#421

RE: Unteroffiziersschule "Egon Schultz" Perleberg

in Grenztruppen der DDR 04.06.2012 07:03
von Alien1964 | 47 Beiträge

Zitat von Alien1964

Zitat von Mart
Hallo feldwebel88,

ich weiß nicht genau, was Du meinst. Möglicherweise die Alarmmelder.

Die Offiziere und BU waren ja Außenschläfer. Viele wohnten in einem Wohnblock in der Friedensstraße - aber nicht alle. Die Friedensstraße hatte in den Fluren schöne Alarmtröten, also da werden sicher auch die Offizierskinder wach geworden sein.
Jedenfalls gab es Melderouten. Diese waren auf Karteikarten verzeichnet und lagen beim UvD. Bei Alarm mußten die Melder sich sputen: Anziehen, Tragegestell, vermutlich auch TSM (Schutzmaske), dann die Karteikarte holen. Ich weiß nicht mehr, ob auch mit Waffe: Möglich wäre es: Die Waffenkammern gingen extrem früh auf. Dann rannten die Melder los: Alle Adressen abklappern, Alarm ansagen.

Ich glaube, einer hier war als US Melder: Der wird genaueres wissen.





Jo genau ich war damals Melder!
Mit oder ohne MP weiß ich nicht mehr genau glaube aber mit! Ist bei mir auch nur einmal Passiert.Klasse war das wenn ich als Melder Dienst hatte das Übliche Drumherum wie Revierreinigen in Schwarz ausfiel.



nach oben springen

#422

RE: Unteroffiziersschule "Egon Schultz" Perleberg

in Grenztruppen der DDR 05.06.2012 21:59
von Fritze (gelöscht)
avatar

Also den kleinen Trompeter zum Zapfenstreich hab ich in PBG erlebt.Der war auf unserer Bude.Und die Porzellantassen oder Steingut hatten wir 2/85 auch als Erstausrüstung.Die sind natürlich fast alle dem Armschlenkern beim Marschieren zum Opfer gefallen.Dann wurden in der MHO die grossen roten Plastiktassen gekauft.
Und noch was zum Speiseplan.Ich hatte ja schon geschrieben,daß ich 3 mal in der Küche zur Topfspüle abgeordert war.Da hat der Spiess von der Küche immer die optisch Kräftigsten hingestellt.
.Da ich damals schon n Kreuz wie n Ringer hatte ,war der Job bei jedem Küchendienst meiner.Dafür konnte man massenhaft "Reste " aus den Töpfen holen und statt in die Tonne in die mitgebrachten Teiltaschen deponieren.Da gab es abends immer eine Fressorgie auf der Stube.Beim letzten Mal hatte ich 4 Teiltaschen voll geschnittenen Braten und Schnitzel abgestaubt.
Somit sahen wir auch ,daß es einen getrennten Speiseplan gab.Denn diesen Tag gab es für die US nur Eintopf.


nach oben springen

#423

RE: Unteroffiziersschule "Egon Schultz" Perleberg

in Grenztruppen der DDR 07.06.2012 02:52
von Mart | 735 Beiträge

Zitat von Fritze
die grossen roten Plastiktassen


Es wird ja immer bunter - nun auch noch rote.

Also meine Erinnerung jetzt mal konkret (vor Deiner Zeit):
Man wurde einberufen.
Aber da stand keine Tasse im Schrank - wo kommen wir denn da hin?

Der erste größere Marsch im Zugverband (mit allen Kommandos und üben) ging in Richtung MHO. Und dort habt ihr völlig freiwillig (höhö) die Plastetasse gekauft. Und weitere Kragenbinden. Und Kamm, Schuhcreme ...
Moment, es meldet sich eine Erinnerung:
Ich meine, dass die GF mit euch den fehlenden Kleinkram durchexerzierten. Und ihr dann Einkaufszettel schreiben durftet.

Na jedenfalls gibt es in meiner Erinnerung keine von GT ins Essfach gestellte Tasse - die habt ihr fein selbst in der MHO gekauft. Zu meiner Zeit war die grundsätzlich braun. Erst in meinem letzten Lehrgang kamen da Tassen in hellbau sowie orange hinzu - an was für einen Schwachsinn man sich so erinnert ...

Dein Vorredner meint ja auch, dass da Steinguttassen mit im Spiel waren. Ich will eure Erinnerung nicht bestreiten.

Aber das ist wirklich nicht meine Erinnerung:
Ich habe ja die 7. nun wirklich oft zum Essen geführt - zerdepperte Tassen wären mir in Erinnerung geblieben. Meine Erinnerung ist völlig anders: Ab und an tauchte auf "Siemmm-Panieee - raustreten" ein Held mit irgend einem Bembel auf, der nicht nach Plastetasse aussah. Den habe ich dann zum Gaudium des anwesenden Publikums zurückgeschickt, korrekte Tasse holen. Das war aber sehr selten: Essenszeit war knapp - hatten wir vorhin schon.

Mich wundert etwas, dass Du die verschiedenen Speisesäle nicht kennst:
Also zum BU-Speisesaal konnte jeder durchgucken, wenn er sein Tablett zurückstellte. Da an den Abfallbehältern vor dem "Besteck abwaschen!".

Die Wahlmahlzeiten bei Uffz und Offz dürften identisch gewesen sein. Ich kam damals zwar nie auf die Idee, das genauer zu prüfen - aber ich denke, dass der einzige Unterschied war, dass die Brote Plastetischdeckchen und eine Plasteblume auf dem Tisch hatten - deren Tische waren quadratische Vierertische - die der Uffz durchaus größer.

Der Trompeter:
Du warst nach meiner Zeit, das kann kaum "mein Trompeter" gewesen sein.
Also das scheint eine gewollte "Tradition" gewesen zu sein an der US.


nach oben springen

#424

RE: Unteroffiziersschule "Egon Schultz" Perleberg

in Grenztruppen der DDR 07.06.2012 09:21
von damals wars | 12.216 Beiträge

Zitat von Mart

Zitat von Fritze
die grossen roten Plastiktassen


Zu meiner Zeit war die grundsätzlich braun.




Jo. Und der Bohnenkaffee aus diesen Tassen, wo hatten wir den eigentlich her?, schmeckte scheußlich.

Am letzten Tag flogen dann die Tassen aus den Fenstern, es durften dann welche runtergehen, und die "Sch..dinger" wieder aufsammeln.


Als Gott den Menschen erschuf, war er bereits müde; das erklärt manches.(Mark Twain)
Ein demokratischer Rechtsstaat braucht Richter, keine Henker. Interview auf der Kundgebung Je suis Charlie am 11.01.2015
"Hass hat keinen Glauben, keine Rasse oder Religion, er ist giftig." der Witwer der britische Labour-Abgeordnete Jo Cox.
http://www.neo-magazin-royale.de/zdi/art...fur-frauke.html
nach oben springen

#425

RE: Unteroffiziersschule "Egon Schultz" Perleberg

in Grenztruppen der DDR 07.06.2012 17:30
von EK87II | 109 Beiträge

Also Mart ich kann die Aussage auch bestätigen. Als wir 84II in PBG ankamen standen diese Tassen wirklich in jedem Schrank und darin befanden sich schöne neue ''glatte'' Schulterstücke als Erstausstattung.


Gruß
EK87II
zuletzt bearbeitet 07.06.2012 17:31 | nach oben springen

#426

RE: Unteroffiziersschule "Egon Schultz" Perleberg

in Grenztruppen der DDR 07.06.2012 19:57
von torpedoschlosser | 330 Beiträge

Mal abgesehen von den vielen Erlebnissen, welche hier gepostet wurden, interessiert mich immer noch der Kommandeur dieser Einrichtung.
Verschiedentlich habe ich schon mal zielgerichtet nachgefragt aber immer nur vage Auskünfte erhalten. Hat von Euch den überhaupt mal einer gesehen, wie war er, kann er (ohne seine Person zu beschädigen) mal beschrieben werden ???
Mich interessiert es deshalb, weil er mein KC (im GR-44, in Kleinmachnow) in der Zeit von 67/69 war. Damals noch als Olt. Nach dem jetzigen Kenntnisstand soll er noch '89 GM geworden sein. Leider ist er wohl 2000 verstorben Sein Name: Jürgen Reinholtz.


nach oben springen

#427

RE: Unteroffiziersschule "Egon Schultz" Perleberg

in Grenztruppen der DDR 07.06.2012 19:59
von 94 | 10.792 Beiträge

ohne t, odär?

P.S. mWn der einzige Promovierte in der Generalität der Grenztruppen.


Verachte den Krieg, aber achte den Krieger!


zuletzt bearbeitet 07.06.2012 20:25 | nach oben springen

#428

RE: Unteroffiziersschule "Egon Schultz" Perleberg

in Grenztruppen der DDR 08.06.2012 10:40
von uffz_nachrichten | 475 Beiträge

Zitat von torpedoschlosser
Mal abgesehen von den vielen Erlebnissen, welche hier gepostet wurden, interessiert mich immer noch der Kommandeur dieser Einrichtung.
Verschiedentlich habe ich schon mal zielgerichtet nachgefragt aber immer nur vage Auskünfte erhalten. Hat von Euch den überhaupt mal einer gesehen, wie war er, kann er (ohne seine Person zu beschädigen) mal beschrieben werden ???
Mich interessiert es deshalb, weil er mein KC (im GR-44, in Kleinmachnow) in der Zeit von 67/69 war. Damals noch als Olt. Nach dem jetzigen Kenntnisstand soll er noch '89 GM geworden sein. Leider ist er wohl 2000 verstorben Sein Name: Jürgen Reinholtz.



Als U-Schüler? Gesehen hab ich den Biesenträger IMHO nur 1-2x. Einmal war´s zur Vereidigung. Aber 1983, war da der Kdr. nicht Tanner? Oder Tanne? GMaj.?



zuletzt bearbeitet 08.06.2012 10:41 | nach oben springen

#429

RE: Unteroffiziersschule "Egon Schultz" Perleberg

in Grenztruppen der DDR 08.06.2012 12:12
von 94 | 10.792 Beiträge

Unteroffizierschule VI der Grenztruppen "Egon Schultz", Perleberg (Bez. Schwerin)
[...]
Kommandeure:
Generalmajor Fritz Rothe (1971-1982)
Generalmajor Walter Tanner (1982-1987)
Generalmajor Jürgen Reinholz (1987-1989)

Quelle: http://www.grenzkommando.de/kommando-1.html


Verachte den Krieg, aber achte den Krieger!


nach oben springen

#430

RE: Unteroffiziersschule "Egon Schultz" Perleberg

in Grenztruppen der DDR 08.06.2012 17:19
von Mart | 735 Beiträge

So unterschiedlich sind die Erinnerungen. Und auch meine Erinnerung ist sicher nicht fehlerfrei: Im Laufe der Zeit vergißt der Mensch, überhöht das eine, vermindert das andere.

Ich könnte mal (vorrangig aus der Sicht des Uffz/Ausbilder) den Tag vor der Einberufung beschreiben: Denn die Tassen (die nach meiner Erinnerung nicht im Spind waren) müssen ja irgendwann da reingekommen sein - und das kann nur im "Zwischenlehrgang" gewesen sein. Also muss ich den "Zwischenlehrgang" beschreiben, den haben ja nun wirklich nur die Ausbilder erlebt. Um den aber zu verstehen, muss man den Tag der Versetzung der Jung-Uffze beschreiben. Und das geht wiederum nur, wenn man einige Tage vor der Versetzung beginnt - und das war der

B/A-Appell vor der Versetzung
Tage vor der Ernennung waren die Messen gesungen. Die künftigen Uffze fühlten sich wie E's (sie ahnten noch nicht). Und die Lippen wurden etwas größer. Da war dann der große B/A-Appell vor der Versetzung. Das war gleich für die gesamte U-Schule - auf dem ex-Platz. Und nahm mehrere Stunden in Anspruch. Denn der ging so:

Im Zimmer gab der stellvertretende Gruppenführer (einer von euch, neben dem dünnen grünen Balken hatte er noch einen dünnen roten Balken auf der K2) die Losung aus: Zeltplane vom Teil 1 runter. Und dann las er die ganz große Liste vor: Was da so alles mit auf den Ex-Platz genommen werden sollte - im Grunde also alles. Also schon der allererste Teil der "Maßnahme" dauerte etwas, es war ja viel Gefechtsgerödel aus dem Eigentum des Volkes.

Irgendwann ging es runter. Mit Zeltplane. Und dem ganzen Krempel drin - aber nun waren das alles heldenhafte und gestandene Männer: Mit durchgedrücktem Kreuz und ohne Gemaule ab auf den Exer. Das war nun erstmal die Stunde der Gruppenführer ... die die Sortierung ihrer Trüppchen auf dem ex-Platz gern ihrem Stellvertreter überließen - der lernt doch sonst nicht.

Alle haben ihren Platz gefunden. Schön. Das wäre im Grunde nun die Stunde des Hauptfeld - alles muss ja an den jeweils auf der Zeltbahn vorgesehenen Platz: Aber Blacky war in Gedanken schon in der Nacht vor der Abversetzung: UvD, übernehmen Sie!
O Shit, ich wieder. "Zu Fehl, Genosse Oberfähnrich!"

Die Ablegerei war im Grunde der vorgezogene B/A-Appell, nur ohne Uffzen zwischen den Reihen. Natürlich fehlte immer mal wieder was - also Genosse, das mal holen! Laufschritt!
Laufschritt war natürlich nicht - denn nun waren alles Helden, fast schon Uffze. Mein Gott, das dauert. In der Zeit stand dann alles auf "Halt" für die gesamte Kompanie. Ok - ok: Wenn es denn so sein soll, alles gediente Zeit.

So - jetzt ist die komplette Kompanie auf dem Ex-Platz ausgebreitet, also das Gekrempel auf der Zeltplane. Geht's jetzt los? Natürlich nicht. Weil - da sind ja noch elf andere Kompanien auf dem Exer - und nur die Hälfte fertig. Also - warten. Warten.

Es geht los!
Ich weiß nicht mehr, ob es der Leiter des B/A-Lagers war - na irgendwer stand jedenfalls vorn. Mit Mikro. "Stahlhelm! Vorzeigen!" Oh, beeindruckend - alle haben einen Stahlhelm. Aber ab und an fehlte trotz Vorkontrolle doch was - da wurde dann aber nicht mehr die Treppen hochgerannt. Sondern diesen Fehlbestand notierten die Gruppenführer.

Wir sind immer noch auf dem ex-Platz. Der Wind pfeift.
Später. Viel später.
Alles vorgezeigt.
Alles notiert.
Puhhh. Nun nur noch einpacken. Und ab auf die Kompanie, den Quatsch irgendwie in den Spind rein.

Huch - was das denn? Zimmer verschlossen? Oder klemmt die Türe? Sackstand!

Die folgende Tiefenkontrolle:
(Im Folgenden beschreibe ich etwas, was in der 7. Kompanie der folgende Standard war. Es kann sein, dass das bei allen Kompanien so war, es kann aber auch sein, dass das eine Sonderlocke der 7. Kompanie war!)

Als erstes ist der UvD dran:
"Aaaaaachtung! Panie Aaaaaaantreten! Zeltbahn vor sich - ablegen!"
Das macht sich nun fürchterlich schlecht: Die Zeltbahn mit dem ganzen Gerödel drin ist doch deutlich breiter als die breiteste Männerschulter. Ok, heute nehmen wir die Gefechtsordnung auf dem Flur mal nicht ganz so ernst.
"Genossen Unteroffiziersschüler, nun folgt ein weiterer Teil der Kontrolle! Sie werden von Ihrem Gruppenführer einzeln auf ihr Zimmer geholt und zeigen ihren Schrank vor. Überzählige Ausrüstungsgegenstände sind Teil des Volkseigentums!"

Das war ziemlich clever:
Der Spind war ja theoretisch leer - also da konnten im Grunde nur private Sachen und überzählige private Kragenbinden und Unterwäsche sein. Und nun war ich dran - ich war ja nun mal Gruppenführer. So, Genosse Hülsensack, Sie als Erster!
Machen Sie mal Ihren Spind auf! Was ist denn da hinter? Mal die Tasche raus! Was ist dort?
So ganz theoretisch hätte ich nicht in den Schrank greifen dürfen, das waren ja in der ganz hohen Theorie nur noch Privatsachen. Praktisch habe ich das ab und an doch gemacht. Und bin da anschließend auch mal schön auf die Nase gefallen - dazu dann in einem späteren, abschweifenden Beitrag.

Dieser Teil der Maßnahme diente ein Stück weit auch der Disziplinierung: Ich - habe - die - Macht. Über Dich!
Denn es war ja auch noch die Nacht vor der Abversetzung zu überstehen - und da gab es bei so einigen Uschis die wildesten Phantasien: Wem man so alles mal richtig die Meinung sagt, wem man auf's Maul haut. Tja - ich war ja auch mal Uschi - kannte ich alles.

Aber jetzt war ich Uffz/Ausbilder - und da gehört Widerstand im Ansatz erstickt:
Keine Lust auf ein "besonderes Vorkommnis" oder irgendwelchen Streß - ich diene auch nur: Scheiße, immer noch 349 Tage.

Schwer zu schätzen: Also geklauten Kleinkram (zweites Waffenreinigungsbesteck, sowas) haben wir immer hochgezogen. Und vergessene Sachen: Ausbildungsunterlagen, die theoretisch in die Lehrklasse gehörten - aber nie und nimmer in einen Spind. Also da würde ich wage an 50% aller Leute denken - die hatten was zuviel im Schrank.

Aber in so vielleicht 10% der Fälle (einer pro Stube sicher) war da schon etwas mehr. Also Sachen, die man wohl als versuchten Diebstahl einordnen muss. Ich kann mich zum Beispiel daran erinnern, dass ich bei einem meiner "Helden" ein Mira [1] hochzog. Also das war nun aus DDR-Sicht schon schwererer Diebstahl. Das Ding hätte die Lehrklasse nie verlassen dürfen. Und die Tarnung im Schrank deutete auch auf Diebstahl hin.

Zu diesem konkreten Fall ist anzumerken, dass die DDR so war, wie sie immer war - im Grunde unberechenbar:
Ich hatte erwartet, dass diese Nummer Streß gibt. Also Hptm Maxxt von "die Stasi" und der KC und ggf. der Militärstaatsanwalt mal "Guten Tag" sagen. Allein - es geschah nichts. Absolut nichts. Null.
(Ich will mit heutigem Wissen nicht spekulieren. Mit damaligem Wissen war für mich der Fall klar: Der Genosse Dieb hatte bei der Vereidigung auch Besuch von seinem Bruder - in Uniform. Und das war ein Unterleutnant des MfS. Aha - so tickert die Welt im Sozialismus also!)

[1] Das war ein Kassettenabspielgerät. Teuer und für den damaligen technologischen Stand nun wirklich nicht mit dem sprichwörtlichen "Griff zum Wegwerfen".

[2] Ich habe die Situation vor einigen Jahren schon mal (wohl in einem anderen Forum) beschrieben. Soweit sich Unterschiede in meiner Beschreibung auftun sollten, müssen wir das einerseits unter "der wird senil" als auch unter "dichterische Freiheit" buchen.


nach oben springen

#431

RE: Unteroffiziersschule "Egon Schultz" Perleberg

in Grenztruppen der DDR 08.06.2012 18:08
von Mart | 735 Beiträge

Ich hatte einen abschweifenden Beitrag zur Tiefenkontrolle vor der Versetzung versprochen. Hier ist er.
(Auch schon mal dem Inhalt nach öffentlich irgendwo verhandelt.)

Ich als Gruppenführer bin also mit einem meiner Uschis allein im Zimmer. Er hat seinen Schrank offen. Wir gucken gemeinsam mal, ob da noch etwas im Spind ist, was nicht dort hin - sondern in das Eigentum des Volkes gehört. Ab und an greife ich auch verbotenerweise selbst in den Schrank - wir wollen alle mal irgendwann fertig werden: Draußen warten noch weitere Genossen Uschis auf ihre Kontrolle.

Da geht die Tür auf - oh, wer ...
Örgs.

Der Stabschef der Fachrichtung OSL "Kette" Schxxz höchstselbst.
"Aaachtung! Unterfeldwebel Mart bei Kontrolle des Spind Unteroffiziersschüler Hülsensack!"
Kette: "Weitermachen!"

Hmmm, ja. Nun. Kommt vor.
Dachte ich.

Wenige Stunden später, es ist Abend.
Ort: Unteroffiziersstube für vier Uffze, direkt auf der Kompanie. Belegt mit vier Uffzen, vier Betten, vier BU-Bettdecken, vier BU-Schränken. Die Schränke waren schöner und größer als eure Pressholz-Spinde. Aber genau die gleiche Aufteilung. Also da gehörte alles genau da hin - wie in euren Spinden.

Ihr müßt jetzt mal ganz stark sein!
Dem war natürlich nicht so. In den Schränken gab es eine -na sagen wir- ansatzweise Ordnung. Ansatzweise. Also so eine Schrankordnung bei Dir, Genosse - also ich weiß ja nicht. - Nuuuun, es war so. Es gab nie Kontrollen bei den Uffz/Ausbildern, jedenfalls keine Schrankkontrollen.

Ich sitze da also so vor mich hin, noch zwei oder drei andere Kapos auf der Stube. Rumms, schepper-schepper - wat dat denn? Oh Shit, OSL "Kette" Schxxz hilmself. Hat der etwa ...
"Aaachtung! Genosse Oberstleutnant! Zimmer 201, belegt mit vier Mann, drei anwesend ..." und so weiter und so fort.
Kette: "Lassen Sie rühren! Wo ist der Schrank von Ufw Mart?"

Ähmmm, wie jetzt? MEIN Schrank?
Das ist aber mal dumm ... mir bricht Schweiß aus. Also so richtig Schweiß.

Nicht wegen der mangelnden Ordnung, die kann ich gern dreimal neu einräumen. Alles gediente Zeit. - Sondern wegen der Stempel. Scheiße, die Stempel sind alle offen im Fach!

Welche Stempel denn so?
Nun, in meinem Örtchen gab es einen privaten Stempelmacher. Der konnte das richtig gut. Dem hatte ich Vorlagen angeschleppt für die Stempel - also die Idee war, den Stempel auf den Briefumschlag zu drücken. Außen, sieht ja sonst niemand. Das eine Stempelmotiv für Verliebte, in meiner Erinnerung eine Rose und ein vorgefertigter Liebesspruch. Der andere Stemepl war heikel: Da war ein angedeutetes Bandmaß, die eine Seite etwas aufgerollt - und der letzte Schnipsel so groß, dass man mit Kugelschreiber die aktuelle Tagezahl da einschreiben konnte. Also der Stempel außen auf den Umschlag, da bei der Briefmarke. Und aktuelle Tageszahl eintragen, so ging das.

Das war der Renner unter den Uffz/Ausbildern (UaZ) - ich hatte da zu meiner Zeit die Versorgung für die gesamte U-Schule. Zwei Stempel, den Liebes-Stempel und den Abgang-Stempel. Da hatte ich immer so ca. 20 auf Vorrat. Und die mußten ja irgendwo sein. Also fein ordentlich im Schrank.

Und vor genau diesem Schrank steht OSL Kette Schxxz.
Und ich weiß nicht, ob er mich straft, weil ich in die Schränke der Uschis vorhin griff - und er mich dabei sah. Oder ob er wegen des Postenradios getippt war oder wegen der Stempel. Soweit es euch Genugtuung für erlittene Schmach gibt: Soeben war ich noch der große Kontrolleur - und nun zieht mir Kette Schxxz als erstes mein Postenradio hoch, das ganz kleine Dingens (wie hieß das?). Das lag nicht offen rum - aber mit zielsicherem Blick nahm er genau das. Scheiße.

Und guckt sehr neugierig auf meine wirklich offen stehenden und wohlsortierten Stempel. Und ich - schweißnass.
"Was ist denn das?"
"Stempel, Genosse Oberstleutnant!"
"Für was denn?"

Die Lust auf Scherzchen der Art "na zum Stempeln" hatte ich in der Situation nun wirklich nicht:
"Für Verliebte, Genosse Oberstleutnant! Wird außen auf den Brief gestempelt."
"Zeigen Sie mal, Genosse Unterfeldwebel!"

Na zum Glück standen die "verliebt"-Stempel vorn und die "ich bin E und gleich weg"-Stempel hinten: Ich schwitzte Blut und Wasser - aber Kette gab sich mit dem einen Stempel zufrieden. - Meine Fresse, das hätte aber schief gehen können.

Also das Schlimmste war abgewendet. Aber - das Postenradio ... na, erstmal die EK_Stempel weg, ganz schnell! Ehe hier noch was kommt. Auf alle Fälle kommt der nächste Tag. In Form der KC.

Mein Zugführer läßt wissen, dass ich Audienz beim KC Hptm Häxxxth habe. Nun gut, das war zu erwarten. Dann wollen wir mal fein die Ohren runterklappen und Cheffe keinesfalls widersprechen: Kopf-klopf. Herein! "Genosse Hauptmann, Ufw Mart auf Ihren Befehl ...". "Setzen!"

"Unterfeld, was hast Du für'n Scheiß gemacht?"
Oha, Cheffe klingt ja gar nicht so böse? Was antworten wir denn da? "Genosse Hauptmann, wenn es schief gehen soll ..." und fein die Ohren noch weiter runter - mal sehen, was er eigentlich will.

Hopsa, jetzt wäscht er mir die Ohren - für die Spindkontrolle bei meinen Uschis!
"Genosse, nie in den Schrank greifen! NIE!" [1]

Und sprach weiter:
"Ihr Radio, das müßten Sie mal anmelden. Beim Spieß."
Ähmmm, das ist doch in der Größe verboten? Da passt doch die Erlaubniskarte gar nicht drauf?
"Hab' Dich nicht so. Schneide die Karte halt so zurecht, wird schon gehen. Nimm Dein Radio und trabe zum Spieß damit, der weiß schon, dass Du kommt. Und jetzt - RAUS!"

[1] Es war übrigens genau die Kontrolle, bei der ich den MIRA hochzog - vgl. meinen letzten Beitrag.

[2] Ob der Wink über das MfS kam - vermag ich leider nicht zu sagen: Bei meiner Akte bei BStU fehlt leider die komplette Zeit der U-Schule - muss es aber wegen verschiedener Sicherheitsprüfungen gegeben haben. (Hat jemand einen Hinweis auf andere Akten-Auffindeorte bei BStU bzgl. Grenztruppenzeit/HA I ?)


nach oben springen

#432

RE: Unteroffiziersschule "Egon Schultz" Perleberg

in Grenztruppen der DDR 08.06.2012 19:32
von damals wars | 12.216 Beiträge

Ich tippe mal Radio Cora, so ein aus Rumänien für 69? Mark, oder G 1000 für 99 Mark.

Kurz vor dem Abrücken in die Grenzkompanie erwähnte ich auf meiner Stube, das mein bebo sher verschwunden ist.
Und siehe da, es war auch bei andren der Rasierapparat verschwunden.
Ich vermute, die sind im A& V verscherbelt worden.


Als Gott den Menschen erschuf, war er bereits müde; das erklärt manches.(Mark Twain)
Ein demokratischer Rechtsstaat braucht Richter, keine Henker. Interview auf der Kundgebung Je suis Charlie am 11.01.2015
"Hass hat keinen Glauben, keine Rasse oder Religion, er ist giftig." der Witwer der britische Labour-Abgeordnete Jo Cox.
http://www.neo-magazin-royale.de/zdi/art...fur-frauke.html
zuletzt bearbeitet 08.06.2012 19:33 | nach oben springen

#433

RE: Unteroffiziersschule "Egon Schultz" Perleberg

in Grenztruppen der DDR 09.06.2012 01:27
von Mart | 735 Beiträge

Zitat von damals wars
Ich tippe mal Radio Cora


Gute Frage - nächste Frage ...
Also so könnte das Dingens schon ausgesehen haben. Ich weiß noch, dass diese kleine Genehmigungskarte nicht auf die Rückseite passte, ich mußte sie so zuschneiden, dass anschließend schon Teile des vorgedruckten Textes fehlten. Ich weiß zudem noch, dass die notwendige Markierung der "Freundsender" äußerst schwierig war. Gab es so was in der Art und Größe ggf. auch mit UKW und Mini-Teleskopantenne?

Zitat von damals wars
erwähnte ich auf meiner Stube, das mein bebo sher verschwunden ist.
Und siehe da, es war auch bei andren der Rasierapparat verschwunden.
Ich vermute, die sind im A& V verscherbelt worden.


Das höre ich zum ersten Mal.
Ich kann mit Deiner Andeutung auch wenig anfangen - wen hattest Du damals als Dieb in Verdacht? Eher einen Kameraden oder eher den Gruppenführer? Also ich kann da nun wirklich nur für mich sprechen: Das wäre nun das Letzte gewesen, was mir eingefallen wäre - einen Uschi beklauen. Ich hatte -ich glaube- so 860 Mark netto im Monat. Und im Grunde keine Möglichkeit, da irgendwo Geld auszugeben. Ich hab' fein für das Studium gespart - und das war durchaus einfach ... erwähnte ich wohl schon, dass es keine Möglichkeit gab, das Geld mit flinker Hand auszugeben? Ja, ich erwähnte.

Aber in meinen Formulierungen ist ggf. tatsächlich etwas mißverständlich - das Greifen in den Schrank. Ich will es genauer erklären:
Also bei so ziemlich jedem abendlichen Stubendurchgang der ersten zwei, drei Monate war der Spind eines Uschis dran. Da war es völlig normal, dass der Gruppenführer selbst in den Schrank griff: Mal hier was hochheben, mal da was schieben. Absolutes Tabu war nur das nochmals verschlossene private Fach: Das durfte man öffnen lassen und reingucken. Aber mehr auch nicht.

Lediglich bei den ganz großen Tiefenkontrollen war es anders sortiert - da durfte der Gruppenführer exakt gar nichts anfassen. Was regelmäßig nicht so ernst genommen wurde.

Und damit bei "anfassen" keine weiteren Mißverständnisse aufkommen: Die Spielregeln für die Gruppenführer waren eng - also Schrank ankippen war absolutes tabu, mal abgesehen davon, dass das rein technisch auch schwierig war: Da hätte der Schrankaufsatz den Gruppenführer sofort erschlagen. Höhö.
Ich selbst habe (also in meiner Erinnerung jedenfalls) da auch nie was gegriffen und rausgeschmissen, also irgendwelche schlecht gebaute Wäsche oder so. Allerdings bin ich mir ziemlich sicher, dass der eine oder andere Gruppenführer sowas machte. Aus meiner heutigen Sicht würde ich das als Zeichen der Überforderung sehen.

Soweit dazu.


nach oben springen

#434

RE: Unteroffiziersschule "Egon Schultz" Perleberg

in Grenztruppen der DDR 09.06.2012 02:24
von Fritze (gelöscht)
avatar

Also nochmal zu den braunen Porzellantassen.Die standen bei uns II/85 im Schrank.Sponsort by GT.
Und in den Schrank hat kein GF oder Kontrollierender gefasst,das mussten wir selbst rausholen.
Bei meinem Schrank gabs ein halbes Jahr nie Anlass ,aber in der letzten Woche als Uschi musste ich noch das Schrankpapier erneuern,weils meinem Gruppenführe nicht gefiel.Schätze hatte ne zu grosse Klappe gehabt.
Diese kom.BA Appelle hatte unsere Kompanie nicht ,obwohl immer drüber geredet wurde.Dafür war nicht ein Mal der Frühsport ausgefallen,trotz weniger als minus 15 Grad.Auch wenn alle anderen keinen oder eingeschränkten FS machte,wir mussten keulen.Und Arbeitseinsätze gabs für unseren Zug auch am Sonntag.


nach oben springen

#435

RE: Unteroffiziersschule "Egon Schultz" Perleberg

in Grenztruppen der DDR 09.06.2012 23:29
von torpedoschlosser | 330 Beiträge

Zitat von 94
ohne t, odär?

P.S. mWn der einzige Promovierte in der Generalität der Grenztruppen.


@94 hat recht, ohne t.


nach oben springen

#436

RE: Unteroffiziersschule "Egon Schultz" Perleberg

in Grenztruppen der DDR 14.06.2012 02:30
von Mart | 735 Beiträge

Ich hatte angekündigt, (vorrangig aus der Sicht des Uffz/Ausbilder) den Tag vor der Einberufung beschreiben: Denn die Tassen (die nach meiner Erinnerung nicht im Spind waren) müssen ja irgendwann da reingekommen sein - und das kann nur im "Zwischenlehrgang" gewesen sein. Also muss ich den "Zwischenlehrgang" beschreiben, den haben ja nun wirklich nur die Ausbilder erlebt. Um den aber zu verstehen, muss man den Tag der Versetzung der Jung-Uffze beschreiben.

Der große B/A-Appell ist durch; ich beschrieb das oben.
Und auch die Ernennung auf dem Exer ist durch.

Der letzte Tag an der U-Schule startet. Er startet gemächlich.
Des Tages über geht es darum, dass alle Uschis (oh, Glückwunsch Genosse Unteroffizier) die private schwarze Tasche packen und die Zeltbahn zu einem Sack knüpfen und dort das gesamte Gefechtsgerödel reinstopfen. Und sonst nicht zu viel Unsinn treiben.

Spannend ist da weniger der Tag - vielmehr die letzte Nacht.
Bei so ca. 20% der Uschis waren wildeste Phantasien. Wie man seinem GF oder ZF mal eine drückt (mal ordentlich auf's Maul haut). Oder dem zumindest mal sagt, was für ein Arschloch das so ist. Bei der Mehrheit von sicher 80% war die Stimmung eher der Art eines EK - nur weg hier!

Und es gab noch eine übergreifende Stimmung: Eine Art von Trennungsschmerz von echten Kameraden! Also mit den Jungs der eigenen Bude ist man ja wirklich durch dick und dünn gegangen - man hat Schlamm und Hitze und Kälte und Ungerechtigkeiten überstanden. Man hat sich gegenseitig geholfen. Man hat vieles (nicht alles!) von anderen Kameraden mitbekommen: Liebeskummer, Freude, Heimweh. Wenn jemand sich einen runterholte. Auch das.

Ich war ja auch mal Uschi - mir hat sich das vermutlich mehr eingeprägt als euch:
Ihr alle könnt da abhauen ... wohin auch immer. Aber mich lasst ihr zurück! Ihr lasst mich für weitere zweieinhalb Jahre in diesem Wahnsinn! Aber zu diesem durch den "Zwischenlehrgang" noch verstärkten Gefühl später.

Die letzte Nacht ist zu überstehen:
Dann wollen wir mal einem GF eine auf's Maul hauen!

Solcher Art BV (besonderes Vorkommnis) wollte von der "obersten Heeresleitung" natürlich niemand. Und daher war alles an Vorgesetzten auf der Kompanie, was da hingehörte - in dieser Nacht. Das fing damit an, dass UvD und GUvD von mindestens UfW gegeben wurden. Und alle ZF und Gruppenführer nett ihre Schäflein im Auge behielten: "Keule, probier' mal, mir eine zu drücken! Kann sein - ich bin stärker?"

Es ist irgendwann nach dem Abendbrot, vielleicht gegen 2000.
Der KC bittet auf den Flur, der Pfiff des UvD mit dem bekannten "Sieeem-Panie - raustreten, Zeeeeit drreeeeiii Muten" ist eine Machtdemonstration, die natürlich zu Gunsten der neuen Helden ausgeht ... nach so sicher 10 Minuten steht eine gelangweilte Front lässig auf dem Flur. Und jeder GF/Ausbilder frontal vor seinem Häuflein.

KC Häxxxx ist sicher etwas unwohl - aber es hilft ja nichts: Salbungsvolle Worte über den Weltfrieden, den bitterbösen Klassenfeind und die Trennlinie (nicht Nahtstelle! Jawoll!) zwischen Imperialismus und schon fast vollendetem Kommunismus läßt man stoisch über sich ergehen - es ist ja das letzte Mal. Und dem XYZ will ich noch auf's Maul hauen.

Der KC übergibt an den Hauptfeld.
Und das ist nun wirklich Blackys (falls Du das je liest - sei herzlich gegrüßt!) Stunde:
Genossen Unteroffiziere!
Ihr Lehrgang ist vorbei. Ein guter Lehrgang - wir sind gut miteinander ausgekommen. Und das bleibt auch in der letzten Nacht so. Damit das so bleibt, werde ich mein Feldbett auf dem Flur aufschlagen. Ich werde all die zum Soldaten degradieren, die meinen Schlaf stören. Im Übrigen wünsche auch ich ihnen (es folgen belanglose Nettigkeiten). UvD - lassen Sie wegtreten!

Und das war sie dann - die Nacht der langen Messer.
Ganz ruhig. Nie Streß.

Am nächsten Morgen wurde es dann nochmal hektisch:
Mal eben 1.000 Mann mit W50 zum Bahnhof kutschieren. Bzw. von W50 anderer Dienststellen abholen lassen.

Nachtrag:
Blacky schlug natürlich nie sein Feldbett auf dem Flur auf. Er sagte das nur - wie auch die Sache mit der Degradierung ... so viel Macht hatte ein OFä natürlich nicht.


zuletzt bearbeitet 14.06.2012 02:34 | nach oben springen

#437

RE: Unteroffiziersschule "Egon Schultz" Perleberg

in Grenztruppen der DDR 08.07.2012 03:17
von Mart | 735 Beiträge

Der Zwischenlehrgang

Das war eine ganz eigenwillige Zeit: Gestern noch Stiefeltritte, Gesprächsgeräusche, Befehle. Und heute: Absolute Stille.
Es ist wie in einem ganz kleinen Dorf: Ein Vogel singt. Nur ab und an läuft jemand vorbei. Eine Stadt ohne Menschen.

Irgendwie war der Krieg auch abgesagt: Gestern noch wurde die Kaserne bewacht wie kurz vor dem Angriff der Green Baretts. Und heute: Nur die Wache am KdL-1 und ein einziger vereinzelter Streifenposten. Nur gut, dass das NATO-Hauptquartier das nie erfuhr: Die hätten uns alles weggeräumt, wir hätten das nichtmal mitbekommen.

Für die GF/Ausbilder war diese Zeit allerdings Sackgang ohne Ende: Zu den Tassen und den Zimmern komme ich gleich. Fürchterlich war aber der UvD-Dienst. Man muss sich das mal vorstellen: Ein GF gab den UvD, ein anderer GF den GuvD - und das alles ohne jedes Publikum! Und das auf jeder Etage ... später gab es die Einsicht, dass das vielleicht doch ein wenig viel sei: Dann reichte ein UvD/GuvD pro Block auch aus.

Allerdings war das auch spannend. Mein ZF delegierte eine Offiziersaufgabe an mich: "Ufw, Formulare tippen!" - Ja, gut: Erstens ist Befehl - Befehl. Zweitens vergeht die UvD-Zeit schneller. Drittens hat er sich grad ein klein wenig erpressbar gemacht. Viertens - über Viertens ist zu berichten:

Also ich sitze da in der Nacht am UvD-Tisch, vor mir so eine mechanische Schreibmaschine. Und ich fülle irgendwelche Formulare aus. Neben mir ist ein Karteikasten mit ... mit den Wehrstammkarten der einzuberufenden neuen Genossen! Oha. - Und insoweit kann ich heute berichten, was da eigentlich drin war. Die Einlagen der Wehrstammkarten bestanden aus allem möglichen Klimperkram, also medizinische Einschätzung und wohl auch Musterungsergebnis. Vor allem war das aber eine Einschätzung des örtlichen ABV!

Und die hatte es in sich. Also das war schon etwa vergleichbar mit heute bekannten MfS-Akten, also vom Tonfall her. Da schrieb der ABV schon auf, wie viele Freundinnen der Deliquent so hatte. Und wie die Familie so war, also Alkohol oder böse Reden wider den lieben Gott ... halt: Die Partei. Ich hatte sowas ja vorher nie gesehen - das hat mich damals schon deutlich verblüfft. Es gab da schon ziemlich ausgereifte Personendossiers. Und der Fairness halber muss ich auch sagen, dass es andererseits ABV gab, die strikt Dienst nach Vorschrift machten: Da stand dann drin, dass nichts drin steht.

So, alles erledigt. Einige Stunden geschlafen. Die höchst eigenwillige Atmosphäre der völlig leeren "Stadt" namens U-Schule erlebt. Was bringen diese Tage noch?

Die bringen hektische Zugführer und einen hektischen KC. Die ignoriert der gelernte GF konsequent. Aber den Spieß ignorieren - ganz schlechte Idee. Wir sind schon fast bei der ominösen Tasse.

Jeder GF hatte das Zimmer seiner Uschis auf Vordermann zu bringen. Wenn er helle war, dann hatte er die soeben abversetzten Jung-Uffze so weit in Griff, dass die Bude einigermaßen ansehnlich war. Einigermaßen.

Also erstens wurde jedes Bett beschriftet und jeder Spind - die oben erwähnte Schreibmaschine ... Und dann wurde jeder Spind gesäubert. Also richtig gesäubert. Ich erinnere mich nicht, dass ich da je was reintat - also eine Tasse oder irgend etwas anderes. Aber ich will das auch nicht ausschließen: Es ist bald 30 Jahre her - ich lebe heute. Nicht damals.

Der Besenspind (erinnert sich überhaupt noch jemand daran?) wurde auf Vordermann gebracht. Ein Musterbett wurde dann noch gebaut: Also das war der Traum von einem Musterbett. (Und der erste eintreffende Heiducke hat das dann regelmäßig eingerissen - ich habe nie erlebt, dass alle Soldaten das unbeschädigte Musterbett auch sahen.)

Und dann habe ich das Zimmer meiner künftigen Uschis gewischt und gekeult. Ihr Saubatzen habt das dreckig hinterlassen. Und ich -ich- als GF muss die Bude keulen. Nicht zu fassen.

Das war (wie versprochen) der Tag vor der Einberufung.
Es ist der Tag, an dem ihr schlecht schlafen werdet. Mutter hat noch gute Wünsche - und der Sohn fliegt morgen in die Welt. In eine ausnehmend abstruse Welt. Und - mit Zaun um die Welt.


nach oben springen

#438

RE: Unteroffiziersschule "Egon Schultz" Perleberg

in Grenztruppen der DDR 08.07.2012 13:12
von Fritze (gelöscht)
avatar

Ich hatte es ja schon immer vermutet,aber jetzt weiss ich es genau,die GF an der U-Schule waren doch ein eigener Schlag.Für mich wäre es wahrscheinlich damals die grösste Strafe gewesen,hätte ich in Perleberg bleiben sollen oder in ein GAR versetzt zu werden.Einer aus unserem Zug,der immer ein bisschen schnoddrig war und immer eine etwas zu lange Haarpracht unter seinem Käppi versteckte,erfuhr erst am Tage der Versetzung,daß er nach Wilhelmshagen kam.Von Soldaten,welche später in unsere Einheit kamen,erfuhren wir,daß er nur am kotzen war.
Achso ,lass uns mal nicht so lange auf die Vorsetzung warten . Gruss Fritze !


zuletzt bearbeitet 08.07.2012 13:14 | nach oben springen

#439

RE: Unteroffiziersschule "Egon Schultz" Perleberg

in Grenztruppen der DDR 09.07.2012 22:21
von Mart | 735 Beiträge

Zitat von Fritze im Beitrag #438
Ich hatte es ja schon immer vermutet,aber jetzt weiss ich es genau,die GF an der U-Schule waren doch ein eigener Schlag.Für mich wäre es wahrscheinlich damals die grösste Strafe gewesen,hätte ich in Perleberg bleiben sollen oder in ein GAR versetzt zu werden.

Das ist Deine Sicht der Dinge - und soll das auch gern bleiben. Allerdings halte ich diese Sicht für nicht zutreffend: Niemand konnte sich aussuchen, wohin er versetzt wurde - zumindest ist mir dergleichen nicht bekannt. Also ich habe mir das nicht ausgesucht.

Natürlich versucht man, aus jeder Situation das Beste zu machen - also das macht jeder: Auch ich hatte dieses Recht. Idealerweise im Sinne des Kantschen Kategorischen Imperativs. Ich hatte es schon gesagt: Es kommt darauf an, aus welcher Sicht man das beleuchtet, in welcher Rolle man damals war: Ich bin einigermaßen sicher, dass viele meiner Uschis keine so besonders günstige Sicht auf ihren damaligen GF haben. Und das hat deutlich damit zu tun, dass man selbst auch heil und gesund wieder nach Hause wollte.


nach oben springen

#440

RE: Unteroffiziersschule "Egon Schultz" Perleberg

in Grenztruppen der DDR 09.07.2012 23:42
von Fritze (gelöscht)
avatar

In unserem Zug wurden nur Freiwillige an der US belassen.Aber die Versetzung konnte sich niemand aussuchen.


nach oben springen



Besucher
14 Mitglieder und 34 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: TalSiar
Besucherzähler
Heute waren 785 Gäste und 60 Mitglieder, gestern 3617 Gäste und 188 Mitglieder online.

Forum Statistiken
Das Forum hat 14376 Themen und 558765 Beiträge.

Heute waren 60 Mitglieder Online:

Besucherrekord: 589 Benutzer (24.10.2016 20:54).

Xobor Ein eigenes Forum erstellen