#201

RE: Häftlingsarbeit - Arbeitseinsatz von Strafgefangenen

in Leben in der DDR 19.11.2012 19:42
von Anja-Andrea | 902 Beiträge

Wie soll denn das mit der "Entschädigung" von IKEA aussehen? Bekommen die dann nur die politischen Strafgefangenen die für IKEA gearbeitet haben? Und andere politische Strafgefangene die in DDR -Betrieben gearbeitet haben bekommen nichts? Und was ist mit den Kriminellen, die genau die gleiche Arbeit gemacht haben?
Ich habe während meiner Haft in der StVE Naumburg in einem Arbeitskommando gearbeitet in dem Möbelteile für IKEA gefertigt wurden. Aber nicht nur für IKEA sondern für die damalige Möbelfirma WiWeNa. Und diese Firma hat für IKEA produziert. In diesem Arbeitskommando gab es sowohl politisch Inhaftierte (meist wegen Republiksflucht) und Inhaftierte die ihre Strafe wegen kriminelle Delikte verbüßten. Es gab in dieser Strafvollzugseinrichtung keine Abgrenzung zwischen politisch oder kriminellen Strafgefangenen. Zudem es im offiziellen Sprachgebrauch der DDR keine politischen Gefangenen gab.
Gearbeitet haben fast alle Strafgefangenen aber man mußte nicht. Es gab einige die sagten das sie für diesen Staat keinen Finger rühren und haben das dann auch durchgezogen. Dann wurden sie als sogenannte "Besserungsunwillige" eingestuft und kamen in einen abgesonderten Bereich, der sogenannten Absonderung. Dort hockten sie dann zumeist in Einzelzellen und hatten dort keinerlei "Vergünstigungen mehr. Das heißt im konkreten Fall,:
-Keinen Besuch empfangen
-keine Briefe schreiben und empfangen (weiß ich nicht Hunderprozentig, daher mit Vorsicht zu genießen, kann auch sein das sie wenigstens eine Mindestanzahl schreiben und empfangen durften)
-Keine Pakete empfangen
-kein Fernsehen
-keine Zeitungen
-keinen Einkauf ( ist auch logisch, die hatten ja kein Geld da sie nicht arbeiteten)
Soweit ich weiß sind die meisten dann irgendwann abgeschoben worden (Häftlingsfreikauf) zumindest in Naumburg.
Aber so etwas war die Ausnahme, die meisten haben gearbeitet schon allein um Geld zu haben, ganz egal aus welchen Gründen man inhaftiert war.

Andreas


http://kaube-blog.de/


zuletzt bearbeitet 19.11.2012 19:43 | nach oben springen

#202

RE: Häftlingsarbeit - Arbeitseinsatz von Strafgefangenen

in Leben in der DDR 19.11.2012 19:42
von Harzwanderer | 2.923 Beiträge

Eine Bekannte hat einst bei Orwo in Wolfen Praktikum gemacht. Dort muss es auch in größerem Stil Häftlingsarbeit gegeben haben. In ihrer Nachbarhalle, die war besonders abgesichert, waren die untergebracht. Es ging dort wohl um den Umgang mit giftigen Chemikalien, für den die eingesetzt wurden. Muss ziemlich gesundheitsschädlich gewesen sein.


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#203

RE: Häftlingsarbeit - Arbeitseinsatz von Strafgefangenen

in Leben in der DDR 19.11.2012 23:21
von turtle | 6.961 Beiträge

Zitat von Ameisenferdinand im Beitrag #201
Wie soll denn das mit der "Entschädigung" von IKEA aussehen? Bekommen die dann nur die politischen Strafgefangenen die für IKEA gearbeitet haben? Und andere politische Strafgefangene die in DDR -Betrieben gearbeitet haben bekommen nichts? Und was ist mit den Kriminellen, die genau die gleiche Arbeit gemacht haben?
Ich habe während meiner Haft in der StVE Naumburg in einem Arbeitskommando gearbeitet in dem Möbelteile für IKEA gefertigt wurden. Aber nicht nur für IKEA sondern für die damalige Möbelfirma WiWeNa. Und diese Firma hat für IKEA produziert. In diesem Arbeitskommando gab es sowohl politisch Inhaftierte (meist wegen Republiksflucht) und Inhaftierte die ihre Strafe wegen kriminelle Delikte verbüßten. Es gab in dieser Strafvollzugseinrichtung keine Abgrenzung zwischen politisch oder kriminellen Strafgefangenen. Zudem es im offiziellen Sprachgebrauch der DDR keine politischen Gefangenen gab.
Gearbeitet haben fast alle Strafgefangenen aber man mußte nicht. Es gab einige die sagten das sie für diesen Staat keinen Finger rühren und haben das dann auch durchgezogen. Dann wurden sie als sogenannte "Besserungsunwillige" eingestuft und kamen in einen abgesonderten Bereich, der sogenannten Absonderung. Dort hockten sie dann zumeist in Einzelzellen und hatten dort keinerlei "Vergünstigungen mehr. Das heißt im konkreten Fall,:
-Keinen Besuch empfangen
-keine Briefe schreiben und empfangen (weiß ich nicht Hunderprozentig, daher mit Vorsicht zu genießen, kann auch sein das sie wenigstens eine Mindestanzahl schreiben und empfangen durften)
-Keine Pakete empfangen
-kein Fernsehen
-keine Zeitungen
-keinen Einkauf ( ist auch logisch, die hatten ja kein Geld da sie nicht arbeiteten)
Soweit ich weiß sind die meisten dann irgendwann abgeschoben worden (Häftlingsfreikauf) zumindest in Naumburg.
Aber so etwas war die Ausnahme, die meisten haben gearbeitet schon allein um Geld zu haben, ganz egal aus welchen Gründen man inhaftiert war.

Andreas



Na das müssen aber nach meiner Zeit paradiesische Zeiten gewesen sein.Fernsehen und Zeitungen habe ich nie gesehen. Dafür sah ich die Arrestzelle.Den Lohn brauchte ich für den Einkauf. In der Regel für schwarzen Krauser,Zwiebeln,Speck und Haarwasser.Da sah ich auch mal weibliche Gefangene ,die spielten Verkäuferin.Es gab aber kein Bargeld ,auf einer Karte waren Zahlen die wurden einfach durchgeknipst.
Natürlich war auf der Karte nur Dein Lohn. Was nicht hin kam ,wurde vorher von der Karte abgeschnitten.Ja so war das damals. Ich versuche immer alles mit Positiven zu vergleichen. Ich bekam später für jeden Monat 600 DM nachgezahlt. Natürlich kann man Unrecht nicht mit Geld gutmachen ,aber immerhin so bilde ich mir ein hätte mich damals einer gefragt Hey Du Du bekommst 600DM wenn Du einen Monat in den Knast gehst,wäre ich gerannt.Und der Grenzhelfer der mich gemeldet hatte ?,war vielleicht sowieso nicht mein Tag gewesen und hätte schlimmer ausgehen können. Seht ihr so kann ich keinen Hass aufbauen und ich habe meinen Frieden.Das nur mal nebenbei,weil einige nicht verstehen können wie ich mit meiner Vergangenheit umgehe. Soll Hass meine Seele auffressen? Man muss eben an allem was Positives sehen. Sogar zu meiner Seefahrtszeit bildete ich mir ein besser eine Papua als nichts.Und die waren wirklich nicht hübsch. Aber in der Not ................
Aber nein nicht weiter denn diese Geschichten gehören nicht hier her.Für richtige Herrenabende hätte ich aber einiges .


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#204

RE: Häftlingsarbeit - Arbeitseinsatz von Strafgefangenen

in Leben in der DDR 20.11.2012 07:46
von Feliks D. | 8.887 Beiträge

Paradiesisch ist sicher das falsche Wort Peter, aber zwischen deiner und Andreas seiner Haftzeit lagen immerhin gute 20 Jahre in denen natürlich auch die Bedingungen im Strafvollzug einer kontinuierlichen Weiterentwicklung unterzogen waren.

Diese Zeitschiene sollte man immer berücksichtigten wenn man Schilderungen von Betroffenen über ihren Haftalltag liest. Der Häftling der für die 50er und 60er Jahre angibt keine Literatur zur Verfügung gehabt zu haben ist absolut glaubhaft, wer das 15 Jahre später noch für sich reklamieren will wird dann schon sehr unglaubwürdig. Besonders glaubwürdig ist allerdings jener bestimmte Referent, der da an einer bestimmten Stätte immer angab er konnte während seiner U-Haft nie lesen, dann nach etlichen gegenteiligen Zeugenaussagen, aus dem gleichen Zeitabschnitt, einknickte und nun immer erzählt ihm als Grenzverletzer sei nur Reiseliteratur ausgehändigt worden.

Was die Sache mit der Entschädigung betrifft so ist das aus formaljuristischer Sicht natürlich eine absolute Witznummer, aber wenn dieser Staat aus politischen Gründen zu einer solchen Regelung finden will dann kann er das natürlich. Sollte dieser Präzedenzfall geschaffen werden bin ich schon auf die Klagen auf Entschädigung gegen die vielen hundert bundesdeutschen Firmen gespannt die ebenfalls Aufträge an AEB vergeben hatten. Das dürfte dann sehr erfreulich für das Image einiger Firmen werden. Entschädigt werden müssten dann natürlich auch Straftäter der allgemeinen Kriminalität, denn bei einer Einwertung als "Zwangsarbeit" wäre diese ja generell entschädigungspflichtig. Andreas kann uns ja über einen eventuellen warmen Geldsegen von IKEA, der ihm durchaus zu gönnen ist, auf dem laufenden halten.


Was ich zu sagen hatte habe ich gesagt, nun fürchte ich das allerletzte Wort. Der Sprache Ohnmacht hat mich oft geplagt, doch Trotz und Hoffnung gab ich niemals fort! Mir scheint die Welt geht aus den Fugen bringt sich um, die vielen Kriege zählt man schon nicht mehr. Auch dieses neue große Deutschland macht mich stumm, der Zorn der Worte und die Wut wird mehr. Die Welt stirbt leise stilles Schreien hört man nicht, es hilft kein Weinen und man sieht's nicht im Gesicht. Wer einen Menschen rettet rettet so die Welt, am Ende überleben wir uns doch. Nur wir bestimmen wann der letzte Vorhang fällt, still und leise verlassen wir die Welt!

Macht es gut Freunde!
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#205

RE: Häftlingsarbeit - Arbeitseinsatz von Strafgefangenen

in Leben in der DDR 20.11.2012 08:33
von Weichmolch (gelöscht)
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Zitat von Harzwanderer im Beitrag #202
Eine Bekannte hat einst bei Orwo in Wolfen Praktikum gemacht. Dort muss es auch in größerem Stil Häftlingsarbeit gegeben haben. In ihrer Nachbarhalle, die war besonders abgesichert, waren die untergebracht. Es ging dort wohl um den Umgang mit giftigen Chemikalien, für den die eingesetzt wurden. Muss ziemlich gesundheitsschädlich gewesen sein.


Das ist richtig aber auch nicht richtig. Strafgefangene (Frauen) stellen dort mit schweizer Maschinen die Damenbinden für die Frauen und Mädchen der DDR har. Schichtsystem und keine gefährlichen Chemikalien.

Weichmolch


zuletzt bearbeitet 20.11.2012 08:34 | nach oben springen

#206

RE: Häftlingsarbeit - Arbeitseinsatz von Strafgefangenen

in Leben in der DDR 20.11.2012 10:23
von DoreHolm | 7.698 Beiträge

Zitat von Weichmolch im Beitrag #205
Zitat von Harzwanderer im Beitrag #202
Eine Bekannte hat einst bei Orwo in Wolfen Praktikum gemacht. Dort muss es auch in größerem Stil Häftlingsarbeit gegeben haben. In ihrer Nachbarhalle, die war besonders abgesichert, waren die untergebracht. Es ging dort wohl um den Umgang mit giftigen Chemikalien, für den die eingesetzt wurden. Muss ziemlich gesundheitsschädlich gewesen sein.


Das ist richtig aber auch nicht richtig. Strafgefangene (Frauen) stellen dort mit schweizer Maschinen die Damenbinden für die Frauen und Mädchen der DDR har. Schichtsystem und keine gefährlichen Chemikalien.

Weichmolch


Wenn ich jemand von "gefährlichen" Chemikalien reden höre, sollte er die konkret nennen sowie die durchschnittliche Konzentration davon in der Atemluft oder sonstige Exposition (Haut u.a. Kontaktmöglichkeiten). Ansonsten ist es oft wahrscheinlich, daß die Gefährlichkeit maßlos übertrieben wird. Dann enthalten Rasierwasser und Kaffee oder Tee auch gefährliche Chemikalien.



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#207

RE: Häftlingsarbeit - Arbeitseinsatz von Strafgefangenen

in Leben in der DDR 20.11.2012 12:02
von Anja-Andrea | 902 Beiträge

Über Arbeit im Strafvollzug und giftige Chemikalien werde ich heute Abend etwas schreiben. Ich bin gerade auf der Baustelle und hab jetzt nur das iPhone und das ist mir für längere Texte zu umständlich. Nur soviel ich habe als Strafgefangener Kontakt zu Chlor, Natriumhydroxyd, Kaliumhydroxyd und Quecksilber gehabt.

Andreas


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zuletzt bearbeitet 20.11.2012 12:03 | nach oben springen

#208

RE: Häftlingsarbeit - Arbeitseinsatz von Strafgefangenen

in Leben in der DDR 20.11.2012 20:49
von Anja-Andrea | 902 Beiträge

Wie heute Mittag versprochen will ich etwas über Arbeit mit gefährlichen Chemikalien als Strafgefangener berichten. Es bezieht sich hier auf meine Tätigkeit im Chemiekombinat Bitterfeld, Bereich Chlorelektrolyse. Ich arbeitete im Arbeitskommando "Chlor 3" D- Schicht. Der Arbeitsort war eine Halle im Chemiekombinat. Dorthin sind wir zu Schichtbeginn mit einem Bus gefahren. Der Bus hielt in einer Schleuse wir stiegen aus und gingen durch die Schleuse in die Umkleideräume und zogen uns um. Arbeitsbekleidung waren ganz gewöhnliche Arbeitsanzüge, so blau- weiß gestreifte Fleischerhemden und Gummistiefel. Die einzigen Unterscheidungen zu den dortigen Zivilarbeitern war, das die Strafgefangenen gelbe Streifen an der Kleidung hatten, an den Hosennähten, den Armeln und auf dem Rücken.
In meinem Kommando waren so etwa 6 bis 8 Strafgefangene, die Tätigkeit war sogenannter Bäderwart, also die Wartung der Elektrolysebäder, chemische Analysen des Chlor auf Wasserstoffgehalt, sowie Dichtemessungen der erzeugten Lauge, je nach Elektrolysebad entweder Natriumhydroxyd oder Kaliumhydroxyd. Bei Bedarf nachregulieren des Solezulaufes, Wasserzulauf in den Reaktoren, messen des Stromflusses an den Zuleitungen der Elektrokohlen und nötigenfalls Korrektur des Abstandes der Kohlen zum Quecksilber. Nebenher wurde noch die Quecksilbereinläufe der Reaktoren per Sicht geprüft und notfalls, wenn sich dort Amalgam angesammelt hat, dieses mittels einer Art Holzkeule durchstoßen.
Zum Verständnis muss ich jetzt etwas über die Elektrolyse erzählen. In den Elektrolysebädern wurde Natriumchlorid oder Kaliumchlorid elektrolytisch zerlegt in Chlor und Natrium oder Kalium. In den Elektrolysebädern floß Quecksilber, das den einen elektrischen Pol darstellt, darüber floß die Salzlösung in die Oben die Elektrokohlen eintauchten und den anderen elektrischen Pol bildeten. Wenn nun zwischen beiden Polen ein Strom floss, wurde das in der Lösung befindliche Salz zerlegt. Es entstand Chlor, das oben an den Bädern abgesaugt wurde. Gleichzeitig entstand Natrium oder Kalium, je nach Ausgangsmaterial. Das Natrium und Kalium löste sich im Quecksilber, dieser Vorgang wird amalgieren genannt. Das Quecksilber wiederrum durchfließt dann die Reaktortürme, die von Wasser durchflossen werden. Dabei reagiert das im Quecksilber gelöste Natrium und Kalium und bildet Kaliumhydroxyd (Kalilauge) oder Natriumhydroxyd (Ätznatron)
Dadurch das die Einläufe des Quecksilbers in die Reaktoren offen waren, gab es einen permanenten Kontakt des Quecksilbers mit der Umgebungsluft. Da Quecksilber bereits bei Zimmertemperatur Dämpfe abgibt und dazu noch sehr giftig ist, war wahrscheinlich die ganze Luft in der Halle Quecksilberhaltig. Aus diesem Grund war es vorgeschrieben die persönliche Sicherheitsausrüstung zu tragen. Bestehend aus Schutzmaske mit Quecksilberfilter, Gummistiefel, Gummihandschuhe und bei Halbmaske noch eine Schutzbrille. Ich selbst hatte ein Vollschutzmaske mit Panoramascheibe. Andere hatten sogenannte Halbmasken, die nur Mund und Nase bedeckten. Eines hatten alle Masken gemeinsam, sie kamen aus den Drägerwerken Lübeck, ebenso die verwendeten Quecksilberfilter. Die Filter wurden nach einer gewissen Anzahl Betriebsstunden ausgetauscht aber in welchem Zyklus weiß ich beim besten Willen nicht mehr.
Die dort eingesetzten Zivilarbeiter hatten übrigens genau die gleiche Schutzausrüstung, es gab da keine unterschiedlichen Masken oder andere Ausrüstungen. Wöchentlich wurden wir gesundheitlich untersucht, man mußte Urin abgeben und Blut wurde entnommen. Das scheint auch analysiert worden sein, denn fast jede Woche wurden Strafgefangene des Arbeitskommando Chlor aus gesundheitlichen Gründen verlegt. Die durchschnittliche Verweildauer auf diesem Arbeitskommando betrug etwa 3 Monate. Ich war bei meiner Haftentlassung etwa ein halbes Jahr auf diesem Kommando und das war schon aussergewöhnlich.
Ach ja, bevor ich es vergesse, die Halle in der wir arbeiteten war ein fensterloser Bau. An den Längsseiten befanden sich an jeder Seite drei große Türen, permanent offen. Sie führten zu so eine Art Gitterkäfig, dort konnte man frische Luft schnappen oder bei einem Chlorausbruch hin flüchten.Essen, Trinken und Rauchen war in der Halle streng verboten, wenn man mal eine rauchen wollte mußte man jemanden Bescheid geben das der auf deine Badreihen mit achtete, und dann konnte man im Speiseraum eine rauchen oder etwas trinken nachdem man sich die Zähne geputzt hat. Was das bewirken soll weiß ich bis heute nicht, aber es war eben Vorschrift. Einen Bewacher in Form eines Strafvollzugsbeamten hatten wir auch immer dabei, der hockte in einem Glaskabuff an der Stirnseite der Halle. Essen gab es das Betriebsessen des Chemiekombinates, also gewöhnliches Kantinenessen. Getränke gab es ebenfalls, so viel wie man wollte. Ansonsten war man auf diesem Kommando Spitzenverdiener im Strafvollzug, es wurde ein sogenannter Giftzuschlag gezahlt und den bekam man in voller Höhe und nicht nur die 18% vom sonstigen Verdienst. Mehr fällt mir jetzt im Moment nicht ein, falls jemand Fragen dazu hat, so stellt sie ich werde sie so gut ich kann beantworten.

Andreas


http://kaube-blog.de/


damals wars und Rainman2 haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 20.11.2012 21:00 | nach oben springen

#209

RE: Häftlingsarbeit - Arbeitseinsatz von Strafgefangenen

in Leben in der DDR 20.11.2012 21:41
von Harzwanderer | 2.923 Beiträge

Zitat
Eine Bekannte hat einst bei Orwo in Wolfen Praktikum gemacht. Dort muss es auch in größerem Stil Häftlingsarbeit gegeben haben. In ihrer Nachbarhalle, die war besonders abgesichert, waren die untergebracht. Es ging dort wohl um den Umgang mit giftigen Chemikalien, für den die eingesetzt wurden. Muss ziemlich gesundheitsschädlich gewesen sein.

Zitat
Das ist richtig aber auch nicht richtig. Strafgefangene (Frauen) stellen dort mit schweizer Maschinen die Damenbinden für die Frauen und Mädchen der DDR har. Schichtsystem und keine gefährlichen Chemikalien.




Bei meiner Bekannten ging es um männliche Häftlinge, die irgendwas mit Chemikalien gemacht haben. Die Orwo-Mitarbteiter wussten genauer, was die dort machen mussten. Es war etwas gesundheitsschädliches, eben nicht "normale" Häftlingsarbeit. Darum kam ich überhaupt darauf, das hier zu erzählen. Ich kann sie noch mal fragen, aber sehe sie nur selten.


zuletzt bearbeitet 20.11.2012 21:42 | nach oben springen

#210

RE: Häftlingsarbeit - Arbeitseinsatz von Strafgefangenen

in Leben in der DDR 20.11.2012 22:31
von Eisenacher | 2.069 Beiträge

Habt ihr euch im Knast selbst zu dem Chlorkommando gemeldet , wegen den Einkaufsbons oder wurdet ihr gezwungen? Jede Woche Blut-und Urinkontrolle, das war ja für DDR-Verhältnisse mehr als vorbildlich. In vielen Chemiebuden in der DDR, hat man ja die MAK-Werte und den Arbeitsschutz etwas lockerer gesehen.


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#211

RE: Häftlingsarbeit - Arbeitseinsatz von Strafgefangenen

in Leben in der DDR 20.11.2012 22:54
von DoreHolm | 7.698 Beiträge

Ameisenferdinand, danke für die detailierte Schilderung des Prozesses. Hätte da noch mal eine Frage zum Ablauf. Wenn bei der Elektrolyse NaCl oder KCl direkt in die Elemente zerlegt wird, geht das nicht in wässriger Lösung (da entsteht Wasser- und Sauerstoff), sondern nur in der Schmelze. Die beiden salze haben einen Schmp. von ca. 800°C (daher Lichtbogen). Das entstehende Na oder K ist auf jeden Fall leichter als die Salzschmelzen und müßte nach oben steigen. Das Hg dagegen ist deutlich schwerer. Außerdem hat Hg einen Siedepunkt von ca. 350°C, dürfte also im Kontakt mit der Salzschmelze verdampfen. Habe leider kein Fachbuch zur Verfahrenstechnik speziell dazu hier. Kann mir schon vorstellen, daß die Hg-Konzentration ständig gemessen werden mußte. Ansonsten ist metallischen Hg ziemlich harmlos. Fallen mal ein paar Milligramm irgendwo runter, keine Panik. Der Dampfdruck von Hg, also auch seine Verdampfung, ist sehr gering und die Konzentration in der Raumluft im Falle von Milligramm-Bereich m.E. vernachlässigbar, wenn ein gewisser Luftaustausch gegeben ist. Habe selbst ca. 4,-kg (!) hier zu Hause und es war interessant, diese menge in einer Schüssel zu haben und die flache Hand reinzutauchen. Ich glaube, Deine Arbeitsbedingungen könnten in etwa mit dem Uranbergbau im Erzgebirge verglichen werden, wobei es da mit der Gesundheitsgefahr in den frühen Jahren ( um 1950 ) auch anders war als später.
Kannst mir ja mal, da doch sehr fachlich, kurz was zu meinen Fragen per PN schicken.



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#212

RE: Häftlingsarbeit - Arbeitseinsatz von Strafgefangenen

in Leben in der DDR 20.11.2012 23:32
von Eisenacher | 2.069 Beiträge

Das Natrium bzw. K wird durch Elektrolyse(Anode, Kathode) an das Hg gebunden und dann in ein Wasserbad geleitet, wo K bzw. Na mit H2O reagiert und Kalilauge bzw. Natronlauge entsteht.
So habe ich das verstanden.
Lass das nicht deine Nachbarn hören , mit deinen 4kg Hg im Keller. Da kommen gleich morgen früh die Jungs vom BKA oder die Kameraden vom VF vorbei und dir geht es dann noch wie den Sauerlandbombern. Da stehen dann immer 4PKWs mit den "Unauffälligen" bei dir vor der Tür.
In den 60er Jahren haben wir noch mit Hg gespielt , heute gibt es einen Großeinsatz der Feuerwehr wenn ein Thermometer zerbricht.
http://www.fw-waltrop.de/index.php/einsatze?view=show&id=94


zuletzt bearbeitet 21.11.2012 12:49 | nach oben springen

#213

RE: Häftlingsarbeit - Arbeitseinsatz von Strafgefangenen

in Leben in der DDR 21.11.2012 10:42
von DoreHolm | 7.698 Beiträge

Zitat von Eisenacher im Beitrag #212
Das Natrium bzw. K wird durch Elektrolyse(Anode, Kathode) an das Hg gebunden und dann in ein Wasserbad geleitet, wo K bzw. Na mit H2O reagiert und Kalilauge bzw. Natronlauge entsteht.
So habe ich das verstanden.
Lass das nicht deine Nachbarn hören , mit deinen 4kg Hg im Keller. Da kommen gleich morgen früh die Jungs vom BKA oder die Kameraden vom VF vorbei und dir geht es dann noch wie den Sauerlandbombern. Da stehen dann immer 4PKWs mit den "Unauffälligen" bei dir vor der Tür.
In den 60er Jahren haben wir noch mit Hg gespielt , heute gibt es einen Großeinsatz der Feuerwehr wenn ein Termometer zerbricht.
http://www.fw-waltrop.de/index.php/einsatze?view=show&id=94


Eisenacher, das ist es auch, was ich schon mal meinte, diese maßlose Übertreibung. Unser Klebstoff Helmitex 1526 (früher Chemisol L 1526, kennen sicher Viele), darf ich heute nicht mal selbst kaufen, weil da ein paar Prozent Toluol drin sind. Das ist einfach zum Lachen. Und warum ist das so: Weil die Grünen sich mit Übertreibungen profilieren wollten, die EU-Kommissare willig mitspielen und große Entsorgungsfirmen wegen Gewinnmaximierung in´s gleiche Horn tuten, damit ein Stoff als möglichst gefährlich hingestellt wird.



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#214

RE: Häftlingsarbeit - Arbeitseinsatz von Strafgefangenen

in Leben in der DDR 21.11.2012 18:52
von Anja-Andrea | 902 Beiträge

@DoreHolm
Zu deinen Fragen, wie @Eisenacher schon richtig bemerkte, die Chlorelektrolyse funktioniert in Salzlösung. Die Elektrokohle (Graphitblöcke) bilden die Anode und das Quecksilber die Kathode. Das bei der Elektrolyse gebildete Natrium oder Kalium löst sich sofort im Quecksilber und bildet Natriumamalgam oder Kaliumamalgam. Und das ist auch gut so, denn wenn man andere Kathoden verwenden würde, dann reagiert das Kalium und Natrium sofort mit dem Wasser in der Salzlösung und es entsteht im Elektrolysebad schon Lauge und vor allem auch noch Wasserstoff. Und das würde in Verbindung mit Chlor ein hochexplosives Gemisch bilden. Daher auch die ständigen Analysen des entstehenden Chlores auf Wasserstoffgehalt. Denn wenn beispielsweise zu wenig Quecksilber im Bad wäre, dann würde ein Teil des Badbodens nicht mehr vom Quecksilber benetzt, ein Teil der Kathode wäre dann der Stahlboden das Bades. Und dann passiert das oben beschriebene Szenario. Aber das habe ich in dem halben Jahr auf diesem Kommando nur einmal erlebt das ein Elektrolysebad explodiert ist. Wir hatten Glück, es ist dabei niemanden etwas passiert.

Andreas


http://kaube-blog.de/


DoreHolm, Feliks D. und Rainman2 haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#215

RE: Häftlingsarbeit - Arbeitseinsatz von Strafgefangenen

in Leben in der DDR 08.01.2013 15:42
von Lutze | 8.035 Beiträge

Zitat von Grenzwolf62 im Beitrag #4
Nun wissen wir endlich auch noch das die DDR-Knäste die besseren waren.
Man lernt halt nie so richtig aus, gut das es solche Foren gibt.

hallo gw 62,kannst du das wirklich beueteilen?gruss Lutze


wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren
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#216

RE: Häftlingsarbeit - Arbeitseinsatz von Strafgefangenen

in Leben in der DDR 08.01.2013 21:44
von Gelöschtes Mitglied
avatar

Zitat von Lutze im Beitrag #215
Zitat von Grenzwolf62 im Beitrag #4
Nun wissen wir endlich auch noch das die DDR-Knäste die besseren waren.
Man lernt halt nie so richtig aus, gut das es solche Foren gibt.

hallo gw 62,kannst du das wirklich beueteilen?gruss Lutze
Hallo Lutze,da lief @gw62 gerade im "Ironie-Modus",kannste glauben.


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#217

RE: Häftlingsarbeit - Arbeitseinsatz von Strafgefangenen

in Leben in der DDR 11.01.2013 12:06
von Lutze | 8.035 Beiträge

zu meiner zeit im knast,jugendhaus halle 1983 hat unsere häftlingsgruppe bauteile für die elektroindustrie zusammengesetzt( veb rft),gruss Lutze


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