#1

Kirche und Grenzer

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 21.04.2009 18:13
von Zermatt | 5.293 Beiträge

Guten Abend zusammen

wie war das eigentlich wenn man sich mal zurückziehen wollte,vieleicht zum beten.

Gab es eine kleine Kapelle oder in grösseren Kompanien sogar eine Kirche ? Wurden
Gottesdienste angeboten ? Gab es Geistliche die helfen konnten ?
Ich kann es mir schwer vorstellen.
Es gab doch bestimmt auch gläubige unter den Grenzern,die ihre Religion pflegen wollten.

Das Verhältnis Kirche-Staat war nicht gerade das beste.



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#2

RE: Kirche und Grenzer

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 21.04.2009 18:52
von S51 | 3.733 Beiträge

Kirche in der Kompanie?! Das hätte was von einem Sakrileg der anderen Art gehabt. Ich kann es mir bei den Grenztruppen und eigentlich auch in der NVA auch gar nicht vorstellen. Aber was einer im Ausgang gemacht hat, war seine Sache. Theoretisch zumindest. Praktisch wäre wohl mancher in Ohnmacht (und danach in leichte Raserei) gefallen, wäre unsereins in Uniform in eine Kirche gegangen (wohlgemerkt, nicht marschiert).
Wir hatten in der Kompanie einen Waffen-Uffz, der evangelisch war. Er wurde mitunter schon ganz schön aufgezogen und hielt auch dagegen. Aber das war es dann auch schon. Er diente bis zum letzten Tag, hatte Ausgang, Urlaub und sein Maßband wie wir alle anderen auch.


GK Nord, GR 20, 7. GK
VPI B-Lbg. K III


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#3

RE: Kirche und Grenzer

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 21.04.2009 19:05
von Rainman2 | 5.762 Beiträge

Hallo Zermatt,

es galten knallhart zwei Grundsätze:
- ideologisch: Religion ist Opium für das Volk
- staatlich: Trennung von Staat und Kirche

Das hatte direkte Konsequenzen. Es gab keinerlei kirchliche Einrichtungen innerhalb der Streitkräfte. Die Ausübung der Religion war zwar nicht direkt verboten, aber sie musste sich in den Dienstbetrieb einordnen. Das wäre die Theorie gewesen. In Praxis galt selbst eine Bibel in einem Soldatenspind schon als Vorkommnis, dass zu "verstärkter Beobachtung" führte. Die Kirche galt als Opposition. Jede Kontaktaufnahme zu ihr galt als oppositionelle Handlung. Es blieb eigentlich nur der Urlaub und selbst da konnte der entsprechende Soldat unter Beobachtung stehen.

Die Betrachtung der Kirche als Opposition habe ich damals geteilt. Ich war damals grundsätzlich auf Höhe der politischen Doktrin, die kirchliche Kontakte in den Westen als permanente Möglichkeit und damit nahezu im Rang der Spionage sah. Kirchliche Aktivitäten waren also grundsätzlich verdächtig. Den Besitz einer Bibel konnte ich nicht ablehnen, da ich bereits in meiner Offiziersschülerzeit in der Bibel gelesen hatte. Ich hielt damals die Genesis, die Bücher Salomos, die Evagelisten und die Offenbarung für Bestandteile der Allgemeinbildung in unserem Kulturkreis. Als Offizier musste ich mit einigem Erschrecken feststellen, dass ich mit dieser Haltung recht einsam dastand. Es führte mich aber nur zum Nachdenken über die Beschränktheit der Leute bei mir vor Ort, als zu einer Auseinandersetzung mit dem System.

1982 lag ich in Vacha im Krankenhaus während meines Praktikums als Offiziersschüler des 3. Studienjahres. Am Tag meiner Entlassung stand ich bereits in Uniform da, bereit abgeholt zu werden, da kam der Pfarrer von Vacha ins Zimmer. Er ging zu jedem Bett, führte kurze Gespräche, stellte sich schnell auf seine Gesprächspartner ein. Die Rhön ist katholisch, das war also nicht ungewohntes für mich. Dann kam er zu mir. Ich wartete misstrauisch ab, was er mir sagen wollte: "Na, Genosse Offiziersschüler, wie viele Tage sind's denn noch bis zur Ernennung?" Ich war baff, der Mann war gut. Ich gab ihm Auskunft und wir hatten noch ein kurzes Gespräch über meinen Aufenthalt im Krankenhaus.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


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#4

RE: Kirche und Grenzer

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 21.04.2009 19:11
von Zermatt | 5.293 Beiträge

Hab ich mir fast so gedacht.
Ich danke euch.



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#5

RE: Kirche und Grenzer

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 21.04.2009 19:31
von bruno | 598 Beiträge

ich habe während meiner armeezeit (sep,1989)
kirchlich (kath.) geheiratet.
da gab es überhaupt keine negative reaktion,von keiner seite,
muss natürlich dazu sagen das ich im kath. eichsfeld
stationiert war.


nichts auf der welt ist so gerecht verteilt wie der verstand.
denn jedermann ist überzeugt, dass er genug davon habe.
rené descartes
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#6

RE: Kirche und Grenzer

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 21.04.2009 20:08
von Rainman2 | 5.762 Beiträge

Hallo bruno,

das kann ich auch für die Rhön bestätigen. In den 80-er Jahren gab es damit kaum noch Probleme, wenn jemand kirchlich heiraten wollte. Das hatte zum Teil ganz pragmatische Gründe. Hätte man einen solchen Plan hintertrieben, dann wäre die Motivation des Armeeangehörigen und auch in seinem Umfeld in den Keller gegangen. Das konnte keiner wollen. Ganz im Gegenteil. Die Eheschließung schuf zusätzliche Bindungen. An der grundsätzlichen Haltung zur Kirche änderte das nichts.

ciao Rainman


"Ein gutes Volk, mein Volk. Nur die Leute sind schlecht bis ins Mark."
(aus: "Wer reißt denn gleich vor'm Teufel aus", DEFA 1977)


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#7

RE: Kirche und Grenzer

in Fragen und Antworten zur innerdeutschen Grenze 22.04.2009 09:52
von manudave (gelöscht)
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Zumal Geisa z.B. zum katholischen Bistum Fulda gehört hat - hier war die Bevölkerung lammfromm.


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