#1

versteckte Kritik in den Medien der DDR ?

in Leben in der DDR 24.05.2009 18:57
von Berliner (gelöscht)
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Hat man sich oft heimlich beschwert in den Medien in der DDR ?
Wie sah das meist aus ?

Hier ein Beispiel davon wie man sich angeblich ueben den Kaffe-Mix beschwerte: Clip


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#2

RE: versteckte Kritik in den Medien der DDR ?

in Leben in der DDR 24.05.2009 19:10
von Berliner (gelöscht)
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Unten ein Artikel.

Auf dem ersten Blick scheint es ein ehrlicher Beitrag zu sein, aber beim naeheren Betrachten erkennt man vielleicht eine zynische Absicht.

War der Artikel zynisch gemeint, Euerer Meinung nach?

Berliner



Die Kraft der zwei Kerzen
Fahrbericht zum Trabant 601
aus: Sozialistischer Straßenverkehr, Nr. 6/1987
Von Bastian Lieberknecht

Es gibt Dinge auf dieser Welt, die kann man nicht mehr verbessern. Weil sie perfekt sind. Der Trabant 601 vom VEB Sachsenring Zwickau, made in GDR, gehört zweifellos dazu. Wenn es anders wäre, würde er nicht seit 1964 fast unverändert auf den Straßen der DDR und der Bruderländer sowie als begehrter Exportartikel im NSW tuckern. Er rollt und rollt und rollt. Einmalig, unverwechselbar — schon allein durch das graublaue Abgaswölkchen, das stets hinter ihm schwebt.

Aber dank des Fleißes und des unbändigen Neuererdrangs der sächsischen Automobilbauer geschieht das Undenkbare stets aufs neue. Wie sich unsere führende Partei die geniale Losung “Kontinuität durch Erneuerung” auf ihre Fahnen geschrieben hat, so werden im Rhythmus der Taktstraße, frei von ausbeuterischem Akkord, gleichsam angetrieben von einem unsichtbaren Herzschrittmacher, ständig neue Ideen geboren. Gut ist uns nicht gut genug, es kann nämlich noch besser gemacht werden. Und so finden die Neuerervorschläge aus dem sozialistischen Wettbewerb ständig Eingang in das Spitzenprodukt Trabant 601.

Ein guter Grund also für unsere Fachzeitschrift, den erprobten Pkw wieder einmal planmäßig unter die Lupe zu nehmen und auf Tank und Getriebe zu prüfen. Bereits nach l4monatigen Verhandlungen gelang es unserer Redaktion, vom Kooperationspartner VEB IFA-Vertrieb ein Testfahrzeug zu ergattern und einem Härtetest zu unterziehen. Stolz können wir das Ergebnis vorwegnehmen: Der Trabant hält, was er verspricht.

Entsprechend den Hinweisen des Herstellerbetriebes hatten wir uns natürlich vor Fahrtantritt in einem kurzen Lehrgang mit der populärwissenschaftlich geschriebenen Betriebsanleitung vertraut gemacht. Ebenso berucksichtigten wir die programmatischen Hinweise zur Inbetriebnahme des Fahrzeugs.

Da für die Fahrsicherheit die Bereifung ausschlaggebend ist, zählten wir zuerst die Räder nach und stellten befriedigt fest, daß zum Abbau der Überplanbestande in den Kofferraum eines jeden Wagens ein zusätzliches Rad deponiert wurde. Zum einen wird dadurch das Gleichgewicht des Fahrzeugs gewahrt, weil es sich sonst durch das Motorgewicht zu stark nach vorn neigen würde. Zum anderen hat man für den Fall der Fälle gleich ein Reserverad zur Hand, wenn ein Reifen einen Platten hat. Da muß man den Pneu nicht mühselig abziehen und mit kleinen Gummistückchen bekleben, sondern kann gleich das fertige Rad draufschrauben. Das kommt freilich außerst selten vor, und außerdem fühlen sich die mobilisierten DDR-Burger eher dem Lenkrad als dem Ersatzrad verwandt.

Nach den Reifen prüften wir die Beleuchtungs- und Signaleinrichtung sowie den natürlich nach links schwenkenden Scheibenwischer und guckten uns die Vorrate im Kraftstoffbehalter und in der Scheibenwaschanlage an. Als letztes spielten wir probehalber mit der vorhandenen Lenkung und den Bremsen, denn es ist ja mit Geradeausfahren und Gasgeben allein nicht getan.
Bevor wir aber starteten, genehmigten wir uns einen neugierigen Blick unter die Motorhaube. Auffällig zuerst das ausgeklügelte System von Rohrleitungen, das es jedem Fahrer mit entsprechender ingenieurtechnischer Ausbildung ermöglicht, die Heizleistung proportional zur Geschwindigkeit zu gestalten. Wie ein Jaguar auf dem Sprung starrt uns das kraftstrotzende quereingebauten Zwei-Zylinder-Reihentriebwerk an. Donnerwetter — der 26-PS-Motor ist festgeschraubt, seine Leistungsfähigkeit also untrennbar mit dem Wagen verbunden. Die Antriebsquelle bedarf keiner Wasser- oder sonstigen künstlichen Kühlung, sondern lediglich der naturlichen Luftkühlung beim Fahren. Dadurch wird die Anspruchslosigkeit des Zweitakt-Otto-Motors bezüglich der Wartung noch erhöht. — Wie bei einander zugeneigten Menschen: Die leben auch von Luft und Liebe. Zwei Zündkerzen im Zweiertakt.
Wenn der Wagen zu langsam gefahren wird, kann dem Motor allerdings nicht genügend kalte Frischluft zugeführt werden und er droht zu überhitzen, wie es uns bei unserer Testfahrt an der Steilen Wand von Meerane erging. Abhilfe schafft da ein serienmäßig eingebautes Kühlluftgebläse, das mit Keilriemen von der Kurbelwelle angetrieben wird. Völlig normal dabei ist, da Keilriemen nur eine geringe Lebenserwartung haben. Beim ersten Mal waren wir darauf leider nicht vorbereitet und hatten keinen Ersatz dabei. Doch die Dederonstrumpfhose der mit uns fahrenden Protokollantin war ein gleichwertiger Ersatz. Beim zweiten Mal waren wir besser darauf eingestellt, außerdem professionell geübt und schafften den Keilriemenwechsel in der Weltrekordzeit von 3 Minuten und 4 Sekunden.

Das ist typisch für den Trabant: Fast alle Reparaturen, die aufgrund der ausgezeichneten Qualitätsarbeit “Meine Hand für mein Produkt” eigentlich im Prinzip gar nicht anfallen, kann der Laie aus Freude an der Sache selbst erledigen: vom Wechseln der Zylinderkopfdichtung über den Austausch eines Kotflugels bis zur optimalen Zündeinstellung. Die durchschaubare Technik — unsere sowjetischen Freunde nennen das Glasnost — ist doppelt gewollt. Erstens kann sich der polytechnisch hervorragend gebildete DDR-Bürger am Trabi jederzeit praktisch austoben. Und zweitens kann das Prinzip der langfristig und planmaßig zu vergebenden Werkstattermine beibehalten und auf die obligatorisch einmalige Garantiedurchsicht (Inspektion) im Perspektivplanzeitraum begrenzt werden.

Aber wir verweilen noch einen Moment unter der Kühlerhaube und bewundern den riesigen Energie-Vorratsbehälter, der hier ebenfalls ausreichend Platz findet. Man muß somit nicht wie bei anderen Autos umständlich um den Wagen herum nach hinten laufen und den Tankverschluß öffnen. Vielmehr genügt ein Griff unters Armaturenbrett, man zerrt am Bowdenzug, die Motorhaube wird hochgeklappt, und schon kann der 26-Liter-Behälter vollgetankt werden. Selbstverständlich nicht mit reinem Sprit, sondern dem entsprechenden Benzin-Ölgemisch von 1:33. Dieser Mix bietet außerdem den Vorteil, da beim Trabant der Motorölwechsel entfällt. Von yolkswirtschaftlicher Bedeutung ist nicht zuletzt, daß der Trabant keine Benzinpumpe mit sämtlichen Nachfolgeaggregaten benötigt. Da der Tank oberhalb des Motors sitzt, erledigt das die Schwerkraft: Der Kraftstoff tröpfelt wie von Zauberhand von oben nach unten.
Einfach und genial auch die Tankanzeige. Sie erfolgt nicht umständlich über irgendwelche nervösmachenden blinkenden Lichter irgendwo im Cockpit, sondern kann direkt vor Ort abgelesen werden — mit Hilfe eines Digitalmeßstabes aus Plaste, an dessen Display die noch vorhandenen Liter zu erkennen sind. Sollte ein Kraftfahrer dies jedoch versehentlich unterlassen haben und während der Fahrt am Stottern des Autos merken, daß das Benzin zur Neige geht, kann er immer noch die Benzinreserve aktivieren. Dazu muß er sich nur tief unter das Armaturenbrett auf der Beifahrerseite beugen und den Benzinhahn von senkrechter auf die waagerechte Reserve-Stellung drehen. Vor allem im Stadtverkehr oder während der Autobahnfahrten bei Hochstgeschwindigkeit erfordert das vom Piloten eine gehörige Portion Geschick und Reaktionsfahigkeit. Wer mit der Kraftstoffreserve gänzlich auf Nummer sicher gehen will, sollte wenigstens auf einen 5-Liter-Reservekanister nicht verzichten. Ansonsten hat der Trabant-Kofferraum Platz für ein Dutzend 20-liter-Kanister, was bei den Einkaufsfahrten ubers weite Land nicht unerheblich ist.

Der Fahrgastinnenraum des Trabant bietet einen Komfort, wie man ihn bei anderen Wagen dieser Kiasse vergeblich sucht. Vier ausgewachsene Personen finden darin bequem Platz — gezüchtet nach dem Standardmaß von 1,50 Meter Größe und einem Durchschnittsgewicht von 45 Kilo. Üppige Kopf- und Beinfreiheit sind kaum noch der Rede wert, dafür um so mehr die leicht nach vorn und hinten beweglichen Vordersitze. Sie ersparen auch Sitzhöhen- oder gar Lenkradverstellung, weil man im Sozialismus aufrecht sitzt. Die Rückenlehnen sind der Körperform angepaßt, die Sitzflächen wurden bewußt hart gepolstert, damit man beim Fahren nicht einschläft.

Wo andere Fahrzeuge eine verwirrende Instrumententafel besitzen, besticht der Trabant durch ein schlichtes und übersichtliches Armaturenbrett. In dessen Zentrum das Tachometer, wobei nicht nur dessen angenehme mattgraue und völlig blendfreie Beleuchtung überzeugt, sondern auch die Genauigkeit der Anzeige mit einer Toleranz von sieben bis elf Stundenkilometern. Die Zulieferer vom VEB Meßgerätewerk Beierfeld haben also das Weltniveau gleichfalls erreicht. Zwischen der Klingel und dem Handschuhfach für das mitgelieferte umfangreiche Werkzeugsortiment wurde eine mustergültige Lösung für den Aschenbecher gefunden. Er wird einfach aus der Halterung herausgezogen bzw. von unten herausgedrückt. Nach dem Motto “Abwechslung statt Monotonie im Cockpit!” ließen die Trabi-Techniker ihrer Innovationsfreude freien Lauf und installierten für den Beifahrer rechts einen Rasierspiegel. Zum Ausgleich wurde in die linke Sonnenbiende auch ein Spiegel eingebaut. Denn im Züge fortschreitender Gleichberechtigung setzen sich immer mehr Kraftfahrerinnen hinter das runde Lenkrad, die auch während der Fahrt ihre Bedürfnisse befriedigen wollen, wozu u.a. das Schminken gehört. Nebenbei können an der Kontaktstelle des entfernten Zigarettenanzünders auch andere elektrisch betriebene Kleingeräte angeschlossen werden.

Und da Zwickauer Erfindergeist keine Grenzen kennt, kann der Trabant-Fahrer mit seinen Füßen nunmehr drei Pedalen bedienen. Deren Funktionen reichen über Kuppeln, Bremsen oder Gas geben hinaus, indem sie auch der Links-, Rechts- und Geradeausfahrt dienen. Sehr sinnvoll auch die elegante Handbremse, die ein Durchdrehen der Antriebsräder beim Blitzstart verhindert. Manche Ehefrauen haben es mit angezogener Handbremse bis zu einer Durchschnittsgeschwindigkeit von 32 Stundenkilometern gebracht.

Der groß3 Spaß am Trabant beginnt aber erst richtig, wenn der Tiger im Tank losgelassen wird. Der satte Motorsound läßt jedes Autofahrerherz höher schlagen. Beim Übergang vom jaulenden “töff, töff” zum ohrenbetäubenden bulligen “jimm, jimm” drückt es den Fahrer in seinen Sitz, der Trabant beschleunigt von 0 auf 100 innerhalb atemberaubender 374 Sekunden. Die blitzartige Kraftübertragung erfolgt über eine Tellerfederkupplung auf das vollsynchronisierte Vierganggetriebe mit Freilauf im vierten Gang. Die Stockschaltung an der Lenksäule ist kinderleicht zu bedienen.

Das elastische Trabant-Triebwerk ist allein wegen seiner Urwüchsigkeit ein Quell heller Freude. Es gibt einem das gute Gefühl, ganz nah dran zu sein an der Maschine, die einen fortträgt, wenn man sich nur kameradschaftlich behandelt. Em Renner, der nur schwer zu bremsen ist. Männer aus Stahl fahren Autos aus Pappe!
Der 601 ist wirklich eine kleine Rakete. Den Gashebel nur antippen — schon flitzt er fort! Die 100 Stundenkilometer schafft er bergab spielend mit Halbgas. Gibt man Vollgas, kann er immer noch einige Sachen zulegen, bis der Motor seine füllungsbedingte Drehzahlgrenze erreicht hat. Ebenso sein tadelloses Verhalten am Berg, und geradezu phantastisch die Straßenlage dieses kleinen Wagens! Der Trabant ist ein Kurvenkünstler par exellence. Er verkraftet Dank präziser Lenkreaktionen und seiner Progressivfederung Kurvengeschwindigkeiten, bei denen bei Großraumlimousinen schon die Hinterachse nach außen wandert.

Das alles ist nur moglich, weil der Trabant sich auch von außen als Kind seiner Zeit gibt — geplattet, stromlinienförmig und windschnittig. Manche meinen, der Trabant besäße den Luftwiderstand einer nach vorne geöffneten Halbkugel. Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Denn die Karosserie ist echt klassisch — sie hat die Form eines Siegerpodestes.
Und wer dort auf dem obersten Treppchen steht, daran lassen historischer Materialismus und Optimismus keinen Zweifel. Unser Trabant stellt das entscheidende Stück Fortschritt im internationalen Automobilbau dar — deshalb mitunter die etwas längeren Wartezeiten bis zu seiner Auslieferung. Als technisch ausgereifter Pkw wird er sich auch in Zukunft bewähren.

Er ist Fleisch vom Fleische unserer Republik: wendig, schnell, ausdauernd und robust.

zuletzt bearbeitet 24.05.2009 19:18 | nach oben springen

#3

RE: versteckte Kritik in den Medien der DDR ?

in Leben in der DDR 24.05.2009 20:38
von Augenzeuge (gelöscht)
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Hallo Berliner,

ein zynischer Artikel für einen aufgeklärten, weltoffenen Menschen. Ein traumhafter Artikel, geeignet für einen Kommentar von Karl Eduard von Schnitzler.



Gruß, Augenzeuge


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#4

RE: versteckte Kritik in den Medien der DDR ?

in Leben in der DDR 24.05.2009 21:08
von Rainman2 | 5.757 Beiträge

Hallo Berliner,

von der Existenz eines solchen Artikels hatte ich mal gehört, ihn leider noch nie gelesen. Danke für dieses wundervolle Fundstück. Ich würde nicht sagen, dass der Artikel zynisch ist. Er ist eher ironisch. Normalerweise konnte so etwas in der offiziellen DDR-Zeitschriftenlandaschaft nicht erscheinen. Wenn es nun aber doch erschienen ist, warum? Ich spekuliere mal ein wenig: Erstens sollte man den Zeitpunkt beachten. Im Juni 1987 steckte die Sowjetunion schon voll in ihrer Perestroika drin. Unter diesem Rückenwind wurde manches Wort auch in der Öffentlichkeit schon etwas kecker. Aber es blieb immer noch sehr leise. Zweitens musste dieser Artikel am Chefredakteur vorbei. Wenn ich ich mir die "Hülle" des Artikels ansehe (die beiden Eingangsabsätze und der Schlussabsatz), dann stelle ich fest, dass nichts fehlt: Ein Hoch auf die sozialistische Produktion, die Feststellung, dass es uns besser geht als im Kapitalismus, der Hinweis auf die Erfolge der Werktätigen und der Führung und so weiter ... Da konnte ein staatlicher Leiter schonmal für den Rest des Artikels abschalten und ihn "abnicken".

Solche Artikel sprachen sich sehr schnell rum. Insofern wäre es sicher interessant, die Schicksale des Journalisten und des Chefredakteurs zu hinterfragen.

Danke nochmal und bis neulich im Forum
ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


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#5

RE: versteckte Kritik in den Medien der DDR ?

in Leben in der DDR 24.05.2009 23:40
von Bunkerkommandant (gelöscht)
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Ich glaube, dieser Artikel ist mal im "Eulenspiegel" erschienen.
Der "Eulenspiegel" wäre eher typisch für einen solchen Artikel.

Wir lesen uns,
Thomas.


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#6

RE: versteckte Kritik in den Medien der DDR ?

in Leben in der DDR 28.05.2009 20:22
von Berliner (gelöscht)
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Zitat von Bunkerkommandant
Ich glaube, dieser Artikel ist mal im "Eulenspiegel" erschienen.
Der "Eulenspiegel" wäre eher typisch für einen solchen Artikel.


Hi Thomas, vielen Dank.

Ich schaute kurz nach. In der Tat ist dieser Artikel aus einem Buch dass, vom Eulenspiegel verlegt wurde. Nun war nicht darauf hingewiesen dass, dieses ein Scherz sei. Es kam gleich danach ein "Gegenartikel" aus den Westmedien was ziemlich hart ran ging, also "im Osten nicht neues" und so.

Also, erschien dieser Artikel in der DDR als Gag ? Hatte es sowas in der DDR gegeben ?


Berliner

zuletzt bearbeitet 28.05.2009 20:23 | nach oben springen

#7

RE: versteckte Kritik in den Medien der DDR ?

in Leben in der DDR 28.05.2009 20:35
von manudave (gelöscht)
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Denkt nur mal an die Artikel in den letzten "Sputnik" Ausgaben.

Was die kennt Ihr nicht?

Geht auch nicht, die wurden von der DDR Führung eingestampft, da in der Zeitung der sowjetischen Freunde zuletzt zuviel Perestroika stand.


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#8

RE: versteckte Kritik in den Medien der DDR ?

in Leben in der DDR 28.05.2009 21:08
von Rainman2 | 5.757 Beiträge

Hallo Berliner,

ja, wenn es der Eulenspiegel bzw. der gleichnamige Verlag war, dann war das ein Gag. Der Eulenspiegel, den es heute immer noch gibt, war das Satire-Magazin der DDR. Mit Satire, auch mit Kabarett, taten sich die oberen in der DDR schwer. Argwöhnisch wurde jeder Humorist beäugt und, wenn er aus Sicht der Führung oder der kleinen Führungen zu weit ging, auch mal "abgeschossen". Der Artikel mit dem Trabi war harmlos. Im Zentrum der Satire standen die "Schwächen einzelner". Die gelernten DDR-Bürger hatten aber gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen. Das konnten sie auch bei Satire sehr gut.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


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#9

RE: versteckte Kritik in den Medien der DDR ?

in Leben in der DDR 28.05.2009 22:36
von Berliner (gelöscht)
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Zitat von manudave
Denkt nur mal an die Artikel in den letzten "Sputnik" Ausgaben.

Was die kennt Ihr nicht?

Geht auch nicht, die wurden von der DDR Führung eingestampft, da in der Zeitung der sowjetischen Freunde zuletzt zuviel Perestroika stand.


als ich diese Tatsache aus einem meiner Dokus erfuhr, dachte zunaechst ich habe mich verhoert.

Also, eine sowjetische Zeitung in der DDR verboten ?

Berliner

zuletzt bearbeitet 28.05.2009 22:37 | nach oben springen

#10

RE: versteckte Kritik in den Medien der DDR ?

in Leben in der DDR 28.05.2009 23:19
von Rainman2 | 5.757 Beiträge

Hallo Berliner,

genau genommen war das Verbot ein "Unfall". Ich hatte es schonmal an anderer Stelle erzählt, wiederhole es aber gern nochmal. Der "Diensthabende" im Kulturministerium für ein Wochenende hatte in einer Sputnikausgabe einen Artikel gefunden, von dem er nicht wusste, ob der "in Ordnung" geht. Sicherheitshalber stoppte er die Auslieferung. Es war bekannt, dass der Sputnik an dem Montag ausgeliefert werden sollte. Die Artikel zu Glasnost und Perestroika waren hochbegehrt, zeigten sie doch eine uns bis dato unbekannte Form gesellschaftlicher Auseinandersetzung. Am Montag ging der "normale Geschäftsbetrieb" im Kulturministerium los, die "richtigen Entscheider" waren also wieder da. Der Artikel hätte eigentlich nicht zu einem Verbot führen müssen, aber jetzt stand der vernünftigen Entscheidung, die Auslieferung doch noch zum Dienstag zu starten, der Grundsatz entgegen, dass die Partei immer recht hat, also recht haben muss. Die Verzögerung der Auslieferung wurde sofort in der Bevölkerung bemerkt. Wenn die Zeitschrift dann doch noch verspätet rausging, konnte das zeigen, dass keine Einigkeit oder Zweifel in der Führung bestand. Also machte man aus der Verzögerung ein Verbot. So zumindest wurde mir die Geschichte von einem führenden Mitarbeiter des Kulturministeriums erzählt.

Aber selbst wenn das nicht auf die typische DDR-Art gelaufen wäre, früher oder später hätte man den sowieso aus dem Verkehr genommen. Mit Gorbatschow kamen eine Menge Probleme für die Betonköpfe der Parteiführung. Zurecht.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


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#11

RE: versteckte Kritik in den Medien der DDR ?

in Leben in der DDR 29.05.2009 00:29
von Berliner (gelöscht)
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Danke Rainman dass, Du Dir wieder die Zeit genommen hast.

Es ist komisch--so oft ist die Wahrheit nicht so wie wir es gerne haetten, sondern so wie es ist.


zu Deinem Beitrag oben:

Zitat von Rainman2
Der Eulenspiegel, den es heute immer noch gibt, war das Satire-Magazin der DDR. Mit Satire, auch mit Kabarett, taten sich die oberen in der DDR schwer. Argwöhnisch wurde jeder Humorist beäugt und, wenn er aus Sicht der Führung oder der kleinen Führungen zu weit ging, auch mal "abgeschossen". Der Artikel mit dem Trabi war harmlos. Im Zentrum der Satire standen die "Schwächen einzelner". Die gelernten DDR-Bürger hatten aber gelernt, zwischen den Zeilen zu lesen. Das konnten sie auch bei Satire sehr gut.


Um ehrlich zu sein, dachte ich nicht, dass es eine erlaubte, (oder vielleicht besser, geduldete?), oeffentliche Kritik in der DDR gab. Die DVD-Dokus zeigen hauptsaechlich was nicht erlaubt war.

Hier noch ein Clip aus der DVD-Serie Das war die DDR, Sprichwort "abgeschossen".

Berliner


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#12

RE: versteckte Kritik in den Medien der DDR ?

in Leben in der DDR 29.05.2009 07:02
von S51 | 3.733 Beiträge
Wenn ich heute Dokumentationen über die DDR sehe, habe ich mitunter den Eindruck, woanders gelebt zu haben. Sicher, alles, was beschrieben ist: Zensur, alleiniger Machtanspruch der Partei, politische Verfolgung und ihre "Feinheiten" gab es tatsächlich. Jedoch keineswegs so absolut dauend präsent und bei der kleinsten Kleinigkeit bereit zum Zuschlagen.
Das kann ich schon beurteilen, habe schließlich auch hin und wieder Artikel für die Lokalseite der Leipziger Volkszeitung verzapft. Hauptsächlich aus dem Bereich Umwelt, Sport und Jagd. Wenn ich da für jedes oberschlaue Wort drei Jahre gekriegt hätte, müsste ich jetzt noch sitzen. So ein paar kleine Spitzen waren immer mal "frei" und die Zensur bestand hauptsächlich in so einer Art Selbstzensur ("das" geht jetzt aber nicht - muss man eben "so" schreiben). Die schönsten Witze kamen ja eh von der Parteileitung selbst. Und die Schoten (Entgleisungen, Fauxpass) auch.
Die Masse der Bevölkerung hatte weniger unter direktem Druck zu leiden als unter der Möglichkeit, es könnte auch dicke kommen. Das machte die Sache nicht besser.
Aber wenn sie einen erst mal auf den Kiecker hatten, war der Spaß schnell vorbei und das dann eben typisch deutsch gründlich.

GK Nord, GR 20, 7. GK
VPI B-Lbg. K III


zuletzt bearbeitet 29.05.2009 07:03 | nach oben springen



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