#1

Lässt sich Paranoia steigern?

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 18.11.2012 12:02
von 80er | 561 Beiträge

Ich war am Ende des 2.DHJ, die Gefreiten des 3. DHJ ca. 4 Wochen vor ihrem Heimgang. Die Kompanie hatte abends, bis auf die A-Gruppe, zu der auch ein Soldat aus meinem Zimmer gehörte, Ausgang. Meistens verbrachten wir diesen in der örtlichen Kneipe. Mehr oder wenig angeheitert trafen alle pünktlich wieder in der Kompanie ein.

Etwa eine halbe Stunde später wurde Alarm ausgelöst und die A-Gruppe rückte aus. Was war passiert?

Ein Gefreiter, der, wie sich später herausstellte über 2,0 Promille im Blut gehabt haben soll, zog sich nicht für´s Bett aus, sondern in Rot/Gelb um (Monat Oktober, kurz vor Mitternacht), überstieg den Kompaniezaun, lief (joggte?) durchs Dorf, schwamm durch die Werra und blieb entkräftet 50m hinter dem Fluss und 100m vor dem Streckmetallzaun liegen. Die ganze Aktion kann nicht länger als 10 min. gedauert haben. Das Postenpaar aus einer anderen Kompanie (Bataillonssicherung), welches das neuralgische PG zwischen Dorf, Fluss und Streckmetallzaun bewachte, löste den Alarm aus, weil sie das Platschen im Wasser gehört hatten.

Das PG war ein Quadrat von nicht mehr als 200 x 200 m, durch das die ehemalige Strasse führte, die den Ort mit dem Bahnhof verbannt und bestand aus Ackerflächen. Es war das kleinste, aber bestbewachte PG der GK.

Mein Zimmerkamerad und dessen PF "stellten" den "GV", indem sie ihn nass, verdreckt und völlig entkräftet im Matsch des nur z.T. abgeernteten Kohlfeldes auf dem Boden liegend fanden.

Das Ende der Geschichte:

Grosser Bahnhof am Tag darauf. Dem Gefreiten wurde (in Abwesenheit, denn er musste im Krankenhaus behandelt werden) Fahnen- und Republickflucht angehangen, mit unehrenhafter Entlassung aus den GT, Degradierung, Ausschluss aus der FDJ etc. Das Postenpaar wurde mit dem Grenzerei, Sonderurlaub und einer Geldprämie ausgezeichnet. Meinem ehemaligen Zimmerkameraden, mit dem ich im Anschluss studierte, war diese Auszeichnung später sehr peinlich und er sprach nicht mehr über diese Begebenheit.

Von dem Gefreiten haben wir nie wieder etwas gehört.

Anmerkung:

Hätte ich vorgehabt, während meiner Dienstzeit diese Republick zu verlassen, dann nicht handlungsunfähig besoffen, nicht in kurzer, weil auffälliger rotgelber Sportbekleidung und der Jahreszeit unangemessen, nicht 4 Wochen vor der Entlassung und nicht in einem derart streng bewachten PG, wo auch noch ein Fluss durchschwommen werden muss.

Vielleicht wurden hi und da auch mal GWDler zu den GT eingezogen, die nicht die grössten "Leuchten" waren, aber so dumm kann keiner gewesen sein (und dieser Gefreite war es mit Bestimmtheit auch nicht). Die meisten der Soldaten haben nur mit dem Kopf geschüttelt, einige davon wohlwissend, dass hier ggf. ein Exempel statuiert werden sollte hinsichtlich "vorbildliche Dienstdurchführung". Es könnte sogar sein, dass der Gefreite seine letzten Tage im GR Mühlhausen verbracht hat und ohne weitere Folgen entlassen wurde.


silberfuchs60 hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 18.11.2012 12:10 | nach oben springen

#2

RE: Lässt sich Paranoia steigern?

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 18.11.2012 16:30
von Grenzwolf62 (gelöscht)
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Einige kamen aber auch mit dem Wehrdienst allgemein nicht zurecht, Trennung von Freundin oder Familie, zuviel Druck u.ä. und drehten speziell unter Alkoholeinfluß durch.
Kann mir vorstellen das so etwas öfters vorgekommen ist.


jecki09 hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 18.11.2012 16:35 | nach oben springen

#3

RE: Lässt sich Paranoia steigern?

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 18.11.2012 18:16
von 80er | 561 Beiträge

Ja sicher, aber weshalb dann erst 4 Wochen vor dem Heimgang durchdrehen?


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#4

RE: Lässt sich Paranoia steigern?

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 18.11.2012 18:33
von jecki09 | 422 Beiträge

Zitat von Grenzwolf62 im Beitrag #2
Einige kamen aber auch mit dem Wehrdienst allgemein nicht zurecht, Trennung von Freundin oder Familie, zuviel Druck u.ä. und drehten speziell unter Alkoholeinfluß durch.
Kann mir vorstellen das so etwas öfters vorgekommen ist.


Ich kann mich an eine Nachtschicht als KGSI in der Kompanie erinnern, wo ein GWD-ler meines Zuges, nach dem Ausgang etwas beschwipst zu mir kam (er wurde erst mit fast 26 Jahren eingezogen und war mind. 5 Jahre älter als ich). Frau, Kind zu Hause, und Pferdeliebhaber. Der nächste Urlaub war in weiter Ferne. Der Soldat - Kerl wie ein Baum, toller Kerl, mind. 190 groß, und beim Erzählen fing er an zu heulen. Das hätte ich nicht erwartet. Und so haben wir uns in der Führungsstelle, bei einem Boiler Kaffee, lange unterhalten.

Der Grenzdienst war schon eine Belastung. Und jeder wollte gesund und ohne Vorkommnisse wider nach Haus. Mit damaligen Jargon hatte (fast) jeder einen Orden verdient.


zuletzt bearbeitet 18.11.2012 18:36 | nach oben springen

#5

RE: Lässt sich Paranoia steigern?

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 18.11.2012 18:42
von Gert | 12.354 Beiträge

Zitat von 80er im Beitrag #1
Ich war am Ende des 2.DHJ, die Gefreiten des 3. DHJ ca. 4 Wochen vor ihrem Heimgang. Die Kompanie hatte abends, bis auf die A-Gruppe, zu der auch ein Soldat aus meinem Zimmer gehörte, Ausgang. Meistens verbrachten wir diesen in der örtlichen Kneipe. Mehr oder wenig angeheitert trafen alle pünktlich wieder in der Kompanie ein.

Etwa eine halbe Stunde später wurde Alarm ausgelöst und die A-Gruppe rückte aus. Was war passiert?

Ein Gefreiter, der, wie sich später herausstellte über 2,0 Promille im Blut gehabt haben soll, zog sich nicht für´s Bett aus, sondern in Rot/Gelb um (Monat Oktober, kurz vor Mitternacht), überstieg den Kompaniezaun, lief (joggte?) durchs Dorf, schwamm durch die Werra und blieb entkräftet 50m hinter dem Fluss und 100m vor dem Streckmetallzaun liegen. Die ganze Aktion kann nicht länger als 10 min. gedauert haben. Das Postenpaar aus einer anderen Kompanie (Bataillonssicherung), welches das neuralgische PG zwischen Dorf, Fluss und Streckmetallzaun bewachte, löste den Alarm aus, weil sie das Platschen im Wasser gehört hatten.

Das PG war ein Quadrat von nicht mehr als 200 x 200 m, durch das die ehemalige Strasse führte, die den Ort mit dem Bahnhof verbannt und bestand aus Ackerflächen. Es war das kleinste, aber bestbewachte PG der GK.

Mein Zimmerkamerad und dessen PF "stellten" den "GV", indem sie ihn nass, verdreckt und völlig entkräftet im Matsch des nur z.T. abgeernteten Kohlfeldes auf dem Boden liegend fanden.

Das Ende der Geschichte:

Grosser Bahnhof am Tag darauf. Dem Gefreiten wurde (in Abwesenheit, denn er musste im Krankenhaus behandelt werden) Fahnen- und Republickflucht angehangen, mit unehrenhafter Entlassung aus den GT, Degradierung, Ausschluss aus der FDJ etc. Das Postenpaar wurde mit dem Grenzerei, Sonderurlaub und einer Geldprämie ausgezeichnet. Meinem ehemaligen Zimmerkameraden, mit dem ich im Anschluss studierte, war diese Auszeichnung später sehr peinlich und er sprach nicht mehr über diese Begebenheit.

Von dem Gefreiten haben wir nie wieder etwas gehört.

Anmerkung:

Hätte ich vorgehabt, während meiner Dienstzeit diese Republick zu verlassen, dann nicht handlungsunfähig besoffen, nicht in kurzer, weil auffälliger rotgelber Sportbekleidung und der Jahreszeit unangemessen, nicht 4 Wochen vor der Entlassung und nicht in einem derart streng bewachten PG, wo auch noch ein Fluss durchschwommen werden muss.

Vielleicht wurden hi und da auch mal GWDler zu den GT eingezogen, die nicht die grössten "Leuchten" waren, aber so dumm kann keiner gewesen sein (und dieser Gefreite war es mit Bestimmtheit auch nicht). Die meisten der Soldaten haben nur mit dem Kopf geschüttelt, einige davon wohlwissend, dass hier ggf. ein Exempel statuiert werden sollte hinsichtlich "vorbildliche Dienstdurchführung". Es könnte sogar sein, dass der Gefreite seine letzten Tage im GR Mühlhausen verbracht hat und ohne weitere Folgen entlassen wurde.




ist schon eine irre Geschichte und lässt sich sicher nur mit dem Alkoholgenuss erklären. Wieder nüchtern war er sicher entsetzt über sein Handeln. Es ist auch vorstellbar, dass der Alkoholpegel Einfluss auf die Entscheidungen der Grentruppenführung hatte, ihm mildernde Umstände zuzubilligen und er "nur" in Unehren aus den GT entlassen wurde ohne weitere Strafmaßnahmen.

rot/gelb = Trainingsanzug ? gabs zu meiner Zeit noch nicht
PG kann ich nicht übersetzen ?? vielleicht erklärt mir jemand das


.
All free men, wherever they may live, are citizens of Berlin, and, therefore, as a free man, I take pride in the words ‘Ich bin ein Berliner!’”
John F.Kennedy 1963 in Berlin
Geld ist geprägte Freiheit!
Dostojewski 1866
Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich und dann gewinnst du.
Mahatma Gandhi
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#6

RE: Lässt sich Paranoia steigern?

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 18.11.2012 18:50
von jecki09 | 422 Beiträge

rot/gelb = Trainingsanzug ? gabs zu meiner Zeit noch nicht
PG kann ich nicht übersetzen ?? vielleicht erklärt mir jemand das

rote Turnose und gelbes (kurzärmliches) Unterhemd

PG zwischen x und y sicher Postengebiet


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#7

RE: Lässt sich Paranoia steigern?

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 18.11.2012 19:45
von 80er | 561 Beiträge

Zitat von Gert im Beitrag #5

rot/gelb = Trainingsanzug ? gabs zu meiner Zeit noch nicht


genau wie jecki09 beschrieben:
eben kein Trainingsanzug, kurze rote Hose, gelbes Trägerunterhemd (Stand 1974)

Zitat

PG kann ich nicht übersetzen ?? vielleicht erklärt mir jemand das


bei mir: Postengebiet


zuletzt bearbeitet 18.11.2012 19:50 | nach oben springen

#8

RE: Lässt sich Paranoia steigern?

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 18.11.2012 20:27
von S51 | 3.733 Beiträge

Im kurzen Sportzeug? Ziemlich schmerzfrei, alle "Achtung". Ich kannte jemanden, der ist mal im Schierker Brunnen hinter dem Feuerstein baden gegangen. In voller Uniform allerdings. Da war es auch nicht ganz einfach, ohne Aufstand in die Kompanie zu kommen.


GK Nord, GR 20, 7. GK
VPI B-Lbg. K III


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#9

RE: Lässt sich Paranoia steigern?

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 18.11.2012 20:32
von S51 | 3.733 Beiträge

Zitat von 80er im Beitrag #3
Ja sicher, aber weshalb dann erst 4 Wochen vor dem Heimgang durchdrehen?



Ulkigerweise gab es den meisten Streß kurz vor dem Heimgang. Da erinnerte sich mitunter die Braut, dass es da ja noch was zu sagen gab. Mancher war sich auch nicht sicher, ob er zu Hause noch so feiern würde können wie bei der Fahne und hat noch mal ordentlich einen draufgemacht. Manchmal halt zu "ordentlich". Und es wird manchen gegeben haben, der beim vielleicht letzten Blick über die Linie gedacht hat "man war ich schlau...".


GK Nord, GR 20, 7. GK
VPI B-Lbg. K III


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#10

RE: Lässt sich Paranoia steigern?

in Flucht und Fluchtversuche an der innerdeutschen Grenze und Berliner Mauer 18.11.2012 20:43
von S51 | 3.733 Beiträge

Zitat von 80er im Beitrag #1
...Die meisten der Soldaten haben nur mit dem Kopf geschüttelt, einige davon wohlwissend, dass hier ggf. ein Exempel statuiert werden sollte hinsichtlich "vorbildliche Dienstdurchführung". Es könnte sogar sein, dass der Gefreite seine letzten Tage im GR Mühlhausen verbracht hat und ohne weitere Folgen entlassen wurde.



Das wäre durchaus möglich. Prinzip (heute würde man sagen Show) war alles und dafür wurde durchaus auch mal nur so getan als ob. Zumindest den ersten Teil (das Exempel) betreffend war es auch wohl gar nicht anders möglich. Hätte man dies offen durchgehen lassen, wäre disziplinarisch wohl "Polen offen" gewesen in dem Sinne, dass sich dann keiner mehr richtig zurückgehalten hätte. Jedoch immer noch besser...


GK Nord, GR 20, 7. GK
VPI B-Lbg. K III


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