#1

Mangel ... macht erfinderisch!

in Leben in der DDR 18.06.2009 09:38
von Angelo | 12.391 Beiträge

Heinrich Mauersberger war ein Mann ganz nach dem Geschmack von SED-Chef Walter Ulbricht: Ein Arbeiter, der sich auch nach Feierabend noch Gedanken darüber macht, wie die Produktivität in seinem Betrieb zu steigern sei. 1947 hatte der Färbereitechniker Mauersberger die kühne Idee gehabt, Textilien nicht wie bisher mit Webtechnik, sondern mittels Nähtechnik herzustellen. In seinem Schlafzimmer bastelte er zwei Jahre lang am Urmodell der Nähwirktechnik und nannte es "Malimo" (Mauersberger Limbach-Oberfrohna). Der Vorteil seiner Erfindung: Die Wolle musste nicht erst zu Garn gesponnen, sondern konnte sofort genäht werden. Das ging zwanzigmal schneller als das herkömmliche Weben oder Stricken.Zunächst gab es einige Vorbehalte gegen Mauersbergers Technik, aber Walter Ulbricht war von ihr begeistert. Und das war der Durchbruch. 1957 ging "Malimo" in Serienfertigung und trat nur wenige Jahre später seinen Siegeszug durch die Welt an – in mehr als achtzig Länder verkaufte Mauersberger sein Patent. "Der Meister sprach von Malimo, denn Malimo hat Weltniveau!", warb das DDR-Fernsehen damals.Auch wenn natürlich nicht alle Erfindungen derart spektakulär und erfolgreich waren wie Mauersbergers "Malimo" – die DDR war ein Land der Bastler, Tüftler und Erfinder. Not macht erfinderisch, heißt es gemeinhin, und auf die Verhältnisse in der DDR abgewandelt, könnte es heißen: Mangel macht erfinderisch. So mag es vielleicht nicht verwundern, dass 1990 in der DDR mehr als 130.000 Patente angemeldet waren, in der dreimal so großen Bundesrepublik hingegen nur 70.000.Von Anbeginn versuchten Staat und Partei, die kreativen Potentiale der Menschen zu fördern und wo nur irgend möglich auch für die Wirtschaft nutzbar zu machen. "Neuererbewegung" nannte man das seit dem Jahr 1951. Arbeiter, Angestellte und Bauern wurden aufgerufen, Verbesserungsvorschläge, die zu einer höheren Produktivität, zu freundlicheren Arbeitsbedingungen oder zur Materialeinsparung führen, einzureichen. Die mitunter bis zur Patentreife weiterentwickelten Verbesserungsvorschläge wurden von den Betrieben und Kombinaten großzügig prämiert und galten als Teil des "sozialistischen Wettbewerbs".Die "Neuererbewegung" war aber keineswegs auf Industriebetriebe oder Landwirtschaft beschränkt. Mitte der 1960er-Jahre erging etwa an den Ernährungswissenschaftler Peter Kretschmer die Order der Staatsmacht: "Verkürzen Sie unseren Frauen die Zeit in der Küche!" Kretschmer machte sich an die Arbeit und erfand Produkte, die fortan in keinem DDR-Haushalt fehlten: "Tempo Erbsen" und "Kuko Reis" – Fertigprodukte gewissermaßen, die nur kurz aufgekocht werden mussten. Und weil die DDR kein Geld hatte, um Kaugummi zu importieren, erfand Kretschmer Anfang der 1970er-Jahre auch noch einen Kaugummi mit künstlichen Aromastoffen. In den Läden gab es jetzt Kaugummi wie im Westen, und der Staat musste keine Devisen dafür berappen.Die Tüftler und Bastler der DDR lebten sich vor allem in ihrer Freizeit aus. Es gab eigentlich nichts, was hier nicht erfunden oder wenigstens nachempfunden worden wäre, um der Mangelwirtschaft ein Schnippchen zu schlagen. Das begann mit der Konstruktion von Antennenanlagen, um einen ungetrübten Westempfang zu haben, und reichte über den Bau von Radioapparaten und Oszillographenfernsehern, bis hin zu Textilien, Fahrrädern, Autoersatzteilen und Küchengeräten. Dabei gelangen den Freizeit-Tüftlern ein ums andere Mal innovative Erfindungen: der kleinste Multifunktionstraktor der Welt, ein Tauchgerät, das ohne Druckluftflaschen auskommt und ein Autodachzelt, das sich binnen 55 Sekunden aufklappen lässt und noch heute zuverlässig seinen Dienst verrichtet.
Reich ist in der DDR kaum einer der Erfinder geworden. Auch Heinrich Mauersberger nicht. Wieviel die DDR am Export seiner "Malimo"-Maschinen verdiente, war "streng geheim", er hat es nie erfahren. Mauersberger lebte von einer kleinen Ehrenpension, die ihm der Ministerrat der DDR gewährte.


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#2

RE: Mangel ... macht erfinderisch!

in Leben in der DDR 18.06.2009 15:36
von Berliner (gelöscht)
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ich fand diesen Kurzfilm der DEFA ganz gut, schlicht, einfach und es hat mit Autos zu tun (was kann da schiefgehen?).

Stefans Umweg zum Hauptweg ist auf der DVD 50 Jahre Trabant zu finden, erhaeltich hier (nur 5 Euro!)

Berliner


zuletzt bearbeitet 18.06.2009 15:51 | nach oben springen

#3

RE: Mangel ... macht erfinderisch!

in Leben in der DDR 18.06.2009 19:19
von Augenzeuge (gelöscht)
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.. das dachten sich auch die Störche....

Angefügte Bilder:
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#4

RE: Mangel ... macht erfinderisch!

in Leben in der DDR 18.06.2009 19:29
von Augenzeuge (gelöscht)
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..hey, na gut, ein hab' ich noch....ach nö, doch zwei....

Viel Spaß wünscht Augenzeuge

Angefügte Bilder:
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#5

RE: Mangel ... macht erfinderisch!

in Leben in der DDR 18.06.2009 19:46
von Berliner (gelöscht)
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Zitat von Augenzeuge
..hey, na gut, ein hab' ich noch....ach nö, doch zwei....

Viel Spaß wünscht Augenzeuge


besonders das Eichhorn mochte ich, ein richtiger Neuerer...

Berliner


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#6

RE: Mangel ... macht erfinderisch!

in Leben in der DDR 18.06.2009 20:00
von Augenzeuge (gelöscht)
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Prost Berliner!

Hier habe ich noch ein echtes DDR-Produkt:

Angefügte Bilder:
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#7

RE: Mangel ... macht erfinderisch!

in Leben in der DDR 18.06.2009 20:42
von Berliner (gelöscht)
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Zitat von Augenzeuge
Prost Berliner!

Hier habe ich noch ein echtes DDR-Produkt:


Pension "Sachsenruh", das kenne ich aus dem Film "Go Trabi, Go".

Seht Ihr was fuer eine gute Ausbildung ich bekommen habe, Autos, Saechsisch und Weltgeschichte.

Berliner


zuletzt bearbeitet 18.06.2009 20:43 | nach oben springen

#8

RE: Mangel ... macht erfinderisch!

in Leben in der DDR 21.06.2009 13:47
von NPKCA (gelöscht)
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Hi Berliner,

cooles Filmchen mit dem Neuerer. So ein 600er als Kombi war mein erstes eigenes Auto und das mit 19 Jahren. Ich war wohl schon etwas "privilegiert"- nun ja ich musste die Karre komplett zerlegen, die rostigen Teile austauschen bzw. schweißen, zusammensetzen und lackieren. Mein Bruder wollte ihn eigentlich verschrotten, aber das hab ich ihm dann ausgeredet. Zum Glück gabs damals noch keinen TÜV.

Der Mangel führte eigentlich überall zu Erfindungsreichtum und Improvisation. Ich denke da zum Beispiel an die "private Konsumgüterproduktion". Aus Blechresten haben wir uns den berühmten Schachtgrill geschweißt. Wer in den entsprechenden Betrieben gearbeitet hat, konnte sich den sogar aus Edestahl bauen- hab heute noch einen in Betrieb. Gleiches gilt für meinen PKW-Anhänger. Der hatte inzwischen aber schon ein paar Überholungen.


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#9

RE: Mangel ... macht erfinderisch!

in Leben in der DDR 22.06.2009 01:06
von Berliner (gelöscht)
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Hallo NPKCA,
da denke ich haben wir schon etwas gemeinsam, ich schraube naemlich auch sehr gerne an meinem Auto rum.

Ein kleiner Clip aus dem Film Trabant de Kunststof Kameraad (durch den Link in voller Laenge zu sehen).
Unten habe ich nur die Teile die zu dem Beitrag passen rausgeschnitten, also der Erfindungsreichtum der DDR-Buerger (so wie Du!).

Berliner
PS der Reporter, sowie er Deutsch redet, klingt so aehnlich wie ich. Wenn ich Deutsch rede tippen viele auf Hollaender.



zuletzt bearbeitet 22.06.2009 01:09 | nach oben springen

#10

RE: Mangel ... macht erfinderisch!

in Leben in der DDR 22.06.2009 10:45
von josy95 | 4.915 Beiträge

War es nicht auch eine Supererfindung des Politbüros Mitte der 80-er, teuere Importenergie (Erdöl, Erdgas) durch einheimische Rohstoffe (Energieträger) Braunkohle, besser gesagt Blumenerde zu ersetzen...


josy95


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zuletzt bearbeitet 22.06.2009 10:47 | nach oben springen

#11

RE: Mangel ... macht erfinderisch!

in Leben in der DDR 22.06.2009 10:53
von josy95 | 4.915 Beiträge

...oder erinnert ihr Euch noch an den propagandistischen Schwachsinn mit Adolf Hennecke und seiner "Initativschicht"?

Fortan hießen doch alle Schaufeln mit großem Schaufelblatt nur noch "Adolf- Hennecke- Schaufel"

...oder an Spizbart`s Slogan: "...den bundesdeutschen Kapitalismus überholen ohne ihn einzuholen...!"


josy95


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#12

RE: Mangel ... macht erfinderisch!

in Leben in der DDR 22.06.2009 11:02
von josy95 | 4.915 Beiträge

...mein Vater hatte mit der "Blumenerde" verfeuern auch so sein Patent, wenn er das Zeug mal vor die Tür gekippt bekam...
(nicht weitersagen: beim VEB Kohlehandel war man für ein Päckchen Westkaffee auch immer sehr empfänglich, oft lagen bei meinem Papa sogar die guten Russenbrikett`s vor der Tür...)

...er hat die Blumenerde und den Abrieb der "Russenbriketts" immer mit Hobelspäne vermischt,
war zwar manchmal etwas "explosives" sprich verpuffungsfreudiges Gemisch, sehr zum Leidwesen meiner Mutter, wut]wut]
bei der sprangen dann immer die Pötte auf dem Küchenherd in die Höhe und mein Vater (welch böser Bube...!)
lachte dann immer im Heizungskeller und frotzelte "...schöne Grüße vom Sozialismus...!"

josy95


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#13

RE: Mangel ... macht erfinderisch!

in Leben in der DDR 23.06.2009 03:28
von Berliner (gelöscht)
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Zitat von josy95
...er hat die Blumenerde und den Abrieb der "Russenbriketts" immer mit Hobelspäne vermischt,
war zwar manchmal etwas "explosives" sprich verpuffungsfreudiges Gemisch, sehr zum Leidwesen meiner Mutter, wut]wut]
bei der sprangen dann immer die Pötte auf dem Küchenherd in die Höhe und mein Vater (welch böser Bube...!)
lachte dann immer im Heizungskeller und frotzelte "...schöne Grüße vom Sozialismus...!"


ich glaube das ist das witzigste was ich auf dieser Webseite gelesen habe, "very funny".

Berliner


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#14

RE: Mangel ... macht erfinderisch!

in Leben in der DDR 24.06.2009 11:31
von josy95 | 4.915 Beiträge

Hallole!

Wußtet Ihr eigentlich, das es in der DDR auch schon Autos, vornehmlich PKW´s mit umweltfreundlichen Gasantrieb gab???

Meiner Erinnerung nach hauptsächlich Taxi`s Marke "Wolga" und fast nur im "Innenstadtverkehr" von größeren Städten. War ein relativ einfaches und simples System der Umrüstung, besser gesagt des Zwitterbetriebes und auch ein Produkt der DDR- Ölkriese zu Beginn der 80- er. Diese Umbau- Autos hatten einen nachgerüsteten Umschalter am Amarturenbrett, wo wahlweise auf Gasantrieb oder Benzin umgestellt werden konnte. Im Kofferraum war eine 5- Kg- Propangaspulle "angeschnallt" , oh Gott, was würden die Herren vom TÜV bloß heute dazu sagen....
Der Vorrat der 5 kg- Gasflasche war natürlich begrenzt, die Flasche aber vermutlich relativ problemlos zu wechseln, darum auch vornehmlicher Einsatz im Stadtverkehr, hier in Wernigerode fuhren auch einige Taxen des VEB Kraftverkehr damit herum.
Wie das technisch im Detail funktionierte, weiß vielleicht noch der eine oder andere.

Nun haltet Euch gut fest, die Taschen braucht Ihr aber nicht zuzunähen, weil es kein Hokuspokus ist, was ich hier berichten kann
Auch der gute alte "Holzvergaser" erlebte Anfang der 80- er in der DDR wieder seine Renisance!
Manchen eher bekannt aus der Nachkriegszeit!

Speziell in Firmen der Holzindustrie und wohl eher für den innerbetrieblichen Transport baute man in einige LKW´S so einen Tiegel wieder ein, hier im Harz hatten einige Firmen solche "Räucherkisten", vornehmlich wohl Marke "Robur", weiß ich aber nicht mehr so genau. Der Holzvergaser ist ja konstruktiv eine Art kleiner Kessel, in dem trockenes Holz "vergast" wird ähnlich wie bei der Holzkohleherstellung. Eine Art "Schwelbrand" wird unter weitestgehend unterbundener Luft- (Sauerstoff-) Zufuhr erzeugt woraus sich dann das Holzgas entwickelt, was wiederum einen hohen CO- (Kohlenmonoxid-) Gehalt hat. Die Leistung derartiger "Kisten" ist natürlich wesentlich geringer, ganz zu schweigen vom Aufwand und Wirkungsradius und dem erhöhten Reinigungsbedarf aller Bauteile durch versotten, verkleben ect. .

So, nun kommt der absolute Kracher!!!

In einer "VEB Holzbude" Namens Rinkemühle in Silberhütte/ Harz (ehem. LK Quedlinburg), das ist dort, wo auch heute noch Silvesterböller hergestellt werden, lief auch ein Wolga mit so einem "Tiegel" im Kofferraum!!!

Wie ich das Ding das erste mal sah, bin ich mit meinem Kollegen vor Lachen fast von der Lok gefallen...!
Die Kofferraumklappe im Heck war so "präpariert". das besagter "Tiegel" mittig rausschaute. Wie man das Ding im Einzelfall "befeuert" oder bedient hat, ist mir heute noch ein Rätsel...

Ich muß mal meinen ehem. Kollegen kontaktieren, der hat damals glaub ich ein Foto von dem Vehiekel gemacht...! Das müßte ja absoluten Seltenheitswert haben heute...


Hauptsache jetzt kommt niemand auf den Gedanken, sich auch so ein Ding einzubauen, wär ja Mega-

josy95



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