#61

RE: Sackgassen-Sprache

in Themen vom Tage 16.04.2013 11:36
von ddr-bürger (gelöscht)
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Eigentlich ging es im Thema um die Wirkung der Sprache als Sackgasse. In der eröffnung wurde das mit dem Begriff "Siegerjustiz" begründet. Leider verselbstständigt sich nun der Begriff "Siegerjustiz". Mir ging es darum, daß es keinen Sinn macht den Begriff zu meiden solange das Denken und Handeln noch besteht. Als Vergleich habe ich den Begriff "Dunkeldeutschland" ins Spiel gebracht und schon sind wir beim Solizuschlag und Energiesteuer.


bendix hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#62

RE: Sackgassen-Sprache

in Themen vom Tage 16.04.2013 11:38
von Hackel39 | 3.123 Beiträge

Zitat von Jobnomade im Beitrag #52
"lächerliche Rachegelüste",

nun, Hackel39, so empfinde ich das auch nicht.
Die SED-Führung, die auch dieses grausame Grenzregime mit zahlreichen Todesopfern politisch zu verantworten hatte, ist mit ein paar Jahren Haft, oftmals aus gesundheitlichen Gründen zur Bewährung ausgesetzt, glimpflich davongekommen. Und dafür können sie der BRD-Justiz dankbar sein.
Der "Volkszorn" hätte auch zu einer "rumänischen Lösung" führen können.
Ich habe nie "Rachegelüste" empfunden - ich habe lange, viel zu lange auf Besserung und Reformen gehofft und dieser Führung die Treue gehalten.
Ich empfand jedoch Genugtuung und Erleichterung, als diese Führung die Macht abgeben musste.

Gruss Hartmut


Tut mir leid Hartrmut, so wie Du hatte ich bis vor 10-15 Jahren auch noch gedacht, möglicherweise war die Empörung über das Unrecht an der Grenze damals noch berechtigt.
Inzwischen weiß ich, was tatsächlich verloren gegangen ist, somit kann man tragische Einzelschicksale nicht Honecker persönlich anlasten.
Im Prinzip kann man es mit hunderten anderen Beispielen belegen, daß oft nur ein Verantwortlicher gefunden werden mußte, der zwar die Rahmenbedingungen geschaffen hat, in denen kriminelle Handlungen aber für die Ausführenden nicht zwingend vorgesehen waren, zumindest nicht unter Androhung hoher Strafen.
Das gilt für die Mauerschützen genauso wie für den Taxifahrer, der wegen eines dringenden Termins meinte, sein Anliegen wäre höherwertiger als die Warnblinkanlage am Bahnübergang, um dann sein Fahrzeug vom Güterzug zerstören zu lassen.
Ähnlich verhält es sich mit dem Strafverfahren gegen den Duisburger Oberbürgermeister, der für die Toten der loveparade verantwortlich gemacht werden sollte, irgendwer mußte Schuld sein.
Daß es möglicherweise das eigene Fehlverhalten war, darauf würde man im Traum nicht kommen. Niemand wird dazu gezwungen in einer Stadt zu feiern in die man am Ende nur noch mit körperlicher Kraftanstrengung einreisen konnte, niemand.
Mit dem Wissen von heute hat sich alles gewaltig verschoben in meiner nachträglichen Bewertung der damaligen Protestbewegung, das will ich nicht weiter ausführen und ich sage besser nicht, was ich mit dem Wissen von heute damals getan hätte.



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#63

RE: Sackgassen-Sprache

in Themen vom Tage 16.04.2013 11:54
von Hackel39 | 3.123 Beiträge

Zitat von Grenzwolf62 im Beitrag #50
Zitat von Hackel39 im Beitrag #49
Der Begriff "Siegerjustiz" ist mir noch im Zusammenhang mit dem politischen Prozeß gegen Erich Honecker an die Adresse der Berliner Justizsenatorin Limbach recht gut in Erinnerung und hier war er auch angebracht.
Stellvertretend für das wutschnaubende Volk der DDR mußte die Siegerökonomie BRD als Dienstleister für die mehr oder weniger lächerlichen Rachegelüste einer gewissen Klientel von DDR- Bürgern gegen den SED- Generalsekretär herhalten und das tun, was die Straße verlangte, so sehe ich das.
Hätte man auf diese Siegerjustiz verzichtet, wäre der Volkszorn möglicherweise sogar dem zaudernden und zögerlichen Westapparat entgegengeschlagen und vor einem Volk, daß eben noch hunderttausende mobilisiert hatte um einen übermächtigen Gegener aus dem Weg zu räumen, sollte man sich in der Tat vorsehen.



Für Eltern eines Kindes das bei einem ungesetzlichen Grenzübertritt zu Schaden kam, wird sich wohl die Lächerlichkeit in Grenzen gehalten haben.
Muss da an das 17jährige Mädchen denken was von der Mauer geschossen wurde, da kannst ja mal hingehen zu der Mutter mit deiner Lächerlichkeit und dir paar Antworten abholen.




Zunächst mal hast Du Lächerlichkeit mit Grenze in Zusammenhang gebracht, ich habe diesen Begriff jedoch im Zusammenhang mit Honecker gebraucht und Leute, die ihn Wochen vorher noch geehrt und auf der Tribüne zugewunken hatten, wollten plötzlich den Parteibeitrag zurück haben und das ist einfach nur lächerlich, für die hab ich mich mich richtig geschämt, damals schon.
Leute, die entsetzt getan haben über den Betrug und die Täuschung, dabei haben die "Bonzen" sich nur in extrem wenigen Ausnahmefällen bereichert, die waren überwiegend mental vollkommen von der Rolle, so als hätte man sie gerade aus dem Tiefschlaf geholt und das war in der Tat auch nötig, und jeder der Empörten wußte selbst, daß der Kurs nicht mehr stimmte.
Leider waren die Empörten aber nicht in der Lage, konstruktiv zu kritisieren oder sie versuchten, das Beste daraus zu machen aber keiner hat so wutschnaubend wie nach der Wende das Politbüro so verdammt wie es vor der Wende schon nötig gewesen wäre.
Erst als die "Täter" gefesselt am Boden lagen, trat man auf sie ein, genau das meinte ich mit lächerlich.
Wir alle, die mitgemacht haben, ohne klare Ansagen über das eigene Mißfallen an der Entwicklung zu machen, waren Teil des Problems und heute wissen wir, daß eine weniger überstürzte Rettungsaktion besser gewesen wäre, das ist aber hier nicht das Thema.



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#64

RE: Sackgassen-Sprache

in Themen vom Tage 16.04.2013 11:56
von ddr-bürger (gelöscht)
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Zitat von grenzgaengerin im Beitrag #59
Ich habe auch so meine Probleme mit dem Wort "Siegerjustiz" und habe dieses Wort glaube nie in Mund genommen. Vielleicht bin ich auch zu naiv mit meinem Glauben an die Vernunft der Menschen, an ihre Offenheit aufeinander zu zugehen. In meinem Alltag habe ich da auch nur positive Erfahrungen gemacht, egal in welchem Teil unseres Landes.

Aufmerksam darauf werde ich auf die "Siegerjustiz" nur in Medien gemacht oder wenn ich auf sehr verbitterte (aus was für Gründen auch immer) Menschen stoße.

Ich habe mal in meiner geliebten "ZEIT" gegoogelt. 1990 gab es dort nur einmal den Begriff. 1991 hat die Zahl der Erwähnungen schon zugenommen. Dabei bin ich auf einen sehr interessanten Artikel vom 04.10.1990 gestossen.

"Wer glaubt, nur die Deutschen im Osten hätten etwas zu lernen, der irrt sich. Auch die Westdeutschen müssen sich ändern! Nur wenn wir von beiden Seiten aufeinander zugehen, werden wir seelisch „ein Volk“ sein, wie das 1989 die Demonstranten in Leipzig gehofft und gerufen haben. Natürlich bleibt es wahr: Die Ostdeutschen haben sehr vieles zu lernen. Ihnen stehen noch viele schwierige Jahre bevor. Aber gerade deshalb darf niemand ihre Selbstachtung und ihren Stolz verletzen"

Das Gebot aus Artikel 1 des Grundgesetzes, die Würde des Menschen nicht anzutasten, gilt nicht nur für den Staat, es gilt für jedermann – auch für Presse und Fernsehen, auch für Politiker. Wenn jüngst die bedeutende Frankfurter Allgemeine Zeitung die Ostdeutschen ermahnte, sie sollten nicht die „Freiheiten vergessen und verdrängen, ... die sie unversehens gewonnen haben“, und ihnen „deutsche Weinerlichkeit“ attestierte, dann ist solche Überheblichkeit der Würde der Ostdeutschen nicht minder abträglich als einige Jahre früher der unerträgliche Satz in einem Papier über die sogenannte Streitkultur, nach dem „SED und SPD sich gegenseitig nicht in Frage stellen“."

Helmut Schmidt

http://www.zeit.de/1991/41/zur-lage-der-...komplettansicht

LG von der grenzgaengerin





@grenzgängerin

da kommen wir zum Thema zrück, der Begriff macht es nicht, sondern die Art des Umganges. Leider ist dies aufeinander zugehen nicht geschehen. ich persönlich habe 1989 eine Chance gesehen etwas zu ändern im Land, ohne eine "Angliederung" an die BRD. Wie gesagt ich habe die Zeit mit "gemischten" Gefühlen erlebt. Ich habe die Montagsdemos zuerst nicht verteufelt, bis der Ruf nach der D-Mark kam.
Nach der sog. Wende habe ich versucht meinen Frieden zu machen, nach dem Motto "sieh es sportlich, die anderen haben gewonnen" und lebe dein Leben. Heute gelingt mir das nicht mehr, ich sehe wie ständig die DDR "verteufelt" wird um von den eigenen Problemen abzulenken.
Ganz deutlich wird das vor Wahlen, wenn die Bilder der Demos in Leipzig wieder ausgegraben werden und kommentiert werden. man mache da mal ein Experiment, man nehme die Filme der Demos von "Stuttgart 21" und von 1989 in Leipzig und vertausche die Tonspur. Auf den Bildern die gleiche Gewalt und der Kommentar......
Das ist auch die Macht des "Wortes", hier kommt auch die "Sprache als Sackgasse", bloß daran stört sich offenbar keiner...

"Wem nutzt es?"


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#65

RE: Sackgassen-Sprache

in Themen vom Tage 16.04.2013 12:26
von Pit 59 | 10.125 Beiträge

ich persönlich habe 1989 eine Chance gesehen etwas zu ändern im Land, ohne eine "Angliederung" an die BRD. @ddr-Bürger

Na da muss ich mich aber fragen wo Du gelebt hast.1989 war alles aber auch alles (ausser den Grenzsicherungsanlagen) herunter gewirtschaftet bis zum geht nicht mehr,und nicht nur Betriebe oder Kombinate oder die Umwelt,Städte und Gemeinden sahen doch aus wie Sau.Und Bitte nicht von Ost-berlin reden,das war nicht die DDR.


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#66

RE: Sackgassen-Sprache

in Themen vom Tage 16.04.2013 12:43
von Rostocker | 7.716 Beiträge

Zitat von Pit 59 im Beitrag #65
ich persönlich habe 1989 eine Chance gesehen etwas zu ändern im Land, ohne eine "Angliederung" an die BRD. @ddr-Bürger

Na da muss ich mich aber fragen wo Du gelebt hast.1989 war alles aber auch alles (ausser den Grenzsicherungsanlagen) herunter gewirtschaftet bis zum geht nicht mehr,und nicht nur Betriebe oder Kombinate oder die Umwelt,Städte und Gemeinden sahen doch aus wie Sau.Und Bitte nicht von Ost-berlin reden,das war nicht die DDR.


So runter gewirtschaftet waren die Werften nun auch nicht.Auch nicht mein letzter Betrieb bei der Bahn--der war wohl eher 2004 --15 Jahre nach der Wende runtergewirtschaft worden,durch die sogenannte Bahnreform. Pit 59--man sollte nicht alles über einen Kamm scheren.


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#67

RE: Sackgassen-Sprache

in Themen vom Tage 16.04.2013 12:44
von Moskwitschka (gelöscht)
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Zitat von Pit 59 im Beitrag #65
ich persönlich habe 1989 eine Chance gesehen etwas zu ändern im Land, ohne eine "Angliederung" an die BRD. @ddr-Bürger

Na da muss ich mich aber fragen wo Du gelebt hast.1989 war alles aber auch alles (ausser den Grenzsicherungsanlagen) herunter gewirtschaftet bis zum geht nicht mehr,und nicht nur Betriebe oder Kombinate oder die Umwelt,Städte und Gemeinden sahen doch aus wie Sau.Und Bitte nicht von Ost-berlin reden,das war nicht die DDR.


Hallo Pit 59,

ich denke man kann die DDR nicht darauf reduzieren, dass alles "ausah wie Sau". Damit diskreditierst Du all die Menschen, die Tag für Tag fleißig gearbeitet haben, sich kreativ eingebracht haben, usw..

Und so wie ddr-bürger haben nicht wenige gedacht.

Ich finde die frage von ddr - bürger "Wem nutzt das", immer wieder die "Siegerjustiz" oder den "Unrechtstaat" ins Spiel zu bringen, viel spannender.

Es gibt mittlerweile einen neuen Begriff - den "Wutbürger". Der ist überall zu finden.

"Wie wurden die Stuttgarter nochmal von ihren ersten Demonstrationen an gescholten und geschimpft? Wutbürger? Nun, ganz so hirnverbrannt wütend und zukunftsvergessen wie immer behauptet, waren sie offenkundig nicht. Von jetzt an ist es aktenkundig: Sie haben berechtigte Sorgen vertreten."

"Wutbürger? Von wegen! Unser Land braucht nicht weniger Proteste, es braucht mehr davon. Nur durch permanente Kritik bleibt die Demokratie lebendig."

http://www.zeit.de/kultur/literatur/2013...buerger-protest

LG von der grenzgaengerin


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#68

RE: Sackgassen-Sprache

in Themen vom Tage 16.04.2013 12:44
von schnatterinchen (gelöscht)
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Zitat:
@grenzgängerin

da kommen wir zum Thema zrück, der Begriff macht es nicht, sondern die Art des Umganges. Leider ist dies aufeinander zugehen nicht geschehen. ich persönlich habe 1989 eine Chance gesehen etwas zu ändern im Land, ohne eine "Angliederung" an die BRD. Wie gesagt ich habe die Zeit mit "gemischten" Gefühlen erlebt. Ich habe die Montagsdemos zuerst nicht verteufelt, bis der Ruf nach der D-Mark kam.
Nach der sog. Wende habe ich versucht meinen Frieden zu machen, nach dem Motto "sieh es sportlich, die anderen haben gewonnen" und lebe dein Leben. Heute gelingt mir das nicht mehr, ich sehe wie ständig die DDR "verteufelt" wird um von den eigenen Problemen abzulenken.
Ganz deutlich wird das vor Wahlen, wenn die Bilder der Demos in Leipzig wieder ausgegraben werden und kommentiert werden. man mache da mal ein Experiment, man nehme die Filme der Demos von "Stuttgart 21" und von 1989 in Leipzig und vertausche die Tonspur. Auf den Bildern die gleiche Gewalt und der Kommentar......
Das ist auch die Macht des "Wortes", hier kommt auch die "Sprache als Sackgasse", bloß daran stört sich offenbar keiner...
"Wem nutzt es?"Zitat:Ende


Das hab ich nie "sportlich" gesehen.Die "anderen" haben nicht "gewonnen" weil ihr System so gut war , sondern "wir" haben verloren weil unser System so schlecht war.
Agonie wohin das Auge blickte.Ich möchte garnicht wissen wie sich eine noch existente DDR gegenüber einer entfesselten Globalisierung behauptet hätte.
Ich saß damals schon im Westen vor dem Fernseher und war richtig erstaunt und auch stolz über die plötzlich mündigen und munteren Demonstranten in Berlin und Leipzig, Erfurt und Karl-Marx -Stadt.
Das hat sich dann doch recht schnell gelegt als die neuen Rufe kamen mit D-Mark und ".......ein Volk."Da hatten sich Leute vor die Kameras gedrängelt , da war schon fremdschämen angesagt.
"Wir sind das Volk " gefiel mir besser.
Jedes Volk hat die Regierung die es verdient! Und umgekehrt!


Rainman2 hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 16.04.2013 12:47 | nach oben springen

#69

RE: Sackgassen-Sprache

in Themen vom Tage 16.04.2013 13:38
von Jobnomade | 1.380 Beiträge

Na gut, ich spring noch mal über das hingehaltene Stöckchen, @Hackel39 und @ddr-bürger:

jetzt schlagen wir den Bogen von der DDR-Grenzsicherung zu Loveparade und irgendwie... vergleichen wir Äpfel mit Birnen.
Zur Loveparade muss ich nicht hingehen, also begebe ich mich auch nicht in Gefahr dort zu Schaden zu kommen.
Mit dem Einberufungsbefehl zu den Grenztruppen verhielt es sich ein wenig anders, zur Erinnerung:
Ich hatte die Alternative, Bausoldat zu werden - mit einer wasserdichten, glaubhaften Begründung. Und handfesten beruflichen Nachteilen, anschliessend.

Klar, das kann man mir heute vorwerfen, dass ich diesen Weg nicht gegangen bin. Das "Restrisiko", auf einen Grenzverletzter schiessen zu müssen, habe ich mit mir mitgetragen.
Damals war ich auch eher bereit, dies zu tun - heute denke ich anders darüber.
Und eine "besssere DDR" als Alternative zur schnellen Vereinigung mit der BRD hätte ich mir damals auch gewünscht. Dass ich nichts vorher (vor 89) dafür getan habe, um dahin zu kommen, brauche ich mir auch nicht vorzuwerfen.
Zu wenig, vielleicht.
Nachher weiss man's immer besser, klar.
Jedenfalls bemühe ich mich nach Kräften, wenigstens eine humane, menschliche Gesellschaft im gesamten Deutschland mit hinzubekommen.
Mit Erhalt der bürgerlichen Rechte und Freiheiten, die wir errungen haben.
Das scheint mir sinnvoller, als verlorenen Illusionen nachzutrauern.


Gruss Hartmut


u3644_Jobnomade.html
zuletzt bearbeitet 16.04.2013 14:09 | nach oben springen

#70

RE: Sackgassen-Sprache

in Themen vom Tage 16.04.2013 15:03
von Polter (gelöscht)
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Noch mal zur Sackgassen - Sprache.
Egal wie lang die Sackgasse ist, wenn man raus will, dann muß man umkehren. Ich geb zu, daß meine oben angeführten Begriffe/Wörter provokant waren. Sie sind als geschichtliche Begriffe/Wörter zu werten. Und hier bin ich beim " Manifest der Kommunistischen Partei "
Friedrich Engels ( Vorwort zur vierten deutschen Ausgabe von 1890 ) schrieb: .....Sozialismus bedeutete 1847 eine Bourgeoisbewegung, Kommunismus eine Arbeiterbewegung. Der Sozialismus war,.....,salonfähig, der Kommunismus war das gerade Gegenteil. ....
Soweit so gut. In Beitrag 25 gewünschte Präzisierungen zu meinen willkürlichen Begriffen werde ich nicht vornehmen. Dann könnte ich für die heutigen linken Intellektuellen gleich das Wahlkampfprogramm 2013 schreiben.
Aber und da bin ich froh, daß sich auch andere Leute Sorgen um die deutsche Sprache machen und die Manipulationen mit dieser Sprache
anprangern. http://vorort.bund.net/suedlicher-oberrh...da-sprache.html schöner Klick


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#71

RE: Sackgassen-Sprache

in Themen vom Tage 16.04.2013 15:13
von ddr-bürger (gelöscht)
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Zitat von schnatterinchen im Beitrag #68
Zitat:
@grenzgängerin

da kommen wir zum Thema zrück, der Begriff macht es nicht, sondern die Art des Umganges. Leider ist dies aufeinander zugehen nicht geschehen. ich persönlich habe 1989 eine Chance gesehen etwas zu ändern im Land, ohne eine "Angliederung" an die BRD. Wie gesagt ich habe die Zeit mit "gemischten" Gefühlen erlebt. Ich habe die Montagsdemos zuerst nicht verteufelt, bis der Ruf nach der D-Mark kam.
Nach der sog. Wende habe ich versucht meinen Frieden zu machen, nach dem Motto "sieh es sportlich, die anderen haben gewonnen" und lebe dein Leben. Heute gelingt mir das nicht mehr, ich sehe wie ständig die DDR "verteufelt" wird um von den eigenen Problemen abzulenken.
Ganz deutlich wird das vor Wahlen, wenn die Bilder der Demos in Leipzig wieder ausgegraben werden und kommentiert werden. man mache da mal ein Experiment, man nehme die Filme der Demos von "Stuttgart 21" und von 1989 in Leipzig und vertausche die Tonspur. Auf den Bildern die gleiche Gewalt und der Kommentar......
Das ist auch die Macht des "Wortes", hier kommt auch die "Sprache als Sackgasse", bloß daran stört sich offenbar keiner...
"Wem nutzt es?"Zitat:Ende


Das hab ich nie "sportlich" gesehen.Die "anderen" haben nicht "gewonnen" weil ihr System so gut war , sondern "wir" haben verloren weil unser System so schlecht war.
Agonie wohin das Auge blickte.Ich möchte garnicht wissen wie sich eine noch existente DDR gegenüber einer entfesselten Globalisierung behauptet hätte.
Ich saß damals schon im Westen vor dem Fernseher und war richtig erstaunt und auch stolz über die plötzlich mündigen und munteren Demonstranten in Berlin und Leipzig, Erfurt und Karl-Marx -Stadt.
Das hat sich dann doch recht schnell gelegt als die neuen Rufe kamen mit D-Mark und ".......ein Volk."Da hatten sich Leute vor die Kameras gedrängelt , da war schon fremdschämen angesagt.
"Wir sind das Volk " gefiel mir besser.
Jedes Volk hat die Regierung die es verdient! Und umgekehrt!



@schnatterinchen

es ist mir fast peinlich , leider muss ich Dir bei dem grün markierten Recht geben....

Ja wir haben selber viel verbockt, und mit der Globalisierung als verschärfenden Faktor, das ist wirklich eine gute Frage. Wie auch immer, ich will mich nicht vor diesen Gedanken drücken, mir ging es um die "Sprache als Sackgasse" im Thema. Und ich denke Begriffe wie "Siegerjustiz" haben ihre Berechtigung, denn es beschreibt (bin mal vorsichtig) einen gefühlten Zustand. Über die objektivität werden wir uns in dem Forum nie einig, siehe Themen wie "Unrechtsstaat".


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#72

RE: Sackgassen-Sprache

in Themen vom Tage 16.04.2013 15:24
von ddr-bürger (gelöscht)
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Ein Begriff aus dem Wortschatz der BRD:

"soziale Marktwirtschaft"

oder aus der bürgerlichen Ideologie:

"der dritte Weg"

Diese Begriffe waren eine "Sackgasse", genutzt um ein Illusionen zu erzeugen.

Die Sprache wird doch immer gezielt eingesetzt, egal von welchem System. Auch wir haben solch "Sprachleichen", wie "feindlich negative Kräfte". Eine herrliche Doppellung und konnte auf alles angewendet werden. Oder man mußte nur in einem Parteilehrjahr sagen: "wie Lenin schon in seinem Werk schrieb.....", keiner fragte wo und in welchem Werk, man hätte sich eine Blöße gegeben und was Lenin sagte war immer richtig...., egal ob man es versteht oder nicht....

Nur man kann nicht erwarten, Friede, Freude, Eierkuchen wenn wir die "bösen" Worte vermeiden und heile Welt spielen , das wir uns hier besser verstehen. Uns trennen andere Dinge als die Sprache - oft eine Weltanschauung.


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#73

RE: Sackgassen-Sprache

in Themen vom Tage 16.04.2013 16:03
von Moskwitschka (gelöscht)
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Ein Wort, das mich gerade eben sprachlos gemacht hat:

VERSCHMUTZUNGSRECHTE.

Zynischer geht es doch wohl kaum noch.

"EU-Abgeordnete wollen Verschmutzungsrechte nicht verteuern"

http://aktuell.evangelisch.de/artikel/81...nicht-verteuern

"Die Verschmutzungsrechte sind derzeit billig zu haben, weil die Industrie in der Wirtschaftskrise die Produktion gedrosselt hatte."

Man stolpert von einer Sackgasse in die nächste...

LG von der grenzgangerin


zuletzt bearbeitet 16.04.2013 16:08 | nach oben springen

#74

RE: Sackgassen-Sprache

in Themen vom Tage 16.04.2013 17:33
von Hackel39 | 3.123 Beiträge

Zitat von Jobnomade im Beitrag #69
Na gut, ich spring noch mal über das hingehaltene Stöckchen, @Hackel39 und @ddr-bürger:

jetzt schlagen wir den Bogen von der DDR-Grenzsicherung zu Loveparade und irgendwie... vergleichen wir Äpfel mit Birnen.
Zur Loveparade muss ich nicht hingehen, also begebe ich mich auch nicht in Gefahr dort zu Schaden zu kommen.
Mit dem Einberufungsbefehl zu den Grenztruppen verhielt es sich ein wenig anders, zur Erinnerung:
Ich hatte die Alternative, Bausoldat zu werden - mit einer wasserdichten, glaubhaften Begründung. Und handfesten beruflichen Nachteilen, anschliessend.

Klar, das kann man mir heute vorwerfen, dass ich diesen Weg nicht gegangen bin. Das "Restrisiko", auf einen Grenzverletzter schiessen zu müssen, habe ich mit mir mitgetragen.
Damals war ich auch eher bereit, dies zu tun - heute denke ich anders darüber.
Und eine "besssere DDR" als Alternative zur schnellen Vereinigung mit der BRD hätte ich mir damals auch gewünscht. Dass ich nichts vorher (vor 89) dafür getan habe, um dahin zu kommen, brauche ich mir auch nicht vorzuwerfen.
Zu wenig, vielleicht.
Nachher weiss man's immer besser, klar.
Jedenfalls bemühe ich mich nach Kräften, wenigstens eine humane, menschliche Gesellschaft im gesamten Deutschland mit hinzubekommen.
Mit Erhalt der bürgerlichen Rechte und Freiheiten, die wir errungen haben.
Das scheint mir sinnvoller, als verlorenen Illusionen nachzutrauern.


Gruss Hartmut



Im Prinzip hast Du recht Hartmut, beim permanenten Blick in den Rückspiegel knallt man irgendwann vielleicht mal jemanden hinten drauf in der Kolonne.
Warum sollte ich mich für die Abgehängten noch interessieren, die schon in der DDR dagegen gewettert haben, daß es einen "exquisit- Laden" gab mit unerschwinglichen Produkten und heute auch bloß lamentieren, daß es alles zu kaufen gibt, man selbst aber kein Geld hat ?
Mein nächster nicht erfüllbare Wunsch würde ca. 300 Mio, kosten alles andere könnte ich mir leisten ohne auch nur annähernd so viel Geld zu besitzen.
Inzwischen bin ich ein zu 100% durchökonomisierter Privateisenbahner, der sein Glück so definiert wie ein Galeerensklave der am Ende eines anstrengenden Rudernachmittags froh darüber ist, nicht von seinem Aufseher verprügelt worden zu sein.
Man muß die Hürde einfach nur niedrig genug legen, um den Hopser darüber dann zur Heldentat deklarieren, einfach als Emil Pelle weitermachen, dann geht's auch.
http://derpostmann.blogspot.de/2012/07/e...emil-pelle.html
Gar kein so schlechter Tipp von Herrn Weinert, vor allem weil man nirgends aneckt.



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#75

RE: Sackgassen-Sprache

in Themen vom Tage 16.04.2013 17:50
von Hackel39 | 3.123 Beiträge

Zitat von grenzgaengerin im Beitrag #73
Ein Wort, das mich gerade eben sprachlos gemacht hat:

VERSCHMUTZUNGSRECHTE.

Zynischer geht es doch wohl kaum noch.

"EU-Abgeordnete wollen Verschmutzungsrechte nicht verteuern"

http://aktuell.evangelisch.de/artikel/81...nicht-verteuern

"Die Verschmutzungsrechte sind derzeit billig zu haben, weil die Industrie in der Wirtschaftskrise die Produktion gedrosselt hatte."

Man stolpert von einer Sackgasse in die nächste...

LG von der grenzgangerin



Es ist moderner Ablaßhandel wie ihn Martin Luther schon vor 500 Jahren angeprangert hat, wenn auch in anderen Zusammenhängen.
Leider gibt es solche Rebellen nicht mehr, die heute notfalls sogar ihre Partei verlassen würden, wenn sie ihnen zu eng geworden ist.
In diesem Falle sind diese Begriffe von der Sache her suboptimal, das Ansinnen dahinter aber eigentlich keine so schlechte Idee, wenngleich hier das teilweise unwissende Volk für dumm verkauft wird.
So z.B. behauptet die DB, ihren Fernverkehr mit 100% grünen Strom zu absolvieren, läßt aber um der Ökonomie willen weiterhin Altbauloks auf die Strecke, die keine Energierückspeisung (Bremsvorgang) in die Oberleitung ermöglichen obwohl die (teure) Technik dafür vorhanden ist, außerdem sind diese hohen Geschwindigkeiten eher schädlich auf unseren Mischtrassen, da langsamere Züge dauernd überholt werden und neu anfahren müssen, mithin eine desolate Gesamtbilanz.
Isoliert vom Zusammenhang klingt es aber erst mal ganz gut.
Die DB Netz läßt bauliche Zustände unverändert, die seit Jahrzehnten den Energieverbrauch erhöhen zu, weil sich diese Bauzustände nicht populistisch verwerten lassen (z.B. höhengleiche Übergänge für Reisende, die Zugfahrten der Gegenrichtung aufhalten, anstatt eine Über/ Unterführung zu bauen).
Publicity ist alles und kaum jemand hinterfragt es, da ist noch viel zu tun.



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#76

RE: Sackgassen-Sprache

in Themen vom Tage 16.04.2013 18:10
von Moskwitschka (gelöscht)
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Zitat von ddr-bürger im Beitrag #71


Und ich denke Begriffe wie "Siegerjustiz" haben ihre Berechtigung, denn es beschreibt (bin mal vorsichtig) einen gefühlten Zustand.




Da es in diesem thread um Sackgassen in der Sprache geht, so verstehe ich das zumindest, und ich mir wahrlich Mühe gebe, dem auslösenden Wort "Siegerjustiz" auf die Spur zu kommen, versuche ich es einmal anders rum.

"Siegerjustiz" ist mir historisch immer im Zusammenhang mit den Nürnberger Prozessen unter gekommen, also mit Kreigsverbrechen des 2. Weltkrieges.

Die naive grenzgaengerin fragte sich nun: Gab es auch eine Verliererjustiz? Könnte ja sein, wenn man bedenkt, wieviele Richter mit NSDAP - Hintergrund mit Persilschein in der BRD nach 1945 Recht gesprochen haben. (Wie es in der DDR war, sollte an dieser Stelle mal ausgelassen werden.)

Und bingo: es gab diesen Begriff "Verliererjustiz". Aber in einem ganz anderen Zusammenhang: dabei geht es um die im 1. Weltkrieg begangenen Kriegsverbrechen.

http://www.sehepunkte.de/2007/12/11965.html

Jetzt denkt die naive grenzgaengerin weiter. Wenn es sowohl bei der Siegerjustiz und bei der Verliererjustiz um Kriegsverbrechen ging, war die DDR auch ein Kriegsverbrechen? Ich weiss eine sehr provokante Frage.

Wenn ja, dann sollte man sich mal die Frage stellen von wem.

Und bevor hier alle auf mich eindreschen. Ich kenne keinen DDR - Bürger, den ich als Kriegsverbrecher sehe oder bezeichnen würde. Daher hat der Begriff "Siegerjustiz" für mich auch keine "gefühlte" Berechtigung, egal von welcher Seite er ins Blickfeld geschoben wird.

Daher komme ich auf die Frage zurück, wer prägt bestimmt Begriffe im Zusammenhang mit der DDR und wiederholt sie ständig. Und vor allem mit welchem Ziel?

LG von der grenzgaengerin


Hier mal 100 Jahre deutsche Geschichte im Schnelldurchlauf:

http://www.zeit.de/1990/47/von-deutscher...komplettansicht

http://www.zeit.de/1991/37/zweierlei-deu...komplettansicht


zuletzt bearbeitet 16.04.2013 18:18 | nach oben springen

#77

RE: Sackgassen-Sprache

in Themen vom Tage 16.04.2013 19:18
von 94 | 10.792 Beiträge

Ich hätte nie gedacht, das ich diesen Spruch (#10) mal andersrum gebrauchen kann, hier wäre er dann ...

Wer den Begriff Siegerjustiz nutzt, sollte auch mit dem Begriff Unrechtsstaat kein Problem haben?


Verachte den Krieg, aber achte den Krieger!


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#78

RE: Sackgassen-Sprache

in Themen vom Tage 16.04.2013 19:38
von Gelöschtes Mitglied
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Mir geht es auch um die Sprache - und damit um die Gefühle, die sie (gesteurt oder ungesteuert) transportieren. Und ganz besonders nervt mich der Begriff der "Siegerjustiz", den ich in diesem sowie verschiedenen anderen Beiträgen mehrfach lesen musste und der mir auch im allgemeinen Sprachgebrauch schon öfter sauer aufgestoßen ist: Da wird das Bild des armen, geknechteten DDR-Bürgers suggeriert, der vom "Sieger" dessen System aufoktoyiert bekam, ohne auch nur die Chance zur Gegenwehr zu haben: auf dem Boden liegend, hilf- und wehrlos.

Wollen wir doch die Fakten nicht ganz verschweigen: Es ging nie, konnte aus bundesrepublikanischr Sicht nie darum gehen, aus der alten BRD und der alten DDR einen völlig neuen Staat zu schmieden. Dafür wäre die Abschaffung des Grundgesetzes nötig gewesen und dafür hätte es nie und nimmer eine Mehrheit gegeben - weder als Volksentscheid noch durch Bundesrat und Bundestag. Allerdings war die Regierung der BRD gem. Artikel 23 GG verpflichtet, dem Beitragsantrag anderer Länder zuzustimmen.

Die BRD hatte somit absolut keine andere Wahl: Wenn ein beitritswilliges Land (gemeint sind die 5 "neuen" Länder) den Beitritt wünschte (und damit dann auch automatisch das Grundgesetz und alle anderen, direkt oder indirekt darauf basienden, jedenfalls aber mindestens mit diesem GG übereinstimmenden Gesetze und Ausführungsbestimmungen akzeptierte), dann konnte dieser Wunsch nicht abgelehnt werden.

Ganz anders die ehemalige DDR: Dort bestand sehr wohl die Möglichkeit, eigenständig zu bleiben. Warum es nicht dazu kam, ist juristisch unerheblich. Es war somit der freie Beschluss der frei gewählten Volksvertreter, sich der BRD anzuschließen - und damit auch die dort herrschenden Gesetze zu akztepieren. Es gab somit weder "Sieger" noch "Besiegte", jedenfalls nicht im juristischen Sinne des Wortes. Und somit ist auch der Begriff "Siegerjustiz" völlig fehl am Platz.

Ich will überhaupt nicht in Abrede stellen, dass sich viele DDR-Bürger das Leben in der Bundesrepublik ganz anders vorgestellt haben. Und ich hege einen tiefen Respekt vor denen, die sich in einer ungeheuer kurzen Zeit komplett umgestellt und in dem neuen System nicht nur Risiken, sondern auch Chancen gesehen - und diese genutzt haben. Aber ich habe sehr oft - angefangen in der Schlange beim Bäcker uns sonstewo aufgehört - den Satz gehört, dass "Früher, als wir noch DDR waren" alles besser war. Vielfach hatte und habe ich den Eindruck, dass man z.B. die bisherige Arbeitsmoral beibehalten, dies aber in DM bezahlt bekommen wollte. Nur eines von vielen Beispielen, die ich in der unmittelbaren Nachwendezeit erlebt habe: Zwei völlig verdatterten Ost-Bürgern, die in Köln eine neue Arbeit gefunden hatten, musste klargemacht werden, dass ein Sonderangebot Orangen bei Aldi kein Grund dafür war, den Arbeitsplatz vorübergehend zu verlassen.l Nur leider ging das nicht, es gab ein "entweder/oder" und kein "sowohl als auch". Und nochmals: Das war keine Entscheidung des Westens, die hatten gar keine andere Wahl.

Nebenbei bemerkt ist auch das Saarland erst 1957 der Bundesrepublik beigetreten. Ich hatte dort Verwandte und von denen habe ich vergleichbare Begriffe nie gehört. Aber wenn wir schon beim Thema "Sprache" und der auch hier öfter erwähnten, gefühlten Geringschätzung der "alten" gegenüber den "neuen" Bürgern sind: Dann stellt sich für mich auch die Frage, welche Ursachen wohl Begriffe wie "Ostalgie" oder "Jammer-Ossis" haben. Nach dem Lesen des einen oder anderen Beitrags hier kann ich das durchaus verstehen.


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#79

RE: Sackgassen-Sprache

in Themen vom Tage 16.04.2013 19:58
von DoreHolm | 7.677 Beiträge

Zitat von Dandelion im Beitrag #78
Mir geht es auch um die Sprache - und damit um die Gefühle, die sie (gesteurt oder ungesteuert) transportieren. Und ganz besonders nervt mich der Begriff der "Siegerjustiz", den ich in diesem sowie verschiedenen anderen Beiträgen mehrfach lesen musste und der mir auch im allgemeinen Sprachgebrauch schon öfter sauer aufgestoßen ist: Da wird das Bild des armen, geknechteten DDR-Bürgers suggeriert, der vom "Sieger" dessen System aufoktoyiert bekam, ohne auch nur die Chance zur Gegenwehr zu haben: auf dem Boden liegend, hilf- und wehrlos.

Wollen wir doch die Fakten nicht ganz verschweigen: Es ging nie, konnte aus bundesrepublikanischr Sicht nie darum gehen, aus der alten BRD und der alten DDR einen völlig neuen Staat zu schmieden. Dafür wäre die Abschaffung des Grundgesetzes nötig gewesen und dafür hätte es nie und nimmer eine Mehrheit gegeben - weder als Volksentscheid noch durch Bundesrat und Bundestag. Allerdings war die Regierung der BRD gem. Artikel 23 GG verpflichtet, dem Beitragsantrag anderer Länder zuzustimmen.

Die BRD hatte somit absolut keine andere Wahl: Wenn ein beitritswilliges Land (gemeint sind die 5 "neuen" Länder) den Beitritt wünschte (und damit dann auch automatisch das Grundgesetz und alle anderen, direkt oder indirekt darauf basienden, jedenfalls aber mindestens mit diesem GG übereinstimmenden Gesetze und Ausführungsbestimmungen akzeptierte), dann konnte dieser Wunsch nicht abgelehnt werden.

Ganz anders die ehemalige DDR: Dort bestand sehr wohl die Möglichkeit, eigenständig zu bleiben. Warum es nicht dazu kam, ist juristisch unerheblich. Es war somit der freie Beschluss der frei gewählten Volksvertreter, sich der BRD anzuschließen - und damit auch die dort herrschenden Gesetze zu akztepieren. Es gab somit weder "Sieger" noch "Besiegte", jedenfalls nicht im juristischen Sinne des Wortes. Und somit ist auch der Begriff "Siegerjustiz" völlig fehl am Platz.

Ich will überhaupt nicht in Abrede stellen, dass sich viele DDR-Bürger das Leben in der Bundesrepublik ganz anders vorgestellt haben. Und ich hege einen tiefen Respekt vor denen, die sich in einer ungeheuer kurzen Zeit komplett umgestellt und in dem neuen System nicht nur Risiken, sondern auch Chancen gesehen - und diese genutzt haben. Aber ich habe sehr oft - angefangen in der Schlange beim Bäcker uns sonstewo aufgehört - den Satz gehört, dass "Früher, als wir noch DDR waren" alles besser war. Vielfach hatte und habe ich den Eindruck, dass man z.B. die bisherige Arbeitsmoral beibehalten, dies aber in DM bezahlt bekommen wollte. Nur eines von vielen Beispielen, die ich in der unmittelbaren Nachwendezeit erlebt habe: Zwei völlig verdatterten Ost-Bürgern, die in Köln eine neue Arbeit gefunden hatten, musste klargemacht werden, dass ein Sonderangebot Orangen bei Aldi kein Grund dafür war, den Arbeitsplatz vorübergehend zu verlassen.l Nur leider ging das nicht, es gab ein "entweder/oder" und kein "sowohl als auch". Und nochmals: Das war keine Entscheidung des Westens, die hatten gar keine andere Wahl.

Nebenbei bemerkt ist auch das Saarland erst 1957 der Bundesrepublik beigetreten. Ich hatte dort Verwandte und von denen habe ich vergleichbare Begriffe nie gehört. Aber wenn wir schon beim Thema "Sprache" und der auch hier öfter erwähnten, gefühlten Geringschätzung der "alten" gegenüber den "neuen" Bürgern sind: Dann stellt sich für mich auch die Frage, welche Ursachen wohl Begriffe wie "Ostalgie" oder "Jammer-Ossis" haben. Nach dem Lesen des einen oder anderen Beitrags hier kann ich das durchaus verstehen.



Grün: Gut, dann wäre aber die Konsequenz gewesen, wie wohl auch bei vergleichbaren Vorgängen anderswo in der Welt, mit einem bestimmten Stichtag wie z.B. 3.Oktober 1990, einen Strich zu ziehen und zu sagen: So, das war´s, was bisher war ist Vergangenheit und wird nicht juristisch vorgekramt, auch wenn das etliche Leute als verdammt ungerecht empfunden hätten.

Rot: Da gebe ich Dir so ziemlich uneingeschränkt recht. Das war schon damals so ein geflügeltes Wort: Arbeiten wie im Osten, verdienen und konsumieren wie im Westen. Ich muß für mich persönlich sagen, daß mir die Umstellung von einem weitestgehend ruhigem Bürojob (abgesehen von Stoßzeiten Anfang und Ende des Monats) auf engagiertes Servicetechniker-Dasein im Außendienst ohne geregelten Feierabend und ohne Überstundenbezahlung absolut kein Problem bereitet hat. Anderen schon, die vorher 130% Normerfüllung hatten bei ca. gut 5 Stunden Arbeitszeitauslastung. Vielleicht lag es auch nur daran, daß mir dieser "Problemlöserjob", unterwegs zu sein und ständig andere Menschen mit anderen technischen Problemen kennenzulernen, einfach Spaß gemacht hat.



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#80

RE: Sackgassen-Sprache

in Themen vom Tage 16.04.2013 20:08
von Jobnomade | 1.380 Beiträge

Zitat von Hackel39 im Beitrag #74
Zitat von Jobnomade im Beitrag #69
Na gut, ich spring noch mal über das hingehaltene Stöckchen, @Hackel39 und @ddr-bürger:

jetzt schlagen wir den Bogen von der DDR-Grenzsicherung zu Loveparade und irgendwie... vergleichen wir Äpfel mit Birnen.
Zur Loveparade muss ich nicht hingehen, also begebe ich mich auch nicht in Gefahr dort zu Schaden zu kommen.
Mit dem Einberufungsbefehl zu den Grenztruppen verhielt es sich ein wenig anders, zur Erinnerung:
Ich hatte die Alternative, Bausoldat zu werden - mit einer wasserdichten, glaubhaften Begründung. Und handfesten beruflichen Nachteilen, anschliessend.

Klar, das kann man mir heute vorwerfen, dass ich diesen Weg nicht gegangen bin. Das "Restrisiko", auf einen Grenzverletzter schiessen zu müssen, habe ich mit mir mitgetragen.
Damals war ich auch eher bereit, dies zu tun - heute denke ich anders darüber.
Und eine "besssere DDR" als Alternative zur schnellen Vereinigung mit der BRD hätte ich mir damals auch gewünscht. Dass ich nichts vorher (vor 89) dafür getan habe, um dahin zu kommen, brauche ich mir auch nicht vorzuwerfen.
Zu wenig, vielleicht.
Nachher weiss man's immer besser, klar.
Jedenfalls bemühe ich mich nach Kräften, wenigstens eine humane, menschliche Gesellschaft im gesamten Deutschland mit hinzubekommen.
Mit Erhalt der bürgerlichen Rechte und Freiheiten, die wir errungen haben.
Das scheint mir sinnvoller, als verlorenen Illusionen nachzutrauern.


Gruss Hartmut



Im Prinzip hast Du recht Hartmut, beim permanenten Blick in den Rückspiegel knallt man irgendwann vielleicht mal jemanden hinten drauf in der Kolonne.
Warum sollte ich mich für die Abgehängten noch interessieren, die schon in der DDR dagegen gewettert haben, daß es einen "exquisit- Laden" gab mit unerschwinglichen Produkten und heute auch bloß lamentieren, daß es alles zu kaufen gibt, man selbst aber kein Geld hat ?
Mein nächster nicht erfüllbare Wunsch würde ca. 300 Mio, kosten alles andere könnte ich mir leisten ohne auch nur annähernd so viel Geld zu besitzen.
Inzwischen bin ich ein zu 100% durchökonomisierter Privateisenbahner, der sein Glück so definiert wie ein Galeerensklave der am Ende eines anstrengenden Rudernachmittags froh darüber ist, nicht von seinem Aufseher verprügelt worden zu sein.
Man muß die Hürde einfach nur niedrig genug legen, um den Hopser darüber dann zur Heldentat deklarieren, einfach als Emil Pelle weitermachen, dann geht's auch.
http://derpostmann.blogspot.de/2012/07/e...emil-pelle.html
Gar kein so schlechter Tipp von Herrn Weinert, vor allem weil man nirgends aneckt.


Hallo Hackel39,

ja, das Gedicht vom Postbeamten Pelle - das kenn ich noch aus der Schule (sogar noch fast auswendig). Ich überlege gerade, ob ich mich mit dem vergleichen kann... Ein bisschen, vielleicht ?
Hattest Du nicht mal in einer anderen Diskussion geschrieben, dass Du Dich eher mit dem Löwenzahn als dem Spargel vergleichst (demzufolge auch mit kargen Böden zurechtkommst) ? Dann hast Du doch auch was von der Genügsamkeit des Pelle in Dir ?
Freilich, leider nicht so einen geregelten Feierabend wie der Pelle - ich würde es Dir von Herzen gönnen.
Du hast mich neugierig gemacht: 300 Mio sind eine Menge - was hast Du denn für einen Wunsch ?

Gruss Hartmut
(ich hätte für mich erstmal keine Idee, was ich mit 300 Mio mache - daher meine Neugier)


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