#21

RE: Politoffiziere

in Grenztruppen der DDR 19.01.2013 23:42
von Schuddelkind | 3.516 Beiträge

Zitat von DoreHolm im Beitrag #18
Zitat von Schuddelkind im Beitrag #12
Zitat von DoreHolm im Beitrag #10
Unser Politnik war eine sog. "Schießbudenfigur", absolut keine Autorität, da ihn niemand ernst genommen hat. Nach ca. 15 Dienstjahren nur bis zum Leutnant gebracht, das sagt alles. Spitzname war "Fury", wie der gleichnamige Gaul.


Hallo Dore, waren die Politoffiziere nicht so gerne gesehen oder lag es an den einzelnen Personen, also wie sie die Sache vermittelt haben?


Es lag ganz sicher an der Person. Unserer stammt wahrscheinlich noch aus der Zeit, als es mehr Masse als Klasse war, was für die Offizierslaufbahn genommen wurde. Die Hauptsache, das Kaderproblem war erst mal gelöst. Ich vermute, daß er nach Ende seiner Pflichtzeit dann in irgendeinem Betrieb oder einer behörde galandet ist, wo er keinen Schaden anrichten konnte.



Meinst du Zeit, nachdem die ehemaligen Wehrmachtsoffiziere entlassen worden und de entstandene Lücke gefüllt werden musste?


Intellektuelle spielen Telecaster
nach oben springen

#22

RE: Politoffiziere

in Grenztruppen der DDR 20.01.2013 06:22
von Rainman2 | 5.763 Beiträge

Na dann muss ich wohl mal wieder (natürlich nur wieder für die 80-er Jahre). Ich gestehe, ich habe ein wenig Verständnis, dass man sich nicht bei jedem Thema "durchgoogeln" will. Und der folgende Text wird diese Aussage durchaus unterstützen. Ich betrachte mal drei Ebenen der Aufgaben der Politoffiziere (ich beschränke die Darstellung auf den StKCPA - Stellvertreter des Kompaniechefs für politische Arbeit):
- den Parteiauftrag
- die Aufgaben lt. Dienstvorschrift 010/0/003 (Innerer Dienst) und dazu
- übliche Aufgaben des Politoffiziers in der Grenzkompanie

Über allen anderen Aufgaben stand der Parteiauftrag den der Politoffizier hatte. Politoffiziere, auch Partei-Polit-Kader genannt, waren hauptamtliche Perteiarbeiter in den Streitkräften. Sie waren verantwortlich, dass die Politik der Partei in ihrer Einheit durchgesetzt wurde und hatten dazu auf die militärischen Führungskader, einschließlich ihres Kompaniechefs, entsprechend einzuwirken. Politoffiziere waren im Rahmen der politischen Struktur berichtspflichtig an den übergeordneten Politstellvertreter (Bataillon) oder direkt an die Politabteilung des Regiments. Dieser Berichtsweg durfte weder von der militärischen Führung, noch von der Parteileitung der Kompanie beeinflusst werden (der Politstellvertreter sollte nicht gleichzeitg Parteisekretär sein). Auf dem umgekehrten Weg erhielt er entsprechende Weisungen seitens der Politorgane, die in die entsprechende Planung und Organisation des Dienstbetriebes einzuarbeiten waren. Den Kern der gesamten poltischen Arbeit bildete die Ausprägung der "sozialistischen Grundüberzeugungen" (Kurzfassung aus dem Gedächtnis):
- von der führenden Rolle der Arbeiterklase und ihrer marxistisch-leninistischen Partei
- von der Sieghaftigkeit des Sozialismus im Weltmaßstab
- von der friedenserhaltenden Rolle des Sozialismus
- von der Freundschaft zur Sowjetunion und der Anerkennung von deren führender Rolle in der sozialistischen Staatengemeinschaft
- von der Aggressivität des imperialistischen Klassenfeindes

Kurzer geschichtlicher Exkurs: Die Politoffiziere gehen auf eine Erfindung der französischen Revolution zurück: Die Kommissare des Konvent. Diese wurden den unter der alten Führung erzogenen Militärexperten zur Seite gestellt, damit diese auf der Linie der Revolution blieben. Buchempfehlung dazu - Victor Hugo "Dreiundneunzig". Dieser Gedanke wurde im Rahmen der Oktoberrevolution durch Lenin aufgegriffen und es wurden auch hier wieder Kommissare mit dem gleichen Hintergrund eingesetzt. Filmtipp dazu - Juri Oserow "Kotschubej". Die Politoffiziere der NVA und Grenztruppen standen in dieser Tradition.

Die Aufgaben (einfach so, wie sie mir noch einfallen):

1. Im Rahmen der Parteiarbeit
- Planung der Ziele und Schwerpunkte der Parteiarbeit in der Kompanie
- Planung und personelle Sicherstellung der Parteileitungsarbeit
- Planung, Organisation, Vorbereitung und personalle Sicherstellung der Mitgliederversammlung der SED
- Berichte und Abrechnungen zur Parteiarbeit (unabhängig vom Parteibericht durch den Parteisekretär)
- Planung, Organisation und Unterstützung von Massenkontrollen der SED (bitte den Begriff googeln)
- Sicherstellung der Öffentlichkeitsarbeit der SED-Grundorganisation der Kompanie
- Planung, Organisation und Unterstützung der Wahlen der Parteileitung
- Unterstützung des Parteisekretärs und der Parteileitung bei der laufenden Arbeit
- laufende persönliche Einflussnahme auf die Vorbildwirkung von Mitgliedern der Partei (insbes. Vorgesetzte)

2. Im Rahmen der politischen Schulung
- Planung, Organisation und Durchführung der Politischen Schulung der Soldaten
- Unterstützung der Poltischen Schulung der Unteroffiziere
- Unterstützung der Gesellschaftswissenschaftlichen Weiterbildung der BU, Fähnriche und Offiziere
- Planung, Organisation und Durchfühung der Schule der Sozialistischen Arbeit mit den Mitglieder des FDGB (Zivilbeschäftigte)
- Sicherstellung der Bereitstellung des Schulungsmaterials und unterstützender Medien für die Schulungen
- Auswertung und Berichterstattung zu den Schulungen (inkl. Befehl 44)

3. Im Rahmen der Agitation und Propaganda
- Festlegung der Ziele und Schwerpunkte innerhalb der laufenden Arbeit der Agitation und Propaganda
- Planung, Organisation und Dürchführung von Aktuell politischen Informationen (API = wöchentlich)
- Gründung und Anleitung eines Agitatorenkollektives (mind. 2 Angehörige pro Zug)
- Gewährleistung der Sichtagitation (Wandzeitung)
- Sicherstellung der Verteilung und der Arbeit mit der Presse (in erster Linie ND, Junge Welt)
- laufende persönliche Arbeit zur Agitation und Propaganda in der Einheit und mit den Vorgesetzten

4. Im Rahmen der Anleitung und Unterstützung der Massenorganisationen
- Erarbeitung der Ziele und Schwerpunkte der Arbeit der Massenorganisationen
- Planung, Organisation und Unterstützung der Arbeit der FDJ-Leitung
- Planung, Organsation und personelle Sicherstellung der Mitgliederversammlung der FDJ
- Organisation und Unterstützung beim Erwerb des "Abzeichens für gutes Wissen"
- Planung und Unterstützung bei der Beitragskassierung und der Verwendung der Rücklaufmittel der FDJ
- Planung, Organisation und Unterstützung bei Massenkontrollen der FDJ
- Planung, Organisation und Unterstützung der ASG-Leitung (Armeesportgruppe)
- Planung und Unterstützung bei der Beitragskassierung und der Verwendung der Rücklaufmittel der ASG
- Planung, Organisation und Sicherstellung von Sportveranstaltungen
- Organisation und Unterstützung beim Erwerb des Sportabzeichens sowie des Militärsportabzeichens
- Gewährleistung der Teilnahme an zentralen Sportwettkämpfen (wenn entsprechende Leute vorhanden)
- Planung, Organisation und Unterstützung der Arbeit der DSF (Gesellsch.f. Deutsch-Sowjetische-Freundschaft)
- Planung, Organisation und Sicherstellung von Freundschaftstreffen im Rahmen der DSF (wenn am Standort möglich)
- Sicherstellung der "Ehrungen zum Internationalen Frauentag"

5. Im Rahmen des Grenzdienstes und des inneren Dienstes der Kompanie
- Handlung im Rahmen der Aufgaben des Stellvertreters des Kompaniechefs (Planung/Führung Grenzdienst, Einsatz bei Lagen)
- Themenplanung und Gewährleistung der täglichen Aktuell Politischen Lageinformation vor dem Grenzdienst
- Unterstützung der Erstaussprachen bei der Zuversetzung von Angehörigen der Grenztruppen
- Einflussnahme auf Auszeichnungen, Belobigungen und Bestrafungen
- Planung, Organisation und Unterstützung bei der Führung des sozialistischen Wettbewerbes
- Planung, Organisation und Unterstützung im Rahmen der "Bestenbewegung" (Bestenabzeichen der GT)
- Einflussnahme auf die Qualität der Truppenverpflegung im Rahmen der Küchenkommission (i.d.R. Leitung derselben)
- Einflussnahme auf die Hygiene im Rahmen der Truppenverpflegung im Rahmen der Hygienekommission (i.d.R. Leitung derselben)
- laufende Einflussnahme auf die sozialistischen Beziehungen innerhalb der Einheiten
- laufende Einflussnahme auf die Gestaltung des Kompaniegebäudes und die Schmückung zu Feiertagen

6. Im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit und der militärischen Nachwuchsgewinnung
- Planung der Zielstellung und Schwerpunkte der Öffentlichkeitsarbeit (im Ort, mit Patenbetrieb, Patenschule etc.)
- Organisation und Unterstützung von Veranstaltungen im Rahmen der Öffentlichkeitsarbeit
- Anleitung und Unterstützung bei der militärischen Nachwuchsgewinnung

7. Im Rahmen der Gefechtsbereitschaft der Einheit
- Gewährleistung der materiellen Sicherstellung im Rahmen der Gefechtsbereitschaft (Politkiste, Inhalt und Gewicht)
- Gewährleistung der Handlungsfähigkeit der Parteileitung sowie der Grundorganisation der SED
- Gewährleistung der Handlungsfähigkeit der Massenorganisationen
- etc. (ist ein eigener Komplex, der Gottseidank hypothetisch blieb)

8. Im Rahmen der Kulturpolitischen Arbeit
- Organisation von Kulturveranstaltungen in der Einheit (u.a. Zusammenarbeit mit Kulturoffz. des Regiments)
- Einbeziehung von Angehörigen der Berufssoldaten (Kompanieabende, geselliges Beisammensein ...)
- Sicherstellung der Kompaniebibliothek (gab es, wurde kaum wahrgenommen)
- Sicherstellung und Organisation von Filmvorführungen (turnusmäßiger Filmtausch)
- Gründung und Anleitung eines Sendekollektives für die hauseigene Sendeanlage (ELA-K siehe Rundfunkübertragungsgerät)
- Gründung und Unterstützung eines Fotozirkels (blieb meistens an einem Grenzaufklärer hängen)
- Gründung und Anleitung von Kleinstkulturgruppen (Singegruppe, Band - wenn möglich)
- Gewährleistung der Teilnahme an Kleinstkulturgruppenleistungsvergleichen (gab es wirklich - kaum genutzt)
- Beantragung und Nachweis von finanziellen Zuschüssen zur Kulturarbeit

9. Weitere Aufgaben
- Unterstützung der Vorgesetzten beim Befehl 44 (Personalanalyse)
- Einflussnahme bei Problemen von Angehörigen der Grenztruppen (Familie, Beruf, Wohnung etc.)

Oh Gott - ich hoffe, ich habe nichts vergessen ...
Jedenfalls empfand ich es damals schon als interessanten Fakt, dass die Dienstpflichten eines Politstellvertreters in der DV 010/0/003 mehr Raum einnahmen als die eines Regimentskommandeurs.

Naja, und nun Ihr wieder.
ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


seaman, schulzi, Feliks D., Jawa 350, Damals87 und glasi haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 20.01.2013 06:23 | nach oben springen

#23

RE: Politoffiziere

in Grenztruppen der DDR 20.01.2013 07:14
von Polter (gelöscht)
avatar

Zitat Rainman2:

" Oh Gott - ich hoffe, ich habe nichts vergessen ..."

......stöhnte nicht so der Pfarrer in der Kirche ?


nach oben springen

#24

RE: Politoffiziere

in Grenztruppen der DDR 20.01.2013 07:16
von utkieker | 2.926 Beiträge

Unser Polit (Oltn. W.), empfand ich als intelligenten und erstaunlich sensiblen Offizier. Kein Einpeitscher von Parolen, kein Brüllaffe, sondern ein kulturpolitischer Annimateur. Manchmal habe ich überlegt warum zieht es ein solch jungen Menschen zum Militärdienst, er hätte auch Musiker werden können. Er war ein richtig guter Gitarrenspieler und schwärmte für C&W- Musik und für CCR.
Mal so eine Frage an dich Rainman, ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Politstellvertreter in Wahrheit gut ausgebildete Kulturoffiziere waren.

Gruß Hartmut!


"Die Vergangenheit zu verbieten macht sie nicht ungeschehen, nicht einmal wenn man versucht sie selbst in sich zu verdrängen"
(Anja-Andrea 1959 - 2014)
nach oben springen

#25

RE: Politoffiziere

in Grenztruppen der DDR 20.01.2013 07:35
von Rainman2 | 5.763 Beiträge

Zitat von utkieker im Beitrag #24
... Mal so eine Frage an dich Rainman, ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, daß die Politstellvertreter in Wahrheit gut ausgebildete Kulturoffiziere waren. ...

Hallo uitkieker,

kann ich so leider nicht bestätigen. Gerade die Ausbildung zur Kulturarbeit war, gemessen an allen andern in meiner Liste genannten Dingen, grottenschlecht. Wenn einer eine Affinität dazu hatte, was bei Deinem Polit und bei mir selbst sicher galt, dann lag das im Blut und kam so rüber. Aber insgeamt gab es auf diesem Gebiet enorme Defizite.

Im Jahre 1981 tagte eine "Kulturkonferenz der NVA und der Grenztruppen". Neben den üblichen Selbstbeweihräucherungen und den unsäglich kurzgegriffenen Schlussfolgerungen für eine politisch korrekte Kulturarbeit gab es da auch sehr kritische Töne u.a. zur Ausbildung der Offiziere, insbesondere der Politoffiziere in den gesamten Streitkräften. Die Folge dieser Konferenz war, dass an der Militärpolitischen Hochschule in Berlin Grünau ein eigener Lehrstuhl für Kulturwissenschaft eingerichtet wurde. Dieser sollte sowohl eigene Diplomkulturwissenschaftler ausbilden, als auch die laufende Ausbildung von Politoffizieren unterstützen. Dieser Lehrstuhl nahm 1988 seine Arbeit auf und ich war einer der ersten 15 Delinquenten für das Diplomstudium. Über die Kulturkonferenz habe ich 1982 meine Abschlussarbeit an der Offiziershochschule geschrieben. Daher ist mir das ganze immer noch geläufig.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


utkieker hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#26

RE: Politoffiziere

in Grenztruppen der DDR 20.01.2013 10:43
von damals wars | 12.204 Beiträge

Die Politoffiziere hatte wenigsten die Ansätze einer psychologischen Ausbildung hinter sich, ich habe mir da mal ein Buch vom Polit ausgeliehen, wen ich daran denke, wie Ahnungslos mein KC auf diesem Gebiet war, graut es mir heute noch.


Als Gott den Menschen erschuf, war er bereits müde; das erklärt manches.(Mark Twain)
Ein demokratischer Rechtsstaat braucht Richter, keine Henker. Interview auf der Kundgebung Je suis Charlie am 11.01.2015
"Hass hat keinen Glauben, keine Rasse oder Religion, er ist giftig." der Witwer der britische Labour-Abgeordnete Jo Cox.
http://www.neo-magazin-royale.de/zdi/art...fur-frauke.html
nach oben springen

#27

RE: Politoffiziere

in Grenztruppen der DDR 20.01.2013 13:05
von jecki09 | 422 Beiträge

Unser Polit war im Monat ca 2-3 mal auf KS. K-GSI - Schichten machten alle aus der Kompanieführung. Auch der KC, StKC und der Polit. Wimre 3-4 mal im Monat.
In meinen ca. 3 Jahren in der GK-Ifta habe ich 3 Polits erlebt. Der 2. Polit (Maik Bud.) wurde mit mir 1985 in Suhl zum Ltn. ernannt und kam, 1986 nach dem Jahr Berlin-Grünau, auf die GK. Dann gab es (so hieß es im Buschfunk) "familiären Ärger" wg. Westverwandschaft seiner Ehefrau.

Als außenstehender ZF gesehen hatten unsere Polits in der GK nicht viel auszustehen.


nach oben springen

#28

RE: Politoffiziere

in Grenztruppen der DDR 20.01.2013 13:36
von Jawa 350 | 676 Beiträge

Hier stellt sich nun folgende Frage: gab oder gibt es etwas ähnliches bei dem BGS oder bei der BW?

Oder übernimmt ein Militärpfarrer teilweise solche Aufgaben ?


MfG
Jawa350
nach oben springen

#29

RE: Politoffiziere

in Grenztruppen der DDR 20.01.2013 13:39
von andy | 1.199 Beiträge

Zitat von Rainman2 im Beitrag #25
[quote=utkieker|p227062]...
Im Jahre 1981 tagte eine "Kulturkonferenz der NVA und der Grenztruppen". Neben den üblichen Selbstbeweihräucherungen und den unsäglich kurzgegriffenen Schlussfolgerungen für eine politisch korrekte Kulturarbeit gab es da auch sehr kritische Töne u.a. zur Ausbildung der Offiziere, insbesondere der Politoffiziere in den gesamten Streitkräften. Die Folge dieser Konferenz war, dass an der Militärpolitischen Hochschule in Berlin Grünau ein eigener Lehrstuhl für Kulturwissenschaft eingerichtet wurde..... Dieser Lehrstuhl nahm 1988 seine Arbeit auf und ich war einer der ersten 15 Delinquenten für das Diplomstudium. Über die Kulturkonferenz habe ich 1982 meine Abschlussarbeit an der Offiziershochschule geschrieben. Daher ist mir das ganze immer noch geläufig.

ciao Rainman


Wenn ich mir die Zeitspanne zwischen der Kulturkonferenz und der Lehrstuhlgründung anschaue komme ich zu der Erkenntnis, dass die Verbesserung politischen Arbeit/Kulturarbeit in den Einheiten durch die Führung der GT nicht so richtig ernst genommen wurde.
Liege ich da richtig?

Rainman, auf was hat sich denn Deine Abschlussarbeit mehr konzentriert?: auf die kritischen Töne oder die Selbstbeweihräucherung?

andy


Komm, wir essen Opa. Satzzeichen können Leben retten.
nach oben springen

#30

RE: Politoffiziere

in Grenztruppen der DDR 20.01.2013 13:48
von Rainman2 | 5.763 Beiträge

Zitat von jecki09 im Beitrag #27
... Als außenstehender ZF gesehen hatten unsere Polits in der GK nicht viel auszustehen.

Oioioioioioioi, jecki,

da stichst Du ja ein mächtiges Fass an. Im ersten Moment des Lesens lag mir auf der Zunge: Na und, die Zugführer doch auch nicht. Aber das würde genauso wenig stimmen, wie Dein Satz und wir wollen mal nicht das mühsam aufgebaute Bild zerstören, dass der Dienst eines Offiziers in der Grenzkompanie durchaus ein hohes Stresspotential hatte.

Aber ernsthaft: Die Aufgaben in der Operativen Führung (KC, ZF) waren wesentlich zwingender, als die in der politischen Arbeit. Im Prinzip konnte man es als Polit an einigen Ecken schleifen lassen und notfalls per Kampagne bereinigen. Ich erinnere mich, als ein Major der Politabteilung des Regiments in unsere Kompanie kam und eine Beratung mit den vorhandenen Leuten des Agitatorenkollektives aus dem Stehgreif anberaumte. Ich hatte mich um diese Sache nicht gekümmert. Was sollte ich Leute zwingen, über Dinge zu reden, die sie weder vertraten noch nach meiner Auffassung überhaupt verstanden. Aber kein Agitatorenkollektiv zu haben, war dann auch schlecht. Ich rannte einmal durch die Kompanie, rief 6 Leute zusammen, auf die ich mich halbwegs verlassen konnte (im Sinne von: Die fallen Dir definitiv nicht in den Rücken), ich erklärte ihnen kurz die Situation und wer sie nun für ein paar minuten sein sollten. Ich gab ihnen noch zwei Fragen mit, die sie dem Major stellen sollten und dann fand die Beratung statt. Im Endeffekt hatte laut Auswertung ich das beste Agitatorenkollektiv im Bataillon. Das war insofern eine Gemeinheit, da ich wusste, dass zwei meiner Kollegen kontinuierlich mit ihren Agitatorenkollektiven arbeiteten.

Aber die so gewonnene "Freizeit" ging ja auch wieder drauf. In der Kompaniesicherung gibt es nie Ruhe auf der Kompanie.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


jecki09 hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#31

RE: Politoffiziere

in Grenztruppen der DDR 20.01.2013 14:08
von Rainman2 | 5.763 Beiträge

Zitat von andy im Beitrag #29
Zitat von Rainman2 im Beitrag #25
[quote=utkieker|p227062]...
Im Jahre 1981 tagte eine "Kulturkonferenz der NVA und der Grenztruppen". .... Dieser Lehrstuhl nahm 1988 seine Arbeit auf ...


Wenn ich mir die Zeitspanne zwischen der Kulturkonferenz und der Lehrstuhlgründung anschaue komme ich zu der Erkenntnis, dass die Verbesserung politischen Arbeit/Kulturarbeit in den Einheiten durch die Führung der GT nicht so richtig ernst genommen wurde.
Liege ich da richtig?

Rainman, auf was hat sich denn Deine Abschlussarbeit mehr konzentriert?: auf die kritischen Töne oder die Selbstbeweihräucherung?

andy


Hallo Andy,

der Beschluss der Kulturkonferenz war nicht bindend, es war nur eine Empfehlung. Das musste erst noch durch die Mühlen der Politischen Hauptverwaltung. An der Militärpolitischen Hochschule mussten die materiellen und finanziellen Mittel bereitgestellt werden. Dann musste Personal gesammelt werden. Letzteres geschah im Jahre 1985. Seit 1986 wurde die Lehrtätigkeit im Lehrstuhl für den Diplomlehrgang vorbereitet und es wurden bereits Veranstaltungen in den Hochschulkursen durchgeführt. Die Dozenten publizierten auch in einigen Fachzeitschriften. Die Besonderheit: Es gab keinerlei Erfahrung für so eine Institution unter Armeebedingungen. Es wurde eine Dozentin extern eingestellt (meine spätere Frau). Die brachte zwar die Erfahrung der Arbeit in einem Lehrstuhl Kulturwissenschaft mit, aber hatte von Armee nun nicht so sehr die richtige Ahnung. Wir 15 waren dann durchaus auch Testpersonen, denn was sie sich mit uns eingetreten hatten, wurde ihnen auch erst schlückchenweise bewusst.

Zu meiner Abschlussarbeit: Die kritischen Töne der Kulturkonferenz habe ich natürlich NICHT so aufegenommen. Schließlich war das eine zu benotende Arbeit. Ich hab grad mal noch einen Blick reingeworfen und mich wieder gefragt, wie ich mal so naiv gewesen sein konnte. Nun gut, ich war es, nichts mehr dran zu ändern. Ich habe allerdings doch ein paar kritische Töne drin, denn ich bringe als Beispiel, wie Kulturarbeit nicht funktionieren kann, den Aufbau unseres Kompaniechores per Befehl (10 Mann pro Zug!). Das kam damals wohl bei meinem Gutachter ganz gut an. Ein Schmankerl kann ich mir aber nicht verkneifen. Es ist der Schlusssatz der Arbeit, ein Zitat der Kulturkonferenz: "Eine Gitarre im Marschgepäck des jungen Offiziers auf dem Weg in die Truppe sollte in Zukunft kein Einzelbeispiel bleiben." Hat wat! Wat?

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


jecki09 hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 20.01.2013 14:11 | nach oben springen

#32

RE: Politoffiziere

in Grenztruppen der DDR 20.01.2013 17:14
von Gelöschtes Mitglied
avatar

Zitat von Schuddelkind im Beitrag #17
Zitat von ingolf41266 im Beitrag #15
Es kam immer auf die Persom an. Was erfür ein Mensch war ,und wie er die Sachen an den Mann gebracht hat.


Ja Danke Ingolf! Stell ich mir auch schwierig vor, so etwas zu vermitteln. Eine Frage fällt mir noch ein, ist zwar ein wenig OT, aber egal. Wie war eigentlich das Selbstverständniss der Soldaten der NVA oder der GT? Sah man sich als "normaler" Soldat oder als politischer Soldat? Scheint mit im Zusammenhang mit dem Thema Politoffiziere nicht uninteressant.
Ich denke mal ,die meisten GWDler sahen sich als ganz normale Soldaten,die wahrscheinlich im E-Fall als Kanonenfutter gedient und als erste ins Gras gebissen hätten.....bis die Ruhmreiche Sowjetarmee an vorderster Linie erschienen wäre und mit ihren Verbündeten-"Brudervölkern" die "Imperialistischen Aggressoren" restlos vernichtet hätte.....


nach oben springen

#33

RE: Politoffiziere

in Grenztruppen der DDR 20.01.2013 17:43
von Rostocker | 7.731 Beiträge

Zitat von ek40 im Beitrag #32
Zitat von Schuddelkind im Beitrag #17
Zitat von ingolf41266 im Beitrag #15
Es kam immer auf die Persom an. Was erfür ein Mensch war ,und wie er die Sachen an den Mann gebracht hat.


Ja Danke Ingolf! Stell ich mir auch schwierig vor, so etwas zu vermitteln. Eine Frage fällt mir noch ein, ist zwar ein wenig OT, aber egal. Wie war eigentlich das Selbstverständniss der Soldaten der NVA oder der GT? Sah man sich als "normaler" Soldat oder als politischer Soldat? Scheint mit im Zusammenhang mit dem Thema Politoffiziere nicht uninteressant.
Ich denke mal ,die meisten GWDler sahen sich als ganz normale Soldaten,die wahrscheinlich im E-Fall als Kanonenfutter gedient und als erste ins Gras gebissen hätten.....bis die Ruhmreiche Sowjetarmee an vorderster Linie erschienen wäre und mit ihren Verbündeten-"Brudervölkern" die "Imperialistischen Aggressoren" restlos vernichtet hätte.....



Also da stimme ich Dir zu.Naja und mit den Kanonenfutter--was soll man da sagen.Das wird wohl überall so sein.Heute könnte man wieder sagen,wegen der Politik kamen schon über 50 Soldaten nicht mehr Heim.Naja man verteidigt ebend schon mit seinen Verbündeten,die Freiheit weit ab von der Heimat.


nach oben springen

#34

RE: Politoffiziere

in Grenztruppen der DDR 20.01.2013 18:40
von jecki09 | 422 Beiträge

Zitat von Rainman2 im Beitrag #30
Zitat von jecki09 im Beitrag #27
... Als außenstehender ZF gesehen hatten unsere Polits in der GK nicht viel auszustehen.

Oioioioioioioi, jecki,

da stichst Du ja ein mächtiges Fass an. Im ersten Moment des Lesens lag mir auf der Zunge: Na und, die Zugführer doch auch nicht. Aber das würde genauso wenig stimmen, wie Dein Satz und wir wollen mal nicht das mühsam aufgebaute Bild zerstören, dass der Dienst eines Offiziers in der Grenzkompanie durchaus ein hohes Stresspotential hatte.



Rainman2, ich habe ja auch - relativiert: Als Außenstehender .... . Dass Stresspotential habe ich absichtlich weggelassen. Denn dass hatten alle. Ja gut, einige etwas mehr, und immer abhängig von den Leuten aus den Stab.

Aber mein erster Polit war entweder fast immer in seinem Dienstzimmer bei einem Kännchen Kaffee - egal wenn man kam, oder wenn einmal nicht, dann gerade in der Küche - als Mitglied der Küchenkommission - bei seiner Ehefrau.


Doch deine Antwort trifft den Nagel auf den Kopf. Ich war als ZF in der GK und im GAR immer der FDJ-nik. Da habee ich auch versucht immer zu "Intensivieren": Mit dem geringsten Aufwand, der größt möglichen Nutzen"

So z.B. hatte ich immer eine vorbereitete Buchlesung (Horst Bastian "Gewalt und Zärtlichkeit - Teil 1") parat. Sollte mal eine Kontrolle kommen, war diese Buchlesung natürlich am Tag der Kontrolle dran. Und in Sachen Material für eine neue, aktuelle Wandzeitung konnte ich immer auf meinen Polit bauen. (Wie jetzt bei Schäwbisch Hall).


Rainman2 hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#35

RE: Politoffiziere

in Grenztruppen der DDR 20.01.2013 19:05
von EK89/1 | 832 Beiträge

Zitat von ingolf41266 im Beitrag #3
Also unser Polit,war draussen und hat auch Führungsstelle gemacht.


Kann ich bestätigen.


EK89/I
09/87-01/88 GAR5 Potsdam,GAK 7
01/88-04/89 7.GK "Lutz Meier" Schierke
nach oben springen

#36

RE: Politoffiziere

in Grenztruppen der DDR 20.01.2013 19:21
von Grenzwolf62 (gelöscht)
avatar

Unserer nicht, ich meine Führungsstelle.
Auch ansonsten nie draußen gesehen außer halt Weihnachten mal.
Er war schon ideologisch scharf, also 100% aber sonst wäre er wohl auch nicht das gewesen was er war.
Auf jeden Fall konnte man aber auch mit ihm reden und er hat sich gekümmert wenn mal der Schuh drückte.
Kulturveranstaltungen hatten wir am Kanten so gut wie nie, Kompaniesicherung halt, wer draußen war der war draußen wer drin war schlief oder döste bis zum nächsten Dienst, da hattest du eh keine Muse auf Kultur, wolltest deine Ruhe.


zuletzt bearbeitet 20.01.2013 19:21 | nach oben springen

#37

RE: Politoffiziere

in Grenztruppen der DDR 20.01.2013 19:27
von Gelöschtes Mitglied
avatar

Zitat von EK89/1 im Beitrag #35
Zitat von ingolf41266 im Beitrag #3
Also unser Polit,war draussen und hat auch Führungsstelle gemacht.


Kann ich bestätigen.

Ich och!


nach oben springen

#38

RE: Politoffiziere

in Grenztruppen der DDR 20.01.2013 20:50
von DoreHolm | 7.707 Beiträge

Zitat von ek40 im Beitrag #32
Zitat von Schuddelkind im Beitrag #17
Zitat von ingolf41266 im Beitrag #15
Es kam immer auf die Persom an. Was erfür ein Mensch war ,und wie er die Sachen an den Mann gebracht hat.


Ja Danke Ingolf! Stell ich mir auch schwierig vor, so etwas zu vermitteln. Eine Frage fällt mir noch ein, ist zwar ein wenig OT, aber egal. Wie war eigentlich das Selbstverständniss der Soldaten der NVA oder der GT? Sah man sich als "normaler" Soldat oder als politischer Soldat? Scheint mit im Zusammenhang mit dem Thema Politoffiziere nicht uninteressant.
Ich denke mal ,die meisten GWDler sahen sich als ganz normale Soldaten,die wahrscheinlich im E-Fall als Kanonenfutter gedient und als erste ins Gras gebissen hätten.....bis die Ruhmreiche Sowjetarmee an vorderster Linie erschienen wäre und mit ihren Verbündeten-"Brudervölkern" die "Imperialistischen Aggressoren" restlos vernichtet hätte.....



Ja, was wäre gewesen, wenn sich sich sehr schnell eine solche Situation ergeben hätte, ohne lange Vorwarnung. Wenn es plötzlich von drüben gefeuert hätte ? In volle Deckung gehen und je nachdem, mit was geschossen würde, gezielt zurückballern und sich dann, wenn noch möglich, sofort zurückziehen. Wir können unserem Schöpfer (wer immer das auch sein könnte) danken, daß eine solche oder ähnliche Situation nicht eingetreten ist.



nach oben springen

#39

RE: Politoffiziere

in Grenztruppen der DDR 21.01.2013 10:08
von 94 | 10.792 Beiträge

Zitat von Grenzwolf62 im Beitrag #36
Unserer nicht, ich meine Führungsstelle.

Das gloobsch ni ...
Also wimre waren zweimal Grenzdienst monatlich Pflicht für die Kompanieleitung, mindestens ein Hütte (FüSt) und einmal Latschen (KSt). Hatte ihr die FüSt im Objekt oder im Gelände? Die KSt konnte auch mit einem anderen Buckel (aber nicht Kompanieführung) erfolgen, das muß ein jeder 'Muschkote' nicht unbedingt mitbekommen haben.

Ansonsten zeigt #22 was eine 680 unter 'kurz und bündig' versteht *duck_und_wegrenn*


Verachte den Krieg, aber achte den Krieger!


nach oben springen

#40

RE: Politoffiziere

in Grenztruppen der DDR 21.01.2013 10:21
von Grenzwolf62 (gelöscht)
avatar

Zitat von 94 im Beitrag #39
Zitat von Grenzwolf62 im Beitrag #36
Unserer nicht, ich meine Führungsstelle.

Das gloobsch ni ...
Also wimre waren zweimal Grenzdienst monatlich Pflicht für die Kompanieleitung, mindestens ein Hütte (FüSt) und einmal Latschen (KSt). Hatte ihr die FüSt im Objekt oder im Gelände? Die KSt konnte auch mit einem anderen Buckel (aber nicht Kompanieführung) erfolgen, das muß ein jeder 'Muschkote' nicht unbedingt mitbekommen haben.

Ansonsten zeigt #22 was eine 680 unter 'kurz und bündig' versteht *duck_und_wegrenn*


Die Führungsstelle war im Gelände und als "Muschkote" hat man bei kuscheliger Kompaniesicherung schon viel mitbekommen, meist 18 Uhr war die Kompanieführung "verschwunden".
Führende waren fast immer die gleichen GAK-Fähnriche und die Zugführer, wundergott selten der KC und sein Stellvertreter, der Polit bei uns niemals.
Aber bei den ganz unterschiedlichen Aussagen zu den gleichen Dingen hier im Forum gab es ja vermutlich mehrere GT


zuletzt bearbeitet 21.01.2013 10:26 | nach oben springen



Besucher
24 Mitglieder und 62 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: TalSiar
Besucherzähler
Heute waren 3287 Gäste und 172 Mitglieder, gestern 3936 Gäste und 179 Mitglieder online.

Forum Statistiken
Das Forum hat 14373 Themen und 558524 Beiträge.

Heute waren 172 Mitglieder Online:

Besucherrekord: 589 Benutzer (24.10.2016 20:54).

Xobor Ein eigenes Forum erstellen