#81

RE: 20 Juli 1944

in Reste des Kalten Krieges in Deutschland 25.07.2012 20:53
von eisenringtheo | 9.174 Beiträge

Die Politik stellte schon vor dem ersten Weltkrieg an die Generalität die Frage, welche Chancen Deutschland in einem Mehrfrontenkrieg hätte. Der Generalstabschef Alfred Graf von Schlieffen liess die Frage prüfen und kam zum Schluss, dass Deutschland wegen seiner langen Grenze verwundbar war und demzufolge ein Mehrfrontenkrieg zu vermeiden sei.
Dieser Plan war auch noch im Zweiten Weltkrieg gültig und deshalb wurde mit Russland ein Nichtangriffspakt geschlossen. Obschon der Angriff im Westen gegen England nicht vom Fleck kam, startete Deutschland entgegen jeglicher strategischer Vernunft 1941 den Angriff gegen die Sowjetunion. Mit soviel Unvernunft hatte Stalin wohl nicht gerechnet. Die Deutschen hofften allerdings, dass die USA neutral bliebe und man somit die Kräfte im Westen zugunsten "Barbarossa" etwas reduzieren könnte. Der Eintritt der USA in den Krieg im Dezember 1941, welcher durch den deutschen Bündnispartner Japan provoziert wurde, verschlechterte die Aussichten für die Deutschen ganz massiv.


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#82

RE: 20 Juli 1944

in Reste des Kalten Krieges in Deutschland 25.07.2012 20:56
von Wolle76 (gelöscht)
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Um mal wieder zum Ursprung von @Zermatt zurück zu kommen.

Ob der Krieg eher ausgewesen wäre ? Glaube ich kaum, den Allierten war es egal ob der Mann in Berlin Hitler heißt oder Staufenberg etc. Sie verlangten bedingungslose Kapitulation. Das wäre nicht in Frage gekommen da die "Wiederständler" immer noch Deutschnational waren.
Auch abgesehen davon das das Ostheer tief in Rußland stand und dort hätte stehen bleiben müssen bzw in Gefangenschaft geraten wäre.

Aber nehmen wir mal an, der Krieg wäre kurz darauf beendet worden:

Tausende Menschen wären noch am Leben,
viele Europäische (vorallem deutsche) Städte wären nicht zerstört worden.
Hätte es dann 2 deutsche Staaten gegeben ? Würde es dieses Forum geben ?


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#83

RE: 20 Juli 1944

in Reste des Kalten Krieges in Deutschland 25.07.2012 20:57
von Nostalgiker | 2.554 Beiträge

@Stutz,

ohne das wir jetzt völlig vom Thema abkommen hier mal kurz eine stichpunktartige Auflistung:

Ausgangslage der SU:
- Überfall kam unerwartet
- wiegte sich durch den Nichtangriffspakt in Sicherheit
- musste sich mit internen Problemen befassen – hat fast nichts für die Armee getan
- Russisches Heer umfasste 1941 ca. 151 ID, 32 KD, 38 mechanisierte Brigaden mit über 12.000 PzKfw
- Es wurde davon ausgegangen das die Rote Armee nicht vor 1942 gegen die Wehrmacht kampfbereit sein würde
- In der Roten Armee erfolgten 1938 eine politisch motivierte Säuberung in der große Teile des Offizierskorps verhaftet wurde
- In den westlichen Grenzbezirken war ein Fehlbestand im Offizierskorps von bis zu 25% zu verzeichnen
- Von den vorhandenen Offizieren waren etwa 75 Prozent seit weniger als einem Jahr auf ihren Posten
- Deshalb erreichten die Deutschen in den ersten Offensiven beachtliche Erfolge
- Panzergruppen kam bis 26.06.1941 bereits bis 80km vor Leningrad
- Panzergruppe 3 stieß in den ersten 7 Tagen 430km vor und machten 200T russische Gefangene
- Am 16.07.1941 schien alles Bereit für einen Sturm auf Moskau

Der Wehrmacht standen 153 Divisionen mit etwa drei Millionen Soldaten zur Verfügung. Hinzu kamen Soldaten aus den verbündeten Staaten Rumänien, Ungarn, Finnland, Slowakei und Italien.
Aufgrund des Überraschungsmoments stießen die deutschen Divisionen schnell nach Osten vor. Schon am ersten Tag wurden mehr als ein Viertel der Flugzeuge der sowjetischen Luftwaffe zerstört. Nach nur zwölf Tagen waren alle drei deutschen Heeresgruppen weit in russisches Gebiet vorgedrungen. Anfang Juli hatte die Sowjetunion bereits fast das gesamte Gebiet ihrer "Kriegsbeute" Ostpolen sowie Litauen und halb Lettland verloren.
Bis Anfang September 1941 stießen die deutschen Truppen mehrere Hundert Kilometer auf dem Gebiet der SU vor.
Die sogenannte Molotow-Linie an der neuen Westgrenze war größtenteils noch zu errichten, während die etwa 300 Kilometer weiter östlich liegende Stalin-Linie zum Teil bereits aufgegeben war.

Das ganze Chaos der ersten Kriegswochen auf sowjetischer Seite, welches sich auch in den immensen Verlusten an Menschen und Material dokumentierte wurde ansatzweise in den Büchern von Konstantin Michailowitsch Simonow, "Die Lebenden und die Toten" (1959) und "Man wird nicht als Soldat geboren" (1964) beschrieben. Beide Bücher wurden verfilmt, das Erste als Zweiteiler 1963 und das Zweite 1967.
Bücher und Filme sind über den bekannten Versandhandel im Internet zu beziehen, die Filme sind allerdings nur in russischer Sprache bei der Tube zu sehen.....Живые и мертвые 1, 2 und Возмездие .....

Gruß
Nostalgiker


Aber auf einmal bricht ab der Gesang,
einer zeigt aus dem Fenster, da spazieren sie lang,
die neuen Menschen, der neue Mensch,
der sieht aus, wie er war
außen und unter`m Haar
wie er war ...

_______________
aus; "Nach der Schlacht" - Renft - 1974
Text: Kurt Demmler

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#84

RE: 20 Juli 1944

in Reste des Kalten Krieges in Deutschland 25.07.2012 20:59
von Wolle76 (gelöscht)
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@Eisenringtheo

Wer hoffte das die USA zu diesem Zeitpunkt wieterhin "nuetral" bleiben werde war ein unverbesserlicher Optimist. Vielen war klar das dei USA auf kurz oder lang in den Krieg eintreten würde. Roosevelt tat auch alles dafür.


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#85

RE: 20 Juli 1944

in Reste des Kalten Krieges in Deutschland 26.07.2012 09:02
von damals wars | 12.175 Beiträge

Das einzige was Roosevelt "dazu tat", war, sich gegen den Angriff der Japaner zu wehren.

Ansonsten erklärte der GRÖFAZ der USA den Krieg.

wiki: Nach dem Angriff Japans auf die amerikanische Pazifikflotte in Pearl Harbor am 7. Dezember 1941 und den am 11. Dezember erfolgten Kriegserklärungen Deutschlands und Italiens befand sich das Land auch offiziell im Kriegszustand mit den Achsenmächten.


Als Gott den Menschen erschuf, war er bereits müde; das erklärt manches.(Mark Twain)
Ein demokratischer Rechtsstaat braucht Richter, keine Henker. Interview auf der Kundgebung Je suis Charlie am 11.01.2015
"Hass hat keinen Glauben, keine Rasse oder Religion, er ist giftig." der Witwer der britische Labour-Abgeordnete Jo Cox.
http://www.neo-magazin-royale.de/zdi/art...fur-frauke.html
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#86

RE: 20 Juli 1944

in Reste des Kalten Krieges in Deutschland 26.07.2012 17:03
von Wolle76 (gelöscht)
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Roosevelt hat die japaner solange auch wirtschaftlich in die Enge getrieben bis sie endlich den USA den Krieg erklärten.
Dann kommt lent and lease hinzu, die panamerikanische neutralitätszone, Begleitung britischer konvois durch US Zerstörer und korvetten, Angriffe amerikanischer Kriegsschiffe auf deutsche U-Boote.

Siehe dazu auch der Fall "USS Reuben James". UND das alles vor dem offiziellen Kriegseintritt der USA.
Roosevelt wollte den Krieg, das amerikanische Volk aber nicht, es hatte vom 1.Wk noch den Kanal voll.
Also mußte er dafür sorgen das die USA angegriffen wird.


zuletzt bearbeitet 26.07.2012 22:38 | nach oben springen

#87

RE: 20 Juli 1944

in Reste des Kalten Krieges in Deutschland 26.07.2012 20:24
von Zermatt | 5.293 Beiträge

Zitat von Wolle76 im Beitrag #82
Um mal wieder zum Ursprung von @Zermatt zurück zu kommen.

Ob der Krieg eher ausgewesen wäre ? Glaube ich kaum, den Allierten war es egal ob der Mann in Berlin Hitler heißt oder Staufenberg etc. Sie verlangten bedingungslose Kapitulation. Das wäre nicht in Frage gekommen da die "Wiederständler" immer noch Deutschnational waren.
Auch abgesehen davon das das Ostheer tief in Rußland stand und dort hätte stehen bleiben müssen bzw in Gefangenschaft geraten wäre.

Aber nehmen wir mal an, der Krieg wäre kurz darauf beendet worden:

Tausende Menschen wären noch am Leben,
viele Europäische (vorallem deutsche) Städte wären nicht zerstört worden.
Hätte es dann 2 deutsche Staaten gegeben ? Würde es dieses Forum geben ?


Danke......ich wollte es noch mal erwähnen.....bleibt bitte näher beim Thema-siehe erster Beitrag.



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#88

RE: 20 Juli 1944

in Reste des Kalten Krieges in Deutschland 26.07.2012 23:36
von Wanderer zwischen 2 Welten | 2.340 Beiträge

Zitat von Rostocker im Beitrag #72
Zitat von Wanderer zwischen 2 Welten im Beitrag #71
Zitat von damals wars im Beitrag #64
Zitat von Wanderer zwischen 2 Welten im Beitrag #62
[

Es ist historisch bewiesen das die Sowjets viele Lager und Gefaengnisse der Nazis weiterbenutzt haben .


Anders gefragt: Hätten sie neue bauen sollen?

Und was haben die anderen Siegermächte weiterbenutzt?





Und genau deshalb habe ich erhebliche Schwierigkeiten Kommunisten als ernsthafte Widerstandskaempfer anzuerkennen. Denn waeren die Kommunisten anstelle der Nazis 1933 an die Macht gekommen oder waere es ihnen gelungen die Nazis zwischen 1933 - 45 zu entmachten, ein Blick auf die Sowjet Union zeigt uns das die Kommunistenmehr oder weniger das Gleiche getan haetten wie die Nazis.
Wanderer,dann lege doch mal,dafür Fakten auf den Tisch.Oder sind im damaligen Ostblock KZ,s wie Ausschwitz entstanden,oder ist ein Weltkrieg von Seiten der kommunistischen Länder entfesselt worden.Aber noch eine Frage.Wer waren denn in Deinen Sinne die ernsthaften Widerstandskämpfer? Doch nicht etwa die Nazis selber.Wie schon gesagt,es ist schon Uthopie--Deinen Ausführungen zu folgen.



Zum Beispiel die Gulags. In diesen Lagern starben viel mehr Leute als in den Nazi-KZs. Der 2. Weltkrieg ist durch Grenzkonflikte / Gebietsansprueche zwischen Deutschland und Polen ausgebrochen. Die Sowjets haben auf Kosten der polnischen Buerger hier den Nazis sogar in die Haende gespielt.
Dann war da noch der Sowjetische militaerische Ueberfall auf Afghanistan. Zwar kein Weltkrieg, aber der Konflikt haette sich ausweiten koennen.
Ernhafte Widerstandskaemper sind diejenigen diejenigen die nicht ein totalitaeres Regime mit einem anderen genauso totalitaeren Regime ersetzen wollten..


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#89

RE: 20 Juli 1944

in Reste des Kalten Krieges in Deutschland 26.07.2012 23:42
von Wanderer zwischen 2 Welten | 2.340 Beiträge

Zitat von Nostalgiker im Beitrag #83
@Stutz,

ohne das wir jetzt völlig vom Thema abkommen hier mal kurz eine stichpunktartige Auflistung:

Ausgangslage der SU:
- Überfall kam unerwartet
- wiegte sich durch den Nichtangriffspakt in Sicherheit

Gruß
Nostalgiker


Einen Nichangriffspakt den die Sowjets auf Kosten Polens mit dem "faschistischen Erzfeind" Deutschland vereinbart haben. Hitler hatte kein Interesse diesen Pakt einzuhalten, und Stalin genausowenig. Die Sowjets hatten nur das Pech das Deutschland zuerst den Vertrag gebrochen hat.


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#90

RE: 20 Juli 1944

in Reste des Kalten Krieges in Deutschland 20.07.2013 11:12
von WernerHolt (gelöscht)
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auch heute ist es wieder soweit.es jährt sich zum 69.mal das attentat auf hitler.aus diesen anlass werden heute abend 18 uhr 500 rekruten der bw vor dem reichsstag ihr gelöbnis ablegen.

info BMVg ----> http://www.bmvg.de/portal/a/bmvg/!ut/p/c...dXmEI4fgF5oLYc/

veranstaltungsprogramm ------> http://www.stiftung-20-juli-1944.de/vera...s-20-juli-1944/


zuletzt bearbeitet 20.07.2013 11:14 | nach oben springen

#91

RE: 20 Juli 1944

in Reste des Kalten Krieges in Deutschland 20.07.2013 11:36
von turtle | 6.961 Beiträge

Das Attentat vom 20.Juli war ein Umsturzversuch des militärischen Widerstandes. Für mich zählen sie mit zur großen Gruppe der Widerstandskämpfer mit Kommunisten, Sozialisten oder aus welchen Reihen immer.
Sie bezahlten einen hohen Preis. Wir sollten ihnen gedenken.


seaman, eisenringtheo, thomas 48 und ABV haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#92

RE: 20 Juli 1944

in Reste des Kalten Krieges in Deutschland 20.07.2013 12:28
von Gelöschtes Mitglied
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Zitat von Wanderer zwischen 2 Welten im Beitrag #88
Zitat von Rostocker im Beitrag #72
Zitat von Wanderer zwischen 2 Welten im Beitrag #71
Zitat von damals wars im Beitrag #64
Zitat von Wanderer zwischen 2 Welten im Beitrag #62
[

Es ist historisch bewiesen das die Sowjets viele Lager und Gefaengnisse der Nazis weiterbenutzt haben .


Anders gefragt: Hätten sie neue bauen sollen?

Und was haben die anderen Siegermächte weiterbenutzt?





Und genau deshalb habe ich erhebliche Schwierigkeiten Kommunisten als ernsthafte Widerstandskaempfer anzuerkennen. Denn waeren die Kommunisten anstelle der Nazis 1933 an die Macht gekommen oder waere es ihnen gelungen die Nazis zwischen 1933 - 45 zu entmachten, ein Blick auf die Sowjet Union zeigt uns das die Kommunistenmehr oder weniger das Gleiche getan haetten wie die Nazis.
Wanderer,dann lege doch mal,dafür Fakten auf den Tisch.Oder sind im damaligen Ostblock KZ,s wie Ausschwitz entstanden,oder ist ein Weltkrieg von Seiten der kommunistischen Länder entfesselt worden.Aber noch eine Frage.Wer waren denn in Deinen Sinne die ernsthaften Widerstandskämpfer? Doch nicht etwa die Nazis selber.Wie schon gesagt,es ist schon Uthopie--Deinen Ausführungen zu folgen.



Zum Beispiel die Gulags. In diesen Lagern starben viel mehr Leute als in den Nazi-KZs. Der 2. Weltkrieg ist durch Grenzkonflikte / Gebietsansprueche zwischen Deutschland und Polen ausgebrochen. Die Sowjets haben auf Kosten der polnischen Buerger hier den Nazis sogar in die Haende gespielt.
Dann war da noch der Sowjetische militaerische Ueberfall auf Afghanistan. Zwar kein Weltkrieg, aber der Konflikt haette sich ausweiten koennen.
Ernhafte Widerstandskaemper sind diejenigen diejenigen die nicht ein totalitaeres Regime mit einem anderen genauso totalitaeren Regime ersetzen wollten..


Ich weiß nicht woher Du diese Erkenntnis hast - allein der Shoa fielen 5,6 bis 6,3 Millionen jüdische Menschen zum Opfer. Die antifaschistischen Widerstandskämpfer sind dabei nicht berücksichtigt.

Vierkrug


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#93

RE: 20 Juli 1944

in Reste des Kalten Krieges in Deutschland 20.07.2013 12:37
von eisenringtheo | 9.174 Beiträge

Nicht nur in der Bundesrepublik Deutschland, sondern auch in der Deutschen Demokratischen Republik gab es eine sehr selektive Darstellung des Widerstands, in der DDR mit Betonung auf die Kommunisten. Hier ein Vortrag des DDR Historikers Kurt Finker aus dem Jahre 1990.
http://www.20-juli-44.de/pdf/1990_finker.pdf
(Das ist der Autor dieses in der DDR erschienen Werkes: http://d-nb.info/456618821)
Es gab unter den deutschen Militärstrategen die gefestigte Meinung, dass ein Mehrfrontenkrieg nicht zu gewinnen ist, weil so die Front zu lange und die Mittel zu beschränkt sind. Um erfolgreich zu sein, müssen die Gegner nacheinander angegriffen und besiegt werden. Deshalb wurde bekanntlich mit der SU ein Nichtangriffspakt geschlossen. Obschon England nicht besiegt werden konnte, wurde der Angriff gegen Russland ausgelöst. Von diesem Moment gab es viele Skeptiker bei den Offizieren, die zwar den Angriff auf die SU befürworteten, aber es sollte im Westen ein Waffenstillstand erzielt werden, um die personellen und materiellen Mittel im Osten zu konzentrieren. Nach dem Eintritt der USA in den Krieg und nach den Verlusten im Osten wurden die Kritiker immer mehr. Bei der Würdigung des 20. Juli 1944 sollte man sich auch die Frage stellen, wie es bei einem Erfolg weitergegangen wäre. Sofern die neue Regierung im Westen einen Waffenstillstand erzielt oder gar Bündnispartner gegen die SU gefunden hätte, müsste man den Aufstand in einem ganz anderen Licht sehen. In diesem Licht sahen den Aufstand natürlich die SU und ihre Bündnispartner und haben Stauffenberg nicht besonders gefeiert, sondern die Erinnerung und die Literatur zu ihm in den hintersten und verstaubtesten Regalen der staatlichen Bibliotheken parkiert.
Theo


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#94

RE: 20 Juli 1944

in Reste des Kalten Krieges in Deutschland 04.08.2013 11:16
von Lebensläufer | 1.235 Beiträge

Es ist zwar schon eine Weile her dieser Jahrestag aber ich dachte, stell die Geschichte trotzdem ein.

Aus dem Buch Belastet – Meine Eltern im dritten Reich / Gespräche mit den Kindern von Tätern, von Gerald Posner / Deutsch von Manfred Schmitz / Verlag Das Neue Berlin 1994 aus dem Kapitel 8 / Erzählung in 6 Teilen.

Operation Walküre

Einen Putsch gegen die Naziführung hatte der deutsche Widerstand für den März 1943 geplant. Einzelheiten der Revolte waren von zwei deutschen Generalen festgelegt worden: Nach Hitlers Ermordung sollte die Wehrmacht bereitstehen, um den Widerstand der Nazis zu brechen, die Regierungsgewalt zu übernehmen und einen Friedensvertrag mit den Alliierten zu schließen. Entscheidend war jedoch Hitlers Tod – keine leichte Aufgabe. Umgeben von einer Eliteleibwache der SS, änderte Hitler unentwegt seinen Zeitplan, um jede denkbare Falle zu meiden. Seit 1942 hatte man ihn nicht öffentlich gesehen, und nur die vertrautesten höchsten Offiziere hatten Zugang zu ihm. Selbst seine übergroße Mütze war mit dreieinhalb Pfund Stahlplatten ausgekleidet.

Die Verschwörer entschlössen sich, im Flugzeug des Führers eine Bombe zu legen. Der Vorteil bestand darin, dass die Explosion wie ein Unfall aussehen würde, so das es kein Aufbegehren von Seiten der starren Hitleranhänger geben dürfte. Die Entscheidung war perfekt, nachdem die Verschwörer mehrere neuartige britische Bomben erstanden hatten. Eine benutzte man 1942 zur Ermordung Reinhard Heydrichs, des für die Endlösung zuständigen SS – Offiziers. Die englischen Sprengkörper galten als den deutschen überlegen, weil sie nach dem Entsichern keinen Pfeiflaut von sich gaben.

Zwei Sprengstoffpakete wurden als Weinbrandflaschen getarnt, und ein unverdächtiger Oberst nahm sie am 13. März 1943 mit an Bord des Führerflugzeuges. Als man dem Oberst die Bombe überreichte, griff ein Verschwörer in das kleine Paket und löste den Zeitmechanismus aus. Das war keine Uhr. Zu der raffinierten Konstruktion gehörte ein Fläschchen, das beim Zerbrechen eine Chemikalie freisetzte, die einen Draht durchfraß, was wiederum die entscheidende Feder der Zündkapsel entspannte. Die Explosion erwartete man eine halbe Stunde nach dem Start. Nach zwei Stunden vernahmen die verdutzten Verschwörer, dass Hitler sicher in Rastenburg gelandet sei. Die Bombe wurde nicht entdeckt, und zwei Tage später gelang es einem der Aufrührer unter hohem persönlichen Risiko, sie sicherzustellen. Der Draht hatte sich aufgelöst, doch war der Zünder nicht aktiviert worden. Die Verschwörer fürchteten, Himmlers SS sei ihnen auf der Spur und könnte die Bemühungen vieler Jahre zunichte machen; sie änderten unverzüglich alle Pläne, um ein neues Attentat auf Hitler vorzubereiten. Acht Tage darauf, als Hitler, Göring und Himmler an einer Feierstunde für deutsche Kriegshelden teilnahmen, bot sich die Gelegenheit. Nach einer Ansprache sollte Hitler eine halbe Stunde lang erbeutete russische Kriegstrophäen besichtigen. Ein am Komplott beteiligter Oberst hatte sich zu einer selbstmörderischen Aktion verpflichtet: Er plante, zwei Bomben unter seinem Mantel zu verstecken und sich dann dicht an den Führer zu halten, bis sie explodierten. Der Zündmechanismus der Bomben war auf zehn Minuten eingestellt, doch in Folge der an jenem Tag herrschenden Kälte brauchte die Flüssigkeit fünfzehn bis zwanzig Minuten, um den Draht durchzufressen.
Im letzten Augenblick änderte Hitler seine Pläne und beschränkte sich auf eine achtminütige Besichtigung. Die Bomben konnten nicht scharf gemacht werden.

1943 gab es noch drei „ Mantelaktionen“, und jede scheiterte auf ähnliche Weise. Bei drei weiteren Gelegenheiten versuchte man vergeblich, in Stabsbesprechungen Bombenanschläge auf den Führer zu übernehmen. Stets änderte Hitler in den letzten Minuten seinen Zeitplan. Im späten 1943 befand sich die Verschwörung in der Defensive; mehrere Rebellen aus dem inneren Kreis wurden von der Gestapo verhaftet. Zwei prominente Feldmarschälle, die der Widerstand hofiert hatte, versicherten Hitler ihre Treue und Ergebenheit und trugen so zur weiteren Demoralisierung der Bewegung bei. Die Verschwörer hatten viel von ihrer Hingabe und Beherztheit eingebüßt. Sie schienen desorganisiert und unfähig, einen weiteren, erfolgreichen Versuch zu unternehmen, den Makel des Nationalsozialismus zu tilgen. Im Herbst 1943 sollte ein Mann beinahe im Alleingang diese trostlose Situation verändern: Oberst Claus Graf Schenk von Stauffenberg. Als erstaunlich begabter sechsunddreißigjähriger Wehrmachtsoffizier setzte er seine dynamische Persönlichkeit, seinen Scharfsinn und sein bemerkenswertes Organisationstalent ein, um die Anti – Hitler – Bewegung zu neuem Leben zu erwecken. Nicht nur, das er den nachlassenden Bemühungen zur Eliminierung des Führers neue Kraft verlieh, er war es auch, der noch vor Ablauf eines Jahres den eigentlichen Tötungsversuch unternahm. Zu Recht steht sein Name heute symbolisch für die Anti- Hitler- Bewegung.
Stauffenberg hatte fünf Kinder. Franz Ludwig Schenk, geboren am 4. Mai 1938 , war das dritte. Wie seine Geschwister und sein Vater trägt er den Grafentitel. Mit vierunddreißig Jahren wählte man ihn in den Bundestag, heute ist er Abgeordneter des Europäischen Parlaments und Vorsitzender von dessen Rechtsausschuß. Er erinnert sich genau an die Ereignisse während des Krieges und hat sich eingehend mit der Rolle seines Vaters in der Anti. Hitler- Bewegung beschäftigt. Analysiert hat er auch seine eigenen Gefühle als Sohn eines deutschen Offizier, der seine Berühmtheit nicht durch das erwarb, was er für das Dritte Reich tat, sondern damit, was er tat, um ihm ein Ende zu bereiten. Seine Erfahrungen stehen in deutlichem Gegensatz zu denen der Kinder von Vätern, deren Laufbahn sich auf die Treue zum Führer gründete.

Claus Philipp Schenk von Stauffenberg wurde am 15. November 1907 als jüngster dreier Söhne einer der ältesten und vornehmsten süddeutschen Familien geboren. Durch seine Mutter, Gräfin von Uxküll- Gyllenband, war er ein Urenkel Neithardts von Gneisenau, eines der Helden des napoleonischen Befreiungskrieges und Mitbegründer des preußischen Generalstabs. Über sie bestehen auch verwandtschaftliche Beziehungen zu Yorck von Wartenberg, einem weiteren gefeierten General aus der Ära Bonapartes. Claus Vater war beim letzten württembergischen König Oberhofmarschall gewesen. Die Familie gilt als zutiefst katholisch und höchst gebildet.

Stauffenberg wuchs in einem großen, mit Türmen verzierten Renaissanceschloß auf, einem traditionsreichen gräflichen und herzoglichen Sitz. Von auffallend schönen Äußeren und guter Statur, tat er sich sowohl in akademischen als auch in sportlichen Disziplinen hervor. Er entwickelte eine Leidenschaft für Pferde, die ihn für einen Platz in der Olympiamannschaft qualifizierte. Er bewies einen ebenso wissbegierigen wie klugen auf Kunst und Literatur gerichteten Geist und sprach fließend Griechisch und Latein.
„Mein Vater wuchs in einer Umgebung auf, die stets von humanistisch –liberalem Gedankengut geprägt war“, sagt Franz Ludwig. „ Ich meine nicht liberal im amerikanischen, sondern im kontinentaleuropäischen Sinne. Es war das Stuttgarter Umfeld mit vielen Professoren und Literaten, mit Philosophen und so weiter. Sie bot meinem Vater eine ganz besondere Mischung, die, glaube ich, ziemlich wichtig für sein Denken und auch für sein Verhältnis zur katholischen Kirche war.

Es stimmt wirklich, dass mein Vater von Stefan George beeinflusst war. Er war sehr stark von ihm beeinflusst, und das bildete einen ganz wichtigen Teil seines Lebens. In seine frühen Erfahrungen des Erwachsenwerden gingen Georges Werke ein. Ich denke aber auch, dass das Ausmaß des Einflusses Georges in vielen Berichten über meinen Vater übertrieben wird. Er bildete einen ganz bedeutsamen Bestandteil seines Lebens, ist aber nicht die Erklärung für sein gesamtes Tun. Er bedeutete nicht den hauptsächlichen, sondern lediglich einen wichtigen Einfluß in seinem Leben.“
Eine Weile lang dachte der junge Stauffenberg an eine musikalische Laufbahn, dann interessierte er sich für Architektur; doch 1926, im Alter von neunzehn Jahren meldete er sich zu den Offizierskadetten beim berühmten Bamberger Kavallerie- Regiment 17.

In den hektischen Jahren des wirtschaftlichen Chaos in Deutschland und des Aufstieges der Nazis zur Macht blieb Stauffenberg ein unpolitischer Offizier. Im Jahre 1930 begegnete er der siebzehnjährigen, einem alten bayrischen Adelsgeschlecht entstammenden Nina von Lerchenfeld. Nach dreijähriger Verlobung heirateten sie. „ Es steht völlig außer Zweifel, dass sie eine sehr gute Ehe führten“ sagt Franz Ludwig. „ Auch sie kam aus einer angesehenen Familie, mit ähnlichen Bindungen und familiären Hintergrund wie mein Vater. Nur eins: Mein Vater war katholisch, meine Mutter lutheranisch. Andererseits war auch die Mutter meines Vaters bereits lutheranisch, so das ihm das nicht völlig fremd oder unbekannt vorkommen musste. Die Kinder wurden im katholischen Glauben erzogen. In Familien wie der meinen galt das als Tradition.
Die Religion folgte der väterlichen Seite, dem Namen, der Familientradition.“

Im Jahre 1936, als Stauffenberg an die Heeresschule in Berlin abkommandiert wurde, hatten er und seine Frau bereits eine Familie gegründet; ihr erster Sohn wurde 1934 geboren. In Berlin erregte Stauffenbergs umfassende Bildung die Aufmerksamkeit hochrangiger deutscher Offiziere, und so sah man ihn zwei Jahre später, im Alter von neunundzwanzig Jahren, als Offizier beim Oberkommando. Er war ein treuer Patriot und, mit Franz Ludwigs Worten, „ im Grunde ein Monarchist. Er war nicht dogmatisch. In der Monarchie sah er einen besseren Verfassungstyp als den der Weimarer Republik.

Lebensläufer


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#95

RE: 20 Juli 1944

in Reste des Kalten Krieges in Deutschland 04.08.2013 11:33
von Pit 59 | 10.149 Beiträge

Ich Lese keine Bücher


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#96

RE: 20 Juli 1944

in Reste des Kalten Krieges in Deutschland 04.08.2013 12:09
von Lebensläufer | 1.235 Beiträge

"Ich Lese keine Bücher "...so Pit.

Der Rainer mein Freund ist das ganze Gegenteil, der liest eigentlich viel zu viel und deswegen Pit lässt er gerne auch mal Andere dran teilhaben.Ich weiß, lesen ist anstrengend aber versuch es mal, ich sage dir, es wird dich erleuchten...oder wars Heimleuchten?
In dem Sinne lies, lesen kann einfach keinen Schaden anrichten, ganz im Gegenteil. Selbst der simpelste Westernroman wird die ein Gefühl verschaffen, als wäre es gerade "Zwölf Uhr Mittags"

Lebensläufer...bei dem gerade die Kirchenglocken läuten...zu 12 Uhr Mittags


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#97

RE: 20 Juli 1944

in Reste des Kalten Krieges in Deutschland 05.08.2013 08:47
von Lebensläufer | 1.235 Beiträge

Operation Walküre , der Erzählung 2. Teil

Er war nicht von Anfang an Hitler verfallen, obwohl ich so etwas gedruckt gesehen habe. Es würde mir aber auch keine großen Probleme bereiten, wenn es so gewesen wäre. Für ihn als jungen Mann wäre es völlig ehrenhaft gewesen, ziemlich begeisterungsfähig zu sein und dann seine Haltung in dem Maße zu ändern, wie er neue Tatsachen aufnahm, die ihn zu einer neuen Schlussfolgerung führten. Aber es war wirklich nicht so. Mein Vater war nicht von Anfang an ein eindeutiger Gegner, doch genauso wenig war er ein Jünger oder ein Gefolgsmann. Das passte nicht zum Charakter meines Vaters. Nicht zu seiner Persönlichkeit. Solches über meinen Vater zu berichten, wäre einfach unwahr.“

Franz Ludwig hat recht. Seinen Vater konnte man Mitte der dreißiger Jahre zwar nicht als Gegner des Nationalsozialismus bezeichnen, doch ganz gewiß auch nicht als sklavischen Hitler- Anhänger.
Erste Zweifel über die Programme der Nazis kamen Stauffenberg während der bösartigen Kampagnen gegen die Juden im Jahre 1938, als Franz Ludwig geboren wurde. Doch als im September 1939 der Krieg begann, erfüllte Stauffenberg bereits seine Pflicht. Er tat es mit der ihm eigenen Energie und Begabung und erwarb sich als Offizier der Sechsten Panzerdivision sowohl beim Polen- als auch beim Frankreichfeldzug einen guten Namen. Anfang Juni 1941, kurz vor dem Sturm auf Dünkirchen, wurde er zum Oberkommando des Heeres versetzt. Und in den ersten eineinhalb Jahren der Operation Barbarossa, der Feldzüge gegen die Sowjetunion, brachte er die meiste Zeit auf sowjetischen Territorium zu. Dort wurde er selber Augenzeuge der Brutalität der SS. Sein Dienst in Russland raubte ihm alle Illusionen über das Dritte Reich.

Während seines Frontdienstes nahm Stauffenberg zu den wichtigsten Feiertagen Urlaub, vor allem zu Weihnachten. Franz Ludwigs erste Erinnerungen an seinen Vater gehen auf diese kurzen Besuche bei der Familie zurück. Damals, 1941, war er drei Jahre alt. „ Ich erinnere mich recht gut an meinen Vater, den es herrschte Krieg, und es war stets ein ganz wichtiges und besonderes Ereignis, wenn er zu einem Kurzurlaub oder zu Weihnachten nach Hause kam. Meine frühesten Erinnerungen reichen bis Wuppertal zurück, wo die Familie bis 1942 lebte. Eine Familie floh von dort, als die Gefahr von Bombenangriffen real wurde.

1942 gelangte die Gegend in die Reichweite britischer Bomber, und da man in Süddeutschland sicherer lebte, zogen wir in das Haus meiner Großmutter ( väterlicherseits). Es sah schön aus, war zwar kein besonderer herrschaftlicher Sitz, aber immerhin der erste Ort, den ich für mein Zuhause hielt .Ich habe sehr angenehme Erinnerungen an ihn, und ich fühle mich diesem Ort mehr verbunden als allen anderen Orten meiner Kindheit.
Nach dem Krieg blieben wir dort bis 1953. Die Zusammenkünfte im Haus meiner Großmutter waren ziemlich große Familienereignisse. Wir liebten den Vater über alles. Er war unsere Meinung nach die Hauptperson in unsere Familie, den es war stets eine seltene Gelegenheit, so etwas wie ein Festtag, wenn er kam, und soweit ich mich erinnere, schenkte er seinen Kindern recht viel Aufmerksamkeit- er ging mit uns spazieren oder spielte mit uns auf einem Spielplatz, erklärte uns verschiedene Spiele und dergleichen. Ich habe aus jener Zeit sehr schöne Erinnerungen an meinen Vater.“

Stauffenbergs Besuche bei seiner Familie bildeten eine willkommene Ablenkung von der sich verschlechterten Lage an der russischen Front. Die unnötige Katastrophe bei Stalingrad im Februar 1943 nahm Stauffenberg noch mehr gegen Hitlers Strategie ein. Sobald die Schlacht um Stalingrad beendet war, suchte er um Versetzung an eine andere Front nach, und so schickte man ihn zur Zehnten Panzerdivision nach Tunesien, gerade noch rechtzeitig, um die letzten Tage des erbitterten Kampfs um den Kasserine- Paß mitzuerleben.

Am 7. April 1943 fuhr sein Auto in ein Minenfeld und er wurde schwer verwundet. Er verlor sein linkes Auge und erlitt Verletzungen am linken Ohr und am Knie. Auch verlor er die rechte Hand, und die Chirurgen mussten überdies einen Teil des rechten Arms sowie den Ringfinger und den kleinen Finger der linken Hand amputieren. Die Ärzte bezweifelten, das er überleben würde. Und wenn doch, meinten sie, würde er sein Augenlicht nicht wiedererlangen. „ Ich erinnere mich noch sehr gut an ihn mit seiner Verwundung, mit seiner Augenklappe und seinem Armstumpf, und die beiden Finger an der anderen Hand fehlten auch; ich weiß noch ziemlich genau, wie energisch er protestierte, wenn ihm jemand mit seinen Bandagen und Verbänden behilflich sein wollte“, sagt Franz Ludwig. „ Sehr lange musste er im Krankenhaus bleiben. Aber im Frühjahr 1943 kehrte er zur Genesung zu uns zurück. Die meiste Zeit hatte er in einem Wehrmachtshospital in München zugebracht, und es war ihm lange sehr schlecht gegangen.

In jener Zeit knüpfte er seine wichtigsten Kontakte zu den Leuten, die den Putsch vorbereiteten. Als er eingewilligt hatte, Stabsaufgaben in Berlin zu erledigen, wurde er für sie wichtig.
Was die Verwundung meines Vaters anbelangte, so war ich zu jung ( fünf Jahre), um mir klarzumachen, wie es wirklich um ihn stand. Wir wussten, er war schwer verwundet und befand sich im Krankenhaus, aber ich erfuhr erst viel später, wie ernst, wie lebensbedrohlich sein Zustand wirklich war. Damals wussten wir das nicht. Wir nahmen an, das er eines Tages zurückkommen würde, und so warteten wir auf ihn. Niemand von uns, weder meine älteren Geschwister noch ich, besuchten den Vater je im Lazarett. Zumal es weit entfernt lag.

Das Wiedersehen mit meinem Vater in der Familie war nur während seiner Genesung Ende 1943 von längerer Dauer. Das heißt, im Spätsommer 1943. Das war eine schöne Erholungszeit. Ich erinnere mich, er kam Weihnachten 43 zu uns, als wir uns in Bamberg aufhielten. Er überraschte uns am Heiligabend mit seinem Kommen. Mutter wusste es schon, aber wir nicht, und es gab eine große Aufregung und Freude, an die ich mich noch recht gut erinnere.“
Jeder Andere, der seinen Verwundungen um ein Haar erlegen gewesen wäre, hätte sich wahrscheinlich vom Militär und von der Verschwörung zurückgezogen. Nicht so Stauffenberg. Im Hochsommer schrieb er, nachdem er mit den drei Fingern seiner bandagierten linken Hand unermüdlich geübt hatte, Briefe an seine Vorgesetzten, in dene er sie über seine Absicht in Kenntnis setzte, sich binnen dreier Monate wieder seinen dienstlichen Obliegenheiten zu widmen. Im Sommer gestand er seiner Frau auch im Vertrauen, dass er sich verpflichtet fühle, etwas zur Rettung Deutschlands zu unternehmen.
„ Wir Offiziere des Generalstabs müssen alle unseren Teil Verantwortung auf uns nehmen“, erzählte er ihr.

Im Oktober 1943 befand sich Stauffenberg als Oberstleutnant und Stabschef unter General Friedrich Olbricht wieder in Berlin beim Allgemeinen Heeresamt. Mit seiner schwarzen Augenklappe war der hochdekorierte, über einsachtzig große Stauffenberg inzwischen im Berliner Oberkommando zu einem legendären Soldaten geworden. Während er sich in seine neuen Aufgaben fand, erlangte er ebenso rasch politischen Einfluss auf die entmutigten Verschwörer. Er forderte, das die neue Regierung aus einem Antinazi- Kabinett bestehen müsse, und empfahl eine Reihe potenzieller Führer. Aus der Erkenntnis heraus, dass die Verschwörung junge Männer aus dem Militär brauchte, die bereit wären, ihre Kommandos zu mobilisieren, gewann er einige der wichtigsten deutschen Offiziere für die Unterstützung des bevorstehenden Putsches.

Anfang 1944 ließ ein ranghoher Offizier wissen, dass er den Verschwörern zur Verfügung stehe: Feldmarschall Erwin Rommel, der gefeierte „ Wüstenfuchs“. Stauffenberg und viele andere Verschwörer misstrauten Rommel und betrachteten ihn als Nazi, der sich nur deshalb von Hitler abwandte, weil der Krieg verloren war. Welche Motivation Rommel auch haben mochte, in einem wichtigen Punkt unterschied er sich von den Verschwörern. Er wandte sich gegen eine Ermordung Hitlers, weil er glaubte, das würde aus diesem einen Märtyrer machen. Statt dessen meinte er, Hitler solle wegen seiner Verbrechen vor ein deutsches Gericht gestellt werden, während gleichzeitig ein Separatfrieden mit dem Westen abgeschlossen und der Krieg gegen die Russen fortgesetzt werden sollte.

Stauffenberg und viele seiner Freunde erkannte jedoch, dass der Westen einen Separatfrieden nie akzeptieren würde. Als sich die Kriegslage verschlechterte, beschleunigten sie ihre Pläne zur Beseitigung Hitlers und zur Übernahme der Regierungsgewalt. Die neue Aktion trug den Decknamen Walküre, nach den lieblichen Jungfrauen in der germanischen Mythologie, die über die Schlachtfelder reiten und die sterbenden Krieger nach Walhall geleiten. Bei diesem Attentat sollte Hitler sterben.

Im Juni 1944 wurden Stauffenberg und eine Reihe seiner Kameraden von der erfolgreichen Landung der Alliierten an den Stränden der Normandie überrascht. Einige Verschwörer meinten, man solle die Attentatspläne aufgeben, da das Ende unaufhaltbar sei. Sie wollten nicht die Schuld für Deutschlands Niederlage tragen. Doch in hitzigen Debatten überzeugte Stauffenberg die Umstürzler davon, dass es darauf ankomme, Hitler zu töten, um das sinnlose Blutvergießen zu beenden und der Welt zu beweisen, dass die Männer des deutschen Widerstandes ungeachtet unglaublicher persönlicher Erfahrungen den entscheidenden Schritt gegen den Nazidiktatur wagten.

Im Juli wurde Stauffenberg beim Befehlshaber des Ersatzheeres zum Oberst befördert. Das bedeutete eine glückliche Fügung für die Verschwörer, den es brachte ihm häufigen persönlichen Kontakt mit Hitler. Stauffenberg galt nun als der entscheidende Mann des Komplotts. Jede Erfolgschance beruhte nun auf seinem Geschick, Hitler zu töten. Diese neue Aufgabe ging er mit dem selben Eifer und derselben Entschlossenheit an, die seine gesamte Laufbahn gekennzeichnet hatten. Er übte das Scharfmachen der Bomben englischer Herkunft mit seinen drei ihm verbliebenen Fingern.
Während dieser hektischen Vorbereitung zum letzen Sturm auf die Nazimaschinerie traf Stauffenberg zum letzten Mal mit seiner Familie zusammen.
„ Ich erinnere mich deutlich an eine Wochenendfahrt zu einem alten Großonkel in der Nähe von Bamberg. Es muß um Pfingsten gewesen sein, vielleicht etwas früher. Er hatte Kurzurlaub genommen und wir konnten diese verlängerte Wochenendfahrt unternehmen.. Autos sah man in dieser Zeit recht selten, also musste man mit dem Zug fahren und anschließend bergauf mit einem kleinen Pferdewagen. Es war eine ziemlich lange Expedition, und ich erinnere mich, dass er bei uns war. Es muß das letzte Mal gewesen sein,“

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#98

RE: 20 Juli 1944

in Reste des Kalten Krieges in Deutschland 06.08.2013 08:01
von Lebensläufer | 1.235 Beiträge

Operation Walküre, der Erzählung 3. Teil

Am 11. Juli brachte Stauffenberg eine Bombe mit nach Berchtesgaden, und obwohl er sich eine halbe Stunde mit Hitler und Göring aufhielt, zündete er die Bombe nicht, weil Himmler fehlte. Die Verschwörer hatten beschlossen, es sei am besten, man tötete die drei führenden Nazis auf einen Schlag. Eine zweite Gelegenheit ergab sich am 15. Juli, diesmal in Rautenburg. Himmler und Göring waren nicht anwesend. Stauffenberg verließ den Raum und rief seine Mitverschwörer in Berlin an, um ihnen mitzuteilen, das er die Bombe, obwohl nur Hitler anwesend sei, auf jeden Fall legen wolle.. Als er in das Konferenzzimmer zurückkehrte, war Hitler bereits gegangen.

Am 20. Juli sollte Stauffenberg erneut Hitler begegnen, und zwar wieder in der Wolfsschanze, dem ostpreußischen Hauptquartier. Diesmal waren die Putschisten entschlossen, Hitler zu töten, einerlei, wer noch an der Beratung teilnehmen würde. Anstatt in einem unterirdischen Bunker, wo der umschlossene Raum die Detonationskraft vervielfacht hätte, fand die Beratung in der Gästebaracke statt, deren zehn Fenster wegen des warmen Wetters weit offen standen. Auf dem Weg zur Beratung, den Stauffenberg zusammen mit Feldmarschall Wilhelm Keitel ging, entschuldigte er sich und gab vor, er habe Mütze und Gurt in einem Wartezimmer vergessen. Dort öffnete er mit seinen drei gesunden Fingern geschwind die Aktentasche, zerbrach die Kapsel, die den primitiven Zündmechanismus auslöste, und gesellte sich ruhig zu den wartenden Nazis. In zehn Minuten würde die Bombe hochgehen.

Im Beratungszimmer nahm Stauffenberg seinen Platz nur wenige Schritte rechts von Hitler ein. Er lehnte die Tasche gegen den Fuß des aus Eiche gefertigten Kartentisches. Vier Minuten vor der Detonation verließ Stauffenberg gelassen den Raum unter dem Vorwand, er erwarte einen wichtigen Anruf aus Berlin. Nach seinem Weggang beugte sich ein anderer Offizier über den Tisch, um die Karte besser betrachten zu können. Dabei störte ihn Stauffenbergs Tasche, die er von dem massiven Tischbein weg auf die andere Seite stellte und, ohne es zu wissen, Hitler vor der Hauptwucht der Detonation bewahrte.

Die Bombe explodierte um zwölf Uhr zweiundvierzig. Stauffenberg stand nur wenige hundert Meter entfernt und beobachtete die Szene, als er das Gebäude in einem Meer von Rauch und Flammen aufgehen sah. Trümmer flogen durch die Luft, und Körper wurden aus den Fenstern geschleudert. Für Stauffenberg bestand kein Zweifel, das alle in dem Raum entweder bereits tot waren oder sterben würden.
Zwar wurde unverzüglich Alarm ausgelöst, doch Stauffenberg redete sich an den vier bewaffneten SS- Posten vorbei. Auf dem nahegelegenen Flugfeld bestieg er ein Flugzeug , das mit angelassenem Motor wartete, und begab sich auf die dreistündige Reise nach Berlin. Stauffenberg ahnte nicht, dass Hitler die Explosion überlebt hatte. Ein fallender Balken hatte den Führer am Rücken verletzt, an den Beinen trug er Verbrennungen davon, sein Haar war versengt, sein rechter Arm vorübergehend gelähmt und sein Trommelfell gerissen, aber er war nicht ernsthaft verwundet. Vier Männer starben, und es gab zahlreiche Schwerverletzte. Stauffenberg befand sich in der Luft, und die Verschwörer sahen sich ihres Schwungs und ihrer Führung beraubt. Die Nachricht aus der Wolfsschanze ließ nicht eindeutig erkennen, ob Hitler tot oder noch am Leben war, und deshalb erteilte niemand in Berlin die Walküre- Anweisungen, um mit den militärischen Operationen zur Übernahme der Regierung zu beginnen. Alle warteten untätig auf Stauffenbergs Landung, und als er endlich in Berlin eintraf, musste er bestürzt feststellen, das man die entscheidendsten Stunden versäumt hatte. Nicht einmal den zentralen Rundfunk oder das Telegraphenamt hatte man besetzt. Er rief die Verschwörer zusammen, und noch am selben Tag gelang es ihnen, einige wichtige Gebäude besetzt zu halten und ein paar loyale Nazikräfte in Gewahrsam zu nehmen, doch über die offenen Kommunikationskanäle kam allmählich die Meldung, dass der Führe überlebt habe. .Stauffenberg weigerte sich, es zu glauben. Als sich die Nachricht ausbreitete, zogen sich entscheidende Offiziere, die zuvor gewankt hatten, wieder in das Lager der Hitler- Anhänger zurück. In den Nachrichten wurde auch versichert, das treu zu Hitler stehende Kräfte sich auf einen erbitterten Kampf einstellten.

Um neun Uhr Abends vernahmen die Verschwörer entsetzt die Rundfunkmeldung, Hitler werde in Kürze zur Nation sprechen. Bis elf Uhr hatte sich die bröckelnde Führung der Verschwörer ins Kriegsministerium zurückgezogen, als ein Trupp Nazigetreuer hereinstürmte. In dem entstehenden Handgemenge erhielt Stauffenberg einen Schuß in den ihm verbliebenen Arm. Binnen einer Stunde verkündete sein einstiger Vorgesetzter, General Friedrich Fromm, dass Stauffenberg und drei weitere Männer von einem Standgericht zur sofortigen Hinrichtung verurteilt worden seien
Stauffenberg, dessen Ärmel von dem verwundeten Arm blutdurchdrängt war, wurde auf einen Hinterhof des Ministeriums geführt. Dort beleuchteten die Scheinwerfer eines Wehrmachtsfahrzeuges die Wand, an der sich die Verurteilten zur Erschießung aufstellen mussten. „ Es lebe das geheime Deutschland“ rief Stauffenberg, als er im Alter von sechsunddreißig Jahren tot zu Boden fiel.

„ Natürlich wussten wir Kinder vor dem Putsch überhaupt nichts“, sagt Franz Ludwig. „ Jede derartige Information wäre absolut unverantwortlich und selbstmörderisch gewesen. So hatten wir keine Ahnung, dass etwas geschehen würde. Was geschah, war, dass am nächsten Tag, dem einundzwanzigsten, meine Mutter auf mein Zimmer kam. Es war ein großes dreistöckiges Haus, und unsere Zimmer befanden sich in einer Art Bibliothek, die für uns hergerichtet war. Wir spielten gerade, als meine Mutter eintrat und sagte, sie habe uns etwas Schreckliches zu berichten: Papi ist tot. Daran erinnere ich mich ganz deutlich. Natürlich brauchte ich einige Zeit, bis ich mitbekam, was das eigentlich bedeutete. Man konnte sich zwar unschwer vorstellen, was Totsein bedeutete, aber wir konnten nicht begreifen, das es wirklich Papi war. Meine Mutter weinte nicht. Sie sprach etwas länger mit meinem älteren Bruder, der damals zehn Jahre alt war – natürlich erzählte sie ihm nicht die ganze Wahrheit, aber sie sagte ihm, Vater habe einen schrecklichen Fehler gemacht oder einen Irrtum begangen oder so ähnlich.

Zwei Tage später wurden meine Mutter und mein Großonkel, der gerade bei uns war, nachts, als wir alle schliefen, abgeholt und ins Gefängnis gebracht. Wie erfuhren erst am nächsten Morgen davon, als wir zum Frühstück herunterkamen. Ein paar Tage darauf fuhr meine Tante nach Berlin, um den ältesten Bruder meines Vaters , Berthold, aufzusuchen. Aber daran erinnere ich mich nicht so gut. Stärker eingeprägt hat sich mir, dass man uns ein paar Tage später erzählte, meine Großmutter und ihre Schwester, eine pensionierte Rotkreuzschwester, seien nun auch verhaftet und mitgenommen worden. Wieder bekamen wir nichts von ihren Verhaftungen mit, sondern erfuhren erst davon, als man es uns erzählte.
Sehen sie, es war ein großes Haus und wir waren insgesamt sechs Kinder, wir vier, ein Cousin und eine Cousine, und dann hatte meine Großmutter noch ein Dienstmädchen, das auch für die Küche verantwortlich war, und es gab ein Kindermädchen für den Cousin und die cousine – so spielte sich also viel außerhalb der eigentlichen kleinen Familie ab,

„ Die Stauffenbergs, die zurückgezogen auf ihrem großen Gut in Süddeutschland lebten, ahnten nicht, dass Hitler und Himmler einen brutalen Rachefeldzug eingeleitet hatten, um alle Überreste des Widerstandes auszurotten. Es gab eine wilde Verhaftungswelle, auf die grausame Folterungen, Femegerichte und sadistische Todesurteile folgten, darunter auch das Aufhängen der Opfer an Fleischerhacken. Verwandte und Freunde von Verdächtigen wurden zu Tausenden zusammengetrieben und in Konzentrationslager gebracht. Die Verhaftungen der Stauffenbergs hatten den Beginn der Aufräumaktion in ganz Deutschland bedeutet. Innerhalb von zwei Monaten verhaftete die Gestapo über siebentausend Verdächtige, und „ Volksgerichtshöfe“ verurteilten viertausendneunhundertachtzig Personen zum Tode.

Zu den Hingerichteten gehörte Graf Berthold von Stauffenberg, Claus älterer Bruder. „ An meinen Onkel kann ich mich erinnern“, erzählt Franz Ludwig. „ Ich weiß noch recht gut, wie er aussah. Auf Fotos kann ich immer erkennen, ob er gut getroffen ist oder nicht. Wir sahen ihn an bestimmten Feiertagen. Er war Anwalt und Marinerichter, und deshalb trug er eine Marineuniform, was für uns ziemlich aufregend war.“
Der dritte Stauffenberg- Bruder war Universitätsprofessor für Altertumsgeschichte und über jeden Verdacht erhaben. Dennoch nahm ihn die Gestapo fest, weil er ein Stauffenberg war.
Nachdem zwei der Brüder tot waren und die Erwachsenen der Familie sich im Gefängnis befanden, entschlossen sich die Nazis, gegen die Kinder vorzugehen.

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#99

RE: 20 Juli 1944

in Reste des Kalten Krieges in Deutschland 08.08.2013 19:40
von Lebensläufer | 1.235 Beiträge

Operation Walküre, der Erzählung 4. Teil

„ Genau um diese Zeit, ich weiß nicht mehr recht, ob es vor der Verhaftung meiner Großmutter war, aber ich glaube, ja, kamen zwei Männer zu unserem Haus, und man stellte sie uns vor“, entsinnt sich Franz Ludwig. „ Sie übernahmen den Haushalt. Sie aßen mit uns, gingen mit uns spazieren. Sie gehörten zur Gestapo. Einer war ein Schwergewicht, ziemlich groß und kräftig, ich glaube, er war der Chef. Und der andere war recht klein und schmal. In diesem Alter, denke ich, nimmt ein Kind eine Menge war und erinnert sich an ziemlich viel, aber ein Kind leitet nicht logisch die Bedeutung all dessen ab, was ringsum geschieht. Ein Kind nimmt einfach die Dinge, wie sie sind. Ein Kind sucht in diesem Alter nicht nach Erklärungen für die Ereignisse, sie geschehen eben, und wenn die Erwachsenen dir sagen, es habe alles seine Richtigkeit, dann nimmt man das einfach hin. Natürlich war es ungewöhnlich, und in meiner Erinnerung mochte ich die Beiden eigentlich nicht, aber ich kann nicht sagen, dass ich sie haßte. Ich hatte nur das Gefühl, das sie nicht zu uns gehörten. Aber sie rissen alles an sich und benahmen sich wie die Hausherren. Dann, wieder nach einer Reihe von Tagen, ich weiß nicht, nach wie vielen, hieß es, wir würden in einem Auto fortfahren. Man sagte uns, es würde ein Auto sein, weil das aufregender war – ein Auto war solch eine Seltenheit.

Dann geschah etwas, was sich mir ziemlich gut eingeprägt hat. Das Dienstmädchen meiner Großmutter war eine fromme Katholikin. Sie brachte uns zum Dorfplatz, den wir sechs Kinder alle gut kannten, wir begleiteten sie also auf dem kurzen Gang zum Pfarrer. Er sprach mit uns, gab uns seinen Segen und meinte, auf uns würden möglicherweise schlimme oder gar grauenhafte Erlebnisse warten, und wir würden vielleicht sogar in einem Schweinestall landen. Aber was auch immer geschehe, wir sollten daran denken, das unser Vater ein großer Mann und, was er getan, recht gewesen sei. Natürlich war das für diesen Pfarrer außerordentlich gefährlich und mutig von ihm, den hätten wir Kinder die Geschichte den Gestapo- Leuten erzählt, dann hätte man ihn in ein Konzentrationslager geworfen. Ich erinnere mich an den abendlichen Gang zu ihm und daran, dass das Hausmädchen weinte. Ich wusste, etwas sehr Bewegendes war geschehen, aber ich hatte keine rechte Vorstellung, was es war.

Am nächsten Tag kam ein Auto für uns. Eine schwarze Limousine. Ein großes schwarzes Ding. Einerseits war es aufregend, aber andererseits irgendwie unangenehm, weil man nicht wusste, was sich da abspielte und wohin wir fuhren. Für mich gab es einen ganz wichtigen Punkt. Ich hatte zwei ältere Brüder. Ich hielt mich einfach an sie, und sie gaben sich recht zuversichtlich. Solange sie die Ereignisse akzeptierten, war für mich alles in Ordnung. Ich glaube, es hätte anders ausgesehen, wäre ich das einzige oder das älteste Kind gewesen. Aber da ich das nicht war, konnte ich meine Gefühle daraus ableiten, wie sie reagierten, und sie reagierten nie angstvoll. Also fühlte ich mich ausreichend sicher.“

Die Stauffenberg – Kinder wurden als erste von der Gestapo abgeholt. Auf Himmlers Anweisung brachte man sie in zentrale Jugendstrafanstalten, bis sich die SS ausgedacht hatte, was mit ihnen zu geschehen habe. Franz Ludwig erinnert sich teilweise an die Fahrt in die Anstalt. „ Einer der Gestapo- Leute begleitete uns, ich glaube, der kleinere, aber ich bin nicht ganz sicher. An den ersten Teil der Fahrt erinnere ich mich nur verschwommen. Ich entsinne mich, dass wir zuerst in eine Stadt fuhren. Ich glaube, nach Stuttgart Dann gelangten wir an einen Ort, an dem wir bis nach dem Krieg blieben. Es war eine Art Kindergarten im Harz, in der Nähe von Göttingen. Der ort heißt Bad Sachsa, eine Kleinstadt am Südhang des Gebirges, heut direkt an der Grenze zwischen West – und Ostdeutschland. Es war schön dort. Gebaut wurde die Anlage um den ersten Weltkrieg herum als eine Art Ferienlager auf dem Lande für Bremer Kinder. Es war auf einem großen Territorium schön angelegt und umfasste mehrere Häuser, jedes für dreißig bis fünfunddreißig Kinder eingerichtet, ihrem Alter und Geschlecht angepasst.

Das ereignete sich entweder Ende Juli oder Anfang August. Es ging alles sehr schnell. Ich verbrachte dort fast ein Jahr, bis Juni 1945. Als wir dort ankamen, steckte man drei von uns, meinen zweiten Bruder, meinen Cousin und mich in ein Haus, während meine Cousine und meine Schwester wiederum in ein anderes Haus einzogen. Wir kamen als erste dort an. Doch kurz darauf füllten sich die Häuser mit mehr und mehr Kindern. Es stellte sich heraus, dass es sich ausschließlich um Kinder von Eltern handelte, die sich am Putsch beteiligt oder mit dem Widerstand in Verbindung gestanden hatten“.

Ende 1944 begann die SS auf einmal, die Zahl der in Gewahrsam gehaltenen Kinder zu verringern. „ Wir erfuhren später, dass man sie zu einer Großmutter oder einer entfernten Tante oder wem auch immer zurückbrachte“, berichtete Franz Ludwig. „ Und dann blieben nur noch zehn von uns übrig, die sechs aus unserer Familie und vier andere Kinder. Wir erfuhren, dass drei der anderen entfernte Cousins von uns waren. Ihr Vater war ein direkter Cousin meines Vaters und hatte im Widerstand als Verbindungsmann zwischen Berlin und Paris gearbeitet. Er war ein echter Vertrauter meines Vaters gewesen, und natürlich brachte man auch ihn um. Dann wurden wir alle zusammen in ein Haus gelegt, und so war ich wieder mit meinen Geschwistern und Cousins zusammen.“

Im Herbst 1944 erkrankte der sechs Jahre alte Franz Ludwig an einer chronischen Mittelohrentzündung, die sich zunehmend verschlimmerte. Der Lagersanitäter bemühte sich erfolglos, ihn zu kurieren, dann stellte man ihn einem Spezialisten im nahegelegenen Nordhausen vor, und der veranlasste seine Einlieferung in das Erfurter Krankenhaus. „ Ich lag vier bis fünf Wochen in der Hals- Nasen- Ohrenabteilung des Krankenhauses“, erinnert sich Franz Ludwig. „ Und einer der besten Spezialisten in Deutschland behandelte mich dort. Ich wurde operiert und als völlig geheilt entlassen. Rückblickend ist es seltsam, dass sie wirklich nicht wussten, was sie mit uns anfangen sollten. Anstatt einigermaßen froh zu sein, einen weniger zu haben, wenn mir etwas zustoßen sollte, ließen sie uns die beste medizinische Behandlung angedeihen. Vielleicht ist das typisch deutsch. Solange nicht jemand endgültig über uns entschieden hatte, nahm jeder seine Verantwortung ziemlich ernst, denn niemand wusste, was man letztendlich entscheiden und wen man zur Verantwortung ziehen würde. So erhielt ich die bestmögliche Betreuung.

Doch man lieferte mich unter falschem Namen ins Krankenhaus ein. Dieser Vorfall zeigte mir, dass wir alle im Lager unter falschem Namen lebten. Meine Geschwister und mein Cousin erhielten den Namen Meister. Ich erinnere mich sehr gut, dass ich mit anderem Namen ins Krankenhaus eingeliefert wurde, weil es nicht funktionierte. Ich war zu dumm dafür. Wir gingen zum Beispiel zum Röntgen, und ich musste zusammen mit vielen Leuten im Wartezimmer ausharren, und dann kam jedes Mal eine Schwester und sagte „ Müller, bitte“, oder Meyer, bitte“, und dann kam sie und sagte „ Meister, bitte“, und ich reagierte nicht. Und schließlich sagte die Schwester: „ Jetzt sind wir aber an der Reihe“, und ich fragte; , Wieso, hat man Stauffenberg aufgerufen? Das geschah verschiedene Male. Nie wurde ich dafür bestraft. Später fand ich heraus, dass man im ganzen Krankenhaus genau wusste, wer ich war. Aber es richtete keinen Schaden an, und so gab es keine Konsequenzen. Irgendwie hat das keine Probleme bereitet, und ich war ganz glücklich.
Der Grund, weshalb sie unsere Namen änderten, war Tarnung. Inzwischen kannte jeder den Namen Stauffenberg, Stauffenberg wurde in der Propaganda zu einem Schlüsselwort für das Böse, zu einem Schlüsselwort für Verräter.“

Franz Ludwig wurde von einer freundlichen, älteren Schwester, halb Aufpasserin, halb Bedienstete, ins Krankenhaus begleitet, und er fühlte sich wohl in ihrer Gesellschaft. In Erfurt kam er inzwischen auch zum ersten Mal richtig mit dem Krieg in Berührung. Erfurt galt als Ziel für Bombenabwürfe der Alliierten, und Franz Ludwig weiß noch, wenn sie vom Luftschutzbunker nach oben kamen, „ dann sahen wir die Schäden in der Stadt. Es war beunruhigend, aber auch aufregend. Ich erinnere mich nicht, Angst empfunden zu haben.“

Franz Ludwig kehrte nach dem Nikolaustag, dem 6. Dezember, in das Lager Bad Sachsa zurück. In der Weihnachtszeit erhielten die bereits fünf Monate von ihrer Familie getrennten Stauffenberg- Kinder ihren ersten Besuch von einem Verwandten, einer recht außergewöhnlichen Tante. Franz Ludwig erinnert sich an sie und ihren Besuch noch ganz deutlich. „ Alexander, der Bruder meines Vaters, der Universitätsprofessor, hatte eine sehr interessante Frau geheiratet: Melitta. Wir nannte sie Tante Lita. Sie war Fliegerin, Pilotin, was damals als Beruf für eine Frau nicht gerade normal war.
Man konnte sie nicht einfach als Abenteurerin bezeichnen, sondern sie hatte als Ingenieurin auch eine Reihe recht wichtiger Geräte für den Nachtflug erfunden.

Nun, auch Göring galt als eine außergewöhnliche Persönlichkeit mit den sonderbarsten Zügen, und es lässt sich kaum begreifen, wie Hitler oder Himmler ihn auch nur duldeten. Also, er war ein grotesker Mann. Ihn umgab ein besonderer Kreis von Menschen, die alle mit dem Fliegen zu tun hatten und die eine Art Teamgeist und Kameraderie verband – nicht notwendigerweise Nazis, eine ganze Reihe von ihnen fand einen Weg, in seiner Nähe zu leben, ohne sich zu sehr von der Naziideologie anstecken zu lassen. Einige hatten nichts mit dem Nationalsozialismus gemein, waren aber leidenschaftliche Flieger.


Lebensläufer


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#100

RE: 20 Juli 1944

in Reste des Kalten Krieges in Deutschland 08.08.2013 22:15
von Grenzwolf62 (gelöscht)
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Habe viel über die Sache gelesen und die mutigen Männer faszinieren mich.
So ganz verstehe ich aber eines nicht, etliche Offiziere im engeren Kreis um Hitler hatten die Gelegenheit ihn einfach mit einem oder mehreren Pistolenschüssen aus Nahdistanz zu erschießen.
Wäre doch das Wirkungsvollste gewesen und eine Radioansprache hätte er dann sicherlich nicht mehr machen können.


zuletzt bearbeitet 08.08.2013 22:17 | nach oben springen



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