#81

RE: West-Ost-Gedanken 1958 bis 1989

in DDR Zeiten 07.03.2013 21:51
von Mike59 | 7.979 Beiträge

Zitat
Auch wirst Du in diesem Forum User finden, die alles in der DDR supergut fanden. Allerdings nur, weil sie hier zu günstigsten und privilegierten Bedingungen lebten und bei "berufsbedingten" Auslandsaufenthalten zügellos die dem gemeinen Volk der DDR verschlossenen paradiesischen Zustände der westlichen Welt genossen haben.



hugh - ich (Ex Huf) habe gesprochen!

Mal ehrlich Doc, können nicht viele sein hier im Forum. Es sei denn du hast bessere Informationen.


zuletzt bearbeitet 07.03.2013 21:52 | nach oben springen

#82

RE: West-Ost-Gedanken 1958 bis 1989

in DDR Zeiten 07.03.2013 22:16
von Alfred | 6.854 Beiträge

Zitat von Ex-Huf im Beitrag #79
Zitat von RalphT im Beitrag #68

Zitat
Darf man fragen,was du als Westdeutscher an dieser Sendung gut fandest?
Denn im Osten hielten sich die "Einschaltquoten" seiner Hetzsendungen bekanntlich in "Grenzen".


Hallo eko40, klar darfst Du fragen: Grenzverletzerin hatte ja schon die Antwort gegeben. Zuerst hörte ich von einem Bekannten bei uns, dass es auf DDR 1und DDR2 eine Sendung laufen soll, die der schwarze Kanal heißt. Hm, da war ich neugierung und habe dann mir die erste Sendung reingezogen.
Ich fand es sehr belustigend, wie er uns so schön durch den Kakao zog. Und ich fand, er glaubte selber daran, was er da alles so vom Stapel. ließ. Das bekam ich auch viele Jahre bestätigt, wo er in einer Talkshow "sich stellte". Auch dort hat er seine Meinung bis zum Schluss vertreten. So abartig, wie sein Gesülze auch fand, aber eins stand für mich fest: Dieser Mann ging seinen Weg an den er glaubte und ließ sich auch später nach der Wende nicht umstimmen.

Ma noch ne andere Frage zu den Paketen: Ich kann mich noch entsinnen, dass mir mal einer sagte, dass er in die Pakte immer Jacobs Cafe und Schokolade packte. War in der DDR das Produkt Jacobs Cafe wirklich so begehrt?


Hallo Ralph,

Deine Schilderung ist sehr interessant.
Aus Sicht ehem. DDR-Bürger sei Dir jedoch gesagt, dass Sudel-Ede zu jenen wenigen privilegierten DDR-Bürgern gehörte, für den die damalige Grenze mit all ihren Konsequenzen keine Barriere im wahren Leben war. Auch wirst Du in diesem Forum User finden, die alles in der DDR supergut fanden. Allerdings nur, weil sie hier zu günstigsten und privilegierten Bedingungen lebten und bei "berufsbedingten" Auslandsaufenthalten zügellos die dem gemeinen Volk der DDR verschlossenen paradiesischen Zustände der westlichen Welt genossen haben.

In diesem Sinne...

VG Ex-Huf




Schwingst DU zu später Stunde mal wieder die Keule der Allgemeinheit ??


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#83

RE: West-Ost-Gedanken 1958 bis 1989

in DDR Zeiten 07.03.2013 23:06
von Wanderer zwischen 2 Welten | 2.340 Beiträge

Zitat von Ari@D187 im Beitrag #77
Zitat von Barbara im Beitrag #3
.... und was mir gerade noch eingefallen ist:
Wenn ein DDR-Sportler irgendwo eine Medaille oder so was geholt hat: bei den sportlich Interessierten hier konnte man "Stolz" darauf spüren - Nationalstolz! Auch interessant.....

Hallo Barbara,

das kann ich so nicht bestätigen.
Wie Du auch schriebst, war für mich die DDR das ultimative, fast unerreichbare Ausland. Wenn ein DDR-Sportler gewann, dann war mir das bei ansonsten keinem weiteren Teilnehmer aus der Bundesrepublik zunächst einmal gleichgültig. Setzte sich ein DDR-Sportler gegen einen aus der Bundesrepublik durch, dann war das die Niederlage schlechthin.


Gruß
Ari



Kann ich nur bestaetigen. Stichwort Fussball WM 1974. Ausgerechnet gegen die DDR zu verlieren hat weh getan. Aber am Ende haben wir das Ding dann doch gewonnen und die DDR durfte fruehzeitig nach Hause fahren.


DoreHolm hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#84

RE: West-Ost-Gedanken 1958 bis 1989

in DDR Zeiten 08.03.2013 10:38
von DoreHolm | 7.707 Beiträge

Zitat von Wanderer zwischen 2 Welten im Beitrag #83
Zitat von Ari@D187 im Beitrag #77
Zitat von Barbara im Beitrag #3
.... und was mir gerade noch eingefallen ist:
Wenn ein DDR-Sportler irgendwo eine Medaille oder so was geholt hat: bei den sportlich Interessierten hier konnte man "Stolz" darauf spüren - Nationalstolz! Auch interessant.....

Hallo Barbara,

das kann ich so nicht bestätigen.
Wie Du auch schriebst, war für mich die DDR das ultimative, fast unerreichbare Ausland. Wenn ein DDR-Sportler gewann, dann war mir das bei ansonsten keinem weiteren Teilnehmer aus der Bundesrepublik zunächst einmal gleichgültig. Setzte sich ein DDR-Sportler gegen einen aus der Bundesrepublik durch, dann war das die Niederlage schlechthin.


Gruß
Ari



Kann ich nur bestaetigen. Stichwort Fussball WM 1974. Ausgerechnet gegen die DDR zu verlieren hat weh getan. Aber am Ende haben wir das Ding dann doch gewonnen und die DDR durfte fruehzeitig nach Hause fahren.


Grün: Aber wir haben gegen den Weltmeister gewonnen ! Das war doch schon was.



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#85

RE: West-Ost-Gedanken 1958 bis 1989

in DDR Zeiten 08.03.2013 10:45
von Moskwitschka (gelöscht)
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Zitat von DoreHolm im Beitrag #84


Grün: Aber wir haben gegen den Weltmeister gewonnen ! Das war doch schon was.


Und zwei Jahre später war die DDR Olympiasieger im Fußball.

http://de.wikipedia.org/wiki/Olympische_...76/Fu%C3%9Fball

Das hat die BRD nie geschafft.

LG von der grenzgaengerin


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#86

RE: West-Ost-Gedanken 1958 bis 1989

in DDR Zeiten 08.03.2013 11:27
von Gelöschtes Mitglied
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Meine Gedanken und Erinnerungen - Teil 1

Angeregt von den Beiträgen zum Frauentag und speziell über die Frauen bei den Grenztruppen möchte ich mal über einen „Blick von der anderen Seite“ berichten.

Ich bin „gelernter Wessi“, der vor mehr als 5 Jahren sehr bewusst und sehr absichtsvoll in den Osten Berlins gezogen ist. Und zwar nicht in den hippen und von Schwaben überfluteten Prenzlauer Berg, sondern in einen anderen Bezirk, in dem ich mich anfangs schon etwas als Exot gefühlt habe. Ich wollte damit meinen winzigen Beitrag dazu leisten, die „Mauer in den Köpfen“ ein wenig aufzubrechen. Oder das Ghettodenken (Wessis bleiben im Westen, Ossis im Osten – es sei denn, der Job verlangt einen Wechsel) im Rahmen meiner Möglichkeiten aufzuweichen.

Erst als Kind, dann als Jugendlicher und später als junger Erwachsener habe ich ca. 20 mal Verwandte in der DDR besucht – anfangs mit meinen Eltern und per Bahn, später mit dem Auto und zum Schluss alleine mit meiner Frau. Die Dauer der Aufenthalte reichte von einem verlängerten Wochenende bis hin zu mehreren Wochen in den Sommerferien und so war ich nach der Wende der Einzige in meinem Freundes- und Bekanntenkreis, für den die DDR nicht komplett „terra incognita“ war, sondern der einen kleinen Einblick in das Alltagsleben im anderen Deutschland hatte.

Vieles ist mir noch in Erinnerung. So z.B. der Geruch nach Reinigungsmittel oder Bohnerwachs in den Fluren der Behörden, bei denen die An- und Abmeldung zu erfolgen hatte oder die Einladungen zu einem Informationsgespräch, bei der uns ein ideologisch und rhetorisch hervorragend geschulter Offizier von den Vorteilen des Systems zu überzeugen versuchte. Doch davon wollte ich nicht berichten, sondern von den Gefühlen, die ich beim Grenzübertritt hatte.

Wir haben damals einen kleinen Grenzübergang an den Landesgrenzen Niedersachsen / Sachsen-Anhalt benutzt. Nach der Einführung des Mindestumtauschs wurde die Zeit so gewählt, dass wir die Grenze kurz nach Mitternacht überschritten haben: Pro angefangenem Tag mussten ja pro Person 25 DM umgetauscht werden und bei vier Erwachsenen und damit 100 DM war es schon eine Überlegung wert, ob man um 23:30 oder eben um 00:10 die Grenze passierte.

Um diese Zeit war da rein gar nichts los; ich kann mich nicht daran erinnern, dass außer uns noch weitere Besucher, die per Auto angekommen waren, abgefertigt werden wollten. Nach der Erstkontrolle der notwendigen Einreisedokumente erreichten wir einen Bereich, in dem maximal zwei Autos Platz hatten und der zu beiden Seiten durch ein doppelflügeliges Tor verschlossen war. Ich habe die Situation immer als sehr unangenehm, regelrecht bedrückend empfunden: Man fühlte sich eingesperrt, total hilflos und auch der Willkür der Beamten bzw. Mitarbeiter ausgeliefert. Die je nach Lust und Laune (so empfand ich es jedenfalls) von ihren Möglichkeiten auch reichlich Gebrauch machten: Die längste Kontrolle dauerte mehr als drei Stunden, unsere Koffer mussten bis zur letzten Unterhose geleert werden und aus meinem Auto musste alles ausgebaut werden, was irgendwie ausgebaut werden konnte: Vordersitze, hintere Sitzbank, sogar die Batterie. Mein hilfloser Versuch, mit Hinweis auf fehlendes Werkzeug den Ausbau zu verhindern, wurde kühl lächelnd gekontert: Man drückte mir das passende Werkzeug einfach in die Hand. Und auch mein Argument mit mangelnden technischen Fertigkeiten (ist tatsächlich so, handwerklich gesehen bin ich heute noch eine absolute Niete) beeindruckte wenig: „Sie haben Zeit genug, zu lernen, wie man das aus- und wieder einbaut“ so lautete die Antwort.

Gefunden wurde – rein gar nichts. Zu diesem Zeitpunkt hatten wir ja oft genug die Grenze passiert und haben höllisch darauf geachtet, keine verbotenen Gegenstände mitzunehmen.

Was mich zusätzlich bedrückt hat, waren zwei Punkte. Der erste: Man sprach Deutsch. Wenn sich koreanische Grenzer so verhalten hätten, dann hätte ich das irgendwie noch verstanden, aber in der eigenen Muttersprache so behandelt zu werden, hatte schon seine eigene Qualität. Der zweite Punkt war die Höflichkeit, mit der wir behandelt wurden: Es gab so gut wie keinen Satz, in dem das Wort „Bitte“ nicht vorkam: „Zeigen Sie mir bitte den Inhalt Ihrer Taschen“ oder „Entnehmen Sie bitte die Koffer, bringen Sie sie in das Kontrollgebäude und öffnen sie dort bitte.“ Aber es war eine kalte Höflichkeit, ohne jede Spur von Freundlichkeit.

Und wenn die Kontrollen dann noch von Frauen durchgeführt wurden, ging mir erst recht der „A…. auf Grundeis“: Ich vermute, dass es Zollbeamtinnen waren, weder damals noch heute kenne ich mich mit den Uniformen der DDR aus. Jedenfalls haben diese Frauen um einiges härter, um einiges genauer kontrolliert als der überwiegende Teil ihrer männlichen Kollegen, die sich meist mit Stichproben begnügten. Ob diese Frauen jung oder alt, hübsch oder hässlich waren habe ich irgendwie nie zur Kenntnis genommen: Ich wollte das Ganze einfach nur hinter mich bringen.

Vielleicht könnt ihr jetzt die ungeheure Erleichterung verstehen, wenn sich das letzte Tor hinter mit wieder geschlossen hat und ich mich auf den Weg zu meinen Verwandten machen konnte.


zuletzt bearbeitet 08.03.2013 14:23 | nach oben springen

#87

RE: West-Ost-Gedanken 1958 bis 1989

in DDR Zeiten 08.03.2013 11:33
von Lebensläufer | 1.235 Beiträge

Obwohl ich Fussball nicht ausstehen kann aber der G. Netzer im Westen war damals mein Idol,also wo ich noch ein junger Kerl war, das schrieb ich irgendwo schonmal. Dem seine langen Haare und dann die durchtrainierten Oberschenkel und Waden, so wollte ich auch aussehen aber wohl nicht unbedingt so gut spielen können wie der junge Knabe.

Heute kann ich den älteren Kerl, diesen Netzer komischerweise nicht mehr sehen, keine Ahnung. an was das nun wieder liegt. Schon wenn der Kerl den Mund aufmacht...aber lassen wir das lieber. ehe das hier noch ausartet. und mir der Netzer noch ne saftige Klage anhängt.

Also als Schüler, immer wenn der Sportlehrer sagte Fussball....es geht rüber auf die Lillei(das war ein Park mit daneben provisorischen Sportplatz im Leipziger Osten) klappte bei mir sprichwörtlich die Pickel- Gusche runter, alles jubelte und schrie durcheinander und ich dachte mit Sauermine und meinen dürren Spargelbeinen, or ne wieder sone Scheiße(entschuldigt) , schon wieder Fussball kann der nicht mal auf ne andere Idee vernünftige kommen so vielleicht Volleyball.

Und dann stand ich da wie verloren, wie bestellt und nicht abgeholt als Verteidiger, wusste gar nicht so richtig was ich da sollte bei dem blöden Herumgeackere wo man richtig blaue Flecken bekam und die ganzen Dussel sich da reinknieten, als ginge es um ihr Leben. Unsere Mädchen schauten immer rüber von der Weitsprunggrube, weil die pubertären Schönen und weniger Schönen waren bestimmt bissel scharf auf die Jungs im Sturm...die Stürmer denn die hatten wohl solche Waden wie der Netzer und ich dürres Würstchen dachte immer, verdammt nochmal das geht nicht so weiter, ein Expanter muss her(kennt Einer noch das kleine Trainigsheft dazu?).Das war Spitze.

Na jedenfalls ich mir das Ding zugelegt und los gings, jeden Nachmittag trainiert bis die Schwarte knackte und hast du nicht gesehen wuchsen über die Wochen die Muckis und ich trainiert wie ein Besessener und auf einmal wuchs mein Wadenumfang und nicht nur der, es war eine Freude und die jungen Weiber schauten auf einmal nicht mehr nur auf die Stürmer sondern auf mich...kleinen Verteidiger.

Dann wollte auch noch die Klassenschönste mit mir tanzen auf einem der organisierten Tanzabende,diese Schöne, die sonst nur den Spitzenstürmer anhimmelte, also ich fühlte mich echt wie der junge Netzer na und das Training behielt ich natürlich bei. Bis ja bis ich nicht mehr der Netzer sein wollte sondern der ...keine Ahnung mehr. Zumal, dann waren wieder andere Sachen wichtiger.

Lebensläufer


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#88

RE: West-Ost-Gedanken 1958 bis 1989

in DDR Zeiten 08.03.2013 13:19
von Lutze | 8.039 Beiträge

Zitat von Lebensläufer im Beitrag #87
Obwohl ich Fussball nicht ausstehen kann aber der G. Netzer im Westen war damals mein Idol,also wo ich noch ein junger Kerl war, das schrieb ich irgendwo schonmal. Dem seine langen Haare und dann die durchtrainierten Oberschenkel und Waden, so wollte ich auch aussehen aber wohl nicht unbedingt so gut spielen können wie der junge Knabe.

Heute kann ich den älteren Kerl, diesen Netzer komischerweise nicht mehr sehen, keine Ahnung. an was das nun wieder liegt. Schon wenn der Kerl den Mund aufmacht...aber lassen wir das lieber. ehe das hier noch ausartet. und mir der Netzer noch ne saftige Klage anhängt.

Also als Schüler, immer wenn der Sportlehrer sagte Fussball....es geht rüber auf die Lillei(das war ein Park mit daneben provisorischen Sportplatz im Leipziger Osten) klappte bei mir sprichwörtlich die Pickel- Gusche runter, alles jubelte und schrie durcheinander und ich dachte mit Sauermine und meinen dürren Spargelbeinen, or ne wieder sone Scheiße(entschuldigt) , schon wieder Fussball kann der nicht mal auf ne andere Idee vernünftige kommen so vielleicht Volleyball.

Und dann stand ich da wie verloren, wie bestellt und nicht abgeholt als Verteidiger, wusste gar nicht so richtig was ich da sollte bei dem blöden Herumgeackere wo man richtig blaue Flecken bekam und die ganzen Dussel sich da reinknieten, als ginge es um ihr Leben. Unsere Mädchen schauten immer rüber von der Weitsprunggrube, weil die pubertären Schönen und weniger Schönen waren bestimmt bissel scharf auf die Jungs im Sturm...die Stürmer denn die hatten wohl solche Waden wie der Netzer und ich dürres Würstchen dachte immer, verdammt nochmal das geht nicht so weiter, ein Expanter muss her(kennt Einer noch das kleine Trainigsheft dazu?).Das war Spitze.

Na jedenfalls ich mir das Ding zugelegt und los gings, jeden Nachmittag trainiert bis die Schwarte knackte und hast du nicht gesehen wuchsen über die Wochen die Muckis und ich trainiert wie ein Besessener und auf einmal wuchs mein Wadenumfang und nicht nur der, es war eine Freude und die jungen Weiber schauten auf einmal nicht mehr nur auf die Stürmer sondern auf mich...kleinen Verteidiger.

Dann wollte auch noch die Klassenschönste mit mir tanzen auf einem der organisierten Tanzabende,diese Schöne, die sonst nur den Spitzenstürmer anhimmelte, also ich fühlte mich echt wie der junge Netzer na und das Training behielt ich natürlich bei. Bis ja bis ich nicht mehr der Netzer sein wollte sondern der ...keine Ahnung mehr. Zumal, dann waren wieder andere Sachen wichtiger.

Lebensläufer

mit den Expanter hat man eigendlich mehr für den Oberkörper trainiert,ich bin viel mit dem
Fahrrad unterwegs gewesen,da hat man richtig gute Bein und Wadenmuskeln bekommen
Lutze


wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren
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#89

RE: West-Ost-Gedanken 1958 bis 1989

in DDR Zeiten 08.03.2013 14:24
von Gelöschtes Mitglied
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Meine Gedanken und Erinnerungen - Teil 2

Wie so oft fällt mir im Nachhinein noch einiges zu einem Thema ein, wenn ich darüber geschrieben habe. Das Thema „Gefühle beim Grenzübertritt“ möchte ich deshalb erweitern und auch über ein Erlebnis berichten.

Bei den Grenzkontrollen hatte ich nie (abgesehen von der letzten Kontrolle kurz vor Sylvester 89) das Gefühl, willkommen zu sein. Ich war eher so etwas wie ein lästiges Insekt, ein notwendiges Übel, das politisch so gewollt war und das man deshalb hinnehmen musste, ohne es wirklich zu akzeptieren. Bitte nicht missverstehen, ich weiß, dass der Vergleich hinkt und dass die Gesamtsituation absolut nicht vergleichbar ist, aber so ähnlich stelle ich mir auch die Gefühle eines Asylbewerbers vor: Ebenfalls nicht willkommen, ebenfalls nur geduldet und nicht erwünscht.

Ich habe mich damals oft gefragt, warum die DDR-Oberen nicht die gleichen, rigorosen Bedingungen und Restriktionen an die Einreise von Bürgern aus der BRD geknüpft haben, wie sie für die Ausreise der eigenen Bevölkerung galten. Oder einfacher gefragt: Warum durften Wessis überhaupt einreisen. Heute vermute ich sehr stark, dass das der Preis dafür war, den die DDR zahlen musste, um den innerdeutschen Handel zu beleben: Man war damals offensichtlich zu sehr vielen Zugeständnissen bereit, um an die dringend benötigten Devisen zu kommen.

Und ich möchte auch noch über eine kurze Episode aus den Gesprächen berichten, zu denen die West-Besucher bis (aus der Erinnerung heraus) Ende der 60er Jahre gebeten wurden: Die Einladungen gingen an die Besucher und ihre DDR-Verwandten, die Veranstaltungen fanden im besten Hotel der Stadt statt. Kaffee und Erfrischungsgetränke standen bereit und auf den Tischen lagen reichlich volle Zigarettenschachteln rum, „Duett“ und/oder „Club“, wenn ich mich recht entsinne: Es waren jedenfalls hochpreisige und hochwertige Zigaretten, die dort angeboten wurden.

Meine Eltern waren vorsichtig, um nicht zu sagen misstrauisch: Auch wenn der Offizier einleitend betonte, dass jeder frei reden könne, dass keine Repressalien zu befürchten seien und auch keine Tonbandaufnahmen gemacht werden würden: Ich wurde zum Schweigen vergattert.

Daran habe ich mich auch brav und folgsam gehalten – bis zur letzten oder einer der letzten Veranstaltungen: Ich war damals 16 oder 17 und mitten in meinem rebellischen Alter, streitlustig bis zum es-geht-nicht-mehr. Zum Entsetzen meiner Eltern habe ich mich auf eine intensive Diskussion mit diesem Offizier eingelassen, die mit einem Patt endete: Überzeugen konnte ich ihn wohl nicht – er mich aber auch nicht. Nur einmal gelang es mir, ihn in die Ecke zu treiben: Er stellte die (rhetorische) Frage, was denn die West-Alliierten, speziell die Amerikaner, in Westberlin zu suchen hätten: Schließlich seien es russische Soldaten gewesen, die Berlin befreit hätten, dort wäre ausschließlich russisches und kein Tropfen amerikanisches Blut vergossen worden. Als ich ihn aber dann gefragt habe, warum denn in Teilen Thüringens und Sachsen-Anhalts heute russische Truppen und keine Amis stationiert wären, schließlich seien diese Gebiete von Amerikanern erobert worden, flüchtete er sich in wachsweiche Begründungen und Ausflüchte.

Oh Mann, was haben mir meine Eltern danach für einen Einlauf verpasst! Aber der Offizier hatte wohl die Wahrheit gesagt, jedenfalls haben weder meine Verwandten noch meine Eltern oder ich danach irgendwelche Repressalien verspürt. Und die im vorherigen Beitrag beschriebene Willkür-Kontrolle fand mehr als 10 Jahre und mehr als 10 Besuche später statt: An einen Zusammenhang mag ich nicht glauben, dazu wäre vorher Zeit und Gelegenheit genug gewesen.


zuletzt bearbeitet 08.03.2013 16:10 | nach oben springen

#90

RE: West-Ost-Gedanken 1958 bis 1989

in DDR Zeiten 08.03.2013 14:37
von Moskwitschka (gelöscht)
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herum

Zitat von Dandelion im Beitrag #86


Ich bin „gelernter Wessi“, der vor mehr als 5 Jahren sehr bewusst und sehr absichtsvoll in den Osten Berlins gezogen ist.




Hallo Löwenzahn,

Im Teil 2 Deiner Erinnerungen schreibst Du über die "Rotlichbestrahlungen" während deiner Aufenthalte in der DDR. Wenn die so eine starke Langzeitwirkung hatten, dass Du heute im tiefsten Osten lebst, dann mag ich mir garnicht ausdenken, was passiert wäre, wenn alle Wessis mal die DDR besucht hätten?

Kann mir jemand sagen mit welchem Ziel diese "Aufklärung" der Brüder und Schwestern aus dem Westen statt fand und warum sie um 1970 herum eingestellt wurde. Stand das im Zusammenhang mit der einsetzenden Entspannungspolitik der Brandt-Regierung?

LG von der grenzgaengerin


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#91

RE: West-Ost-Gedanken 1958 bis 1989

in DDR Zeiten 08.03.2013 15:20
von Gelöschtes Mitglied
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Meine Gedanken und Erinnerungen – Teil 3

Mit diesem Beitrag möchte ich meine „Grenzerfahrungen“ (nicht im psychologischen, sondern im ganz realen Sinne gemeint) abschließen.

Den Jahreswechsel 89/90 wollten wir bei unseren Verwandten in der Altmark verbringen. Wie immer haben sie sich sehr frühzeitig um die Dokumente gekümmert und unsere Einreise beantragt; die Einreise- und Aufenthaltsgenehmigung erhielt ich deshalb schon im September oder Oktober 89 per Post zugeschickt.

Dann kam der 09.11. – und plötzlich war alles anders. Ich habe diese Nacht mit Tränen in den Augen vor dem Fernseher verbracht, nicht glauben könnend, was ich da sah, was ich da hörte: Zu fest hatte sich in mir verankert, dass es zwei Staaten mit dem Namen „Deutschland“ gab, dass ich relativ problemlos einreisen konnte und dass ich meine Verwandten nur einzeln und nur zu besonderen Anlässen selber als Besuchter empfangen konnte.

Natürlich haben wir den Besuch wie geplant durchgeführt. Allerdings sind wir abweichend von der bisherigen Praxis tagsüber und nicht kurz nach Mitternacht zur Grenze gefahren. In dem Überschwang der Gefühle hat meine Frau noch in einem kleinen Geschäft auf der bundesdeutschen Seite einen Blumenstrauß gekauft, den wir dem ersten, ziemlich überraschten, aber hocherfreuten Grenz-Kontrollbeamten in die Hand gedrückt haben.

Und dann kam ein ganz tief bewegendes Erlebnis: In der Kontrollstelle standen die beiden Tore offen und es waren keine seelenlosen Roboter, die uns in Empfang nahmen, sondern – Menschen. Menschen mit einem Lachen im Gesicht, mit fröhlichen Mienen, die sich mit uns gefreut, mit uns gescherzt haben. Nach all den negativen Erlebnissen, nach all der Unsicherheit, der Beklemmung, bei meiner Frau teilweise sogar Angst war das eine Situation, die treffend zu beschreiben mir die Worte fehlen.

Und auch der Aufenthalt während dieser 4 oder 5 Tage war so anders als sonst, so anders als gewohnt: Wie oft hatte ich bedauert, dass ich mit den Jungs (mein Cousin, ein Jahr jünger als ich, und dem Ehemann meiner Cousine, 3 Jahre jünger) nicht mal gemeinsam z.B. bei einem Chinesen essen gehen oder ein (West)Bier trinken gehen konnten.

In dieser Zeit wurden viele neue (oder besser: alte) Straßenverbindungen wieder geöffnet: Eine breite Öffnung in den Grenzanlagen, ein Abfertigungscontainer – fertig war der provisorische Übergang. Meine Frau hat uns drei über einen dieser neuen Übergänge in die nächstgelegene Stadt im Westen gebracht (war ja nicht weit, meine Verwandten wohnten dicht am Sperrgebiet) und wir haben Ort und Zeit für die Abholung vereinbart. Sie ist dann zurückgefahren und wir haben meinen Plan in die Praxis umgesetzt – und wie! Vor lauter Freude haben wir uns tierisch besoffen (mein Cousin meinte am nächsten Morgen: „Mann, waren wir straff – mit mindestens drei, wahrscheinlich sogar vier f geschrieben!“) und waren voll wie die Haubitzen, als sie uns zur vereinbarten Zeit wieder abgeholt hat. Am nächsten Tag erzählte sie mir, dass der Grenzer (er war sowohl für die Aus- wie auch die Einreise zuständig – und an dem Übergang war kaum was los) sie beim dritten Übertritt, als sie uns abholen wollte, angesprochen habe: Er war etwas verwundert über ihre Pendelei. Sie sagte ihm, dass sie ihre Jungs abholen wolle, die sich vermutlich gerade in irgendeiner Kneipe die Kante geben würden. „Da wäre ich auch gerne dabei“ war sein einziger Kommentar.

Und somit schloss sich für mich das Thema „Grenzkontrolle“ mit einem sehr schönen, sehr menschlichen Erlebnis. Für das ich heute noch dankbar bin und das sich fest in meiner Erinnerung eingegraben hat.


GKUS64, Rainman2 und Svenni1980 haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 08.03.2013 16:15 | nach oben springen

#92

RE: West-Ost-Gedanken 1958 bis 1989

in DDR Zeiten 08.03.2013 15:21
von DoreHolm | 7.707 Beiträge

Zitat von Dandelion im Beitrag #89
Meine Gedanken und Erinnerungen - Teil 2

Wie so oft fällt mir im Nachhinein noch einiges zu einem Thema ein, wenn ich darüber geschrieben habe. Das Thema „Gefühle beim Grenzübertritt“ möchte ich deshalb erweitern und auch über ein Erlebnis berichten.

Bei den Grenzkontrollen hatte ich nie (abgesehen von der letzten Kontrolle kurz vor Sylvester 89) das Gefühl, willkommen zu sein. Ich war eher so etwas wie ein lästiges Insekt, ein notwendiges Übel, das politisch so gewollt war und das man deshalb hinnehmen musste, ohne es wirklich zu akzeptieren. Bitte nicht missverstehen, ich weiß, dass der Vergleich hinkt und dass die Gesamtsituation absolut nicht vergleichbar ist, aber so ähnlich stelle ich mir auch die Gefühle eines Asylbewerbers vor: Ebenfalls nicht willkommen, ebenfalls nur geduldet und nicht erwünscht.

Ich habe mich damals oft gefragt, warum die DDR-Oberen nicht die gleichen, rigorosen Bedingungen und Restriktionen an die Einreise von Bürgern aus der BRD geknüpft haben, wie die an die Ausreise der eigenen Bevölkerung galten. Oder einfacher gefragt: Warum durften Wessis überhaupt einreisen. Heute vermute ich sehr stark, dass das der Preis dafür war, den die DDR zahlen musste, um den innerdeutschen Handel zu beleben: Man war damals offensichtlich zu sehr vielen Zugeständnissen bereit, um an die dringend benötigten Devisen zu kommen.

Und ich möchte auch noch über eine kurze Episode aus den Gesprächen berichten, zu denen die West-Besucher bis (aus der Erinnerung heraus) Ende der 60er Jahre gebeten wurden: Die Einladungen gingen an die Besucher und ihre DDR-Verwandten, die Veranstaltungen fanden im besten Hotel der Stadt statt. Kaffee und Erfrischungsgetränke standen bereit und auf den Tischen lagen reichlich volle Zigarettenschachteln rum, „Duett“ und/oder „Club“, wenn ich mich recht entsinne: Es waren jedenfalls hochpreisige und hochwertige Zigaretten, die dort angeboten wurden.

Meine Eltern waren vorsichtig, um nicht zu sagen misstrauisch: Auch wenn der Offizier einleitend betonte, dass jeder frei reden könne, dass keine Repressalien zu befürchten seien und auch keine Tonbandaufnahmen gemacht werden würden: Ich wurde zum Schweigen vergattert.

Daran habe ich mich auch brav und folgsam gehalten – bis zur letzten oder einer der letzten Veranstaltungen: Ich war damals 16 oder 17 und mitten in meinem rebellischen Alter, streitlustig bis zum es-geht-nicht-mehr. Zum Entsetzen meiner Eltern habe ich mich auf eine intensive Diskussion mit diesem Offizier eingelassen, die mit einem Patt endete: Überzeugen konnte ich ihn wohl nicht – er mich aber auch nicht. Nur einmal gelang es mir, ihn in die Ecke zu treiben: Er stellte die (rhetorische) Frage, was denn die West-Alliierten, speziell die Amerikaner, in Westberlin zu suchen hätten: Schließlich seien es russische Soldaten gewesen, die Berlin befreit hätten, dort wäre ausschließlich russisches und kein Tropfen amerikanisches Blut vergossen worden. Als ich ihn aber dann gefragt habe, warum denn in Teilen Thüringens und Sachsen-Anhalts heute russische Truppen und keine Amis stationiert wären, schließlich seien diese Gebiete von Amerikanern erobert worden, flüchtete er sich in wachsweiche Begründungen und Ausflüchte.

Oh Mann, was haben mir meine Eltern danach für einen Einlauf verpasst! Aber der Offizier hatte wohl die Wahrheit gesagt, jedenfalls haben weder meine Verwandten noch meine Eltern oder ich danach irgendwelche Repressalien verspürt. Und die im vorherigen Beitrag beschriebene Willkür-Kontrolle fand mehr als 10 Jahre und mehr als 10 Besuche später statt: An einen Zusammenhang mag ich nicht glauben, dazu wäre vorher Zeit und Gelegenheit genug gewesen.



Rot: Da war der Offizier aber schlecht geschult für eine solche Diskussion. Als er diese Frage nach der Anwesenheit der Alliierten in WB stellte, hat er doch gewußt, daß dieses Gegenargument mit Thüringen kommen könnte. Die Tatsachen aus den Verträgen der Siegerstaaten vor der Kapitulation hat er ganz sicher gewußt, das war simples Schulwissen aus dem Geschichtsunterricht. Oder hat er etwa den Kardinalfehler gemacht, seine Gesprächspartner ob ihres Intellektes zu unterschätzen ?



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#93

RE: West-Ost-Gedanken 1958 bis 1989

in DDR Zeiten 08.03.2013 15:33
von Gelöschtes Mitglied
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Zitat
Da war der Offizier aber schlecht geschult für eine solche Diskussion. Als er diese Frage nach der Anwesenheit der Alliierten in WB stellte, hat er doch gewußt, daß dieses Gegenargument mit Thüringen kommen könnte. Die Tatsachen aus den Verträgen der Siegerstaaten vor der Kapitulation hat er ganz sicher gewußt, das war simples Schulwissen aus dem Geschichtsunterricht. Oder hat er etwa den Kardinalfehler gemacht, seine Gesprächspartner ob ihres Intellektes zu unterschätzen ?



Ich habe mir danach auch die Frage gestellt, welcher Teufel ihn damals wohl geritten haben mag, sich auf so dünnes Eis zu begeben: Der historische Frontverlauf vom 08.05.1945 war ja nun mal gegeben und nicht wegzudiskutieren, auch wenn er in weiten Teilen im Westen - zumindest, was meine Generation betraf - nicht sonderlich gut bekannt war. In der Schule haben wir damals jedenfalls nichts darüber gelernt und ich bekam den entscheidenden Hinweis auf die Situation zu Kriegsende von meinen Verwandten in der DDR. Und der Rest war dann relativ einfach: Ein Freund von mir studierte damals bereits und in der Universitätsbibliothek fand er dann die Karten, in die der Frontverlauf am Tag der Kapitualtion eingezeichnet war.


zuletzt bearbeitet 08.03.2013 15:34 | nach oben springen

#94

RE: West-Ost-Gedanken 1958 bis 1989

in DDR Zeiten 08.03.2013 16:52
von Gelöschtes Mitglied
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Ein Nachtrag der nicht so schrecklich ernst gemeinten Art

Wenn ich so penibel und pingelig ware, wie es meine Lebensgefährtin oft von mir behauptet, dann hätte ich meine Beiträge hier nicht schreiben dürfen: Meine erste Ost-West-Erinnerung datiert auf das Jahr 1956, denn da habe ich erstmalig die DDR besucht und meine Oma, Onkel und Tanten sowie Cousin und Cousine kennen gelernt.

Eine Situation ist mir besonders in Erinnerung geblieben: Hannover Hbf. Es war kurz vor Weihnachten; wir sind mit der Bahn gefahren und mussten in Hannover umsteigen, um via Oebisfelde den Anschlusszug zum Zielort zu erreichen. Die Züge waren hoffnungslos überfüllt, ich erinnere mich noch, dass Menschen durch die Fenster in die Züge geklettert sind und andere ihnen ihre Koffer auf diesem Weg nachgereicht haben. Und durch die Fenster konnte ich sehen, dass Passagiere in den Gepäcknetzen lagen, weil am Boden einfach kein Platz mehr war.

So verbrachten wir mehr als 14 Stunden auf diesem elenden, zugigen und lausig kalten Bahnsteig: Neben den fahrplanmäßigen kamen immer wieder nicht angekündigte Sonderzüge und meine Eltern wollten nicht riskieren, eine dieser Mitfahrgelegenheiten zu verpassen. Aber irgendwann haben wir es dann doch geschafft, konnten einen dieser Züge auf normalem Weg betreten und die restlichen Kilometer bis zur Grenze zurücklegen.

Mein armer Onkel hatte seine eigenen Probleme mit der Verspätung: Meine Verwandten wohnten damals noch nicht in der Kreisstadt mit Bahnanschluss, sondern in einem Dorf in der Umgebung. Er wollte und musste uns deshalb vom Bahnhof abholen, denn allein hätten wir wir den Weg nie gefunden, er wäre zudem zu weit gewesen und ein Taxi gab es nicht. Ein eigenes Auto hatte er allerdings auch nicht und er hat sich deshalb irgendwo oder bei irgendwem einen fahrbaren Untersatz besorgt. Meine Eltern haben ihn vorher brieflich über den voraussichtlichen Ankunftstermin informiert (Telefon hatten weder er noch wir) und so stand er treu und brav und voller Erwartung am Bahnhof, um uns abzuholen. Und als wir nicht erschienen, fuhr er wieder nach Hause, um pünktlich zur Ankunft des nächsten Zuges aus Oebisfelde wieder am Bahnhof zu sein. Ich weiß nicht, wie oft der arme Kerl die Strecke gefahren ist, bis wir endlich erschöpft und müde angekommen sind.


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#95

RE: West-Ost-Gedanken 1958 bis 1989

in DDR Zeiten 09.03.2013 10:18
von Barbara (gelöscht)
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Zitat von grenzgaengerin im Beitrag #73
Zitat von Lutze im Beitrag #71
Zitat von grenzgaengerin im Beitrag #67
Zitat von Barbara im Beitrag #65


Jaaaaaaaaa! Du bist genial!!!! Her mit der Geschichte, ich werde auch nochmal die ein oder andre Reportage angucken und hier einstellen... Supi!




Liebe Barbara,

in Moskau habe ich eine Zeit lang mit meinen Eltern im Grusinski pereulok, in der Nähe des Belorussischen Bahnhofs gewohnt. Da stand ein riesiger Neubau, der ausschließlich von Ausländern bewohnt war, die in der Sowjetunion ihre Länder verteten haben und in den verschiedensten Bereichen tätig waren. Sie kamen aus allen Erdteilen und es gab keine Trennung zwischen soz. Ländern und nichtsozialistischen Ländern.

In unserm Aufgang wohnte unter anderem Lothar Löwe. Der gute Mann hat für die Entsorgung seines Altpapiers eine geniale Lösung gefunden. Statt wie alle, es in den Müllschlucker zu werfen, hat er seine Zeitschriften daneben gelegt. So habe ich „hochoffiziell“ schon mit 10/11 Jahren den Spiegel und den Stern gelesen. Habe zwar nicht alles verstanden, aber es hat mir einen Einblick in die Gedankenwelt der „anderen“ Deutschen gegeben.

LG von der grenzgaengerin


Klasse Mann dieser Lothar Löwe,hast du dich für die Zeitschriften auch bedankt?
Lutze


Hallo Lutze,

ich habe selbst erst 2007 in einem langen Gespräch mit meinem Vater erfahren, dass Lothar Löwe der edle Spender war.

1967/68 hatte ich mit meinem Vater wegen der Zeitschriften eine mächtige Auseinandersetzung. Das hat mich jedoch noch mehr bestärkt. Ich bin dann immer nach dem Unterricht mit meiner Schulmappe zum Müllschlucker gelaufen und habe nur noch die Hochglanzeitschriften mitgenommen. Vom Format am besten zu transportieren und in meinem Zimmer verschwinden zu lassen. Im Stapel meiner Frösis und ABC - Zeitungen sind sie nicht weiter aufgefallen. Die Zeit und Tageszeitungen habe ich liegengelassen. Die waren aber nach kurzer Zeit auch alle weg. Wenn man so will, bin ich da ganz schön konspirativ vorgegangen. Nur nicht auffallen, war meine Devise.

Als mein Vater mir den Hintergrund der Geschichte erzählte, wollte ich immer wieder mal Lothar Löwe schreiben. Doch wie es so im Leben ist, schiebt man es immer wieder auf oder man vergisst es, bis es zu spät ist. 2010 ist Lothar Löwe gestorben.

Es ist aber schön, dass Lothar Löwe heute und hier Beifall bekommt. Ein nachträgliches Danke schön.

LG von der grenzgaengerin





... das ist ja eine schöne Geschichte.

Wir sollten uns auch denen zuwenden, die versucht haben, es anders zu machten, nicht auf die Propaganda-Pauke schlugen, denn es hat sie ja offensichtlich gegeben..... DAs gilt m.E. auch heute ................Danke!
Ich such auf jeden Fall nochmal was von Löwe raus...


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#96

RE: West-Ost-Gedanken 1958 bis 1989

in DDR Zeiten 09.03.2013 10:44
von Barbara (gelöscht)
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Zitat von Ari@D187 im Beitrag #77
Zitat von Barbara im Beitrag #3
.... und was mir gerade noch eingefallen ist:
Wenn ein DDR-Sportler irgendwo eine Medaille oder so was geholt hat: bei den sportlich Interessierten hier konnte man "Stolz" darauf spüren - Nationalstolz! Auch interessant.....

Hallo Barbara,

das kann ich so nicht bestätigen.
Wie Du auch schriebst, war für mich die DDR das ultimative, fast unerreichbare Ausland. Wenn ein DDR-Sportler gewann, dann war mir das bei ansonsten keinem weiteren Teilnehmer aus der Bundesrepublik zunächst einmal gleichgültig. Setzte sich ein DDR-Sportler gegen einen aus der Bundesrepublik durch, dann war das die Niederlage schlechthin.

Meine Oma lebte bis 1939 in Berlin Friedrichshain und sie kehrte niemals mehr dorthin zurück - aus Angst. Evtl. hat mich das mitgeprägt.

Gruß
Ari




Hallo Ari,

meine Bemerkung wegen des Sports:
damit meinte ich nicht die offizielle Berichterstattung, sondern meine Umfeld-Wahrnehmung. Ich bin nicht sonderlich sportinteressiert, aber meine Brüder haben immer vorm TV gesessen mit Kumpeln. Und ich meine mich zu erinnern, dass es immer anerkennende Worte für DDR Sportler gab, vielleicht nicht unbedingt im unmittelbaren "Duell" mit der BRD.
Und das klang dann mitunter sinngemäß bei der guten Leistung eines DDR-Sportlers so: "Ist ja nicht anders zu erwarten - als Deutscher!"
Das Nationalgefühl ist offensichtlich auch sehr vielschichtig........ Ist ein höchst subjektiver Erinnerungsfetzen meinerseits.......


Deine "Angstprägung" kommt aus der Geschichte deiner Oma - kann ich sehr gut verstehen.
Resultierte deren Angst zwar aus einer ganz anderen Zeit - die der Nazis - überträgt sich für ein Kind eine universelle Bedrohung. Bei dir auf das "Friedrichshain der DDR", das für die Nazis nichts konnte.
Ich habe das auch schonmal versucht zu formulieren: Kinder wachsen in ein "Klima" hinein, dem sie ausgeliefert sind. Ich glaube dass das nicht aufgearbeitete Trauma der Nazi-Zeit - hüben wie drüben - ganz erheblich zur Eigen- und Gegenüber-Wahrnehmung beider deutscher Staaten beigetragen hat. (Wer Interesse hat - Bucht: Margret und Alexander Mitscherlich: Die Unfähigkeit zu Trauern.)
Unserer Eltern-Generation steckte das ganz tief in den Knochen und sie konnten oder wollten damals nicht darüber reden, denn in den 50 Jahren hieß es einfach: Bau auf. Unsere Generation hat "Bedrohung" mit der Muttermilch aufgesogen. Wir Kinder hatten nicht die geringste Chance, zu einer sachlichen Wahrnehmung unseres eigenen Landes und schon gar nicht des jeweils anderen Deutschland.

Wir haben mitten drin gesteckt, das versuchen wir heute so mühsam auseinander zu puzzlen. Schön, dass du auch dabei mitmachst....
Herzlicher Gruß
Barbara


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#97

RE: West-Ost-Gedanken 1958 bis 1989

in DDR Zeiten 09.03.2013 11:22
von Moskwitschka (gelöscht)
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Zitat von Barbara im Beitrag #96


Unserer Eltern-Generation steckte das ganz tief in den Knochen und sie konnten oder wollten damals nicht darüber reden, denn in den 50 Jahren hieß es einfach: Bau auf. Unsere Generation hat "Bedrohung" mit der Muttermilch aufgesogen. Wir Kinder hatten nicht die geringste Chance, zu einer sachlichen Wahrnehmung unseres eigenen Landes und schon gar nicht des jeweils anderen Deutschland.




Liebe Barbara,

so pauschal würde ich das nicht stehen lassen wollen. Das Problem ist eher, dass die, die anders dachten auf beiden Seiten der Grenze, sich nicht durchsetzen konnten. Widerspruch wird vom Staat, egal in welcher Gesellschaftsform, immer als Bedrohung gesehen. So auch die 68-iger Bewegung, die sich nicht zuletzt gegen diese Sprachlosigkeit formierte.

Ein weites Feld.

LG von der grenzgaengerin


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#98

RE: West-Ost-Gedanken 1958 bis 1989

in DDR Zeiten 09.03.2013 11:56
von Barbara (gelöscht)
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Zitat von grenzgaengerin im Beitrag #97
Zitat von Barbara im Beitrag #96


Unserer Eltern-Generation steckte das ganz tief in den Knochen und sie konnten oder wollten damals nicht darüber reden, denn in den 50 Jahren hieß es einfach: Bau auf. Unsere Generation hat "Bedrohung" mit der Muttermilch aufgesogen. Wir Kinder hatten nicht die geringste Chance, zu einer sachlichen Wahrnehmung unseres eigenen Landes und schon gar nicht des jeweils anderen Deutschland.




Liebe Barbara,

so pauschal würde ich das nicht stehen lassen wollen. Das Problem ist eher, dass die, die anders dachten auf beiden Seiten der Grenze, sich nicht durchsetzen konnten. Widerspruch wird vom Staat, egal in welcher Gesellschaftsform, immer als Bedrohung gesehen. So auch die 68-iger Bewegung, die sich nicht zuletzt gegen diese Sprachlosigkeit formierte.

Ein weites Feld.

LG von der grenzgaengerin



... ja natürlich, ich habe das sehr allgemein formuliert.
Aber denk mal: seine Oma hat 1939, aus welchen Gründen auch immer, Friedrichshain verlassen und das hat sein DDR-Bild mitgeprägt !
Ich habe für mich auch festgestellt, dass "mein Gefühl" (also das Nicht-Artikulierbare) zur DDR auch aus viel tieferen Hintergründen resultiert...
Ich finde das sehr spannend!


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#99

RE: West-Ost-Gedanken 1958 bis 1989

in DDR Zeiten 09.03.2013 20:04
von Moskwitschka (gelöscht)
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Zitat von Barbara im Beitrag #98


... ja natürlich, ich habe das sehr allgemein formuliert.
Aber denk mal: seine Oma hat 1939, aus welchen Gründen auch immer, Friedrichshain verlassen und das hat sein DDR-Bild mitgeprägt !
Ich habe für mich auch festgestellt, dass "mein Gefühl" (also das Nicht-Artikulierbare) zur DDR auch aus viel tieferen Hintergründen resultiert...
Ich finde das sehr spannend!





Liebe Barbara,

ich gebe zu, dass ich sehr stark von der Lehre des dialektischen Materialismus geprägt bin. Und bei diesem Thread fällt mir immer wieder der Satz von Marx ein: „Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein“. Ich möchte jetzt keine Diskussion vom Zaun brechen, über die Anwendung der marxschen Lehre im ehemals real existierenden Sozialismus, sondern ihn gern als rein philosophische Aussage stehen lassen.

Nehmen wir das Beispiel Friedrichshain. Ich als Berlinerin kenne die Geschichte meiner Stadt. Und bei Friedrichshain in den 30-gern fällt mir automatisch „Arbeiterbezirk“ ein. An dieser Stelle greife ich der Einfachheit halber auf Zitate zurück:

„Friedrichshain war in den 1920er und 1930er Jahren eine Hochburg der Sozialdemokraten und Kommunisten. Im Zuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten kam es in Friedrichshain immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen mit den Schlägertrupps der SA, in deren Folge das SA-Mitglied Horst Wessel getötet wurde. Die Nationalsozialisten nutzten diesen Anlass zu zahlreichen Übergriffen und Morden an politisch Andersdenkenden. Von 1933 bis 1945 trug der Bezirk den Namen Horst-Wessel-Stadt. In den 1930er Jahren hatte er etwa 340.000 Einwohner. Eine beträchtliche Veränderung des Bezirksgebietes fand 1938 statt, als ihm die westlich der Ringbahn gelegenen Teile des Bezirks Lichtenberg eingegliedert wurden, die den Großteil des historischen Gebietes Friedrichsberg sowie Boxhagen ausmachen.
Im Zweiten Weltkrieg wurden große Teile Friedrichshains durch die Luftangriffe der Alliierten und den Häuserkampf in der Schlacht um Berlin zerstört.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Berlin-Friedrichshain

Und hier ein Bericht einer Zeitzeugin:

„1939 feierten wir noch gemeinsam im "Rheinischen Hof" an der Ecke Kopernikusstraße Sylvester. Mit dem Jahr 1940 wurde der Kreis meiner Jugendfreunde immer kleiner. Einer nach dem anderen wurde Soldat. 1943 wurde auch ich mit meiner Dienststelle nach Erfurt evakuiert.
Wenige Tage vor Kriegsende konnte ich wieder nach Berlin zurückkehren und zog wieder in die Hinterhauswohnung meiner Eltern. In diesem Hinterhaus erlebte ich den letzten Bombenangriff auf Berlin. In unsere Hinterhöfe fiel eine Phosphorbombe, ich glaube, 60 Zentner schwer. Die Mauer auf dem Hof war zu Beginn des Krieges abgerissen worden. Dadurch konnten wir versuchen, die Menschen aus dem Keller des Nachbarhauses in der Libauer Straße zu retten. Es war vergebens. 74 Menschen fanden in den Kellern dieses Hauses einen schrecklichen Tod durch Phosphorbrand.“

http://www.friedrichshain-magazin.de/arc...-01/text02.html

Ich verstehe die Großmutter von ari sehr gut, dass sie unmittelbar nach Kriegsende nicht mehr nach Friedrichshain zurückkehren wollte. Friedrichshain gab es ja praktisch nicht mehr. Der Stadtteil zerbombt, die Menschen entweder tot oder in allen Himmelsrichtungen verstreut.

Doch die Geschichte ging ja weiter. Friedrichshain gehörte zur sowjetischen Besatzungszone. Und man sollte die nationalsozialistische Propaganda gegen die Sowjetunion und Russen nicht unterschätzen, zumal nicht wenige Fälle von Plünderungen und Vergewaltigungen durch Rotarmisten nach Kriegsende publik wurden. Ich als Frau, die um das Wohl ihrer Familie bemüht ist, hätte mir auch dreimal überlegt dorthin zurück zu kehren.

Den ausschlaggebenden Bruch der Großmutter wird wohl 1953 gewesen sein. Man hat damals immer von der Stalinallee gesprochen, von der die Streiks der Bauarbeiter ausgingen die zum Aufstand des 17. Juni führten. Diese Stalinallee führte auch durch Friedrichshain.

Ich denke, das ist auch die Prägung von ari, die er durch die ganz persönliche Familiengeschichte erfahren haben könnte. Das „Sein“ was ihn geprägt hat. Und es gibt unzählige Familien bei denen es Tabus gibt, an denen man nicht rüttelt. Nicht zuletzt auch aus Rücksicht, um nicht alte Wunden wieder auf zu reißen.

Der Einzelfall ist für mich meist nachvollziehbar. Kritisch wird es, wenn „kollektive“ Erlebnisse aus der Geschichte herausgehoben dargestellt werden.

Nehmen wir die Stadt Dresden. Jahr für Jahr wird der Zerstörung durch britische und US-amerikanische Bomber gedacht. Ich gestehe zu, dass Dresden ein Symbol ist. Doch wer hat es zum Symbol gemacht?

Warum ist nicht Pforzheim auch Symbol des Erinnerns? Warum erfahre ich erst von dem Leid der Pforzheimer, wenn ich zufällig oder beruflich bedingt mit dieser Stadt konfrontiert werde?

„Am 23. Februar 1945 wurde die Stadt beim Luftangriff auf Pforzheim von 379 britischen Bombern fast völlig zerstört. Innerhalb von 22 Minuten fanden 17.600 Menschen den Tod.[17] Die Bomben und der Feuersturm, der sich in der eng bebauten Altstadt entwickelte, töteten fast ein Drittel der anwesenden Bevölkerung. Gemessen an den Opferzahlen war es nach den Bombardierungen von Hamburg und Dresden der drittstärkste Angriff alliierter Bomber während des Zweiten Weltkriegs. 98 % des Stadtzentrums wurden zerstört. Pforzheim gehörte damit zu den am stärksten zerstörten Städten während des Kriegs. Insgesamt war dieser Angriff der konzentrierteste und „erfolgreichste“ der Alliierten. Sein Ziel war (wie anderswo) auch die Demoralisierung der Bevölkerung; vielleicht spielte auch die feinmechanische Industrie eine Rolle, die während der Kriegsjahre weitgehend auf die Produktion von Zündern umgestellt hatte. Da die Betriebe teilweise jedoch ausgelagert worden waren, galt der Angriff möglicherweise auch direkt der Altstadt, die mit ihren Fachwerkhäusern als schnell brennendes Ziel ausgewählt wurde.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Pforzheim

Ich denke unser historisches Bewusstsein ist nicht nur allein durch die Familie(ngeschichte) geprägt, sondern nicht zuletzt durch den Geschichtsunterricht in der Schule, der durch die jeweiligen politischen Eliten geprägt wurde und wird. Und wenn wir nicht aufpassen, wird es genau so mit unserer jüngeren Geschichte passieren. Man nimmt die Geschichte der DDR und packt sie in die Schublade „Diktatur und Unrecht“, die politischen Eliten aus West und Ost entledigen sich der eigenen Verantwortung, und nachfolgende Generationen werden sich an neuen Tabus und weißen oder schwarzen Flecken ihrer Familiengeschichte reiben. Dabei ist unsere gemeinsame deutsche Geschichte sehr vielfälltig und bestimmt nicht nur in schwarz oder weiss einzuteilen.

Ich musste das einfach mal los werden. Auch, weil ich manchmal hilflos der öffentlichen Darstellung und Wahrnehmung unserer Geschichte gegenüber stehe.

LG von der grenzgaengerin


DoreHolm und Damals87 haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#100

RE: West-Ost-Gedanken 1958 bis 1989

in DDR Zeiten 10.03.2013 02:53
von Barbara (gelöscht)
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Zitat von grenzgaengerin im Beitrag #99
Zitat von Barbara im Beitrag #98


... ja natürlich, ich habe das sehr allgemein formuliert.
Aber denk mal: seine Oma hat 1939, aus welchen Gründen auch immer, Friedrichshain verlassen und das hat sein DDR-Bild mitgeprägt !
Ich habe für mich auch festgestellt, dass "mein Gefühl" (also das Nicht-Artikulierbare) zur DDR auch aus viel tieferen Hintergründen resultiert...
Ich finde das sehr spannend!





Liebe Barbara,

ich gebe zu, dass ich sehr stark von der Lehre des dialektischen Materialismus geprägt bin. Und bei diesem Thread fällt mir immer wieder der Satz von Marx ein: „Das gesellschaftliche Sein bestimmt das Bewusstsein“. Ich möchte jetzt keine Diskussion vom Zaun brechen, über die Anwendung der marxschen Lehre im ehemals real existierenden Sozialismus, sondern ihn gern als rein philosophische Aussage stehen lassen.

Nehmen wir das Beispiel Friedrichshain. Ich als Berlinerin kenne die Geschichte meiner Stadt. Und bei Friedrichshain in den 30-gern fällt mir automatisch „Arbeiterbezirk“ ein. An dieser Stelle greife ich der Einfachheit halber auf Zitate zurück:

„Friedrichshain war in den 1920er und 1930er Jahren eine Hochburg der Sozialdemokraten und Kommunisten. Im Zuge der Machtergreifung der Nationalsozialisten kam es in Friedrichshain immer wieder zu blutigen Auseinandersetzungen mit den Schlägertrupps der SA, in deren Folge das SA-Mitglied Horst Wessel getötet wurde. Die Nationalsozialisten nutzten diesen Anlass zu zahlreichen Übergriffen und Morden an politisch Andersdenkenden. Von 1933 bis 1945 trug der Bezirk den Namen Horst-Wessel-Stadt. In den 1930er Jahren hatte er etwa 340.000 Einwohner. Eine beträchtliche Veränderung des Bezirksgebietes fand 1938 statt, als ihm die westlich der Ringbahn gelegenen Teile des Bezirks Lichtenberg eingegliedert wurden, die den Großteil des historischen Gebietes Friedrichsberg sowie Boxhagen ausmachen.
Im Zweiten Weltkrieg wurden große Teile Friedrichshains durch die Luftangriffe der Alliierten und den Häuserkampf in der Schlacht um Berlin zerstört.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Berlin-Friedrichshain

Und hier ein Bericht einer Zeitzeugin:

„1939 feierten wir noch gemeinsam im "Rheinischen Hof" an der Ecke Kopernikusstraße Sylvester. Mit dem Jahr 1940 wurde der Kreis meiner Jugendfreunde immer kleiner. Einer nach dem anderen wurde Soldat. 1943 wurde auch ich mit meiner Dienststelle nach Erfurt evakuiert.
Wenige Tage vor Kriegsende konnte ich wieder nach Berlin zurückkehren und zog wieder in die Hinterhauswohnung meiner Eltern. In diesem Hinterhaus erlebte ich den letzten Bombenangriff auf Berlin. In unsere Hinterhöfe fiel eine Phosphorbombe, ich glaube, 60 Zentner schwer. Die Mauer auf dem Hof war zu Beginn des Krieges abgerissen worden. Dadurch konnten wir versuchen, die Menschen aus dem Keller des Nachbarhauses in der Libauer Straße zu retten. Es war vergebens. 74 Menschen fanden in den Kellern dieses Hauses einen schrecklichen Tod durch Phosphorbrand.“

http://www.friedrichshain-magazin.de/arc...-01/text02.html

Ich verstehe die Großmutter von ari sehr gut, dass sie unmittelbar nach Kriegsende nicht mehr nach Friedrichshain zurückkehren wollte. Friedrichshain gab es ja praktisch nicht mehr. Der Stadtteil zerbombt, die Menschen entweder tot oder in allen Himmelsrichtungen verstreut.

Doch die Geschichte ging ja weiter. Friedrichshain gehörte zur sowjetischen Besatzungszone. Und man sollte die nationalsozialistische Propaganda gegen die Sowjetunion und Russen nicht unterschätzen, zumal nicht wenige Fälle von Plünderungen und Vergewaltigungen durch Rotarmisten nach Kriegsende publik wurden. Ich als Frau, die um das Wohl ihrer Familie bemüht ist, hätte mir auch dreimal überlegt dorthin zurück zu kehren.

Den ausschlaggebenden Bruch der Großmutter wird wohl 1953 gewesen sein. Man hat damals immer von der Stalinallee gesprochen, von der die Streiks der Bauarbeiter ausgingen die zum Aufstand des 17. Juni führten. Diese Stalinallee führte auch durch Friedrichshain.

Ich denke, das ist auch die Prägung von ari, die er durch die ganz persönliche Familiengeschichte erfahren haben könnte. Das „Sein“ was ihn geprägt hat. Und es gibt unzählige Familien bei denen es Tabus gibt, an denen man nicht rüttelt. Nicht zuletzt auch aus Rücksicht, um nicht alte Wunden wieder auf zu reißen.

Der Einzelfall ist für mich meist nachvollziehbar. Kritisch wird es, wenn „kollektive“ Erlebnisse aus der Geschichte herausgehoben dargestellt werden.

Nehmen wir die Stadt Dresden. Jahr für Jahr wird der Zerstörung durch britische und US-amerikanische Bomber gedacht. Ich gestehe zu, dass Dresden ein Symbol ist. Doch wer hat es zum Symbol gemacht?

Warum ist nicht Pforzheim auch Symbol des Erinnerns? Warum erfahre ich erst von dem Leid der Pforzheimer, wenn ich zufällig oder beruflich bedingt mit dieser Stadt konfrontiert werde?

„Am 23. Februar 1945 wurde die Stadt beim Luftangriff auf Pforzheim von 379 britischen Bombern fast völlig zerstört. Innerhalb von 22 Minuten fanden 17.600 Menschen den Tod.[17] Die Bomben und der Feuersturm, der sich in der eng bebauten Altstadt entwickelte, töteten fast ein Drittel der anwesenden Bevölkerung. Gemessen an den Opferzahlen war es nach den Bombardierungen von Hamburg und Dresden der drittstärkste Angriff alliierter Bomber während des Zweiten Weltkriegs. 98 % des Stadtzentrums wurden zerstört. Pforzheim gehörte damit zu den am stärksten zerstörten Städten während des Kriegs. Insgesamt war dieser Angriff der konzentrierteste und „erfolgreichste“ der Alliierten. Sein Ziel war (wie anderswo) auch die Demoralisierung der Bevölkerung; vielleicht spielte auch die feinmechanische Industrie eine Rolle, die während der Kriegsjahre weitgehend auf die Produktion von Zündern umgestellt hatte. Da die Betriebe teilweise jedoch ausgelagert worden waren, galt der Angriff möglicherweise auch direkt der Altstadt, die mit ihren Fachwerkhäusern als schnell brennendes Ziel ausgewählt wurde.“

http://de.wikipedia.org/wiki/Pforzheim

Ich denke unser historisches Bewusstsein ist nicht nur allein durch die Familie(ngeschichte) geprägt, sondern nicht zuletzt durch den Geschichtsunterricht in der Schule, der durch die jeweiligen politischen Eliten geprägt wurde und wird. Und wenn wir nicht aufpassen, wird es genau so mit unserer jüngeren Geschichte passieren. Man nimmt die Geschichte der DDR und packt sie in die Schublade „Diktatur und Unrecht“, die politischen Eliten aus West und Ost entledigen sich der eigenen Verantwortung, und nachfolgende Generationen werden sich an neuen Tabus und weißen oder schwarzen Flecken ihrer Familiengeschichte reiben. Dabei ist unsere gemeinsame deutsche Geschichte sehr vielfälltig und bestimmt nicht nur in schwarz oder weiss einzuteilen.

Ich musste das einfach mal los werden. Auch, weil ich manchmal hilflos der öffentlichen Darstellung und Wahrnehmung unserer Geschichte gegenüber stehe.

LG von der grenzgaengerin






Liebe Grenzgängerin,

ich bedanke mich sehr für deine ausführliche Schilderung und deine Stellungnahme! Und für die wertvollen historischen Informationen die du mir gibst, du weißt, wie wissbegierig ich bin, um immer besser zu verstehen!

Ich will gleich vorab sagen und das ist mir sehr wichtig:
Meine Äußerung bzgl. Ari’s Post war überhaupt nicht als Angriff auf die DDR, ihre damaligen Bürger und den Sozialismus gemeint. Ich wollte auch nicht die diesbezügliche Wahrnehmung auf die reine kindliche Prägung reduzieren. Ebenso wenig wollte ich wichtige historische Zusammenhänge außen vor lassen. Ich bin prinzipiell ein „nicht wertender“ und schon gar nicht verurteilender Mensch sondern gehe ganz ganz lange Weg..... aus Überzeugung.
Ich versuche mal zu erklären:
Ich habe im Kontext des Threads geschrieben, in dem u.a. wir „Wessis“ erzählt haben, wie unsere Wahrnehmung der DDR war, geprägt durch unsere Eltern, unsere Umwelt, unsere Medien, wie wir „Kinder unserer Zeit“ waren. Das war ja die Ausgangsfrage von GKUS64. Manche von uns hatten Kontakte in die DDR, waren öfter da, hatten ein realistischeres Bild, wie z.b. Schuddelkind. Wieder andere hatten lediglich die Schablone, die ihnen vor die Augen gehalten wurde, so wie ich und ich glaube auch Ari. (ich gebe zu, es ist ein bisschen schwierig über die Geschichte eines mir ja unbekannten Menschen zu spekulieren, aber vielleicht nehmen wir seine Geschichte als Beispiel.)

Der Wert dieses Threads, ein „Ost-West“-Dialog, besteht darin sich gegenseitig zu sagen: so war es, da stand ich an dem Punkt im Leben, vom Schicksal hingestellt. Eine Bestandsaufnahme der jeweils vermittelten Fakten und der damaligen Gefühlswelt – vor 30, 40, 50 Jahren. Und so tragen wir Fakten zusammen, bei manchen ist es einfach, bei anderen nicht. Und alles ist „Rückerinnerung“.....
Neben allen sehr konkreten Aspekten, die im gesamten Thread genannt wurden, hat mich Ari’s folgender Satz sehr nachdenken lassen:
„Meine Oma lebte bis 1939 in Berlin Friedrichshain und sie kehrte niemals mehr dorthin zurück - aus Angst. Evtl. hat mich das mitgeprägt.“
Ich habe gemerkt, dass mich etwas sehr berührt hat, er hat eine „unbestimmte Angst“ ausgedrückt, die möglicherweise durch seine Oma auf ihn übertragen wurde. Hier hatte ich spekuliert und eine Interpretation gewagt:
Seine Oma ist 1939 (nicht in den 50er Jahren!) aus Friedrichshain weg gegangen – meine Interpretation hier war: wegen der Nazis natürlich! Sie hatte Angst vor und wegen der Nazis, und Ari hat das (später!) als Kind mitbekommen, natürlich ohne intellektuell verstehen zu können.
Zentral für mich ist, dass er sagt: „Evtl. Hat mich das mitgeprägt.“ Hier habe ich interpretiert: „geprägt“ im Hinblick auf sein Gefühl, das er zur späteren DDR hatte (das mit dieser aber gar nichts zu tun hatte!), denn das früh-kindlich vermittelte Bild im Westen war: die „Rote Gefahr“ – ein – für ein Kind nicht fassbares Bedrohungsszenario, ein unbestimmtes Gefühl der Unsicherheit.
Wir sind beide Mütter, wir wissen wie sensitiv, wie empfindsam Kinder sind – und wie ausgeliefert den Dingen die sie nicht verstehen – aber dennoch fühlen!

Und jetzt kommt Barbara "Eigenes" ins Spiel:
Ari’s Satz hat mich an mich selbst erinnert! Wenn du meinen Eröffnungsbeitrag liest, auch in einigen anderen Beitragen habe ich versucht das zu beschreiben:
Etwas hat mich geprägt, das durch Fakten und intellektuelles Bewusstmachen nicht fassbar ist: eine unbestimmte Angst, ein Vakuum, eine Leere, eine Gefühl globaler „Unsicherheit“, die ich intensivst „reproduziert“ habe als ich im letzten Jahr in Berlin in den Resten der Mauerbrache saß. Eine „alte Angst“, die Angst meiner Eltern (bei Ari die Oma), die in einem menschenverachtenden Nazi-System aufwachsen mussten, durch einen bestialischen Krieg gehen mussten, die in jungen Jahren unvorstellbaren Horror gesehen haben, das Trauma einer ganzen Generation – einer Generation, die dann Kinder bekommt! Und diese Kinder wachsen wiederum vor dem Hintergrund des „kalten Krieges“ auf – „unbestimmte Angst“ wird weitergegeben, sie hat lediglich die Kulisse gewechselt. Feindbilder werden neu formuliert.......
Das war meine Interpretation von Ari’s Satz – ein zusätzlicher Aspekt zu unserem wichtigen Dialog, den wir hier alle zusammen führen.

Ich merke während des Schreibens, dass ich an eine Grenze im „Schriftlichen“ stoße, ich möchte so genau wie möglich meine Gedanken formulieren bei diesem so sensiblen Thema, und bin wahrscheinlich dennoch unvollständig und vielleicht sogar missverständlich. An einem Tisch zusammen sitzend hätte ich mich wahrscheinlich sehr viel einfacher verständlich machen können. Und ich bin mir vollkommen sicher, dass du mich verstanden hättest.
Ich bin sehr froh, dass ich dich kennen lernen kann, wir uns so austauschen können, für das Vertrauen, trotz der so unterschiedlichen Erlebnisse und Erfahrungen. Du bist eine so kluge Frau, ich lerne von dir! und ich freue mich, wenn wir weiter machen können all die „Grenzen“ zu enttarnen, im Bewusstsein, dass uns mehr eint als uns trennt!

Mit lieben und herzlichen Grüßen!
Barbara


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