#1

Spaziergang an der Mauer im Herbst 1961

in Leben an der Berliner Mauer 14.04.2013 01:34
von Moskwitschka (gelöscht)
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Durch Zufall bin ich auf einen sehr einfühlsamen Bericht eines Zeitzeugen gestoßen: Hans Scholz - kein Unbekannter, aber in Vergessenheit geratener Berliner.

http://de.wikipedia.org/wiki/Hans_Scholz

Zum Anfüttern zwei Zitate aus einem Spiegel - Artikel vom 27.12.1961:

"Sektorengrenze, die Groß-Berlin seit der Potsdamer Konferenz durchzieht, erstreckt sich über 45,1 Kilometer. Entlang dieser anfangs unscheinbaren Scheidelinie ist "die Mauer" entstanden. Meist Verläuft sie einige Schritte, eine Gehsteigbreite etwa, von der Linie zurückgenommen.

Verblüffen muß, daß, ihre Errichtung so große Verblüffung hervorrief. Erwachen können nur, die vorher schliefen. Vielen nun freilich gingen die Augen auf, aber manch einer dürfte sie sich nur zum Schein gerieben haben."

"Warum eigentlich sollen Vopos unvorteilhafter aussehen als andere deutsche Rekruten? Weil uns Westlern die Sache nicht paßt, der sie dienen oder dienen müssen? Welch westäugige Lichtbildnerei ist da in Schwang gekommen! Meint jemand, nach der Wiedervereinigung werden die Herren Obergefreiten allerseits plötzlich lieblicher anzusehen sein? Wie töricht, schwarzweißsichtige Vorurteile wuchern zu lassen."

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-43367914.html

Viel Spaß beim Lesen.

LG von der grenzgaengerin

PS Es gibt noch mehr von Hans Scholz. Passt aber besser in andere threads.


utkieker hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 14.04.2013 01:35 | nach oben springen

#2

RE: Spaziergang an der Mauer im Herbst 1961

in Leben an der Berliner Mauer 15.04.2013 10:08
von Rainman2 | 5.752 Beiträge

Hallo grenzgaengerin,

es tut doch immer wieder gut, etwas intelligentes Geschreibsel zu lesen. Mal abgesehen, dass der Gutste an manchen Stellen etwas heftig den Bildungsbürger raushängen lässt, ist das Geschriebene in Beobachtung und der Beschreibung des Beobachteten, auch im Sinne von Wertung, durchaus wie ein erfrischender Artikel von Carl von Ossietzky zu lesen. Danke für das schöne Fundstück. "Erwachen können nur, die geschlafen haben" ... schön, eine einfache Wahrheit im großen Kontext und schon hat man das Gefühl, ein Stückchen der Welt mehr verstanden zu haben.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


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#3

RE: Spaziergang an der Mauer im Herbst 1961

in Leben an der Berliner Mauer 15.04.2013 12:41
von Moskwitschka (gelöscht)
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Hallo rainman,

auf Hans Scholz bin ich gekommen, weil ich nach "west"deutschen Fernsehfilmen gesucht habe, die sich mit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus beschäftigt haben. Und es gab wirklich einen: Die Verfilmung des Buches von Hans Scholz " Am grünen Strand der Spree" (1960).

http://www.heise.de/tp/artikel/34/34900/1.html

Zu denken gab mir folgendes:

"Wie ist das wohl, wenn man zum Bildungsbürgertum gehört, wenn man im Land von Goethe, E.T.A. Hoffmann und Theodor Fontane aufwächst, um sich dann, nach tausend braunen Jahren, als Angehöriger einer Nation wiederzufinden, die als der Inbegriff des Bösen gilt? Und was macht man damit? Scholz’ Antwort: Man wird sich über die Vergangenheit im Klaren und berichtet schonungslos von dem, was gewesen ist, weil sonst kein Neuanfang gelingen kann. Dabei ist mit Widerstand zu rechnen. Gleich am Anfang erfährt man, dass die Post der an der Ostfront eingesetzten Soldaten zensuriert wird. So war das früher, sagt Scholz damit, und in einer Demokratie, wie wir sie jetzt haben, hat die Zensur nichts verloren (bei allem, was im Roman passiert, muss man das Erscheinungsjahr 1955 immer mitdenken).Darum setzte er auch durch, dass die erste, auf eigenen Erlebnissen basierende Episode im Buch blieb, obwohl sie der Verlag gern weggelassen hätte."

"Ein Rätsel bleibt: Die öffentlich-rechtlichen Anstalten, die diesen erstaunlichen Fünfteiler vor über 50 Jahren in Auftrag gaben und zur besten Sendezeit ausstrahlten, sind dieselben, die heutzutage ihren Programmauftrag darin sehen, mit seichter Unterhaltung der Demenz Vorschub zu leisten. Wie konnte das passieren? Vielleicht sollte man die Verantwortlichen dazu verdonnern, einen Archivschatz wie Am grünen Strand der Spree studieren zu müssen (es gibt schlechtere Fortbildungsveranstaltungen), bevor sie die nächste Degeto-Produktion abnicken. Wer daraus nichts lernt, muss bis ans Ende seiner Tage dabei zuschauen, wie Christine Neubauer, Veronika Ferres und Iris Berben nach Afrika fahren, um da den Schwarzen zu zeigen, wo’s langgeht wie früher Hans Albers (Carl Peters, 1941), Luis Trenker (Germanin, 1942) und Heinz Rühmann (Quax in Afrika, 1943-45). Wir, die Gebührenzahler, aber bitte nicht."

Ich habe mir das Buch bestellt. Bin sehr gespannt.

LG von der grenzgaengerin

PS Leider gibt das Archiv des Tagespiegels, für den Hans Scholz von 1963 bis 1976 als Chef des Feuilletons tätig war, nicht viel her.


zuletzt bearbeitet 15.04.2013 13:00 | nach oben springen

#4

RE: Spaziergang an der Mauer im Herbst 1961

in Leben an der Berliner Mauer 15.04.2013 16:01
von utkieker | 2.912 Beiträge

Zitat von grenzgaengerin im Beitrag #1
Hans Scholz: .... "Verblüffen muß, daß, ihre Errichtung so große Verblüffung hervorrief. Erwachen können nur, die vorher schliefen. Vielen nun freilich gingen die Augen auf, aber manch einer dürfte sie sich nur zum Schein gerieben haben."....


Hallo grenzgaengerin,

Vielen Dank erst ein mal für die eingebrachten Scholz- Zitate. Obiges Zitat möchte ich zum Anlass nehmen um auf einen interressanten offenen Briefwechsel hinzuweisen zwischen Günter Grass/ Wolfdietrich Schnurre einerseits und Stephan Hermlin andererseits. Für mich stellt dieser Briefwechsel eine Kostbarkeit hoher Streitkultur da. Auch ich möchte mit kurzen Zitaten das Intresse wecken! Passt auch irgendwie zum Thema.

Günter Grass/ Wolfdietrich Schnurre: http://www.chronik-der-mauer.de/index.ph.../593839/page/21
"... Wir fordern Sie auf, unseren offenen Brief offen zu beantworten, indem Sie entweder die Maßnahmen Ihrer Regierung gutheißen oder den Rechtsbruch verurteilen. Es gibt keine "Innere Emigration", auch zwischen 1933 und 1945 hat es keine gegeben. Wer schweigt, wird schuldig ..."

Stephan Hermlin: http://www.chronik-der-mauer.de/index.ph...nical/year/1961

"... Ich habe meiner Regierung am 13. August kein Danktelegramm geschickt und ich würde meine innere Verfassung auch nicht als eine solche "freudige Zustimmung", wie manche sich auszudrücken belieben, definieren. Wer mich kennt, weiß, daß ich ein Anhänger des Miteinanderlebens bin, des freien Reisens, des ungehinderten Austausches auf allen Gebieten des menschlichen Lebens, besonders auf dem Gebiet der Kultur ..."

Gruß Hartmut!


"Die Vergangenheit zu verbieten macht sie nicht ungeschehen, nicht einmal wenn man versucht sie selbst in sich zu verdrängen"
(Anja-Andrea 1959 - 2014)
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#5

RE: Spaziergang an der Mauer im Herbst 1961

in Leben an der Berliner Mauer 15.04.2013 18:04
von Moskwitschka (gelöscht)
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Hallo utkieker,

soll ich ehrlich sein? Ich bin zusammen gezuckt beim Lesen beider Briefe. Es erinnert mich stark an viele Diskussionen hier im Forum: emotionsgeladen, belehrend und, nicht aufeinander zu bewegend. Und bestimmt nicht zielführend, im Sinne, wie können wir gemeinsam Einfluß nehmen, auf eine politische Entwicklung, die den Deutschen mehr schaden als nutzen wird.

Aber das ist von mir leicht geschreiben, war ich doch damals erst 4 Jahre alt und war stolz auf meinem neuen Puppenwagen.

Ich habe hier einen Kommentar des swr vom 16.08.2012 gefunden, dem ich voll zustimme:

https://docs.google.com/viewer?a=v&q=cac...a5_wZi6ibBxB9lQ

"Es war ein Riss, der von da an die Nation geistig spaltete...."

LG von der grenzgaengerin


utkieker hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 15.04.2013 18:04 | nach oben springen



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