#741

RE: Ostdeutsche halten DDR nicht für Unrechtsstaat

in Das Ende der DDR 15.11.2013 19:56
von Lutze | 8.034 Beiträge

Zitat von grenzgaengerin im Beitrag #740
Zitat von DoreHolm im Beitrag #738

Als weiteres kann ich nicht so recht glauben, daß dieses "sozialistische Arbeitskollektiv" so geschlossen 150%ig auftrat oder haben sich da nur eine Wenige hervorgetan, die meinten Dir zeigen zu müssen, wie man sich zu verhalten hat ?


Dore, da hast Du mich missverstanden. Die Leute wollten einfach ihre Ruhe haben und keinen Querschläger, die vielleicht noch spinnerte theoretische sozialistische Flausen im Kopf hat, die ihr beim Studium von M/L und Parteitagsdokumenten einbeleut wurden. Wie zum Beispiel - "Jeder liefert jedem Qualität". Nach dem ersten Versuch hat mich der Meister, kein Genosse, aus der Schusslinie genommen, und ins Meisterbüro als Werkstattschreiberin zur Berechnung der Bruttolöhne versetzt. Auch wieder ein Glücksfall, der meine weitere berufliche Entwicklung bestimmt hat.

So ein Glück hatte nicht jeder.

LG von der grenzgaengerin


gehörtest du zu den "Straßen der Besten"?
Lutze


wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren
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#742

RE: Ostdeutsche halten DDR nicht für Unrechtsstaat

in Das Ende der DDR 15.11.2013 20:04
von DoreHolm | 7.697 Beiträge

Zitat von Diskus303 im Beitrag #737
Zitat von DoreHolm im Beitrag #733
Zitat von Diskus303 im Beitrag #728
Zitat von Hans im Beitrag #721

...
...
73 Hans


Obwohl ich denke, zu wissen, was Du damit meinst
Assi vs. "politsche" (=andersdenkender)
bringt es der §249 in Absatz 3, Zitat:

§ 249 des StGB der DDR
Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch asoziales Verhalten:
doch ansatzweise auf den Punkt:
(3) Ist der Täter nach Absatz 1 oder wegen eines Verbrechens gegen die Persönlichkeit, Jugend und
Familie, das sozialistische, persönliche, oder private Eigentum, die allgemeine Sicherheit oder die
staatliche Ordnung bereits bestraft, kann auf Arbeitserziehung oder Freiheitsstrafe bis zu fünf
Jahren erkannt werden.

geht man von den "Verhaltensnormen" in der DDR aus können doch (da) nur "sozialistische" Verhaltensnormen gemeint sein... , zumal sich ja die DDR seiner Zeit die "Sozialistische Gesellschaftordnung" zumindest als Zielsetzung auf die Fahne geschrieben hat. und spätestens(?) in der Strafrechtssprechung wird dann eben entsprechend argumentiert und strafmaßbemessen..
Und spätestens dann wird doch (fast) alles politisch...
Und was bedeutet schon (A)sozial ??, perse erstmal das Gegenteil von sozial. Und auch hier wirds kompliziert (?) Was sozial ist, ist doch auch kaum noch langzeitbeständig zu definieren.. weil es doch ständigen gesellschaftlichen Veränderungen unterworfen ist.(heute mehr denn je, Stichwort Sozialstaat)



Rot:: Wenn ich mich so daran erinnere, was für Typen wir in unserer Firma zeitweise beschäftigten, entweder selbst beworben oder zugewiesen bekommen und was für Sprüche die manchmal losgelassen habe, ohne daß sie gleich wieder ein gefahren sind, dann kann ich nur sagen, daß die ganze Sache mit den "sozialistischen Verhaltensnormen" weitaus lockerer gehandhabt wurde als uns hier glauben gemacht werden soll. Da mußte schon einiges mehr passieren, bevor jemand einrücken mußte. Das wird sicher in den 50er Jahren anders, rigoroser gewesen sein als in den 60ern und wieder anders als den 70er und erst recht den 80er Jahren. Es ist also eine unzulässige Verallgemeinerung, hier von den frühen Jahren auf spätere Zeiten zu schließen. Da ging es auch in den 50ern in der BRD anders zu als in den 80ern und Beispiele für Veränderungen kann man in jedem Land finden. Wer bringt denn heute noch das moderne China mit dem Mao-Kult zu Zeiten der "Kulturrevolution" in Verbindung ?

Hallo @DoreHolm,
es ging hier aber gerade um den "Umkehrschluß" (siehe #719, 721, 722 fortfahrend)
wie schnell konnte es gehen, daß ein eigentlich bodenständiger arbeitssamer (und eben nicht straffällig gewordener) Bürger durch politisierte Anwendung diverser Paragraphen "kriminalisiert" wurde.
Aus meinem pers. Freundeskreis kann ich sagen, das ein Leiter einer Fernheizkraftwerkes nach bloßer Antragstellung auf "ständige Ausreise aus der DDR"(also der völlig legale und seinerzeit gesetzeskonforme Weg, die DDR Richtung BRD verlassen zu wollen) seines Postens enthoben wurde und fortan "Gabelstapler fuhr und Hof kehrte..." Hier kam es allerdings nicht zur Anwendung des(r) genannten Paragraphen, sondern man erledigte dies auf dem "kleinen innerbetrieblichen Dienstweg"...


Rot: Das war´s eben, der Unterschied zwischen den einzelnen Firmen. Sehr stark abhängig, was für einen staatlichen und politischen Leiter diese hatten. Siehe mein nachfolgender Beitrag zu Deinem. Bei uns hatte die Qualitäts-Chefin den Ausreiseantrag gestellt. Klar, der staatliche Leiter mußte etwas tun. Ich wurde als BPO-Sekretär zwar informiert, aber nicht um eine Entscheidung gefragt. Es wurde für sie ein "Ersatzjob" gefunden, weiterhin bei uns im Labor ohne aus meiner Sicht diskriminierender Umsetzung. Nichts mit Produktionsarbeiterin oder Hilfsabteilung (z.B. Leergut reinigen). Wir, also die Leitungsebene sowie ich als BPO-Sekretär hatten die Aufgabe, abwechselnd mit ihr zu sprechen, um sie zur Rücknahme ihres Ausreiseantrages zu bewegen. Ich fand´s als unangenehme Pflichtübung und so war es mehr eine lockere Plauderei, sagte ihr, daß ich es zwar nicht billige, es aber letztlich ihre Privatangelegenheit sei. So etwa. Wird mir nicht jeder von Euch so abnehmen, aber so wars. Die Kollegin war Mitglied in unserer Brigade und so hatte ich schon vorher mehr betriebliche Berührungspunkte. Wie ich die anderen Leiter einschätze, werden die Gespräche nicht so sehr viel anders gelaufen sein. Irgendwann war sie dann weg und meine andere Kollegin aus dem Labor hielt auf privater Basis die Verbindung zu ihr und erzählte manchmal, wie es ihr so geht.
Also, bei solcherart Verhaltensweisen nicht immer gleich auf die bösen Funktionäre oder die Stasi zeigen. Oft handelte es sich dabei um sich besonders überzeugt gebärdende Menschen, die in vorauseilendem Gehorsam handelten. Es hat sie m.E. keiner dazu gezwungen, wie Du im Fall des Leiters des Fernheizkraftwerkes schilderst, eine dermaßen rigorose Degradierung vorzunehmen.



zuletzt bearbeitet 15.11.2013 20:06 | nach oben springen

#743

RE: Ostdeutsche halten DDR nicht für Unrechtsstaat

in Das Ende der DDR 15.11.2013 20:06
von Moskwitschka (gelöscht)
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Zitat von Lutze im Beitrag #741


gehörtest du zu den "Straßen der Besten"?
Lutze


Bestimmt nicht, Lutze. Aber zu denen, die sich nicht haben unter kriegen lassen. Weder vor, noch nach 1989. Und daher bin ich froh beide Gesellschaftssysteme aus unterschiedlichen Perspektiven kennen gelernt zu haben. Als Priviligierte und Unerzogene in der DDR, als leitende Angestellte und Arbeitslose in der Bundesrepublik. Und ich bin für jede gemachte Erfahrung dankbar, weil ich dadurch sehr viele unterschiedliche Menschen kennen und schätzen gelernt habe. Egal in welche Schublade sie wann von wem gesteckt wurden.

LG von der grenzgaengerin


Lutze, RudiEK89, Küchenbulle 79 und Krepp haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 15.11.2013 20:06 | nach oben springen

#744

RE: Ostdeutsche halten DDR nicht für Unrechtsstaat

in Das Ende der DDR 15.11.2013 20:14
von Diskus303 | 485 Beiträge

@DoreHolm
da ich direkt antworte verzichte ich "aufs zitieren",(hatte ich zumindest gedacht, aber die @Grenzgängerin hat "dazwischengefunkt" )
solche Gespräche kenne ich selbst zu Genüge(unser Parteisekretär war aber etwas populistischer), dafür war mein ehemaliger direkter Vorgesetzter (auslandserfahrener Kader, NSW) deutlich "kulanter".
Die (hypothetische" Frage an dieser Stelle: was gab es dann für einen Grund, eure Laborleiterin umzuversetzen??? Fachliche Inkompetenz(einhergehnd bin dem Ausreiseantrag) kwars ja wohl nicht...?
Später (so um 1994) hat sich in meiner Firma in Wesseling ein Mitarbeiter entschlossen, nach Australien auszuwandern... solche (politisch) motivierten Gängeleien oder sonstige "Beeinflussung" gab es hier nicht (einfach undenkbar). Der hat sen Ding gemacht und gut wars...)


Gruß Axel
zuletzt bearbeitet 15.11.2013 20:15 | nach oben springen

#745

RE: Ostdeutsche halten DDR nicht für Unrechtsstaat

in Das Ende der DDR 15.11.2013 20:30
von DoreHolm | 7.697 Beiträge

Zitat von Diskus303 im Beitrag #744
@DoreHolm
da ich direkt antworte verzichte ich "aufs zitieren",(hatte ich zumindest gedacht, aber die @Grenzgängerin hat "dazwischengefunkt" )
solche Gespräche kenne ich selbst zu Genüge(unser Parteisekretär war aber etwas populistischer), dafür war mein ehemaliger direkter Vorgesetzter (auslandserfahrener Kader, NSW) deutlich "kulanter".
Die (hypothetische" Frage an dieser Stelle: was gab es dann für einen Grund, eure Laborleiterin umzuversetzen??? Fachliche Inkompetenz(einhergehnd bin dem Ausreiseantrag) kwars ja wohl nicht...?
Später (so um 1994) hat sich in meiner Firma in Wesseling ein Mitarbeiter entschlossen, nach Australien auszuwandern... solche (politisch) motivierten Gängeleien oder sonstige "Beeinflussung" gab es hier nicht (einfach undenkbar). Der hat sen Ding gemacht und gut wars...)



Grün: Ich kann als einzigen in gewisser Hinsicht nachvollziehbaren Grund nur erkennen, daß es darum ging, daß Ausreiseantragsteller in einer verantwortlichen Stellung bei einer Kurzschlusshandlung oder auch mit Absicht einen volkswirtschaftlichen Schaden anrichten könnten. Hat es sicher schon mehr als einmal gegeben, um dem Antrag mehr Nachdruck zu verleihen, rausgekauft zu werden und dann noch dafür in der BRD als Politischer dazustehen. Bei deinem Heizwerkschef nachvollziehbar. Der Grad der beruflichen Degradierung war m.E aber sehr subjektiv geprägt und m.E. völlig überzogen. Bei unserer Qualitätschefin war es ähnlich. Sie hatte es mit in der Hand, ob fehlerhafte Rohstoffe eingesetzt oder fehlerhafte Ware ausgeliefert wurde. Aber wie gesagt, sie bekam einen ähnlichen, aber weniger verantwortlichen Job, in dem sie nicht mehr für Wareneingangs- und -ausgangskontrolle verantwortlich war.



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#746

RE: Ostdeutsche halten DDR nicht für Unrechtsstaat

in Das Ende der DDR 15.11.2013 20:58
von Diskus303 | 485 Beiträge

Zitat von DoreHolm im Beitrag #745
Zitat von Diskus303 im Beitrag #744
@DoreHolm
da ich direkt antworte verzichte ich "aufs zitieren",(hatte ich zumindest gedacht, aber die @Grenzgängerin hat "dazwischengefunkt" )
solche Gespräche kenne ich selbst zu Genüge(unser Parteisekretär war aber etwas populistischer), dafür war mein ehemaliger direkter Vorgesetzter (auslandserfahrener Kader, NSW) deutlich "kulanter".
Die (hypothetische" Frage an dieser Stelle: was gab es dann für einen Grund, eure Laborleiterin umzuversetzen??? Fachliche Inkompetenz(einhergehnd bin dem Ausreiseantrag) kwars ja wohl nicht...?
Später (so um 1994) hat sich in meiner Firma in Wesseling ein Mitarbeiter entschlossen, nach Australien auszuwandern... solche (politisch) motivierten Gängeleien oder sonstige "Beeinflussung" gab es hier nicht (einfach undenkbar). Der hat sen Ding gemacht und gut wars...)



Grün: Ich kann als einzigen in gewisser Hinsicht nachvollziehbaren Grund nur erkennen, daß es darum ging, daß Ausreiseantragsteller in einer verantwortlichen Stellung bei einer Kurzschlusshandlung oder auch mit Absicht einen volkswirtschaftlichen Schaden anrichten könnten. Hat es sicher schon mehr als einmal gegeben, um dem Antrag mehr Nachdruck zu verleihen, rausgekauft zu werden und dann noch dafür in der BRD als Politischer dazustehen. Bei deinem Heizwerkschef nachvollziehbar. Der Grad der beruflichen Degradierung war m.E aber sehr subjektiv geprägt und m.E. völlig überzogen. Bei unserer Qualitätschefin war es ähnlich. Sie hatte es mit in der Hand, ob fehlerhafte Rohstoffe eingesetzt oder fehlerhafte Ware ausgeliefert wurde. Aber wie gesagt, sie bekam einen ähnlichen, aber weniger verantwortlichen Job, in dem sie nicht mehr für Wareneingangs- und -ausgangskontrolle verantwortlich war.

Naja , wie wars denn mit "Deiner" Laborleiterin"? real denkbar, das Sie "größeren" volkswirtschaftlichen Schaden angerichtet hätte???(eher hypothetisch die Frage)
Für "meinen" Heizwerkchef kann ich (fast) die Hand ins Feuer legen...
Er war Ingenieur für Wärme-/Kältetechnik und absolut bodenständig (und das Kraftwerk war eher klein, Plattenneubaugebiet) . Sicherlich, er war ziemlich "gesellschaftkritisch" aber nicht "auffällig". Der wollte halt weg, aber eine "Kurzschlußreaktion" in der von Dir genannten Art und Weise halte ich selbst mit 27Jahren Abstand für ziemlich abwegig.
Und Deine "vorsichtige" Einschätzung hinterläßt ja die "Gretchenfrage": Ausreiseanträge waren nach geltender Rechtslage legitim (die DDR hatte die Schlußakte von Helsinki unterschrieben/ ratifiziert und genauso auch die Charta der Vereinten Nationen). Sie (die DDR, bzw. die Zeitgenossen, welche dafür gesorgt haben das Ausreiseanträge von 1/4 Jahr bis 4 Jahre und längere Bearbeitungszeit "benötigten") hätte(n) sich doch einfach nur an Ihre internationalen eingegangen "Verpflichtungen" halten brauchen. Wozu mußte man denn solche "Machtspilchen" veranstalten (und die Leute so lange warten lassen, um sie am Ende - nach Ausreiseantragsbestätigung - innerhalb von 14 Tagen dann doch quasi rauszuschmeißen)


Gruß Axel
Hapedi hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 15.11.2013 21:02 | nach oben springen

#747

RE: Ostdeutsche halten DDR nicht für Unrechtsstaat

in Das Ende der DDR 15.11.2013 22:19
von DoreHolm | 7.697 Beiträge

Zitat von Diskus303 im Beitrag #746
Zitat von DoreHolm im Beitrag #745
Zitat von Diskus303 im Beitrag #744
@DoreHolm
da ich direkt antworte verzichte ich "aufs zitieren",(hatte ich zumindest gedacht, aber die @Grenzgängerin hat "dazwischengefunkt" )
solche Gespräche kenne ich selbst zu Genüge(unser Parteisekretär war aber etwas populistischer), dafür war mein ehemaliger direkter Vorgesetzter (auslandserfahrener Kader, NSW) deutlich "kulanter".
Die (hypothetische" Frage an dieser Stelle: was gab es dann für einen Grund, eure Laborleiterin umzuversetzen??? Fachliche Inkompetenz(einhergehnd bin dem Ausreiseantrag) kwars ja wohl nicht...?
Später (so um 1994) hat sich in meiner Firma in Wesseling ein Mitarbeiter entschlossen, nach Australien auszuwandern... solche (politisch) motivierten Gängeleien oder sonstige "Beeinflussung" gab es hier nicht (einfach undenkbar). Der hat sen Ding gemacht und gut wars...)



Grün: Ich kann als einzigen in gewisser Hinsicht nachvollziehbaren Grund nur erkennen, daß es darum ging, daß Ausreiseantragsteller in einer verantwortlichen Stellung bei einer Kurzschlusshandlung oder auch mit Absicht einen volkswirtschaftlichen Schaden anrichten könnten. Hat es sicher schon mehr als einmal gegeben, um dem Antrag mehr Nachdruck zu verleihen, rausgekauft zu werden und dann noch dafür in der BRD als Politischer dazustehen. Bei deinem Heizwerkschef nachvollziehbar. Der Grad der beruflichen Degradierung war m.E aber sehr subjektiv geprägt und m.E. völlig überzogen. Bei unserer Qualitätschefin war es ähnlich. Sie hatte es mit in der Hand, ob fehlerhafte Rohstoffe eingesetzt oder fehlerhafte Ware ausgeliefert wurde. Aber wie gesagt, sie bekam einen ähnlichen, aber weniger verantwortlichen Job, in dem sie nicht mehr für Wareneingangs- und -ausgangskontrolle verantwortlich war.

Naja , wie wars denn mit "Deiner" Laborleiterin"? real denkbar, das Sie "größeren" volkswirtschaftlichen Schaden angerichtet hätte???(eher hypothetisch die Frage)
Für "meinen" Heizwerkchef kann ich (fast) die Hand ins Feuer legen...

Er war Ingenieur für Wärme-/Kältetechnik und absolut bodenständig (und das Kraftwerk war eher klein, Plattenneubaugebiet) . Sicherlich, er war ziemlich "gesellschaftkritisch" aber nicht "auffällig". Der wollte halt weg, aber eine "Kurzschlußreaktion" in der von Dir genannten Art und Weise halte ich selbst mit 27Jahren Abstand für ziemlich abwegig.
Und Deine "vorsichtige" Einschätzung hinterläßt ja die "Gretchenfrage": Ausreiseanträge waren nach geltender Rechtslage legitim (die DDR hatte die Schlußakte von Helsinki unterschrieben/ ratifiziert und genauso auch die Charta der Vereinten Nationen). Sie (die DDR, bzw. die Zeitgenossen, welche dafür gesorgt haben das Ausreiseanträge von 1/4 Jahr bis 4 Jahre und längere Bearbeitungszeit "benötigten") hätte(n) sich doch einfach nur an Ihre internationalen eingegangen "Verpflichtungen" halten brauchen. Wozu mußte man denn solche "Machtspilchen" veranstalten (und die Leute so lange warten lassen, um sie am Ende - nach Ausreiseantragsbestätigung - innerhalb von 14 Tagen dann doch quasi rauszuschmeißen)




Grün: Das weißt Du, daß dein "Heizwerkchef" nichts Böses tun würde und ich war mir auch bei unserer Qualitätschefin sicher. Das schien mir aber generell so gewesen zu sein, daß ein als "Gegner der DDR" bezeichneter Bürger von einer verantwortungsvollen Position fernzuhalten ist. Es war m.E. aus den schon von mir vermuteten Gründen so, wobei ich nicht ausschließe, daß da auch absichtlich eine Portion Demütigung dabei war. Da sind wir wieder bei den Unterschieden, was für Charaktere als Vorgesetzte da das Sagen hatten.
Hatte es vor einiger Zeit woanders schon mal geschrieben: Nicht das System, die konkret handelnden Personen entschieden über humanes oder
inhumanes Handeln. Es kann sich hier keiner auf höhere Weisung berufen. Einen gewissen Spielraum hatte m.E. auch hier jeder darüber zu entscheidende verantwortliche Leiter.



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#748

RE: Ostdeutsche halten DDR nicht für Unrechtsstaat

in Das Ende der DDR 15.11.2013 22:53
von studfri | 762 Beiträge

Zitat von DoreHolm im Beitrag #727
Zitat von damals wars im Beitrag #713
Unrechtsstaat ist ein Kampfbegriff,um den kalten Krieg noch nachträglich zu gewinnen. Blöd nur, das es noch Millionen gibt, die es anders erlebt haben. Recht auf Bildung, Recht auf Arbeit.Konnte jeder Wahrnehmen.Und haben die DDR Bürger auch,ohne auf Erlaubnis irgendwelcher Rechthaber zu warten.


Rot: Noch gibt es die Zeitzeugen. Wie es unter dem Kaiser oder dem Zaren oder noch früher war, kann uns keiner mehr aus eigenem Erleben berichten. So wird es auch mit der DDR-Geschichte sein, wenn wir mal alle tot sind. Je nach politischer Konstellation hat es dann kein Recht auf Arbeit und Bildung gegeben, dann war es Zwang zur Arbeit Bildung u.s.w. Und die meisten dann Lebenden ohne Opa/Oma-Erinnerungen werden´s glauben.



Gab es das in der DDR?



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#749

RE: Ostdeutsche halten DDR nicht für Unrechtsstaat

in Das Ende der DDR 16.11.2013 08:34
von schnatterinchen (gelöscht)
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Zitat von DoreHolm im Beitrag #742


Rot: Das war´s eben, der Unterschied zwischen den einzelnen Firmen. Sehr stark abhängig, was für einen staatlichen und politischen Leiter diese hatten. Siehe mein nachfolgender Beitrag zu Deinem. Bei uns hatte die Qualitäts-Chefin den Ausreiseantrag gestellt. Klar, der staatliche Leiter mußte etwas tun. Ich wurde als BPO-Sekretär zwar informiert, aber nicht um eine Entscheidung gefragt. Es wurde für sie ein "Ersatzjob" gefunden, weiterhin bei uns im Labor ohne aus meiner Sicht diskriminierender Umsetzung. Nichts mit Produktionsarbeiterin oder Hilfsabteilung (z.B. Leergut reinigen). Wir, also die Leitungsebene sowie ich als BPO-Sekretär hatten die Aufgabe, abwechselnd mit ihr zu sprechen, um sie zur Rücknahme ihres Ausreiseantrages zu bewegen. Ich fand´s als unangenehme Pflichtübung und so war es mehr eine lockere Plauderei, sagte ihr, daß ich es zwar nicht billige, es aber letztlich ihre Privatangelegenheit sei. So etwa. Wird mir nicht jeder von Euch so abnehmen, aber so wars. Die Kollegin war Mitglied in unserer Brigade und so hatte ich schon vorher mehr betriebliche Berührungspunkte. Wie ich die anderen Leiter einschätze, werden die Gespräche nicht so sehr viel anders gelaufen sein. Irgendwann war sie dann weg und meine andere Kollegin aus dem Labor hielt auf privater Basis die Verbindung zu ihr und erzählte manchmal, wie es ihr so geht.
Also, bei solcherart Verhaltensweisen nicht immer gleich auf die bösen Funktionäre oder die Stasi zeigen. Oft handelte es sich dabei um sich besonders überzeugt gebärdende Menschen, die in vorauseilendem Gehorsam handelten. Es hat sie m.E. keiner dazu gezwungen, wie Du im Fall des Leiters des Fernheizkraftwerkes schilderst, eine dermaßen rigorose Degradierung vorzunehmen.




Nee @DoreHolm , das nehme ich Dir auch nicht ab.
Jeder DDR Bürger der seine Heimat DDR endgültig verlassen wollte wurde von seinen Behörden zum Gegner des Staates erklärt und so behandelt.
Ist dies wirklich alles an Dir vorbeigegangen ohne das Du irgendetwas davon bemerkt hast?
Wer in seinem Betrieb noch was werden wollte oder vom Staat was wollte und eine Kollegin oder Kollege hatte die einen Antrag laufen hatten , war tunlichst bestrebt die Kontakte zu dieser Person auf das Mindestmaß herunterzuschrauben oder abzubrechen um nicht zu diesen Kreisen gezählt zu werden.
Ich habe das selbst erlebt. Die Leute waren auch im Bekanntenkreis weitestgehend abgeschrieben.Die gehörten nicht mehr dazu.Waren quasi schon weg, auf nimmerwiedersehn.
"Nette Plauderei" oder "Privatangelegenheit" im Zusammenhang mit Antrag auf ständige Ausreise aus der DDR , passt zusammen wie ein Hundeschiss auf einer weißen Tischdecke.


zuletzt bearbeitet 16.11.2013 08:36 | nach oben springen

#750

RE: Ostdeutsche halten DDR nicht für Unrechtsstaat

in Das Ende der DDR 16.11.2013 08:55
von Rostocker | 7.721 Beiträge

Zitat von schnatterinchen im Beitrag #749
Zitat von DoreHolm im Beitrag #742


Rot: Das war´s eben, der Unterschied zwischen den einzelnen Firmen. Sehr stark abhängig, was für einen staatlichen und politischen Leiter diese hatten. Siehe mein nachfolgender Beitrag zu Deinem. Bei uns hatte die Qualitäts-Chefin den Ausreiseantrag gestellt. Klar, der staatliche Leiter mußte etwas tun. Ich wurde als BPO-Sekretär zwar informiert, aber nicht um eine Entscheidung gefragt. Es wurde für sie ein "Ersatzjob" gefunden, weiterhin bei uns im Labor ohne aus meiner Sicht diskriminierender Umsetzung. Nichts mit Produktionsarbeiterin oder Hilfsabteilung (z.B. Leergut reinigen). Wir, also die Leitungsebene sowie ich als BPO-Sekretär hatten die Aufgabe, abwechselnd mit ihr zu sprechen, um sie zur Rücknahme ihres Ausreiseantrages zu bewegen. Ich fand´s als unangenehme Pflichtübung und so war es mehr eine lockere Plauderei, sagte ihr, daß ich es zwar nicht billige, es aber letztlich ihre Privatangelegenheit sei. So etwa. Wird mir nicht jeder von Euch so abnehmen, aber so wars. Die Kollegin war Mitglied in unserer Brigade und so hatte ich schon vorher mehr betriebliche Berührungspunkte. Wie ich die anderen Leiter einschätze, werden die Gespräche nicht so sehr viel anders gelaufen sein. Irgendwann war sie dann weg und meine andere Kollegin aus dem Labor hielt auf privater Basis die Verbindung zu ihr und erzählte manchmal, wie es ihr so geht.
Also, bei solcherart Verhaltensweisen nicht immer gleich auf die bösen Funktionäre oder die Stasi zeigen. Oft handelte es sich dabei um sich besonders überzeugt gebärdende Menschen, die in vorauseilendem Gehorsam handelten. Es hat sie m.E. keiner dazu gezwungen, wie Du im Fall des Leiters des Fernheizkraftwerkes schilderst, eine dermaßen rigorose Degradierung vorzunehmen.




Nee @DoreHolm , das nehme ich Dir auch nicht ab.
Jeder DDR Bürger der seine Heimat DDR endgültig verlassen wollte wurde von seinen Behörden zum Gegner des Staates erklärt und so behandelt.
Ist dies wirklich alles an Dir vorbeigegangen ohne das Du irgendetwas davon bemerkt hast?
Wer in seinem Betrieb noch was werden wollte oder vom Staat was wollte und eine Kollegin oder Kollege hatte die einen Antrag laufen hatten , war tunlichst bestrebt die Kontakte zu dieser Person auf das Mindestmaß herunterzuschrauben oder abzubrechen um nicht zu diesen Kreisen gezählt zu werden.
Ich habe das selbst erlebt. Die Leute waren auch im Bekanntenkreis weitestgehend abgeschrieben.Die gehörten nicht mehr dazu.Waren quasi schon weg, auf nimmerwiedersehn.
"Nette Plauderei" oder "Privatangelegenheit" im Zusammenhang mit Antrag auf ständige Ausreise aus der DDR , passt zusammen wie ein Hundeschiss auf einer weißen Tischdecke.


grün---Kann ich absolut nicht bestätigen. Kollege von mir. der 88 ausreiste mit Familie. Hat noch sein Haus verkauft und nahm noch an Brigadefeiern teil und selbst in den Pausenzeiten saß man zusammen. Ich weiß so was wir heute nicht gerne gehört. Aber man soll sich heute nicht hinstellen und alles verallgemeinern.


Küchenbulle 79 und Diskus303 haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#751

RE: Ostdeutsche halten DDR nicht für Unrechtsstaat

in Das Ende der DDR 16.11.2013 09:10
von schnatterinchen (gelöscht)
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Zitat von Rostocker im Beitrag #750

grün---Kann ich absolut nicht bestätigen. Kollege von mir. der 88 ausreiste mit Familie. Hat noch sein Haus verkauft und nahm noch an Brigadefeiern teil und selbst in den Pausenzeiten saß man zusammen. Ich weiß so was wir heute nicht gerne gehört. Aber man soll sich heute nicht hinstellen und alles verallgemeinern.




... selbst in den Pausenzeiten saß man zusammen und sein Haus durfte er auch noch verkaufen.
Ach wie menschlich. War eben doch nicht alles schlecht.
Mal eine Frage Rostocker. War es nicht so , daß man als Ausreiseantragsteller zum Gegner des Systems wurde?
Die Genossen habe das schon richtig gesehen, wer den sozialistischen Staat verlassen wollte, wollte nicht mehr mitmachen und fand etwas anderes besser. Ergo: Er war dagegen.


Hapedi hat sich für diesen Beitrag bedankt
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#752

RE: Ostdeutsche halten DDR nicht für Unrechtsstaat

in Das Ende der DDR 16.11.2013 09:35
von Rostocker | 7.721 Beiträge

Zitat von schnatterinchen im Beitrag #751
Zitat von Rostocker im Beitrag #750

grün---Kann ich absolut nicht bestätigen. Kollege von mir. der 88 ausreiste mit Familie. Hat noch sein Haus verkauft und nahm noch an Brigadefeiern teil und selbst in den Pausenzeiten saß man zusammen. Ich weiß so was wir heute nicht gerne gehört. Aber man soll sich heute nicht hinstellen und alles verallgemeinern.




... selbst in den Pausenzeiten saß man zusammen und sein Haus durfte er auch noch verkaufen.
Ach wie menschlich. War eben doch nicht alles schlecht.
Mal eine Frage Rostocker. War es nicht so , daß man als Ausreiseantragsteller zum Gegner des Systems wurde?
Die Genossen habe das schon richtig gesehen, wer den sozialistischen Staat verlassen wollte, wollte nicht mehr mitmachen und fand etwas anderes besser. Ergo: Er war dagegen.


Schnatter--Zu deiner Frage--Ob er nun ein Gegner des System war, das kann ich und will ich auch garnicht beantworten. War kein Genosse, für mich und meiner Kollegen gehörte er mit zum Kollegenkreis. Und übrigens, hat nicht jedes System seine Gegner? Auch die Demokraten werden gegen ihre Gegner hart angehen wenn es um die Macht geht.


Küchenbulle 79 und DoreHolm haben sich für diesen Beitrag bedankt
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#753

RE: Ostdeutsche halten DDR nicht für Unrechtsstaat

in Das Ende der DDR 16.11.2013 10:26
von studfri | 762 Beiträge

Zitat von Rostocker im Beitrag #752
Zitat von schnatterinchen im Beitrag #751
Zitat von Rostocker im Beitrag #750

grün---Kann ich absolut nicht bestätigen. Kollege von mir. der 88 ausreiste mit Familie. Hat noch sein Haus verkauft und nahm noch an Brigadefeiern teil und selbst in den Pausenzeiten saß man zusammen. Ich weiß so was wir heute nicht gerne gehört. Aber man soll sich heute nicht hinstellen und alles verallgemeinern.




... selbst in den Pausenzeiten saß man zusammen und sein Haus durfte er auch noch verkaufen.
Ach wie menschlich. War eben doch nicht alles schlecht.
Mal eine Frage Rostocker. War es nicht so , daß man als Ausreiseantragsteller zum Gegner des Systems wurde?
Die Genossen habe das schon richtig gesehen, wer den sozialistischen Staat verlassen wollte, wollte nicht mehr mitmachen und fand etwas anderes besser. Ergo: Er war dagegen.


Schnatter--Zu deiner Frage--Ob er nun ein Gegner des System war, das kann ich und will ich auch garnicht beantworten. War kein Genosse, für mich und meiner Kollegen gehörte er mit zum Kollegenkreis. Und übrigens, hat nicht jedes System seine Gegner? Auch die Demokraten werden gegen ihre Gegner hart angehen wenn es um die Macht geht.



Wer sind denn diese "Gegner"?? Doch wohl ausschließlich die Befürworter von Diktaturen. Das war bei den Gegnern der DDR (innerhalb wie außerhalb) wohl genau umgekehrt.



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#754

RE: Ostdeutsche halten DDR nicht für Unrechtsstaat

in Das Ende der DDR 16.11.2013 13:49
von Moskwitschka (gelöscht)
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Bei den Ausreisen von DDR-Bürgern hat wahrscheinlich jeder ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Das war sowohl von der Zeit, von dem Ausreisenden, seinen Gründen und seiner Vorgeschichte abhängig. Aber auch da gab es die ganze Bandbreite von unterschiedlichen Wahrnehmungen. Von der Ausreise von Manfred Krug bis hin zum Freikauf politischer Häftlinge. Die einen wollte man halten, die anderen so schnell wie möglich los werden.

Eine Gruppe von Menschen wurde meiner Meinung in den vielen Beiträgen hier im Forum ausgelassen. Und zwar die, deren Familienverbände von einem Tag auf den anderen auseinander gerissen wurden. Besonders in Berlin konnte man das sehr gut beobachten. Da haben die Eltern in Reinickendorf gelebt und die Tochter in Pankow. Manchmal nur ein Paar Straßen von einander entfernt.

So eine Tochter war meine Schwägerin. Sie lebte in Pankow, ihr Vater in Reinickendorf. Sie hatte aber auch noch einen jüngeren Halbbruder in Pankow, für den sie sich verantwortlich fühlte, nachdem ihre Mutter gestorben war. Mit den Jahren wurde ihr Vater, der Kriegsinvalide war, in Westberlin immer gebrechlicher und sie konnte ihm nicht helfen. Er selbst hatte auch nicht mehr die Kraft, seine Tochter zu besuchen. Ich weiß nicht wie viele Jahre sie in dem Konflikt gelebt hat – sich zwischen Vater und Halbbruder zu entscheiden, bevor sie den ersten Ausreiseantrag zur Familienzusammenführung gestellt hat, der dann auch prompt abgelehnt wurde. Das war Anfang der 70-er als mein Mann von der Armee wieder kam.

Fast zur gleichen Zeit lernte sie in Klärchens Ballhaus (?) einen Westberliner kennen und verliebte sich in ihn. Wie es manchmal so ist im Leben. Sie arbeitete damals als Verkäuferinin. Als sie ihren Kolleginnen von ihrer neuen Liebe erzählte, wurde ihr von einigen bösartig unterstellt, dass sie wohl nun einen anderen Weg über die Mauer suche. Zuerst hat sie das auf die „Berliner Großschnauze“ zurückgeführt, die manchmal sehr direkt sein kann. Doch je fester die Beziehung zwischen ihr und dem Mann aus Westberlin wurde, um so mehr wurde gestichelt. Ob das nun Neid der anderen war, weil sie anders duftete, oder der Pullover schicker war, auch wenn er „nur“ von C&A war, sei mal dahingestellt. Auch wenn es nur Zickenkrieg unter Frauen war, so war er zu der Zeit schon besonders. Die politische Komponente kam hinzu, als sie in die Kaderleitung bestellt und ihr dort nahe gelegt wurde, dass sie doch das Verhältnis mit dem Westberliner lösen sollte.

Es bewirkte jedoch das Gegenteil. Sie suchte sich einen Job in einem mehr oder weniger anonymen Berliner Großbetrieb, kündigte den sauberen Job im Textilhandel und saß fortan am Band, verdiente mehr und war mit ihrer Wochenendbeziehung zu dem Westberliner mehr oder weniger glücklich. Sie liebte auch ihre Arbeit und vor allem fand sie dort zwei Freundinnen, mit denen sie sich offen über ihre Probleme austauschen konnte, ohne das es zum Politikum der ganzen Abteilung wurde. Da fasste sie wieder Mut und stellte wieder einen Ausreiseantrag auf Familienzusammenführung, zumal sie nun 2 Gründe hatte – der kranke Vater und der Freund, mit dem sie zu diesem Zeitpunkt schon 1 ½ Jahre zusammen war, den sie im Antrag bzw. in der Begründung nicht erwähnte. Und was sagte man ihr in einem Gespräch bei der Abteilung Inneres beim Rat des Stadtbezirkes? Ihr Freund gehöre zu ihren wechselnden Männerbekanntschaften, und kein Grund zur Ausreise, sondern eher ein Grund für ihr gestörtes Verhältnis zum sozialistischen Arbeitskollektiv. Und der Vater sei nur vorgeschoben, um ihren Problemen die ausschließlich in ihrer Person liegen, aus dem Weg zu gehen.

Und schon hatte sie den nächsten Gewissenskonflikt. Sollte sie sich von ihrem Freund trennen, damit er ihr nicht im Wege stand, bei ihrer Sorge um ihren Vater? Ärztliche Gutachten über den Gesundheitszustand und die Pflegebedürftigkeit ihres Vaters, die sie den Anträgen beilegte, schienen bei der Beurteilung ihres Begehrens keine Rolle zu spielen. Und so gab sie den Gedanken, sich vom Freund zu trennen auf. Ihr Freund hatte in der Zwischenzeit in Westberlin Kontakt zu ihrem Vater und unterstützte ihn soweit es ihm möglich war. Nicht zuletzt durch lange Gespräche über Tochter und Freundin. So konnten Vater und Tochter auf kurzem Weg Anteil am Alltag des jeweiligen anderen nehmen.

So verging die Zeit und meine Schwägerin wurde schwanger. Mit das schönste, was einer Frau passieren konnte. Die ersten Monate der Schwangerschaft waren für sie die Hölle. Auf der einen Seite die Freude über das in ihr wachsende Kind und auf der anderen Seite die Gewissheit, dass es spätestens mit der Geburt es neue Probleme geben wird, denen man mit einem Schwangerschaftsabbruch aus dem Weg gehen könnte. Sie entschieden sich für das Kind und auch zu heiraten. Sie sammelten alle dafür notwendigen Dokumente zusammen und sprachen beim Standesamt in Berlin – Pankow vor.

Meine Schwägerin wollte nicht ausreisen – sie wollte den Vater ihres Kindes heiraten. Und es ist genau das passiert, was sie befürchtet hat – egal wo sie vor sprach, das noch ungeborene Kind, wurde ihr als Druckmittel auf den Staat ausgelegt – Kind – Heirat – Familienzusammenführung mit dem Ehemann. Im Mai 1974 kam mein Neffe zur Welt. Im Oktober 1979, 5 ½ Jahre später, erhielten sie vom Standesamt Berlin – Pankow kurzfristig einen Termin zur Eheschließung. Ein halbes Jahr später, im April 1980 erhielt sie vollkommen unerwartet die Ausreise, die bis zum 30. Mai 1980 erfolgen musste.

Bis zum letzten Tag hat sie mit sich gerungen, von Pankow nach Reinickendorf zu ziehen. Sie hat zwar alle Formalitäten erledigt, auch die wichtigsten Sachen für sich und die Kinder gepackt – den Mietvertrag gekündigt, aber nicht ihren Hausstand aufgelöst und verschenkt oder verkauft. Sie war bis zuletzt hin und her gerissen zwischen ihren beiden Familien – dem Vater im Westen und dem Bruder im Osten, zumal auch er in der Zwischenzeit eine Familie hatte und sein Sohn im Mai 1980, in den Tagen der Entscheidung geboren wurde. Erst am Tag der Ausreise hat sie sich endgültig für den Weg in den Westen entschieden. An diesem Tag war für uns alle Beteiligten der Bahnhof Friedrichstraße nicht der Tränenpalast, sondern die Tränenhölle.

Doch damit ist die Geschichte der Ausreise meiner Schwägerin noch nicht zu Ende. Mein Mann arbeitete zu diesem Zeitpunkt schon seit 8 Jahren bei eine Massenorganisation. Er war auch Reisekader – wenn auch nur ins sozialistische Ausland. Eine Woche nach der Ausreise meiner Schwägerin wurde er zur Kaderleitung zu einem Gespräch bestellt. Dort stellte man ihm die Frage, ob er nicht hätte verhindern können, dass seine Schwester ausreist. Und eine Ehe mit einem Westberliner hätte es auch nicht geben dürfen. Ich weiß nicht, ob es diese Fakten waren oder die Reaktion meines Mannes der fragte, ob es bei einem Russen etwas anderes gewesen sei, dazu führte, dass mein Mann versetzt wurde. Ein halbes Jahr später kündigte er dort.

Die Gründe meiner Schwägerin waren nicht politisch. Doch bei denen, die sie zurück gelassen hat sind die Gründe, sich mit der Politik der DDR kritisch auseinander zu setzen, größer geworden.

LG von der grenzgaengerin

EDIT (?)


exgakl, DoreHolm und ehem. Hu haben sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 16.11.2013 15:07 | nach oben springen

#755

RE: Ostdeutsche halten DDR nicht für Unrechtsstaat

in Das Ende der DDR 16.11.2013 15:41
von Lutze | 8.034 Beiträge

@grenzgaengerin,
eins verstehe ich nicht,bei deiner Schwägerin,
wenn man einen Ausreiseantrag gestellt hatte,wollte man raus aus der DDR,
egal nach den Gründen,
und erst am Tag der Ausreise hat sie sich für den Westen entschieden?
Lutze


wer kämpft kann verlieren,
wer nicht kämpft hat schon verloren
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#756

RE: Ostdeutsche halten DDR nicht für Unrechtsstaat

in Das Ende der DDR 16.11.2013 15:59
von damals wars | 12.172 Beiträge

Hatte die Schwägerin zufällig ein Klavier im Fluss schwimmen? die Geschichte kommt mir so bekannt vor!


Als Gott den Menschen erschuf, war er bereits müde; das erklärt manches.(Mark Twain)
Ein demokratischer Rechtsstaat braucht Richter, keine Henker. Interview auf der Kundgebung Je suis Charlie am 11.01.2015
"Hass hat keinen Glauben, keine Rasse oder Religion, er ist giftig." der Witwer der britische Labour-Abgeordnete Jo Cox.
http://www.neo-magazin-royale.de/zdi/art...fur-frauke.html
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#757

RE: Ostdeutsche halten DDR nicht für Unrechtsstaat

in Das Ende der DDR 16.11.2013 15:59
von Moskwitschka (gelöscht)
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Zitat von Lutze im Beitrag #755
@grenzgaengerin,
eins verstehe ich nicht,bei deiner Schwägerin,
wenn man einen Ausreiseantrag gestellt hatte,wollte man raus aus der DDR,
egal nach den Gründen,
und erst am Tag der Ausreise hat sie sich für den Westen entschieden?
Lutze


Ja Lutze. In der Zwischenzeit ist mein Neffe größer und älter geworden, sollte eingeschult werden, gemeinsam mit seinen Freunden aus dem Kindergarten in der Schule quer über die Straße. Die Bindung der Schwester an ihren Bruder, der neben ihren Vater ihr einziger lebender Verwandter war, ist enger geworden. Wenn es in ihrer Beziehung zu ihrem Freund und späteren Ehemann mal gekracht hatte, wie in jeder Beziehung, dann hatte sie ihr lieb gewordene Menschen an ihrer Seite. Mein Neffe hat seinen Onkel, meinen Mann, über alles geliebt - war er doch der väterliche Freund, der für ihn immer erreichbar war, wenn der Vater nicht da war.

Es waren am Ende die menschlichen Beziehungen im Alltag, die sie zögern liessen. Die mussten von einem Tag auf den anderen gekappt werden. Nicht jeder ist mit einem freudig erregtem Lächeln zum Grenzübergang und hat seine Entlassung aus der DDR - Bürgerschaft vorgezeigt.

Alles nicht so einfach gewesen, damals.

LG von der grenzgaengerin


Lutze hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 16.11.2013 16:01 | nach oben springen

#758

RE: Ostdeutsche halten DDR nicht für Unrechtsstaat

in Das Ende der DDR 16.11.2013 16:04
von damals wars | 12.172 Beiträge

Ja, die Ausreisewilligen überschwemmten die A& V mit ihren Errungenschaften und sorgten für sinkende Preise.Unser erster Halbautomat stammte auch von einem Ausreißer.


Als Gott den Menschen erschuf, war er bereits müde; das erklärt manches.(Mark Twain)
Ein demokratischer Rechtsstaat braucht Richter, keine Henker. Interview auf der Kundgebung Je suis Charlie am 11.01.2015
"Hass hat keinen Glauben, keine Rasse oder Religion, er ist giftig." der Witwer der britische Labour-Abgeordnete Jo Cox.
http://www.neo-magazin-royale.de/zdi/art...fur-frauke.html
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#759

RE: Ostdeutsche halten DDR nicht für Unrechtsstaat

in Das Ende der DDR 16.11.2013 16:29
von Moskwitschka (gelöscht)
avatar

Zitat von damals wars im Beitrag #756
Hatte die Schwägerin zufällig ein Klavier im Fluss schwimmen? die Geschichte kommt mir so bekannt vor!


Dann weißt Du ja auch, wie ihr Leben im Westen und das ihres Bruders im Osten nach der Ausreise verlaufen ist. Da kannst Du ja meine Erinnerungen weiter schreiben.

Ich werde es hier im Forum jedenfalls nicht tun.

LG von der grenzgaengerin


zuletzt bearbeitet 16.11.2013 16:31 | nach oben springen

#760

RE: Ostdeutsche halten DDR nicht für Unrechtsstaat

in Das Ende der DDR 16.11.2013 16:32
von DoreHolm | 7.697 Beiträge

Zitat von schnatterinchen im Beitrag #749
Zitat von DoreHolm im Beitrag #742


Rot: Das war´s eben, der Unterschied zwischen den einzelnen Firmen. Sehr stark abhängig, was für einen staatlichen und politischen Leiter diese hatten. Siehe mein nachfolgender Beitrag zu Deinem. Bei uns hatte die Qualitäts-Chefin den Ausreiseantrag gestellt. Klar, der staatliche Leiter mußte etwas tun. Ich wurde als BPO-Sekretär zwar informiert, aber nicht um eine Entscheidung gefragt. Es wurde für sie ein "Ersatzjob" gefunden, weiterhin bei uns im Labor ohne aus meiner Sicht diskriminierender Umsetzung. Nichts mit Produktionsarbeiterin oder Hilfsabteilung (z.B. Leergut reinigen). Wir, also die Leitungsebene sowie ich als BPO-Sekretär hatten die Aufgabe, abwechselnd mit ihr zu sprechen, um sie zur Rücknahme ihres Ausreiseantrages zu bewegen. Ich fand´s als unangenehme Pflichtübung und so war es mehr eine lockere Plauderei, sagte ihr, daß ich es zwar nicht billige, es aber letztlich ihre Privatangelegenheit sei. So etwa. Wird mir nicht jeder von Euch so abnehmen, aber so wars. Die Kollegin war Mitglied in unserer Brigade und so hatte ich schon vorher mehr betriebliche Berührungspunkte. Wie ich die anderen Leiter einschätze, werden die Gespräche nicht so sehr viel anders gelaufen sein. Irgendwann war sie dann weg und meine andere Kollegin aus dem Labor hielt auf privater Basis die Verbindung zu ihr und erzählte manchmal, wie es ihr so geht.
Also, bei solcherart Verhaltensweisen nicht immer gleich auf die bösen Funktionäre oder die Stasi zeigen. Oft handelte es sich dabei um sich besonders überzeugt gebärdende Menschen, die in vorauseilendem Gehorsam handelten. Es hat sie m.E. keiner dazu gezwungen, wie Du im Fall des Leiters des Fernheizkraftwerkes schilderst, eine dermaßen rigorose Degradierung vorzunehmen.




Nee @DoreHolm , das nehme ich Dir auch nicht ab.
Jeder DDR Bürger der seine Heimat DDR endgültig verlassen wollte wurde von seinen Behörden zum Gegner des Staates erklärt und so behandelt.
Ist dies wirklich alles an Dir vorbeigegangen ohne das Du irgendetwas davon bemerkt hast?
Wer in seinem Betrieb noch was werden wollte oder vom Staat was wollte und eine Kollegin oder Kollege hatte die einen Antrag laufen hatten , war tunlichst bestrebt die Kontakte zu dieser Person auf das Mindestmaß herunterzuschrauben oder abzubrechen um nicht zu diesen Kreisen gezählt zu werden.
Ich habe das selbst erlebt. Die Leute waren auch im Bekanntenkreis weitestgehend abgeschrieben.Die gehörten nicht mehr dazu.Waren quasi schon weg, auf nimmerwiedersehn.
"Nette Plauderei" oder "Privatangelegenheit" im Zusammenhang mit Antrag auf ständige Ausreise aus der DDR , passt zusammen wie ein Hundeschiss auf einer weißen Tischdecke
.


Grün: Es mag ja sein, daß Du es anders erlebt hast. Ich kann es nur zum ...zigsten male wiederholen, daß in unserer Firma mit unseren Leitern, ob staatlich oder gesellschaftlich, manches nicht so heiß gegessen wurde wie es gekocht wurde, ob Du es glaubst oder nicht. Unsere ehemalige Qualitätschefin wurde keinesfalls vom Brigadeleben ausgeschlossen. Solche Leute aus dem Bekanntenkreis, die wegen einem Ausreiseantrages auf Distanz gegangen sind, kannst Du in die Tonne drücken. Als meine Schwägerin ein gutes Jahr vor der Wende ihren Kölner Freund geheiratet hatte (nach gut 2 Jahren Behördenkampf), ich ihr noch einen Brief aufgesetzt hatte, in dem sie sich über das Verhalten der Behörden beschweren sollte (hat sie leider nie abgeschickt), wurde auch von uns verlangt, mit dem Zeitpunkt der Übersiedlung den Kontakt zu ihr abzubrechen. Das haben meine Frau und ich als Anmaßung empfunden und uns strikt dagegen verwahrt.
Vielleicht sind meine Ansichten und Handlungsweisen zur damaligen Zeit nicht verallgemeinerbar, aber ich war ganz sicher keine Ausnahme unter den BPO-Sekretären des Stadtbezirkes, zumindest nicht unter den Nebenamtlichen, so wie ich diese bei gemeinsamen Beratungen erlebt habe. Mehr kann ich Dir dazu nicht sagen und ich werde nicht wider besseren Wissens hier den Mainstream bedienen.
Ach so, als Ergänzung. Hatte ich auch schon mal geschrieben. Mein Hobbyfreund, mit dem wir eng familiär verkehrten und er Oberleutnant der NVA (kurz vor der Wende noch zum Major befördert), sagte mir einmal, an ihn wurde herangetragen, die Kontakte zu mir nicht zu eng zu gestalten. Hintergrund waren wohl meine zeitweise recht intensiven Hobbykontakte nach Westdeutschland u.a. westeuropäische Staaten.
Er hat sich darin allerdings nicht beeinflussen lassen. Wir haben weiterhin zusammen gefeiert und Whisky getrunken und auf Sammelexkursion gefahren. Betonköpfe und 150%ige verhalten sich anders.



4.Zug 4.Kompanie GAR-40 hat sich für diesen Beitrag bedankt
zuletzt bearbeitet 16.11.2013 16:38 | nach oben springen



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