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RE: 20 Juli 1944

in Reste des Kalten Krieges in Deutschland 10.08.2013 13:14
von Lebensläufer | 1.235 Beiträge

Operation Walküre, der Erzählung 5. Teil

Jeder Flieger, also jeder, der irgend etwas mit dem Fliegen zu tun hatte, kannte diese Tante. Unter ihnen besaß sie zahlreiche Freunde. Als man ihren Mann verhaftete, versuchte sie, etwas zu unternehmen. Sie wurde selbst festgenommen. In treuer beruflicher Verbundenheit bemühten sich ihre Freunde, sie herauszuholen, und sie hatten Erfolg. Sie erzählten der Gestapo, sie könne nichts mit dem Stauffenberg – Komplott zu tun gehabt haben, sie sei nur eine angeheiratete Stauffenberg, und überdies sei sie unersetzlich und würde in der Luftfahrt dringend gebraucht, niemand könne ihren Platz ausfüllen. Und als man sie freiließ, sagte sie, in Ordnung, aber sie wolle nur unter zwei Bedingungen zur Arbeit gehen. Zunächst wollte sie wissen, wo sich ihr Mann und die übrigen Familienangehörigen aufhielten; und sie betrachtete uns alle als ihre Familie. Zweitens solle ihr die Möglichkeit eingeräumt werden, uns alle zu besuchen. Beiden Forderungen kam man nach.

Sie war sehr couragiert. Sie nahm ein großes Risiko auf sich und hatte Erfolg. Man sagte ihr die Information nicht nur zu, sondern sie bekam sie auch. Sie wusste, wo wir festgehalten worden, wohin man meine Mutter gebracht hatte, wo sich die gesamte Familie aufhielt, und sie besuchte jeden. Also kam sie 1944 als Weihnachtsüberraschung zu uns. Am Weihnachtsfeiertag wurden wir in das Haus der Lagerdirektorin gerufen, wir gingen hinüber, und da stand Tante Lisa. Es gab einen Weihnachtsbaum, und sie wollte mit uns auf die gewohnte Weise feiern, aber da man zu jener Zeit nur schwer Spielzeug auftreiben konnte, war sie irgendwo hingegangen, wo man Kriegsorden hortete. Sie griff sich eine Hand voll und schenkte sie uns. Natürlich fühlten wir uns wie richtige Kriegshelden.

Als Ergebnis dieses Besuches konnte sie nun auch meiner Großmutter berichten, wo wir uns aufhielten, und das es uns gut ging. Wir liebten sie. Sie war wahnsinnig aufregend. Die wunderbarsten Geschichten erzählte sie uns über ihr Fliegen und ihre Flugzeuge. Es war ein großartiges Weihnachtsfest mit ihr in jenem Jahr,“
Während sich Franz Ludwig und seine Geschwister in Bad Sachsa befanden, gebar ihre zum Zeitpunkt der Verhaftung schwangere Mutter noch ein Kind, eine Tochter, die im Januar 1945 zur Welt kam. Obwohl Gräfin Nina und das Neugeborene ernsthaft erkrankten, pflegte man sie in einem Potsdamer Krankenhaus allmählich wieder gesund. Melitta Stauffenberg besuchte sie im Krankenhaus und teilte ihr mit, das sich ihre anderen Kinder in Sicherheit befänden.

Anfang 1945 hatte man Bad Sachsa zum Hauptquartier einer Heeresdivision umgebaut. Diese Umgestaltung fand Franz Ludwig „ ganz aufregend“. Es diente auch als Durchgangslager für Scharen von Flüchtlingen aus dem Osten. Zur Zeit seiner Internierung war ihm nicht bewusst, dass die Umstände viel schlimmer hätten sein können. Bad Sachsa galt als Jugendstrafanstalt für Kinder bis zu 13 Jahren. Kinder im Alter von vierzehn Jahren und darüber wurden in ein Konzentrationslager in der Nähe von Danzig gesteckt. Als die Ostfront zu nahe rückte, verlegte man die gesamte Gruppe , den Russen immer einen Schritt voraus, von einem Lager ins andere.. Für eine Weile lieferte man sie auch in Buchenwald ein. Schließlich gelangten sie in die Alpen, wo sie unter SS- Bewachung standen und durch eine ungewöhnliche Fügung von regulären deutschen Wehrmachtsangehörigen befreit wurden, die sie später in Norditalien amerikanischen Truppen übergaben. Franz Ludwig besaß mehrere Verwandte in dieser Gruppe von Älteren und erfuhr später von ihnen, was sie erlebt hatten.

Die Stauffenberg- Kinder indes verblieben bis Juni 1945 in Bad Sachsa, obwohl das Lager bereits in den letzten Apriltagen von den Amerikanern befreit worden war. „ Wir hörten das Krachen großer Geschütze, ein dumpfes donnerndes Geräusch, und wussten von denen bei uns stationierten deutschen Soldaten, das wir den Krieg verloren hatten“, sagt Franz Ludwig. „ Wir wussten, das der Feind immer näher kam. Dann hörten wir eines Tages nahen Kampflärm und mussten in den Keller dieses Sanitätsgebäudes, in einen Raum, der als Werkstatt diente. Darin befanden wir uns, und dann kam jemand herein und sagte; Panzer seien da, und die Deutschen hätten sich zurück gezogen. Schließlich wurde die Tür aufgestoßen, und ein kleiner Soldat mit schussbereitem Gewehr trat ein, sah in die Runde, einige Leute sprachen mit ihm und sagten, hier seien nur Kinder, und dann tauchte ein zweiter Soldat auf, und sie schienen zufrieden.

Das war`s. Das Lager wurde von amerikanischen Soldaten besetzt, das ganze Lager, mit Ausnahme unseres Hauses. Das war das erste Mal in meinem Leben, das ich Schokolade zu sehen bekam. Lange Zeit war da ein Soldat, der hatte sich mit einem Mädchen angefreundet, das ihm Wasser gebracht hatte, und solange er sich im Lager aufhielt, schenkte er ihr Süßigkeiten, die für uns einen unbeschreiblichen Luxus bedeuteten.
Meine Erinnerungen an die amerikanischen Soldaten sind absolut positiv, nicht nur wegen der Schokolade. Sie waren freundlich, unglaublich nett und alle sehr jung. Sie spielten und scherzten mit uns.“

Nach kurzer Zeit zogen die Soldaten ab, Fast unmittelbar nach ihrem Abmarsch traf Franz Ludwigs Großtante – die Schwester seiner Großmutter, die ehemalige Rotkreuzschwester – zusammen mit einer Freundin ein. Sie hatten die Kinder auf Grund von Melittas Information gefunden. Fast fünfhundert Kilometer waren sie durch zwei Besatzungszonen gereist, hatten sogar den örtlichen französischen Kommandeur überredet, ihnen seinen Dienstwagen mit den Erkennungszeichen der französischen Armee zu leihen. Die Großtante verlor keine Zeit, die Kinder aus Bad Sachsa herauszuholen. Franz Ludwig erinnert sich an ihre Besorgnis und die eilige Abfahrt. „ Man war damals wirklich beunruhigt darüber, wie weit die Russen vordringen würden und das sie in Bad Sachsa einmarschieren können. Und die Russen bedeuteten Schrecken. Sie waren eine Bedrohung. Wenn man von den Russen sprach, dann empfanden alle Deutschen, sogar die meines Alters, absolute Furcht. Bei den Amerikanern fühlten wir uns ganz sicher und bei den Franzosen ziemlich sicher.

In Bad Sachsa wusste niemand wirklich etwas Genaues. Es gab viele Gerüchte, aber welchen konnte man trauen? So flüchteten wir voller Hast, und das war schwierig, den wir waren jetzt etwa fünfzehn, und meine Tante hatte nur ein Auto. Also organisierte sie einen Bus, der mit Methanol fuhr und von vorn wie ein großer Ofen aussah. Das war kurz nach dem Krieg wegen des Mangels an Erdölprodukten nichts Ungewöhnliches. Es stellte kein besonders effizientes Verbrennungssystem dar, und es ermöglichte nur eine langsame, zeitaufwendige Fortbewegung. Meine beiden Brüder und ich fuhren im Auto des französischen Offiziers. Zunächst begaben wir uns zu meiner Großmutter nach Lautlingen. Erst mehrere Tage später kam der Bus an, und ich kann mich erinnern, dass sich meine Großmutter in höchster Sorge befand, da der Bus so langsam fuhr und er den Russen in die Hände gefallen sein konnte.“

Während die Großmutter unruhig auf das Eintreffen des Busses wartete, fesselte Franz Ludwig eine neue Entdeckung: Er fand endlich heraus, was sein Vater im Krieg getan hatte. „ Ich erinnere mich sehr gut daran, das mir jemand zum ersten Mal von der Tat meines Vaters erzählte“, berichte er. „ Es war die Frau in Begleitung meiner Großtante, die uns in Bad Sachsa abholte. Sie fuhr mit uns in dem Auto des französischen Offizier zurück , und in meiner Erinnerung sehe ich das als eine große Offenbarung. Ganz erstaunlich. Sie erzählte uns, was geschehen war. Später dann, vor allem als meine Mutter zurückkehrte, erfuhr ich mehr darüber.“

Aber als Franz Ludwig bei seiner Großmutter eintraf, konnte niemand etwas über den Verbleib der Mutter sagen. Im Juli erfuhr die Familie endlich, dass sie lebte. Kurz vor dem letzten Ansturm der Russen auf Berlin war sie einem älteren Wachposten entwischt. In einem überfüllten Zug gelangte sie nach Sachsen, und dann machte sie sich, das Baby auf dem Arm, zu Fuß auf den Weg, bis sie nach Bayern kam und auf Verwandte stieß.

„ Inzwischen befanden sich meine andere Tante, Bertholds Frau und mein Onkel Alexander auch wieder bei meiner Großmutter“, entsinnt sich Franz Ludwig. „ Sie trafen in einem großen Mercedes ein, was uns sehr beeindruckte. Er gehörte dem Kardinal von München, der für diesen Transport nach Hause seinen persönlichen Wagen angeboten hatte. Aber sehr traurige Nachrichten erreichten uns über unsere andere Tante. Melitta hatte den Krieg nicht überlebt. In den letzten Kriegstagen hatte man sie in ihrem kleinen Flugzeug abgeschossen. Heute wissen wir, das deutsche Truppen sie in Bayern absichtlich beschossen. Dem verantwortlichen Flak- Offizier hatte man mitgeteilt, wer sie war und das sie versuchte, mit dem Familienschmuck der Stauffenbergs in die Schweiz zu entkommen,“

Franz Ludwigs Trauer über Melittas Tod wurde gelindert, als er Ende August wieder mit der Mutter vereint war. Über ein Jahr hatte er sie nicht gesehen. „ Es war eine herrliche Zeit, als meine Mutter wiederkehrte. Sie kam mir nicht sehr verändert vor. Das war meine Mutter, und ich war so froh, sie wieder zu sehen. Im Gefängnis hatte man sie ihrer Herkunft wegen nicht allzu schlecht behandelt. Sie hatte Glück, dass sie von regulären Gefängniswärtern und nicht von der SS bewacht wurde.

Meine Mutter ließ sich in Lautlingen nieder, den das von ihren Eltern geerbte Haus in Bamberg war schwer zerstört und dann geplündert worden. Also konnten wir dort nicht hinziehen. Außerdem hatten es die Nazis nach dem 20. Juli übernommen und daraus eine Gestapo- Dienststelle gemacht. Die Ortsansässigen nahmen die Tatsache, das es als Hauptquartier der Gestapo gedient hatte, als ausreichende Rechtfertigung dafür, einzudringen und mitzunehmen, was sie brauchten. Und damals konnte man alles gebrauchen. Selbst die Fensterscheiben, die Wasserinstallation, alles ging mit. Es dauerte mehrere Jahre, bis meine Mutter alles wieder in Ordnung gebracht hatte. Sie besaß überhaupt kein Geld.“


Lebensläufer


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#102

RE: 20 Juli 1944

in Reste des Kalten Krieges in Deutschland 11.08.2013 09:18
von Lebensläufer | 1.235 Beiträge

Operation Walküre, der Erzählung 6.er und letzter Teil

Glücklicherweise hatte Franz Ludwigs Großvater genügend Platz. Nach dem Sommer 1945 besuchten alle Stauffenberg- Kinder die Schule am Ort. Der damals achtjährige Franz Ludwig erinnert sich an den Nürnberger Prozeß Ende des selben Jahres und Anfang 1946. Er konnte viel unbefangener zuhören als viele der anderen für dieses Buch befragten Kinder, deren Väter auf der Anklagebank saßen. „ An den Nürnberger Prozeß kann ich mich noch ganz gut erinnern. Meine Großtante- die uns aus Bad Sachsa abgeholt hatte- war an Politik immer sehr interessiert. So verfolgte sie im Radio die Ereignisse in Nürnberg. Sie hatte ein besonderes Interesse daran, weil sie in Stuttgart zusammen mit einem der Angeklagten, nämlich Konstantin von Neurath, dem einstigen Außenminister, aufgewachsen war. Man glaubte nicht daran, dass Neurath zu irgend etwas Bösem imstande gewesen sein könnte, zweifelte aber auch an seiner Eignung als Außenminister. Man hielt ihn für einen netten, grundanständigen Jungen, doch nicht für ein Genie. Man kannte ihn gut, hatte jedoch lange Zeit keinen persönlichen Kontakt zu ihm gehabt. So hörte ich ziemlich oft die Übertragung vom Prozeß, und ich erinnere mich noch daran, wie man bei der Urteilsverkündung die Gesichter der Angeklagten beschrieb.“

Obwohl die Stauffenbergs als eine betuchte Adelsfamilie galten, war die unmittelbare Nachkriegszeit hart für sie. „ Es war gewiss nicht angenehm für uns“, erinnert sich Franz Ludwig. „ Aber verglichen mit dem Schicksal vieler anderer konnten wir einigermaßen von Glück reden. Das trifft auch für das Kriegsende in Bad Sachsa zu. Damals war der Mangel groß, und sonntags bekamen wir Kohlrübensuppe zu essen, die gleichen Kohlrüben, mit denen man die Kühe fütterte, und ich haßte sie. Es herrschte Armut, und für uns gab es keine ausreichende Kleidung, aber irgendwie kam man auf anständige Weise zurecht.

Zu Hause gab es die normalen Entbehrungen, aber sehr schnell war das Leben in der amerikanischen Zone besser und in der französischen schlechter. In der amerikanischen Zone war es am besten. Und zwischen den Zonen wurde viel geschmuggelt; Zigaretten, Zucker, Weizen, Mehl, alles. Am besten ging es in jener Zeit den Bauern. Wir besaßen keinen Hof, hatten also die gleichen Schwierigkeiten wie alle anderen. Lebensmittel wurden zugeteilt, es gab nichts Besonderes, aber wir litten keinen wirklichen Hunger. Doch dauerte es einige Zeit, bis meine Mutter an etwas Geld kam. Mein Vater war Wehrmachtsoffizier gewesen, und sie erhielt seine Rente, aber das war nicht viel für sie und fünf Kinder. Wir lebten keineswegs in großem Wohlstand.“

Im Alter von dreizehn Jahren schickte man alle Stauffenberg- Kinder auf eine Schweizer Internatsschule nahe dem Bodensee. Franz Ludwig blieb dort bis zu seiner Abiturprüfung im Jahre 1958. In der Schule hörte er von deinem Vater, „ aber ich erfuhr nichts Neues über ihn. Soweit ich es erlebt habe, hat man ihn stets positiv beschrieben. Den Namen Stauffenberg hatten alle schon einmal gehört, und die Leute wussten, wer ich war. Das Dorf, in dem ich die Grundschule besuchte, war der Ort, aus dem die Familie Stauffenberg stammte. Ich war nicht der Sohn eines Helden Stauffenberg, den Claus Stauffenberg war auch ein Sproß des Dorfes. Wir waren einfach Kinder der alteingesessenen Familien.“

Mit zwanzig Jahren ging Franz Ludwig 1958 auf die Universität nach Erlangen. Wegen Taubheit im rechten Ohr, die von seiner Mittelohrentzündung während des Krieges herrührte, ließ man ihn nicht zum Wehrdienst zu. Einer langen, hervorragenden Familientradition folgend, hätte er gerne seinen Dienst in der Armee getan, und anfangs war er überrascht und enttäuscht, dass man ihm die Laufbahn eines Reserveoffiziers verwehrte.

An drei Universitäten studierte er Jura und Geschichte. Sein erstes juristisches Examen bestand er 1962, und 1965 heiratete er. 1966 absolvierte er seine juristische Abschlussprüfung. Anfangs arbeitete er fünf Jahre in einem Industrieunternehmen als Assistent des Geschäftsführers und Mitarbeiter der Rechtsabteilung. 1972 wurde Franz Ludwig Stauffenberg im Alter von vierunddreißig Jahren in den Bundestag gewählt. Zwölf Jahre blieb er dort Abgeordneter, ehe er in das Europäische Parlament wechselte.

Franz Ludwigs ältester Bruder ist Brigadegeneral in der Bundeswehr; davor hatte er als Militärattache an der deutschen Botschaft in London gearbeitet. Der zweitälteste Bruder ist ein erfolgreicher Geschäftsmann. Seine jüngere Schwester ist verheiratet und hatte ein Kind, das aber 1966 an Leukämie starb. Die jüngste Schwester heiratete einen Schweizer Anwalt und lebt mit ihren vier Kindern in Zürich.

Obwohl sein Vater ein Held ist, traf Franz Ludwig auch auf negative Urteile über ihn. „ Mehrmals hat man sich schlecht über meinen Vater geäußert, aber stets anonym. Nie hat mir jemand etwas Negatives über meinen Vater offen ins Gesicht gesagt. Es gab Leute, die sich skeptisch oder ablehnend zeigten, es jedoch für sich behielten oder ihre Bemerkungen sehr vorsichtig vortrugen. Also bleibt für mich ziemlich interessant, dass es zahlreiche Leute gab und gibt, die meinen Vater nicht als Helden betrachten, die ihn oder seine Tat nicht positiv sehen. Aber bis heute haben sie entweder nicht den Mut oder halten es für unangebracht, es mir zu sagen.

Es hat ziemlich viele Briefe ohne Unterschrift gegeben. Und ziemlich gehässige. Darunter sind auch Briefe, in denen es heißt, ich sei genauso schlimm wie einst mein Vater, Wissen Sie, die Welt ist voller Dummköpfe. Übernimmt man ein öffentliches Amt, ist man automatisch die Zielscheibe solcherlei Briefe. Man sollte in dieser Hinsicht also wirklich nicht übertreiben. Seit mehreren Jahren gibt es solche anonymen Briefe nicht mehr. Es kommt darauf an, wie man diese Briefe liest, einige sind eher medizinische Fälle, andere sind einfach gehässig, weil der Briefschreiber gehässig sein will. Und alle bleiben sie anonym. Mehrere, bei denen ich dachte, dahinter könnte irgendeine kriminelle Absicht stehen, habe ich der Polizei übergeben.

Es ist interessant, dass man kein Nationalsozialist sein muß, um meinem Vater kritisch gegenüberzustehen. Nicht wenige kritisieren meinen Vater, indem sie sagen:, Warum hat er Hitler nicht gleich erschossen,? und stellen damit seinen Mut in Frage. Das ist eine ziemliche Vereinfachung, die, nicht besonders verwundern sollte. In Wirklichkeit zeigt das alles – derlei Herangehensweise, Fragen, Kritiken- eine recht ungenügende Kenntnis der Tatsachen. Zunächst wussten solche Leute offensichtlich nicht viel über die Rolle meines Vaters bei der Verschwörung. Seine Hauptaufgabe bestand nicht im Legen der Bombe. Seine Hauptaufgabe bestand nicht darin, Hitler zu töten, sondern der entscheidende Mann in der Organisation zu sein. Es hat sich als eine der größten Schwachstellen der Verschwörung erwiesen, dass derselbe Mann, der der entscheidende Organisator sein sollte, auch die Bombe legen musste. Zweitens wussten sie nichts von seiner Körperbehinderung, vom Verlust seiner Hand und von den Hindernissen, die zu überwinden waren, um überhaupt die Bombe zu legen.

Aus meiner Erfahrung nehme ich die Gewissheit, dass die übergroße Mehrheit im Land auf den Namen Stauffenberg positiv reagiert.“
Franz Ludwig gibt zu, dass das Erbe seines Vaters für ihn keinen neutralen Faktor in seiner Erziehung darstellte. Er glaubt aber, nicht sagen zu können, ob es ein Vorzug oder ein Nachteil gewesen ist, der Sohn von Claus von Stauffenberg zu sein. „ Es ist zu komplex“, meint er. „ Es lässt sich, denke ich, nicht wirklich beantworten, denn bei solch einer Frage muss man wissen, wie es gewesen wäre, wenn man als ein andere aufgewachsen wäre oder einen anderen Namen getragen hätte. Ich weiß nicht, wie es ist, wenn man nicht der Sohn Stauffenbergs ist. Aber mein Vater hat mich gewiss nicht negativ belastet.“

Franz Ludwig Stauffenberg hat hart an einer distinguierten und unabhängigen Laufbahn für sich gearbeitet, und er hatte Erfolg. „ Letztendlich muß man darauf vertrauen, dass die Leute, die mit einem in der beruflichen und erzieherischen Arbeit zu tun haben, genug anderes in einem sehen und nicht nur den Sohn von irgend jemanden, das sie einen also als eigenständige Person ansehen,“ sagt er. „ Aber das ist im allgemeinen die Situation und die unausweichliche Erfahrung aller Kinder von bekannten Leuten. Sie haben mich nun stundenlang interviewt, nicht weil ich Mitglied des Europäischen Parlaments, sondern weil ich Stauffenbergs Sohn bin. So ist es tatsächlich immer noch.

Aber ich finde das ganz in Ordnung, den ich bin stolz auf meinen Vater und liebe ihn sehr. Ich sehe meinen Vater nicht als einen vollkommenen Gott auf Erden an. Ich halte ihn für einen sehr Klugen Mann mit großem Mut, aber ich sehe ihn auch als einen Menschen, der, wie jeder andere auch, seine Schwächen besaß. Er war ein bedeutender und gleichzeitig sehr menschlicher Mann. Er besaß einige außergewöhnliche, großartige Eigenschaften, an die zu erinnern sich nicht nur für seine Kinder lohnt.
Es ist doch begreiflich, dass ich viel lieber der Sohn Stauffenbergs als der Himmlers oder dergleichen bin.
Die Erinnerung an meinen Vater und das Wissen um seine Tat werden immer etwas sehr Wichtiges für mich sein. Er bedeutet mir sehr viel.“

Lebensläufer


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