#261

RE: Auf den Spuren von KID / Jens Karney

in Videos und Filme der ehemaligen Innerdeutschen Grenze 11.11.2012 14:57
von KID | 234 Beiträge

@Harra318: Also, ich kann nur fuer mich sprechen. Ich will kein Mitleid. Hier liegt kein Trauerbuch zum Einschreiben. Und wer mit dem Feuer spielt..... Du hast absolut Recht. Aber erlaube mir bitte das Recht, auch heute eine andere Meinung zu vertreten.

Gestern wurde mir rhetorisch die Frage gestellt, warum ich nach 20 jahren 'immer noch bei solchen Leuten' lande. Damit war gemeint: die 'Roten'. Nun ja, ich bin in mancher Hinsicht rot, sogar sehr rot.... Zu DDR-Zeiten wurde ich von IM in meinem Stammlokal (das auch von einem IM gefuehrt wurde!) als 'Stalinist' bezeichnet. Der FO meinte, ich sollte solche strengen politischen Linien nicht vertreten. Und genau wie viele in der DDR mich total falsch eingeschaetzt hatten, tun das auch heute die Meisten. Ich mache keinen Hehl daraus, dass ich mich eigentlich mit dem sogenanten Steinzeit-Kommunismus identifiziere. Diese Einstellung machte meinen Herren im MfS unruhig. 1989, zum Beispiel, hatte ich Kontakt zu den Albanern aufnehmen wollen. Mein Brief wurde natuerlich abgefangen (mir ging es letztendlich auch nicht anders...) Als ich 1986 versuchte, den schoenen roten Lada 2107 abzulehnen, wurde mir gesagt, dass ich ihn nehmen musste ("Es wird keiner glauben, dass Du dieses tolle Auto nicht willst..."). Ich sollte eine sanierte Wohnung am Arkonaplatz beziehen: Nein, danke. Wie waers dann im sogenannten Stasi-Haus auf der Fischerinsel? versuchte man dann. Nee, ooch nicht. Ich nahm eine Altbauwohnung mit Ofenheizung und kein richtiges Bad, und war damit auch zufrieden. Und zwei Zimmer fuer eine Einzelperson, auch wenn es sich um einen 'Kundschafter des Friedens' handelte, empfand ich als sozial ungerecht. Es blieb mir aber nichts anderes uebrig. Als HGL-Mensch, habe ich immer extra Kohlenmarken bekommen. Diese habe ich dann an unsere Rentner im Haus verteilt. Ja, ich war ein richtig boeser Mensch...

Am 7. Oktober, 1989 platzte bei uns im Haus ein altes Wasserrohr. Als ich von der Parade zurueckkam, standen die Mieter bei mir vor der Tuer. Der Keller stand unter 10 cm Wasser. Der Notdienst wollte nicht kommen. "Vielleicht Montag.... " Und was hat der boese Jens dem Herrn vom Rat des Stadtbezirkes gesagt? Ich sage es Euch: "Ich war gerade bei einer Parade. Da waren Transparente mit der Parole 'Alles zum Wohle des Volkes!' Sagen Sie mir, Genosse, welches Volk wird wohl gemeint? Wir haben 90-jaehrige Rentner in der dritten und in der vierten Etage, die kein Wasser haben. Geben Sie mir bitte Ihren Namen..." Die halbbesoffenen Handwerker erschienen nur 30 Minuten spaeter.

Wir haben bei uns in Amerika so ein Sprichwort: 'Talk the talk, walk the walk'. Auf Deutsch laesst sich das nicht so reibunsgslos uebersetzen, aber ich gebe mir Muehe. Das heisst soviel wie: "Wie ich Rede, so gehe ich auch durch diese Welt." Meine Weltanschauung hat sich kaum in den letzten 30 Jahren geaendert. Ich kann in jedem Land der Welt leben, und unter jedem System komme ich auch zurecht, auch wenns mir nicht passt. Das ist mir nur moeglich, weil ich das Ueberleben gut gelernt habe. Ich verschwende nicht die Zeit, meine Nachbarn hier zum Sozialismus oder gar zum Kommunsmus zu bekehren. Der gute Kaempfer weiss auch, wann und wo er nicht kaempfen sollte. Ich trage aber trotzdem gelegentlich meinen Lenin-Stecker an der Jacke, bekenne mich offen zu einer gerechteren Gesellschaft, auch wenn uns dieses Bestreben mehrmals geschietert oder entgleist war. Meine mexikanischen Nachbarn laecheln freundlich ueber die sandinistischen Lieder, die ich beim Arbeiten im Garten am PC spielen lasse. Ich mag ein seltener Ami sein, doch ich bin auch fuer diese Leute ein Companero. Der junge Idealist lebt in mir weiter - trotz alledem.

Und wenn ich meine Nachbarn nicht bekehren moechte, helfe ich ihnen trotzdem, wenn es mir moeglich ist - seien sie auch schwarz, weiss oder latino, Democrat, Republican oder Libertarian. Ich bin ein guter Nachbar, gehe waehlen, rette Hunde (manchmal auch mehr.... ), zahle auch brav meine Steuern.

Ich darf meine Weltanschauung behalten. Dieses Recht habe ich verdient, da ich so rede, wie ich durch Welt gehe. Wenn ich Fehler gemacht habe, oder falsche Entscheidungen getroffen habe, dann habe ich fuer diese auf Heller und Pfennig auch bezahlt. Ich bezahle auch heute noch. Ist schon OK. Ich habe letztendlich mit dem Feuer gespielt.

Am Ende bin ich nur froh, dass wir alle - wirklich alle - noch am Leben sind, dass wir unsere Meinugen hier in diesem Forum und anderswo vetreten koennen, auch wenns manchmal ins abseits Geraet, oder heiss zugeht.

Jens


DoreHolm hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 11.11.2012 15:23 | nach oben springen

#262

RE: Auf den Spuren von KID / Jens Karney

in Videos und Filme der ehemaligen Innerdeutschen Grenze 11.11.2012 15:36
von Büdinger | 1.504 Beiträge

Zitat von KID im Beitrag #261
... Wir haben bei uns in Amerika so ein Sprichwort: 'Talk the talk, walk the walk'. Auf Deutsch laesst sich das nicht so reibunsgslos uebersetzen, aber ich gebe mir Muehe. Das heisst soviel wie: "Wie ich Rede, so gehe ich auch durch diese Welt." ... Jens


Man kann es auch so übersetzen:

Einheit von Wort und Tat.

LG

Büdinger


.

Ich finde Menschen faszinierend, die meinen mich zu kennen.
Manchmal drängt es mich sie zu fragen, ob sie mir ein bisschen was über mich erzählen können ...

Ich übernehme die Verantwortung für alles, was ich sage, aber niemals für das, was andere verstehen!

.
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#263

RE: Auf den Spuren von KID / Jens Karney

in Videos und Filme der ehemaligen Innerdeutschen Grenze 11.11.2012 16:39
von KID | 234 Beiträge

@Buedinger: Vielen Dank! Hoert sich aber nicht so 'cool' an, wobei das Wort 'cool' auch nicht so richtig cool ist....

Schoenes Wochenende!

Jens


Büdinger hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#264

RE: Auf den Spuren von KID / Jens Karney

in Videos und Filme der ehemaligen Innerdeutschen Grenze 11.11.2012 21:50
von DoreHolm | 7.707 Beiträge

KID, alle Achtung für Deine offene Selbsteinschätzung. Ein Anhänger eines "Steinzeitkommunismus" hat für mich, obwohl Atheist, sehr viel Ähnlichkeit mit einem Christ, der die Bibel wörtlich nimmt und danach mit seinen Mitmenschen umgeht und für den jeder sein Nächster ist, den es zu lieben gilt. Beide kämpfen für eine wirklich gerechte Welt, ohne daß wenige durch die Arbeit vieler sehr reich werden. Aber beide müssen erfahren, daß meist nur Undankbarkeit die Antwort ist, weil die Menschen, wie ich es schon mal schrieb, unterschwellig von den genetisch gespeicherten Verhaltensweisen eben dieser "Steinzeit" gesteuert werden. Aber ohne Euch und Eurem Einsatz für uns alle wären wir wahrscheinlich schon wieder in der Steinzeit gelandet. Dafür gebührt Euch Dank, auch von denen, die Euch wüst beschimpfen (... denn sie wissen nicht, was sie tun !).



Pitti53, SEG15D, Damals87 und Kurt haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#265

RE: Auf den Spuren von KID / Jens Karney

in Videos und Filme der ehemaligen Innerdeutschen Grenze 11.11.2012 22:17
von Eisenacher | 2.069 Beiträge

Alle Diktaturen sind immer in der Geschichte, an ihrer selbstgewählten Aufgabe gescheitert , den Neuen Menschen schaffen zu wollen. Na vielleicht klappt es ja beim nächsten Anlauf mit der NWO. Wenn jeder einen RFDI-Chip eingepflanzt bekommt, könnte es doch noch etwas werden.

PS: Steinzeitkommunist mit 1500 auf die Kralle und einem funkelnagenneuen 2107(der hätte doch mindestens 75-80Mille in Grünau gebracht) und dann noch ein paar Blaue im Monat, da konnte man es schon aushalten, im Arbeiter-und Bauern-Paradies.


Pit 59 hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#266

RE: Auf den Spuren von KID / Jens Karney

in Videos und Filme der ehemaligen Innerdeutschen Grenze 12.11.2012 22:32
von KID | 234 Beiträge

Ja, @ Eisenacher.... Ich lebte in Eurer Welt, nicht in meiner. Und da wir schon (wieder) auf diesem Nivaeu gelandet sind: Auch wenn ich den ganzen Kram nicht wollte, hatte ich jeden Pfennig (Ost oder West) verdient. Wenn Du so ein Auto haben wolltest, haettest auch Du Dein Leben fuer andere aufs Spiel setzten koennen. Am Ende ist es halt so.

Jens


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#267

RE: Auf den Spuren von KID / Jens Karney

in Videos und Filme der ehemaligen Innerdeutschen Grenze 13.11.2012 00:31
von Eisenacher | 2.069 Beiträge

2107 und dann auch noch in rot, war ja 1986 nicht gerade die beste Tarnung in Ostberlin. Da hatte der FO wirklich kein gutes Feeling. Ich hatte ja damal schon Probleme, die Herkunft meines 2103 von 1978 zu begründen. Mit Trabi war ja man schon wer, in der DDR, mit Wartburg ein Reicher und mit Lada schon in der oberen Klasse angelangt. Auf deine Kohle bin ich nicht neidisch, da habe ich mir damals dank sozialistischer Mangelwirtschaft auf den Floh-.und Automärkten ein Mehrfaches leichter verdient. Riskiert habe ich eigentlich nur einen kostenlosen Aufenhalt auf Staatskosten im Erholungsheim Rummeline oder Ähnlichem. Als Friedrichshainer mußt Du doch eigentlich den Zeitgeist mitbekommen haben. Die Berliner waren ja nicht auf die Schnauze gefallen, die Stasi und das ganze IM-Potential war ja doch zur Meinungserforschung reine Verschwendung. Die dort verschwendeten Gelder, hätte man damals lieber in die Wirtschaftsspionage stecken sollen. Um die Ansichten der Bevölkerung zu ihrem Staat und ihren Parteibonzen erfahren, hätte es doch gereicht, in den Cottbusser Postkutscher oder die City-Klause zu gehen und eine Runde Bier zu schmeißen.
Das dich die Stasi im Verhältnis zum Nutzen(Schaden) mit einem Appel und einem Ei abgespeist hat, sehe ich schon .
Mein Hinweis war auch nur als freundschaftlicher Tip für dein Buch gedacht, es war ja gerade in der Bevölkerung nicht so populär , das die Bonzen die Wasser predigten, selbst den Champagner bevorzugten. Kommunist mit Lada 2107 war eben im Jahr 1986 in Ostberlin ein Widerspruch in sich, zu den Predigen dieser Ideologie(Religion). Das war und ist dir als Ami sicher nicht so bewußt geworden. Oder die Genossen vom MfS, hatten dir eine rosarote Brille mit Tragepflicht verpasst. Also lass den Lada und dein Einkommen in DM lieber weg, wenn Du glaubwürdig von Dir als "Steinzeitkommunisten" zum Publikum sprichst. Als Top-Agent braucht man ja nicht allen, alles auf die Nase zu binden.
Mit freundschaftlichen Grüßen ein Ex-Friedrichshainer


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#268

RE: Auf den Spuren von KID / Jens Karney

in Videos und Filme der ehemaligen Innerdeutschen Grenze 13.11.2012 00:46
von seaman | 3.487 Beiträge

Zitat von Eisenacher im Beitrag #267
2107 und dann auch noch in rot, war ja 1986 nicht gerade die beste Tarnung in Ostberlin. Da hatte der FO wirklich kein gutes Feeling. Ich hatte ja damal schon Probleme, die Herkunft meines 2103 von 1978 zu begründen. Mit Trabi war ja man schon wer, in der DDR, mit Wartburg ein Reicher und mit Lada schon in der oberen Klasse angelangt. Auf deine Kohle bin ich nicht neidisch, da habe ich mir damals dank sozialistischer Mangelwirtschaft auf den Floh-.und Automärkten ein Mehrfaches leichter verdient. Riskiert habe ich eigentlich nur einen kostenlosen Aufenhalt auf Staatskosten im Erholungsheim Rummeline oder Ähnlichem. Als Friedrichshainer mußt Du doch eigentlich den Zeitgeist mitbekommen haben. Die Berliner waren ja nicht auf die Schnauze gefallen, die Stasi und das ganze IM-Potential war ja doch zur Meinungserforschung reine Verschwendung. Die dort verschwendeten Gelder, hätte man damals lieber in die Wirtschaftsspionage stecken sollen. Um die Ansichten der Bevölkerung zu ihrem Staat und ihren Parteibonzen erfahren, hätte es doch gereicht, in den Cottbusser Postkutscher oder die City-Klause zu gehen und eine Runde Bier zu schmeißen.
Das dich die Stasi im Verhältnis zum Nutzen(Schaden) mit einem Appel und einem Ei abgespeist hat, sehe ich schon .
Mein Hinweis war auch nur als freundschaftlicher Tip für dein Buch gedacht, es war ja gerade in der Bevölkerung nicht so populär , das die Bonzen die Wasser predigten, selbst den Champagner bevorzugten. Kommunist mit Lada 2107 war eben im Jahr 1986 in Ostberlin ein Widerspruch in sich, zu den Predigen dieser Ideologie(Religion). Das war und ist dir als Ami sicher nicht so bewußt geworden. Oder die Genossen vom MfS, hatten dir eine rosarote Brille mit Tragepflicht verpasst. Also lass den Lada und dein Einkommen in DM lieber weg, wenn Du glaubwürdig von Dir als "Steinzeitkommunisten" zum Publikum sprichst. Als Top-Agent braucht man ja nicht allen, alles auf die Nase zu binden.
Mit freundschaftlichen Grüßen ein Ex-Friedrichshainer



Joo,
nun hat ein Eisenacher hier geschrieben.
Der Typ aus dem Nachbarhaus.Steck Dir Deine Gruesse doch einfach.
Du hast einfach keine Ahnung....


zuletzt bearbeitet 13.11.2012 00:48 | nach oben springen

#269

RE: Auf den Spuren von KID / Jens Karney

in Videos und Filme der ehemaligen Innerdeutschen Grenze 13.11.2012 18:50
von Eisenacher | 2.069 Beiträge

Sachlich Argumente und Meinungen austauschen, wäre sicher sinnvoller, als ein Alleinvertretungsanspruch auf Ahnung.


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