#41

RE: DDR-Gefängnis-Methoden

in Leben in der DDR 23.05.2009 09:38
von manudave (gelöscht)
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Wenn du Vergleiche mit vereinzelten Westdeutschen Kinderheimen ziehst, vergleichst du doch Unrecht mit anderem Unrecht - das macht doch aber die Handlungen dort nicht besser.
Wenn du von gesellschaftlicher Norm schreibst, so war es doch in Westdeutschland sicher eine völlig andere Einordnung als in der DDR.
Wie bereits gesagt, dieser Vergleich ist - meiner bescheidenen Meinung nach nicht angebracht.

Ehemalige Haftinsassen übrigens haben sich in vielen Opferverbänden zusammengeschlossen und auch einzelne Personen verklagt - sogar Ihre Richter oder Staatsanwälte. Das es zu kaum verwertbaren Prozessen kommt, liegt u.a. daran, dass sehr viele dieser "Rechtsvertreter" weiterhin ihren Beruf ausüben dürfen und bekanntlich hackt eine Krähe der anderen...naja genau.
Zusätzlich haben doch die wenigsten der knapp 250.000 (!!!) politisch Inhaftierten des Regimes ihre Haftzeiten innerlich überwunden und reden darüber. Die wenigen, die es machen und beispielsweise Bücher darüber schreiben, werden von "IM Notar" und seinen Freunden massiv unter Druck gesetzt und sehen sich langwierigen Prozessen ausgesetzt - und warum?
Weil sich die Täter von damals zusammengeschlossen haben und mit dieser geballen Kraft gegen jeden vorgehen, der es wagt den Mund auf zu machen.
Warum findet man heute kaum noch kritische Berichte über die Stasi-Vergangenheit oder berufliche Tätigkeit von manchen Personen? Weil sich die Presse kaum noch traut...


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#42

RE: DDR-Gefängnis-Methoden

in Leben in der DDR 23.05.2009 10:25
von CaptnDelta (gelöscht)
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Rainer,

das hat nix mit 'Unrecht-West / Unrecht-Ost' zu tun, der Vergleich ist einfach falsch. Fuer die Kinder, die da grausam behandelt worden sind, egal ob im Westen oder Osten, sollten wir einen neuen Thread aufmachen. Gerade weil es neue Beispiele auch noch in unserer Zeit gibt, z.B. hier. Du haettest nicht mal soweit zurueckgehen muessen mit Deinen Zitaten.

Aber der Vergleich hinkt, in dem Moment da Du diese Diskussion mit der Diskussion um die Zustaende in DDR Gefaengnissen mischt. Und er hinkt auf mehreren Ebenen. Eine Ebene ist halt die das der Staat (und *nur* der Staat) das Gewaltmonopol besitzt. Wenn der Staat dieses missbraucht, gibts keine Revision, keine Entschaedigung, kein Recht.

Ein Kloster, Abtei oder Kirche ist keine staatliche Einrichtung, alles was darin ablaeuft ist dem oeffentlichen Recht unterstellt, und von daher klagbar.

Wie Du in dem obigen Link, in deinen Zitaten und auch in den Geschichten aus Hoheneck etc. siehst, gibt es da manchmal erst Klagen nach vielen Jahren. Trauma, Verarbeitung, Kommunikation haben da was damit zu tun. Das Internet gibts noch nicht so lange (fuer alle), allerdings ist es ein Medium wo man sich relativ anonym austauschen kann, und das bestaerkt dann Leute in ihrem Glauben an Recht, an das sie vorher einfach nicht geglaubt haben. Das ist analog fuer Leute die in Hoheneck gesessen und gelitten haben, oder fuer die Kinder in dem kirchlichem Kinderheim das Du da zitiert hast (die auch erst nach einigen Jahren geklagt und Recht bekommen haben).
Allerdings, das macht die Problematik nicht die gleiche:
* Wenn der Staat sein Gewaltmonopol gegenueber seinen Buergern missbraucht, ist es ein Unrechtsstaat.
* Wenn die Kirche (oder irgendeine andere Gemeinschaft, Verein, Person) Gewalt ausuebt, dann ist sie im Unrecht, und sollte - muss (in einem Rechtsstaat) belangt werden.

Demokratie ist manchmal sehr langsam, das ist einer der Nachteile (man braucht immer erst einen Klaeger). Von daher kommen manche davon, koennen sich mittels natuerlichen Todes ihrer gerechten Strafe davonstehlen. Das war so mit der eher mangelhaften Aufarbeitung der Hitlerzeit in West- *und* Ostdeutschland, mit dem das viele Verbrechen der Nachkriegszeit unter den Tisch gefegt wurden, oder mit der bisher schleppenden Aufarbeitung des DDR-Unrechts. Vielleicht wird es in Zukunft einfach besser weil man jetzt eben bessere Kommunikationsmoeglichkeiten hat, die viel schneller und breiter funktionieren. Ich denke mal das Diktaturen es mit neuen Kommunikationsmitteln einfach nicht ueberlebensfaehig sind

-Th

zuletzt bearbeitet 23.05.2009 10:30 | nach oben springen

#43

RE: DDR-Gefängnis-Methoden

in Leben in der DDR 23.05.2009 11:16
von Augenzeuge (gelöscht)
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Zitat von Rainer-Maria-Rohloff

„ Ich mag sie nicht, ich mag sie überhaupt nicht, diese allzu feine saubere Trennung in Unrecht Ost – Unrecht West.“


Hallo Rainer-Maria,
hattest du nicht versprochen auf alle letztgenannten Beiträge einzugehen? Mich habe ich nicht wiedergefunden, aber egal. Hast du dazu etwa keine Vergleiche im Unrecht West gefunden?
Ich möchte gar nicht viel schreiben, da ich manudave und captndelta nur beipflichten kann. Sie haben einfach nur recht mit ihren Aussagen, denke ich.
Dein Problem ist nach wie vor, das du immer ein Unrecht der DDR sofort mit einem Unrecht in der BRD vergleichen musst. Auch wenn du es nicht vermutest, es geht auch anders!
Ein wenig müssen wir schon das Thema beachten, wenn wir abschweifen, sollte das nicht ausufern. Und die Kinderheime gehören nun mal nicht zu Folterräumen in Gefängnissen.
Mir ist es doch auch möglich, wenn wir über derzeitiges Unrecht schreiben, nicht sofort das der DDR mit einzubeziehen.
Die Aufarbeitung des DDR-Unrechtes ist noch lange nicht abgeschlossen. Die zur Wende vom MfS zerrissenen Akten werden rekonstruiert (das hätten die sicher nicht gedacht)und das kann noch Jahre dauern, wie jetzt im Fall Ohnesorg.

Wir brauchen das Grundgesetz nicht ändern. So lange man Menschen wegen Mordes, der nicht verjährt, anklagt, ist das schon in Ordnung.
Auch wenn uns das Ergebnis nicht immer befriedigt.

Gruß, Augenzeuge


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#44

RE: DDR-Gefängnis-Methoden

in Leben in der DDR 23.05.2009 12:48
von turtle | 6.961 Beiträge

Ich bin auch immer noch der Meinung das der Vergleich Unrecht in Kinderheimen der BRD mit dem Unrecht in DDR Gefängnissen nicht gegeneinander zu vergleichen ist! CaptnDelta schrieb:“ Wenn der Staat sein Gewaltmonopol gegenüber seinen Bürgern missbraucht, ist es ein Unrechtsstaat.
* Wenn die Kirche (oder irgendeine andere Gemeinschaft, Verein, Person) Gewalt ausübt, dann ist sie im Unrecht, und sollte - muss (in einem Rechtsstaat) belangt werden!
Genauso und nicht anders sehe ich das!


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#45

RE: DDR-Gefängnis-Methoden

in Leben in der DDR 22.06.2009 16:32
von Rainer-Maria-Rohloff (gelöscht)
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Hallo alle zusammen ich weis nicht ob es so richtig zum Thema passt aber ich setze es mal hier herein.

Gruß Rainer-Maria


Dateianlage:
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#46

RE: DDR-Gefängnis-Methoden

in Leben in der DDR 22.06.2009 18:44
von turtle | 6.961 Beiträge

Hallo mein Freund Rainer-Maria,
Na was soll uns denn Dein Beitrag sagen? Etwa würde er nie abgehauen sein, und die DDR gibt es noch würde es ihm heute besser gehen? Liebe Grüße Dein Freund Peter


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#47

RE: DDR-Gefängnis-Methoden

in Leben in der DDR 22.06.2009 19:07
von Augenzeuge (gelöscht)
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Hallo Rainer,

zu dem Beitrag fällt mir nur ein: Ich glaub dem Mann die Story so nicht. Wenn er den Magister hat, an der Uni unterrichtet hat, entsprechend perfektes Englisch kann, arabisch auch, bereit für Auslandstätigkeit- dann muss er nicht als Klomann arbeiten.
Sicher ist es schwierig in manchen Regionen Ostdeutschlands einen Job zu finden- auch ich bin nicht ohne Grund hier- er soll mal in einer großen westdeutschen Zeitung eine Anzeige aufsetzen, seine Kenntnisse angeben- ich wette, dass er mehrere Angebote bekommen wird!

Gruß, dein kritischer Freund, der selbsternannte "Augenzeuge"


zuletzt bearbeitet 22.06.2009 19:08 | nach oben springen

#48

RE: DDR-Gefängnis-Methoden

in Leben in der DDR 22.06.2009 19:16
von S51 | 3.733 Beiträge

Einer, der erwartet, dass die gebratenen Jobs zu ihm kommen. Möglichst an der Hand geführt und hofiert werden will.


GK Nord, GR 20, 7. GK
VPI B-Lbg. K III


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#49

RE: DDR-Gefängnis-Methoden

in Leben in der DDR 22.06.2009 19:23
von Augenzeuge (gelöscht)
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Zitat von S51
Einer, der erwartet, dass die gebratenen Jobs zu ihm kommen. Möglichst an der Hand geführt und hofiert werden will.


Ja S51, wir stimmen hier völlig überein- diese Zeiten wird auch eine soziale Markwirtschaft nicht (wieder) bringen können. Sie sind vorbei.


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#50

RE: DDR-Gefängnis-Methoden

in Leben in der DDR 22.06.2009 23:25
von turtle | 6.961 Beiträge

Aber meine Herren! Bei dieser Qualifikation kann der Herr das doch erwarten!
Ich kann nicht verstehen wieso er mit seinem Können überall gescheitert ist. So viel Pech ?


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#51

RE: DDR-Gefängnis-Methoden

in Leben in der DDR 02.07.2009 21:06
von manudave (gelöscht)
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Auszug eines Häftlingsberichtes...


Mein Verbrechen war, dass ich einen Mann heiraten wollte, den ich liebte. Ich war gerade 20 Jahre alt, als ich bei meiner Arbeit im damaligen Hotel Stadt Berlin einen Mann aus Westberlin kennen lernte. Er besuchte mich so oft er konnte und wir verliebten uns. Bald stand für uns fest, wir wollen heiraten. Ordnungsgemäß stellte ich einen Ausreiseantrag, doch der wurde abgelehnt. Was ich nicht ahnte: Fortan war ich im Visier der Stasi und wurde Tag und Nacht überwacht. Der irrwitzige Deckname der Stasioperation lautete: "Hänsel und Gretel".

Die Stasi setzte einen Lockvogel auf mich an, der mir die Flucht mit einer Fluchthelferorganisation vorschlug. Als ich dann mit ihm Absprachen und Vorbereitungen für die Flucht traf, schlug die Stasi zu. In meiner Lichtenberger Wohnung wurde ich am 7. November 1973 verhaftet und nach einem 14-stündigenVerhör bei der VP Keibelstraße - wo die Türen keine Klinken hatten, in die Untersuchungshaftanstalt Pankow- Kissingenstraße eingeliefert. Der Vorwurf: Versuchte Republikflucht. Damit begann die schlimmste Zeit meines Lebens. Meine drei mal vier Meter große Zelle hatte kein Fenster, undurchsichtige Glasbausteine nahmen mir den Blick auf die Welt draußen. Ich fühlte mich wie lebendig begraben und der Stasi hilflos ausgeliefert. Einzelhaft, Schlafentzug, Besuchs- und Kontaktsperre, alles mit dem Ziel der Erpressung von Aussagen. Das ganze Repertoire der Stasi wurde durchgespielt: ständige Verlegungen innerhalb der Haftanstalt mit dem Ziel der Verunsicherung und Störung der Orientierungsfähigkeit, der Einsatz von Abhörgeräten in den Zellen und der Einsatz von Zellenspitzeln, wechselnde Vernehmungspraktiken, Androhung hoher Haftstrafe, dann wieder sofort Freilassung, wenn ich mit dem MfS zusammenarbeite, Androhung von Verfolgung meiner Familie. Das alles dauerte ein Jahr.

Was keiner wusste, ich war schwanger von meinem Westberliner Freund, der inzwischen ebenfalls inhaftiert war. Unter den Strapazen der Verhöre und der Haft verlor ich unser Kind jedoch während dieser Zeit schon im 3. Monat.

Im Mai 1974 war dann der Prozess, bei dem ich zu 4 ½ Jahren verurteilt wurde. Ich legte Berufung ein und das endgültige Urteil lautete für mich dann 3 Jahre und 8 Monate Haft im Frauengefängnis Hoheneck.

In Hoheneck kam es immer wieder zu verbalen Auseinandersetzungen mit den Wärterinnen und den Mörderinnen und Kriminellen. Ich wurde als renitent eingestuft. Für mich wird Arbeitseinsatz bis an die Belastungsgrenze angeordnet. Wir mussten Bettwäsche für den Export nähen und große Warenhäuser in der Bundesrepublik kauften die billigen Sträflingsprodukte. Unsere Arbeitsnorm war enorm hoch, Arbeit im 3 Schichtsystem, auch an den Wochenenden, Sonderschichten. Wir lebten mit 24 Gefangenen auf 24 qm pro Zelle, hatten keine körperlichen Aktivitäten und nur 20 min Hofrundgang am Tag. Es gab Denunziationen durch Mörder und Kriminelle. Wegen sinkender Arbeitsleistung und Protest gegen die unzumutbaren Arbeits- und Lebensbedingungen wurden immer wieder Disziplinarmaßnahmen wie Ausschluss vom Hofrundgang, Entzug des "Verdienstes", Einkaufsverbot, Postsperre, Besuchssperre gegen uns verhängt, verbunden mit Misshandlungen durch das Wachpersonal. Es gab einen gefürchteten Schlägertrupp dort. Andere Maßnahmen waren Freizeit- und strenger Arrest bei Wasser und Brot und nur jeden 3. Tag eine lauwarme Suppe.

Mein Widerstand führt immer wieder zu strengem Einzelarrest in der Kellerzelle mit Liegeverbot und Zellenverdunkelung. Einmal drangen Abgase aus der über der Arrestzelle befindlichen Autoreparaturwerkstatt drang die Öffnung der undurchsichtigen Glasbausteine im Fenster in die Kellerarrestzelle. Ich wollte raus, glaubte zu ersticken, schlug mit meinen Fäusten und dem Sitzhocker gegen die Zellentür. Mitarbeiter des Wachpersonals öffneten die Arrestzelle. Einer von ihnen schlug mir mit der Faust derart ins Gesicht, dass ich rückwärts hinschlug und bewusstlos wurde. Als ich langsam zu mir kam, erkannte ich schemenhaft einen Mann im weißen Kittel, der mir trotz Fußgestrampel eine Spritze (Lepinal 0,2) gab. Ich erwachte später in einer Gummizelle und fand mich in einer weiß-grauen Zwangsjacke wieder. Wie lange ich mich dort aufhalten musste, ist ihr nicht mehr erinnerlich. Ich erinnere mich nur noch, dass ich dort ohne Behältnis meine Notdurft verrichten musste.

Wir litten unter Mangelernährung, hatten unzumutbare hygienische Verhältnisse wie Duschen 1x im Monat. Während meiner 3-jährigen Haftzeit durfte ich 2 x Besuch Empfangen, 1x im Monat einen Brief an meine Familie schreiben, 1x Post erhalten - alles streng zensiert, die Meisten wurden mir nie ausgehändigt.

Die unmenschlichen Haftbedingungen zeigten ihre Spuren auch bei mir und ich bekam Medikamente gegen meine Krankheiten. Hier schob mir das Personal dann auch Prothazin unter, ein Psychopharmaka, dass die Reaktionsfähigkeit massiv einschränkt, tief im Gehirn wirkt und süchtig macht. Dies erfuhr ich erst nach der ersten Akteneinsicht 1996. Die Dosis wurde ständig verändert. Schließlich kam der Kollaps: Mit Vergiftungserscheinungen kam ich auf die hafteigene Krankenstation. Die Dosis wurde so erhöht, dass ich mich an nichts mehr dort erinnern kann; ich war fast tot. Nach der Arreststrafe litt ich dann einige Zeit unter massivem Sprachverlust.

1976 kam Bewegung in meinen Fall, ich sollte freigekauft werden. Weil es schnell gehen musste, landete mein Fall sogar auf dem Schreibtisch von Stasi-Chef Erich Mielke. Anfang Oktober 1976 unterzeichnete er die Einwilligung zu meinem Freikauf und am 26. Oktober 1976 fuhr ich mit dem Häftlingsfreikaufsbus von Karl-Marx-Stadt über Herleshausen nach Gießen.

Im Westen flog ich sofort zu meinem Freund nach Westberlin; auch er war wieder frei. Nach all diesen Qualen waren wir am Ziel. 1984 erblickte unser Sohn das Licht der Welt. Doch unsere Ehe zerbrach, die Jahre im Gefängnis hatten uns verändert. Ich ging immer weniger aus dem Haus, bekam Angstzustände, war über lange Zeit nicht mal mehr in der Lage, meinen Alltag zu bewältigen. Eine jahrelange Odyssee von Arzt zu Arzt begann; einige hielten mich sogar für einen Hypochonder. Erst eine Rehabilitationskur mit psychosomatischem Schwerpunkt förderte dann die Ursachen zu Tage.

Gemäß Auswertung meiner Stasiunterlagen befand ich mich in meiner fast 3-jährigen Haftzeit insgesamt 13 Wochen in Einzelhaft bzw. im strengen Arrest. Mir wurden ohne Aufklärung während der Haftzeit die nachstehend aufgeführten Medikamente verabreicht: Nifuran, Tyrasol, Simagel, Normacol, Cholosysnon, Chloramphenicol, Faustan, Radepur, Mephentermin, Lepinal und Prothazin.

Mit dem Mauerfall hatte mich die Geschichte dann wieder eingeholt. Durch jahrelange psychologische Hilfe, gerade bei der Beratungsstelle Gegenwind, konnte ich meinen Zustand endlich stabilisieren. Glücklicherweise sind meine Stasiakten umfangreich erhalten und belegen auch hier, wie mit Ausreisewilligen und Andersdenkenden, die Widerstand leisteten, umgegangen wurde. Bei der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR, Birthler-Behörde, wurde zu meiner Person bisher gefunden: 1996 - 1500 Seiten, 1998 - 1300 Seiten und 2004 weitere 4000 Seiten. Alles Informationen über einen jungen Menschen, der heiraten und im Land seines Ehepartners leben wollte. Was für ein Wahnsinn!

Darüber, dass ich das alles überlebt habe, kann ich mich bis heute nicht mal richtig freuen.


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#52

RE: DDR-Gefängnis-Methoden

in Leben in der DDR 03.08.2009 14:26
von tiroler (gelöscht)
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Hallo meine lieben Forumfreunde,
nun möchte ich euch wieder einmal eine Geschichte aus dem DDR-Gefängnisalltag erzählen.
Sicherlich falle ich bei euch langsam auf, nur negatives aus der DDR zu schreiben. Aber
Die Umerziehungsmethoden der DDR-Gefängnisse gehören auch an die Öffentlichkeit.
In der U-Haft war es streng verboten Rasierklingen zu besitzen. Rasieren konnte man sich
nur unter Aufsicht. Die Klinge hatten schon viele andere U-Häftlinge vorher benutzt.
Die Pickel die man schon im Gesicht hatte ,wurden dadurch auch mehr. Verständlich ist
das Verbot schon ,denn es kam doch öfters vor ,dass sich ein U-Häftling das Leben genommen hat. Falls wieder jemand zweifelt, das weiß ich nicht vom erzählen. Nein, ich wurde zu so einem Fall von der Kripo befragt. Dagegen war es im Vollzug erlaubt Rasierklingen zu besitzen. Dieses wussten aber meine Angehörigen nicht. So hat mir doch meine Mutter während der Sprecherlaubnis zugeflüstert. „ Ich habe dir in die Schokolade Rasierklingen reingelegt.“ Ich verfärbte mich und sagte, um Gottes Willen, wie kannst Du nur? Die sind doch erlaubt. Ich wusste ja wie streng wir gefilzt wurden. Schmuggeln wurde hart bestraft. Die Strafe bekam aber nicht, der jenige, der geschmuggelt hat. Sie bekam der Gefangene. In meiner Angst habe ich natürlich aus lauter Dummheit dem Schließer gesagt, dass mir Rasierklingen in die Schokolade gelegt wurden. Aus diesem Ärger, den ich dadurch hatte habe ich für mein Leben gelernt .Meine Ehrlichkeit und Angst wurden mit Besuchverbot ,weniger Einkauf und Abstufung in eine härtere Kategorie des Vollzuges bestraft.

Tiroler


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#53

RE: DDR-Gefängnis-Methoden

in Leben in der DDR 03.08.2009 17:52
von Affi976 (gelöscht)
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Hier mal eine Geschichte aus "Schwedt",
mein Bruder, Jahrgang 1946, verweigerte die Waffe und wurde Bausoldat-1970. Auch seine frühere politische Karriere, Mitglied der Falken in Berlin(West), der andere Bruder ebenso und ein Vater der seit 1949 Mitglied der SPD ist,sogar noch eine leitende Position inne hat und sogar noch in Westberlin arbeitete. Das sind schon mal nicht gute Startbedingungen. Aber als es um den Fahneneid, speziell für Bausoldaten umgeschrieben geht, platzt die Bombe. Er verläßt den Saal, wiedersetzt sich dem Befehl Stehen zu bleiben und ein Major fühlte sich berufen ihn mit Gewalt zurück zu holen. Da meine Brüder ausgesprochen durchtrainierte Typen waren und aktiv Sport trieben, ging der Kampf für den Major
schlecht aus. Dann kamen so noch andere politische Äußerungen und Aktionen dazu und das Maß kam auf anderthalb Jahre Schwedt.
Im Keller, Dunkelzelle, Einzelhaft, feucht, der Kübel wurde nur gelegentlich ausgeleert, vom Essen wollen wir mal nicht sprechen, was er da erzählt hat - nein Danke. Aber das Schlimmste: Bis zu 14 Mal wurde ihm der Bolero von Maurice Ravel über ein Lautsprecher pro Tag eingespielt.
Als ich meinen Bruder wiedersah, war er ein alter Mann, völlig ergraut und "fertig auf den Reifen". Der Bolero ist ein Tanz, der sich durch einen immer wiederkehrenden Schlagzeugrhytmus auszeichnet und somit eine wahnsinnig machende Monotonie ausstrahlt. Für Ottonormalverbraucher im Konzert eine tolle Sache, aber in der Zelle und dann noch sooft, dürfte ein bißchen zuviel des Guten gewesen sein.
Die Sache endete mit der Aberkennung der DDR Staatsbürgerschaft, Arbeitsplatzbindung und Stasieakten bis zum Horizont.
Wie bei allen anderen pol. Gefangenen lebt er heute von Sechshundert und...€ pro Monat Rente. Die Opferrente ( 200 oder gar 300 € ) gibts nur für "Bedürftige" und ist ein Aufwand hoch 3 in Sachen Antragstellung. Wie die "Gegenseite" mit Rente versorgt wird ist ja hinlänglich bekannt!!!
Also die oben genannten Dinge stimmen schon.
Noch ein Buch zu diesem Thema: Hubertus Knabe Gefangen in Hohenschönhausen Stasiehäftlinge berichten
Bis dann
Affi


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#54

RE: DDR-Gefängnis-Methoden

in Leben in der DDR 03.08.2009 19:16
von tiroler (gelöscht)
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Hallo Affi, zu den Liedern möchte ich noch sagen.Wir mußten Freiheitslieder auf dem Freihof singen.Moorsoldaten und ähnlichen Mist auch.
Die Schließer wußten schon, wie man Menschen demütigt.

Tiroler


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#55

RE: DDR-Gefängnis-Methoden

in Leben in der DDR 03.08.2009 22:49
von Rainman2 | 5.762 Beiträge

Hallo tiroler,

danke für Deine Geschichten zu diesen Kapiteln der DDR-Geschichte. Es geht dabei sicher nicht darum, dass Du auffällst, nur negatives zu erzählen. Gerade für Leute wie mich, die wir oft nur die eine Seite der DDR wahrgenommen haben sind solche Berichte mehr als wichtig. Also: Auf mehr davon, wenn es nicht zu weh tut, darüber zu erzählen.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


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#56

RE: DDR-Gefängnis-Methoden

in Leben in der DDR 04.08.2009 09:48
von dein1945 (gelöscht)
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[quote="Affi976"]Wie bei allen anderen pol. Gefangenen lebt er heute von Sechshundert und...€ pro Monat Rente. Die Opferrente ( 200 oder gar 300 € ) gibts nur für "Bedürftige" und ist ein Aufwand hoch 3 in Sachen Antragstellung. Wie die "Gegenseite" mit Rente versorgt wird ist ja hinlänglich bekannt!!!
Hallo Affi976,
die sogenannte Opferrente beträgt im Höchstfall 250 Euro, kann von allen beantragt werden, die anerkannt in der DDR aus politischen Gründen inhaftiert waren. Es ist sehr weitreichend ausgelegt. Dazu reicht es wenn man nach dem Häftlings Hilfe Gesetz anerkannt ist, oder das DDR Urteil durch ein Gericht aufgehoben wurde. Dein Bruder kann einen Antrag stellen, eine evtl. Rente wird auf das Einkommen nicht angerechnet. Ich kenne einige die diese Rente erhalten. Bei mir in der Nachbarschaft wohnt einer, trotz Rente von 2000 Euro erhält er diese Zusatzrente, obwohl als Profi-Fluchthelfer in der DDR verurteilt. Schau mal im Internet unter Opferrente, da findest Du auch Angaben, wo er den Antrag stellen muß, ist in allen Bundesländern unterschiedlich.

Gruß aus Berlin und viel Erfolg


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#57

RE: DDR-Gefängnis-Methoden

in Leben in der DDR 04.08.2009 10:14
von Affi976 (gelöscht)
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@ Tiroler,

vielen Dank für Deine Tipps. Ich weiß von der Beantragung durch meinen Bruder und von dem Aufwand, aber ich wußte nicht, dass man die Rente auch bekommt , wenn man nicht "BEDÜRFTIG" ist. Mir ist es nur Recht, für das was da VIELE erleiden mußten sind 250€ eine Frechheit!!!
Und bei 600€ Rente dürfte selbst der Aspekt der Bedürftigkeit eingehalten werden. Wolln wir mal sehen was da raus kommt!!!
Bis bald
Affi


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#58

RE: DDR-Gefängnis-Methoden

in Leben in der DDR 04.08.2009 10:26
von dein1945 (gelöscht)
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[quote="Affi976"]

vielen Dank für Deine Tipps. wenn man nicht "BEDÜRFTIG" ist. Mir ist es nur Recht, für das was da VIELE erleiden mußten sind 250€ eine Frechheit!!!
Und bei 600€ Rente dürfte selbst der Aspekt der Bedürftigkeit eingehalten werden. Wolln wir mal sehen was da raus kommt!!!
Hallo Affi976,
wie schon geschrieben, eine Altersrente wird überhaupt nicht angerechnet, es zählen nur Nebeneinkünfte, wie Zinsen, Vermietung und dergleichen, da beträgt der Freibetrag glaube ich auch bei etwas über 1000€, schicke mit per PM, das Bundesland und ich schreibe Dir dann wo er den Antrag stellen muß,

Schönen Tag aus Berlin


zuletzt bearbeitet 04.08.2009 10:27 | nach oben springen

#59

RE: DDR-Gefängnis-Methoden

in Leben in der DDR 04.08.2009 11:11
von josy95 | 4.915 Beiträge

Zitat von Rainer-Maria-Rohloff
Hallo alle zusammen, nachfolgender Beitrag wurde von mir am 19.05.2009 eingestellt und anschließend von Manudave in seiner Funktion als Admin gelöscht . Seine Erklärungen darüber sind im Thema zu finden, meine nochmalige Erklärung zum Text im Anschluss an diesen Beitrag. Das nur für Diejenigen, die noch nicht mit der Problematik vertraut sind und heute erst dazu gekommen sind.

Warum, so muss ich einmal ganz naiv fragen ist nach diesem fiebrigen Taumel der Vereinigung Ost- West so lange gewartet worden mit einer Aufarbeitung von Unrecht gerade im Osten, warum haben sich nicht oder schließen sich nicht heute ehemalige Insassen von DDR Haftanstalten zusammen, vernetzen sich so wie wir hier im Forum, beraten mit guten Anwälten und Sie sagen anschließend und nach gründlicher Prüfung: Diese Personen XYZ, hundertprozentig diese Personen und nur Diese haben uns sehr weh getan, uns misshandelt und vieles mehr, im Zeitraum von- bis und dann kommt es zu eben diesen Prozessen von denen ich oben geschrieben habe. Das und nur das macht Sinn!. So kocht jeder sein eigenes Süppchen, schreibt ein Buch, der Leser schluckt einmal, er schluckt zweimal, der Verlag heuchelt Mitgefühl oder auch nicht und Nichts, aber auch Nichts ist erledigt, geschweige den aufgearbeitet.
Dann muss eben das Grundgesetz geändert werden sollte einer dieser Personen mit „ Verjährung“ oder anderen Gründen kommen um sich seiner Schuld zu entziehen, den die Geschichte hat den Deutschen doch deutlich genug gezeigt, wie sich ein Großteil nach 1945 aus der Verantwortung gestohlen haben.

Gruß Rainer- Maria


Mir fehlen ersteinmal die Worte...,
obwohl "ich von Hause aus" nicht so schnell sprachlos bin...

Ich finde es mehr als perfide (wünsche mir dringenst, der/ die Richtigen, und auch nur die!) fühlen sich angesprochen, hier das eine mit dem anderen zu vergleichen! Es ist ALLES mehr als schlimm, nein grausam!

Rainer- Maria. Nur in einem muß ich Dir 100% Recht geben! Es bedürfte dringendst einer Aufarbeitung. Alles!
Aber wie?
Das ist die ganz, ganz große Frage. Von "Oben" hatte und hat da niemand auch nur im Geringsten Interesse dran.
Und die Menschen, die es betrifft, die all diese Folter, Erniedrigungen und Demütigungen erleiden mußten:
Die sind größtenteils heute noch (samt ihren Angehörigen) hochgradig traumatisiert und allein schon dadurch in jeder Form unfähig, was zu unternehmen!
Und die sich dazu noch in der Lage fühlen? Verschwindend wenige Einzelkämpfer ohne jede Lobby. Da nützt auch kein Forum, keine Vernetzung etwas...!

Von dort, wo hätte was kommen müssen, nämlich vom Gesetzgeber, dort hat man nur auf eines gespielt, und das ist Zeit. Der gewichtige Fakt ist, das mit einem (gewollten, gesteuerten) Zeitvorlauf juristisch heutzutage kaum noch etwas aufzuarbeiten ist. Und auch da, muß ,ich Dir Rainer- Maria Recht geben, jeder noch so schlechte Anwalt würde das zu Fall bringen...!

Und um es klar darzustellen: Ich selbst kannte und kenne einige Menschen, Mitbürger, die da einiges und analog dem hier in den Beiträgen geschildertes selbst am eigenen Leib erlebt haben. In der Mehrzahl natürlich ehem. DDR- Häftlinge, Opfer der SED- Willkür.

Es ist im Umgang mit diesen Menschen äußerst schwierig, über dieses Thema zu reden, diskutieren funktioniert eeh nicht. Es wird abgeblockt, man versucht, schnell das Thema zu wechseln, man verläßt die Runde sofort oder gräbt sich ein. Warum wohl. Der einfühlsame Mensch meidet nach Möglichkeit und in Anwesenheit dieser Menschen derartige Themen, bloß immer funktioniert das nicht.
Ich will mal einen vielleicht auch sehr schlechten Vergleich anstellen. Es ist wie mit einem Süchtigen, der durch seine Sucht und all die damit einhergehenden Probleme kennt, sich aber nicht helfen lassen will, sich eben durch diese Suchtprobleme nicht helfen lassen kann, weil er oft schon für sich mit seinen Problemen in einer Art abgeschlossen hat, die nur er selbst kennt.

josy95


Sternbild Krebs, eine seiner herausragenden Eigenschaften: Krebse kommen immer an ihr Ziel..., und wenn sie zei Schritt vorgehen und einen zurück...

Zu verstehen als Abmahnung an EINEN Admin... bitte lächeln!
zuletzt bearbeitet 04.08.2009 11:14 | nach oben springen

#60

RE: DDR-Gefängnis-Methoden

in Leben in der DDR 04.08.2009 12:35
von S51 | 3.733 Beiträge

Wo immer man hinkommt, ganz unabhängig von Weltanschauungen und politischen Richtungen. In allen Gefängnissen dieser Welt ist es in Variationen das gleiche Bild. Mal ausgefeilter, mal etwas primitiver. Da gibt es Betreuer, Wärter und Personal auf der einen Seite. Wer "nur" seinen Job macht, neigt meist weniger zu Extremen aber dafür öfter zu Korruption als die Anderen. Die Sendungsbewußten aber wollen strafen und den Bösen zum besseren Menschen machen. Weil der sich je nach Selbstbewußtsein wehrt, eskaliert die Sache. Bis hin zur Quälerei. Und kosten darf es ja auch nur möglichst wenig. Auf der anderen Seite sind die Bösen, die Kriminellen. Da gibt es den Kalten. Er kennt kein Mitleid, nur absoluten Eigennutz. Auch über Leichen. Der Angepasste macht hierbei nur allzu willig mit. Hauptsache, es trifft ihn nicht. Der läßt sich gut anwerben. Und da sind die ewigen Opfer, die erwischt es einfach immer. Wer bundesdeutschen Vollzug für immun dagegen hält, der war noch nie dort oder hatte mit den Betroffenen zu tun. Ich kenne manchen, der dort durch die Hölle ging oder geht. Nichts gibt es, was es nicht gibt oder nicht passiert. Und nur selten wird es bekannt. Warum führt persönliche Macht zu oft zum Mißbrauch, ja eigentlich doch fast immer und überall? Es liegt eben in unserer Natur.


GK Nord, GR 20, 7. GK
VPI B-Lbg. K III


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