#21

RE: Kindheit im geteilten Berlin

in Leben an der Berliner Mauer 22.05.2013 09:18
von Gelöschtes Mitglied
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Zitat von Vogtländer im Beitrag #19
Mit dem Lebertran,das muß ein "Schaden" der damaligen Zeit sein.
Vater,43er Jahrgang und bei Dresden aufgewachsen,bekam schon Schweißperlen auf der Stirn,wen er nur Fisch gerochen hat.Auf die Frage nach der Ursache bekam ich den Lebertran in Kindheitszeiten als Ursache genannt.An Fisch konnte er absolut icht mehr ran in seinem Leben.


Kann ich verstehen. Auch bei mir trieb der Gedanke an Lebertran schon die Schweißperlen auf die Stirn. Ich esse bis heute keinen Roh- und Kochfisch. Gebratenen Fisch auch nur bestimmte Arten, wie auch bei Räucherfisch. Mit Matjes & Co. kann man mich aus jedem Haus verbannen.

Vierkrug


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#22

RE: Kindheit im geteilten Berlin

in Leben an der Berliner Mauer 22.05.2013 14:13
von Barbara (gelöscht)
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Zitat von eisenringtheo im Beitrag #20
Rachitis aufgrund Mangelernährung (Vitamin-D- und Calciummangel) war damals häufig, besonders im Binnenland. Deshalb gab es Lebertran und Schulmilch.
http://de.wikipedia.org/wiki/Rachitis
http://www.focus.de/gesundheit/gesundleb...aid_324214.html
Theo




... und "Höhensonne": Mein Bruder und ich wurden als kleine Kinder regelmäßig beim Arzt auf einer Liege vor so ein Gerät gesetzt und fanden das sehr klasse.

Lebertran gab es bei uns auch und ich entsinne mich noch sehr gut des anschließenden Brechreizes. Aber es gab auch noch löffelweise irgend ein weißes Zeug, ich weiß nicht, was das war. War zwar süßlich, aber auch ziemlich ekelhaft.
Gott sei Dank hat bei mir der Lebertran nicht die Lust auf Fisch jeglicher Art verdorben. (Ich mag nur keinen Aal - und keine Auster.)


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#23

RE: Kindheit im geteilten Berlin

in Leben an der Berliner Mauer 22.05.2013 14:33
von eisenringtheo | 9.187 Beiträge

Osram Ultra Vitalux mit Quartzbrenner.. für zu Hause
http://www.filmportal.de/node/121977/video/1197282
Theo


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#24

RE: Kindheit im geteilten Berlin

in Leben an der Berliner Mauer 22.05.2013 14:45
von furry | 3.580 Beiträge

Zitat von eisenringtheo im Beitrag #23
Osram Ultra Vitalux mit Quartzbrenner.. für zu Hause
http://www.filmportal.de/node/121977/video/1197282
Theo


Hier im Bild die Aktivierung von Vit. D mittels UV-Strahlung zu Vit. D3
http://www.praxis-bismarckplatz.de/img/VitD_Fertig800.jpg


"Es gibt nur zwei Männer, denen ich vertraue: Der eine bin ich - der andere nicht Sie ... !" (Cameron Poe)
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#25

RE: Kindheit im geteilten Berlin

in Leben an der Berliner Mauer 22.05.2013 14:50
von DoreHolm | 7.708 Beiträge

Zitat von Gert im Beitrag #13
Hallo seaman sehr schöne Schilderung. Ich war Ende der 50 er Jahre mehrere Male zu Besuch in Berlin. Die Athmosphäre dieser Stadt , Westsektoren und sowj.Sektor, war irgendwie unnormal. Das spürte ich als Jugendlicher bereits
Thema Lebertran und Schulspeisung: ich kam 1950 in Thüringen zur Schule und wir bekamen da auch Schulspeisung und Lebertran. Ich habe mich aber so vor dem Tran geekelt, ich bekam ihn nicht runter, hatte große Schwierigkeiten. Ging dir das auch so ? Er war aber wichtig gegen Rachitis. Ich esse sehr gern Seefisch aber wenn ich ein Stück Fisch in den Mund bekomme, das tranig, schmeckt ist das Essen beendet. Das als Erinnerung an diese Zeit-

Bitte schreib weiter .


Ich glaube, daß ich zu den wenigen Kindern gehörte, denen der Lebertran geschmeckt hat.



seaman hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#26

RE: Kindheit im geteilten Berlin

in Leben an der Berliner Mauer 22.05.2013 14:56
von Bugsy | 454 Beiträge

Zitat von DoreHolm im Beitrag #25
Zitat von Gert im Beitrag #13
Hallo seaman sehr schöne Schilderung. Ich war Ende der 50 er Jahre mehrere Male zu Besuch in Berlin. Die Athmosphäre dieser Stadt , Westsektoren und sowj.Sektor, war irgendwie unnormal. Das spürte ich als Jugendlicher bereits
Thema Lebertran und Schulspeisung: ich kam 1950 in Thüringen zur Schule und wir bekamen da auch Schulspeisung und Lebertran. Ich habe mich aber so vor dem Tran geekelt, ich bekam ihn nicht runter, hatte große Schwierigkeiten. Ging dir das auch so ? Er war aber wichtig gegen Rachitis. Ich esse sehr gern Seefisch aber wenn ich ein Stück Fisch in den Mund bekomme, das tranig, schmeckt ist das Essen beendet. Das als Erinnerung an diese Zeit-

Bitte schreib weiter .


Ich glaube, daß ich zu den wenigen Kindern gehörte, denen der Lebertran geschmeckt hat.

Ist alles Geschmacksache, sagte der Affe und biss in die Seife.

MsG


Fünf Minuten vor der Zeit ist des Soldaten Pünktlicheit, der Sanitäter kommt zehn Minuten später.
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#27

RE: Kindheit im geteilten Berlin

in Leben an der Berliner Mauer 22.05.2013 14:58
von DoreHolm | 7.708 Beiträge

Nachtrag zu eben: Zur Höhensonne sind wir als Familie auch mehr oder weniger regelmäßig gegangen. Zur Zuführung der notwendigen Calciummenge hatte meine Mutter immer ein große Tüte gemahlene Eierschalen, die mit etwas Zucker schluckbar gemacht war.
Ansonsten hatte ich Glück mit der Ernährung in meinen ersten Lebensjahren. 1947 auf einem abgelegenen Dorf geboren und dann mit 2 Jahren in Gartenkolonie gezogen, da war auch wenigstens Obst und Gemüse zumind. in der Vegetationszeit genug vorhanden.



zuletzt bearbeitet 22.05.2013 14:59 | nach oben springen

#28

militärische u. topografische Karten der Grenzabschnitte

in Leben an der Berliner Mauer 22.05.2013 14:58
von gammel1964 | 15 Beiträge

Hallo,
gibt es noch Bezugsquellen für altes Kartenmaterial der Grenzabschnitte ? muss nicht mal beschriftet sein wie es üblich war.
Die Qualität und Detailgenauigkeit der Karten war ja bekanntermaßen sensationell.
Oder kennt Jemand ähnliches Material, wo, wie und wann man es anschauen oder im günstigsten Fall erwerben kann ?

Interesse besteht vorzugsweise für`s GR-15

Danke für ev. Infos

der gammel



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#29

RE: Kindheit im geteilten Berlin

in Leben an der Berliner Mauer 22.05.2013 14:59
von seaman | 3.487 Beiträge

Zitat von DoreHolm im Beitrag #27
Nachtrag zu eben: Zur Höhensonne sind wir als Familie auch mehr oder weniger regelmäßig gegangen. Zur Zuführung der notwendigen Calciummenge hatte meine Mutter immer ein große Tüte gemahlene Eierschalen, die mit etwas Zucker schluckbar gemacht war.
Ansonsten hatte ich Glück mit der Ernährung in meinen ersten Lebensjahren. 1847 auf einem abgelegenen Dorf geboren und dann mit 2 Jahren in Gartenkolonie gezogen, da war auch wenigstens Obst und Gemüse zumind. in der Vegetationszeit genug vorhanden.


Bin gerade am Rechnen wie alt Du bist.....

seaman


zuletzt bearbeitet 22.05.2013 15:00 | nach oben springen

#30

RE: Kindheit im geteilten Berlin

in Leben an der Berliner Mauer 22.05.2013 15:01
von DoreHolm | 7.708 Beiträge

Ist schon korrigiert. 1847, so alt wird kein Schwein !



seaman hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#31

RE: Kindheit im geteilten Berlin

in Leben an der Berliner Mauer 22.05.2013 15:04
von furry | 3.580 Beiträge

Zitat von seaman im Beitrag #7
Meine Schulzeit begann Mitte der 50er Jahre in Berlin(West).
In den ersten 2 Schuljahren kamen die Amis noch in der grossen Pause und verabreichten die Schulspeisung an uns Kinder.
Der Preis betrug 25 Pfennig. Preisbeguenstigt. Erst gab es einen grossen Loeffel Lebertran,dann eine Kalk-bzw. Traubenzuckertablette.Wer das über sich ergehen liess bekam dann eine Frucht(Banane,Mandarine,Orange,Apfel) und einen Viertelliter Puddingsuppe,Kakao oder Griessbrei mit einem Loeffel Marmelade.Jeder hatte extra dafuer einen Emaillepott am Schulranzen baumeln.
seaman
Fortsetzung folgt!


Mal die Politik außen vor gelassen, hattest Du an Deinem Schulranzen auch noch Schwamm und Lappen baumeln, oder habt ihr schon auf Papier die ersten Schreibübungen absolviert?
Wurden zu Deiner Zeit auch noch mehrere Klassen in einem Raum unterrichtet und durften die Lehrer noch körperlich züchtigen?


"Es gibt nur zwei Männer, denen ich vertraue: Der eine bin ich - der andere nicht Sie ... !" (Cameron Poe)
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#32

RE: Kindheit im geteilten Berlin

in Leben an der Berliner Mauer 22.05.2013 15:45
von seaman | 3.487 Beiträge

Zitat von furry im Beitrag #31
Zitat von seaman im Beitrag #7
Meine Schulzeit begann Mitte der 50er Jahre in Berlin(West).
In den ersten 2 Schuljahren kamen die Amis noch in der grossen Pause und verabreichten die Schulspeisung an uns Kinder.
Der Preis betrug 25 Pfennig. Preisbeguenstigt. Erst gab es einen grossen Loeffel Lebertran,dann eine Kalk-bzw. Traubenzuckertablette.Wer das über sich ergehen liess bekam dann eine Frucht(Banane,Mandarine,Orange,Apfel) und einen Viertelliter Puddingsuppe,Kakao oder Griessbrei mit einem Loeffel Marmelade.Jeder hatte extra dafuer einen Emaillepott am Schulranzen baumeln.
seaman
Fortsetzung folgt!


Mal die Politik außen vor gelassen, hattest Du an Deinem Schulranzen auch noch Schwamm und Lappen baumeln, oder habt ihr schon auf Papier die ersten Schreibübungen absolviert?
Wurden zu Deiner Zeit auch noch mehrere Klassen in einem Raum unterrichtet und durften die Lehrer noch körperlich züchtigen?


Nein,
direkte körperliche Züchtigungen in ugs. Sinne habe ich in WB nicht erlebt.Mal am Ohr ziehen,kleine Kopfnuss,mal etwas derber am Arm packen,mehr nicht.Strengere und beliebtere Lehrer wie überall.Mal ein Anbrüller....
Schiefertafel und Griffel hatte ich zu Hause zum Üben.
Unsere 1.Klasse befand sich in einer zusätzlich errichteten Baracke vor dem eigentlichen Schulgebäude.Viele Flüchtlingskinder.
Ab 2. Klasse kam man erst in das Haupthaus.
In der ersten Klasse begannen wir die Buchstaben in Schulhefte mittels Bleistift in vorgegebene Zeilen einzutragen.Buntstifte zum Malunterricht.
Das blieb bis Schuljahresende dabei.Es gab extra eine Unterrichtung in "Schönschrift".Das alles in Lateinschrift.
Ab zweite Klasse dann im Haupthaus.Hier befanden sich die massiven Schulbänke mit den eingelassenen Tintenfässern.
Zu Beginn des Schuljahres durften dann über die Hälfte der Klasse nach Einschätzung des Lehrers mit dem Federhalter schreiben,nach und nach bekam dann je nach Schreibfertigkeit der Rest der Schüler dafür auch die Freigabe.Es wurde mit unterschiedlichen Schreibstärken der Federn geschrieben.Tintenkleckse waren unser Grauen.Schularbeiten fertig,beim letzten Wort der Klecks-also Schulnote 6.
Der Hausmeister der Schule musste vor Unterrichtsbeginn die Tintenfässer in den Pulten auffüllen,wenn man mit ihm gut konnte,hat er auch das Tintenfässchen für zu Hause mit nachgefüllt.Pelikantinte war damals schon teuer....
Anstelle von Malstiften kam jetzt der Tuschkasten mit den Grundfarben in diesem Schuljahr zum Einsatz
Ab dritte Klasse kam dann der Umstieg auf Füllfederhalter nach dem gleichen Prinzip wie der Umstieg auf Federhalter.Am Ende der dritten Klasse schrieben alle mit Füller.Später dann, zum Ende der vierten Klasse schrieben die ersten Schüler dann schon mal mit Kugelschreiber......

Zu den Schulklassen:

Diese waren in einzelne Jahrgänge gegliedert und es gab nicht mehrere Klassen in einem Raum.
Wenn ein älterer Schüler/in sich in den Klassen befand war es ein sog."Sitzenbleiber".
Die Klassen hatten im Schnitt mind. 30 und mehr Schüler.

Allerdings,ich kann hier nur für meine damalige Schule sprechen.

seaman


Kurt, furry, Svenni1980, Gert, exgakl und Küchenbulle 79 haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 22.05.2013 16:04 | nach oben springen

#33

RE: Kindheit im geteilten Berlin

in Leben an der Berliner Mauer 22.05.2013 15:57
von Barbara (gelöscht)
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Zitat von seaman im Beitrag #32
Zitat von furry im Beitrag #31
Zitat von seaman im Beitrag #7
Meine Schulzeit begann Mitte der 50er Jahre in Berlin(West).
In den ersten 2 Schuljahren kamen die Amis noch in der grossen Pause und verabreichten die Schulspeisung an uns Kinder.
Der Preis betrug 25 Pfennig. Preisbeguenstigt. Erst gab es einen grossen Loeffel Lebertran,dann eine Kalk-bzw. Traubenzuckertablette.Wer das über sich ergehen liess bekam dann eine Frucht(Banane,Mandarine,Orange,Apfel) und einen Viertelliter Puddingsuppe,Kakao oder Griessbrei mit einem Loeffel Marmelade.Jeder hatte extra dafuer einen Emaillepott am Schulranzen baumeln.
seaman
Fortsetzung folgt!


Mal die Politik außen vor gelassen, hattest Du an Deinem Schulranzen auch noch Schwamm und Lappen baumeln, oder habt ihr schon auf Papier die ersten Schreibübungen absolviert?
Wurden zu Deiner Zeit auch noch mehrere Klassen in einem Raum unterrichtet und durften die Lehrer noch körperlich züchtigen?


Nein,
direkte körperliche Züchtigungen in ugs. Sinne habe ich in WB nicht erlebt.Mal am Ohr ziehen,kleine Kopfnuss,mal etwas derber am Arm packen,mehr nicht.Strengere und beliebtere Lehrer wie überall.Mal ein Anbrüller....
Schiefertafel und Griffel hatte ich zu Hause zum Üben.
Unsere 1.Klasse befand sich in einer zusätzlich errichteten Baracke vor dem eigentlichen Schulgebäude.Viele Flüchtlingskinder.
Ab 2. Klasse kam man erst in das Haupthaus.
In der ersten Klasse begannen wir die Buchstaben in Schulhefte mittels Bleistift in vorgegebene Zeilen einzutragen.Buntstifte zum Malunterricht.
Das blieb bis Schuljahresende dabei.Es gab extra eine Unterrichtung in "Schönschrift".Das alles in Lateinschrift.
Ab zweite Klasse dann im Haupthaus.Hier befanden sich dann die massiven Schulbänke mit den eingelassenen Tintenfässern.
Zu Beginn des Schuljahres durften dann über die Hälfte der Klasse nach Einschätzung des Lehrers mit dem Federhalter schreiben,nach und nach bekam dann je nach Schreibfertigkeit der Rest der Schüler dafür auch die Freigabe.Es wurde mit unterschiedlichen Schreibstärken der Federn geschrieben.Tintenkleckse waren unser Grauen.Schularbeiten fertig,beim letzten Wort der Klecks-also Schulnote 6.
Der Hausmeister der Schule musste vor Unterrichtsbeginn die Tintenfässer in den Pulten auffüllen,wenn man mit ihm gut konnte,hat er auch das Tintenfässchen für zu Hause mit nachgefüllt.Pelikantinte war damals schon teuer....
Anstelle von Malstiften kam jetzt der Tuschkasten mit den Grundfarben in diesem Schuljahr zum Einsatz
Ab dritte Klasse kam dann der Umstieg auf Füllfederhalter nach dem gleichen Prinzip wie der Umstieg auf Federhalter.Am Ende der dritten Klasse schrieben alle mit Füller.Später dann, zum Ende der vierten Klasse schrieben die ersten Schüler dann schon mal mit Kugelschreiber......

Zu den Schulklassen:

Diese waren in einzelne Jahrgänge gegliedert und es gab nicht mehrere Klassen in einem Raum.
Wenn ein älterer Schüler/in sich in den Klassen befand war es ein sog."Sitzenbleiber".
Die Klassen hatten im Schnitt mind. 30 und mehr Schüler.

Allerdings,ich kann hier nur für meine damalige Schule sprechen.

seaman


Vielen Dank seaman, ich lese mit großem Interesse deine Geschichte, du schreibst so anschaulich !

Viele Flüchtlingskinder.......

Wie war der Kontakt mit ihnen?

Haben die Kinder insgesamt eigentlich über den Krieg und ihre Erlebnisse gesprochen?

Aus heutiger Sicht würde man doch von schwersten Traumatisierungen sprechen.

Wie wurde das Thema "Krieg" in der Schule behandelt?

Hat man die Kinder erzählen lassen, oder ging es nur um Fakten?






zuletzt bearbeitet 22.05.2013 15:57 | nach oben springen

#34

RE: Kindheit im geteilten Berlin

in Leben an der Berliner Mauer 22.05.2013 15:59
von seaman | 3.487 Beiträge

Barbara,
ich melde mich heute Abend nochmal zum Thema.

Gruss seaman


zuletzt bearbeitet 22.05.2013 16:03 | nach oben springen

#35

RE: Kindheit im geteilten Berlin

in Leben an der Berliner Mauer 22.05.2013 17:12
von Gert | 12.356 Beiträge

Frage Barbara:Haben die Kinder insgesamt eigentlich über den Krieg und ihre Erlebnisse gesprochen?



Wenn du erlaubst kann ich dazu auch etwas sagen, da ich in der Zeit, aber einige Jahre früher als @seaman, in die Schule ging.
Ich begann 1950 am 1.September die Schule. Wir waren Jahrgang 2.Halbjahr 1943 und 1.Halbjahr 1944 in der Klasse. Der Krieg war bekanntlich 1945 zu Ende. Keiner meiner Mitschüler und natürlich ich auch nicht hatten eigene Erinnerungen an den Krieg. Meine am weitesten zurückliegende Erinnerung ist im Sommer 1948, da war ich 4 Jahre alt.
Ich kann mich auch nicht so erinnern, dass wir Kinder untereinander über den Krieg sprachen. Die Erwachsenen sprachen schon darüber und man hörte auch zu. Ich war auf meinen Vater sehr stolz, denn er war im Krieg Pilot eines Nachtjägers. Das hat mich sehr beeindruckt, ich fand dass das eine herausgehobene Stellung als Soldat war. Er hatte auch ein Messingmodell seines Fliegers, eine Junkers JU 88 in unserem Wohnzimmer stehen, das habe ich mir oft angeschaut. Die Hakenkreuze am Leitwerk und Flügel hatte er herausgefeilt.
Aus Erzählung meiner Mutter weiss ich, dass ich meine erstes Lebensjahr nur in Luftschutzkellern verbrachte. Meine Frau meinte kürzlich, das diese Kinder aus dem Krieg, obwohl sie keine Erinnerung haben, trotzdem durch die Erfahrung in den LSK während der Bombenagriffe psychische Schäden davon getragen haben. Nun, ich habe nichts davon gemerkt. Es soll dafür aber Untersuchungsergebnisse geben, die das belegen- Wir hatten aber auch viele Flüchtlingskinder. Sie erzählten wohe rihre Eltern kamen. Ostpreussen, Schlesien, Sudetenland usw.
Ich konnte mir darunter nichts vorstellen, das war irgendwo weit im Osten. Wenn ich mal bei solchen Klassnekameraden zu Besuch war, bemerkte ich dass die Eltern einen anderen Dialekt sprachen. Das war auffällig. Die Kinder dieser Flüchtlingen schon nicht mehr, weil sie ab 1945 in Thüringen lebten und wie wir sprachen.


.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
Geld ist geprägte Freiheit!
Dostojewski 1866
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
seaman, damals wars und exgakl haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#36

RE: Kindheit im geteilten Berlin

in Leben an der Berliner Mauer 22.05.2013 17:33
von thomas 48 | 3.580 Beiträge

Ich wurde 1955 in Eisenach eingeschult, solche Klassen mit über 25 Schülern kannte ich auch, unsere ersten Schulbänke waren auch so lang und hatten eingebaute Tintenfässer.
Wir fingen gleich in einem Schulheft mit Federhalter zu schreiben.
Lebertran kenne ich nicht mehr.
Seamann ,
Du schreibst sehr gut und erzählst viel über deine Kindheit in Berlin. Wie ich weiß war Berlin durch den Krieg fast völlig zerstört. Wie und mit was habt ihr Kinder gespielt? Hat deine Mutter oder dein Opa nicht Angst um dich gehabt? Du konntest doch mal eine Granate usw. anfassen,oder eine Tote oder von einer Ruinenmauer erschlagen werden.


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#37

RE: Kindheit im geteilten Berlin

in Leben an der Berliner Mauer 22.05.2013 18:15
von seaman | 3.487 Beiträge

Viele Flüchtlingskinder....

Flüchtlingskinder war für uns junge Heranwachsende damals eine nachgeplapperte Sammelbezeichnung für die Kinder ,die in Berlin am Stadtrand in behelfsmässig errichteten "Gartensiedlungen" wohnten.Zeitweilig gehörte ich auch dazu.
Die gleichaltrigen Kinder,mit denen ich spielte,waren bei der Vertreibung/Aussiedlung aus dem Osten nicht dabei gewesen.
Die traumatisierte Generation,das ist mir erst später bewusst geworden,waren ihre Eltern und Angehörigen.
Das waren Ausgebombte(welch ein Wort),zerrissene Familien,Kriegsversehrte und Hoffende,die darauf warteten das der Mann aus Kriegsgefangenschaft zurückkehrt(lebt er noch?) oder Nächte lang gemeinsam am Radio hockten und die Suchmeldungen des Roten Kreuzes nach vermissten Angehörigen abhörten......
Hinzu kam der nackte Überlebenskampf der Menschen,die mitunter nur ein Kleiderbündel gerettet hatten.
Es war eine Art Völkerwanderung im Nachkriegseuropa.Die glücklicherweise überlebten,suchten mitunter Jahrzehnte vergeblich nach Familienangehörigen.

Was bedeutete der Begriff Krieg für uns Kinder?
Es war etwas Geheimnisvolles.Die wenigen Erwachsenen die darüber sprachen schickten uns Kinder dabei weg.Der Rest sprach nicht darüber.Manche erst Jahre später,manche nie.
Ruinenberge,zerstörte Häuser,zerschossene Eisenbahnwaggons an den Bahnstrecken waren für uns Alltäglichkeit.Wir kannten es nicht anders.
Manch ein Erwachsener las später fanatisch Landserhefte,ein anderer schwor Stein und Bein nie wieder ein Gewehr anzufassen.
Lieber zeitlebens trocken Brot,alls jemals wieder Bombennächte.....
Ein Schulkamerad hatte sich ein Holzfloss gebaut.Um es am Ufer zu vertäuen,schlug er ein Eisenrohr in den weichen Sand des Flusses.
Erst hörten wir die Hammerschläge,dann eine gewaltige Explosion.Es war eine Panzerfaust.Tot.
Manche Handgranate hat auch Schaden angerichtet....
Unser Schuldirektor hatte eine Hand aus Holz.Lange gelang es uns nicht die Ursache herauszubekommen.Er druckste immer rum.
Einmal,als ich aus einem Kaugummiautomat eine kleine Plastikpistole gewann,löste sich das Problem.
Als ich mit peng,peng auf einen Mitschüler zielte,nahm er mir mein Objekt der Begierde ab und zertrat es symbolisch mit dem Hacken.
Dann setzte er sich mit uns Jungen((8Jahre?) zusammen und erzählte uns tiefgründig wie schrecklich Krieg sei.
Seine Hand wurde ihm an der Ostfront samt Pistole im Grabenkampf mit einem Spaten abgeschlagen....


seaman


exgakl, furry, Bugsy, thomas 48, Svenni1980, Gert und GilbertWolzow haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 30.11.2013 18:21 | nach oben springen

#38

RE: Kindheit im geteilten Berlin

in Leben an der Berliner Mauer 25.05.2013 18:53
von Barbara (gelöscht)
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Zitat von Gert im Beitrag #35
Frage Barbara:Haben die Kinder insgesamt eigentlich über den Krieg und ihre Erlebnisse gesprochen?



Wenn du erlaubst kann ich dazu auch etwas sagen, da ich in der Zeit, aber einige Jahre früher als @seaman, in die Schule ging.
Ich begann 1950 am 1.September die Schule. Wir waren Jahrgang 2.Halbjahr 1943 und 1.Halbjahr 1944 in der Klasse. Der Krieg war bekanntlich 1945 zu Ende. Keiner meiner Mitschüler und natürlich ich auch nicht hatten eigene Erinnerungen an den Krieg. Meine am weitesten zurückliegende Erinnerung ist im Sommer 1948, da war ich 4 Jahre alt.
Ich kann mich auch nicht so erinnern, dass wir Kinder untereinander über den Krieg sprachen. Die Erwachsenen sprachen schon darüber und man hörte auch zu. Ich war auf meinen Vater sehr stolz, denn er war im Krieg Pilot eines Nachtjägers. Das hat mich sehr beeindruckt, ich fand dass das eine herausgehobene Stellung als Soldat war. Er hatte auch ein Messingmodell seines Fliegers, eine Junkers JU 88 in unserem Wohnzimmer stehen, das habe ich mir oft angeschaut. Die Hakenkreuze am Leitwerk und Flügel hatte er herausgefeilt.
Aus Erzählung meiner Mutter weiss ich, dass ich meine erstes Lebensjahr nur in Luftschutzkellern verbrachte. Meine Frau meinte kürzlich, das diese Kinder aus dem Krieg, obwohl sie keine Erinnerung haben, trotzdem durch die Erfahrung in den LSK während der Bombenagriffe psychische Schäden davon getragen haben. Nun, ich habe nichts davon gemerkt. Es soll dafür aber Untersuchungsergebnisse geben, die das belegen- Wir hatten aber auch viele Flüchtlingskinder. Sie erzählten wohe rihre Eltern kamen. Ostpreussen, Schlesien, Sudetenland usw.
Ich konnte mir darunter nichts vorstellen, das war irgendwo weit im Osten. Wenn ich mal bei solchen Klassnekameraden zu Besuch war, bemerkte ich dass die Eltern einen anderen Dialekt sprachen. Das war auffällig. Die Kinder dieser Flüchtlingen schon nicht mehr, weil sie ab 1945 in Thüringen lebten und wie wir sprachen.








Gert, ich habe doch hier nichts zu „erlauben“, es ist doch schön dass du deine Erinnerung auch beiträgst!

Also ihr hattet Kontakt mit den Flüchtlingskindern aus Ostpreußen und Schlesien, sie wurden nicht ausgegrenzt.
Ich bin zwar ein paar Jahre jünger, kann mich aber dennoch erinnern, dass es in dem kleinen Ort aus dem ich komme, noch Baracken gab für ehem. Flüchtlinge aus dem Osten gab (mangels anderm Wohnraum) und dass „wir“ gefremdelt haben! Anfang der 60er Jahre!
Nachher hat sich das dann Gott sei Dank erledigt.

Ich teile die Meinung deiner Frau bzgl. der Frühst-Traumatisierungen. Das heißt natürlich nicht, dass jedes Kind, das in einem Luftschutzkeller nächtelang ausharren musste, bleibend geschädigt wurde.
(Eine der Ursachen von Psychosen wird in Misshandlungen und anderen Schädigungen im ganz frühen Kindheitsstadium gesehen.)

Aus einer heutigen Sicht und vom Stand der heutigen Psychologie war damals ganz Deutschland traumatisiert und zwar im Hinblick auf den selbst erlebten Horror des Krieges aber auch in gewisser Weise „Schuld“-traumatisiert.
Ich denke, im Hinblick auf die ungeheure Dimension der im deutschen Namen begangenen Verbrechen, die ja erst nach dem Krieg in ihrer ganzen Tragweite wirklich realisiert wurden, hat die Seele „abgeschaltet“. Das, was im Nachhinein als moralische Schuld-Verdrängung der Deutschen bezeichnet wurde, hat sicher auch diesen seelischen Anteil, nämlich zunächst mal das ganze Ausmaß von Tod und Mord überhaupt nicht realisieren/ertragen zu können.

Man stelle sich das vor, so gerade eben noch den Horror der Bombennächte – in ständiger Todesangst – überlebt zu haben um dann in der Wochenschau mit den Leichenbergen von Bergen-Belsen – schuldhaft! - konfrontiert zu werden. Die Seele „macht dicht“ oder? Abwehr, erstmal irgendwie überleben wollen. Damit will ich nicht das Geringste entschuldigen, aber es erklärt so einiges finde ich.
Ich kann hierzu nur immer wieder das Buch empfehlen: Margarete und Alexander Mitscherlich: „Die Unfähigkeit zu trauern“ - denn genau das hat erst sehr sehr spät eingesetzt, falls es überhaupt eingesetzt hat: Trauer! - Nicht im Hinblick auf die, die man selbst verloren hatte, sondern um das, was die Deutschen insgesamt verloren hatten: Anstand, Moral, Integrität. Die ethische „Stunde Null“.

Die Jahre unmittelbar nach dem Krieg, das sich irgendwie zurecht finden in den Trümmern, irgendwie Essen, ein Dach über dem Kopf, Heizmaterial organisieren, und das noch mit einem oder mehreren kleinen Kindern an der Hand, in genau in diese Zeit fällt, was seaman oben von seiner Kindheit beschreibt, dieser Lebensimpuls der Kinder, die ja z.T. wer weiß was hinter sich hatten und dennoch sich irgendwie die Welt eroberten, die Welt der Trümmer, die zum Abenteuerspielplatz wurde und der Krieg zum „Abenteuer“.
Wie du es auch beschreibst, dass du stolz warst auf deinen Vater, den Flieger. Kinder brauchen positive Identifikationsmöglichkeiten, selbst wenn alles in Trümmern liegt.

Kinder sind ja im immer "am Anfang" , "im Aufbruch" und nehmen die Welt so wie sie ist, sie haben ja auch keine andere Wahl.

Danke Gert!


seaman hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#39

RE: Kindheit im geteilten Berlin

in Leben an der Berliner Mauer 25.05.2013 19:00
von Barbara (gelöscht)
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Zitat von seaman im Beitrag #37
Viele Flüchtlingskinder....

Flüchtlingskinder war für uns junge Heranwachsende damals eine nachgeplapperte Sammelbezeichnung für die Kinder ,die in Berlin am Stadtrand in behelfsmässig errichteten "Gartensiedlungen" wohnten.Zeitweilig gehörte ich auch dazu.
Die gleichaltrigen Kinder,mit denen ich spielte,waren bei der Vertreibung/Aussiedlung aus dem Osten nicht dabei gewesen.
Die traumatisierte Generation,das ist mir erst später bewusst geworden,waren ihre Eltern und Angehörigen.
Das waren Ausgebombte(welch ein Wort),zerrissene Familien,Kriegsversehrte und Hoffende,die darauf warteten das der Mann aus Kriegsgefangenschaft zurückkehrt(lebt er noch?) oder Nächte lang gemeinsam am Radio hockten und die Suchmeldungen des Roten Kreuzes nach vermissten Angehörigen abhörten......
Hinzu kam der nackte Überlebenskampf der Menschen,die mitunter nur ein Kleiderbündel gerettet hatten.
Es war eine Art Völkerwanderung im Nachkriegseuropa.Die glücklicherweise überlebten,suchten mitunter Jahrzehnte vergeblich nach Familienangehörige.

Was bedeutete der Begriff Krieg für uns Kinder?
Es war etwas Geheimnisvolles.Die wenigen Erwachsenen die darüber sprachen schickten uns Kinder dabei weg.Der Rest sprach nicht darüber.Manche erst Jahre später,manche nie.
Ruinenberge,zerstörte Häuser,zerschossene Eisenbahnwaggons an den Bahnstrecken waren für uns Alltäglichkeit.Wir kannten es nicht anders.
Manch ein Erwachsener las später fanatisch Landserhefte,ein anderer schwor Stein und Bein nie wieder ein Gewehr anzufassen.
Lieber zeitlebens trocken Brot,alls jemals wieder Bombennächte.....
Ein Schulkamerad hatte sich ein Holzfloss gebaut.Um es am Ufer zu vertäuen,schlug er ein Eisenrohr in den weichen Sand des Flusses.
Erst hörten wir die Hammerschläge,dann eine gewaltige Explosion.Es war eine Panzerfaust.Tot.
Manche Handgranate hat auch Schaden angerichtet....
Unser Schuldirektor hatte eine Hand aus Holz.Lange gelang es uns nicht die Ursache herauszubekommen.Er druckste immer rum.
Einmal,als ich aus einem Kaugummiautomat eine kleine Plastikpistole gewann,löste sich das Problem.
Als ich mit peng,peng auf einen Mitschüler zielte,nahm er mir mein Objekt der Begierde ab und zertrat es symbolisch mit dem Hacken.
Dann setzte er sich mit uns Jungen((8Jahre?) zusammen und erzählte uns tiefgründig wie schrecklich Krieg sei.
Seine Hand wurde ihm an der Ostfront samt Pistole im Grabenkampf mit einem Spaten abgeschlagen....


seaman
















Seaman, es ist wunderbar an wie viele Details du dich erinnern kannst. Du gehörst auch zu einem derjenigen im Forum, die diese Geschichten (nicht nur hier!) aufschreiben müssten!

In deinem Beitrag oben beschreibst du sehr eindrucksvoll, was ich mit dem meinem eben an Gert meinte. Und dazu die ganze Gefährlichkeit des „Abenteuerspielplatzes Trümmerfeld“.
Wie schrecklich, was du erzählst vom Tod deines Schulkameraden und von deinem Lehrer, das war doch bestimmt ein sehr prägender Eindruck, du warst doch auch nocht so jung.

Ich denke, die Flüchtlingskinder waren auch schwerstens traumatisiert, neben den eigenen Ängsten haben sie ganz sicher die der Erwachsenen "mitaufgesogen".

Eine Freundin erzählte mir neulich, wie ihre Mutter auf dem großen Flüchtlingstreck aus dem Osten war, sie war hochschwanger und hatte zusätzlich ein kleines 4-jähriges Mädchen, die ältere Schwester meiner Freundin, an der Hand. Furchtbarerweise hatte die Mutter vor lauter Stress eine Fehlgeburt – wohlgemerkt hochschwanger - irgendwo am Wegesrand.
Man braucht doch nicht viel Phantasie, wie ein solches Erleben sich einem Kind einbrennt. Selbst meine Freundin, die erst Jahre später in Köln geboren wurde, trauert um diesen „verlorenen“ Bruder, so sehr hat dieses Ereignis die ganze Familie geprägt….
-----------

Du hattest ja in deinen Beiträgen oben sehr schön und ausführlich von deinen Kontakten mit den unterschiedlichen Besatzungssoldaten erzählt und deinem „Wandern“ zwischen den „Zonen“. Und von deinen Verwandten auf dem Ost-Ufer der Havel und kommst zu dem Gedanken:

„Es war schon komisch, meine Schulzeit im Westteil der Stadt, aber auch Pioniernachmittage/Ferienspiele im Osten.
Als Kind unbewusst vergleichend zwischen den Systemen.“


Ich finde das enorm spannend, dass du "beide Welten" erlebt hast, und bereits als Kind diese Aufmerksamkeit für deren Unterschiede entwickelt hast. Wie hast du das konkret erlebt, wie ging es damit weiter, wenn ich das fragen darf?


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#40

RE: Kindheit im geteilten Berlin

in Leben an der Berliner Mauer 25.05.2013 19:08
von seaman | 3.487 Beiträge

Zitat von Barbara im Beitrag #39
Zitat von seaman im Beitrag #37
Viele Flüchtlingskinder....

Flüchtlingskinder war für uns junge Heranwachsende damals eine nachgeplapperte Sammelbezeichnung für die Kinder ,die in Berlin am Stadtrand in behelfsmässig errichteten "Gartensiedlungen" wohnten.Zeitweilig gehörte ich auch dazu.
Die gleichaltrigen Kinder,mit denen ich spielte,waren bei der Vertreibung/Aussiedlung aus dem Osten nicht dabei gewesen.
Die traumatisierte Generation,das ist mir erst später bewusst geworden,waren ihre Eltern und Angehörigen.
Das waren Ausgebombte(welch ein Wort),zerrissene Familien,Kriegsversehrte und Hoffende,die darauf warteten das der Mann aus Kriegsgefangenschaft zurückkehrt(lebt er noch?) oder Nächte lang gemeinsam am Radio hockten und die Suchmeldungen des Roten Kreuzes nach vermissten Angehörigen abhörten......
Hinzu kam der nackte Überlebenskampf der Menschen,die mitunter nur ein Kleiderbündel gerettet hatten.
Es war eine Art Völkerwanderung im Nachkriegseuropa.Die glücklicherweise überlebten,suchten mitunter Jahrzehnte vergeblich nach Familienangehörige.

Was bedeutete der Begriff Krieg für uns Kinder?
Es war etwas Geheimnisvolles.Die wenigen Erwachsenen die darüber sprachen schickten uns Kinder dabei weg.Der Rest sprach nicht darüber.Manche erst Jahre später,manche nie.
Ruinenberge,zerstörte Häuser,zerschossene Eisenbahnwaggons an den Bahnstrecken waren für uns Alltäglichkeit.Wir kannten es nicht anders.
Manch ein Erwachsener las später fanatisch Landserhefte,ein anderer schwor Stein und Bein nie wieder ein Gewehr anzufassen.
Lieber zeitlebens trocken Brot,alls jemals wieder Bombennächte.....
Ein Schulkamerad hatte sich ein Holzfloss gebaut.Um es am Ufer zu vertäuen,schlug er ein Eisenrohr in den weichen Sand des Flusses.
Erst hörten wir die Hammerschläge,dann eine gewaltige Explosion.Es war eine Panzerfaust.Tot.
Manche Handgranate hat auch Schaden angerichtet....
Unser Schuldirektor hatte eine Hand aus Holz.Lange gelang es uns nicht die Ursache herauszubekommen.Er druckste immer rum.
Einmal,als ich aus einem Kaugummiautomat eine kleine Plastikpistole gewann,löste sich das Problem.
Als ich mit peng,peng auf einen Mitschüler zielte,nahm er mir mein Objekt der Begierde ab und zertrat es symbolisch mit dem Hacken.
Dann setzte er sich mit uns Jungen((8Jahre?) zusammen und erzählte uns tiefgründig wie schrecklich Krieg sei.
Seine Hand wurde ihm an der Ostfront samt Pistole im Grabenkampf mit einem Spaten abgeschlagen....


seaman











Seaman, es ist wunderbar an wie viele Details du dich erinnern kannst. Du gehörst auch zu einem derjenigen im Forum, die diese Geschichten (nicht nur hier!) aufschreiben müssten!

In deinem Beitrag oben beschreibst du sehr eindrucksvoll, was ich mit dem meinem eben an Gert meinte. Und dazu die ganze Gefährlichkeit des „Abenteuerspielplatzes Trümmerfeld“.
Wie schrecklich, was du erzählst vom Tod deines Schulkameraden und von deinem Lehrer, das war doch bestimmt ein sehr prägender Eindruck, du warst doch auch nocht so jung.

Ich denke, die Flüchtlingskinder waren auch schwerstens traumatisiert, neben den eigenen Ängsten haben sie ganz sicher die der Erwachsenen "mitaufgesogen".

Eine Freundin erzählte mir neulich, wie ihre Mutter auf dem großen Flüchtlingstreck aus dem Osten war, sie war hochschwanger und hatte zusätzlich ein kleines 4-jähriges Mädchen, die ältere Schwester meiner Freundin, an der Hand. Furchtbarerweise hatte die Mutter vor lauter Stress eine Fehlgeburt – wohlgemerkt hochschwanger - irgendwo am Wegesrand.
Man braucht doch nicht viel Phantasie, wie ein solches Erleben sich einem Kind einbrennt. Selbst meine Freundin, die erst Jahre später in Köln geboren wurde, trauert um diesen „verlorenen“ Bruder, so sehr hat dieses Ereignis die ganze Familie geprägt….
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Du hattest ja in deinen Beiträgen oben sehr schön und ausführlich von deinen Kontakten mit den unterschiedlichen Besatzungssoldaten erzählt und deinem „Wandern“ zwischen den „Zonen“. Und von deinen Verwandten auf dem Ost-Ufer der Havel und kommst zu dem Gedanken:

„Es war schon komisch, meine Schulzeit im Westteil der Stadt, aber auch Pioniernachmittage/Ferienspiele im Osten.
Als Kind unbewusst vergleichend zwischen den Systemen.“


Ich finde das enorm spannend, dass du "beide Welten" erlebt hast, und bereits als Kind diese Aufmerksamkeit für deren Unterschiede entwickelt hast. Wie hast du das konkret erlebt, wie ging es damit weiter, wenn ich das fragen darf?







Es sind auch nur in Kurzform für das Forum eingebrachte Gedanken.
Das wird in einem Buch umfassender aufbewahrt werden.

Sobald die Zeit reicht gehts gerne weiter....
Gruss seaman


exgakl hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 25.05.2013 19:15 | nach oben springen


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