#1

Vom WIR zum ICH

in DDR Zeiten 31.01.2013 19:14
von Ecki | 408 Beiträge

Meine Lieben,

als "gelernter DDR-Bürger" habe ich über das Betreffthema nachgedacht. In der DDR wohnte ich in einem großen Neubaugebiet, war glücklicher Besitzer einer Plattenbauwohnung mit Balkon, Fernheizung, Bad und warmen Wasser aus dem Wasserhahn. Meine Nachbarn waren Professoren, Straßenfeger usw. usf.. Wir haben gemeinsam Hausfeste u. a. organisiert, eigentlich, so mein Gefühl im Nachhinein, waren wir alle mehr oder weniger glücklich.

Dann kam die Wende. Die Solidarität war immer noch da. Dies zeigte sich z. B. darin, dass in den Geschäften unmittelbar nach der Einführung der D-Mark bei bestimmten Waren Zettel von Mitbürgern angebracht wurden, die darauf hinwiesen, dass es das angebotene Produkt woanders preiswerter zu haben war.

Aber diese Solidarität währte nicht lange. Die Professoren und andere, welche es sich leisten konnten, zogen weg. Zurück blieben die Straßenfeger und anderen Geringverdienenden. Aus dieser gesellschaftlichen Gruppe kam auch der Neuzuzug, ergänzt um Hartz-IV-Empfänger.

Es ist nicht mein Ansinnen, über diesen Prozess zu richten. Ich will nur sagen, dass es so und die Wiedervereinigung für die "Ossis" auch ein Schritt vom WIR zum ICH war.

Liebe Grüße

Ecki


Gott sei Dank!


PF75, Feliks D., passport, furry, Damals87 und Gohrbi haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#2

RE: Vom WIR zum ICH

in DDR Zeiten 31.01.2013 20:11
von Polter (gelöscht)
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Ein Rückschritt?
Wir können die Welt retten. Ich nicht!


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#3

RE: Vom WIR zum ICH

in DDR Zeiten 31.01.2013 20:15
von Fritze (gelöscht)
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Wir nicht ! Aber Mutti !!!!!!!!!!!


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#4

RE: Vom WIR zum ICH

in DDR Zeiten 31.01.2013 20:18
von Mike59 | 7.980 Beiträge

Zitat von Ecki im Beitrag #1
Meine Lieben,

als "gelernter DDR-Bürger" habe ich über das Betreffthema nachgedacht. In der DDR wohnte ich in einem großen Neubaugebiet, war glücklicher Besitzer einer Plattenbauwohnung mit Balkon, Fernheizung, Bad und warmen Wasser aus dem Wasserhahn. Meine Nachbarn waren Professoren, Straßenfeger usw. usf.. Wir haben gemeinsam Hausfeste u. a. organisiert, eigentlich, so mein Gefühl im Nachhinein, waren wir alle mehr oder weniger glücklich.

Dann kam die Wende. Die Solidarität war immer noch da. Dies zeigte sich z. B. darin, dass in den Geschäften unmittelbar nach der Einführung der D-Mark bei bestimmten Waren Zettel von Mitbürgern angebracht wurden, die darauf hinwiesen, dass es das angebotene Produkt woanders preiswerter zu haben war.

Aber diese Solidarität währte nicht lange. Die Professoren und andere, welche es sich leisten konnten, zogen weg. Zurück blieben die Straßenfeger und anderen Geringverdienenden. Aus dieser gesellschaftlichen Gruppe kam auch der Neuzuzug, ergänzt um Hartz-IV-Empfänger.

Es ist nicht mein Ansinnen, über diesen Prozess zu richten. Ich will nur sagen, dass es so und die Wiedervereinigung für die "Ossis" auch ein Schritt vom WIR zum ICH war.

Liebe Grüße

Ecki





Ach Ecki, freu dich! Endlich bist du aus deiner solidarischen Nische in die dich die DDR Diktatur, mit deinen anderen Mitbewohnern, gedrängt hat befreit. Jetzt darfst du, wenn du kannst, auf dem Weg nach oben auch einem Professor die Ellenbogen in die Rippen hauen - und musst nachts nicht unruhig schlafen, weil du deswegen Angst vor dem MfS hast.

Ist doch auch was.


Feliks D. und vogtlaenderjoe haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#5

RE: Vom WIR zum ICH

in DDR Zeiten 31.01.2013 20:27
von Lebensläufer | 1.235 Beiträge

Mal ne Frage in die Runde der geborenen Ostdeutschen: "Hatte man das mit dem Wir zum Ich eigentlich nicht schon vor der Wende gewusst?" Also wenn ich von meiner Denke ausgehe war mir zumindest bißchen klar, das der Westen kein Solidarverein ist, sein würde, sein wird. Denn darüber wurde doch breit und einigermaßen verständlich in den Kampfblätter der DDR getextet.

Wird wahrscheinlich nur Keiner gelesen haben und zugegeben, ND war Schlaftablette, der Rest ging. Weltbild war Spitze, auch das kleine Heft "WAS und WIE. Informationen, Argumente, Übersichten für den Agitator(aber eh, war nie Agitator Hand aufs Herz, nur Leser), das nur mal um zwei drei Hefte zu nennen.

Lebensläufer


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#6

RE: Vom WIR zum ICH

in DDR Zeiten 31.01.2013 20:44
von Ex-Huf (gelöscht)
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Zitat von Ecki im Beitrag #1
Meine Lieben,

als "gelernter DDR-Bürger" habe ich über das Betreffthema nachgedacht. In der DDR wohnte ich in einem großen Neubaugebiet, war glücklicher Besitzer einer Plattenbauwohnung mit Balkon, Fernheizung, Bad und warmen Wasser aus dem Wasserhahn. Meine Nachbarn waren Professoren, Straßenfeger usw. usf.. Wir haben gemeinsam Hausfeste u. a. organisiert, eigentlich, so mein Gefühl im Nachhinein, waren wir alle mehr oder weniger glücklich.

Dann kam die Wende. Die Solidarität war immer noch da. Dies zeigte sich z. B. darin, dass in den Geschäften unmittelbar nach der Einführung der D-Mark bei bestimmten Waren Zettel von Mitbürgern angebracht wurden, die darauf hinwiesen, dass es das angebotene Produkt woanders preiswerter zu haben war.

Aber diese Solidarität währte nicht lange. Die Professoren und andere, welche es sich leisten konnten, zogen weg. Zurück blieben die Straßenfeger und anderen Geringverdienenden. Aus dieser gesellschaftlichen Gruppe kam auch der Neuzuzug, ergänzt um Hartz-IV-Empfänger.

Es ist nicht mein Ansinnen, über diesen Prozess zu richten. Ich will nur sagen, dass es so und die Wiedervereinigung für die "Ossis" auch ein Schritt vom WIR zum ICH war.

Liebe Grüße

Ecki


Hallo Ecki,

nicht nur in diesem Deiner Eingangsbeiträge sprichst Du nachdenkenswerte Umstände an, die, von Dir formuliert nicht ostalgisch aufdringlich erscheinen.
Die von Dir beschriebenen seinerzeit solidarischen Gefühle zwischen den Menschen im Osten waren, so habe ich es in Erinnerung, den sehr häufigen Mangelerscheinungen im alltäglichen Leben geschuldet, wer kann wem helfen? Also immer gewissen "Notlagen".
Ich selbst habe erfahren, dass es auch nach der glücklicherweisen Wiedervereinigung unseres Vaterlandes vergleichbare solidarische Haltungen und Handlungen unaufgefordeterweise gab.
Nämlich bei den verheerenden Hochwassersituationen an Elbe und Oder in den Jahren 2002 und 2006, bei denen sich die Menschen hier (an der Elbe) untereinander sehr unterstützt haben und auch aus dem gesamten Bundesgebiet uneigennnützige Hilfe wahrgenommen wurde. Ich meine nicht die öffentlichkeitswirksamen Auftritte bestimmter Politiker!

Bei allem Lob der Verhältnisse stelle ich allerdings die Frage, müssen Menschen in unerwartete Not geraten, um Solidarität zu erfahren, oder würde es nicht auch alltäglich mit Rücksicht und/oder Anteilnahme gehen?

Vielleicht angreifbar, weil illiusonistisch?

VG Ex-Huf


glasi hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#7

RE: Vom WIR zum ICH

in DDR Zeiten 31.01.2013 20:54
von DoreHolm | 7.710 Beiträge

Zitat von Lebensläufer im Beitrag #5
Mal ne Frage in die Runde der geborenen Ostdeutschen: "Hatte man das mit dem Wir zum Ich eigentlich nicht schon vor der Wende gewusst?" Also wenn ich von meiner Denke ausgehe war mir zumindest bißchen klar, das der Westen kein Solidarverein ist, sein würde, sein wird. Denn darüber wurde doch breit und einigermaßen verständlich in den Kampfblätter der DDR getextet.

Wird wahrscheinlich nur Keiner gelesen haben und zugegeben, ND war Schlaftablette, der Rest ging. Weltbild war Spitze, auch das kleine Heft "WAS und WIE. Informationen, Argumente, Übersichten für den Agitator(aber eh, war nie Agitator Hand aufs Herz, nur Leser), das nur mal um zwei drei Hefte zu nennen.

Lebensläufer


grün: Stimmt. Horizont und WAS und WIE (kurz und bündig) hatte ich mir zur Pflichtlektüre gemacht. WuW je ein Exemplar für jede Brigade verteilt.



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#8

RE: Vom WIR zum ICH

in DDR Zeiten 31.01.2013 21:06
von DoreHolm | 7.710 Beiträge

Zitat von Ex-Huf im Beitrag #6
Zitat von Ecki im Beitrag #1
Meine Lieben,

als "gelernter DDR-Bürger" habe ich über das Betreffthema nachgedacht. In der DDR wohnte ich in einem großen Neubaugebiet, war glücklicher Besitzer einer Plattenbauwohnung mit Balkon, Fernheizung, Bad und warmen Wasser aus dem Wasserhahn. Meine Nachbarn waren Professoren, Straßenfeger usw. usf.. Wir haben gemeinsam Hausfeste u. a. organisiert, eigentlich, so mein Gefühl im Nachhinein, waren wir alle mehr oder weniger glücklich.

Dann kam die Wende. Die Solidarität war immer noch da. Dies zeigte sich z. B. darin, dass in den Geschäften unmittelbar nach der Einführung der D-Mark bei bestimmten Waren Zettel von Mitbürgern angebracht wurden, die darauf hinwiesen, dass es das angebotene Produkt woanders preiswerter zu haben war.

Aber diese Solidarität währte nicht lange. Die Professoren und andere, welche es sich leisten konnten, zogen weg. Zurück blieben die Straßenfeger und anderen Geringverdienenden. Aus dieser gesellschaftlichen Gruppe kam auch der Neuzuzug, ergänzt um Hartz-IV-Empfänger.

Es ist nicht mein Ansinnen, über diesen Prozess zu richten. Ich will nur sagen, dass es so und die Wiedervereinigung für die "Ossis" auch ein Schritt vom WIR zum ICH war.

Liebe Grüße

Ecki


Hallo Ecki,

nicht nur in diesem Deiner Eingangsbeiträge sprichst Du nachdenkenswerte Umstände an, die, von Dir formuliert nicht ostalgisch aufdringlich erscheinen.
Die von Dir beschriebenen seinerzeit solidarischen Gefühle zwischen den Menschen im Osten waren, so habe ich es in Erinnerung, den sehr häufigen Mangelerscheinungen im alltäglichen Leben geschuldet, wer kann wem helfen? Also immer gewissen "Notlagen".
Ich selbst habe erfahren, dass es auch nach der glücklicherweisen Wiedervereinigung unseres Vaterlandes vergleichbare solidarische Haltungen und Handlungen unaufgefordeterweise gab.
Nämlich bei den verheerenden Hochwassersituationen an Elbe und Oder in den Jahren 2002 und 2006, bei denen sich die Menschen hier (an der Elbe) untereinander sehr unterstützt haben und auch aus dem gesamten Bundesgebiet uneigennnützige Hilfe wahrgenommen wurde. Ich meine nicht die öffentlichkeitswirksamen Auftritte bestimmter Politiker!

Bei allem Lob der Verhältnisse stelle ich allerdings die Frage, müssen Menschen in unerwartete Not geraten, um Solidarität zu erfahren, oder würde es nicht auch alltäglich mit Rücksicht und/oder Anteilnahme gehen?

Vielleicht angreifbar, weil illiusonistisch?

VG Ex-Huf


rot: Habe erst mal hochgescrollt, wer das geschrieben hat. Naja, alles klar. Einspruch gegen diese These. Es waren nicht vordergründig die Notlagen, auch wenn sich gegenseitig geholfen wurde, es war vordergründig die Tatsache, daß dünkelhaftes Denken und materielle Unterschiede nicht die große Rolle spielten wie heute. Wenn Du es so erlebt hast, wie und wo hast Du damals gelebt ? In einem Mietshaus zusammen mit einfachen Arbeitern und Angestellten oder hast Du Dich selbst schon etwas gegen diese Kreise abgeschottet ? Warst Du in einem Verein, in dem Gleichinteressierte aus allen Schichten vertreten waren ? In meinen Vereinen (Minerale, Kakteen) waren wirklich alle Schichten dabei und wir haben uns gut verstanden, ohne daß der Zusammenhang vorrangig durch gegenseitiges beschaffen von Raritäten gewährleistet wurde.
Daß das bessere Miteinander hauptsächlich der Mangelwirtschaft geschuldet war, möchten ja gern konservative und so manche Bürgerrechtlerkreise gern glauben machen, aber ich vermute, daß ich nicht der Einzige bin, der Deiner These widerspricht. Das Thema hatten wir auch glaube ich schon mal.



Feliks D. hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 31.01.2013 21:07 | nach oben springen

#9

RE: Vom WIR zum ICH

in DDR Zeiten 31.01.2013 21:29
von Ex-Huf (gelöscht)
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@DoreHolm, dass Du erst mal scrollen musstest, um den Verfasser zu identifizieren, um danach den Schlag in die richtige Richtung zu führen, ist für Dein Auftreten hier im Forum bezeichnend! Vielen Dank!
Allerdings muss ich Dir berichten, dass ich zu DDR-Zeiten in einem Mietshaus gelebt habe, in Frieden mit allen Mitbewohnern, deren teilweisen Argwohn und "gewissen Kreisen" zuträgerhaftes Verhalten ich erst kürzlich schwarz auf weiß gelesen habe.
Meine Mutter hat in der DDR auf unpolitische Weise drei Kinder als Witwe bis zum Abitur erzogen, meine Ehefrau war als ältestes Mädchen von vier Kindern einer Arbeiterfamilie zur Ärztin ausgebildet worden, wo meinst Du denn, wie weit wir weg waren vom DDR-Alltag?
Dafür gab es allerdings bildungsresistente fette Jungs, die aus familiärer Bindung oder sonstwas Berufssoldaten wurden, die hatten null Intellekt, aber einen einflussreichen Onkel...

Wir können gern mal einen sehr sensiblen Thread eröffnen, welche Personen bewarben sich in der DDR als Berufssoldat?

VG Ex-Huf


zuletzt bearbeitet 31.01.2013 21:50 | nach oben springen

#10

RE: Vom WIR zum ICH

in DDR Zeiten 31.01.2013 23:15
von DoreHolm | 7.710 Beiträge

Zitat von Ex-Huf im Beitrag #9
@DoreHolm, dass Du erst mal scrollen musstest, um den Verfasser zu identifizieren, um danach den Schlag in die richtige Richtung zu führen, ist für Dein Auftreten hier im Forum bezeichnend! Vielen Dank!
Allerdings muss ich Dir berichten, dass ich zu DDR-Zeiten in einem Mietshaus gelebt habe, in Frieden mit allen Mitbewohnern, deren teilweisen Argwohn und "gewissen Kreisen" zuträgerhaftes Verhalten ich erst kürzlich schwarz auf weiß gelesen habe.
Meine Mutter hat in der DDR auf unpolitische Weise drei Kinder als Witwe bis zum Abitur erzogen, meine Ehefrau war als ältestes Mädchen von vier Kindern einer Arbeiterfamilie zur Ärztin ausgebildet worden, wo meinst Du denn, wie weit wir weg waren vom DDR-Alltag?
Dafür gab es allerdings bildungsresistente fette Jungs, die aus familiärer Bindung oder sonstwas Berufssoldaten wurden, die hatten null Intellekt, aber einen einflussreichen Onkel...

Wir können gern mal einen sehr sensiblen Thread eröffnen, welche Personen bewarben sich in der DDR als Berufssoldat?

VG Ex-Huf


Na siehst Du, wenn Du so wie die meisten Menschen gelebt hast, kann ich Deine Ansicht für die Gründe des besseren Zusammenhalten nicht verstehen. Vor Deiner Mutter kann man den Hut ziehen. Wenn es in dem Mietshaus, in dem Du gelebt hast, Denunziantentum gab, ist das schlecht. Ich wurde zum Glück davon verschont und habe mich auch nicht für sowas hergegeben. Wenn Deine Frau die Tochter von Akademikern oder Pastoren gewesen wäre, wäre es für sie wohl auch schwieriger gewesen, trotz ausgezeichneter schulischer Leistungen, leider. Da muß ich an eine Passage in Sarrazins Buch denken. Daß solche bildungsresistente fette Jungs Vorteile hatten mit den richtigen Beziehungen, stimmt auch, waren m.E. aber nicht die Regel und ich bin sicher, daß deren Karriereleiter sehr bald zu Ende war.
Und was mein Auftreten hier im Forum betrifft, spreche ich gern etwas Klartext und ich meine, daß ich hier NIE Ereignisse und Personengruppen pauschal und undifferenziert verurteilt habe, wie es von dem Einen oder Anderen schon praktiziert. Ich schrieb es schon mal, "Betonköpfe" gibt es nicht auf dieser Seite des Forums. Da hat jeder eine kritische Sicht auf die Vergangenheit und natürlich auch die Gegenwart, auch wenn diese Sicht für Dich immer noch zu "betoniert" erscheinen mag. Ist eben alles relativ, der eine Standpunkt zum anderen.
Klar hat man hier nach einiger Zeit so seine Erfahrungen, wer welche Positionen vertritt. Die hast Du ja auch, was mich und noch ein paar Andere betrifft ? Aber das würzt doch das alles, auch wenn der Ton manchmal etwas energisch im Widerspruch wird. Kannst Du diese Basis in etwa so akzeptieren ?



Schmiernippel hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 31.01.2013 23:16 | nach oben springen

#11

RE: Vom WIR zum ICH

in DDR Zeiten 01.02.2013 07:53
von Lebensläufer | 1.235 Beiträge

Um doch meinen Vortext von gestern hier fortzusetzen. In einem anderen Forum schrieb einmal ein "Zeuge des Auges" sinngemäß: " Na mensch man hatte doch gewusst als erfahrener Ossi(er war noch jung, als er ging gen Westen, so21 jung), was da alles auf einen zukommt,zukommen könnte (bis hin zur bitteren Arbeitslosigkeit und weiteren Abstieg auf der sozialen Leiter) wirklich fast Alles? Denkt doch nur mal ans Westfernsehen(so er weiter im Text), da wurde doch dem Ossi richtig schön jeden Abend (denn der hatte nur Abends Zeit, so ab Tagesschau) gezeigt, wie es da aber auch ehrlich im anderen Teil der Republik so richtig im Alltag des Menschen abgegeht.(wurde es das wirklich?)

Ich meine, mal abgesehen von gewissen Sachen(siehe Vortext) war man eigentlich ahnungslos. Erst so Jahre nach der Wende registrierte man so langsam wie man eigentlich voll auf den Kopf und wieder retour gestellt worden war, so richtig im Kreis gedreht wurde und aus dieser Kreisdrehung heraus(Jeder kennt das noch als Kind....so paarmal um die eigene Achse...und dann doch gleich die Richtung finden...das klappt nie) doch für sich den richtigen Weg finden sollte.

WIR wurden als zum ICH...na fein, wenn das mal nichts ist. Sein wir also zufrieden, es war wohl ein Quantensprung in wieder eine neue Zeitspanne, einen bestimmt überschaubaren gesellschaftlichen Abschnitt von so sagen wir gut 40 Jahre, so bis 2029. Oder wars doch eher eine Rückentwicklung, waren wir nicht menschlich schon weiter?

Lebensläufer


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#12

RE: Vom WIR zum ICH

in DDR Zeiten 01.02.2013 10:01
von DoreHolm | 7.710 Beiträge

Zitat von Lebensläufer im Beitrag #11
Um doch meinen Vortext von gestern hier fortzusetzen. In einem anderen Forum schrieb einmal ein "Zeuge des Auges" sinngemäß: " Na mensch man hatte doch gewusst als erfahrener Ossi(er war noch jung, als er ging gen Westen, so21 jung), was da alles auf einen zukommt,zukommen könnte (bis hin zur bitteren Arbeitslosigkeit und weiteren Abstieg auf der sozialen Leiter) wirklich fast Alles? Denkt doch nur mal ans Westfernsehen(so er weiter im Text), da wurde doch dem Ossi richtig schön jeden Abend (denn der hatte nur Abends Zeit, so ab Tagesschau) gezeigt, wie es da aber auch ehrlich im anderen Teil der Republik so richtig im Alltag des Menschen abgegeht.(wurde es das wirklich?)

Ich meine, mal abgesehen von gewissen Sachen(siehe Vortext) war man eigentlich ahnungslos. Erst so Jahre nach der Wende registrierte man so langsam wie man eigentlich voll auf den Kopf und wieder retour gestellt worden war, so richtig im Kreis gedreht wurde und aus dieser Kreisdrehung heraus(Jeder kennt das noch als Kind....so paarmal um die eigene Achse...und dann doch gleich die Richtung finden...das klappt nie) doch für sich den richtigen Weg finden sollte.

WIR wurden als zum ICH...na fein, wenn das mal nichts ist. Sein wir also zufrieden, es war wohl ein Quantensprung in wieder eine neue Zeitspanne, einen bestimmt überschaubaren gesellschaftlichen Abschnitt von so sagen wir gut 40 Jahre, so bis 2029. Oder wars doch eher eine Rückentwicklung, waren wir nicht menschlich schon weiter?

Lebensläufer


Du, ich muß Dir sagen, sooo sehr überrascht hat mich die Realität des Kapitalismus nicht. Kommt darauf an, wie interessiert man an politischen, wirtschaftlichen und militärischen Abläufen auch anderswo war, wieviel Realitätssinn man aus eigener Menschenkenntnis brachte und wie der Zugang zu Westmedien war. Wir konnten in Erfurt alle drei Westprogramme empfangen und gerade das 3. war doch relativ kritisch mit der BRD selbst. Hin und wieder hatte ich die Gelegenheit, den "Spiegel" zu ergattern. Das, was mich etwas überrascht hatte, waren eher nebensächliche Dinge, wie die Sauberkeit in den schmucken Dörfern, die rücksichtsvollere (m.E.)Fahrweise der Kraftfahrer und natürlich auch die Tatsache, daß die Arbeit selbst bei weitem nicht so eine stressige Hetzerei war, wie in den DDR-Medien suggeriert. Die Erfahrungen werde inzwischen vielfach anders sein, aber welche ruhige Arbeitsweise ich in PS in meiner Abteilung Verkauf, Forschung/Entwicklung (alle in einem Gebäude) vorfand. Allerdings wurde die AZ auch ausgelastet und nicht von einer Pause in die andere gefallen, wie ich es hier erlebte.



vogtlaenderjoe hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#13

RE: Vom WIR zum ICH

in DDR Zeiten 01.02.2013 12:34
von Grenzwolf62 (gelöscht)
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Ich bin speziell Günter Herlt immer noch dankbar das ich mich rechtzeitig auf das Kommende einstellen konnte.


schulzi hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 01.02.2013 12:41 | nach oben springen

#14

RE: Vom WIR zum ICH

in DDR Zeiten 01.02.2013 17:42
von ddr-bürger (gelöscht)
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Ich gebe Ex-Huf teilweise recht, ja es war der Mangel an Dingen die zum "engeren Zusammenleben" führten. ich wußte Bekannter X hat Beziehungen zu Zement und ich habe Beziehungen zu Ersatzteilen.... ,Tausch war vorprogrammiert und so tauschgeschäfte bringen auch manchmal menschlich näher. Man lernte im Gespräch oder beim Bier in der Tauschzentrale (Gaststätte) sich auch besser kennen.

So das war der Aspekt der EX-Huf These stützt, doch auch ein anderer Aspekt kommt zum tragen. Wo gibt es heute eine Form der "Gemeinsamkeit" unter Notleidenden? Warum können H4 Empfänger sich nicht in ihrer Not gegenseitig stärken? warum gibt es da keine Einigkeit im Kampf gegen diese Ungerechtigkeit? Warte schon auf die übliche Diskussion (ist H4 ungerecht, leiden die Menschen Not?)....

Es liegt doch daran das heute das Motto gilt "Teile und Herrsche", geringverdiener gegen H4, "fauler" H4 Empfänger gegen "fleißigen" H4 Empfänger
und und....
Wie gesagt, ich denke teilweise hat Ex-Huf recht, aber nur teilweise. Auch ohne Thema H4 gibt es doch eine deutliche Trennung auch durch "Standesschranken" und leider wird diese auch immer größer. Wo gute Bildung zum Privileg wird ist das kein Wunder.

Auch im Erwerbsleben, was passiert bei Personalabbau, da denkt doch jeder nur "lass es an mir vorbei gehen", Kollege XY war öfter Krank, oder ich stehe im Sozialplan "höher"...., da ist kein Platz mehr für das WIR da zählt nur ICH.


Eisenacher und Damals87 haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#15

RE: Vom WIR zum ICH

in DDR Zeiten 01.02.2013 18:10
von furry | 3.581 Beiträge

Waren WIR damals in der DDR wirklich aus tiefstem Herzen so solidarisch im gegenseitigen Umgang, wie wir es uns zuschreiben, oder ergab sich dieses WIR-Gefühl nicht eher aus den gegebenen Bedingungen? Da waren einmal die relativ dünne materielle Decke und zum anderen die Wohnraumsituation. Bis es zu dem staatlich geförderten Eigenheimprogramm Ende der 70er kam, war doch (fast) jeder froh, der in den Genuss einer Neubauwohnung kam. Da wohnten dann eben Professor und Hilfsarbeiter auf einem Flur und diese beiden Familien mussten arbeitsteilig ihren Abschnitt im Treppenhaus sauber halten, ob es der Frau Professor nun passte oder nicht. Mit dem Einsetzen dieser Eigenheimförderung änderten sich auch die sozialen Strukturen in den Neubaublöcken.
Im materiellen Bereich wurde alles Mögliche getauscht. Aber es gab da auch Einige, die an den Quellen saßen und so einige rare Artikel zu horrenden Preisen verjubelten. Da ging es um ICH und nicht um WIR. Die gleiche Nummer lief bei einigen Handwerkern. Was musste man denn auf den Tisch legen, damit in einer Hinterhofwerkstatt der vor sich hinrostende, für viel Geld erstandene, gebrauchte Trabant wieder fahrbereit wurde?
Ich erinnere mich an einen Film mit Klaus Kinski, in dem er sagte: „Ich habe keine Freunde, ich habe nur Partner.“ Und so sehe ich auch das Zusammenleben damals und heute, wobei es sicher bei den partnerschaftlichen Beziehungen zu einigen Verschiebungen gekommen ist. Mit dem Begriff Freund gehe ich sehr sparsam um.
Dass Menschen in Notsituationen zusammenrücken, ist ein urmenschlicher Reflex. Letztendlich sind wir Menschen als Masse nicht schlauer als eine Herde Rinder auf der Wiese. Bei Gewitter rücken alle zusammen und scheint wieder die Sonne, dann sucht sich jedes Rind sein Grasbüschel. Kommt dann ein anderes zu dem gleichen Platz, wird es abgedrängt.


"Es gibt nur zwei Männer, denen ich vertraue: Der eine bin ich - der andere nicht Sie ... !" (Cameron Poe)
vogtlaenderjoe und silberfuchs60 haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#16

RE: Vom WIR zum ICH

in DDR Zeiten 01.02.2013 19:07
von vogtlaenderjoe | 10 Beiträge

Alle Sprechen doch von Wend. Wende heißt 180° Drehung, also muss doch etwas anders sein.
Eben komplett anders. Was soll das gejammere wegen dem Kollektiv oder wegen der Hausgemeinschaft, wenn 20% IM s mit feierten und die, die sich auch in der DDR schon drehten
(die gab es ja auch) bespitzelten. In solchen Gesellschaften war man nur gut aufgehoben, wenn
man zur Arbeit ging danach in den Garten, die Füße hoch legte und das Bier oder die Schnapsbulle festhielt, und maximal Trabbi fuhr. Sollte einer schon einen 15oo Lada gehabt haben, war er schon ein Fall für die Stasi.(Klassenfeind)
Alle Leute, die etwas bewegen wollten brauchten „Bekannte“, die etwas besorgen konnten: Leute von der BHG, Auto-Werkstatt-Leiter, Fleischer, Gaststättenleiter das ist unendlich fortzusetzen. Es lief ja nichts offiziell. Wenn ich z.B. etwas am Auto repariert habe, und bauchte ein Dreh-Teil. Konnte ich nicht in eine Firma gehen, nein ich ging zu einem Dreher, der irgendwo arbeitete. Der fertigte das Teil auf seiner Arbeit und brachte es mit nach Hause. Wenn er viel drehte, konnte er sich etwas mehr leisten, und setzte sich nicht mehr mit an den Tisch in Neubaublock. (Spitzel) Aber damit stieg auch sein Risiko für den hier so vehement als unschuldig dargestellten Apparat.
Heut braucht man solche „Bekannte“ nicht mehr. Ich gehe in die Firma, die sich freuen , wenn ich komme, bezahle meine Rechnung und gehe meine Wege.
Die heutigen Bekannten sind Leute vom Verein, oder von Motor-Club mit gleichen Interessen.
Ich für mein Teil bin froh das die DDR zusammengebrochen ist und ich nicht immer hinter mich schauen muss, sondern frei entscheiden kann und hingehen kann wohin und wie lange ich will. Natürlich steht der Job im Vordergrund, weil sonst , find ich mich vielleicht im Neubaublock und einer wild gewordenen Hausgemeinschaft wieder.
Gruß


Schuddelkind hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 01.02.2013 19:15 | nach oben springen

#17

RE: Vom WIR zum ICH

in DDR Zeiten 01.02.2013 19:39
von DoreHolm | 7.710 Beiträge

Ja, so hat eben jeder seine ganz persönlichen Erfahrungen mit dem WIR- und dem ICH-Gefühl. Sicher war das Miteinander auch eine Sache eigener Charaktereigenschaften, hinter Jedem und Allem einen Hinterhalt zu wittern, dem freundlichen Bekannten unlautere Absichten zu unterstellen u.s.w. "Was ich selbst denk und tu, trau ich andern zu" heißt ein altes Sprichwort. Nun kann jeder in sich gehen und selbstkritisch prüfen, ob das nicht doch ein ganz klitzekleines Bischen auf einen selbst zutrifft. Meine Erfahrung war etwas bitter, wie eine wirklich gute Freundschaft, ganz ohne materiellen oder Beziehungshintergrund, nach der Wende den Bach heruntergegangen ist. Mein Freund (als Major aus der NVA enlassen) hat zusammen mit seiner Frau das Hobby zu Beruf gemacht. Plötzlich zählten zu ihrem Bekanntenkreis weltweit agierende Händler. Da war nicht mal mehr Zeit mehr für ein Tasse Kaffee zwei-oder dreimal im Jahr. Erst nach mehreren Jahren erkannten sie, daß nicht diese Händler ihre Kunden sind, sondern wir, die kleinen Sammler. Plötzlich war nichts mehr heilig, was er mir mit der Bemerkung "das bleibt doch in der Familie" aus meiner Sammlung aus dem Kreuz geleiert hat und von dem ich mich sonst nie getrennt hätte und das er dann meistbietend dem am besten zahlenden Kunden verscherbelt hat.
Was die Beziehungen betrifft, meine Datsche (30 m², massiv, halb unterkellert, Wasser/Elt rund um´s Jahr anliegend, Wohnraum, Schlafraum (f.4 Personen), kleine Küche, Du/WC habe ich völlig ohne Beziehungen gebaut, nur mit rechtzeitig vor Ort sein, wenn es etwas gab und wissen wo. Einzig die dachbalken waren ein Problem. Komischerweise waren aber Stahlträger kein Problem, konnte man im Stahlhandel kaufen (das war alles Ende der 80er). Hätte ich eben Doppel-T-Träger eingezogen.
Glück hatte ich mit der Trabi-Werkstatt. Der Chef sprach mich eines Tages an "Du arbeitest doch bei der Schuhchemie ?" , Ja, worum geht es ?. "Ihr produziert doch den Kitt Chemiplast M .... für die Fensterdichtungen ? Ja, klar. "Könntest Du nicht mal... u.s.w". Ich konnte, denn ich konnte über Kleinverkauf als Betriebsangehöriger kaufen. So habe ich ihn dann mit der im fehlenden Menge diverser Abdichtkitte versorgt. Ganz offiziell gekauft und dann bei der Reparatur mit verrechnen lassen. Jedenfalls hat mir der Chef von einem Tag zum Anderen einen Austauschmotor eingebaut, weil das Getriebe im Eimer war und wir am nächsten Tag in Urlaub fahren wollten.
Ja, so gibt es positive und negative Erfahrungen mit Ereignissen vor und nach der Wende. Ich verstehe die Beziehungsfrage heute so: in der DDR waren Beziehungen für die materielle Sicherstellung notwendig, heute können sie für die Existenz, die soziale Stellung von Bedeutung sein (Jobsuche, Lehrstelle u.a.)



zuletzt bearbeitet 01.02.2013 19:40 | nach oben springen

#18

RE: Vom WIR zum ICH

in DDR Zeiten 01.02.2013 22:45
von Schuddelkind | 3.516 Beiträge

Okay, eigentlich muss ich als feindwärts Geborender( ....zu geiles Wort) zu dem Thema eigentlich die Klappe halten. Trotzdem möchte ich zu dem Thema etwas beisteuern, da ich durch eigenes Erleben/Empfinden, via Geschichten der Ostverwandschaft und durch die Erzählungen meiner Frau meine eigene Sicht auf die Dinge bilden konnte.
Zunächst ist es einmal richtig, dass der Zusammenhalt untereinander enger war als bei uns im Westen. Zumindest schien es so. Ich konnte das an dem Freundeskreis meiner Frau gut feststellen. Anfangs war das eine große Clique. Und ich als dazugekommender Wessi voll integriert. In der Nachwendezeit gab es diverse Spaltungen, z.T., weil die Leute wegzogen, wegen des Jobs oder weil sie sich ihre Träume verwirklichen wollten. Die Zurückgebliebenen machten ihr Ding, bauten Häuser, kauften sich fette Motorräder usw., suchten sich Hobbys.. Dann kam die "Rückflutungsphase", in der Diejenigen, welche im Westen keinen Fuß gefasst hatten oder sonstwie nicht klarkamen, nach Hause zurückkehrten. Da wurde erstmal wieder auf dicke Gemeinschaft gemacht, denn plötzlich war ein neues "Feindbild" geboren, der gemeine Wessi. Ich kann mich noch sehr gut an eine Party erinnern, wo ich akkurat geschnitten wurde. Und meine Frau wurde gefragt:" Na, wann kommst du denn zurück?" Auf die Antwort: " Wieso sollte ich zurückkommen, ich fühle mich da wohl und habe inzwischen Freunde da" folgte nach ungläubigen Blicken die Bermerkung " dass man dort keine Freunde finden könnte". Nun ja...... Heute geht jeder seiner Wege, die ursprüngliche Gemeinschaft existiert in der Form nicht mehr. Wenn es so gewesen wäre, dass der Osten eine besondere "Form" Mensch hervorgebracht hätte, die anders war, so müsste es ja heute noch so sein, oder?
Da dem nicht so ist, komme ich zu folgenem Schluß:
1: Mangelnde Freizeitgestaltung bzw., nicht alles was man wollte konnte man sich leisten, existierte schlicht und einfach nicht oder war in der ein oder anderen Form verboten oder nicht umsetztbar.
2: Die schon angesprochenen "Beziehungen". Man war aufeinander angewiesen und oft wurde jemand innerhalb der Gemeinschaft nur akzeptiert, weil er eine gute Quelle" war. Mangelwitschaft lässt die Leute näher zusammenrücken.
3: "Nischenbildung" als Überlebensstrategie in einem Staat, in dem alles reglementiert wurde. Stellvertretend nenn ich hier mal die Bluser-Szene, mit der ihr eigenen Gesetzmäßigkeiten.

Ein Gedanke zum Schluß: Wenn der Professor im gleichen Haus wohnte wie der normale Straßenfeger und das eine so tolle Gemeinschaft war und der Klassenunterschied im real existierenden Sozialismus kaum noch wahrnehmbar war, warum galt das eigentlich nicht für die höhergestellten Parteikarder? Warum gab es ein Wandlitz? Oder auf kleiner Ebene: Wohnte der Kreispartei-oder Bezirksparteisekretär im selben Wohnblock wie der gemeine Arbeiter? War es nicht so, das die alle ein schickes Haus bewohnten? Solidarität in der Arbeiterklasse sieht für mich anders aus..........


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#19

RE: Vom WIR zum ICH

in DDR Zeiten 01.02.2013 23:16
von DoreHolm | 7.710 Beiträge

Zitat von Schuddelkind im Beitrag #18
Okay, eigentlich muss ich als feindwärts Geborender( ....zu geiles Wort) zu dem Thema eigentlich die Klappe halten. Trotzdem möchte ich zu dem Thema etwas beisteuern, da ich durch eigenes Erleben/Empfinden, via Geschichten der Ostverwandschaft und durch die Erzählungen meiner Frau meine eigene Sicht auf die Dinge bilden konnte.
Zunächst ist es einmal richtig, dass der Zusammenhalt untereinander enger war als bei uns im Westen. Zumindest schien es so. Ich konnte das an dem Freundeskreis meiner Frau gut feststellen. Anfangs war das eine große Clique. Und ich als dazugekommender Wessi voll integriert. In der Nachwendezeit gab es diverse Spaltungen, z.T., weil die Leute wegzogen, wegen des Jobs oder weil sie sich ihre Träume verwirklichen wollten. Die Zurückgebliebenen machten ihr Ding, bauten Häuser, kauften sich fette Motorräder usw., suchten sich Hobbys.. Dann kam die "Rückflutungsphase", in der Diejenigen, welche im Westen keinen Fuß gefasst hatten oder sonstwie nicht klarkamen, nach Hause zurückkehrten. Da wurde erstmal wieder auf dicke Gemeinschaft gemacht, denn plötzlich war ein neues "Feindbild" geboren, der gemeine Wessi. Ich kann mich noch sehr gut an eine Party erinnern, wo ich akkurat geschnitten wurde. Und meine Frau wurde gefragt:" Na, wann kommst du denn zurück?" Auf die Antwort: " Wieso sollte ich zurückkommen, ich fühle mich da wohl und habe inzwischen Freunde da" folgte nach ungläubigen Blicken die Bermerkung " dass man dort keine Freunde finden könnte". Nun ja...... Heute geht jeder seiner Wege, die ursprüngliche Gemeinschaft existiert in der Form nicht mehr. Wenn es so gewesen wäre, dass der Osten eine besondere "Form" Mensch hervorgebracht hätte, die anders war, so müsste es ja heute noch so sein, oder?
Da dem nicht so ist, komme ich zu folgenem Schluß:
1: Mangelnde Freizeitgestaltung bzw., nicht alles was man wollte konnte man sich leisten, existierte schlicht und einfach nicht oder war in der ein oder anderen Form verboten oder nicht umsetztbar.
2: Die schon angesprochenen "Beziehungen". Man war aufeinander angewiesen und oft wurde jemand innerhalb der Gemeinschaft nur akzeptiert, weil er eine gute Quelle" war. Mangelwitschaft lässt die Leute näher zusammenrücken.
3: "Nischenbildung" als Überlebensstrategie in einem Staat, in dem alles reglementiert wurde. Stellvertretend nenn ich hier mal die Bluser-Szene, mit der ihr eigenen Gesetzmäßigkeiten.

Ein Gedanke zum Schluß: Wenn der Professor im gleichen Haus wohnte wie der normale Straßenfeger und das eine so tolle Gemeinschaft war und der Klassenunterschied im real existierenden Sozialismus kaum noch wahrnehmbar war, warum galt das eigentlich nicht für die höhergestellten Parteikarder? Warum gab es ein Wandlitz? Oder auf kleiner Ebene: Wohnte der Kreispartei-oder Bezirksparteisekretär im selben Wohnblock wie der gemeine Arbeiter? War es nicht so, das die alle ein schickes Haus bewohnten? Solidarität in der Arbeiterklasse sieht für mich anders aus..........


Das hängt sicher auch mit vom Charakter derjenigen ab. Es gab solche und solche und Du wirst in jeder Richtung die Beispiele finden. Ich muß Dir sagen, auch wenn ich unverschuldet H4er wäre, weil ich zu alt bin oder den falschen Job habe oder meine Firma den Bach runtergegangen ist oder wie auch immer, aber ich würde mich unter denen, die außer ihrer Röhre abends mit den Seifenopern nichts kennen und man sich demzufolge auch nicht über was Anderes sinnvoll unterhalten könnte, auch nicht wohlfühlen und zusehen, woanders zu wohnen. Ich weiß, daß die EFH am allerwenigsten von Partei- und Wirtschaftsfunktionären bewohnt waren, zumind. hier war das so. Mein Vater hat als Betriebsdirektor ganz normal in der Platte gewohnt und im Gartenverein zusammen mit anderen Gartenfreunden, die aus allen Schichten stammten, seinen Skat gedroschen und seine Soll-Aufbaustunden abgeleistet. Alle in einen Topf werfen finde ich eine unzulässige, weil nicht zutreffende Verallgemeinerung. Suche auch mal im Künstler- Selbständigen und Handwerkerkreis, da findest Du bestimmt genug Leute, die diese ach so privilegierten Partei- und Wirtschaftsleute finanziell ausgelacht haben.



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#20

RE: Vom WIR zum ICH

in DDR Zeiten 02.02.2013 00:15
von Rainman2 | 5.764 Beiträge

Zwei Sachen muss ich mir schnell von der Seele nehmen.
@vogtlaenderjoe - ich kann mich nicht erinnern, je bei einer Fete vor irgendwelchen Spitzeln gezittert zu haben und auch aus meinem Familien- und Freundeskreis ist mir nichts dahingehendes bekannt. Zur Erinnerung: Wir hatten zu DDR-Zeiten eine Unzahl politischer Witze. Die wurden erzählt, egal, ob da ein inoffizieller oder ein offizieller Kollege dabei saß. Gut, aber das ist meine persönliche Erinnerung. Andere können andere Erfahrungen gemacht haben.
@Schuddelkind: Ich habe im Forum schon mahrmals auf das Buch "Der Erste" von Landolf Scherzer hingeweisen Es beschreibt den Alltag eines Ersten Kreissekretärs der SED sehr gut und zutreffend. Und der wohnte in einem Neubaublock, wie viele andere seiner Zunft auch.

Was ich aus dem hier angesprochenen WIR-Gefühl noch vor der hier schon angesprochenen Solidarität erwähnen würde, wäre das Offene Wort. Wir haben zu DDR-Zeiten direkter und unverblümter miteinander gesprochen. Es war für mich eine arge Umgewöhnung in der heutigen Zeit, wo alles durch dutzende Filter gejagt werden muss, bevor man mal in Richtung des Punktes dahinassoziiert, den man im Klartext mit ca. 10 Worten hätte aussprechen können. In dieser damaligen, durchaus manchmal rauhen Atmospäre geriet man schnell mal aneinander. Aber man wusste auch schneller, was man vorneinander zu halten hatte. Ein kurzes, reinigendes Gewitter und man kam wieder zur Tagesordnung. Auf diese Art und Weise wurde auch Missverständnisse schneller aus der Welt geschafft. Wenn einem etwas nicht passte, ging man zu den Kollegen und ließ Dampf ab: "Was iss'n das hier für'n Scheiß?!" Die Kollegen konnten sich dann getroffen, geknickt, missverstanden oder beleidigt fühlen. In der Regel bekam man Kontra und die Sache konnte bereinigt werden oder nicht. Heute schleppt man sich mühevoll durch Beratungen und Telefonkonferenzen, und wehe es kommt ein falsches Wort. Mit grimmiger Freude nahm ich zur Kenntnis, dass anderen meine Pein beim Anpassungsprozess durchaus auffällt. Vor etwa fünf Jahren nahm mich mein damaliger Chef (Niedersachse) vorsichtig beiseite und wagte eine der wenigen Kritiken, die ich von ihm zu hören bekam: "Ich glaube, Du kommunizierst ungeschickt." Eine schöne Kritik, wie ich finde, denn sie sorgt in meiner Familie immer wieder für Erheiterung und bei mir zur beruhigenden Erkenntnis, dass der Rumpelzoni in mir nicht so leicht auszutreiben ist.

Ansonsten denke auch ich, dass man Mangelwirtschaft und Solidarität nicht so einfach in einen Topf werfen sollte. Es wurde hier schon angesprochn, daher nur kurz dazu. Das, was wir damals mit dem Begriff Beziehungen oder Vitamin B umschrieben, hatte nichts mit Solidarität zu tun. Menschen halfen sich damals und sie helfen sich heute. Nur damals war es leichter, jemanden um Hilfe zu bitten. Und damit schließe ich den Kreis zum Offenen Wort miteinander.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


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