#161

RE: freigekauft aus der DDR

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 23.11.2013 14:51
von Vogtländer (gelöscht)
avatar


Das Wochenende kann so lustig sein!


zuletzt bearbeitet 23.11.2013 14:52 | nach oben springen

#162

RE: freigekauft aus der DDR

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 23.11.2013 15:34
von Gert | 12.356 Beiträge

Zitat von grenzgaengerin im Beitrag #103
Zitat von schnatterinchen im Beitrag #99
"Verfehlte bundesdeutsche Ostpolitik in den 50er Jahren."
Na ich weiß nicht.


Das ist auch nicht schlimm, wenn man etwas nicht weiß, zumal vieles lange zurück liegt und man selbst noch garnicht geboren war. Es kann aber anregen sich auch mal mit der Geschichte der Bundesreublik auseinander zu setzen. Was wissen wir aus der Zeit und dem alles beherrschenden Adenauer - Wirtschaftswunder (übrigens auch nur ein Mythos) - Kriegsgefangene, die er aus der Sowjetunion zurück geholt hat - Kölner - und da hört es schon fast auf.

Ich kann mich noch gut an die 70-er erinern, als Willy Brandt einen Kurswechsel vornahm und ein großer Aufschrei durch die Bundesrepublik gegangen ist. In der DDR jedoch die Menschen nicht nur in Erfurt gejubelt und Hoffnung geschöpft haben.

Das ist jetzt verkürzt dargestellt. Aber vielleicht können unsere Alt - Bundis in ihren Eriinerungen kramen.

LG von der grenzgaengerin





Adenauer war zwar vor 1933 Bürgermeister in Köln, aber zu Hause war er in Röndorf bei Bonn, direkt am Rhein. Sein Haus ist heute Gedenkstätte und zu besichtigen. ( liegt sehr schön gelegen am Hang mit Blick auf den Fluss)
Das Wirtschaftswunder geht nicht so sehr auf das Konto Adenauer, er bekannte selbst, das er von Wirtschaft nicht so viel Ahnung hatte. Das hat sein Wirtschaftsminister Ehrhard gestemmt, ein wirklicher Fachmann. Adenauer war ein sehr selbstbewusster Mann nach dem Krieg, er hat den Besatzern ( Briten) manche Zugeständnisse abgerungen. Einmal habe sie ihn wg seiner Dreistigkeit sogar gefeuert um ihn kurz danach wieder einzustellen. Gestorben ist er so um 1967. Er bekam eine Trauerfeier im Kölner Dom, anschließend wurde sein Sarg auf dem Achterdeck eines Torpedobootes der Bundesmarine aufgebahrt und nach Röndorf zur Beerdigung transportiert. Er war so beliebt, dass rechts und links des Rheines bis Röndorf Hunderttausende von ihm Abschied nahmen. Ich habe es im Fernsehen verfolgt. Es war sehr bewegend, er hat viel für Deutschland getan. Allerdings hat er seine Abneigung gegen die "Soffjets" ( wie er immer sagte) frei herausgesagt. Dadurch war er natürlich bei der Gegenseite nicht sonderlich geschätzt. Er hat aber immerhin die letzten 10.000 Kriegsgefangenen aus der SU rausgeholt. Er wusste sicher um die gewachsene Machtposition der Bundesrepublik Mitte der 50er Jahre und hat sie entsprechend bei den Verhandlungen mit den Russen eingesetzt, mit Erfolg, wie man weiss. Die Ablösung durch die SPD geführte Regierung Ende der 60er war eine gute Entwicklung. Man hatte erkannt, das man mit dem "Phänomen"DDR sprechen musste, wenn man etwas aus der Spannung herausnehmen wollte. Das hat auch mir gut getan, denn ich konnte dann wieder ohne strafrechtliche Verfolgung nach Thüringen fahren. Die SPD hatte sich bei mir ein Wahlabo verdient.






.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
Geld ist geprägte Freiheit!
Dostojewski 1866
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
nach oben springen

#163

RE: freigekauft aus der DDR

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 23.11.2013 15:42
von Gert | 12.356 Beiträge

Rot: Ein Stück Humanität war sicher dabei. Es war ja nicht die alleinige Entscheidung eines Einzelnen, in einer parlametarischen Demokratie gibt es eiskalte Technokraten als auch menschlich Fühlende Mitentscheider. Wenn ich mir aber, nicht nur die deutsche Praxis, anschaue, nach welchen Kriterien Menschen, die in ein Land reinwollen, ausgesucht werden und wo sich engagiert und interveniert wird, im Ausland, meine ich doch, daß das politische Kalkül hier das größere Gewicht hatte. Um international die DDR als unmenschlich darstellen zu können, hat sich die alte BRD schon einiges kosten lassen.
[/quote]

Zitat




das ist ja nun das blödeste Argument, welches ich je über den Häftlingsfreikauf gelesen habe. Das sage mal einem dem das Herz vor Freude hüpfte, wenn er in der Haftanstalt erfuhr, dass er in den Westen reist. Der hätte dir ein Vögelchen gezeigt, @DoreHolm


.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
Geld ist geprägte Freiheit!
Dostojewski 1866
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
nach oben springen

#164

RE: freigekauft aus der DDR

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 23.11.2013 17:28
von DoreHolm | 7.703 Beiträge

Zitat von grenzgaengerin im Beitrag #159
@schnatterinchen

Ich schrieb schon mal, dass ich nicht mehr weiß, seit wann mir der Begriff "Freikauf" ins Bewußtsein drang. Aber wenn der Spiegel seit 1975 davon regelmäßig berichtete, dann kann man annehmen, dass auch andere Medien wie Rundfunk und Fernsehen darüber beichteten.

Peinlich war die Angelegenheit für beide deutsche Regierungen. Nach quälend langen Verhandlungen hatten Bonn und Ost-Berlin gerade ihr Verkehrsabkommen bis zur Unterschriftsreife ausgehandelt, und die sozialliberalen Meinungsmacher waren in Sorge, daß Bonn unter diesen Umständen in der Rolle eines allzu spendablen DDR-Gönners erscheinen könnte -- fast 700 Millionen Mark für Nutzung und Ausbau der Autobahnen nach West-Berlin.

Ernster zu nehmen war da schon der Einwand von Koalitionspolitikern, daß die Kinder-Affäre den notorisch empfindlichen Partner in Ost-Berlin über Gebühr irritieren und womöglich den diskreten Menschenhandel vorübergehend erschweren könnte; denn seit Jahren erkauft die Bundesrepublik in der DDR mißliebig gewordenen Bürgern die Fahrt in den Westen.


http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-41376612.html

Auf mich wirkte das damals wie ein Angriff auf die DDR. Erst recht, wenn Gerhard Löwenthal in diese Kerbe haute.

Und zumindest bei mir ist das nicht spurlos vorüber gegangen. Menschenhandel war und ist für mich inhuman. Besonders in einer zivilisierten Gesellschaft - egal aus welchen Gründen, egal wer der Geldgeber oder Geldempfänger war. Ich zweifelte da nicht nur an der DDR, sondern auch an der Bundesrepublik.

Daher war mein Ziel nie die Bundesrepublik - sondern Australien. Nicht zuletzt, weil ich zweimal täglich an der australischen Botschaft vorbei fuhr. So hatte jeder seine Träume.

LG von der grenzgaengerin




Grün: Du erinnerst mich an alte Träume. Ob Du oder andere hier es glauben oder nicht, als 17-jähriger hatte ich auch geträumt, nach Australen auszuwandern. Diese Vorliebe, die abgelegendsten Ecken der Welt zu besuchen, ist bis heute geblieben.



nach oben springen

#165

RE: freigekauft aus der DDR

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 23.11.2013 17:32
von DoreHolm | 7.703 Beiträge

Zitat von Kimble im Beitrag #160
Zitat von DoreHolm im Beitrag #154

.....................Um international die DDR als unmenschlich darstellen zu können, hat sich die alte BRD schon einiges kosten lassen.



Wenn du so etwas zu DDR- Zeiten selber geglaubt hast, so ist das nicht schlimm. Der Satz hätte genau so im ND stehen können.
Heute, wo man es besser weiß, muß man solch durchsichtiger Propaganda aber nicht mehr auf den Leim gehen.

Speziell bei den Freigekauften war das Kosten/ Nutzen Verhältnis in Mark und Pfennige bestimmt nicht besonders
günstig für die BRD, so von der kaufmännischen Seite mal betrachtet.
Menschlich gesehen war es aber eine Großherzigkeit, dafür Mittel aus dem Steuerhaushalt zur Verfügung zu stellen.



Ich glaube, Du hast meine Aussage n icht verstanden. Da wurde nicht nach Kosten/Nutzen nach kaufmännischer Seite gerechnet (außer bei Spitzenwissenschaftlern und einer Reihe Akademiker, für die man sich dann die Ausbildung sparte). Politischer Nutzen läßt sich nicht in Mark berechnen.
Und was die Menschlichkeit betrifft, ich schrieb es oben schon, da war was mit dabei, aber nicht das Entscheidende. Wo entscheiden denn konservative Politiker heute vorrangig nach Menschlichkeit ?



zuletzt bearbeitet 23.11.2013 17:34 | nach oben springen

#166

RE: freigekauft aus der DDR

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 23.11.2013 17:39
von DoreHolm | 7.703 Beiträge

Zitat von Gert im Beitrag #163

Rot: Ein Stück Humanität war sicher dabei. Es war ja nicht die alleinige Entscheidung eines Einzelnen, in einer parlametarischen Demokratie gibt es eiskalte Technokraten als auch menschlich Fühlende Mitentscheider. Wenn ich mir aber, nicht nur die deutsche Praxis, anschaue, nach welchen Kriterien Menschen, die in ein Land reinwollen, ausgesucht werden und wo sich engagiert und interveniert wird, im Ausland, meine ich doch, daß das politische Kalkül hier das größere Gewicht hatte. Um international die DDR als unmenschlich darstellen zu können, hat sich die alte BRD schon einiges kosten lassen.

Zitat




das ist ja nun das blödeste Argument, welches ich je über den Häftlingsfreikauf gelesen habe. Das sage mal einem dem das Herz vor Freude hüpfte, wenn er in der Haftanstalt erfuhr, dass er in den Westen reist. Der hätte dir ein Vögelchen gezeigt, @DoreHolm[/quote]

Eigentlich sollte man annehmen, daß Du nach so vielen Jahren BRD keine Illusionen und Idealvorstellungen bezüglich der Denk- und Handlungsweisen von Politkern mehr hast. Klar war das dem Freigekauften sowas von egal, ebenso wie es mir damals völlig egal war, daß das Mietshaus, welches wir 1988 kauften, bis dahin einem Ausreiseantragsteller gehörte, der um Teufel komm raus seine Immobilie verkaufen mußte. Wir wollten unser Wohnungsproblem lösen, alles Andere war unwichtig für uns.



nach oben springen

#167

RE: freigekauft aus der DDR

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 23.11.2013 18:22
von Moskwitschka (gelöscht)
avatar

Zitat von Gert im Beitrag #162
Er hat aber immerhin die letzten 10.000 Kriegsgefangenen aus der SU rausgeholt. Er wusste sicher um die gewachsene Machtposition der Bundesrepublik Mitte der 50er Jahre und hat sie entsprechend bei den Verhandlungen mit den Russen eingesetzt, mit Erfolg, wie man weiss.


@Gert

Die Rolle Adenauers bei den 10.000 zurück geholten Kriegsgefangenen scheint bei Historikern auch strittig zu sein.

Man könne zwar dem Bundeskanzler „auch heute nicht den Respekt für seine herausragende Leistung und sein Durchhaltevermögen verwei-
gern“, doch sei klar, „dass die Freilassung der Gefangenen schon vorher als Preis für den Botschafteraustausch feststand, dass es also gar nicht mehr auf Adenauers Verhandlungskünste, sondern nur auf sein Nachgeben ankam.“ Das Ergebnis wäre demnach nur anders ausgefallen, wenn der Bundeskanzler diplomatische Beziehungen abgelehnt hätte. Die Gefangenen wären, wie Kilian meint, freilich auch dann in die Heimat entlassen worden, nur in anderem Kontext – etwa „als ein Geschenk an die DDR oder an die SPD im Vorfeld der nächsten Bundestagswahlen“. Mit der Zusage habe der Kreml freilich Adenauer gegen seine Absicht erlaubt, „als strahlender Sieger nach Bonn zurückzukehren“. Das sei darauf zurückzuführen, dass man sich in Moskau nicht vorstellen konnte, welche Emotionen in der deutschen Öffentlichkeit ausgelöst werden würden.


Ein nicht uninteressanter Artikel hier in voller Länge:

Die Entlassung der Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion 1955 – Folge der Verhandlungen mit Adenauer?
Untersuchung auf der Basis neuer Archivdokumente


http://www.kas.de/upload/ACDP/HPM/HPM_14_07/HPM_14_07_19.pdf

LG von der grenzgaengerin


Hans hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 23.11.2013 18:27 | nach oben springen

#168

RE: freigekauft aus der DDR

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 23.11.2013 19:07
von Moskwitschka (gelöscht)
avatar

Und hier noch für alle Interessierte

Freikauf - Das Geschäft der DDR mit politisch Verfolgten

Der Journalist Jürgen Engert unterhält sich mit dem früheren Staatssekretär Ludwig A. Rehlinger über die Entstehung und Durchführung des Freikaufs politischer Gefangener aus der DDR.

http://www.bpb.de/themen/XLVXYS,0,Freikauf.html

LG von der grenzgaengerin


nach oben springen

#169

RE: freigekauft aus der DDR

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 23.11.2013 22:25
von Major Tom | 854 Beiträge

Sehr interessantes Interview. Vieleicht sollten sich das mal jene Leute durchlesen welche immer wieder gehaessig behaupten der Grossteil der Freigekauften waren gewohnliche Kriminelle.


Zitat von grenzgaengerin im Beitrag #168
Und hier noch für alle Interessierte

Freikauf - Das Geschäft der DDR mit politisch Verfolgten

Der Journalist Jürgen Engert unterhält sich mit dem früheren Staatssekretär Ludwig A. Rehlinger über die Entstehung und Durchführung des Freikaufs politischer Gefangener aus der DDR.

http://www.bpb.de/themen/XLVXYS,0,Freikauf.html

LG von der grenzgaengerin


Man sollte den Kopf nicht hängen lassen wenn einem das Wasser bis zum Hals steht.
http://www.costarica-forum.net
http://directorios-costarica.com
http://www.link-team.net
Gert hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#170

RE: freigekauft aus der DDR

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 24.11.2013 11:05
von Gert | 12.356 Beiträge

Zitat von grenzgaengerin im Beitrag #167
Zitat von Gert im Beitrag #162
Er hat aber immerhin die letzten 10.000 Kriegsgefangenen aus der SU rausgeholt. Er wusste sicher um die gewachsene Machtposition der Bundesrepublik Mitte der 50er Jahre und hat sie entsprechend bei den Verhandlungen mit den Russen eingesetzt, mit Erfolg, wie man weiss.


@Gert

Die Rolle Adenauers bei den 10.000 zurück geholten Kriegsgefangenen scheint bei Historikern auch strittig zu sein.

Man könne zwar dem Bundeskanzler „auch heute nicht den Respekt für seine herausragende Leistung und sein Durchhaltevermögen verwei-
gern“, doch sei klar, „dass die Freilassung der Gefangenen schon vorher als Preis für den Botschafteraustausch feststand, dass es also gar nicht mehr auf Adenauers Verhandlungskünste, sondern nur auf sein Nachgeben ankam.“ Das Ergebnis wäre demnach nur anders ausgefallen, wenn der Bundeskanzler diplomatische Beziehungen abgelehnt hätte. Die Gefangenen wären, wie Kilian meint, freilich auch dann in die Heimat entlassen worden, nur in anderem Kontext – etwa „als ein Geschenk an die DDR oder an die SPD im Vorfeld der nächsten Bundestagswahlen“. Mit der Zusage habe der Kreml freilich Adenauer gegen seine Absicht erlaubt, „als strahlender Sieger nach Bonn zurückzukehren“. Das sei darauf zurückzuführen, dass man sich in Moskau nicht vorstellen konnte, welche Emotionen in der deutschen Öffentlichkeit ausgelöst werden würden.


Ein nicht uninteressanter Artikel hier in voller Länge:

Die Entlassung der Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion 1955 – Folge der Verhandlungen mit Adenauer?
Untersuchung auf der Basis neuer Archivdokumente


http://www.kas.de/upload/ACDP/HPM/HPM_14_07/HPM_14_07_19.pdf

LG von der grenzgaengerin







@grenzgaengerin
ob im Vorfeld des Treffens Adenauer Chrustschow oder während der Verhandlungen in Moskau entschieden wurde, diese Leute heim zu holen, ist marginal. Er hat einen sehr guten Job gemacht, als er die Freilassung der Deutschen aushandelte, das steht fest Da waren sicher Leute dabei, vor allem SS Chargen, die zurecht 10 Jahre Ljubljanka verordnet bekamen. Ich vermute aber auch stark, dass da eine Menge "Verbrecher " nach Lesart der Sowjets dabei waren, die nichts wesentliches gegen die Russen getan hatten. Es gab bei den sowjetischen Standgerichten so viel Unrecht, sie waren einfach unberechenbar und vor allem liefen sie nach einem "Justizsystem" ab, das entgegen allen internationalen Spielregeln auf diesem Gebiet "arbeitete"


.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
Geld ist geprägte Freiheit!
Dostojewski 1866
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
zuletzt bearbeitet 24.11.2013 11:06 | nach oben springen

#171

RE: freigekauft aus der DDR

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 24.11.2013 11:38
von Moskwitschka (gelöscht)
avatar

@Gert

Es ist doch erstaunlich, wie über Jahre hinweg das Bild vom verhandlungsstarken Adenauer transportiert wird und sich auch bei den Menschen festsetzt. Das er als erster Bundeskanzler der Bundesrepublik eine Symbolfigur ist bestreitet auch niemand. Erstaunlich ist, dass als nach Jahrzehnten die Archive geöffnet wurden, sich manches relativiert. Und das unbemerkt von der Öffentlichkeit.

Auf Adenauer bin ich übrigens nur gekommen, weil in seine Kanzlerschaft auch die ersten Freikäufe fallen.Und hier im Forum immer wieder die Frage auftaucht, wer hat das innitiert. Und da bin ich der Minung, dass man das wohl nie mehr klären wird. Bis sich wieder irgendwelche Archive öffnen?

In der Vergangenheit gab es dazu unterschiedliche Darstellungen von Zeitzeugen, die dann auch noch unterschiedlich interpretiert wurden. Natürlich ist die Darstellung vom früheren Staatssekretär Ludwig A. Rehlinger sehr interessant - aber er ist einer von vielen und lässt auch noch viele Fragen offen.

1991 berichtet der Spiegel folgendes:

Eingefädelt wurde die bezahlte Gefangenenbefreiung schließlich durch den Großverleger Axel Springer, der von Berliner Anwälten angesprochen worden war und 1963 den damaligen gesamtdeutschen Minister Rainer Barzel für den Deal mit Ost-Berlin gewann.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13487422.html

Vor einem Jahr kam dann das Buch Freigekauft: Der DDR-Menschenhandel herausgegeben von Kai Diekmann auf den Markt. Kai Diekmann - BILD - Springer. Bei einer Rezension dieses Buches bei der ARD kann man dan folgendes lesen:

Initiiert wird der Freikauf von Adenauers Minister für gesamtdeutsche Fragen, Rainer Barzel. Das Problem: Die Bundesrepublik erkennt den Staat DDR nicht an, kann also auch keine Verhandlungen mit ihm führen. Das übernehmen kirchliche Anwälte im Westen und der in der SED für den sogenannten "Humanitärbereich" zuständige Anwalt Dr. Vogel. Egon Bahr, damals Bundesminister, zu diesem Geschäft: "Adenauer war ja bekanntlich nicht pingelig und hat gesagt, wenn man für Geld Menschen frei bekommen kann, dann soll man es tun. Und so ist es dann gelaufen. Auch mit allen seinen Nachfolgern, also über Barzel bis Wehner. Und ich erinnere mich insbesondere daran, dass es keinen Fall gegeben hat, der mir zur Kenntnis gekommen wäre, bei dem jemand, der diese Möglichkeit hatte, diese abgelehnt hätte."

http://www.daserste.de/information/wisse...eikauf-100.html

Für mich als Lieschen Müller stellt sich dann schon die Frage: Warum konnte oder wollte Adenauer nicht mit der DDR verhandeln, wo er doch so verhandlungsstark gewesen sein soll.

Ich schließe mich wiederholt Egon Bahr an:

"Von Moral konnte keine Rede sein, sondern es war eben eine besondere Beziehung, auf die niemand stolz war."

LG von der grenzgaengerin


Hans hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 24.11.2013 11:42 | nach oben springen

#172

RE: freigekauft aus der DDR

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 24.11.2013 12:17
von Eisenacher | 2.069 Beiträge

34 000freigekaufte Häftlinge in einem Zeitraum von 1963-89 ist ja nicht gerade viel. Vor allem wenn man sich die Zahlen vor dem Mauerbau und die Zahlen der Übersiedler nach 1989 anschaut. Da haben bis zum Mauerbau 3Millionen die Westreise angetreten und nach Maueröffnung sind in einer guten Woche 35000 DDR-Bürger aus der Bevölkerungsstatistik verschwunden. Die DDR hatte ein kleines Nebengeschäft und wurde einen Teil der Opposition los.
Aber es war marginal und keineswegs die Regel. Es gab keinerlei Sicherheit über eine Haft wegen §213 in den Genuss eines Häftlingsfreikaufes zu kommen. Ein ehemaliger Arbeitskollege hat wegen dreimaliger versuchter R-Flucht insgesamt über 6Jahre die Gastfreundschaft von DDR-Justizvollzugsanstalten kennenlernen dürfen. Den hat man dann erst kurz vor der Maueröffnung gehen lassen.


zuletzt bearbeitet 24.11.2013 12:18 | nach oben springen

#173

RE: freigekauft aus der DDR

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 24.11.2013 12:17
von Gert | 12.356 Beiträge

Zitat von grenzgaengerin im Beitrag #171
@Gert

Es ist doch erstaunlich, wie über Jahre hinweg das Bild vom verhandlungsstarken Adenauer transportiert wird und sich auch bei den Menschen festsetzt. Das er als erster Bundeskanzler der Bundesrepublik eine Symbolfigur ist bestreitet auch niemand. Erstaunlich ist, dass als nach Jahrzehnten die Archive geöffnet wurden, sich manches relativiert. Und das unbemerkt von der Öffentlichkeit.

Auf Adenauer bin ich übrigens nur gekommen, weil in seine Kanzlerschaft auch die ersten Freikäufe fallen.Und hier im Forum immer wieder die Frage auftaucht, wer hat das innitiert. Und da bin ich der Minung, dass man das wohl nie mehr klären wird. Bis sich wieder irgendwelche Archive öffnen?

"Von Moral konnte keine Rede sein, sondern es war eben eine besondere Beziehung, auf die niemand stolz war."

Zitat


LG von der grenzgaengerin


@grenzgaengerin , moralisch war der Deal sicher angreifbar, politisch war er zunächst nur von der Bundesseite gewünscht und für die Häftlinge war er ein Segen. Stelle dir doch mal vor, man hätte mich 1965 beim Grenzübertritt in der Rhön geschnappt? Ich hatte mit gut einem Jahr Gefängnis für den Fall des Scheiterns gerechnet. Tatsächlich klärte mich ein Forummitglied auf: wir waren zu viert in der Fluchtgruppe und ich hatte so ein bischen die Planung und Leitung an mich gerissen , während mein Freund mit Ortskenntnis im Grenzabschnitt hauptsächlich verantwortlich war für das Gelingen. Das war bandenmäßiger Grenzdurchbruch, da hätten wir wohl mehr als ein Jahr bekommen.
Glaubst du, dass wir nach der Entlassung aus dem Knast noch ein Bein auf den Boden in der DDR bekommen hätten ? Für uns wäre diese Freikaufsoption die finale Lösung gewesen. Insofern finde ich da auch im Nachhinein sehr gut. Und Moral, ich sags mal salopp da schei.. ich drauf.
Der Zweck heiligt die Mittel. Diese Sicht ist doch gar nicht so selten in der Politik.


.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
Geld ist geprägte Freiheit!
Dostojewski 1866
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
Kimble hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#174

RE: freigekauft aus der DDR

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 24.11.2013 12:27
von Kimble | 397 Beiträge

Zitat von Lutze im Beitrag #150
nein RudiEK89,
das ist kein gespinne,
bei meinen Vernehmungen wurde ich mehrmals gefragt,
ob ich einen Ausreiseantrag stellen möchte,
mit 18 Jahren ist man noch sehr jung,
sollte ich ja sagen,oder doch nein?,
wird möglicherweise dadurch das Strafmaß erhöht?,
auf Gegenfragen meinerseits habe ich mich eingestellt,
und was trinke ich zum Bohnenkaffee?
Lutze



@Lutze
kannst du uns nochmal bitte etwas genauer schreiben, was es mit dieser Kaffee- Zeremonie beim Vernehmer auf sich hat ?
Ich steig da nicht so ganz durch, speziell die Würfelzuckersache ist immer noch ein ungelöstes Rätsel für mich.


Kannten Sie die DDR ? "Ja, flüchtig"
nach oben springen

#175

RE: freigekauft aus der DDR

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 24.11.2013 12:32
von Lutze | 8.039 Beiträge

Zitat von Kimble im Beitrag #174

Zitat von Lutze im Beitrag #150
nein RudiEK89,
das ist kein gespinne,
bei meinen Vernehmungen wurde ich mehrmals gefragt,
ob ich einen Ausreiseantrag stellen möchte,
mit 18 Jahren ist man noch sehr jung,
sollte ich ja sagen,oder doch nein?,
wird möglicherweise dadurch das Strafmaß erhöht?,
auf Gegenfragen meinerseits habe ich mich eingestellt,
und was trinke ich zum Bohnenkaffee?
Lutze



@Lutze
kannst du uns nochmal bitte etwas genauer schreiben, was es mit dieser Kaffee- Zeremonie beim Vernehmer auf sich hat ?
Ich steig da nicht so ganz durch, speziell die Würfelzuckersache ist immer noch ein ungelöstes Rätsel für mich.


ist doch ganz einfach,durch die separate Einnahme
der Würfelzucker,erhöhte sich die Konzentration
Lutze


wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren
94 hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#176

RE: freigekauft aus der DDR

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 24.11.2013 12:56
von Moskwitschka (gelöscht)
avatar

Zitat von Gert im Beitrag #173
Und Moral, ich sags mal salopp da schei.. ich drauf. Der Zweck heiligt die Mittel. Diese Sicht ist doch gar nicht so selten in der Politik.


Dafür gab es ja im Westen auch "Hakle feucht" damit hinterher auch alles ganz sauber ist.

Und noch einmal - ich gönne jedem, der darauf hin die Möglichkeit hattte die DDR - Richtung Westen zu verlassen. Doch wenn es um Einzelschicksale geht, dann beginnen wir uns im Kreis zu drehen.

LG von der grenzgaengerin


Gert hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#177

RE: freigekauft aus der DDR

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 07.12.2013 10:04
von Telamon | 129 Beiträge

Ich bin neu in diesem Forum und wollte zum Thema Freikauf und Transport mit dem Zug meine Erfahrung schildern.
Im November 1988 wurde ich vom Strafvollzug Cottbus (2,2 Jahre wegen Republikflucht) nach 10 Monaten Haft nach Karl-Marx Stadt verlegt.
Dort wurde alle Formalitäten bearbeitet, Antrag auf Entlassung der Staatsbürgerschaft, Forderungen gegenüber der DDR z.B. Unterhalt usw.
Dann konnte man sich noch einmal neu Einkleiden, auf dem Boden war ein Kleiderlager.
Dann ging es früh los, mit einem Barkas zum Bahnhof Karl-Marx Stadt. Am Bahnhof kam ein Vertreter (Rechtsanwalt oder Diplomat), von welcher Seite Ost oder West war mir nicht ganz klar und händigte uns die Ausreisepapiere und Fahrkarte nach Gießen aus , wünschte uns alles Gute und verabschiedete sich. Ein Beamter (Stasi?) begleitete uns, wir waren 6, in den Bahnhof gab uns 5 Mark und davon sollten wir uns in der Mitropa etwas Essbares kaufen. Ich holte mir eine Flasche Apfelsaft und 2 belegte Brote. Dann brachte er uns zum Zug, setzte uns in ein reserviertes Abteil und wartete draußen bis der Zug abfuhr. Das Abteil war nicht abgeschlossen. Keinen meiner Abteilkollegen, 4 Männer und 2 Frauen kannte ich. Irgendwie kam auch keine richtige Freude auf, wir waren wie unter Schock.
In Kassel mussten wir umsteigen in den Zug nach Gießen. In Gießen meldeten wir uns im Auffanglager - das wir erst suchen mussten - beim
Pförtner. Der Pförtner sagte uns eine Zimmernummer, dass Zimmer war für 15 Personen und war schon teilweise belegt und wir übernachteten alle das erste Mal im Westen, sehr schockiert. Nichts mit roten Teppich oder herzlichen Empfang. Das Lager war zu diesem Zeitpunkt extrem voll.
Am nächsten Tag bekam man ein Laufzettel - mit einem roten P - mit diesem Laufzettel wurde man vorrangig behandelt. Man brauchte nicht Stundenlag an den einzelnen Anlaufpunkten (Einbürgerung) anstehen.
Gruß Telamon



Pit 59 und Lutze haben sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#178

RE: freigekauft aus der DDR

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 07.12.2013 10:25
von Lutze | 8.039 Beiträge

fuhr der Zug direkt von Karl-Marx-Stadt nach Kassel?,
an der innerdeutschen Grenze angekommen,
stiegen Leute aus,die euch vorher begleitet haben?
Lutze


wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren
nach oben springen

#179

RE: freigekauft aus der DDR

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 07.12.2013 10:36
von Telamon | 129 Beiträge

Der Zug fuhr direkt nach Kassel.
Wir wurden auch nicht mehr kontrolliert an der Grenze.
Der eine der uns zum Zug begleitet habe ich nicht mehr gesehen. Es gab auch keine besonderen Hinweise.
Das Abteil war auf jeden Fall nicht abgeschlossen. Wir 6 haben uns auch kaum unterhalten, war schon sehr komisch.
Telamon



Lutze hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#180

RE: freigekauft aus der DDR

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 07.12.2013 10:41
von Lutze | 8.039 Beiträge

von Cottbus nach Karl-Marx-Stadt gebracht,
ahntest du schon,das du freigekauft wurdest?,
wie lange war dein Aufenthalt in Karl- Marx-Stadt?
Lutze


wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren
nach oben springen



Besucher
30 Mitglieder und 90 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: Andre Lambert
Besucherzähler
Heute waren 2952 Gäste und 161 Mitglieder, gestern 3660 Gäste und 197 Mitglieder online.

Forum Statistiken
Das Forum hat 14372 Themen und 558302 Beiträge.

Heute waren 161 Mitglieder Online:

Besucherrekord: 589 Benutzer (24.10.2016 20:54).

Xobor Ein eigenes Forum erstellen