#1

Recht auf Arbeit oder Pflicht zur Arbeit in der DDR

in Leben in der DDR 24.06.2011 17:07
von Nostalgiker | 2.554 Beiträge

Im Thread "Lebenslängliche Zuchthausstrafe für Harry Seidel" entwickelt sich eine Diskussion zum oben genannten Thema welche sich auf einen Artikel der Verfassung der DDR und einen Paragraphen des Strafgesetzbuches der DDR begründet:

Einmal der der entsprechende Artikel aus der Verfassung:

Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik
vom 9. April 1968

geändert durch
Gesetz vom 7. Oktober 1974 (GBl. I S. 425)

neu bekannt gemacht am 7. Oktober 1974 (GBl. I. S. 432)

Abschnitt II.
Bürger und Gemeinschaften in der sozialistischen Gesellschaft

Kapitel 1.
Grundrechte und Grundpflichten der Bürger

Art. 24. (1) Jeder Bürger der Deutschen Demokratischen Republik hat das Recht auf Arbeit. Er hat das Recht auf einen Arbeitsplatz und dessen freie Wahl entsprechend den gesellschaftlichen Erfordernissen und der persönlichen Qualifikation. Er hat das Recht auf Lohn nach Qualität und Quantität der Arbeit. Mann und Frau, Erwachsene und Jugendliche haben das Recht auf gleichen Lohn bei gleicher Arbeitsleistung.

(2) Gesellschaftlich nützliche Tätigkeit ist eine ehrenvolle Pflicht für jeden arbeitsfähigen Bürger. Das Recht auf Arbeit und die Pflicht zur Arbeit bilden eine Einheit.

(3) Das Recht auf Arbeit wird gewährleistet
durch das sozialistische Eigentum an den Produktionsmitteln;
durch die sozialistische Planung und Leitung des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses;
durch das stetige und planmäßige Wachstum der sozialistischen Produktivkräfte und der Arbeitsproduktivität;
durch die konsequente Durchführung der wissenschaftlich-technischen Revolution;
durch ständige Bildung und Weiterbildung der Bürger und durch das einheitliche sozialistische Arbeitsrecht.

Durch § 10 des Gesetzes vom 7. Oktober 1974 wurden in Absatz 3 die Worte "Planung und Leitung" ersetzt durch: "Leitung und Planung"


Einmal der entsprechende Paragraf aus dem Strafgesetzbuch der DDR (nicht 'Strafrechtsordnung' wie Wiki launig schreibt); StGB-DDR :

§ 249 des StGB der DDR
Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch asoziales Verhalten.
[Kompletter Text inklusive Änderung und Kommentaren]

(1) Wer das gesellschaftliche Zusammenleben der Bürger oder die öffentliche Ordnung dadurch
gefährdet, dass er sich aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit hartnäckig entzieht, obwohl er
arbeitsfähig ist, oder wer der Prostitution nachgeht oder wer sich auf ändere unlautere Weise Mittel
zum Unterhalt verschafft, wird mit Verurteilung auf Bewährung oder mit Haftstrafe,
Arbeitserziehung oder mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren bestraft. Zusätzlich kann auf
Aufenthaltsbeschränkung und auf staatliche Kontroll- und Erziehungsaufsicht erkannt werden.
(2) In leichten Fällen kann von Maßnahmen der strafrechtlichen Verantwortlichkeit abgesehen und
auf staatliche Kontroll- und Erziehungsaufsicht erkannt werden.
(3) Ist der Täter nach Absatz 1 oder wegen eines Verbrechens gegen die Persönlichkeit, Jugend und
Familie, das sozialistische, persönliche, oder private Eigentum, die allgemeine Sicherheit oder die
staatliche Ordnung bereits bestraft, kann auf Arbeitserziehung oder Freiheitsstrafe bis zu fünf
Jahren erkannt werden.
Durch Gesetz vom 7. April 1977 wurden im § 249 Abs. 1 das Wort "Arbeitserziehung" gestrichen
und im Abs. 3 wurden die Worte "Arbeitserziehung oder" gestrichen.
Durch Gesetz vom 28. Juni 1979 erhielt der § 249 folgende Fassung:

"§ 249. Beeinträchtigung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit durch asoziales Verhalten.
(1) Wer das gesellschaftliche Zusammenleben der Bürger oder die öffentliche Ordnung und
Sicherheit beeinträchtigt, indem er sich aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit entzieht, obwohl er
arbeitsfähig ist, wird mit Verurteilung auf Bewährung, Haftstrafe oder mit Freiheitsstrafe bis zu
zwei Jahren bestraft.
(2) Ebenso wird bestraft, wer der Prostitution nachgeht oder in sonstiger Weise die öffentliche
Ordnung und Sicherheit durch eine asoziale Lebensweise beeinträchtigt.
(3) In leichten Fällen kann von Maßnahmen der strafrechtlichen Verantwortlichkeit abgesehen und
auf staatliche Kontroll- und Erziehungsaufsicht erkannt werden.
(4) Ist der Täter nach Absatz 1 oder 2 oder wegen eines Verbrechens bereits bestraft, kann auf
Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren erkannt werden.
(5) Zusätzlich kann auf Aufenthaltsbeschränkung und auf staatliche Kontroll- und
Erziehungsaufsicht erkannt werden."
Durch Gesetz vom 14. Dezember 1988 wurde der § 249 Abs. 4 aufgehoben.
Durch Vertrag vom 18. Mai 1990 wurde der § 249 aufgehoben.
Durch Gesetz vom 29. Juni 1990 wurde der § 249 nochmals aufgehoben.
Durch Gesetz vom 14. Dezember 1988 wurde an dieser Stelle folgender § eingefügt:
"§ 249a. Unzulässige Glücksspiele und Wetten. Wer ohne Genehmigung in der Öffentlichkeit
Glücksspiele oder Wetten organisiert oder betreibt, um sich oder anderen erhebliche Vorteile zu
verschaffen, wird mit Geldstrafe, Haftstrafe, Verurteilung auf Bewährung oder mit Freiheitsstrafe
bis zu zwei Jahren bestraft.
Anmerkung: Derartige Handlungen, die nicht auf die Erlangung eines erheblichen Vorteils gerichtet
sind, können als Ordnungswidrigkeit verfolgt werden."


Das Augenmerk ist im Gesetzestext doch auf folgende Formulierung zu legen: ...dass er sich aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit hartnäckig entzieht, obwohl er arbeitsfähig ist....

Eine Hausfrau, ein Schüler, ein Student, einer der Geld (geerbt oder im Lotto gewonnen) hat entzieht sich nicht aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit im Sinne des angesprochenen Paragraphen.
Allerdings haben sich solche Leute wie 'Turtle' sie kennenlernen mußte sich durchaus aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit und damit eines gesellschaftlich akzeptierten Erwerbs ihrer Mittel zum Lebensunterhalt entzogen.
Hauptsächlich wurden sie wegen 'Glücksspiel, Prostitution. Betrug oder Gaunereien' verurteilt.
Wohlgemerkt ist es in heutiger Gesellschaftsordnung durchaus Legitim und gesellschaftlich 'Anerkannt' genau mit diesen genannten Tätigkeiten seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Solange kein privat geschädigter Anzeige erstattet wird es per Gesetz nicht verfolgt.
Glücksspiel ist ein staatliches Monopol, in der BRD auf Länderebene. Siehe Lotto und Spielbanken.
Wer zum Beispiel ein privates Spielcasino aufzieht bekommt auch hier gewaltigen Ärger mit dem Gesetzgeber.

Solche wie im §249 StGB-DDR genannten Vergehen entsprachen nun mal nicht dem Selbstverständnis vom Bild des sozialistischen Menschen.

Die im Absatz 1 genannte Maßnahme das nach Verbüßung einer Haftstrafe zusätzlich auf eine Aufenthaltsbeschränkung und auf staatliche Kontroll- und Erziehungsaufsicht erkannt werden kann, war mir als die sogenannte Arbeitsplatzbindung bekannt.

Denjenigen den es traf wurde einem Betrieb zugewiesen und dieser mußte ihn einstellen. Für die Zeit der Arbeitsplatzbindung war er unkündbar. Inwieweit er zur Arbeit erschien stand auf einem anderen Blatt. Lohn erhielt er für die Fehlzeiten natürlich nicht.
Es lag letztendlich in der Entscheidungsbefugnis des zuständigen Leiters, meist Abteilungsleiter, inwieweit er dies 'meldete' ud es damit zu neuerlichen Sanktionen gegenüber dem Arbeitsunwilligem kam.
Ein mir persönlich bekannter Abteilungsleiter mit dem ich beruflich sehr eng zusammenarbeitete holte jeden Morgen seine "Problemschäfchen" mit seinem Privatwagen von zu Hause ab und verfrachtete sie ob nüchtern oder noch sturzbetrunken an ihren Arbeitsplatz. Hof und Lagerhilfsarbeiter waren das. Die noch Betrunkenen wurden im Lager zur Ausnüchterung 'abgelegt' bis sie irgendwann zu gebrauchen waren.
Selbst habe ich auch des öfteren mit einer Kollegin welche für einen Bereich zuständig war abgängige Kollegen während der Arbeitszeit zu Hause abgeholt und zur Arbeit gebracht. Teilweise hatten wir ihnen sogar noch Essen gekauft weil das letzte Geld am Vorabend in der Kneipe verjubelt wurde.

Selber wurde ich mal von der Kaderabteilung (Heute Personalbüro) gefragt ob ihnen entgangen wäre das Kollegin XY gekündigt hätte oder gar "einsäße".
Sie war im gesamten Kalenderjahr wohl nur 3 Tage auf Arbeit erschienen.
Recherche brachte folgendes zu Tage:
Alleinerziehende Mutter von 7 Kindern.
Erhielt also staatliches Kindergeld und Alimente von den Vätern (7 Kinder, 8 Väter so ungefähr)
Laut Arbeitsvertrag hatte sie Anspruch auf 3 Wochen Urlaub. Den sie auch nahm.
In der DDR gab es für 6 Wochen im Falle einer Krankschreibung von der Sozialversicherung Krankengeld (voller Lohnausgleich)
Der Krankenschein war damals Grün und umgangssprachlich hieß er "grüner Urlaubsschein". Jedenfalls kenn ich das so.
Die 6 Wochen Lohnausgleich galten auch bei Krankschreibung der Kinder.
Also 7 Kinder mal 6 Wochen und die eigenen 6 Wochen noch dazu.
Dann erhielt jede Frau pro Monat einen Haushaltstag. Das galt natürlich nicht bei Krankschreibung. Also maximal nochmal 12 Arbeitstage.
Wann sollte die gute Frau denn auf Arbeit erscheinen?
Rechtlich war sie nicht zu haben.
Das ist natürlich ein Extrembeispiel.
Nur haben diese Menschen am meisten über die "Unfreiheit und Knechtschaft in der DDR" gemeckert und rumgenölt.

Es ist auch eine Unverfrorenheit dieses Gesellschaftsmodells Menschen dazu zu bringen für sich selbst zu sorgen, ein Mitglied der Gesellschaft zu sein, für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten und sie nicht ihrem Schicksal zu überlassen auf das sie durch sämtliche sozialen Netze fallen.

Zu seinem Glück kann keiner gezwungen werden.
Lieber in Freiheit Arbeits- und Obdachlos als in Unfreiheit einen Arbeitsplatz zu haben.

Gruß
Nostalgiker


Aber auf einmal bricht ab der Gesang,
einer zeigt aus dem Fenster, da spazieren sie lang,
die neuen Menschen, der neue Mensch,
der sieht aus, wie er war
außen und unter`m Haar
wie er war ...

_______________
aus; "Nach der Schlacht" - Renft - 1974
Text: Kurt Demmler

nach oben springen

#2

RE: Recht auf Arbeit oder Pflicht zur Arbeit in der DDR

in Leben in der DDR 24.06.2011 17:28
von Tobeck | 488 Beiträge

Zitat von Nostalgiker

Hauptsächlich wurden sie wegen 'Glücksspiel, Prostitution. Betrug oder Gaunereien' verurteilt.
Wohlgemerkt ist es in heutiger Gesellschaftsordnung durchaus Legitim und gesellschaftlich 'Anerkannt' genau mit diesen genannten Tätigkeiten seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Solange kein privat geschädigter Anzeige erstattet wird es per Gesetz nicht verfolgt.



Das Prostitution, Betrug und Gaunereien zur Bestreitung des Lebensunterhalts "gesellschaftlich anerkannt" sind, wage ich zu bezweifeln - Betrug und Gaunereien mit Sicherheit nicht. Wie viele bestreiten erfolgreich mit Glücksspiel ihren Lebensunterhalt? Viele dürften das nicht sein, außer ein paar Pokerspieler.


nach oben springen

#3

RE: Recht auf Arbeit oder Pflicht zur Arbeit in der DDR

in Leben in der DDR 24.06.2011 17:34
von Alfred | 6.848 Beiträge

Tobeck,

dann schau die Hütchenspieler an !


nach oben springen

#4

RE: Recht auf Arbeit oder Pflicht zur Arbeit in der DDR

in Leben in der DDR 24.06.2011 17:46
von Tobeck | 488 Beiträge

Zitat von Alfred
Tobeck,

dann schau die Hütchenspieler an !



Das fällt aber unter die Kategorie Betrug. Mit Glücksspiel meine ich legales Glücksspiel in Kasinos, Spielhallen u.s.w.


zuletzt bearbeitet 24.06.2011 17:48 | nach oben springen

#5

RE: Recht auf Arbeit oder Pflicht zur Arbeit in der DDR

in Leben in der DDR 24.06.2011 17:56
von Nostalgiker | 2.554 Beiträge

Prostitution ist in der BRD inzwischen eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit, damit per se gesellschaftlich Anerkannt.
Über spektakuläre Anlagebetrüger wie Herrn Harksen wurde ein zweiteiliger Film gedreht. Aufgeflogen ist er doch nur weil die Raffgierige Schickeria den Hals nicht voll bekommen konnte und er erst angezeigt wurde nachdem er sich mit dem Geld aus dem Staube machte.
Oder nehmen wir Bernie Madoff, ein Einzelfall?
Profiglücksspieler gibt es wahrlich nicht wie Sand am Meer aber immerhin soviel das diese Klientel gerade von Casinos in Las Vegas sehr umworben wird.
Die Bank gewinnt immer und das nicht nur auf das Glücksspiel beschränkt.

Solange sowas durch die Medien entsprechend dargestellt wird, es Filme, Musik, PC Spiele gibt die eine Lebensweise propagieren in der es durchaus legitim ist sich mit Betrug und Gaunereien durchs Leben zu schleichen ist das für mich eine gesellschaftliche Anerkennung.

Ich wünsch mir wahrlich nicht die Zeit zurück in der Vorbilder a la Pavel Kortschargin das Maß der Dinge waren.
Aber was Heute so der Masse als "erstrebenswert" vorgesetzt wird, es ist zum gruseln.
Aktuellstes Schreckensbeispiel ist dieser unsäglich dumme Junge welche gerade als sogenannter Superstar gehandelt wird. Er kann nicht einen Satz fehlerfrei sprechen.
Die "Erkenntnis" für die Masse an Hauptschülern, Leistung?, Anstrengen? wozu? klappt doch auch so.

Das ist es was mir Angst macht.
Dieses Gesellschaftsmodell driftet in eine Richtung welche ungesund ist.

Gruß
Nostalgiker


Aber auf einmal bricht ab der Gesang,
einer zeigt aus dem Fenster, da spazieren sie lang,
die neuen Menschen, der neue Mensch,
der sieht aus, wie er war
außen und unter`m Haar
wie er war ...

_______________
aus; "Nach der Schlacht" - Renft - 1974
Text: Kurt Demmler

nach oben springen

#6

RE: Recht auf Arbeit oder Pflicht zur Arbeit in der DDR

in Leben in der DDR 24.06.2011 18:01
von Tobeck | 488 Beiträge

Zitat von Nostalgiker
Prostitution ist in der BRD inzwischen eine sozialversicherungspflichtige Tätigkeit, damit per se gesellschaftlich Anerkannt.
Über spektakuläre Anlagebetrüger wie Herrn Harksen wurde ein zweiteiliger Film gedreht. Aufgeflogen ist er doch nur weil die Raffgierige Schickeria den Hals nicht voll bekommen konnte und er erst angezeigt wurde nachdem er sich mit dem Geld aus dem Staube machte.
Oder nehmen wir Bernie Madoff, ein Einzelfall?
Profiglücksspieler gibt es wahrlich nicht wie Sand am Meer aber immerhin soviel das diese Klientel gerade von Casinos in Las Vegas sehr umworben wird.
Die Bank gewinnt immer und das nicht nur auf das Glücksspiel beschränkt.

Solange sowas durch die Medien entsprechend dargestellt wird, es Filme, Musik, PC Spiele gibt die eine Lebensweise propagieren in der es durchaus legitim ist sich mit Betrug und Gaunereien durchs Leben zu schleichen ist das für mich eine gesellschaftliche Anerkennung.

Ich wünsch mir wahrlich nicht die Zeit zurück in der Vorbilder a la Pavel Kortschargin das Maß der Dinge waren.
Aber was Heute so der Masse als "erstrebenswert" vorgesetzt wird, es ist zum gruseln.
Aktuellstes Schreckensbeispiel ist dieser unsäglich dumme Junge welche gerade als sogenannter Superstar gehandelt wird. Er kann nicht einen Satz fehlerfrei sprechen.
Die "Erkenntnis" für die Masse an Hauptschülern, Leistung?, Anstrengen? wozu? klappt doch auch so.

Das ist es was mir Angst macht.
Dieses Gesellschaftsmodell driftet in eine Richtung welche ungesund ist.

Gruß
Nostalgiker



Wenn man Einnahmequellen des Staates als "gesellschaftliche Anerkennung" definiert, dann gilt das natürlich auch für den Menschenhandel der DDR - der war demnach auch "gesellschaftlich anerkannt".


zuletzt bearbeitet 24.06.2011 20:52 | nach oben springen

#7

RE: Recht auf Arbeit oder Pflicht zur Arbeit in der DDR

in Leben in der DDR 24.06.2011 18:19
von Stabsfähnrich | 2.046 Beiträge

Zitat von Nostalgiker
Im Thread "Lebenslängliche Zuchthausstrafe für Harry Seidel" entwickelt sich eine Diskussion zum oben genannten Thema welche sich auf einen Artikel der Verfassung der DDR und einen Paragraphen des Strafgesetzbuches der DDR begründet:

Einmal der der entsprechende Artikel aus der Verfassung:

Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik
vom 9. April 1968

geändert durch
Gesetz vom 7. Oktober 1974 (GBl. I S. 425)

neu bekannt gemacht am 7. Oktober 1974 (GBl. I. S. 432)

Abschnitt II.
Bürger und Gemeinschaften in der sozialistischen Gesellschaft

Kapitel 1.
Grundrechte und Grundpflichten der Bürger

Art. 24. (1) Jeder Bürger der Deutschen Demokratischen Republik hat das Recht auf Arbeit. Er hat das Recht auf einen Arbeitsplatz und dessen freie Wahl entsprechend den gesellschaftlichen Erfordernissen und der persönlichen Qualifikation. Er hat das Recht auf Lohn nach Qualität und Quantität der Arbeit. Mann und Frau, Erwachsene und Jugendliche haben das Recht auf gleichen Lohn bei gleicher Arbeitsleistung.

(2) Gesellschaftlich nützliche Tätigkeit ist eine ehrenvolle Pflicht für jeden arbeitsfähigen Bürger. Das Recht auf Arbeit und die Pflicht zur Arbeit bilden eine Einheit.

(3) Das Recht auf Arbeit wird gewährleistet
durch das sozialistische Eigentum an den Produktionsmitteln;
durch die sozialistische Planung und Leitung des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses;
durch das stetige und planmäßige Wachstum der sozialistischen Produktivkräfte und der Arbeitsproduktivität;
durch die konsequente Durchführung der wissenschaftlich-technischen Revolution;
durch ständige Bildung und Weiterbildung der Bürger und durch das einheitliche sozialistische Arbeitsrecht.

Durch § 10 des Gesetzes vom 7. Oktober 1974 wurden in Absatz 3 die Worte "Planung und Leitung" ersetzt durch: "Leitung und Planung"


Einmal der entsprechende Paragraf aus dem Strafgesetzbuch der DDR (nicht 'Strafrechtsordnung' wie Wiki launig schreibt); StGB-DDR :

§ 249 des StGB der DDR
Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch asoziales Verhalten.
[Kompletter Text inklusive Änderung und Kommentaren]

(1) Wer das gesellschaftliche Zusammenleben der Bürger oder die öffentliche Ordnung dadurch
gefährdet, dass er sich aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit hartnäckig entzieht, obwohl er
arbeitsfähig ist, oder wer der Prostitution nachgeht oder wer sich auf ändere unlautere Weise Mittel
zum Unterhalt verschafft, wird mit Verurteilung auf Bewährung oder mit Haftstrafe,
Arbeitserziehung oder mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren bestraft. Zusätzlich kann auf
Aufenthaltsbeschränkung und auf staatliche Kontroll- und Erziehungsaufsicht erkannt werden.
(2) In leichten Fällen kann von Maßnahmen der strafrechtlichen Verantwortlichkeit abgesehen und
auf staatliche Kontroll- und Erziehungsaufsicht erkannt werden.
(3) Ist der Täter nach Absatz 1 oder wegen eines Verbrechens gegen die Persönlichkeit, Jugend und
Familie, das sozialistische, persönliche, oder private Eigentum, die allgemeine Sicherheit oder die
staatliche Ordnung bereits bestraft, kann auf Arbeitserziehung oder Freiheitsstrafe bis zu fünf
Jahren erkannt werden.
Durch Gesetz vom 7. April 1977 wurden im § 249 Abs. 1 das Wort "Arbeitserziehung" gestrichen
und im Abs. 3 wurden die Worte "Arbeitserziehung oder" gestrichen.
Durch Gesetz vom 28. Juni 1979 erhielt der § 249 folgende Fassung:

"§ 249. Beeinträchtigung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit durch asoziales Verhalten.
(1) Wer das gesellschaftliche Zusammenleben der Bürger oder die öffentliche Ordnung und
Sicherheit beeinträchtigt, indem er sich aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit entzieht, obwohl er
arbeitsfähig ist, wird mit Verurteilung auf Bewährung, Haftstrafe oder mit Freiheitsstrafe bis zu
zwei Jahren bestraft.
(2) Ebenso wird bestraft, wer der Prostitution nachgeht oder in sonstiger Weise die öffentliche
Ordnung und Sicherheit durch eine asoziale Lebensweise beeinträchtigt.
(3) In leichten Fällen kann von Maßnahmen der strafrechtlichen Verantwortlichkeit abgesehen und
auf staatliche Kontroll- und Erziehungsaufsicht erkannt werden.
(4) Ist der Täter nach Absatz 1 oder 2 oder wegen eines Verbrechens bereits bestraft, kann auf
Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren erkannt werden.
(5) Zusätzlich kann auf Aufenthaltsbeschränkung und auf staatliche Kontroll- und
Erziehungsaufsicht erkannt werden."
Durch Gesetz vom 14. Dezember 1988 wurde der § 249 Abs. 4 aufgehoben.
Durch Vertrag vom 18. Mai 1990 wurde der § 249 aufgehoben.
Durch Gesetz vom 29. Juni 1990 wurde der § 249 nochmals aufgehoben.
Durch Gesetz vom 14. Dezember 1988 wurde an dieser Stelle folgender § eingefügt:
"§ 249a. Unzulässige Glücksspiele und Wetten. Wer ohne Genehmigung in der Öffentlichkeit
Glücksspiele oder Wetten organisiert oder betreibt, um sich oder anderen erhebliche Vorteile zu
verschaffen, wird mit Geldstrafe, Haftstrafe, Verurteilung auf Bewährung oder mit Freiheitsstrafe
bis zu zwei Jahren bestraft.
Anmerkung: Derartige Handlungen, die nicht auf die Erlangung eines erheblichen Vorteils gerichtet
sind, können als Ordnungswidrigkeit verfolgt werden."


Das Augenmerk ist im Gesetzestext doch auf folgende Formulierung zu legen: ...dass er sich aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit hartnäckig entzieht, obwohl er arbeitsfähig ist....

Eine Hausfrau, ein Schüler, ein Student, einer der Geld (geerbt oder im Lotto gewonnen) hat entzieht sich nicht aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit im Sinne des angesprochenen Paragraphen.
Allerdings haben sich solche Leute wie 'Turtle' sie kennenlernen mußte sich durchaus aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit und damit eines gesellschaftlich akzeptierten Erwerbs ihrer Mittel zum Lebensunterhalt entzogen.
Hauptsächlich wurden sie wegen 'Glücksspiel, Prostitution. Betrug oder Gaunereien' verurteilt.
Wohlgemerkt ist es in heutiger Gesellschaftsordnung durchaus Legitim und gesellschaftlich 'Anerkannt' genau mit diesen genannten Tätigkeiten seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Solange kein privat geschädigter Anzeige erstattet wird es per Gesetz nicht verfolgt.
Glücksspiel ist ein staatliches Monopol, in der BRD auf Länderebene. Siehe Lotto und Spielbanken.
Wer zum Beispiel ein privates Spielcasino aufzieht bekommt auch hier gewaltigen Ärger mit dem Gesetzgeber.

Solche wie im §249 StGB-DDR genannten Vergehen entsprachen nun mal nicht dem Selbstverständnis vom Bild des sozialistischen Menschen.

Die im Absatz 1 genannte Maßnahme das nach Verbüßung einer Haftstrafe zusätzlich auf eine Aufenthaltsbeschränkung und auf staatliche Kontroll- und Erziehungsaufsicht erkannt werden kann, war mir als die sogenannte Arbeitsplatzbindung bekannt.

Denjenigen den es traf wurde einem Betrieb zugewiesen und dieser mußte ihn einstellen. Für die Zeit der Arbeitsplatzbindung war er unkündbar. Inwieweit er zur Arbeit erschien stand auf einem anderen Blatt. Lohn erhielt er für die Fehlzeiten natürlich nicht.
Es lag letztendlich in der Entscheidungsbefugnis des zuständigen Leiters, meist Abteilungsleiter, inwieweit er dies 'meldete' ud es damit zu neuerlichen Sanktionen gegenüber dem Arbeitsunwilligem kam.
Ein mir persönlich bekannter Abteilungsleiter mit dem ich beruflich sehr eng zusammenarbeitete holte jeden Morgen seine "Problemschäfchen" mit seinem Privatwagen von zu Hause ab und verfrachtete sie ob nüchtern oder noch sturzbetrunken an ihren Arbeitsplatz. Hof und Lagerhilfsarbeiter waren das. Die noch Betrunkenen wurden im Lager zur Ausnüchterung 'abgelegt' bis sie irgendwann zu gebrauchen waren.
Selbst habe ich auch des öfteren mit einer Kollegin welche für einen Bereich zuständig war abgängige Kollegen während der Arbeitszeit zu Hause abgeholt und zur Arbeit gebracht. Teilweise hatten wir ihnen sogar noch Essen gekauft weil das letzte Geld am Vorabend in der Kneipe verjubelt wurde.

Selber wurde ich mal von der Kaderabteilung (Heute Personalbüro) gefragt ob ihnen entgangen wäre das Kollegin XY gekündigt hätte oder gar "einsäße".
Sie war im gesamten Kalenderjahr wohl nur 3 Tage auf Arbeit erschienen.
Recherche brachte folgendes zu Tage:
Alleinerziehende Mutter von 7 Kindern.
Erhielt also staatliches Kindergeld und Alimente von den Vätern (7 Kinder, 8 Väter so ungefähr)
Laut Arbeitsvertrag hatte sie Anspruch auf 3 Wochen Urlaub. Den sie auch nahm.
In der DDR gab es für 6 Wochen im Falle einer Krankschreibung von der Sozialversicherung Krankengeld (voller Lohnausgleich)
Der Krankenschein war damals Grün und umgangssprachlich hieß er "grüner Urlaubsschein". Jedenfalls kenn ich das so.
Die 6 Wochen Lohnausgleich galten auch bei Krankschreibung der Kinder.
Also 7 Kinder mal 6 Wochen und die eigenen 6 Wochen noch dazu.
Dann erhielt jede Frau pro Monat einen Haushaltstag. Das galt natürlich nicht bei Krankschreibung. Also maximal nochmal 12 Arbeitstage.
Wann sollte die gute Frau denn auf Arbeit erscheinen?
Rechtlich war sie nicht zu haben.
Das ist natürlich ein Extrembeispiel.
Nur haben diese Menschen am meisten über die "Unfreiheit und Knechtschaft in der DDR" gemeckert und rumgenölt.

Es ist auch eine Unverfrorenheit dieses Gesellschaftsmodells Menschen dazu zu bringen für sich selbst zu sorgen, ein Mitglied der Gesellschaft zu sein, für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten und sie nicht ihrem Schicksal zu überlassen auf das sie durch sämtliche sozialen Netze fallen.

Zu seinem Glück kann keiner gezwungen werden.
Lieber in Freiheit Arbeits- und Obdachlos als in Unfreiheit einen Arbeitsplatz zu haben.

Gruß
Nostalgiker






...........interessant. Dachte dass die Krankschreibung im SV-Buch eingetragen wurde. Zumindest kenne ich dies aus der Zeit 78 bis 82.


Mit freundlichen Grüßen - Chris
www.polizeilada.de
www.grenzradio911.info
nach oben springen

#8

RE: Recht auf Arbeit oder Pflicht zur Arbeit in der DDR

in Leben in der DDR 24.06.2011 18:37
von Nostalgiker | 2.554 Beiträge

@Stabsfähnrich,

die Krankheitszeiten wurden, neben dem Jahreslohn und dem Anteil an der FZR am Jahresende durch die Lohnbuchhaltung in das SV Buch eingetragen.
Für die aktuelle Kranschreibung gab es auch damals einen Krankenschein welcher innerhalb von drei Tagen an den Betrieb geschickt werden mußte. Soweit ich mich erinnere schrieb man da zur Firmenanschrift einfach Lohnbuchhaltung dazu und er kam an. Die Gesundschreibung, wenn es denn Verlängerung gab; in der Regel wurde man erstmal eine Woche krankgeschrieben konnte dann direkt mit den Verlängerungsschreiben abgeben.
Längere Krankschreibungen am Stück gab es nur bei entsprechenden Krankheiten, Kuraufenthalten etc.

Gruß
Nostalgiker


Aber auf einmal bricht ab der Gesang,
einer zeigt aus dem Fenster, da spazieren sie lang,
die neuen Menschen, der neue Mensch,
der sieht aus, wie er war
außen und unter`m Haar
wie er war ...

_______________
aus; "Nach der Schlacht" - Renft - 1974
Text: Kurt Demmler

nach oben springen

#9

RE: Recht auf Arbeit oder Pflicht zur Arbeit in der DDR

in Leben in der DDR 24.06.2011 18:58
von Stabsfähnrich | 2.046 Beiträge

Zitat von Nostalgiker
@Stabsfähnrich,

die Krankheitszeiten wurden, neben dem Jahreslohn und dem Anteil an der FZR am Jahresende durch die Lohnbuchhaltung in das SV Buch eingetragen.
Für die aktuelle Kranschreibung gab es auch damals einen Krankenschein welcher innerhalb von drei Tagen an den Betrieb geschickt werden mußte. Soweit ich mich erinnere schrieb man da zur Firmenanschrift einfach Lohnbuchhaltung dazu und er kam an. Die Gesundschreibung, wenn es denn Verlängerung gab; in der Regel wurde man erstmal eine Woche krankgeschrieben konnte dann direkt mit den Verlängerungsschreiben abgeben.
Längere Krankschreibungen am Stück gab es nur bei entsprechenden Krankheiten, Kuraufenthalten etc.

Gruß
Nostalgiker



..............Danke für die Antwort. Die Eintragung des FZR sowie des Entgeldes für die Beschäftigungszeiten, wurden durch den jeweiligen Betrieb/Einrichtung eingetragen...........ist mir klar. Das mit der Eintragung der Krankentage..........war mir jetzt nicht mehr so geläufig.


Mit freundlichen Grüßen - Chris
www.polizeilada.de
www.grenzradio911.info
nach oben springen

#10

RE: Recht auf Arbeit oder Pflicht zur Arbeit in der DDR

in Leben in der DDR 24.06.2011 19:05
von Commander | 1.056 Beiträge

Zitat von Stabsfähnrich

Zitat von Nostalgiker
Im Thread "Lebenslängliche Zuchthausstrafe für Harry Seidel" entwickelt sich eine Diskussion zum oben genannten Thema welche sich auf einen Artikel der Verfassung der DDR und einen Paragraphen des Strafgesetzbuches der DDR begründet:

Einmal der der entsprechende Artikel aus der Verfassung:

Verfassung der Deutschen Demokratischen Republik
vom 9. April 1968

geändert durch
Gesetz vom 7. Oktober 1974 (GBl. I S. 425)

neu bekannt gemacht am 7. Oktober 1974 (GBl. I. S. 432)

Abschnitt II.
Bürger und Gemeinschaften in der sozialistischen Gesellschaft

Kapitel 1.
Grundrechte und Grundpflichten der Bürger

Art. 24. (1) Jeder Bürger der Deutschen Demokratischen Republik hat das Recht auf Arbeit. Er hat das Recht auf einen Arbeitsplatz und dessen freie Wahl entsprechend den gesellschaftlichen Erfordernissen und der persönlichen Qualifikation. Er hat das Recht auf Lohn nach Qualität und Quantität der Arbeit. Mann und Frau, Erwachsene und Jugendliche haben das Recht auf gleichen Lohn bei gleicher Arbeitsleistung.

(2) Gesellschaftlich nützliche Tätigkeit ist eine ehrenvolle Pflicht für jeden arbeitsfähigen Bürger. Das Recht auf Arbeit und die Pflicht zur Arbeit bilden eine Einheit.

(3) Das Recht auf Arbeit wird gewährleistet
durch das sozialistische Eigentum an den Produktionsmitteln;
durch die sozialistische Planung und Leitung des gesellschaftlichen Reproduktionsprozesses;
durch das stetige und planmäßige Wachstum der sozialistischen Produktivkräfte und der Arbeitsproduktivität;
durch die konsequente Durchführung der wissenschaftlich-technischen Revolution;
durch ständige Bildung und Weiterbildung der Bürger und durch das einheitliche sozialistische Arbeitsrecht.

Durch § 10 des Gesetzes vom 7. Oktober 1974 wurden in Absatz 3 die Worte "Planung und Leitung" ersetzt durch: "Leitung und Planung"


Einmal der entsprechende Paragraf aus dem Strafgesetzbuch der DDR (nicht 'Strafrechtsordnung' wie Wiki launig schreibt); StGB-DDR :

§ 249 des StGB der DDR
Gefährdung der öffentlichen Ordnung durch asoziales Verhalten.
[Kompletter Text inklusive Änderung und Kommentaren]

(1) Wer das gesellschaftliche Zusammenleben der Bürger oder die öffentliche Ordnung dadurch
gefährdet, dass er sich aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit hartnäckig entzieht, obwohl er
arbeitsfähig ist, oder wer der Prostitution nachgeht oder wer sich auf ändere unlautere Weise Mittel
zum Unterhalt verschafft, wird mit Verurteilung auf Bewährung oder mit Haftstrafe,
Arbeitserziehung oder mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren bestraft. Zusätzlich kann auf
Aufenthaltsbeschränkung und auf staatliche Kontroll- und Erziehungsaufsicht erkannt werden.
(2) In leichten Fällen kann von Maßnahmen der strafrechtlichen Verantwortlichkeit abgesehen und
auf staatliche Kontroll- und Erziehungsaufsicht erkannt werden.
(3) Ist der Täter nach Absatz 1 oder wegen eines Verbrechens gegen die Persönlichkeit, Jugend und
Familie, das sozialistische, persönliche, oder private Eigentum, die allgemeine Sicherheit oder die
staatliche Ordnung bereits bestraft, kann auf Arbeitserziehung oder Freiheitsstrafe bis zu fünf
Jahren erkannt werden.
Durch Gesetz vom 7. April 1977 wurden im § 249 Abs. 1 das Wort "Arbeitserziehung" gestrichen
und im Abs. 3 wurden die Worte "Arbeitserziehung oder" gestrichen.
Durch Gesetz vom 28. Juni 1979 erhielt der § 249 folgende Fassung:

"§ 249. Beeinträchtigung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit durch asoziales Verhalten.
(1) Wer das gesellschaftliche Zusammenleben der Bürger oder die öffentliche Ordnung und
Sicherheit beeinträchtigt, indem er sich aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit entzieht, obwohl er
arbeitsfähig ist, wird mit Verurteilung auf Bewährung, Haftstrafe oder mit Freiheitsstrafe bis zu
zwei Jahren bestraft.
(2) Ebenso wird bestraft, wer der Prostitution nachgeht oder in sonstiger Weise die öffentliche
Ordnung und Sicherheit durch eine asoziale Lebensweise beeinträchtigt.
(3) In leichten Fällen kann von Maßnahmen der strafrechtlichen Verantwortlichkeit abgesehen und
auf staatliche Kontroll- und Erziehungsaufsicht erkannt werden.
(4) Ist der Täter nach Absatz 1 oder 2 oder wegen eines Verbrechens bereits bestraft, kann auf
Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren erkannt werden.
(5) Zusätzlich kann auf Aufenthaltsbeschränkung und auf staatliche Kontroll- und
Erziehungsaufsicht erkannt werden."
Durch Gesetz vom 14. Dezember 1988 wurde der § 249 Abs. 4 aufgehoben.
Durch Vertrag vom 18. Mai 1990 wurde der § 249 aufgehoben.
Durch Gesetz vom 29. Juni 1990 wurde der § 249 nochmals aufgehoben.
Durch Gesetz vom 14. Dezember 1988 wurde an dieser Stelle folgender § eingefügt:
"§ 249a. Unzulässige Glücksspiele und Wetten. Wer ohne Genehmigung in der Öffentlichkeit
Glücksspiele oder Wetten organisiert oder betreibt, um sich oder anderen erhebliche Vorteile zu
verschaffen, wird mit Geldstrafe, Haftstrafe, Verurteilung auf Bewährung oder mit Freiheitsstrafe
bis zu zwei Jahren bestraft.
Anmerkung: Derartige Handlungen, die nicht auf die Erlangung eines erheblichen Vorteils gerichtet
sind, können als Ordnungswidrigkeit verfolgt werden."


Das Augenmerk ist im Gesetzestext doch auf folgende Formulierung zu legen: ...dass er sich aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit hartnäckig entzieht, obwohl er arbeitsfähig ist....

Eine Hausfrau, ein Schüler, ein Student, einer der Geld (geerbt oder im Lotto gewonnen) hat entzieht sich nicht aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit im Sinne des angesprochenen Paragraphen.
Allerdings haben sich solche Leute wie 'Turtle' sie kennenlernen mußte sich durchaus aus Arbeitsscheu einer geregelten Arbeit und damit eines gesellschaftlich akzeptierten Erwerbs ihrer Mittel zum Lebensunterhalt entzogen.
Hauptsächlich wurden sie wegen 'Glücksspiel, Prostitution. Betrug oder Gaunereien' verurteilt.
Wohlgemerkt ist es in heutiger Gesellschaftsordnung durchaus Legitim und gesellschaftlich 'Anerkannt' genau mit diesen genannten Tätigkeiten seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Solange kein privat geschädigter Anzeige erstattet wird es per Gesetz nicht verfolgt.
Glücksspiel ist ein staatliches Monopol, in der BRD auf Länderebene. Siehe Lotto und Spielbanken.
Wer zum Beispiel ein privates Spielcasino aufzieht bekommt auch hier gewaltigen Ärger mit dem Gesetzgeber.

Solche wie im §249 StGB-DDR genannten Vergehen entsprachen nun mal nicht dem Selbstverständnis vom Bild des sozialistischen Menschen.

Die im Absatz 1 genannte Maßnahme das nach Verbüßung einer Haftstrafe zusätzlich auf eine Aufenthaltsbeschränkung und auf staatliche Kontroll- und Erziehungsaufsicht erkannt werden kann, war mir als die sogenannte Arbeitsplatzbindung bekannt.

Denjenigen den es traf wurde einem Betrieb zugewiesen und dieser mußte ihn einstellen. Für die Zeit der Arbeitsplatzbindung war er unkündbar. Inwieweit er zur Arbeit erschien stand auf einem anderen Blatt. Lohn erhielt er für die Fehlzeiten natürlich nicht.
Es lag letztendlich in der Entscheidungsbefugnis des zuständigen Leiters, meist Abteilungsleiter, inwieweit er dies 'meldete' ud es damit zu neuerlichen Sanktionen gegenüber dem Arbeitsunwilligem kam.
Ein mir persönlich bekannter Abteilungsleiter mit dem ich beruflich sehr eng zusammenarbeitete holte jeden Morgen seine "Problemschäfchen" mit seinem Privatwagen von zu Hause ab und verfrachtete sie ob nüchtern oder noch sturzbetrunken an ihren Arbeitsplatz. Hof und Lagerhilfsarbeiter waren das. Die noch Betrunkenen wurden im Lager zur Ausnüchterung 'abgelegt' bis sie irgendwann zu gebrauchen waren.
Selbst habe ich auch des öfteren mit einer Kollegin welche für einen Bereich zuständig war abgängige Kollegen während der Arbeitszeit zu Hause abgeholt und zur Arbeit gebracht. Teilweise hatten wir ihnen sogar noch Essen gekauft weil das letzte Geld am Vorabend in der Kneipe verjubelt wurde.

Selber wurde ich mal von der Kaderabteilung (Heute Personalbüro) gefragt ob ihnen entgangen wäre das Kollegin XY gekündigt hätte oder gar "einsäße".
Sie war im gesamten Kalenderjahr wohl nur 3 Tage auf Arbeit erschienen.
Recherche brachte folgendes zu Tage:
Alleinerziehende Mutter von 7 Kindern.
Erhielt also staatliches Kindergeld und Alimente von den Vätern (7 Kinder, 8 Väter so ungefähr)
Laut Arbeitsvertrag hatte sie Anspruch auf 3 Wochen Urlaub. Den sie auch nahm.
In der DDR gab es für 6 Wochen im Falle einer Krankschreibung von der Sozialversicherung Krankengeld (voller Lohnausgleich)
Der Krankenschein war damals Grün und umgangssprachlich hieß er "grüner Urlaubsschein". Jedenfalls kenn ich das so.
Die 6 Wochen Lohnausgleich galten auch bei Krankschreibung der Kinder.
Also 7 Kinder mal 6 Wochen und die eigenen 6 Wochen noch dazu.
Dann erhielt jede Frau pro Monat einen Haushaltstag. Das galt natürlich nicht bei Krankschreibung. Also maximal nochmal 12 Arbeitstage.
Wann sollte die gute Frau denn auf Arbeit erscheinen?
Rechtlich war sie nicht zu haben.
Das ist natürlich ein Extrembeispiel.
Nur haben diese Menschen am meisten über die "Unfreiheit und Knechtschaft in der DDR" gemeckert und rumgenölt.

Es ist auch eine Unverfrorenheit dieses Gesellschaftsmodells Menschen dazu zu bringen für sich selbst zu sorgen, ein Mitglied der Gesellschaft zu sein, für seinen Lebensunterhalt zu arbeiten und sie nicht ihrem Schicksal zu überlassen auf das sie durch sämtliche sozialen Netze fallen.

Zu seinem Glück kann keiner gezwungen werden.
Lieber in Freiheit Arbeits- und Obdachlos als in Unfreiheit einen Arbeitsplatz zu haben.

Gruß
Nostalgiker






...........interessant. Dachte dass die Krankschreibung im SV-Buch eingetragen wurde. Zumindest kenne ich dies aus der Zeit 78 bis 82.



Das ist richtig,auf der Seite"Heilbehandlung"war die letzte Spalte "AU,a-Beginn,b-Ende,auf der anderen Seite war der Arztstempel,trotzdem war der Krankenschein bindend.



nach oben springen

#11

RE: Recht auf Arbeit oder Pflicht zur Arbeit in der DDR

in Leben in der DDR 24.06.2011 19:58
von don71 (gelöscht)
avatar

Zitat von Stabsfähnrich

Zitat von Nostalgiker
@Stabsfähnrich,

die Krankheitszeiten wurden, neben dem Jahreslohn und dem Anteil an der FZR am Jahresende durch die Lohnbuchhaltung in das SV Buch eingetragen.
Für die aktuelle Kranschreibung gab es auch damals einen Krankenschein welcher innerhalb von drei Tagen an den Betrieb geschickt werden mußte. Soweit ich mich erinnere schrieb man da zur Firmenanschrift einfach Lohnbuchhaltung dazu und er kam an. Die Gesundschreibung, wenn es denn Verlängerung gab; in der Regel wurde man erstmal eine Woche krankgeschrieben konnte dann direkt mit den Verlängerungsschreiben abgeben.
Längere Krankschreibungen am Stück gab es nur bei entsprechenden Krankheiten, Kuraufenthalten etc.

Gruß
Nostalgiker



..............Danke für die Antwort. Die Eintragung des FZR sowie des Entgeldes für die Beschäftigungszeiten, wurden durch den jeweiligen Betrieb/Einrichtung eingetragen...........ist mir klar. Das mit der Eintragung der Krankentage..........war mir jetzt nicht mehr so geläufig.



Andere Fehltage wurden übrigens auch eingetragen. Gruß Jürgen


nach oben springen

#12

RE: Recht auf Arbeit oder Pflicht zur Arbeit in der DDR

in Leben in der DDR 24.06.2011 20:41
von Rostocker | 7.723 Beiträge

Soweit ich mich noch erinnere,wurden die SV-Bücher zum Anfang des Jahres eingesammelt und der Lohnbuchhaltung zu geführt.Wo alles eingetragen wurde,was einige User hier schon beschrieben haben. Ich persönlich fand das garnicht so schlecht mit den SV-Büchern--besser wie heut zu Tage ,die ganze Zettelwirtschaft.Ok mal nicht so weit rauslehnen--sonst könnte der harte Kern wieder auf die Barriekaden gehen und es als soz.Errungenschaft bezeichnen.Und das kann es ja nicht geben


nach oben springen

#13

RE: Recht auf Arbeit oder Pflicht zur Arbeit in der DDR

in Leben in der DDR 24.06.2011 21:05
von Nostalgiker | 2.554 Beiträge

@Rostoker, Du hast Recht! Ich irrte. Die SV-Bücher wurden tatsächlich zum Anfang des Jahren eingesammelt, abgegeben und die Daten des letzten Jahres wurden eingetragen.
Wer es schön aufgehoben hat der hatte keine Schwierigkeiten zur 'Kontenklärung' wegen des Rentenanspruchs.

Gruß
Nostalgiker


Aber auf einmal bricht ab der Gesang,
einer zeigt aus dem Fenster, da spazieren sie lang,
die neuen Menschen, der neue Mensch,
der sieht aus, wie er war
außen und unter`m Haar
wie er war ...

_______________
aus; "Nach der Schlacht" - Renft - 1974
Text: Kurt Demmler

nach oben springen

#14

RE: Recht auf Arbeit oder Pflicht zur Arbeit in der DDR

in Leben in der DDR 24.06.2011 21:45
von grenzergold | 187 Beiträge

Rechte und Pflichten zur Arbeit!
Bei unentschuldigtem fehlen am Arbeitsplatz(U-Schichten,Knüppel genannt)wurde auf den Kollegen entsprechend im Kollegenkreis eingewirkt. Im Wiederholungsfall konnte es auch arbeitsrechtliche Konsequenzen haben. Da gab es auch den Verweis und strängen Verweis, was eine Kündigung zur Folge haben konnte. Oder aber die betreffende Person wurde zur Kaderabteilung(Personalbüro) geschickt häufig mit dem Angebot eines unattraktiven neuen Arbeitsplatzes.
Anderer Fall,eine Person kündigt aus eigenen Gründen.Die Kaderakte(Personalakte) die im alten Betrieb liegen blieb, weil kein neuer Betrieb sie anforderte,wurde zur Abteilung Inneres beim Rat der Stadt geschickt oder Abt.Inneres wurde Informiert. Die betreffende Person bekam eine Aufforderung sich bei der Abt. Inneres zu melden,mit SV-Buch. War dort kein entsprechendes neues Arbeitsverhältnis eingetragen,gab es einige unangenehme Fragen. Der nächste Termin war dann wieder mit SV-Ausweis und neuem eingetragenen Arbeitsverhältnis. Sonst gab es noch die Möglichkeit einer Zuweisung einer Arbeit mit Arbeitsplatzbindung(die Arbeit mußte man über einen längeren Zeitraum ausführen. Wenn alles nichts fruchtete gab es noch andere Maßnahmen.

grenzergold


nach oben springen

#15

RE: Recht auf Arbeit oder Pflicht zur Arbeit in der DDR

in Leben in der DDR 24.06.2011 22:09
von eisenringtheo | 9.174 Beiträge

Zitat von grenzergold
Rechte und Pflichten zur Arbeit!
(...)
Anderer Fall,eine Person kündigt aus eigenen Gründen.Die Kaderakte(Personalakte) die im alten Betrieb liegen blieb, weil kein neuer Betrieb sie anforderte,wurde zur Abteilung Inneres beim Rat der Stadt geschickt oder Abt.Inneres wurde Informiert. Die betreffende Person bekam eine Aufforderung sich bei der Abt. Inneres zu melden,mit SV-Buch. War dort kein entsprechendes neues Arbeitsverhältnis eingetragen,gab es einige unangenehme Fragen. Der nächste Termin war dann wieder mit SV-Ausweis und neuem eingetragenen Arbeitsverhältnis. Sonst gab es noch die Möglichkeit einer Zuweisung einer Arbeit mit Arbeitsplatzbindung(die Arbeit mußte man über einen längeren Zeitraum ausführen. Wenn alles nichts fruchtete gab es noch andere Maßnahmen.

grenzergold




Also doch: Nichts tun gibt es nicht! Nach Lottogewinn oder Erbschaft musste man etwas organisieren, wenn man nichts tun wollte. Meine Bekannten, die Telelotto spielten, planten sich "als Selbständigerwerbende" beim Betrieb des Schwagers einzukaufen. Nach ihrem Wissenstand gab es nur Angestellte und Arbeiter (Unselbständig erwerbende), Betreiber von Privatbetrieben (Selbständig erwerbende) und frei schaffende Künstler. Anderes war im Sozialversicherungs und Steuerrecht gar nicht vorgesehen.
Theo


nach oben springen

#16

RE: Recht auf Arbeit oder Pflicht zur Arbeit in der DDR

in Leben in der DDR 24.06.2011 22:18
von S51 | 3.733 Beiträge

Einen kannte ich, R. Ihn habe ich 1987 zum Amtsgericht Lichtenberg begleitet weil wie gar nicht selten die zuständige Dienststelle keine Leute hatte. Er hätte Unterhalt zahlen sollen, vermied dies aber indem er keine Arbeit und somit kein Einkommen hatte. Das brachte ihm seinerzeit wohl 18 Monate ein. Weil er sauer reagierte, hat er den Richter dann als Naz...schw.... betitelt. Das brachte ihm umgehend die Extraaufmerksamkeit des MfS ein. Mit allen Folgen. Mitte der 90-er Jahre habe ich ihn in HSH als Museumsführer wieder getroffen. Meine wohl etwas unhöfliche Frage, ob er wohl inzwischen Unterhalt zahlt brachte mir dann seinerzeit ein Hausverbot ein. Inzwischen ist er wohl schon einige Zeit nicht mehr dort, weil er doch sehr in die rechte Ecke abdriftete.


GK Nord, GR 20, 7. GK
VPI B-Lbg. K III


nach oben springen

#17

RE: Recht auf Arbeit oder Pflicht zur Arbeit in der DDR

in Leben in der DDR 24.06.2011 23:40
von eisenringtheo | 9.174 Beiträge

Zitat von S51
. Mitte der 90-er Jahre habe ich ihn in HSH als Museumsführer wieder getroffen. Meine wohl etwas unhöfliche Frage, ob er wohl inzwischen Unterhalt zahlt brachte mir dann seinerzeit ein Hausverbot ein. Inzwischen ist er wohl schon einige Zeit nicht mehr dort, weil er doch sehr in die rechte Ecke abdriftete.


HSH? hier?
http://www.stiftung-hsh.de/
Theo


nach oben springen

#18

RE: Recht auf Arbeit oder Pflicht zur Arbeit in der DDR

in Leben in der DDR 25.06.2011 01:01
von S51 | 3.733 Beiträge

Zitat von eisenringtheo
...HSH? hier?
...



Ja.


GK Nord, GR 20, 7. GK
VPI B-Lbg. K III


nach oben springen

#19

RE: Recht auf Arbeit oder Pflicht zur Arbeit in der DDR

in Leben in der DDR 25.06.2011 17:35
von Nostalgiker | 2.554 Beiträge

Zitat von grenzergold
Rechte und Pflichten zur Arbeit!
Bei unentschuldigtem fehlen am Arbeitsplatz(U-Schichten,Knüppel genannt)wurde auf den Kollegen entsprechend im Kollegenkreis eingewirkt. Im Wiederholungsfall konnte es auch arbeitsrechtliche Konsequenzen haben. Da gab es auch den Verweis und strängen Verweis, was eine Kündigung zur Folge haben konnte. Oder aber die betreffende Person wurde zur Kaderabteilung(Personalbüro) geschickt häufig mit dem Angebot eines unattraktiven neuen Arbeitsplatzes.
Anderer Fall,eine Person kündigt aus eigenen Gründen.Die Kaderakte(Personalakte) die im alten Betrieb liegen blieb, weil kein neuer Betrieb sie anforderte,wurde zur Abteilung Inneres beim Rat der Stadt geschickt oder Abt.Inneres wurde Informiert. Die betreffende Person bekam eine Aufforderung sich bei der Abt. Inneres zu melden,mit SV-Buch. War dort kein entsprechendes neues Arbeitsverhältnis eingetragen,gab es einige unangenehme Fragen. Der nächste Termin war dann wieder mit SV-Ausweis und neuem eingetragenen Arbeitsverhältnis. Sonst gab es noch die Möglichkeit einer Zuweisung einer Arbeit mit Arbeitsplatzbindung(die Arbeit mußte man über einen längeren Zeitraum ausführen. Wenn alles nichts fruchtete gab es noch andere Maßnahmen.

grenzergold




Hallo Grenzergold,

auch Heute gibt es Regeln und Verordnungen, welche die Rechten und Pflichten der Arbeitgeber und Arbeitnehmer regeln. Ein allgemeingültiges Arbeitsgesetzbuch gibt es allerdings nicht.
Bei Arbeitsrechtsverletzungen werden Heute Abmahnungen ausgesprochen, in der DDR hieß es Verweis; wo bitte ist das Problem.
Nach mehreren Abmahnungen gibt es die Kündigung. Auch "Umsetzungen" auf einen schlechter bezahlten Arbeitsplatz ist eine durchaus gängige Praxis.
Ebenso den Arbeitnehmer zu einem Lohnverzicht im Sinne der "leidenden" Firma zu bewegen ist nichts exotisches.

Was Dein anderes Beispiel mit der Selbstkündigung und anschließender Einbestellung zum RdK/Abt.I betrifft ist mir selbst kein solcher Fall bekannt.
Wie bereits geschrieben hat in meinem Bekanntenkreis einer aus privaten Gründen gekündigt und er wurde in keiner Weise von staatlichen Stellen belästigt. Vielleicht lag es auch daran das er 'Arbeitsrechtlich' nicht auffällig wurde.
Dazu muß ich sagen, es war auch der Einzige der sowas gemacht hat.

Selber ich wurde in der Zeit meiner mehrmonatigen Zeit in der ich nach meiner Kündigung keiner Arbeit nachging irgendwo einbestellt.
Vielleicht lag es auch daran das ich die 'Chuzpe' hatte bei den entsprechenden Stellen vorzusprechen um um Unterstützung bei der Wahrnehmung meiner "Pflicht" auf Arbeit zu bitten. Schließlich hätte ich nicht nur ein 'Recht', sondern auch die 'Pflicht' meine Arbeitskraft in den Dienst des weiteren Aufbaus und so weiter, bla, bla, bla zu stellen.
Soviel Dreistigkeit hat die Beamten dort wohl doch in Schockstarre versetzt und nachdem sie wieder Luft bekamen wurde mir bedeutet das ich keine Arbeit annehmen darf welche unter meiner letzten Qualifikation liegt. Mit anderen Worten mir wurde "verboten" mich auf Facharbeiterniveau zu bewerben. Ich habe auch einen Facharbeiterabschluß.

Noch was zum Thema Krankengeld in der DDR.
Entgegen meiner Erinnerung gab es die ersten 6 Wochen 90% des Netto und ab dann wohl 50%. Genaueres konnte ich bisher nicht in Erfahrung bringen.
Ebenso gab es bei der Krankschreibung eines Kindes, wenn der Erziehungsberechtigte zu Hause bleiben mußte oder wollte nur die ersten drei Tage die 90%, danach entsprechend weniger.

Gruß
Nostalgiker


Im Gegensatz zu früher kann mir auch gekündigt werden wenn ich über längere Zeit krank bin und meine Arbeitskraft der Firma nicht zur Verfügung steht.


Aber auf einmal bricht ab der Gesang,
einer zeigt aus dem Fenster, da spazieren sie lang,
die neuen Menschen, der neue Mensch,
der sieht aus, wie er war
außen und unter`m Haar
wie er war ...

_______________
aus; "Nach der Schlacht" - Renft - 1974
Text: Kurt Demmler

nach oben springen

#20

RE: Recht auf Arbeit oder Pflicht zur Arbeit in der DDR

in Leben in der DDR 25.06.2011 18:13
von TOMMI | 1.987 Beiträge

Hier ein paar Anmerkungen zu den jenigen, die der Pflicht zur Arbeit nicht so nachkamen, sprich, den Asozialen, kurz
Assis genannt. Obwohl ein Straftatbestand, waren diese keineswegs permanent hinter Gitter.
Wenn ich richtig informiert bin, gab es von der Kommune schon damals so eine Art Sozialhilfe von 5 Mark pro Tag.
Diese "Problembürger", wie sie laut damaliger political correctness offiziell genannt wurden passten aber bei offiziellen Anlässen
nicht so recht in das Bild der Städte und Gemeinden.
So wurden anlässlich eines Honecker-Besuches in unserer Stadt im Jahre 1987 einige stadtbekannte Assis, Problembürger,
Tätowierte oder wie auch immer in ein Zelt an an einen nahegelegenen See bei der Stadt vefrachtet. Nach nichtbestätigten Angaben
sorgte man auch für deren leibliches Wohl und stattete sie mit entsprechenden Flüssigkeiten aus.


EK 88/I
GR4 / 5.GK (Teistungen)


nach oben springen



Besucher
14 Mitglieder und 35 Gäste sind Online

Wir begrüßen unser neuestes Mitglied: Andre Lambert
Besucherzähler
Heute waren 676 Gäste und 46 Mitglieder, gestern 3660 Gäste und 197 Mitglieder online.

Forum Statistiken
Das Forum hat 14371 Themen und 558186 Beiträge.

Heute waren 46 Mitglieder Online:

Besucherrekord: 589 Benutzer (24.10.2016 20:54).

Xobor Ein eigenes Forum erstellen