hohen Positionen gesessen und da war sowas natürlich absolut tabu! @Paramite

Na da haben Dir Deine Klassenkameraden aber was falsches erzählt,die ganze BRD war ein Intershop (die gabs in der DDR)
David,ich wäre froh gewesen wenn ich 1989 erst 12 jahre alt gewesen wäre.Mir wäre die Erlernung eines Zukunftsorientierten Berufes leichter gefallen als mit 40.
Übrigens Russische Schokolade war lecker überhaupt kein Zweifel.
Und so etwas wie mit Deiner Familie kenne ich nur zur genüge,meine Ehefrau stammt aus so einer.


hehehe... ich weiß doch, das es diese Shops in der DDR gab und auch Westgeld in der DDR im Umlauf war. Sogar meine Tante die große Verkaufsstellenleiterin, die vorher im RdK saß, hatte einige Westmünzen.
Jupp, diese Schokolade war und ist heute noch lecker!


Wenn du zu viel säufst, geht die Leber am Alkohol kaputt. Wenn du zu viel rauchst, haut's die Lunge auseinander. Aber das Hirn lässt sich mit allem Blödsinn füllen – es bleibt schmerzfrei! Richard Rogler

Alt werden und dumm bleiben, das ist ein richtiges Kunststück! Hans Kasper
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#19

RE: DDR und die Vergangenheit

in Leben in der DDR 21.06.2013 11:28
von Fritze (gelöscht)
avatar

Zitat von Pit 59 im Beitrag #17
Natürlich wusste man auch, dass es dort schöne Dinge zu kaufen gibt, oder das es Westgeld gab und Intershop's. Natürlich wusste ich das alles von meinen Klassenkameraden. Ich selber bin so gut wie nie in den Genuss von westdeutschen Produkten gekommen. Familie väterlicher Seite war in hohen Positionen gesessen und da war sowas natürlich absolut tabu! @Paramite

Na da haben Dir Deine Klassenkameraden aber was falsches erzählt,die ganze BRD war ein Intershop (die gabs in der DDR)
David,ich wäre froh gewesen wenn ich 1989 erst 12 jahre alt gewesen wäre.Mir wäre die Erlernung eines Zukunftsorientierten Berufes leichter gefallen als mit 40.
Übrigens Russische Schokolade war lecker überhaupt kein Zweifel.
Und so etwas wie mit Deiner Familie kenne ich nur zur genüge,meine Ehefrau stammt aus so einer.


Ja Pit ,das hätte sich so mancher gewünscht , zur Wende noch vor der Berufswahl zu stehen . Ich hätte mich nach heutiger Sicht der Dinge auf alle Fälle für den traditionellen Beruf ,den schon mein Grossvater ausgeübt und den auch mein Vater erlernt hatte , entschieden.

Fritze


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#20

RE: DDR und die Vergangenheit

in Leben in der DDR 21.06.2013 11:30
von Fritze (gelöscht)
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Mann , ich hab mit einmal son Jieper auf das "Mischka-Konfekt " aus dem Russenmagazin !


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