#141

RE: Vom Paulus zum Saulus

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 10.12.2012 19:50
von 80er | 561 Beiträge

@94
@Fritze

Ich bin mir sicher, dass es diese Negative noch gibt. Ich sehe dutzende davon noch vor mir an der Wäscheleine in seinem Zimmer hängen.
Im Netz sind sie eher nicht. Er hat sein Hobby noch zur Wendezeit zum Beruf gemacht (Meisterbrief) und fährt jetzt mit teuerster Ausrüstung in Bayern rum und fotografiert/dokumentiert Kunstgegenstände für eine Restaurierungswerkstatt vor und nach der Restaurierung.

Sein Problem ist, private Negative wiederzufinden, sie einzuscannen und zu publizieren, die er mal gemacht hat. Ich warte heute noch auf die CD mit den Fotos von der Dacherneuerung meines Hauses und das war im Jahre 2000! Immer wieder versprochen, aber nie abgeliefert.
Ich werde ihn aber danach fragen. Ich habe keine Fotos mehr.


94 hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 10.12.2012 19:51 | nach oben springen

#142

RE: Vom Paulus zum Saulus

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 11.12.2012 22:01
von 80er | 561 Beiträge

In wenigen Minuten überquerte er die Verbindungsstrasse zwischen den Grenzkompanien und lief über taunasse Wiesen hinauf zum Waldrand, wo der GSZ1 begann, der den Beginn des Schutzstreifens markierte.
Am Zaun angekommen, nahm er die zweite Faustan-Tablette ein. Er musste feststellen, dass ihm der Zaun etwas „aufgerüstet“ vorkam. Durch freundwärtige Abweiser erhöht und mit mehr Drähten ausgestattet als zuvor, hatte es hier die ersten Veränderungen gegeben.

Den Kontrollpunkt „Neue Strasse“ hatte er von hier aus bereits im Blick. Auch dort wurde die zugige Holzhütte durch einen viereckigen BT abgelöst, der mit rundum Scheinwerfer ausgerüstet war. Die Strassenkontrollstelle selbst war hell erleuchtet und somit für „GV“, die sich auskannten, eine vorzügliche Orientierung.
Nachdem Benno im Schutze des Waldes am GSZ entlang auf etwa 500 m an den Kontrollpunkt herangelaufen war, um die Distanz zur geplanten Grenzübertrittstelle zu verkürzen, kletterte er an den Isolatoren, die den Stacheldraht vom Betonpfosten elektrisch trennten, über den Zaun.

Aus seiner Dienstzeit wusste er, dass sich die Drähte weder untereinander berühren, noch durchtrennt werden durften. Benno war noch keine 100 m im Schutzstreifen vorangekommen, als er am gerade überstiegenen GSZ eine Lichtquelle ausmachte. Mit dem Fernglas sah er, wie ein Postenpaar die „Durchbruchstelle“ ableuchtete, um sie auf Verletzungen zu überprüfen. Während dieses Checks verharrte Benno am Platz, bis die Posten wieder verschwanden.

Obwohl es ihn mehr als überraschte, war das noch kein Grund zur Panik; nur ein Anlass für eine weitere „Faustan“, die er jeweils mit einem Schluck Wasser aus den zahlreichen Rinnsalen am Ort einnahm. Auch während seiner Dienstzeit waren „Fehlauslösungen“ häufig, aber solange die Drähte nach Kontrollgängen nicht durchtrennt vorgefunden wurden, war als Auslöseursache vom Posten meist „Wild“ oder „Nässe“ an die FüSt. gemeldet worden.

Jetzt ging es darum, die Verbindungsstrasse zu finden, die er überqueren wollte. Sie konnte nicht mehr weit sein. Glück im Unglück half ihm dabei mehr, als ihm lieb sein konnte.


Gert, Schuddelkind, Svenni1980, CAT, Harzwald und Grenzläufer haben sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#143

RE: Vom Paulus zum Saulus

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 11.12.2012 23:44
von amigaguru | 96 Beiträge

Hallo,
auch ich habe 1966 die Grenze überwunden.
Ich hatte mich mit meiner damaligen"Lebensgefährtin" über 15 Stunden im 500 m Schutzstreifen aufgehalten.Für ca. 2,5km brauchten wir damals 4,5 Stunden und es "schiffte" wie Sau.Wir haben dann am Nachmittag die Grenze überwunden.
Mir kam damals die Ausbildung und der Grenzdienst zugute,sonst wäre es schwieriger gewesen.Zwischen fünf und 50 m,sind Grenzer an uns vorbei gelaufen.Später trafen wir einen Zöllner am Gut Besenhausen und er fragte uns,ob wir in die DDR wollten.Als wir ihn unsere Pässe zeigten und sagten,
wir kommen gerade von dort,fiel er bald vom Glauben ab.
Gruß
amigaguru


linamax, CAT und 80er haben sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#144

RE: Vom Paulus zum Saulus

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 12.12.2012 12:20
von 94 | 10.792 Beiträge

Schei... Engstellen, grenztaktisch eine echte Herausforderung. Will nicht sagen keine, zumindest sehr schlechte Tschangsen, also für GT. Doch was mich jetzt bissel überrascht auch bei Dir @amigaguru (auch ich spielte ja schon mal mit dem Gedanken am Anfang fast jede Schicht sogar); Ihr habt Euch alle Zeit der Welt gelassen, das fiel mir auch schon bei dem Zaunkletterer auf. Und ich hatte immer den größten Schiß vor einem Speedrun ...


Verachte den Krieg, aber achte den Krieger!


Harzwald hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 12.12.2012 12:21 | nach oben springen

#145

RE: Vom Paulus zum Saulus

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 12.12.2012 13:25
von Gert | 12.354 Beiträge

Zitat von 94 im Beitrag #144
Schei... Engstellen, grenztaktisch eine echte Herausforderung. Will nicht sagen keine, zumindest sehr schlechte Tschangsen, also für GT. Doch was mich jetzt bissel überrascht auch bei Dir @amigaguru (auch ich spielte ja schon mal mit dem Gedanken am Anfang fast jede Schicht sogar); Ihr habt Euch alle Zeit der Welt gelassen, das fiel mir auch schon bei dem Zaunkletterer auf. Und ich hatte immer den größten Schiß vor einem Speedrun ...




Herr Leutnant, ist ja ungeheuerlich, gar nicht auszudenken........


.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
Geld ist geprägte Freiheit!
Dostojewski 1866
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
Harzwald hat sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#146

RE: Vom Paulus zum Saulus

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 12.12.2012 13:26
von Fritze (gelöscht)
avatar

Ja mit den Engstellen ist das so eine Sache.Die mussten GV erst mal kennen.Aber selbst wenn sie dann daran vorbeigelaufen sind ,bekamen sie auch schonmal eine neue Chance und liefen direkt unterhalb der Führungsstelle vorbei und liessen sich das letzte Stück in die "Freiheit " von einem kutschieren,dem es im Nachhinein nicht wohl bei dieser Aktion war.


nach oben springen

#147

RE: Vom Paulus zum Saulus

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 12.12.2012 13:55
von 94 | 10.792 Beiträge

Was ist daran ungeheuerlich Herr Oberfinanzdirektor? Schon das Sprichwort sagt 'Wer einen Dieb fangen will, muss einen Dieb dazu nehmen.' Und wenn Du das Forum mal bissel auch nach Dir nicht sooo genehmen Aussagen (vielleicht auch erst auf den zweiten Blick) durchforsten würdest (vollkommen, also thematisch jetzt mal daneben, aber schon interessant wo DU Dich so überall bedankts, zum Glück hat der User #1 hier noch keinen Dislike-Knopf ins Template gebäschtelt). Also dann wäre Dir bestimmt auch noch mein Beiträge zum Thema 'dachtet ihr an Fahnenflucht während des Grenzdienstes' und so ähnlich erinnerlich. Die Masse der Themen leider geschlossen weil vollkommen aus dem Ruder gelaufen *nicht_grins*

Und nochmal möchte ich anmerken, wenn ich mir die Biografien Einiger hier anschaue, die doch recht späte Geburt (für selbsterlebte DDR) entließ mich in die Freiheit, bevor ich vom Denken befreit war, zum Denken ob dieses Wissen eines Tages in der Not wendig geworden wäre, es war sozusagend eine Not-Wende ... Achso, es kommt Dir vielleicht oT vor, doch möchte ich Dir @Gert, genau hier mal die Frage stellen: Hast Du mal 1984 gelesen?

@Fritze ... neuer (eigener) Thread vielleicht?


Verachte den Krieg, aber achte den Krieger!


nach oben springen

#148

RE: Vom Paulus zum Saulus

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 12.12.2012 16:48
von 80er | 561 Beiträge

Von der Strasse herauf, die er noch nicht sehen konnte, hörte er plötzlich Stimmen. Benno verharrte geduckt im nassen Laub des Waldes und vernahm etwa folgenden kurzen Dialog:
Hast Du das gerade gehört? Nein, was denn? Na, das Geräusch da im Wald! Das wird ein Tier gewesen sein.

Auf die genaue Entfernung, die Benno von dem Postenpaar trennte, mochte er sich im nachhinein nicht mehr festlegen, aber es müssen weniger als 50 m gewesen sein, weil er die Stimmen der Posten deutlich hören konnte. Entweder war Benno einer Streife zur Postenkontrolle am Schlagbaum „Neue Strasse“ begegnet, oder die „Neue Strasse“, vom Ort unten im Sack zum Schlagbaum selbst, war zwischenzeitlich zum Postengebiet geworden. Seine Fortbewegung auf dem Waldboden muss also lauter gewesen sein, als die Stiefel der Posten auf der Strasse. Wie auch immer. Ihm stockte der Atem. Er realisierte, dass die Tabletten zu wirken begannen; eine LMAA-Stimmung, verbunden mit relativer Klarheit im Kopf, machte sich breit.

Aus seiner Dienstzeit wusste er noch, was die Posten in so einer Situation tun konnten; einen Knüppel in die angenommene Richtung werfen und warten, was passiert. Ein Tier würde fluchtartig weiterlaufen, während ein Mensch in seiner Position bleiben und abwarten würde. Hier liefen zum Glück die Posten einfach weiter. Ganz beiläufig hatte Benno diese Begegnung die Lage der Strasse präsentiert, die er zu überqueren gedachte.

In angemessenem Zeitabstand, an den sich Benno heute nicht mehr erinnern konnte, lief er der „Neuen Strasse“ entgegen, überquerte sie und orientierte sich mit dem Kompass neu. Der Wald war in Buschland übergegangen, welches nach der grosszügigen Rodung des Waldes in den 60er Jahren, allmählich nachwuchs und sich in einem breiten Streifen am Kolonnenweg entlang zog. Benno bewegte sich hier durch hüfthohen nassen Bewuchs auf den Zaun zu, der ihn noch von hessischem Gebiet trennte. Jetzt war der Grenzzaun nicht mehr weit – ob nun 25 m, oder 50 m von der Strasse entfernt, das spielte nun keine so grosse Rolle mehr.

Edit: Rechtschreibfehler


Svenni1980, CAT und Harzwald haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 17.12.2012 20:13 | nach oben springen

#149

RE: Vom Paulus zum Saulus

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 12.12.2012 17:50
von Gert | 12.354 Beiträge

die Spannung steigt



.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
Geld ist geprägte Freiheit!
Dostojewski 1866
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
nach oben springen

#150

RE: Vom Paulus zum Saulus

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 12.12.2012 17:52
von Gert | 12.354 Beiträge

Zitat von 94 im Beitrag #147
Was ist daran ungeheuerlich Herr Oberfinanzdirektor? Schon das Sprichwort sagt 'Wer einen Dieb fangen will, muss einen Dieb dazu nehmen.' Und wenn Du das Forum mal bissel auch nach Dir nicht sooo genehmen Aussagen (vielleicht auch erst auf den zweiten Blick) durchforsten würdest (vollkommen, also thematisch jetzt mal daneben, aber schon interessant wo DU Dich so überall bedankts, zum Glück hat der User #1 hier noch keinen Dislike-Knopf ins Template gebäschtelt). Also dann wäre Dir bestimmt auch noch mein Beiträge zum Thema 'dachtet ihr an Fahnenflucht während des Grenzdienstes' und so ähnlich erinnerlich. Die Masse der Themen leider geschlossen weil vollkommen aus dem Ruder gelaufen *nicht_grins*

Und nochmal möchte ich anmerken, wenn ich mir die Biografien Einiger hier anschaue, die doch recht späte Geburt (für selbsterlebte DDR) entließ mich in die Freiheit, bevor ich vom Denken befreit war, zum Denken ob dieses Wissen eines Tages in der Not wendig geworden wäre, es war sozusagend eine Not-Wende ... Achso, es kommt Dir vielleicht oT vor, doch möchte ich Dir @Gert, genau hier mal die Frage stellen: Hast Du mal 1984 gelesen?

@Fritze ... neuer (eigener) Thread vielleicht?



rot mark.
der Titel steht mir nicht zu, weil kein Beamter aber gefällt!
grün mark
von Georg Orwell ?
wenn ja, nö


.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
Geld ist geprägte Freiheit!
Dostojewski 1866
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
nach oben springen

#151

RE: Vom Paulus zum Saulus

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 12.12.2012 18:29
von 94 | 10.792 Beiträge

Dachte ich's mir doch @Gert

Und faszinierend (keine Ironie !) finde ich, das auch Benno denkt wie sein Gegner, in diesem Fall 'nen Grenzer. DIE Schwachstelle am Zaun, also die Feldtrennungen wurde nach Zaunkletterers gelungenem Durchbruche 'entschärft'.
Näheres zu den Sollbruchstellen in seinem Thread so ab #80


Verachte den Krieg, aber achte den Krieger!


nach oben springen

#152

RE: Vom Paulus zum Saulus

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 13.12.2012 20:18
von 80er | 561 Beiträge

Gerade als Benno glaubte, den dunklen Schatten des Streckmetallzaunes in einer Mischung aus Nebelsuppe und Dunkelheit zu erkennen, kläffte ihn in wenigen Meter Entfernung ein Hund an. Was war denn nun wieder anders? Benno war an eine Hundelaufanlage gelaufen, die es Mitte der 70er dort noch nicht gegeben hatte. Häufig wurden ausgemusterte Hunde aus dem Polizeidienst zu Laufketten zusammengestellt, die an einem Drahtseil befestigt waren, an dem jeder Hund vielleicht 10 m hin und her laufen konnte.
Durch Stopper auf den Seilen wurde verhindert, dass sich die jeweiligen Nachbarhunde bei Streitereien ineinander verbeissen konnten. Ein eigenes Hundekommando versorgte die Tiere einmal pro Tag mit einer undefinierbaren flüssigen Pampe. Oft sah er im Grenzdienst Hunde mit vorsätzlich abgeschliffenen Reisszähnen. Benno hatte als Posten hin und wieder seine Postenbrote mit ihnen geteilt, wenn sie zum x-ten mal mit Mortadella belegt waren.
Bennos Kalkül war nur zum Teil aufgegangen. Zwar wurde der Streckmetallzaun tatsächlich nicht mit Splitterminen nachgerüstet; stattdessen „installierte“ man eine Hundetrasse zwischen Kolonnenweg und Zaun. Bellte ein Hund, bellten alle Nachbarhunde aus Solidarität gleich mit.
Ein Mensch mit Rambonatur wäre bei dem am wenigsten aggressiven Hund durch die Trasse gelaufen, hätte seine Leiter ein gehangen und binnen 2 Minuten über den Zaun verduftet.
(Es war nicht alles schlecht und nicht alle Hunde waren Killer). Für Benno leider keine Alternative, denn er musste damit rechnen, dass in kurzer Zeit ein Postenpaar im Fahrzeug den Kolonnenweg hinaufkommen könnte, um die Unruhe bei den Hunden zu prüfen. Ausserdem war nicht auszumachen, ob direkt am Zaun noch irgend etwas installiert sein würde. Jetzt hiess es kein Risiko eingehen und Rückzug in die Büsche.
Wie gedacht, so geschehen; keine 10 Minuten später kam ein Trabant Kübel mit einem Postenpaar, dass die Hundetrasse bei langsamer Fahrt ableuchtete.
Die eigenen Grenzer Erfahrungen liessen Benno auch hier relativ ruhig in sicherem Abstand, vielleicht 2 Steinwürfe entfernt, im Gebüsch verharren, wobei die Tabletten ggf. ihren Beitrag geleistet hatten.

Hunde bellen von Natur aus schon mal, wenn der Mond voll ist, der rangniedere Nachbar aufmuckt, oder sich Wildtiere nähern – insofern immer noch kein Grund zur Panik. Es wird überprüft und entschieden, keine Durchbruchanzeichen, Fehlalarm, Ursache des Hundegebells unbekannt.


jecki09, Schuddelkind, Jobnomade, Svenni1980, Gert, 94, CAT und Harzwald haben sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#153

RE: Vom Paulus zum Saulus

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 14.12.2012 10:21
von Jobnomade | 1.380 Beiträge

Danke, 80er für Deine spannende Geschichte. Ich warte schon auf die Fortsetzung.

Erinnert mich stark an meine Dienstzeit in der Rhön 1979/80. Wenn ich mir vorstelle, dass dort ein ortskundiger Grenzverletzer so vorgegangen wäre wie Benno ........
Bei den langen, waldreichen Abschnitten mit einer Postendichte von ca. 5 km pro Postenpaar hätten wir damals kaum eine Chance gegen eine so planvoll und vorsichtig vorgehenden Flüchtling gehabt. Hinzu kommt auch noch, dass wir in mancher Schicht auch noch ab und an ausgiebige Grill-Pausen gemacht haben und auch durch Pilzsuche bisweilen etwas abgelenkt waren.
Puhhh... da kann ich wirklich froh sein, dass diese Zeit ohne "Vorkommnis" an mir vorübergegangen ist.

Gruss Hartmut


u3644_Jobnomade.html
80er hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 14.12.2012 10:25 | nach oben springen

#154

RE: Vom Paulus zum Saulus

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 14.12.2012 12:43
von Grenzwolf62 (gelöscht)
avatar

Wirklich spannend
Ist eine Zwischenfrage erlaubt?

Den Kontrollpunkt „Neue Strasse“ hatte er von hier aus bereits im Blick. Auch dort wurde die zugige Holzhütte durch einen viereckigen BT abgelöst, der mit rundum Scheinwerfer ausgerüstet war. Die Strassenkontrollstelle selbst war hell erleuchtet und somit für „GV“, die sich auskannten, eine vorzügliche Orientierung.
Nachdem Benno im Schutze des Waldes am GSZ entlang auf etwa 500 m an den Kontrollpunkt herangelaufen war, um die Distanz zur geplanten Grenzübertrittstelle zu verkürzen, kletterte er an den Isolatoren, die den Stacheldraht vom Betonpfosten elektrisch trennten, über den Zaun.

Aus seiner Dienstzeit wusste er, dass sich die Drähte weder untereinander berühren, noch durchtrennt werden durften. Benno war noch keine 100 m im Schutzstreifen vorangekommen, als er am gerade überstiegenen GSZ eine Lichtquelle ausmachte. Mit dem Fernglas sah er, wie ein Postenpaar die „Durchbruchstelle“ ableuchtete, um sie auf Verletzungen zu überprüfen. Während dieses Checks verharrte Benno am Platz, bis die Posten wieder verschwanden.


Wie hat Benno nach dem Übersteigen des GSZ das mit der Spurensicherheit auf dem K2 hinbekommen wenn ein Posten die Durchbruchsstelle zeitnah kontrollierte?
Wie ich es lese wurde kein Grenzalarm ausgelöst?


nach oben springen

#155

RE: Vom Paulus zum Saulus

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 14.12.2012 15:16
von 80er | 561 Beiträge

Zitat von Grenzwolf62 im Beitrag #154

Ist eine Zwischenfrage erlaubt?
Ja, sicher!

Zitat
Wie hat Benno nach dem Übersteigen des GSZ das mit der Spurensicherheit auf dem K2 hinbekommen wenn ein Posten die Durchbruchsstelle zeitnah kontrollierte?
Wie ich es lese wurde kein Grenzalarm ausgelöst?


Der GSZ hatte keinen Kontrollstreifen.


nach oben springen

#156

RE: Vom Paulus zum Saulus

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 14.12.2012 15:21
von 80er | 561 Beiträge

Unangenehm an der Situation war lediglich, dass sein alter Plan nicht mehr durchführbar war! An dieser Stelle ging es nicht mehr vorwärts, obwohl doch das Hoheitszeichen in so greifbare Nähe gerückt war. Darüber hinaus sass er mitten im Sack des Schutzstreifens und ein Zurück wurde schnell wieder verworfen, weil Benno nicht wissen konnte, ob die Kontrolle am GS(S)Z irgendwelche weiteren Massnahmen ausgelöst hatte. Irgendwie sass er in der „Falle“, die jetzt ganz leicht zuschnappen konnte.

Also auch an dieser Stelle „Nachrüstung“ am Grenzzaun, die dem verstärkten Druck nun auch durch die Grenzbevölkerung auf die Grenzanlagen am Ende der 70er, Anfang der 80er Jahre geschuldet gewesen sein kann.
Inzwischen war es weit nach Mitternacht geworden und Benno musste sich eine Alternative zu dem bisherigen Plan überlegen.
Aus seiner aktiven Dienstzeit wusste er von einem Zimmerkameraden, der – im Gegensatz zu Benno – ein 6er Kandidat gewesen war, dass die Grenze im hintersten Winkel des Waldes, weit weg von Dorf, irgendwann auf die Steilwand des Heldrasteines zulaufen musste, dort „irgendwie“ senkrecht nach oben ging und oben auf dem Heldrastein weiter verlief.
Am Übergang von der Geraden in die Senkrechte musste es eine Schwachstelle geben, in die er seine letzte Hoffnung setzte. Dorthin wollte er nun vordringen. Zu Bennos Dienstzeit hatte sich in diesen abgeschiedenen Winkel des Grenzsackes nie ein GV verlaufen, weshalb er davon ausging, dass die Erneuerung des dort befindlichen „Gulagzaunes“ mit ungepflegtem K2, keine Priorität haben würde.

Benno kann sich nicht mehr daran erinnern, wie lange diese kreative Pause gedauert hatte. Die Neuorientierung war insofern einfach, dass er nun nur in genau entgegen gesetzter Richtung weiterlaufen musste und zwar solange, bis er am Fuss des Steilhangs angekommen war. Von hieraus nur noch an diesem entlang bis zur eigentlichen Grenzlinie in fast genau westlicher Richtung.

Um eventuelle Suchtrupps mit Hunden zu stoppen bzw. zu verhindern, dass man Benno im Schutzstreifen weiter verfolgen konnte, streute er den Pfefferbehälter grosszügig am letzten Lagerplatz aus, bevor er sich in Richtung Felsen aufmachte.

Das Gelände stieg jetzt kontinuierlich an. Da der grösste Teil der etwa 500 m langen Strecke im Wald verlief, fühlte er sich inzwischen wieder relativ sicher. Die langgestreckte Felswand war leicht auszumachen, weil unbewachsen, so dass ein 90 Grad Schwenk die letzte Richtungsänderung sein würde – wenn nicht noch weitere Überraschungen für Benno „eingebaut“ waren.


Svenni1980, Schuddelkind, 94, CAT und Harzwald haben sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#157

RE: Vom Paulus zum Saulus

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 15.12.2012 17:34
von 80er | 561 Beiträge

Die danach folgende zurückgelegte Strecke lässt sich nicht mehr benennen, jedenfalls wurde Bennos weiteres Fortkommen erneut jäh gestoppt! Ein Blind- und/oder Begrenzungszaun aus Streckmetall von etwa 3 m Höhe mit Einfach - Abweisern aus Stacheldraht versperrte ihm den Weg. An dem von Baufahrzeugen aufgewühlten Boden und den noch unverwitterten Zaunbestandteilen war leicht zuerkennen, dass diese Bautätigkeit noch nicht alt gewesen sein kann. Auch die Grenze selbst konnte dieser Zaun noch nicht bilden, weil erstens keine Sorgfalt darauf gelegt wurde, das Zaunvorfeld so einzuebnen, dass Durchbruchspuren erkennbar sind (K6) und zweitens der Zaun im rechten Winkel zum Felsmassiv abknickte und parallel zu diesem weiterlief. Im Übrigen wurde für den Bau keine Schneise in den Wald geschlagen, was für die gesamte DDR Grenze typisch gewesen ist.

Einen richtigen Reim konnte sich Benno auf dieses Mysterium resp. Monstrum nicht machen und Zeit zum Grübeln blieb auch keine, also DARÜBER. Er hängte die Strickleiter in Armhöhe in die Rauten des Streckmetalls neben einem Betonpfosten, balancierte hinter dem Abweiser auf dem Pfosten und dem Streckmetall, so dass er die Strickleiter wieder aushängen und auf der anderen Seite erneut einhängen konnte.
Mehr als kurios war nun, dass er links neben sich an einem Zaun entlang lief, der ihn geradewegs zur Grenze führen würde, während er in seinem Rücken den gleichen Zaun gerade überklettert hatte.

Es können etwa weitere 2 km gewesen sein, die Benno im Schutze des Waldes und der Zaunlandschaft des Blindzaunes in Richtung Grenzlinie entgegen gelaufen ist, als sich der Wald öffnete und die typische Grenzschneise mit Kolonnenweg und Grenzzaun wie ein Lindwurm vor ihm sichtbar wurde.
Nichts mehr zu sehen von Gulagzaun und überwuchertem K2, stattdessen aufgewühlte Erde und ein ca. 3 m hoher Streckmetallzaun ohne Abweiser, der am Felsen endete, aber doch noch etwa 5 m an diesem hochgezogen war. Von oben wurden lediglich ein paar Rollen „Natodraht“ – die DDR Variante - den Felsen hinuntergeworfen, so dass er sich mit dem Zaunende vereinigte.
Aus dem Schutz des Waldes heraus suchte Benno mit dem Fernglas die Schneise ab, obwohl es unwahrscheinlich war, dass so weit vom Dorf und der Strasse entfernt, zusätzlich noch BT errichtet wurden. Auch oben auf dem Felsen liess sich kein Posten ausmachen.
Nun war noch abzuklären, ob der Zaun mit SM70 bestückt war, aber Benno konnte keine Splitterminen erkennen. Es sah alles noch sehr nach „Baustelle“ aus, weshalb es auch noch keinen Kolonnenweg und K6 gab. Lediglich die Schaltkästen für die unterirdische Elektroinstallation waren schon montiert, während der Zaun selbst noch keine Endfertigung erfahren hatte.


Schuddelkind, Svenni1980, 94, CAT und Harzwald haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 15.12.2012 23:20 | nach oben springen

#158

RE: Vom Paulus zum Saulus

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 17.12.2012 14:47
von 80er | 561 Beiträge

Somit war es ein leichtes, den eigentlichen Grenzzaun mit der Strickleiter zu überklettern. Rückblickend war dieser letzte Zaun am leichtesten zu überwinden; kein K6, keine Splitterminen, (noch) keine Abweiser mit Stacheldraht. Es blieben nur noch die letzten Meter bis auf Höhe des Hoheitszeichens zurück zulegen und auf die gelungene Flucht an zustossen.
Aber womit? Zum Betrinken hatte Benno nichts dabei und so blieb ausser innerlicher Freude nichts, was er zur eigenen Erheiterung hätte tun können. Er kann sich nur noch daran erinnern, dass er das Tablettenröhrchens in hohem Bogen hinter sich warf. Ausser, dass er den feindwärts Streifen „verunreinigt“ hatte, wurde während der letzten Fluchtnacht kein sozialistisches Eigentum beschädigt. Leider hätte es dafür bei einer gescheiterten Flucht keine Pluspunkte in der Schlussabrechnung gegeben, um sie mit den vielen Minuspunkten gegen zu rechnen; Flucht vorbereitet, Fluchthelfer eingespannt, “Bewaffnung“ (Taschenmesser), sonstige Hilfsmittel, Hundenasen ggf. irreparabel versaut, Heimtücke usw. Unter dem Strich hätte das 2 Jahre +X Knast gegeben.

Inzwischen war es gegen 7.00 Uhr morgens und Benno sah die Beleuchtung des kleinen Dorfes, dass er bisher nur dem Namen nach kannte.
Ein asphaltierter Feldweg liess darauf schliessen, dass die Zonenrandförderung bis in den letzten Winkel der an die DDR angrenzenden Bundesländer ausgeschöpft wurde.
Benno ging den abschüssigen Feldweg hinunter in das Dorf und dort in den ersten Kuhstall, in dem schon Licht brannte.

Der Bauer war damit beschäftigt, seine Tiere zu füttern und Benno hatte den Eindruck eher ungelegen zu kommen. Der Einheimische reagierte auf Bennos Aussage, er sei gerade geflüchtet und möchte sich bei den Offiziellen melden, als käme der Nachbar vorbei und fragte ihn, ob er mit einer Tüte Salz aushelfen könnte.
Nun ist das ja mit den Erwartungen so eine Sache, aber wenigstens nach dem Woher und Weshalb hätte er ja fragen können, oder ob er unverletzt geblieben war, wenn es schon nicht für eine Tasse Kaffee gereicht hat.
Zugegeben sah Benno nicht aus wie ein Tourist, der dem Brunftverhalten der Hirsche gelauscht hatte, mit einer Strickleiter unter dem Arm, verdreckt und nass, wie er war, aber ausser: Da gehste zum Dorfplatz, da kommt um acht der Lumpensammler (ein VW-Bus, der als Sammeltaxi Beschäftigte in die nächsten grösseren Ortschaften brachte), der kann dich mitnehmen, kam von ihm nichts mehr. Dabei kratzte er mit der Heugabel auf dem Mittelgang des Stalles rum, ohne auch nur den Kopf zu heben. Ja, er tat so, als ob jede Woche ein Flüchtling kommt und wenn du eine Fluchtgeschichte kennst, kennst du alle!
Diese Begegnung war so enttäuschend, dass sie Benno nie mehr vergessen würde. Schliesslich war es sein erster Kontakt mit einem Bundesbürger nach der gelungenen Flucht.


Eisenacher, 94, Svenni1980, Schuddelkind, Schreiberer, S51, Jobnomade, Kimble, CAT und Harzwald haben sich für diesen Beitrag bedankt
nach oben springen

#159

RE: Vom Paulus zum Saulus

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 17.12.2012 16:54
von Fritze (gelöscht)
avatar

Mich würde ja interessieren,was Benno mit der Strickleiter gemacht hat.Befindet sie sich jetzt wenigstens in einem Museum ?


nach oben springen

#160

RE: Vom Paulus zum Saulus

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 17.12.2012 17:12
von 80er | 561 Beiträge

@Fritze
Der Verbleib von Fluchtutensilien und - kleidung erfahren die werten Leser in der Fortsetzung.


nach oben springen


Ähnliche Themen Antworten/Neu Letzter Beitrag⁄Zugriffe
Vom Paulus zum Saulus 2.0
Erstellt im Forum Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer von 80er
128 Heute 19:50goto
von Kalubke • Zugriffe: 7071
Beamtenpensionen in der DDR
Erstellt im Forum DDR Zeiten von SET800
16 14.07.2016 22:10goto
von eisenringtheo • Zugriffe: 669
Stalingrad
Erstellt im Forum Themen vom Tage von GKUS64
43 04.02.2015 17:30goto
von StabsfeldKoenig • Zugriffe: 2857
Generalfeldmarschall Paulus und die DDR
Erstellt im Forum Themen vom Tage von Wanderer zwischen 2 Welten
49 22.02.2015 14:02goto
von Ari@D187 • Zugriffe: 2948
Vom Saulus zum Paulus
Erstellt im Forum Leben in der DDR von Rüganer
0 01.11.2012 10:29goto
von Rüganer • Zugriffe: 408
Der gute Onkel von der Stasi
Erstellt im Forum Staatssicherheit der DDR (MfS) von Angelo
41 08.09.2010 00:45goto
von Gert • Zugriffe: 4165

Besucher
30 Mitglieder und 45 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: DerKurze
Besucherzähler
Heute waren 2725 Gäste und 161 Mitglieder, gestern 3466 Gäste und 184 Mitglieder online.

Forum Statistiken
Das Forum hat 14356 Themen und 557057 Beiträge.

Heute waren 161 Mitglieder Online:

Besucherrekord: 589 Benutzer (24.10.2016 20:54).

Xobor Ein eigenes Forum erstellen