#41

RE: Das Wunder der Wende

in DDR Zeiten 01.02.2013 07:20
von Lebensläufer | 1.235 Beiträge

Das Wunder der Wende, ich bekam auf einmal saubere Hände. Nein nein, das hatte nichts damit zu tun, das es auf einmal kein Volkseigentum mehr gab. Es lag ganz einfach daran, das wir die Wohnung wechselten. Kein Kohlenkeller mehr mit gut 110 Zentner bis unter die Decke vollgeschüttet , kein Holzhacken mit dem guten alten Beil, nie wieder vier Öfen heizen. Kein Strasse und Hausflur noch Hofkehren mehr , nicht mal mehr Treppe wischen noch dort die Fenster putzen, kein Wasser im Treppenhaus wegen aufgetauter Steigeleitungen in den nichtgenutzten Toiletten halbe Treppe tiefer, keine verstopften Abwasserleitungen zur Gosse im Hof, keine Aschenkübel mehr wo auch schonmal ne gutgenährte Ratte draufsaß

Dafür neue Mieter (auch Altbundis, Manager, Ossiärzte, Musiker) im Haus(Neubau, Fussbodenheizung, alles piekfein, Tiefgarage, Fahrstuhl, Balkon) und die grüßten freundlich mit "Guten Morgen Herr Rohloff, Guten Tag und guten Abend, man war auf einmal wer nur wer wollte mir auch nicht so recht einfallen, jetzt zählten eben andere Werte, meine Frau sagte nicht mehr Auto sondern "hol doch schonmal den Waaaagen( unddas mit breiten Mundwinkeln) aus der Tiefgarage mein Lieber, wir fahren Shoppen ins nächste Einkaufscenter was da wie die Pilze auf der grünen Wiese aus dem Boden schoss.

Es war eine Freude sage ich euch, diese Wende nur Zeit hatte ich immer noch nicht. Vor der Wende (fast) jeden Abend unterwegs bei die Ärzte, Musiker und VEB-Direktions-Parteifritzen(Ostmanager) um als begehrter kleiner Handwerker in deren Kemmenade zu werkeln war jetzt auf einmal Neuland unterm Pflug angesagt,die wohnten ja auf einmal sinngemäß alle bei uns im Haus, meine kleine Firma explodierte vor Neueinstellungen, vor kleinen und riesengroßen Baustellen in Ost und West, ich war nur noch unterwegs...mit dem Waaa....gen. Und das war Einer, ich schreibs lieber nicht, der zog dir das Geld aus der Firmenkasse, so schnell konnten meine Männer garnicht arbeiten.

Aber das gute war, ich war noch Einer von Ihnen..."noch", reihte mich also mit ein auf der Baustelle und werkelte mit. Später dann ging das nicht mehr, es waren einfach zuviele Angebote auszufüllen, zuviele Baustellenvorortabsprachen mit den Auftraggebern und guten Kunden,dann wollte ich meine Frau mal wieder zum lachen bringen mit(wir könnten ja mal shoppen, schwimmen oder übers Wochenende an die Küste fahren), auch bissel Zeit für die Töchter übrighaben denn die kannten ihren Vater auch nur noch von den Wochenenden.

Ja ja so war sie die Wende, wir wendeten uns doch einfach anderen Dingen zu. Ob diese nun wichtig waren oder nicht oder noch sind mag Jeder für sich selber beurteilen. Ich für meinen Teil finde, verkehrt war es nicht, wie es doch dahergekommen ist.Wenn ich mir so überlege, wie ruhig ich heute lebe, habe mir das Alles (das Materielle) vom Halse geschafft und bins zufrieden. Nochmal von vorne? Nicht mit mir.

Lebensläufer und einen guten Tag allen ins Forum


vogtlaenderjoe und jecki09 haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#42

RE: Das Wunder der Wende

in DDR Zeiten 01.02.2013 08:44
von Polter (gelöscht)
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Von einem Wunder erwarte ich was anderes. Bei Tante Wiki liest sich das alles anders, da kann man sich dann schon wundern. Es sei denn, wir
würden in einem Gottesstaat leben. Wobei ein Pfarrer als BundesPräsi und Pfarrertochter als Kanzlerin - da lebe ich ja in einem Wunderland.
Wunder gibt es immer wieder, singt man, aber in geschichtliche Ereignisse hineininterpretieren ? Da ist alles möglich, auch wie es der
@ Ex-Huf schreibt, jetzt ich Interpret: Nackte Angst hat die Führung abgehalten......... Nun, bei übern Daumen gezählte 400 000 Mann unter
Waffen von ängstlichen Machthabern zu schreiben.....Ich persönlich neige tatsächlich dazu, daß diese 400 000 gut gebildete und ausgebildete
Menschen waren, die sich zuallererst als bewaffnete Volksmacht begriffen haben. Warum sollten sie aufs Volk schießen?
Hätte im Nachhinein gut ins Bild gepaßt - die schießwütigen Grenzer, die bestialische Stasi u.ä. geistern immer noch rum.


frank hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 01.02.2013 08:45 | nach oben springen

#43

RE: Das Wunder der Wende

in DDR Zeiten 01.02.2013 08:46
von Gelöschtes Mitglied
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Zitat von Ex-Huf im Beitrag #30
Ein zu bedenkendes Wunder bleibt selbstredend die verwurzelte Gewaltfreiheit seitens der Bürgerrechtler, auch wenn gewisse Kreise heute behaupten, durch ihr "Stillhalten" seien die Geschehnisse gewaltfrei verlaufen.
Sich selbst belügen ist allerdings einfacher und heute allgegenwärtig verbreitet, besonders an diesem virtuellen Ort!

VG Ex-Huf


Eine einseitge Sicht- und Betrachtungsweise, die ich zumindest keinesfalls teile. Was wäre wenn, was wäre passiert, wenn auch nur ein Schuss gefallen wäre, egal auf welcher Seite. Ich weiß, das diese Frage sehr spekulativ aus heutiger Sicht ist.
Aber ich stelle sie bewußt, da immer wieder das verantwortungsbewußte Handeln auf beiden Seiten in Frage gestellt und nur der einen Seite zugeschrieben wird. Gerade diese Handlungsweise auf beiden Seiten führte zu keiner Eskaltion der Lage, die mit menschlichen Opfern verbunden gewesen wäre.
Ich hatte diesbezüglich meine Erlebnisse und Erkenntnisse vom 9. Oktober 1989 in Leipzig im einem anderem Beitrag schon dargelegt. Das war die Realität und nichts anderes. Gleiches könnte ich auch von anderen Folgeereignissen berichten. Wir sassen mit der "Bürgerbewegung" zusammen an einem Tisch, ob mir nun Ex-Huf das glauben will oder nicht. Gewaltfreiheit war das Gebot der Stunde auf beiden Seiten.
Eigentlich wollte ich auf Beiträge von Ex-Huf nicht mehr reagieren, da sie zu sehr von Hass, der Diskreditierung und Diffamierung besonders gegenüber ehemaligen Mitarbeitern des MfS geprägt sind. Damit werden nicht nur Lebenswerke in Frage gestellt sondern auch diese Menschen herabgewürdigt, auch wenn sie über ein weitaus höheres Bildungsniveau verfügten, wie so manch hier Beurteilender.
Ich hatte es auch schon vorab geschrieben, solange das Wort Hass und seine Wirkungen und Auswirkungen nicht nur im Vokabular verbleiben, wird es keine Basis für eine sachliche und konstruktive Aufarbeitung geben.

Vierkrug


exgakl, Jobnomade, DoreHolm, Damals87, passport, jecki09 und frank haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 01.02.2013 18:11 | nach oben springen

#44

RE: Das Wunder der Wende

in DDR Zeiten 01.02.2013 10:17
von ddr-bürger (gelöscht)
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"das Wunder der Wende", ich sehe das etwas anders. Wenn es eine Korrektur der Politik in dem Land DDR gegeben hätte (wie es die meisten der Demonstranten wollte), dann wäre es für mich eine wirkliche Wende gewesen.
Die Bürger im "Neuen Forum" wollten nicht den Untergang der DDR als Staat, sondern einen "reformierten Staat", der den wirklichen Bedürfnissen der Menschen entsprochen hat. Mit dieser Zielsetzung wollten diese Menschen keine Gewalt und auf der anderen Seite haben die "Waffenträger" doch auch gespürt so geht es nicht weiter. Wer wollte denn auf den Freund, den Schwager schießen, dessen Unmut man doch kannte und auch verstand bzw. sogar teilte.
Klar, es ist absolut das Beste an der Geschichte, dass sich aus der Situation kein Blutbad entwickelt hat!

Ich denke auf beiden Seiten gab es auch Gewaltbereitschaft und es ist gut das die Besonnenheit auf jeder Seite sich durchgesetzt hat. Ich habe in Eisenach damals Montagsdemos miterlebt. Am Anfang machte das für mich Sinn, als mehr Demokratie und eine Reformierung der Gesellschaft gefordert wurden. Aber ich habe auch als Montagsdemo eine organisierte Busfahrt nach "Wilhelmsthal" erlebt. Dort befand sich ein Urlaubs- und Erholungsheim der SED. Dort mußte ich miterleben wie auch gepöbelt wurde, auch wenn es die verhassten "alten Betonköpfe" waren, das war trotzdem erschreckend. Die meisten im Alter von ca. 70 jahren schauten aus dem Fenster, begriffen nicht was um sie herum geschah...

Nach dieser "Busfahrt" ging es mit der Sympathie für die Demos bei mir bergab...


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#45

RE: Das Wunder der Wende

in DDR Zeiten 01.02.2013 13:23
von DoreHolm | 7.677 Beiträge

Zitat von ddr-bürger im Beitrag #44
"das Wunder der Wende", ich sehe das etwas anders. Wenn es eine Korrektur der Politik in dem Land DDR gegeben hätte (wie es die meisten der Demonstranten wollte), dann wäre es für mich eine wirkliche Wende gewesen.
Die Bürger im "Neuen Forum" wollten nicht den Untergang der DDR als Staat, sondern einen "reformierten Staat", der den wirklichen Bedürfnissen der Menschen entsprochen hat. Mit dieser Zielsetzung wollten diese Menschen keine Gewalt und auf der anderen Seite haben die "Waffenträger" doch auch gespürt so geht es nicht weiter. Wer wollte denn auf den Freund, den Schwager schießen, dessen Unmut man doch kannte und auch verstand bzw. sogar teilte.
Klar, es ist absolut das Beste an der Geschichte, dass sich aus der Situation kein Blutbad entwickelt hat!

Ich denke auf beiden Seiten gab es auch Gewaltbereitschaft und es ist gut das die Besonnenheit auf jeder Seite sich durchgesetzt hat. Ich habe in Eisenach damals Montagsdemos miterlebt. Am Anfang machte das für mich Sinn, als mehr Demokratie und eine Reformierung der Gesellschaft gefordert wurden. Aber ich habe auch als Montagsdemo eine organisierte Busfahrt nach "Wilhelmsthal" erlebt. Dort befand sich ein Urlaubs- und Erholungsheim der SED. Dort mußte ich miterleben wie auch gepöbelt wurde, auch wenn es die verhassten "alten Betonköpfe" waren, das war trotzdem erschreckend. Die meisten im Alter von ca. 70 jahren schauten aus dem Fenster, begriffen nicht was um sie herum geschah...

Nach dieser "Busfahrt" ging es mit der Sympathie für die Demos bei mir bergab...


Ja, das war ganz am Anfang. Dann haben andere Kräfte, die mehr wollten, die die ganzen Eigentumsverhältnisse grundlegend ändern wollten, im Hintergrund die Initiative an sich gerissen und dem "mündigen Volk" (mündig in großen Teilen wie eine pubertierende 14-jährige) suggeriert, daß es mit einer schnellen Vereinigung die DM gibt und dann der Wohlstand ausbricht. Gut, für eine Wende, wie Du sie meinst, war es damals eigentlich schon zu spät, wollte man nicht einschneidende, schmerzhafte Veränderungen in die ganze Ökonomie und den Lebensstandard der Bevölkerung zumuten und dann noch erwarten, daß sie geschlossen die Ärmel hochkrempeln und dem Spruch von Frieda Hockauf freudig gefolgt und dazu noch im Lande geblieben wären. Schürer hat´s ja in etwa so dargestellt, obwohl er, wie er selbst später sagte, etwas dramatisiert hat, um dem Ernst der Lage mehr nachdruck zu verleihen. War mir auch einige jahre vorher klar und das habe ich auch in der Parteiversammlung mal so angesprochen, daß ein nachfolger von E.H. wohl unpopuläre Maßnahmen ergreifen muß.
Aber nun gleite ich in´s "Wenn" und Hätte" ab. Es war mit den Charaktereigenschaften der Menschen allgemein und der ökonomischen Lage eine m.E. folgerichtige Entwicklung.



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#46

RE: Das Wunder der Wende

in DDR Zeiten 01.02.2013 13:40
von Gelöschtes Mitglied
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Ich habe mal wieder in meiner Requisitenkammer gekramt und da ist mir nachfolgende Resolution in die Finger geraten. Die blauen Hervorhebungen habe ich vorgenommen.
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Resolution des Ensembles des Kabaretts "Leipziger Pfeffermühle" vom 13.Oktober 1989

In tiefer Sorge um dieses unser Land, um dessen Aufbau und Fortkommen auch wir uns seit mehr als 35 Jahren mit unseren Mitteln bemühen, sehen und spüren wir gerade in diesen Tagen des vierzigjährigen Bestehens unserer Republik eine immer größer werdende Kluft zwischen den Idealen des Sozialismus und den Realitäten, mit denen wir tagtäglich konfrontiert sind, einen immer größer werdenden Zwiespalt zwischen der Selbstdarstellung unseres Landes in Festreden und den Medien und der viele Bürger bedrückenden Wirklichkeit, zwischen den Bedürfnissen, Wünschen und Lebenszielen der Menschen und den Möglichkeiten ihrer Verwirklichung.

Zehntausende vor allem junge Menschen kehren in diesen Tagen unserer Republik den Rücken, enttäuscht und entmutigt, gewiss auch verführt vom Glanz scheinbar besserer Lebensqualität jenseits unserer Grenzen. ein ungewisses Schicksal in Kauf nehmend. Unübersehbar aber ist die Zahl der Bürger unseres Landes, die nicht gewillt sind, diesen Irrweg zu beschreiten. die jedoch immer drängender in Gesprächen und Diskussionen, im kleinen Kreis ebenso wie auf den Straßen unserer Städte ihre Unzufriedenheit, ihre Sorgen um unser aller Zukunft, ihre Hoffnung auf Veränderung artikulieren.
Wir glauben nicht, dass es unserer Sache, dem Sozialismus, gemäß und dienlich ist, alle diese Menschen auszugrenzen und zu diffamieren, sie mit Rowdies und Chaoten gleichzusetzen, die Unzufriedenheit und Unsicherheit für sich nutzen wollen und von denen wir uns distanzieren. Wir glauben aber ebenso wenig, dass es dem Wesen einer humanistischen, der sozialistischen Gesellschaftsordnung entspricht, Unzufriedene. Fragende, auch Zweifelnde als Kriminelle, Asoziale, Verräter oder Staatsfeinde zu verunglimpfen. Und in aller Deutlichkeit: wir glauben nicht, dass Schlagstöcke und Wasserwerfer geeignete Antworten auf ihre, auf unsere Fragen sind.

Uns bewegt die Furcht vor der Eskalation des Gegenüberstehens. Uns bewegt die Furcht, dass Druck nichts anderes als Gegendruck erzeugt, dass die Anwendung von Gewalt Gewaltanwendung provoziert, dass Intoleranz und Unfähigkeit zu demokratischer Auseinandersetzung unabsehbare Folgen nach sich ziehen könnten.
Setzen wir dem die Fähigkeit und die Möglichkeit zum Dialog entgegen, schaffen wir Räume des offenen Gesprächs, des freimütigen Gedankenaustauschs in aller Öffentlichkeit, ohne Angst vor Missdeutungen und ohne Unterstellungen, vor allem aber ohne Furcht vor unbequemen Wahrheiten. Geben wir uns damit die Chance der produktiven Veränderung, und nehmen wir dadurch unseren Gegnern das Potential für Desorientierung und Manipulation.


Wir haben uns die Devise "Alles zum Wohle des Volkes" auf unsere Fahnen geschrieben. Wenn es uns um diesen Wahlspruch ernst ist, sollten wir zu jeder Stunde auf die Fragen, die Gedanken, den Willen des Volkes hören. Wahrhaft sozialistische Demokratie bedarf der offenen, rückhaltlosen und vor allem öffentlichen Analyse des Zustandes unserer Gesellschaft, bedarf der sachlichen, uneingeschränkten Diskussion unserer Schwierigkeiten und Probleme, ihrer Ursachen und unserer Versäumnisse, und sie bedarf der gemeinsamen Suche nach Wegen, die uns aus Ratlosigkeit und Stagnation, Entmutigung und Gleichgültigkeit führen können.
Wir Kabarettisten wollen das Unsere dafür tun, in einer Atmosphäre des gegenseitigen Vertrauens, des wirklichen und wahrhaftigen Miteinanders, des öffentlichen Dialogs und der kritischen Auseinandersetzung für eine Erneuerung und Demokratisierung des Sozialismus, der uns am Herzen liegt.
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Ich füge dem erst einmal nichts hinzu und lasse es unkommentiert stehen.

Vierkrug


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#47

RE: Das Wunder der Wende

in DDR Zeiten 01.02.2013 14:10
von Eisenacher | 2.069 Beiträge

Ich glaube weder an die Vorsehung, die der größte aller Führer am 20.Juli 1944 angeblich hatte, noch an Wundermärchen von friedlichen Revolutionen. Nach meinem heutigen Wissenstand wurde das Ende des sozialistischen Experimentes in trauter Eintracht zwischen interessierten Kreisen in Ost und West beschlossen, jahrelang geplant und in einer für die Durchführung günstigen Situation vollzogen.
Ein paar der Großen, die man nicht mehr gebrauchen konnte wurden geopfert, die Nützlichen zur weiteren Verwendung integriert und der Rest teilt sich die Funktion als Gewinner oder Verlierer je nach Gebrauchswert ,Flexibilität,Lebensalter usw.


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#48

RE: Das Wunder der Wende

in DDR Zeiten 01.02.2013 14:11
von Gelöschtes Mitglied
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Noch ein paar Dokumente aus dem Fundus
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Aufruf

Nach der Demonstration am letzten Montag von etwa 20 000 Leipziger Bürgern und den Ereignissen des 7. Oktober stehen alle demokratischen Kräfte vor einer Herausforderung. Deshalb rufen wir auf:

- Organisation statt Konfrontation
- Dialog statt Gewalt
- Einsatz für Demokratie mit demokratischen Mitteln

und fordern:

- Zusammenschluss aller demokratischen Kräfte
- Aktives Handeln der Reformkräfte in der SED
- Stellt alles Trennende zurück

Das "Neue Forum" kann die Plattform dafür sein. Öffentlichkeit ist für unsere Gesellschaft überlebenswichtig. Seid Euch dieser Verantwortung bewusst, sorgt für einen friedlichen Verlauf der Demonstration:

- Provoziert nicht, lasst Euch nicht provozieren
- Durchbrecht keine Absperrungen
- Keine Konfrontation mit BePo und Kampfgruppen
- Dialog
- Schützt die Polizisten vor Übergriffen
- Stoppt Betrunkene, Provokateure - Alle Gewalttätigen
- Geht nach Ende der Demo friedlich nach Hause
- Unterlasst Einzelaktionen

Nur so werden Forderungen nach Offenheit, Dialog und Erneuerung durchzusetzen sein.

Die Demokratische Bewegung kann nur friedlich und gewaltfrei ihren Weg gehen.

Zeigen wir uns gemeinsam solidarisch handelnd auf der Höhe der Zeit. 9.10.1989

Für eine vereinigte Linke
Lesen Weitergeben Vervielfältigen

Im Namen von Mitgliedern und
Befürwortern des "Neuen Forum"
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Appell

In den letzten Wochen ist es mehrfach und in verschiedenen Städten der DDR zu Demonstrationen gekommen, die in Gewalt mündeten: Pflastersteinwürfe, zerschlagene Scheiben, ausgebrannte Autos, Gummiknüppel und Wasserwerfereinsatz.

Es gäbe eine unbekannte Zahl Verletzter, von Toten ist die Rede. Auch der letzte Montag in Leipzig endete mit Gewalt. Wir haben Angst. Angst um uns selbst, Angst um unsere Freunde, um den Menschen neben uns und Angst um den, der uns da in Uniform gegenübersteht. Wir haben Angst um die Zukunft unseres Landes. Gewalt schafft immer nur Gewalt. Gewalt löst keine Probleme. Gewalt ist unmenschlich. Gewalt kann nicht das Zeichen einer neuen, besseren Gesellschaft sein.

Wir bitten alle:

- Enthaltet Euch jeder Gewalt!
- Durchbrecht keine Polizeiketten, haltet Abstand zu Absperrungen!
- Greift keine Personen oder Fahrzeuge an!
- Entwendet keine Kleidungs oder Ausrüstungsgegenstände der Einsatzkräfte!
- Werft keine Gegenstände und enthaltet Euch gewalttätiger Parolen!
- Seid solidarisch und unterbindet Provokationen!
- Greift zu friedlichen und phantasievollen Formen des Protestes!

An die Einsatzkräfte appellieren wir

- Enthaltet Euch der Gewalt!
- Reagiert auf Friedfertigkeit nicht mit Gewalt!

Wir sind ein Volk. Gewalt unter uns hinterlässt ewig blutende Wunden.

Partei und Regierung müssen vor allem für die entstandene ernste Situation verantwortlich gemacht werden. Aber heute ist es an uns, eine weitere Eskalation der Gewalt zu verhindern, davon hängt unsere Zukunft ab.

Leipzig, den 9.Oktober 1989

"Arbeitskreis Gerechtigkeit"
"Arbeitsgruppe Menschenrechte"
"Arbeitsgruppe Umweltschutz"
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#49

RE: Das Wunder der Wende

in DDR Zeiten 01.02.2013 14:23
von Eisenacher | 2.069 Beiträge

Das sich die Machthaber an die Spitze der Protestierenden stellen, war in allen postkommunistischen Ländern gang und gäbe. Das ist ja auch eine Methode, die super funktioniert. Die ganze Demokratie funktioniert nach diesem Motto. Ich bringe in alle Parteien, egal welcher Couleur, meine Leute in Führungspositionen und dann kann es mir am A...sch vorbeigehen, welche Partei gewählt wird. Ich bin dann immer, mit von der Partie.


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#50

RE: Das Wunder der Wende

in DDR Zeiten 01.02.2013 16:12
von DoreHolm | 7.677 Beiträge

Zitat von Eisenacher im Beitrag #47
Ich glaube weder an die Vorsehung, die der größte aller Führer am 20.Juli 1944 angeblich hatte, noch an Wundermärchen von friedlichen Revolutionen. Nach meinem heutigen Wissenstand wurde das Ende des sozialistischen Experimentes in trauter Eintracht zwischen interessierten Kreisen in Ost und West beschlossen, jahrelang geplant und in einer für die Durchführung günstigen Situation vollzogen.
Ein paar der Großen, die man nicht mehr gebrauchen konnte wurden geopfert, die Nützlichen zur weiteren Verwendung integriert und der Rest teilt sich die Funktion als Gewinner oder Verlierer je nach Gebrauchswert ,Flexibilität,Lebensalter usw.




Roll back, ja, das war unmittelbar nach Gründung das langfristige Ziel der kräfte, die Du meinst. Mal wurde es offener, mal subtil versteckt ausgesprochen, je nach aktueller Lage und dafür wurde auch, meist hinter den Kulissen und nur für Leute die damit zu tun hatten hier und drüben so Einiges getan. Oft auf diplomatischem Weg, wenn anderen Staatsführungen zu verstehen gegeben wurde, daß das ein unfreundlicher Akt gegen die BRD wäre, wenn sie wirtschaftliche oder gar diplomatische Beziehungen mit der DDR aufnehmen u.v.a.m. Von wegen, unsere "armen Brüder und Schwestern hinter dem Eisernen Vorhang". Diese bedauernswerten Geschöpfe waren diesen Akteuren in Wirklichkeit sch...ß egal. Heuchlerei³ würde ich sagen.



Damals87 hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#51

RE: Das Wunder der Wende

in DDR Zeiten 01.02.2013 17:24
von Eisenacher | 2.069 Beiträge

Die große Politik und die großen Geschäfte werden hinter den Kulissen abgewickelt. Für den Öffentlichkeit wird nur eine Show abgezogen. So wie die Einlage von Schabowski am 9.11.1989 . Ich ziehe mir meine Hose schon länger nicht mehr mit der Kneifzange an.
Allein die Auswahl des Datums bestätigt alle Verschwörungstheorien.

Der 9. November gilt als "Schicksalstag" in der deutschen Geschichte.
http://www.bpb.de/politik/hintergrund-ak.../der-9-november


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#52

RE: Das Wunder der Wende

in DDR Zeiten 01.02.2013 18:16
von Lebensläufer | 1.235 Beiträge

Könnte man wirklich kurzfassen unsere Vortexter, ich versuchs mal:" Die Sowjets wurden gekauft, die Bürgerbewegungen der DDR an den Rand gedrängelt, das Volk mit der DMark wuschig gemacht, Grenze auf und schon gings los, es brach der Damm, nichts war mehr zu halten, Vernunft wo war noch Vernunft und klares Denken, die Banane(sinngemäß) hebelte alles, aber auch Alles aus...und sie wurden Eins, Bruder und Schwestern und Tränen und Schluchz und komm an meine Brust und immer schon waren wir ein Volk...wir hatten es nur vergessen...ha ha hu hi ich kann nicht mehr, ne ist das köstlich, war das...ne, nicht mehr für Alle.

Lebensläufer


Pitti53 und Schmiernippel haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#53

RE: Das Wunder der Wende

in DDR Zeiten 01.02.2013 19:40
von jecki09 | 422 Beiträge

#ddr-Bürger
"das Wunder der Wende", ich sehe das etwas anders. Wenn es eine Korrektur der Politik in dem Land DDR gegeben hätte (wie es die meisten der Demonstranten wollte), dann wäre es für mich eine wirkliche Wende gewesen.
Die Bürger im "Neuen Forum" wollten nicht den Untergang der DDR als Staat, sondern einen "reformierten Staat", der den wirklichen Bedürfnissen der Menschen entsprochen hat.


Das, was die Demonstranten und die reformwilligen Kräfte am Ende erreicht haben, ist nicht das wofür sie einst auf die Straße gegangen sind und was sie wollten.

Ich sage ganz kätzerisch: Als Tieger gesprungen - als Bettvorleger gelandet.


Sie, die Demonstranten und die reformwilligen Kräfte, sind zwischen den Interessen des Kapitals der alten BRD, dem - von der "Deutschen Mark (DM)" - geblendeten Volk der DDR, den Versprechungen der Politik und den anderen Mächten der Alliierten verführt, aufgerieben worden und wie bei einen Tsunami untergegangen.

Dass das "geblendete Volk" der DDR so sehr allen Versuchungen erlegen war, hat - obwohl sie (die DDR-Bürger) es besser wussten - so meine ich, seine Ursachen in der DDR selbst gehabt. Hier möchte ich nur an die Schwerfälligkeit der DDR-Führung zur Korrektur eines bestehenden 5-Jahr-Planes oder dem viel zu langsamen Reagieren auf Veränderungen erinnern, oder auch an die Gängelung der Menschen in der DDR. Nach meiner Meinung wollten viele, bei Mitnahme des Effektes der neuen Freiheiten und Möglichkeiten, weiterhin wie früher "geführt" werden. Doch sie wurden verführt.


Schade dass diese einmalige Möglichkeit für eine wirkliche Wende im Osten Deutschlands vertan, wir der alten BRD angeschlossen und von ihrem "Alten System" untergebuttert wurden.

Während den ersten Wochen des Runden Tisches (im GAR - 40 lief nicht mehr viel) lief in unserer Ausbildungskompanie fast den ganzen Tag der Fernseher mit den Übertragungen. Ich hatte das Gefühl: nun kann sich etwas ändern und es geht vorwärts - bestenfalls mit einer reformierten DDR. Aber leider liefen die wichtigen Entscheidungen der eingetretenen Wirklichkeit hinterher. Wurden Entscheidungen schneller gefällt, waren die Bedingungen die zu diesen Entscheidungen führten - überholt.

Der Anschluss der DDR an die alte BRD war bei dieser Kettenreaktion nur der Supergau - oder das Ende der Entwicklung.


Pitti53 und Damals87 haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#54

RE: Das Wunder der Wende

in DDR Zeiten 01.02.2013 19:54
von Lebensläufer | 1.235 Beiträge

Guter Text jeckie. Ich überlege gerade, wo die ganzen Bürgerechtler heute alle herumkraxeln. Sind wohl alle untergebuttert, alle ruhiggestellt. Irgendwo hatten wir in einem anderen Forum das mit den Anfängen der Demonstrationen um die Ringe(so Leipzig).Da gibt es sogar ne Liste der Sprüche...so ne Art Erinnerungsbuch.

Also diese zornigen Sprüche, da muss die Wiedervereinigung so weit weg wie der Mond gewesen sein. "Wir Deutschen, waren schon immer eins, waren wohl nie getrennt???" Also den Quatsch schrieb auch mal Einer im anderen Forum. Ich hätte doch fast meinen Morgenkaffee verschüttet.

Lebensläufer


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#55

RE: Das Wunder der Wende

in DDR Zeiten 01.02.2013 19:59
von Jobnomade | 1.380 Beiträge

Zitat von jecki09 im Beitrag #53
#ddr-Bürger
"das Wunder der Wende", ich sehe das etwas anders. Wenn es eine Korrektur der Politik in dem Land DDR gegeben hätte (wie es die meisten der Demonstranten wollte), dann wäre es für mich eine wirkliche Wende gewesen.
Die Bürger im "Neuen Forum" wollten nicht den Untergang der DDR als Staat, sondern einen "reformierten Staat", der den wirklichen Bedürfnissen der Menschen entsprochen hat.


Das, was die Demonstranten und die reformwilligen Kräfte am Ende erreicht haben, ist nicht das wofür sie einst auf die Straße gegangen sind und was sie wollten.

Ich sage ganz kätzerisch: Als Tieger gesprungen - als Bettvorleger gelandet.


Sie, die Demonstranten und die reformwilligen Kräfte, sind zwischen den Interessen des Kapitals der alten BRD, dem - von der "Deutschen Mark (DM)" - geblendeten Volk der DDR, den Versprechungen der Politik und den anderen Mächten der Alliierten verführt, aufgerieben worden und wie bei einen Tsunami untergegangen.

Dass das "geblendete Volk" der DDR so sehr allen Versuchungen erlegen war, hat - obwohl sie (die DDR-Bürger) es besser wussten - so meine ich, seine Ursachen in der DDR selbst gehabt. Hier möchte ich nur an die Schwerfälligkeit der DDR-Führung zur Korrektur eines bestehenden 5-Jahr-Planes oder dem viel zu langsamen Reagieren auf Veränderungen erinnern, oder auch an die Gängelung der Menschen in der DDR. Nach meiner Meinung wollten viele, bei Mitnahme des Effektes der neuen Freiheiten und Möglichkeiten, weiterhin wie früher "geführt" werden. Doch sie wurden verführt.


Schade dass diese einmalige Möglichkeit für eine wirkliche Wende im Osten Deutschlands vertan, wir der alten BRD angeschlossen und von ihrem "Alten System" untergebuttert wurden.

Während den ersten Wochen des Runden Tisches (im GAR - 40 lief nicht mehr viel) lief in unserer Ausbildungskompanie fast den ganzen Tag der Fernseher mit den Übertragungen. Ich hatte das Gefühl: nun kann sich etwas ändern und es geht vorwärts - bestenfalls mit einer reformierten DDR. Aber leider liefen die wichtigen Entscheidungen der eingetretenen Wirklichkeit hinterher. Wurden Entscheidungen schneller gefällt, waren die Bedingungen die zu diesen Entscheidungen führten - überholt.

Der Anschluss der DDR an die alte BRD war bei dieser Kettenreaktion nur der Supergau - oder das Ende der Entwicklung.






treffend formuliert, jecki09
"Wir sind das Volk !" - habe ich noch lauthals mitgerufen.
Als daraus der Ruf wurde "Wir sind ein Volk !" - wurde ich zunehmend still. So weit war ich noch nicht, die kommenden Probleme ahnte ich irgendwie.
Für mich brauchte ich noch mehrere Jahre, bis ich auch dem zweiten Satz zustimmen konnte.
Schade um vertane Chancen. Ein paar Reformen, Jahre vorher eingeleitet, hätten vieles in der DDR verändern können. Die Wiedervereinigung wäre sicher auch irgendwann gekommen, dann aber auf gleicher Augenhöhe.
Und viele im Osten Deutschlands, die in der rauhen Marktwirtschaft unter die Räder gekommen sind, wären vielleicht besser auf kommendes vorbereitet gewesen.

Gruss Hartmut


u3644_Jobnomade.html
frank und silberfuchs60 haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 01.02.2013 20:01 | nach oben springen

#56

RE: Das Wunder der Wende

in DDR Zeiten 02.02.2013 05:12
von student | 89 Beiträge

@ jobnomade, es ist prinzipiell nicht von der Hand zu weisen, was Du geschrieben hast. Aber mit ein paar Reformen wäre es nicht getan gewesen. Oder man hätte nur eine einzige durchziehen und den unsäglichen SED-Parteiapparat zum Teufel schicken müssen.

Mit dem Neuen Ökonomischen System der Leitung und Planung war so ein Versuch von Ulbricht unternommen worden, weil damit aber zu viele Kompetenzen von den "Parteikadern" auf die tatsächlichen Wirtschaftsfachleute übergegangen wären, hat man diesen vielversprechenden Anfang sofort wieder abgewürgt und das Prinzip unangetastet gelassen, daß die Partei zwar überall dazwischenreden kann, aber nie für etwas verantwortlich ist.

Wir hatten in den Streitkräften doch auch solche verdienten Genossen, die irgendwann in Spanien gekämpft hatten (wogegen nichts zu sagen ist, wohlverstanden - vielleicht mit Ausnahme derjenigen, die schon dort zu nichts anderem nütze waren als die eigenen Leute zu dezimieren und dafür dann später Minister wurden) und die dann aus NVA und Grenztruppen so eine Art Operettenarmee gemacht haben mit Affenschaukel und Biertrinkerjackett und hundertfachem Zeremoniell. Dafür hätten wir lieber eine angemessene Grenzdienstuniform gehabt oder wenigstens im Winter zweckmäßige Unterwäsche. Aber natürlich geht nur eins, das war schon klar.

Diese zwei Dinge gingen nicht zusammen: "Führende Rolle der Partei" in allen Bereichen und eine leistungsfähige Wirtschaft als Grundlage für die Loyalität der Bevölkerung. Die Menschen leben gerne im Jetzt, und wer wollte es ihnen verdenken, wenn sie mit einem scheinbar leistungsfähigeren Modell vor Augen eben dieses haben wollten. Die einzige wirklich aus tiefstem Herzen kommende Losung in den Wendetagen war "Kommt die D-Mark, bleiben wir ..."
Am 9.November ging die Mauer auf, und am 11.11. (auch ein passendes Datum) habe ich in mein Tagebuch geschrieben: "Heute sind auf den Silos die ersten schwarz-rot-goldenen Fahnen aufgepflanzt worden." Daß das so kommen würde, dafür wurde auf der II.Parteikonferenz der SED 1952 die Grundlage gelegt, als im Beschluß zu lesen war, man müsse "... vom großen Stalin [...] lernen, wie der Sozialismus aufgebaut wird."

Und ich werde nicht aufhören, gerade hier immer wieder darauf zu verweisen, daß diese "Wende" in der damaligen Situation die einzige praktikable Möglichkeit war, aus der Misere eines heruntergewirtschafteten Landes mit einigermaßen heiler Haut herauszukommen. Was sich danach abspielte, das kann man ebenso schon bei Friedrich Engels nachlesen wie dessen bissigen Kommentar zur phantastischen Wirtschaftskommune, der wie für den real existierenden Sozialismus geschrieben scheint.
Eine der Widersinnigkeiten der DDR bestand darin, daß man mit einem sehr leistungsfähigen Bildungssystem Menschen herangezogen hat, die tatsächlich zu dem Kapitalismus mindestens ebenbürtigen Leistungen fähig waren und mit Sicherheit auch bereit dazu, nur um diese dann in ein Wirtschaftssystem zu pressen, das in kleinlicher Bevormundung und dem Regiment unbedarfter Parteischwätzer bestanden hat.

Die Tragik besteht darin, daß die DDR nur in dieser verhängnisvollen Symbiose mit der SED überhaupt existieren konnte, und daß sie einerseits entbehrlich wurde, als die Sowjetunion sie nicht mehr als Puffer vor ihren eigenen Grenzen brauchte, und andererseits sofort implodierte, als die "führende Rolle der SED" in Frage gestellt wurde.
Heute leisten sich die Parteien mindestens ebenso große Mißgriffe, nur fällt das deswegen nicht so auf, weil die Regierungsfarben immer mal wechseln. Eine Partei wie die SED, die für alles alleine zuständig sein wollte, mußte sich nicht wundern, wenn ihr auch (zu Recht) die alleinige Verantwortung für den letztlichen Zusammenbruch der DDR als Staat angelastet werden muß.

Was den Fatalismus angeht, der aus manchem Beitrag herauszuhören ist: Als das Bürgertum den Feudalismus gestürzt hat, da passierte das nicht am 14.Juli 1789 in Paris, sondern es begann in England bereits mit Cromwell, als am 17.März 1649 die Republik ausgerufen wurde. Und es wurde nicht eine Art von Freiheit, sondern der Puritanismus eingeführt, der Tugendterror, der so nicht gemeint war. Dann erst die Glorious Revolution 1688, dann Amerika 1776, von dem die Franzosen ihre eigene Revolution 1789 eigentlich nur abgeguckt haben, und das zog sich hin bis nach 1848 und noch weiter, ehe man davon sprechen konnte, daß sich der Kapitalismus etabliert hatte, und zwar einschließlich eines entsprechenden politischen Systems. Alles in allem zweihundert Jahre.
Diesem Zeitraum stehen die 70 Jahre des ersten Versuchs entgegen, etwas anderes als den Kapitalismus einführen zu wollen. Wenn man das berücksichtigt, dann kann man doch einigermaßen sicher sein, daß das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.
Und ebenso sicher ist, nach Hegel jedenfalls, daß man ebenso wie am Kapitalismus auch Erhaltenswertes am Sozialismus finden wird, das dann in die neuen Verhältnisse eingehen wird. Meiner Meinung nach darf man zwei Dinge nicht tun: Erstens annehmen, daß der "Anschluß" der DDR so etwas wie das Ende der Geschichte ist, und zweitens annehmen, daß wir morgen in der Zeitung lesen werden, daß der Kapitalismus Insolvenz angemeldet hat.


80er, 94, andy und Damals87 haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#57

RE: Das Wunder der Wende

in DDR Zeiten 03.02.2013 17:53
von Lebensläufer | 1.235 Beiträge

Was mir so bei meinen Landsleuten Ost nach der 1989, also der Wende auffällt ist folgendes. Ich muss es auch gleich etwas erklären, speise meine Beobachtungen also aus dem Alltag, bin Nachts Zeitungszusteller, habe tagsüber individuelle Zeit.Ürsprünglich komme ich aus einem Bauberuf, der mir früher nie Zeit ließ um zu sich selber zu finden, das habe ich jetzt (fast ungewollt) geändert, um einfach mehr Zeit für Frau, Haus und Enkel zu haben.

Ungewollt heißt," teils schob man ihn, teils zog er selber dran" am Auslaufen der Werkelei und ich bin es zufrieden weil der Beruf auch sehr gesundheitsbedenkliche Seiten hatte aber hin zum Thema, ehe ich mich hier verzettle.

Wenn ich mir so den gemeinen Nachbarn(verallgemeinert einmal) anschaue muss ich sagen, es hat sich eigentlich nicht viel geändert zu früher in der DDR.Geändert hat sich schonmal das Auto(die Autos) vor der Tür, im Carport, in der Garage, das wollte er haben, darauf legt der Nachbar Wert. Einige halten immer mit, von der Größe her, Nachbar Schulz nen BMW X1, dann Nachbar Mayer ne Nummer größer. Ist irgendwie ein tolles Spiel aber es macht wohl Spass den Anderen bissel zu ärgern, auch auf die Gefahr hin, das es finanziell dann...aber lassen wir das.

Früher ging das nicht in der DDR, weil, da musste man noch viele Jährchen warten per Bestellung,auf den Neuwagen, da war das Auto auch mehr ein Nutzmittel, wurde regelrecht abgenutzt, vollgestopft, bei Manchem Mangels der Hänger zum Hänger selber umfunktioniert. Und na klar, Gebrauchtwagen gabs auch jede Menge, man musste nur wissen wo?Mein Schwiegersohn zum Beispiel,(Einer meiner...) der weiß garnicht so recht, warum er überhaupt heute einen Kombi fährt. Und der fährt ein wirklich schickes Teil, also der schafft das einfach nicht, das Teil mal so herzurichten, das man das sozusagen als Kombi ausnutzt, wie wir das früher gemacht haben.

Komisch was, irgendwie bleibt dabei die Nützlichkeit auf der Strecke, das ist in etwa so, ich fahre nen großen Kipper um öfters mal für die Enkel doch einfach nur ne Schubkarre Sand für deren Sandkiste zu holen. Selbst einkaufen fährt er die Butter, Konservengläser, Salatoel usw. alles schön einzeln hinten drin siehe eine richtige Vollbremsung, und der Salat ist vorprogramiert. Aber das soll mir eigentlich egal sein, war nur mal so in Bezug auf heutiges "wichtiges" Ladegut bemerkt.

Übrigens, ihr könnt den Text hier gerne ergänzen, mal so bissel einen Vergleich...Früher zu Heute. Vielleicht hat sich ja auch bei unsren Nachbarn West was geändert, seit 89, dann nur zu, ich werde mich dann auch wieder einbringen mit Fortsetzungen. Das hier also schonmal der Erste Teil.


Lebensläufer


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#58

RE: Das Wunder der Wende

in DDR Zeiten 04.02.2013 13:00
von ddr-bürger (gelöscht)
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Für mich besteht das "Wunder der Wende" darin, wie schnell der Zerfall des sozialistischen Systems zur Demontage der sozialen Errungenschaften in der BRD geführt haben - oder doch kein Wunder?
Ja, ja ich weiß ja die böse Globalisierung und die geänderten Bedingungen haben dazu geführt den Gürtel enger zu schnallen...


Damals87 hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 04.02.2013 13:01 | nach oben springen

#59

RE: Das Wunder der Wende

in DDR Zeiten 08.02.2013 19:54
von Grenzgänger (gelöscht)
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Zitat von ddr-bürger im Beitrag #58
... zur Demontage der sozialen Errungenschaften in der BRD geführt haben - oder doch kein Wunder?



Nö... Kapitalismus eben - wie wir es gelernt haben.
Aber eben in wichtigen Momenten - die "singenden Sirenen hinterm Horizont" im Ohr- vergessen haben.

Aber was mir beim Thema Wunder der Wende einfiel, war das "Wunder des Sozialismus"
Wurde so anfang der 90er mal publiziert, Autor soll ein Jugoslawe gewesen sein (damals gab es die noch).
Ich finde das Dilemma schon recht gut zusammengefasst:

Alle haben Arbeit - aber keiner arbeitet,
keiner arbeitet - aber alle haben Geld,
alle haben Geld - aber keiner kann sich was kaufen,
keiner kann sich was kaufen - aber alle haben alles,
alle haben alles - aber alle sind unzufrieden,
alle sind unzufrieden - aber alle wählen einstimmig.

.. zum Thema: Die Wende war natürlich kein Wunder, sondern gesetzmäßige Entwicklung - die Zeit war "herangereift" (haben wir doch auch alles gelernt..)

grüsze in die runde
siggi


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