#1

Die fröhlichen Einsiedler

in Leben in der DDR 23.05.2012 18:38
von Nostalgiker | 2.554 Beiträge

so hieß ein Kinderbuch von Werner Bauer welches 1958 im Kinderbuchverlag der DDR erschien.

Auf dieses Buch bin ich jetzt wieder gestoßen weil ich auf einer Webseite davon las und ein Griff rechts ins Regal förderte es ans Tageslicht.

In diesem Buch schildert der Propagandist, der Junge Rudi, seine Erlebnisse im Sommer in einem Pionierferienlager.

Nichts aufregendes aus heutiger Sicht kann man meinen.
Was mir gestern beim schnellen durchlesen allerdings aufgefallen ist waren ein paar bemerkenswerte Dinge.

Der Hauptheld Rudi lebt mit seinen Eltern offensichtlich in einer nicht näher benannten Gegend in Bayern und schreibt seine Sommererlebnisse an seinen ehemaligen Schulfreund welcher mit seinen Eltern nach Düsseldorf verzog.
Die Geschichte spielt 1952 und ,mir liegt die 4. Auflage von 1958 vor.

Ausgangspunkt der Geschichte ist das ein Freund des des Vaters von Rudi die Idee hat das selbiger in den Ferien doch nach Dittersdorf bei Chemnitz kommen solle um sich unter anderem mal richtig satt zu essen (!!!!)
Der Vater ist arbeitslos und nach reiflichen Überlegen wagen es die Eltern ihr Kind in die Zone zu schicken, wo man doch so viel schreckliches darüber hört.
Die Eltern kennen sich übrigens aus Schlesien!!! und das eine Paar ist bei der Flucht in der Nähe von Chemnitz geblieben, das andere Paar weitergezogen...... Im Verlauf des Buches wird natürlich herausgearbeitet wer von beiden den Hauptgewinn gezogen hat.....

Interessant ist auch im Buch die Schilderung der Fahrt über die Grenze welche im Buch ! als eine Widernatürliche Grenze dargestellt wird und als Zonengrenze bezeichnet wird, wohnen doch auf beiden Seiten Deutsche die normalerweise Zusammengehören.....
Zitat: "außerdem ist das ja keine richtige Grenze. Es wohnen doch überall Deutsche."

Nach dem Überqueren der Zonengrenze wird es dann allerdings im Buch ein wenig peinlich.
Die Verhältnisse, der Zug mit Salonwagen, Arbeiterfamilie welche gerade auf den Weg in den Urlaub in einem Kurbad ist etc. ist auch für 1958 arg geschönt.
Im Dorf angekommen kommt Rudi schnell mit den Kindern eines im Nebental liegenden Pionierlager in Kontakt.
Begeistert über das Lager und das Pionierleben überzeugt er seine Gasteltern das er in das Pionierlager übersiedeln darf. Natürlich mit Einverständnis der Hauptpionierleiterin.
Da er seinen Eltern im Überschwang der Freude mitteilt er befinde sich nunmehr in einem "Lager" macht sich der Vater von Sorge getrieben auf um seinen Sohn aus dem Lager zu befreien.
Wie das so ist bei einem illegalen Grenzübertritt wird er gefasst, der verständnissvolle Volkspolizist begleitet ihn in das Pionierlager, sieht das der Sohn wirklich der Sohn ist und überreicht sofort die fällige Einreise und Aufenthaltserlaubniss für die DDR.

Da Sommer ist, der Vater sich langweilt und die Bauern des Dorfes mit der Ernte beschäftigt sind fragt er nach und er darf.....
Also arbeitet er in einer MTS mit und hilft so den Bauern der LPG die Ernteschlacht im Kreis zu gewinnen......

Nach Ende des Pionierlagers wo Rudi natürlich die Ziele der Pioniere verinnerlichte gehen Vater und Sohn noch schnell in ein HO Geschäft um aus dem üppigen Sortiment für die armen, im wahrsten Sinne des Wortes, Daheim gebliebenen praktische Sachen zu kaufen.

Der Abschied naht und sie fahren wieder zurück wobei sich Rudi ganz fest vornimmt dem gegen die DDR hetzenden Lehrer gehörig die Meinung zu sagen.
Die Kinder im Ort sind beeindruckt von den Schilderungen über das Leben in der DDR sodass sie wild entschlossen verkünden da wollen wir nächstes Jahr auch hin.

Neben aller Propaganda in diesem Buch über die Verhältnisse in der DDR = Paradies, haben mich doch diese damals 1958 noch gedruckten Bekenntnisse zu einem einheitlichen Deutschland, die Wertung der Grenze und die Erwähnung der Umsiedler erstaunt.

Alles Punkte welche ab Mitte der sechziger Jahre mehr oder minder Tabu waren und nicht mehr erwähnt wurden.

Gruß
Nostalgiker


Aber auf einmal bricht ab der Gesang,
einer zeigt aus dem Fenster, da spazieren sie lang,
die neuen Menschen, der neue Mensch,
der sieht aus, wie er war
außen und unter`m Haar
wie er war ...

_______________
aus; "Nach der Schlacht" - Renft - 1974
Text: Kurt Demmler

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#2

RE: Die fröhlichen Einsiedler

in Leben in der DDR 23.05.2012 18:57
von Grenzwolf62 (gelöscht)
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Ich war einmal im Pionier/Ferienlager und es hat mich schon als Kind , drum war ich auch nur einmal
Die Alt- und ehemaligen Berufssozialisten, nun nicht gleich auf mich loshauen, mir hat der organisierte Frohsinn unter der blauen Fahne halt einfach nicht gefallen.


zuletzt bearbeitet 23.05.2012 19:00 | nach oben springen

#3

RE: Die fröhlichen Einsiedler

in Leben in der DDR 23.05.2012 19:25
von Nostalgiker | 2.554 Beiträge

Zitat von Grenzwolf62
Ich war einmal im Pionier/Ferienlager und es hat mich schon als Kind , drum war ich auch nur einmal
Die Alt- und ehemaligen Berufssozialisten, nun nicht gleich auf mich loshauen, mir hat der organisierte Frohsinn unter der blauen Fahne halt einfach nicht gefallen.



Vielleicht habe ich mich unverständlich ausgedrückt aber es ging mir nicht um Frohsinn unter der blauen Fahne.
Ich vermute mal Dir hätte auch der organisierte Frohsinn in einem Pfadfinderlager nicht gefallen, so als kleiner Individualist......

Gruß
Nostalgiker


Aber auf einmal bricht ab der Gesang,
einer zeigt aus dem Fenster, da spazieren sie lang,
die neuen Menschen, der neue Mensch,
der sieht aus, wie er war
außen und unter`m Haar
wie er war ...

_______________
aus; "Nach der Schlacht" - Renft - 1974
Text: Kurt Demmler

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#4

RE: Die fröhlichen Einsiedler

in Leben in der DDR 23.05.2012 19:29
von Feliks D. | 8.887 Beiträge

Erstmal meinen Dank an Nostalgiker für diese doch Interesse weckende Buchvorstellung. Dieses war mir vorher nicht bekannt und ich denke ich werde es erwerben, die Schilderung gefiel mir. Die von Dir besonders erwähnten Punkte erstaunen mich auch, das Skript mit Themen wie Vertreibung, unnatürliche Grenze und überall Deutsche, 1968 eingereicht und ich denke es wäre nie gedruckt worden. Das wäre vermutlich noch die geringste Folge davon gewesen. Aber da sieht man doch gut wie man in dieser Zeit noch an eine gesamtdeutsche Lösung geglaubt hat und diese mitgestalten wollte, während man sich später doch mit der Situation abgefunden hatte.

Also mir haben die Ferienlager anfangs immer gefallen, während ich mir später in den Ferien lieber was dazuverdient habe.


Was ich zu sagen hatte habe ich gesagt, nun fürchte ich das allerletzte Wort. Der Sprache Ohnmacht hat mich oft geplagt, doch Trotz und Hoffnung gab ich niemals fort! Mir scheint die Welt geht aus den Fugen bringt sich um, die vielen Kriege zählt man schon nicht mehr. Auch dieses neue große Deutschland macht mich stumm, der Zorn der Worte und die Wut wird mehr. Die Welt stirbt leise stilles Schreien hört man nicht, es hilft kein Weinen und man sieht's nicht im Gesicht. Wer einen Menschen rettet rettet so die Welt, am Ende überleben wir uns doch. Nur wir bestimmen wann der letzte Vorhang fällt, still und leise verlassen wir die Welt!

Macht es gut Freunde!
zuletzt bearbeitet 23.05.2012 19:29 | nach oben springen

#5

RE: Die fröhlichen Einsiedler

in Leben in der DDR 23.05.2012 19:38
von Grenzwolf62 (gelöscht)
avatar

Zitat von Nostalgiker

Zitat von Grenzwolf62
Ich war einmal im Pionier/Ferienlager und es hat mich schon als Kind , drum war ich auch nur einmal
Die Alt- und ehemaligen Berufssozialisten, nun nicht gleich auf mich loshauen, mir hat der organisierte Frohsinn unter der blauen Fahne halt einfach nicht gefallen.



Vielleicht habe ich mich unverständlich ausgedrückt aber es ging mir nicht um Frohsinn unter der blauen Fahne.
Ich vermute mal Dir hätte auch der organisierte Frohsinn in einem Pfadfinderlager nicht gefallen, so als kleiner Individualist......

Gruß
Nostalgiker




Rüschtig Nostalgiker, alles was mit Lagern, welcher Art auch immer, zu tun hat ist nicht so meins.
Trotzdem, sicherlich sehr interessant das Buch, wollte ich ja nicht negieren.


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