DDR Grenze Forum-Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West
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 Das Leben an und mit der Innerdeutschen Grenze
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Rainer-Maria-Rohloff Online


Beiträge: 1.662


12.04.2009 09:59
Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Hallo alle zusammen so wie die Geschichte von Lokführer Steckel im Thema Buchenwald einen guten Einblick in die Zeit des Tausendjährigen 3. Reiches bot, wäre es interessant diese Kurzgeschichten und Erzählungen fortzuführen. Wir Älteren kennen diese Zeit zwischen 1949-89 aus eigenem Erleben und auch da gibt es die Unterscheidung in Ostdeutschland, die DDR und Westdeutschland, die BRD aber ich denke, nicht bei uns liegt der Wissensbedarf sondern bei dem jugendlichen Leser der hier in dieses Forum hineinschaut, den heutige Bibliotheken bieten und das weiß ich aus eigener Recherche einen ungenügenden Einblick in das literarische Schaffen dieser Zeit. Die Kurzgeschichten sollten den Umfang der oben Genannten nicht oder nur geringfügig übersteigen, als Beispiel, sie wurde aus einem Buch im Format A5 / 15 Seiten übertragen. Die Texte könnten auch von Schriftstellern europäischer Länder außerhalb des deutschsprachigen Raumes oder anderer Kontinente stammen, denn sie vermitteln ebenso gleichwertig wie die deutsche Literatur sehr realistische Einblicke. Jede Erzählung/ Kurzgeschichte sollte mit einem kleinen Einstiegstext des Einstellers begonnen oder beendet werden , aber dies wäre absolut kein „ Muss“ sowie nach Abschluss einer kurzen Beurteilung / Bewertung im Forum unterzogen werden, bevor die Nächste eingestellt wird.
In Erwartung eurer Vorstellungen würde ich schon einmal mit einer Erzählung in 2. Teilen beginnen, die Quelle ist der Verlag Volk und Welt ° Berlin 1964 aus einem der Bände „ Erkundungen“

Iljas Tauben / 1. Teil von Hans Bender- Westdeutschland / BRD


Mein Leutnant hatte immer Hunger. Wenn er nicht schoß, hatte er ein Stück Brot zwischen den Zähnen, ein Wurstbrot, ein Schmalzbrot, Fleisch oder Speck.
Aber nichts aß er lieber als Tauben. Wenn wir durch die Dörfer marschierten, und auf einem Dach oder in der Luft zeigte sich eine Taube, schoß er sie ab. Das machte auch mir Spaß. Ich hatte ein Gewehr mit einem Zielfernrohr und traf immer. Das Geschoß des Infantriegewehrs war eigentlich zu groß für den kleinen Körper. Die Federn flogen in Büscheln davon, und der Balg war meist völlig zerissen.
Ich war der Bursche des Leutnants. Ich musste die Tauben auch braten. Ich hatte da meine eigene Methode. Ich nahm sie aus, rupfte sie und legte sie in einen Topf, in dem ein Klacks Butter zerschmolz, dazu Salz, Pfeffer, und, wenn ein Garten in der Nähe war, ein Bündel zerschnittener Petersilie. Nach zehn Minuten brotzelte die Taube. Ich drehte sie um. Nach zwanzig Minuten war sie auf beiden Seiten braun, und der Duft hob den Deckel. Ich legte sie auf einen Teller und brachte sie dem Leutnant. Mit einem Stück Brot strich ich die Topfwände und den Topfboden sauber.
In Sewastopol hatten wir gleich in den ersten Tagen hohe Ausfälle. Als wir noch zwölf waren, zog uns der Kommandant heraus und schickte uns an die entgegengesetzte Küste der Krim, wo wir eine Schutzstellung besetzten und uns erholen sollten.
In dem Dorf Ossowiny stiegen wir von den Fahrzeugen,. An der Straße stand eines dieser waschblau gekalkten russischen Häuser. Es hatte blanke Fensterscheiben. Immer, wenn ich Quartier suchte, sah ich nach den Fensterscheiben, denn wie die Scheiben waren ihre Bewohner und die Zimmer.
Auch der Leutnant sah wie hypnotisiert nach dem Haus. „ Da schau“; sagte er und zeigte mit dem Stöckchen nach dem Dach. Auf den Schindeln saßen etwa zwei Dutzend gut genährter Tauben mit geplustertem Schwanz.
„ Hier bleiben wir“, sagte er zu mir. Und zu den anderen sagte er:“ Sucht euch was in der Nähe!“ Wir ließen unser Fahrzeug, einen Panjewagen mit zwei Pferden, vor der Gartentüre halten, zerrten das Gepäck herunter und gingen in den Hof. Links lag das Haus, rechts ein Garten mit Rosenbüschen, Kartoffelbeeten und Zwiebelstauden. In der Mitte, geradeaus, stand ein gemauerter Herd, daneben aufgeschichteter getrockneter Kuhmistfladen, das Holz der waldarmen Krim.
Die Frau fanden wir in der Küche. Als sie uns verstanden hatte, öffnete sie die linke Tür im Flur, ging hinein und begann das Zimmer aufzuräumen, ein großes Zimmer mit sechs Fenstern, zwei Eisenbetten mit hohen Kissen, mit Tisch und Stühlen. An der Wand hing ein Spiegel, mit Papierblumen verziert, Heiligenbilder, eine Ampel und Reihen gerahmter Fotografien. Wir zogen die Röcke und Hosen aus und warfen uns auf die Betten.
Der Leutnant rüttelte mich aus dem Schlaf: „ Ich habe Hunger“. Ich stand auf und schnallte meine Töpfe vom Tornister.
„Du hast doch die Tauben gesehen?“ sagte er.“ Selbstverständlich“. „ Sagen wir vier Stück. „Für mich drei und für dich eine.“ Also vier Tauben, sagte ich.“ Ja, vier Tauben.“
Als ich in den Hof kam, kniete die Frau vor dem Herd und hielt einen eisernen Topf über das Feuer. Eine unkenntliche Masse verschiedener Gemüse kochte darin. Ich sah ihr zu, sagte einige Worte, die sie zum Lachen bringen sollten, aber sie lachte nicht .Ein Mädchen kam aus dem Haus, ihre Tochter, mit dem schönen Namen Tarsia. Ein Junge kam mit ihr, Nikola, ihr Bruder. Sie begafften mich, wie das so war. Die Frau sagte, wir könnte etwas von ihr bekommen. „Danke“, sagte ich,“ bei uns gibt es was Besseres!“ Mein Leutnant und ich hätten heut Appetit auf Tauben. Fragende, erstaunte Gesichter.“ Was ist das?“ fragten sie. Ich sprach einigermaßen Russisch, aber das Wort für Tauben wusste ich nicht. Da sie im Schlag waren, konnte ich nicht nach ihnen zeigen, also markierte ich die Tauben. Ich konnte das. Ich hatte schon da und dort Erfolg mit meinen Tieranimationen, bei der Weihnachtsfeier der Kompanie, bei Offiziersabenden im Kasino. Allerdings waren andere Tiere, Schafe, Ziegen oder Affen leichter nachzuahmen als gerade Tauben. Trotzdem, ich versuchte es. Ich ging in die Hocke, hielt meine gestreckten Finger als radähnlichen Schwanz über den Hintern, hopste im Hof umher, blähte meinen Hals und gurrte.
Aber die drei lachten nicht. Und als sie nicht mehr daran zweifelten, was ich meinte, schrien sie durcheinander wie die Wilden. Ich fragte:“ Was ist den daran so schlimm? Haben andere Soldaten , die vorher da waren, sich nicht auch geholt, nach was sie Lust hatten? Schließlich ist Krieg.“ Tarsia sagte: „ Du darfst alles nehmen, was wir haben, nur nicht die Tauben.
Die Tauben gehören nicht uns. Die Tauben gehören Ilja, meinem Bruder. Er kämpft in Sewastopol.“ Gewiß, ich war beeindruckt. Aber was sollte ich meinem Leutnant sagen ,-Ich zeigte ihnen mein Verständnis. „Ja, ja, Iljas Tauben, ich nicht Iljas Taube, Offizier! Versteht ihr? Offizier Tauben essen.!
Ich ging zur Scheune, die offenstand, um über die Leiter ins Gebälk zu steigen und von da an den Schlag zu kommen. Die Frau durchaute mich. Sie lief an mir vorbei, stellte sich vordie Leiter und hielt sich rückwärts mit den Händen an den Hölzern fest. Ich versuchte sie wegzureißen. Es war nicht zu schaffen. Der größte Widerstand waren ihre Augen. Auch Nikola begriff. Er hob eine Sense vom Boden auf-. Ich gab nach.
Am nächsten Morgen kamen Befehle. Der Küste entlang mussten Stellungen ausgehoben werden. Der Leutnant war den Tag über unterwegs. Am Abend kehrte er müde zurück.
Ich hatte zwei Tauben von einem anderen Dach geschossen und briet sie, während Iljas Tauben mich umflatterten.
Ich liebte und hasste diese Tauben, der eigentlich in der gleichen Lage war wie ich. Er war Soldat, er war weit weg von Daheim. Seine Mutter hütete die Tauben für ihn. Nein, ich hätte keine schlachten können. Sie schienen das allmählich herausbekommen zu haben. Sie waren frech, übermütig. Sie flogen auf den Hof herab und saßen vor meinen Füßen, bettelten, gurrten und rucksten. Sie flogen auf den Gartenzaun, pickten in den Beeten, flogen auf die Flugbretter vor dem Schlag, flogen zurück, setzten sich auf den Herd und guckten in den Topf, wo die Nachbarstauben brotzelten. Zwei oder drei waren darunter, die sich beim Flug überschlagen konnten. Es waren schöne , junge Tauben, Pfauentauben, Kropftauben und Türkische Tauben, die ich noch nie gesehen hatte.
Wir wohnten etwa zehn Tage im Haus, als Nikola eines Morgens nach Baksi fuhr. Er wollte dort Verwandte besuchen und einen Sack Gemüse hinbringen. Nach Baksi waren es vierzig Kilometer. Es war ein größerer Ort, in dem unsere Stäbe und Verpflegungsdepots lagen. Das Proviantauto nahm Nikola mit. Am Abend kam er zurück. Er lief durch den Hof in die Küche . Drinnen entstand großes Geschrei. Bald darauf kam die Frau in unsere Stube, zum ersten Mal, seit wir da wohnten. Sie erzählte mit vielen Worten und Gesten, Nikola habe in Baksi Ilja gesehen! „ Er ist gefangen, von den Deutschen.- Jetzt ist er in einem Lager in Baksi.- In Baksi! So nahe von hier! Sicher kann der Herr Offizier Ilja von dort nach Hause holen. Ich will meinen Ilja sehen, umarmen und nicht mehr fortlassen. Ich gebe alles, was der Herr Offizier sich wünscht.- Ich gebe ihm die Hühner und die Ziegen, die Kartoffeln, das Mehl, das Rosenöl und aserbaidshanischen Tee.
Auch die Ikonen, die ich versteckt habe und die von den Offizieren so begehrt sind , und ein seidenes Tuch, eine goldene Brosche und- die Tauben, ja Iljas Tauben.“

Gruß Rainer- Maria

Pitti53 Offline




Beiträge: 1.547


12.04.2009 12:12
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

bin schon auf teil 2 gespannt

_________________________________

*Grenztruppen 1973-1990*

Rainer-Maria-Rohloff Online


Beiträge: 1.662


13.04.2009 09:11
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Hallo alle zusammen in Erzählungen meines Vaters und des Onkel aus ihrer Soldatenzeit im 2. Weltkrieg fielen Städtenamen wie Nikolajew, Odessa, Dnepropetrowsk und eben auch Sewastopol auf der Krim. Wie in meinem Text an Peter (Transitfahrer) in Weiterführung Diskussion BRD- DDR vom 28.10.2008 schon geschildert, übertrafen sie sich beide jeden Sonnabend / Sonntag am Mittagstisch mit ihren Kriegserinnerungen und nichts, natürlich die Mädchen mit eingeschlossen war mir als Junge lieber wie diese Wochenende Nachmittaggeschichten..


Iljas Tauben 2. Teil von Hans Bender – Westdeutschland / BRD


Ich übersetzte und der Leutnant sagte zu mir: „ Was machen wir Gauner nicht alles für Tauben!“ Und zu ihr sagte er: „Hör auf, Alte, du kriegst deinen Ilja. Morgen ist Sonntag. Wir fahren hin und bringen ihn dir. Hierher. Ja, hierher. Du wirst inzwischen hübsch seine Täubchen zubereiten, verstanden?“
Sie verstand die Worte aber sie verstand nicht den Ton der Worte. Sie fiel vor ihm auf den Fußboden , heulte und küsste seine Stiefel ab.
Tarsia kam mit Iljas Fotografie. Er war darauf in Marineuniform , trug ein weiß und blau gestreiftes Hemd und eine Mütze mit dem Band der Schwarzmeerflotte. Er hatte vorstehende Backenknochen und gekniffene, freche Matrosenaugen.
Ich redete dem Leutnant zu. Ich sagte, wir könnten Ilja vielleicht als Hilfskoch anfordern oder als Arbeitskraft für den Stellungsbau.“ Du Idealist,“ sagte er.
Ja, ich war ein Idealist! Ich hatte verrückte Ideen in der Nacht, am Morgen und auf der Fahrt nach Baksi. Ich wollte Ilja durch einen Streich, durch eine Tat befreien, wenn der Leutnant wirklich so gemein wäre und die Affäre als einen Spaß betrachtete.
Es war ein herrlicher Krim- Morgen. Ein klarer Himmel. Kalte Schatten und flammende Sonnenstrahlen. Im Westen immer das Jailagebirge, wie Backenzähne. Auch Nikola fuhr mit. Er hatte den Leutnant darum gebeten. Er war gewaschen und hatte den Kamm durch das nasse Haar gezogen. In Baksi, erfuhren wir, waren viertausend Gefangene. Man hatte sie in der ehemaligen Schule untergebracht. Stacheldrahtrollen waren um den Zaun gelegt. Maschinengewehre aufgebaut. Wir hielten .Der Leutnant nahm mir die Zügel weg und sagte: „ Steigt ab, ihr Befreier und sucht den Kerl. In einer Stunde bin ich wieder zurück.“
„ Sie gehen zum Kommandanten?“ fragte ich.“ Du stellst dir alles so einfach vor“, sagte er und schlug auf die Pferde ein.
Er hatte Nikola und mich vor dem Eingang des Lagers abgesetzt. Das war ein vergittertes Tor, daneben eine Baracke, ein Posten, einer vom Wachbataillon, ein dicker in schmuddliger Uniform, Schnürschuhen und Gamaschenhosen.“ Was willst du?“ fragte er.
„Ich muß ins Lager, einen Gefangenen suchen.“
„ Verboten.
„Es ist ein Sonderfall. Der Bruder des Kleinen da ist im Lager. Er will ihn nur sehen“, sagte ich. Der Posten tippte mit dem Finger an die Stirn.“ Bei dir piept’s wohl?“
„Mein Chef ist beim Kommandanten. Er wird ihn an fordern , als Arbeitskraft.“
Aber auch das machte keinen Eindruck. Ich beschimpfte ihn und er holte seinen Feldwebel aus der Baracke. Der vertrieb uns.
Wir gingen den Stacheldraht entlang, und Nikola entdeckte seinen Bruder. Er saß im Schneidersitz auf der Erde. Als Nikola ihn anrief, stand er auf und ging auf uns zu. Nikola rief die aufregenden Neuigkeiten über den Zaun. Ilja sprach wenig. Manchmal lächelte er.
Nach einer Weile sagte er:“ Wie geht es meinen Tauben?“
„ Gut, sehr gut“; sagte Nikola.“ Sie leben alle noch. Der Offizier wollte sie essen, aber Mutter hat es nicht zugelassen:“
„Füttere sie gut“; sagte Ilja,“ und wenn ich nicht wiederkomme, gehören sie dir.“
Nach einer Stunde kam der Leutnant zurück. Er hatte getrunken. Immer, wenn er vom Verpflegungsdepot kam, hatte er getrunken. „ Marsch, ihr beiden“, empfing er uns,“ wir fahren!“
„Was wird mit ihm?“ fragte ich.“ Mit wem?“
„Ilja! Wir müssen ihn mitbringen. Wir dürfen nicht ohne Ilja-.“
„Ilja! Ilja! Lass mich endlich in Ruhe damit.“
„Sie haben es seiner Mutter versprochen.“
„ Versprochen, ja. Aber Gefangene lasen sich nicht auslösen. Zudem werden sie heute Nacht abtransportiert. Weg. Heim ins Reich. Dort haben sie’s besser. Verstehen, Nikola, dein Bruder Ilja nach Deutschland. Nix domoi. Germania domoi.“
Ich verstehe, Offizier“, sagte Nikola. Auch Ilja hinter dem Stacheldraht begriff, was vorging. Er drehte sich um und ging langsam in das Schulgebäude. Iljas Mutter und Tarsia standen an der Tür, als wir anfuhren. Sie trugen ihre Sonntagskleider. Nikola erzählte ihnen, was vorgefallen war. Ich spannte aus, fütterte, tränkte, putzte die Stiefel, wusch mich, ließ mir viel Zeit. Dann erst ging ich in die Stube. Der Leutnant saß am Tisch und aß Tauben.
Über ein Dutzend lagen noch auf der Platte. Seine Mutter hatte sie getötet, gerupft und gebraten. Auf der Kommode lagen die anderen versprochenen Dinge.
Der Leutnant sagte:“ Wenn du die Tauben machst, sind sie entschieden schmackhafter.“ Ich gab ihm keine Antwort. „ Appetit hast du auch keinen?“
„ Wie?“
„ Wie? Wie? Du willst wohl, dass ich eklig werde, ja? Ich frage dich, ob du keinen Appetit hast, weil ich’s nicht allein schaffe.“ Nein, ich hatte keinen Appetit auf diese Tauben.
Ob ich überhaupt mal wieder Tauben esse?
Am nächsten Morgen musste ich dem Leutnant vier der übrig gebliebenen Tauben in Zeitungspapier packen und in die Kartentasche stecken. Er wollte sie zu Mittag draußen auf der Stellung verzehren. Doch auf dem Weg dorthin, an einer unübersichtlichen Stelle, wurde er erschossen. Von Partisanen, hieß es.

Gruß Rainer- Maria


Rainer-Maria-Rohloff Online


Beiträge: 1.662


14.04.2009 18:14
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Hallo alle zusammen Iljas Tauben sind verspeist, der deutsche Leutnant mit dem kalten Herz ist tot und unser Matrose der Schwarzmeerflotte wird auf seinem Weg Heim ins Reich wie Hunderttausende russische Kriegsgefangene mit ihm, die dieses Schicksal teilen mußten durch Hunger und Wassermangel um das Leben gekommen sein., Aber wieder etwas Neues, diesmal aus dem Buch „ VIETNAM IN DIESER STUNDE“ / Mitteldeutscher Verlag Halle / Saale 1968 eine Kurzgeschichte von Takessi Kaiko ( Japan ) in 2. Teilen

Die Agonie des befestigten Postens Ben –kat 1. Teil


Major Young sagt, daß etwa neunzig Prozent der Stadtbewohner und der Bauern zum Viet –Cong gehören oder mit ihm sympathisieren. Er ist überzeugt, das sich auch unter den Soldaten Viet- Cong befinden. Zwar weiß man nicht, wer es ist, aber dass es sie gibt, ist sicher.
Wenn die vietnamesischen Soldaten an Geldmangel leiden, verkaufen sie ohne Gewissensbisse ihre Patronen den Viet –Congs. Und das Geld ist bei ihnen immer knapp.
„ …sieht es nicht so aus, als wenn ihr jede Nacht auf einer Mine schlaft!“
„ Ja, Sir!“
„???“
Die Viet –Congs scheinen über die Lage innerhalb des befestigten Postens bestens unterrichtet zu sein. Wahrscheinlich hat man ihnen auch schon gemeldet, dass zwei Japaner eingetroffen sind und jetzt hier leben. Als wir „ zwei Japaner“ das erfuhren, starrten wir uns verwirrt an . Die Viet –Congs sind ohne weiteres in der Lage, an einem Tage, wenn nötig, einen Marsch von zwanzig bis dreißig Kilometern zurückzulegen. Mit ihren aus Autoreifen angefertigten „ Ho- chi- Minh- Sandalen“ laufen sie wie die Katzen, schnell und unhörbar. Wo der Boden zu fest ist, graben sie wie Maulwürfe einen Tunnel. In den Dschungeln heben sie in drei bis fünf Metern Tiefe unterirdische Gänge aus, die einen Durchmesser von ungefähr einem Meter haben. Diese Tunnel sind ein wahres Wunder. Und der Panzermann berichtete, wie er einmal einen solchen Tunnel durch eine Sprengladung aufreisen wollte, wie aber dabei nur der Eingang zerstört wurde, während alles andere unversehrt blieb.
Anschließend warfen sie einige Tränengasbomben und versuchten das Gas mit einem Ventilator nach innen zu treiben, aber nicht einmal eine Ratte verließ den Tunnel. Ein Soldat, der sich mit einem Strick umgürtet hatte, schoß für alle Fälle noch mit einer MPi in den Tunnel und kroch dann hinein, aber die Luft war dort derart muffig, dass er es keine zehn Minuten darin aushielt….Ich war erstaunt, wie offen und furchtlos sie sich gegen den Krieg aussprachen. Besonders überraschten mich, der ich die alte japanische Armee gekannt habe, die Reden des Sergeanten Bojcek. Eines Abends sah ich, wie dieser dicke Mann, der an einen Bonzen erinnerte, in den Schützengräben Patronenkisten verteilte, und kam mit ihm ins Gespräch. Im Morgengrauen des folgenden Tages mussten wir an einer Chausseestreife teilnehmen, die zur Bewachung einer Transportkolonne dienen sollte. Nach dem Mittagessen bot er uns an, wenn wir eine Waffe haben möchten, er könnte uns jede beliebige Waffe zur Verfügung stellen.“ Wir haben uns entschlossen, ohne Waffe zu gehen.“
„Ja?“
„Wer eine Waffe nimmt, ist gezwungen zu töten.“
„Und wer keine nimmt, wird selbst getötet.“
„Das kann passieren:“
„So ist nun einmal der Krieg….“
„Wie dem auch sei, wir haben uns entschlossen, keine Waffe zu tragen.“ Der Sergeant lachte mit tiefer Stimme auf und meinte, gegen die Viet-Congs helfe gar nichts. Den Blick auf die Kautschukplantagen gerichtet, erzählte er, wie er zweimal in Korea gekämpft hatte.
Im ganzen hat er dort dreißig Monate zugebracht.“ Korea ist ein sehr armes Land, aber auch Vietnam ist verdammt arm. Es gibt hier Reiche und Arme. Die Reichen in Saigon scheffeln weiterhin Geld, während die Armen nur noch ärmer werden. Schaut euch morgen mal die angrenzenden Dörfer an. Dort findet man keinen jungen Burschen mehr. Entweder sind sie zu den Viet-Congs gegangen, oder sie wurden von der Regierung zum Militär geholt. Die Felder nicht geerntet, verwildern. In diesem Lande konnten sich die Bauern auch ohne Krieg nicht ernähren. Darum laufen sie zu den Kommunisten. Anders kann es wohl auch gar nicht sein…

Gruß Rainer-Maria


Rainer-Maria-Rohloff Online


Beiträge: 1.662


15.04.2009 18:08
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Hallo alle zusammen irgendwann im letzten Jahr wurde in einem Fernsehsender, es könnte Arte gewesen sein eine Reportage über eine kleine amerikanische Kampfeinheit, vielleicht 8-12 junge Soldaten ausgestrahlt. Untergebracht waren sie in einer riesigen Gebirgsschlucht irgendwo in Afghanistan, in so eine Art befestigten Posten wie Ben- kat.
Ihre Luftaufklärung meldete an einer Ecke X der Schlucht ein paar von diesen bärtigen Männern, es sind die mit der tiefen Abneigung gegen die „ westliche Demokratie“ weil sie doch eher nach ihren jahrhundertealten Stammessitten, Rieten und Gebräuchen leben möchten.
Und so machten sich die Soldaten am frühen Morgen auf den Weg, diesen Taliban ihren Begriff von „ westlicher Freiheit“ auf das Butterbrot zu schmieren. Am Abend dieses Tages war einer von ihnen tot, getötet, nein, nicht etwa von den bärtigen Männern, denn die hatten sie überhaupt nicht zu Gesicht bekommen, sondern durch die eigene Luftwaffe! Man nennt es glaube ich „ Feuer durch den eigenen Freund ?“
Wie hatte der französische Hausherr zu Capt. Willard in dem Kultfilm über den Vietnamkrieg, einen der Besten Filme über diese Thematik und zwar
„ Apocalypse Now ( Redux ) von Francis Ford Copolla gesagt: „Während ihr Amerikaner, ihr kämpft für das Abenteuerlichste Nichts in der Geschichte“



Die Agonie des befestigten Postens Ben- kat 2. Teil


Ich finde die Demokratie besser. Aber ich kann den armen Bauern dieses Landes keinen Vorwurf daraus machen, dass sie zum Kommunismus neigen. Wessen sollte ich sie beschuldigen? Die Bauern wissen von nichts- sie kennen weder die Demokratie noch den Kommunismus. Und ich weiß nicht richtig über den Viet- Cong Bescheid. Aber sicher hatt der Viet- Cong irgend etwas auszuweisen, was die Bauern anzieht. Darum vergrößert sich ständig sein Einfluss. Ich glaube, dass in diesem Krieg letzten Endes die Viet- Congs siegen werden und dass Indochina den Kommunisten in die Hände fällt.
Nicht das ich das gut finde, aber was soll man machen…Vielleicht irre ich mich, vielleicht bin ich ein“ Kommunist“, aber das ist meine persönliche Meinung…“ In zweieinhalb Jahren Korea hat der Sergeant begriffen: Wenn man Asien betrachtet, muß man auf diejenigen sehen, die unten leben. Der Sergeant hat sich nicht wie der Leutnant Hughes damit beschäftigt, das Denken seiner Soldaten von oben aus zu beeinflussen., indem er ihnen aus den Büchern der Serie „ Gehirnwäsche“ vorlas. Grund dafür sind offensichtlich die bitteren Erfahrungen, die er in Korea gemacht hat. Aber er war überzeugt, dass alle Viet- Congs Kommunisten seien.
Ich sagte ihm, das es unter den Viet- Congs entgegen den landläufigen Vorstellungen erstaunlich wenig Kommunisten gibt, dass die Mehrzahl von Nationalisten und von linksliberalen Gruppen gebildet wird. Aber er schüttelte den Kopf und wollte dies nicht anerkennen. „ Vielleicht ist es so, wie du sagst, aber bald werden sie alle Kommunisten sein. Jedenfalls glaube ich das. E-e-e, jetzt ist doch alles egal!“
Später, im chinesischen Restaurant, wo wir trockenen Martini tranken, brüllte der schon angeheiterte Sergeant los:“ Warum sind wir Amerikaner so verhasst?“
Nachts lastet auf dem befestigten Posten ein drückendes Gefühl der Einsamkeit und der Gefahr. …Was Young denkt, hat er mir schon oft gesagt, dass die Amerikaner zu Hause in der „ Wohlstandsgesellschaft“ leben und darum nicht fragen, wer sie regiert.
Die jungen Söhne Amerikas kommen hier um wie die Hunde, aber die meisten Amerikaner in der Heimat wissen davon nichts. Sie haben gar keine Vorstellung vom Vietnamkrieg, der für sie nur eine Fortsetzung des Koreakrieg ist. In Asien, denken sie , ist es immer unruhig.
Ich sagte: „ Es ist aber doch merkwürdig: In der „Times´´ in den „ Newsweek“ im „ Life“ und „ New York Times“ erscheinen fast in jeder Nummer Artikel über das Vietnamproblem, oder etwa nicht? Erklären sie mir bitte, warum die Leute trotzdem nichts wissen! Die Amerikaner kämpfen doch hier nicht das erste Jahr.“ Major Young schnalzt verärgert mit der Zunge und senkt mutlos den Kopf:“ Die Amerikaner lesen nicht“.
„Lesen nicht?“ „ Nein. Sogar die Lehrer lesen zu wenig. Das zeigte sich bei einer kürzlich abgehaltenen Umfrage. Sogar die Pädagogen lesen nicht soviel, wie nötig wäre, verstehen Sie? Woher sollen sie da etwas wissen? E_e-e, Sie waren eben noch nie in Amerika. Die Amerikaner lesen nicht.“
In diesem Augenblick wurde die nächtliche Stille jäh durchbrochen durch das Donnern eines 155- mm- Salven- Geschützes. Die Erde erbebte, und einige Geschosse flogen nacheinander nach Südwesten ins Dunkel. In den Schießpausen schrie der Major:“ Wir sind hier allein. Wir sterben hier, und dort weiß niemand davon, nur ganz wenige wissen es!“
Ich erinnerte mich an einen achtundzwanzigjährigen Infanterieleutnant mit buschigen Augenbraunen, einem scharfen Blick, dicken Lippen und einem langen Backenbart, alles in allem ein hübscher junger Mann. Er litt unter einem Minderwertigkeitsgefühl und fauchte jeden- Amerikaner wie Japaner- an:“ Du willst dich nicht mit einem vietnamesischen Offizier unterhalten?! Ich weiß genau, das es so ist!“ Oder er sagte:“ Du bist zu mir gekommen, weil du am Tage nicht schlafen kannst.“ Er stellte heimtückische Fragen, die sich schwer beantworten ließen, und war von seltsamer Hartnäckigkeit. Er machte einen gequälten, unruhigen, verwirrten Eindruck…Tagtäglich trank er an die zehn Flaschen Bier,“ La Rue“
Ich fragte ihn warum. Zuerst wich er einer direkten Antwort aus, aber schließlich flüsterte er mir in gebrochenem Englisch zu:
Military service / Kriegsdienst….unlimited / unbefristet….no vacation /kein Urlaub….Dann fast schon schluchzend:“ One day, I die.“ / Eines Tages sterbe ich.

Gruß Rainer- Maria

Rainer-Maria-Rohloff Online


Beiträge: 1.662


16.04.2009 18:49
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Hallo alle zusammen im Thema Buchenwald hatte ich es versprochen, und für die Männer des 20. Juli 1944 ist sie gedacht:
Die Berliner Antigone von Rolf Hochhuth – Westdeutschland / BRD aus einem der Bände „ Erkundungen“ , der Verlag Volk und Welt ° Berlin 1964 / Erzählung in 3. Teilen
Da die Angeklagte einer falschen Aussage bereits überführt war, glaubte der Generalrichter, er könnte sie retten: Anne behauptete, ihren Bruder – den Gehenkten, wie der Staatsanwalt möglichst oft sagte- sofort nach dem Fliegerangriff ohne fremde Hilfe aus der Anatomie herausgeholt und auf den Invalidenfriedhof gebracht zu haben. Tatsächlich waren ein Handwagen, aber auch eine Schaufel auf der Baustelle an der Friedrich- Wilhelm- Universität entwendet worden. Auch hatten in dieser Nacht, wie immer nach den Bombardements, Feuerwehr, Hitlerjungen und Soldaten die geborgenen Opfer in einer Turnhalle oder entlang der Hauptallee des Friedhofes aufgereiht.
Vor Gericht aber hatten zwei Totengräber mit der zeremoniellen Umständlichkeit, die ihr Gewerbe charakterisiert, die jedoch in Zeiten des Massensterbens so prätentiös wirkte wie ein Sarg, überzeugend bestritten, unter den 280 Verbrannten und Erstickten, die bis zu ihrer Registrierung unter Bäumen auf Krepppapier lagen, den unbekleideten, nur mit einer Plane bedeckten Körper eines jungen Mannes gesehen zu haben. Ihre Aussagen hatten Beweiskraft. Sehr präzise vor allem in den Nebensächlichkeiten, gaben sie an, persönlich jeden einzelnen der 51 Toten, die weder zu identifizieren gewesen noch von Angehörigen gesucht worden waren drei Tage später in die Grube gelegt zu haben, in das Gemeinschaftsgrab.
Die Bezeichnung Massengrab war verboten worden. Die Reichsregierung pflegte die Toten eines Gemeinschaftsgrabes mit besonders tröstlichem Aufwand beizusetzen: nicht nur waren Geistliche beider Konfessionen und ein namhafter Parteiredner, sondern auch noch ein Musikzug des Wachbataillons und eine Fahnenabordnung hinzugezogen worden. Ein Beisitzer des Reichsgerichts, ein großväterlich warmherziger Admiral, der als einziger in dem fast leeren, verwahrlosten Saal keine Furcht hatte, war so gerührt durch die Schilderung der Totenfeier, das er der Angeklagten mit milder Zudringlichkeit empfahl, endlich die Wahrheit zu sagen über den „ Verbleib“ ihres toten Bruders: die Entweihung eines Gemeinschaftsgrabes durch die Leiche eines vor diesem Gericht abgeurteilten Offiziers müsse sonst leider- er sagte zweimal aufrichtig leider- als strafverschärfend gewertet werden.
Anne, zermürbt und leise beharrte auf ihrer Lüge…..
Der Generalrichter, während der Worte des Admirals wieder in innerem Zweikampf mit seinem Sohn, fand Bodos Gesicht nicht mehr; es zerfloß ihm wie damals im Rauch der Lokomotive- nach ihrem notdürftig zusammengeflickten Übereinkommen, am Vorabend von Bodos Abfahrt zur Ostfront. Mehr als den Verzicht, sich in diesem Augenblick mit der Schwester eines Hochverräters öffentlich zu verloben, hatte der Generalrichter seinem Sohn nicht abzwingen können. Seiner Weigerung, dieser Mesalliance jemals die väterliche Zustimmung zu geben, hatte Bodo die Drohung entgegengesetzt, sich sofort mit dieser Person zu verheiraten, die ihn offenbar schon seit Wochen in jeder freien Stunde an seinem Potsdamer Kasernentor abgeholt hatte – auch dann noch, auch dann noch, als Annes Bruder schon verhaftet war! Der Mann, statt dankbar zu sein, das er als Schwerverwundeter mit einem der letzten Flugzeuge aus dem Kessel von Stalingrad ausgeflogen worden war, hatte nach seiner Genesung schamlos erklärt, nicht die Russen, sondern der Führer habe die 6. Armee zugrunde gerichtet. Und Bodo stand nicht davon ab….
Der Generalrichter, qualvoll erbittert, mochte das nicht wieder zu Ende denken. Er sah sich fest an einem Wasserfleck, der jetzt wie ein überlebensgroßer Fingerabdruck die Wand über der Büste des Führers durchdrang. Die kolossale Bronze war unerschütterlich auf ihrem Sockel geblieben, obgleich der Luftdruck des nächtlichen Bombardements selbst Rohre im Gerichtshof aus der Wand gerissen hatte…
Der Generalrichter hörte kaum dem steif- schneidigen Staatsanwalt zu. Bodo schien kein Gefühl dafür zu haben, auch seine Mutter nicht, was es ihn kostete, dieses Tragödie zur Farce- und dem Führer das Wort im Munde umzudrehen, nur damit dieses aufsässige Frauenzimmer vor dem Beil bewahrt blieb. Wer sonst, wenn er den Vorsitz abgelehnt hätte, würde auch nur daran interessiert sein, Hitlers ironisch weg schiebende Anordnung nach Tisch, die Angeklagte solle „ in eigener Person der Anatomie die Leiche zurückerstatten“, so auszulegen, als dürfe das Mädchen den Beerdigten stillschweigend zurückbringen?
Der Führer, beiläufig vom Propagandaminister unterrichtet, während ihm die Ordonnanz schon neue Depeschen über den politischen Umsturz in Italien reichte, hatte zweifellos nicht einmal an ein Gerichtsverfahren gedacht: Anne sollte enthauptet und der Anatomie zur Abschreckung jener Medizinstudenten“ überstellt“ werden, die vermutlich bei der Beseitigung der Leiche ihres Bruders geholfen hatten. Hier in der Reichshauptstadt, unter den schadenfrohen Augen des Diplomatischen Corps, das hatte Hitler noch angefügt, solle nicht geräuschvoll nach ungefährlichen Querulanten unter den Studenten gefahndet werden: peinlich genug, das im Frühjahr die feindliche Presse von der Studentenrevolte in München Wind bekam, weil Freislers Volksgerichtshof zwar schlagartig, aber doch zu laut damit aufgeräumt hatte.
Der Generalrichter, selten im Hauptquartier, noch seltener am Tische Hitlers, hatte mit erfrorenen Lippen“ Jawohl, mein Führer“ gemurmelt und später, ein geblendeter Gefangener, nicht mehr zu seinem Wagen gefunden. Wie hätte er denn in Hitlers kaltblaue, rasputinisch zwingende Augen hinein das beschämende, das unmögliche Geständnis ablegen können, dieses Mädchen, die Schwester eines Hochverräters, sei heimlich mit seinem Sohn verlobt…
Jetzt verfiel er, Schweiß unter der Mütze, in den unsachlich persönlichen Tonfall des Admirals und versprach der Angeklagten fast vertraulich mildernde Umstände. Unduldsam, aber genau entgegnete er dem Staatsanwalt: zwar sei nur während des Alarms das Kellergeschoß der Universität in der Nacht zugänglich; auch seien die Gitter dreier Fenster der Anatomie ebenfalls aus Sicherheitsgründen entfernt worden, um zusätzliche Notausgänge zu schaffen; und nur in Folge der katastrophalen Verwirrung durch das Bombardement habe die Angeklagte die Schlüssel an sich bringen können. Dennoch: die Beseitigung der Leiche sei keine persönliche Bereicherung, „ mithin“ könne von Plünderung nicht gesprochen werden. Auch sei die Beerdigung nicht unbedingt ein staatsfeindliches Bekenntnis, da es sich bei dem Verräter um den um den Bruder handelte. Als mildernder Umstand gelte noch die seelische Zerrüttung: der Verurteilung des Bruders sei bekanntlich der Freitod ihrer Mutter gefolgt.


Gruß Rainer- Maria

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17.04.2009 18:24
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Weiter für die Männer des 20. Juli 1944
Die Berliner Antigone 2. Teil


Verdächtig, dachte der Staatsanwalt, ein straff gekämmter Hamburger mit einer Stimme wie ein Glasschneider- verdächtig. Aber der Ton des Generals ließ ihn verstummen. Er entblößte sogar die Zähne, ohne das sein geplantes verbindliches Lächeln daraus wurde: der Vorsitzende entschied nämlich auch darüber, ob er ihn weiterhin benötigte oder ihn aber zur Front „ abstellte“. Er hätte ihn gern in die Hand bekommen, diesen Chef. Es war doch lachhaft, dass er jetzt der Angeklagten eine befristete Zuchthausstrafe versprach, wenn sie die Exhumierung ihres Bruders unter Bewachung vornähme; ein solches Angebot- stand in keinem Verhältnis zu ihrem Vorstoß gegen den Führerbefehl politischen Verbrechern das Begräbnis zu verweigern….
Während er voller Genugtuung die Beugung des Gesetzes durch seinen Chef bedachte, während der Admiral mit dem wehmütigen Wohlgefallen alter Herren diese halberloschene „Pracht von einem Mädel“ da auf der Anklagebank teilnahmsvoll mit Blicken tätschelte und während der Wasserfleck über der Büste des Führers vor dem langen wutroten Fahnentuch weiter und dunkler um sich fraß, zwang sich der General, schon ohne Atem, schon ohne Hoffnung, zur äußersten Brutalität: „An langwierigen Nachforschungen kann das Gericht zu diesem Zeitpunkt des totalen Krieges keine Kräfte verschwenden“, drohte er heiser und hastig Anne und sich selbst: „ Sie können 24 Stunden überlegen, ob Ihre Helfershelfer in der Anatomie die Leiche ihres Bruders dort wieder vorfinden- oder ob die Mitwisser durch Einlieferung Ihres Körpers, Kopf vom Rumpf getrennt, darüber aufgeklärt werden sollten, das wir Nationalsozialisten jeden defätistischen Ungehorsam rücksichtslos ausmerzen.“
Die Todesangst gab sie nun nicht mehr frei. Doch am Abend waren ihre Hände immerhin so ruhig, dass sie an Bodo schreiben konnte. Es war schon der Abschied, das wusste sie, und Brandenburg, der gute Wärter, der gleich bei Annes Einlieferung mit fröstelndem Grauen „ die Schwester“ erkannt hatte, war bereit, ihren Brief als Flug- Feldpost hinauszuschmuggeln.
„Du wirst erfahren, wo ich meinen Bruder beerdigt habe, und wenn Du mich später wieder suchst, so nimm ein paar Zweige von unserer Birke an der Havel und lege sie auf sein Grab, dann bist Du mir nahe“.
Sie wollte Pfarrer Ohm anvertrauen, wohin sie den Bruder gebracht hatte – wenigstens er blieb vor den Schergen und Schändern in Sicherheit. Dieser Gedanke bewahrte sie davor zu bereuen, obwohl sie nicht mit der Todesstrafe gerechnet hatte und bei der Drohung des Generalrichters zusammengebrochen war. Gewaltsam vertiefte sie sich in die schon Traum gewordene Erinnerung an die Nacht vor zehn Tagen, um nicht wieder völlig von der Angst erbeutet zu werden. „ Das Gericht glaubt Ihnen nicht, dass Sie den Bruder auf den Invalidenfriedhof geschafft haben!“ hörte sie die durch Gekränktsein verschärfte Stimme des Generalrichters.- Ich würde das auch nicht glauben, dachte sie jetzt mit einem Sarkasmus, der sie für einen Moment belebte, fast erheiterte….
Und wenigstens innerlich riß sie sich los von Wand und Gittern, heraus aus dieser Zelle- und sie war frei, solange sie draußen an den Streifen Erde dachte, an den heidnisch alten, schon seit Generationen stillgelegten Totenacker, rings um die noch mit Feldsteinen aufgetürmte Marienkirche, im ältesten Stadtteil, ganz nahe der Universität. Die mächtigsten, die königlichen Bäume Berlins wölbten sich dort domhoch über die wenigen Grabsteine dahingesiechter Jahrhunderte, und einen der Steine, einen starken Schild der Ruhe, ausgeweint von Regen und Schnee, zerrissen wie – wie Mutters letztes Gesicht, hatte sie an jenem Nachmittag zum Grabstein des Bruders bestimmt. Sie wollte Ohm jetzt bitten, ihr die Bibelstelle zu übersetzen, die sie dort noch mühsam herausgelesen hatte: Apostel 5,29 –während der Name für die Augen, auch für die tastende Hand schon verloren war.
Wie viele hatten dort wohl Ruhe gefunden. Aus Scheu grub Anne nicht sehr tief. Sie hatte mit einem großen Messer die dicke Decke aus Moos und Rasen ziemlich spurlos herausgetrennt, während ihr sichernder Blick, sooft sie aufsah in die laute Nacht, über die Glut sprühenden Dächer wie in eine Schmiede fiel. Ganz Berlin eilte in chaotisch geschäftigen Löschzügen zu den Bränden, und Anne ließ sich einfach mitreißen von dem heißen Wirbel, als sie, sofort nach dem Ende des Angriffs, mit dem Handwagen den Hof der Universität verließ – woran sich später die Denunziantin, eine Kommilitonin, erinnern konnte.
Die phosphoreszierende Friedrichstraße hatte sich brechend und verglühend im Feuerwind gegen den Himmel gebäumt, eine flackernde Fahne der Verwüstung. Und dann- wie eine Friedensinsel, so meerweit getrennt von der orgiastischen Brandwut, lag der dunkle Acker da. .Niemand störte sie. Vor der Straße durch verwilderte Forsythien geschützt, geschützt im Rücken durch die Gotische Nische, grub sie ohne Hast und warf die Erde auf die Plane, die den Bruder bedeckt hatte. Und sie spürte die große Anstrengung nicht, als sie den Körper vom Wagen hob und ihn noch einmal hob und bettete. Doch vermied sie, das friedlose Gesicht anzusehen; denn am Nachmittag in der Anatomie war sie hinausgestürzt, sich zu erbrechen. Sie breitete ihren Sommermantel über den Bruder.
Vor Erleichterung, aber doch auch, weil sie ihn jetzt mit Erde bedecken sollte , überfiel sie ein wildes Schluchzen – und dann sah sie sich schon in der Falle :ihre Beine, ihr Rock, ihre Hände waren so sehr von der feuchten Erde beschmutzt. Atemlos warf sie das Grab zu.
Erst als sie, wieder kniend, schon den Rasen auflegen wollte, wurde ihr bewusst, dass nach dieser Brandnacht Zehntausende ebenso herumlaufen würden.
Da ließ sie sich Zeit. Behutsam deckte sie die Erde ab, verteilte den Rest unter Büschen und presste mit den Händen das Moos fest. Ehe sie mit dem Handwagen auf die Straße ging, schlich sie spähend hinaus, wartete, bis ein schweres Lastauto den Lärm verstärkte, und nach fünfhundert Metern erreichte sie wieder das erste brennende Haus; und etwas weiter, da riefen zwei Hitlerjungen sie um den leeren Wagen an, packten Koffer und Körbe und schließlich noch eine hysterische Frau obenauf, die sich unversehrt aus dem Keller gezogen hatten, und Anne lies sich versprechen, sie würden den Wagen morgen am Hauptportal zum Invalidenfriedhof abstellen, und dann warf sie die Schaufel und die Plane in die schwelenden Trümmer. Später fand sie einen Hydranten, an dem die Feuerwehr gerade den Schlauch abschraubte, und da wusch sie sich die Beine und das Gesicht und die Arme. Und hinter ihr trug man Tote weg, und sie floh aus den Trümmerstraßen, getrieben, sich bei Bodo zu bergen, überwältigt von einer quälenden Gier nach Leben – um es zu vergessen, das Leben.
Das hätte sie ihm gern geschrieben, jetzt, wo die Angst sie wieder hochjagte von der Pritsche und die zweimal zwei Meter des Käfigs ihr unter den Füßen zu schrumpfen – und dann wegzusacken schienen wie die Klappe des Galgens.
Sie durfte ihm nicht verraten, wie trostlos sie war. So zwang sie sich, ihm zu schreiben, sie fände es nicht sinnlos zu sterben für das, was sie getan hatte. Das war die Wahrheit, aber nicht die ganze. Auch das war aufrichtig: Das sie den Tod, da schon so unzählige Generationen „ drüben“ seien, nicht fürchten könne; dass sie sich aber in erstickendem Ekel mit der Hand an die Kehle griff, sooft sie ans Sterben dachte, an die Anatomie, das verschwieg sie. Und endlich fand sie sogar etwas Ruhe in dem banalen Gedanken: so viele müssen sterben können, Tag für Tag, und die meisten wissen nicht einmal wofür- ich werde es auch können. Und sie fand es nur noch anmaßend, nach einem Sinn zu fragen, und sie konnte jetzt denken: dass so viele schon drüben sind, dass alle nach drüben kommen, das muss mir, das muss mir genügen. Das Letzte verschwieg sie auch sich. Brandenburg wartete auf den Brief. Sie musste einen kleinen Halt, ein einziges Wort, das ihm blieb, hinein lügen – und da sie einen Stern durchs Gitter sah, den sie nicht kannte, und noch einen, so fiel ihr ein, was sie im letzten Urlaub verabredet hatten, beim Segeln in einer hohen hellen Nacht: immer aneinander zu denken, wenn sie Abends den Großen Wagen sähen, Bodo in Russland, sie in Berlin.
Und sie schloß:“ Ich sehe durchs Gitter unseren goldenen Wagen, und da weiß ich, dass du jetzt an mich denkst, und so wird das jeden Abend sein, und das macht mich ruhig. Bodo, lieber Bodo, alle meine Gedanken und Wünsche für Dich vertraue ich ihm an, für immer. Dann weiß ich, sie erreichen Dich, wie weit wir auch getrennt sind.

Gruß Rainer- Maria

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18.04.2009 18:15
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Die Berliner Antigone 3. und letzter Teil

Die Planierung des Gerichtshofes durch eine Luftmine verlängerte aber Annes Bedenkzeit auf 11 Tage. Ihr Pflichtverteidiger schaufelte mit rotplumpen Händen nur hilflos leere Luft; sie hatte ihn 20 Minuten vor der ersten Verhandlung kennen gelernt. Bei seinem zweiten und letzten Besuch sah er sich um nach der Zellentür, als erwartete er von dort einen Genickschuss. Dann wisperte er, sein Taschentuch neben dem Mund: „Die Frau des Generalrichters war heute früh bei mir, sie hat geweint – jetzt weiß ich erst, dass ihr Sohn und Sie…also: der General wird Sie retten, wenn Sie sich sofort bereit erklären…“ Anne, als dürfe sie das nicht hören, bat ihn hektisch, endlich eine Nachricht von Bodo herbeizuschaffen.
Die Besuche des Pfarrers waren ihr gefährlicher. Ohm versuchte, Anne klarzumachen, dass ein Unbestatteter nach christlicher Auffassung nicht ruhelos bleibe. Und sosehr sie seine Besuche herbeisehnte, so erleichtert war sie, wenn er ging. Sie weinte jedes Mal, schließlich war sie so verwirrt, dass sie nicht mehr wusste, ob sie ihm das Geheimnis zuletzt für Bodo anvertrauen dürfte.
Vier Tage und drei Nächte teilte sie dann die Zelle mit einer neunzehnjährigen polnischen Zwangsarbeiterin, die ihr aus zerknetetem Brot einen Rosenkranz formte, mit dem Anne so wenig beten konnte wie – ohne ihn. Die Verschleppte aus Lodz hatte sich heimlich, während eines Fliegeralarms, in einer Dresdner Bäckerei satt gegessen und sollte deshalb als Plünderer geköpft werden. Sie war nicht tapfer, aber stoisch, so dass ihre Gegenwart Anne erleichterte - während der Generalrichter gehofft hatte, das Zusammensein mit der rettungslos Verlorenen, die nicht einmal Angehörige benachrichtigen durfte, mache Anne geständig. Und wahrscheinlich wäre seine Rechnung dennoch aufgegangen.
Als nämlich der Polin die Stunde schlug – im lauernden Morgenlicht des zehnten Tages von Annes Bedenkzeit – und sie aufgerufen wurde, ohne Gepäck mitzukommen, umarmten und küssten sie sich – Schwestern vor dem Henker; und Anne, durch die Berührung mit dem schon ausgebluteten Gesicht der Gefährtin jäh wie vom kalten Stahl des Fallbeils selbst angerührt, wurde mit einem Schnitt innerlich abgetrennt von ihrer Tat: sie begriff das Mädchen nicht mehr, das seinen Bruder bestattet hatte – wollte es nicht mehr sein, wollte zurücknehmen. Damit war sie vernichtet. Alleingelassen, duckten ihre Nerven sich vor jedem Schritt draußen auf dem Gang, dessen blendender Linoleumläufer nicht betreten werden durfte. Ihr flatternder Blick stieß sich wund an den Mauern und verfing sich in den Gitterstäben, durch die der Tag hereinprahlte. „Das Leben geht weiter“ – diese roheste aller Platitüden, sie verbrannte ihr Herz. Noch in den Spatzen, die sie beim Rundgang im Hof auf Kokshalden gesehen hatte, demütigte sie diese ordinäre Wahrheit. Als man aber später dem Pfarrer aufschloss, kam sie nicht dazu, ihre Tat zurückzunehmen. Sein Gesicht war eingestürzt. Und seine Unfähigkeit, das erste Wort zu finden, gab Anne für die Dauer weniger Atemzüge die Kraft, Gelassenheit vorzutäuschen. Sie glaubte, er müsse ihr sagen, sie sei schon verurteilt. Sie deutete an, er könne „es“ sagen. Da murmelte er, und sie hielten sich aneinander fest: „Ihr Verlobter – Bodo – hat sich in einem russischen Bauernhaus erschossen.“ Lange erst, nachdem er es gesagt hatte, hörte sie ihn: „Man fand nur Ihren Brief bei ihm, er hatte ihn erst eine halbe Stunde…“ „Brief?“ – und er las an ihren Augen, dass sie das nicht begriff. Bodo hatte auch seiner Mutter nicht mehr geschrieben. Das sagte er ihr.
„Kein Brief – kein – nichts für mich?“
Nun musste er es doch sagen. „Er wollte zu Ihnen… verstehen Sie!“ sagte der Geistliche und seine Augen zuckten. Er musste es wiederholen: „Bodo wollte bei Ihnen sein. Er glaubte doch – er dachte, Sie seien schon… tot.“

Hitler zeichnete alsbald den Generalrichter mit der höchsten Stufe des Kriegsverdienstkreuzes aus und empfing den durch häufiges Weinen noch teuer gewordenen Mann persönlich im Hauptquartier. Bei Tisch sagte er an diesem Tag, und es war das erste Mal, dass seine Tafelrunde ihn erbittert über den entmachteten, aber von ihm noch immer sehr verehrten Mussolini sprechen hörte, der italienische Staatschef könne sich ein Beispiel nehmen an diesem deutschen Richter, der in heroischer Weise die Staatsräson seinen familiären Gefühlen übergeordnet habe- und solle sich endlich dazu aufraffen, seinen Schwiegersohn, den Verräter Graf Ciano, in Verona erschießen zu lassen.

Der Generalrichter hatte sein Angebot nicht widerrufen, wäre aber – nach Bodos Tod war er zwei Tage nicht zum Dienst erschienen – vielleicht auch nicht mehr imstande gewesen, die Delinquentin noch aus der angelaufenen Vernichtungsmaschinerie zurückzureißen. Sie hatte Anne automatisch in dem Augenblick erfasst, in dem Sie ins Gefängnis Lehrter Strasse überführt worden war – schon als „Paket“. Das war die Fachbezeichnung für „Patienten“ mit geringer Lebenserwartung“, wie die besseren Herren der Justiz, die sich fast jeder Situation ihren Witz bewahrten, zu sagen pflegten.
Ohne Auflegung ließ Anne sich fesseln und mit sechs anderen jungen Frauen, von denen eine noch ein Kind während der Haft geboren hatte, zum Auto nach Plötzensee bringen, wo ihnen ein halbidiotischer Schuster, der seit Jahren als Rentner dieses Privileg eifrig hütete, mit kaltglühenden Augen und zutraulichem Geschwätz umständlich das Haar im Nacken abschnitt; dabei ließ er die schimmernde Flut von Annes sehr langen, blonden Haaren mit seniler Wollust durch seine unsauberen Hände gehen, wickelte ihr Haar dann grinsend um einen seiner nackten Unterarme und tänzelte, die Schere unaufhörlich öffnend und schließend, um die Gefesselte herum, bis man ihn auspfiff wie einen Hund. Denn Anne musste sich völlig ausziehen, um nur noch einen gestreiften Kittel und Sandalen anzulegen.
Die Todeszellen blieben offen, die Delinquenten waren an einen Mauerring gekettet. So sprach Pfarrer Ohm sie noch. Ob Anne sich jetzt des Wortes Apost. 5,29 erinnern konnte, das sie auf dem Grabstein des Bruders gefunden hatte; ob sie jenes Wesen gewesen ist, das nach einer Chronik an diesem Nachmittag „wie eine Heilige starb“; oder ob sie es war, die zum Schafott ein Foto in den gefesselten Händen mitnahm, um für ihre Augen einen Halt zu finden – wir wissen es nicht. Pfarrer Ohm schrieb einige Jahre später auf eine Anfrage: „Ersparen Sie sich die technischen Einzelheiten, mein Haar ist darüber weiß geworden.“ Die Frauen wurden in kurzen Abständen über den knochengrauen Hof zum Schuppen des Henkers geführt. Dorthin durfte kein Geistlicher sie begleiten. Wer da, neben dem dreibeinigen Tischchen mit Schnaps und Gläsern, als Augenzeuge Dienst tat, der Admiral, der Staatsanwalt, ein Oberst der Luftwaffe als Vertreter des Generalrichters und ein Heeresjustizinspektors, der schwieg sich aus nach dem Krieg, um seine Pension nicht zu gefährden. Nur darüber berichtet das Register: auch an diesem 5. August waltete als Nachrichter der Pferdeschlächter Röttger seines Amtes, der für seinen Durst berüchtigt war und der, fast auf den tag genau, ein Jahr später den Feldmarschall von Witzleben und elf Freunde in Drahtschlingen erwürgte. Diese Hinrichtung wurde gefilmt, weil der Führer uns sein Stab sich am Abend in der Reichskanzlei ansehen wollten, wie die Männer verendeten, die am 20. Juli 1944 versucht hatten, das Regime zu beseitigen. Ein Staatssekretär hat überliefert, dass selbst der fanatisierteste Anhänger Hitlers, sein Propagandaminister, während der Filmveranstaltung sich mehrmals die Hand vor Augen hielt.

EPITAPH
Die Berliner Anatomie erhielt in den Jahren 1939-1945 die Körper von 269 hingerichteten Frauen.

Professor Stieve im Parlament am 20. Juli 1952, dem 8. Jahrestag des gescheiterten Attentats auf Hitler.


Gruß Rainer-Maria

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19.04.2009 13:22
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Hallo alle zusammen weil heute Sonntag ist und neben ernsten Erzählungen auch einmal etwas Lustiges hierher gehört, eine Geschichte aus einem Lesebuch für das dritte Schuljahr / Ausgabe 1959 der alten DDR, den wir sind doch alle einmal in die Schule gegangen.

Der furchtsame Hase oder wie ein Gerücht entsteht

Es war einmal ein kleiner Hase, der sehr furchtsam war. Immerzu glaubte er, es werde etwas passieren. Der Wald werde in Flammen stehen, oder die Erde werde in Stücke zerfallen. „ Ach du liebe Güte, ach du liebe Güte“, jammerte er, „ was werden wir dann tun?“
Eines Tages war er allein im Wald. Da fiel eine große Nuss mit Gekrach vom Baume,“ Jetzt geht die Welt unter!“ rief der furchtsame Hase ganz entsetzt und lief davon, so schnell ihn seine Füße tragen konnten.“ Die Welt stürzt ein!“ rief er im Laufen einem anderen Hasen zu. „ Wo denn?“ fragte dieser erschrocken.- „ Das weiß ich auch nicht“, antwortete der furchtsame Hase,“ lauf nur zu und sage es den anderen!“ Bald wusste es die ganze Hasensippschaft, und alle Hasen liefen schreiend und zu Tode erschrocken im Kreise herum: „ Die Erde stürzt ein, Rette sich, wer kann!“
Ein Schaf wurde von ihrer Botschaft angesteckt und lief mit der Botschaft zu den anderen Schafen. Die großen Tiere vernahmen die Schreckensnachricht und brüllten aufgeregt. Nur der Löwe sagte ruhig: „ Die Erde soll einstürzen? Das glaube ich nicht. Wer hat den das gesagt?“
„ Der Elefant!“ riefen die wilden Tiere des Waldes eifrig.
„Ich weiß es vom Tiger“, schnaubte der Elefant.
„ Und ich vom Schaf!“ brüllte der Tiger.
„Der Hase hat es mir berichtet“, blökte zitternd das Schaf.
„ Ich erfuhr es von meinem Bruder“, sprach ängstlich ein Hase.
„ Wer von euch hat nun die Nachricht zuerst verbreitet?“ brüllte drohend der Löwe.
Da wurde der kleine furchtsame Hase unter einem Busch hervorgezogen, wohin er sich aus Angst vor dem Zorn des Löwen verkrochen hatte. „ Der war`s!“ riefen die Hasen. Er hat es selbst gehört und gesehen, dass die Erde in Stücke zerfällt.“
„ Du wirst mich an diesen Ort führen“, entschied der Löwe. Und so große Angst der furchtsame Hase auch verspürte, den Schreckensort wieder aufzusuchen, wagte er es doch nicht, dem mächtigen Löwen zu widersprechen. Als sie den Ort erreichten, sagte der furchtsame Hase scheu und ängstlich: „ Hier war es.“- „ Aber ich sehe doch gar nichts“, verwunderte sich der Löwe. „ Oder bist du vielleicht vor jener Nuss erschrocken, die dort auf den Boden gefallen ist?“
„Das wird wohl so sein“, erwiderte der Hase.“ Und du liefst gleich davon, ohne dich umzuschauen?“ fragte der Löwe:“ Wer so leichtfertig Gerüchte in die Welt bringt und alles in Aufruhr versetzt, der muss den Schaden auch wiedergutmachen. Du wirst zu jedem Tier einzeln hingehen, dich vor ihm verbeugen und sprechen:, Es ist nicht wahr, das die Erde einstürzt.’’’
Nachdem der furchtsame Hase diese Worte wohl 199 mal gesagt hatte, war er so müde, dass er sich auf sein Lager warf und vierundzwanzig Stunden ohne Unterbrechung schlief.
Seit diesem Ereignis sagt man von furchtsamen Menschenkindern: Sie haben ein Hasenherz. Und wenn sie vor einer Gefahr davonlaufen und ihr nicht ins Auge sehen, so sagt man: Sie ergreifen das Hasenpanier. Das schlimme daran ist, dass solch ein Hasenherz immer hundert andere mit seiner Furcht ansteckt.

H. Jahn
Gruß Rainer- Maria


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26.04.2009 14:44
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Hallo alle zusammen da ich meine Großväter nie kennen gelernt habe, widme ich diese Erzählung in 2. Teilen den Kindern, die doch einmal in den Genuss kommen ihren Opa zu knudeln oder ihn am Bart zu ziehen und seinen Geschichten zu lauschen.

Der Großvater, eine Erzählung von Zbigniew Zakiewicz / Verlag Volk und Welt ° Berlin
Ostdeutschland / DDR 1972 aus den Bänden Erkundungen


I .Kartoffelkäfer

An einem Sonntagnachmittag saßen sie an der Kellerwand und beklagten sich über die Welt. Der Sommer zeigte sich in diesem Jahr nicht von seiner besten Seite, über das Tal wälzten sich Wolken, Regen peitschte herab, immer wieder brachen Unwetter los. Obwohl es schon auf den August zuging, stand das Getreide noch auf den Feldern und wurde schwarz wie das Stroh auf dem Dach einer verfallenen Kate. Der Großvater führte wie immer das Wort, voller Resignation sprach er über die Atomenergie und drohte: „ Sie haben die Luft durcheinander gebracht, ganz und gar durcheinander gebracht habense die Luft. Meegense nur immer so weitermachen mit ihren Atomen, meegense nur immer so weitermachen…“
Sznurek- er sah wie eine Stoffpuppe aus in seinem dunkelblauen Sonntagshut mit der breiten, geraden Krempe, die seinen Kopf wie ein Regendach umgab, mit seinen buschigen Braunen und dem struppigen Schnurrbart-, Snzurek pflichtete ihm bei mit Ausrufen wie: „ O Herr Jesus von Kobylanka! Diese Satansbrut!“ Er strich sich ungelenk mit der Hand über den Schnurrbart- sein Arm war steif seit der Zeit, da er auf österreichischer Seite gegen Italien gekämpft hatte-, wandte sich mit dem Oberkörper dem Großvater zu und blickte ihn mit seinen hervorstehenden, an eine Puppe oder an ein Sumpfinsekt gemahnenden Augen erwartungsvoll an.
Dann kamen sie auf den Kartoffelkäfer zu sprechen, der schon das zweite Jahr im Tal sein Unwesen trieb. In diesem kühlen, feuchten Sommer hatten sich die Kartoffelkäfer besonders stark vermehrt. Orangefarben, fett und gefräßig bedeckten sie die Kartoffelstauden und bearbeiteten sie erbarmungslos mit ihren schwarzen, gierigen Mäulchen.
„ Ein Gift is das“, sagte der Großvater anerkennend, wenn auch bitter. „ Un lebt“, stellte Sznurek fest, wonach er sich über die Zählebigkeit des Kartoffelkäfers ausließ. Er habe einen in heißes Wasser geworfen, und da sei das Vieh noch lange darin herum geschwommen, bis er schließlich den Eimer auf den Ofen stellte, erst dann, peng, peng, sei die Satansbrut geplatzt.
„Lebt un lebt“ bestätigte der Großvater.“ Im Petroleum krepiert er nich.“ Ich hab Petroleum in ne Kasserolle gegossen aber das Luder schwimmt darin. Un wenn ich’s ausgegossen hätt, das Luder, da wär’s wieder zurück gekrochen auf die Staude. Bei Benzin is das anders. Im Benzin ruck- zuck, un schon riehrt sich’s nich mehr.“
„ Auch Nitrit hilft nich bei dieser Satansbrut“, sagte Sznurek und fügte noch ein paar Ausdrücke hinzu, von denen „ Otterngezicht“ der sanfteste war.“ Abscheilich is das,“fuhr der Großvater fort.“ Wie is das doch abscheilich.“ Er schüttelte verwundert den Kopf.
„ Auch das Huhn reist sich nich danach“, begann der Großvater von neuem, nach dem er Sznureks Ausrufe abgewartet hatte. Ich hab’n paar auf den Hof gestreut, die Hiehner tuck, tuck un mehr nich. Weiter habense sich um das Zeigs nich gekümmert…..Kartoffelkäfer!
Kartoffelkäfer! Wie is das Viehzeigs bloß aufgekommen?“
Kopfschüttelnd wiederholte er: „ Kartoffelkäfer!“ Eine Weile saßen sie schweigend da. Dann sagte der Großvater, der sich offenbar auch dieses Problem in die Reihe der erklärbaren Erscheinungen einordnen wollte: „ Alles wegen dem Veredeln. Da habense angefangen, die Kartoffel zu veredeln, un jetz hast du’s! Wer hatt schon frieher was von Kartoffelkäfern geheert, oder von Krebs….“
„ Recht haste, Nachbar, beim heiligen Petrus, recht haste“, bestätigte Sznurek schon viel friedlicher und strich sich über den Schnurrbart.“ Alles wegen dem Veredeln…“

II. Ist das eine Welt….

Der Großvater ist ein Pessimist und Skeptiker. Er hatt seine eigenen, unverrückbaren Ansichten über die heutige Welt, und er betrachtet sie aus der Sicht irgendeines nicht näher festzustellenden goldenen Zeitalters, von dem nur soviel bekannt ist, dass es“ frieher“ war, zumindest also in den Kindertagen des Großvaters.
Eines sommerlichen Abends, als von den Bergen ein heißer Wind herunterstieß und sich gegen die Wände des Hauses stemmte, hielt der Großvater einen längeren Monolog.
Mit der ihm eigenen Ironie- durch die er gleichsam zu verstehen geben wollte, daß man das, was er sagte, nicht unbedingt für bare Münze nehmen solle, zudem man ja nicht genau wusste, ob er seine Worte selber ernst nahm- begann er:“Frieher hat’s auch mehr Fliegen gegeben.“ Er betrachtete den Fliegenfänger, auf dem eines dieser Insekten einen langsamen Tod starb.“ Wo stecken heitzutage bloß die ganzen Fliegen?- Und wozu lebt dieses Luderzeig ieberhaupt auf der Welt? „ fuhr er nach einer Weile fort. „ Diese ganzen Fliegen, Ameisen un Motten sin doch nich nitzlich. Un die Saatkrähen un die ganzen Krähen un Stare sin doch ieberhaupt nich nietzlich. Wozu lebt das bloß? Wozu“ Und nach kurzem Überlegen schloß er in belehrendem Ton: „ Es dierfte eben nur Menschen, Kiehe un Pferde geben….“
„ Die Fresche quaken…“, fing der Großvater nach einigem Schweigen von neuem an; in seinen Augen blitzte es schalkhaft. „ Un wozu lebt der Frosch? Damit der Storch nich vor Hunger krepiert. Un der Storch, wozu lebt der? Seine Federn sinn ich nietzlich, das Fleisch is nich nietzlich un die Fliegel auch nich….Da hab ich im Garten mal’nen Kirchbaum gesetzt, aber eh ich hab sagen kennen, dass er scheen angegangen is, war er mir schon vertrocknet. Ich ha’n bloß angeriehrt, da is er schon umgefallen. Un unten drunter haben Majseriche gesessen, Nich Majse- Majseriche…Pferde, Kiehe, Schafe sin nietzlich, der Mensch kann sich von ihnen ernähren. Aber das andere Luderzeigs….Der Kartoffelkäfer, die Majseriche un die Saatkrähen, das misste alles an die Kandare genommen werden“, entschied der Großvater.

Gruß Rainer- Maria

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27.04.2009 16:48
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Der Großvater von Zbigniew Zakiewicz, der Geschichte 2.-und letzter Teil

Eine Weile überlegte er.“ Un der menschliche Verstand müsste auch an die Kandare genommen werden. Wo hatt man frieher was von Verkehrsunfällen geheert? Jetz hatt man Angst, auf die Straße zu gehen. Frieher gab’s keine Motorräder un auch keine Unfälle. Fährräder hatt man gehabt, un das auch erst später. Wenn der Bauer zur Arbeit ging, hat er seine Tasche genommen, den Speck ringetan oder den Käse uni s losmarschiert. Un war gesund.“
„ Wozu hat sich der menschliche Verstand entwickelt?“ fragte der Großvater, nachdem er eine Zeitlang gegrübelt hatte, und wurde ernst.“ Damit er Atome fängt?
Meegense doch – herumfliegen….Oder die ganzen Düsenflugzeuge….peng, peng! Morgens ne Konferenz, Mittag woanders, abends ne Konferenz. Frieher, eh man so zusammengekommen is, war ein halbes Jahr vergangen. Un Krieg hat’s auch nich gegeben.“
Einer von Großvaters Zuhörern begann den menschlichen Verstand zu verteidigen, und das der Mensch bald auf den Mond fliegen würde.
„ Un wennse noch noch hundert Jahre Klugscheißern, das werdense nich schaffen!“ ereiferte sich der Großvater. Nach einer Weile Nachdenken fuhr er fort:“ Un wennse’s auch schaffen mechten. Aber wie den? Weiß man, was da oben fier’ ne Kruste is? Vielleicht brichtse ein, un alles, was drin is, leift aus…Oder’ n Stick kann abbreckeln un auf de Erde fallen….Verstand, Verstand…Ihr sagt, die Runkelrieben haben dies Jahr ne kleine Wurzel, weil’s so feicht is?
Aber das is nich wegen der Feichtigkeit. Das is irgendeine Seiche. Die Radioaktivitäten verseichen die ganze Erde.“
„ Is das eine Welt, mit diesen Atomen, diesen Krebs un diesen ganzen Viehzeigs“, resümierte der Großvater voll Bitterkeit.

III. Sie haben sich daran gewöhnt…

Großvater hat den Krieg von 1914 miterlebt als im Tal ein Teil der großen Schlacht ausgetragen wurde, von der später in den Geschichtsbüchern zu lesen war, aber er erinnert sich nicht gern an jene Zeiten. Einmal bei einem abendlichen Plauderstündchen auf der Bank an der Kellerwand sagte der Großvater, während er mit erhobenen Kopf ein Flugzeug mit den Augen verfolgte: „ Da fliegt ein Urlauber“. Im ersten Weltkrieg haben die Leite bei uns „ Urlauber“ gesagt, nich Äroplan un nich Flugzeug, Urlauber’ habense gesagt…“
Von dem skeptisch spöttelnden Ton, den er sonst an sich hatte, war nichts mehr zu spüren, als er fortfuhr: „ Eins kann ich nicht verstehen, wer das so bestimmt hat, dass die Menschen sich im Krieg totschlagen müssen. Wer bloß?
Na scheen, ein Bauer priegelt sich mit’ nem Anderen um die Grenzfurche, dabei kann’s vorkommen, das einer den anderen umbringt, aber wer hat das bloß bestimmt, dass die besten Jungs ausgesucht un bis ans Ende der Welt gejagt werden?
Sie sollten doch jeden seine fünfzig Jahre leben lassen…“Er überlegte eine Weile.“ Fünfzig Jahre lang war Frieden, bis der erste Weltkrieg kam. Und als se den ausgerufen hatten- was hat sich da alles getan! Die Leite haben ein Geschrei gemacht, dass es schrecklich war anzuheern. Erst hat man gesagt, das nur drei Monate Krieg sein wird.Un was is dann gewesen…..Ach, du meine Giete… Der eine erschlagen, der andere verwundet, die Städte ausgebrannt, die Erde aufgewiehlt. Un sechs Jahre hat der Krieg gedauert!“
Und wieder spöttisch:“ Wie der zweite Weltkrieg kam, habense schon nich mehr so’n Laminto gemacht, un wennse noch einen Krieg machen täten, da mechtense wie die Schafe lostrotten, weilse sich schon dran geweehnt haben.“

IV. Der Brunnen und die Heiligen

Daß der Großvater ein Skeptiker ist, zeigte sich auch bei folgender Gelegenheit .Nach alter Gewohnheit saßen wir an der Kellerwand und blickten auf die untergehende Sonne, die an jenem Abend groß war wie ein Luftballon, orangefarben, in der Mitte umgürtet von einer grauen Wolke. Und mit einem listigen Aufblitzen seiner Augen:“ Da erzählense den Kindern in der Schule, das die Erde sich drehen tut. Aber wie is denn das meeglich? Da mechte ja das Wasser aus dem Brunnen raus laufen. Ich bin zur Arbeit gegangen auf sechzehn Stunden, un ich hab nich geshen, dass sich Nachts was verdreht hätt. Die Fabrik, der Fluß der Wald, alles war hübsch an seinem Platz.“
Er blickte hinauf zum Himmel.“ Ob da oben irgendein Ende is? Und wo meegen die Heiligen dann sitzen? Un die Wissenschaft und der Glaube sin bloß dazu da, um die Menschen zu veredeln. Anders meechten die Menschen sein wie die Wilden“, entschied der Großvater, der noch frisch unter dem Eindruck der Nachricht stand, man habe in Afrika einen Stamm entdeckt, der unter steinzeitlichen Bedingungen lebe.

V. Elstern

Seit einigen Jahren hat der Großvater elektrischen Anschluss in seinem Haus. Obwohl er in der Erdölraffinerie schon mit Strom zu tun gehabt hat, macht er daheim immer mit Bedacht einen großen Bogen um die elektrischen Einrichtungen: Einmal erzählte er:“ Da saßen zwei Elstern auf zwei Drähten un poussierten miteinander. Oho, sagten die Burschen, gleich wird’s was geben! Da kamen plötzlich Funken aus den Schnäbeln, un pardauz lagen sie beide auf der Erde…. O ja“, schloß der Großvater, „ die Elektrizität hat eine große Kraft.“

VI. Erde

„ Wo kommt das Erdeel her?“ fragte der Großvater, ein alter Erdölhase von Berufs und ein bisschen auch von Geburts wegen, da in diesem Tal die ersten Bohrtürme vor achtzig Jahren aufgestellt wurden, als der Großvater noch nicht auf der Welt war.
„ Von der Sintflut. Es kam eine Sintflut, überschwemmte die Wälder, die Menschen, die wilden Tiere, die Drachen. Die Erde hat sie zusammengebreßt, destilliert, un daraus wurde das Erdeel…Nein, dort wo Friedheefe sin, da wird’s kein Erdeel geben. Die Menschen liegen dort zu flach. Aus diesen Menschen wird bloß Erde.“
„ So is das eben“ stellte der Großvater verallgemeinernd fest.“
„ Die Erde gibt alles her, un die Erde nimmt alles:“


Übersetzt von Charlotte Eckert
Gruß Rainer- Maria

Eine kleine Berichtigung noch, Bücher der Reihe Erkundungen erschienen in og. Verlag in der DDR und somit ist diese eine von 19 Erzählungen junger polnischer Schriftsteller, so wie vorher eben schon westdeutscher Erzähler .Die Kurzerzählungen dieser Reihe stammen auch aus dem außereuropäischen Raum, zum Beispiel Afrika.

Rainer-Maria-Rohloff Online


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01.05.2009 08:39
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Hallo alle zusammen irgendwie komme ich von den Großvätern nicht los, es liegt wohl daran , weil ich selber einer bin, und das verdammt gerne . Da ich in einer Arbeiterfamilie aufgewachsen bin, hier eine Geschichte aus einem Lesebuch der dritten Klasse / Ausgabe 1959 der alten, nein, dieses Mal muss ich mich berichtigen, der damaligen noch jungen DDR.
Der Handlungszeitraum müsste so um das Jahr 1870 herum liegen.

Großvater Kunath erzählt vom 1. Mai

Wir arbeiteten damals bei dem Malermeister Kühn in der Pestalozzistraße in Dresden. Wir waren siebzehn Gehilfen und hatten uns fest versprochen, den 1. Mai zu feiern. Dieser Tag wurde damals nur von wenigen gefeiert. Wir wollten ihn zu einem richtigen Feiertag machen. Die Arbeitgeber aber waren dagegen. Sie wollten nicht, dass die Arbeiter sich zusammentun. Wir aber hatten verabredet, mit Schildern durch die Straßen zu ziehen. Darauf sollte zu lesen sein: Für den 1. Mai, Feiertag aller Arbeitenden der ganzen Welt! Für bessere Löhne! Für den 8- Stunden- Tag!
Am 1. Mai war in dem Lokal „ Trianon“, in dem wir uns versammeln wollten, niemand von meinen Arbeitskollegen zu sehen. Auch im Saal „ Zur Aue“, wo August Bebel zu anderen Arbeitern sprach, konnte ich niemand von uns finden. Unser Meister hatte nämlich, nachdem ich von der Arbeitsstätte fort gegangen war, mit den Gehilfen zusammen Bier getrunken und sie dabei beschwatzt, nicht mitzugehen. Sie hatten Angst bekommen, dass er sie entlassen würde, und weil sie nicht brotlos werden wollten, hatten sie ihm schließlich versprochen, am 1. Mai zu arbeiten. Und der Meister lachte sich ins Fäustchen.
Am nächsten Tag wartete der Meister schon auf mich und sagte:“ Wo waren Sie den gestern?“-, Es war doch Feiertag’, war meine Antwort. Darauf erklärte der Meister: , Sie können noch weitere Feiertage machen. Hier haben sie Ihre Papiere und den Rest Lohn.’
Ich nahm die Sachen und ging nach Hause. Aber in meinem Krankenkassenbuch stand nun drin: , Entlassen am 1. Mai’. Als ich zu andern Meistern und Fabrikherren in der Stadt ging, um neue Arbeit zu suchen, sahen sie sich das Krankenkassenbuch an und dachten bei sich:, Aha, der ist am 1. Mai entlassen. Das ist ein Roter. Der klärt meine anderen Arbeiter auf. Sie werden dadurch stark, sammeln sich und fordern mehr Lohn. Das will ich nicht, das ist mein Schade. Diesen Mann stelle ich nicht ein.’
So musste ich den ganzen Sommer ohne Arbeit zubringen, nur weil ich gewagt hatte, am 1. Mai mit andern Arbeitern zu demonstrieren.
Inzwischen haben die Arbeiter gelernt. Sie haben sich endlich zusammen getan und halten brüderlich mit den Arbeitern in aller Welt zusammen.“
Damit beendet der Großvater seine Erzählung und wendet sich zum Fenster. Er öffnet es und winkt lächelnd den Menschen zu, die in langen Zügen singend auf der Straße marschieren. Sie feiern freudig und stolz den 1. Mai.
Nach „ ABC- Zeitung“

Gruß und einen friedlichen 1. Mai allen im Forum
Rainer- Maria

Rainer-Maria-Rohloff Online


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21.05.2009 07:54
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Hallo alle zusammen, wie versprochen eine Geschichte von Hans Bender/ Westdeutschland 1964 aus der Reihe Erzählungen / Verlag Volk und Welt ° Berlin. Sie ist zwar für uns Männer aber ich widme sie den Frauen, die am Ende dieses Tages die größere Last mit den jungen und alten Saufsäcken zu tragen haben.


In der Gondel


Der Gondoliere schwieg und ruderte, bis wir mitten im Canal Grande waren, unter vielen anderen Gondeln, schaukelnd in den Wellen des Vaporettos, das zur Ca d``oro hinüberpflügte. Vor dem Rialto erklärte er die Brücke: sie sei an Stelle einer früheren Holzbrücke von Antonio da Ponte erbaut, bestehe aus einem einzigen Bogen, und jeder Pfeiler ruhe auf sechstausend Pfählen. Als ich Marlene übersetzte, wusste er, dass sie kein Italienisch verstand. „ Ich habe Sie gleich wieder erkannt, als sie uns ansprachen“, sagte ich.
„ Ich auch. Fünf Jahre sind es her _ und dieses ist der Palazzo Bembo, ein gotischer Bau des 15. Jahrhunderts von großem ornamentalischem Reichtum!“
Marlen konnte sich an den Spitzbögen nicht satt sehen. „ Es war der schönste Sommer Venedigs. Hat es einen Tag geregnet damals?“
„ Nein, nie hat es geregnet damals.“
„Dieser Sommer ist kalt. Immerfort Regen, der die Fremden vertreibt,“
„ Was sagte er jetzt“ fragte Marion.
„ Er spricht vom Wetter. Er ist unzufrieden mit dem Wetter.“
„ Sind sie verheiratet?“ fragte er.
„Ja.“
„ Und zur Hochzeitsreise in Venedig?“
„ Nein, es ist nicht die Hochzeitsreise. Die war vor drei Jahren schon.“
„ Was sagt er jetzt?“ fragte Marlen.
„ Der Gondoliere meint, wir wären Hochzeitsreisende.“
„ Er ist kein Psychologe“, sagte Marlen. „ Er soll lieber erklären. Ich hätte den Baedeker einstecken sollen.“
„ Wozu?“
„ Ich will wissen, wie die Paläste heißen.“
„ Du wirst sie doch gleich wieder vergessen.“
Er zeigte und erklärte: „ Palazzo Dandolo, Palazzo Loredan, Palazzo Farsetti, Palazzo Grimani…” Ich glaube, er vergaß nicht einen. “ Sie heißen Enrico?”
“ Da fiel mir auch sein Name wieder ein, gerade im richtigen Moment. „ Und Sie heißen Francesco!“
„ Mamma mia! Sie wissen es noch!“
„ Ein schöner Sommer damals…“
„ Palazzo Papadopoli, Palazzo della Madonetta, Palazzo Bernado, Palazzo Corner- Spinelli!“
“ Die Namen brauchst du mir nicht zu übersetzen, die verstehe ich von allein; aber was sagt er dazwischen?”
„ Er erzählt von anderen, die er früher gerudert hat.“
„ Interessiert dich das?“
„ Ich kann ihm nicht verbieten zu erzählen.“
„ Hat er nicht gesagt, er wird singen?“
„ Meine Frau wünscht, dass Sie singen, Francesco!“
„ Eine strenge Frau“, sagte er. „ Ihre Freundin lachte immerfort. Nie hatte ich ein Mädchen in der Gondel das so viel lachte! Sie konnte über alles lachen, und die Palazzi haben sie einen Dreck interessiert.“ Er sang „ O sole mio“. Die Gondolieri in den Venedig- Filmen haben strahlendere Tenöre, sie singen in ein Mikrofon, und die Ateliers haben eine bessere Akustik als der Canal Grande. „ Hoffentlich hört er bald auf“, sagte Marlen.
„ Du hast es dir doch gewünscht.“
„ Ein Caruso ist er nicht.“ Francesco hatte verstanden. Er sagte: „ Ihrer Freundin damals hat meine Stimme gefallen, weil sie glücklich war, weil ihr die Welt überhaupt gefallen hat. Und dir, Enrico, hat sie auch gefallen.“
„ Mir gefällt deine Stimme auch heute.“
„ Weißt du noch, wie eifersüchtig du warst?“
„ Ich, eifersüchtig?“
„ Nun, sie sprach besser Italienisch als du. Sie sagte so witzige Dinge, die du gar nicht alle verstehen konntest. Ihre Mutter war Italienerin.“
„ Aus Messina war ihre Mutter. Ihr Vater Franzose.“
„ Du wolltest ins Wasser springen“, sagte Francesco. Ich erinnere mich. Ich spielte den Eifersüchtigen, weil sie allzu verliebt zu Francesco hinaufblickte, sich allzu gern mit ihm unterhielt. Sie schürte das Feuer. So war sie. Ich sagte, ich ersäufe mich, wenn du nicht augenblicklich geradeaus siehst und mich umarmst, wie man sich in Gondeln zu umarmen hat. – Ich sprang auf den Sitz, und sie umarmte mich….-„ Was macht er jetzt?“ fragte Marlen.
Ich drehte mich um und sah, wie Francesco das Ruder ins Wasser stellte, zu beweisen, dass die Lagune nicht tiefer als fünfzig Zentimeter war.
Nichts hatte Francesco vergessen! Alles holte er aus der Erinnerung!
„ Er will uns zeigen, wie seicht die Lagune ist.“
„ Warum zeigt er das?“
„ Wir sollen sehen, in der Lagune kann sich nicht einmal ein Nichtschwimmer ertränken.“
„ Willst du dich ertränken?“
„ Nein“, sagte ich. „ Mir ist es zu kalt dazu.“
„ Vor fünf Jahren wollte sich einmal einer ertränken,“ sagte Francesco und lachte.
„ Gehört das auch zur Gondelfahrt?“ fragte Marlen.
„ Francesco ist besonders aufmerksam.“
„ Und wird alle Aufmerksamkeit auf die Rechnung setzen!“
„ Warum bist du so böse auf ihn?“
„ Er spricht mir zuviel.“ Damals hatte Francesco die dreitausend Lire, die wir vor der Fahrt vereinbart hatten, abgelehnt.
Ein Märchen aus Venedig könnte so anfangen: Es war einmal ein Gondoliere, der ruderte ein Liebespaar durch den Canal Grande und die Mäanderwindungen der vielen kleinen Kanäle. Er hatte seine Gondel mit Lampions behängt, er sang „ O sole mio“, er ruderte zwei Stunden und wies die dreitausend Lire, die ihm der junge Mann zahlen wollte zurück, weil dessen Freundin so hübsch war und wie ein Glockenspiel lachen konnte. Ja, zuletzt ruderte er die beiden zu einer Taverne, in die sonst keine Touristen hinkamen, lud sie ein, die halbe Nacht Chianti mit ihm zu trinken, zu lachen, zu tanzen….
„ Warum bist du so schweigsam auf einmal?“ fragte Marlen.
„ Ich“
„ Auch dein Gondoliere scheint zu schlafen.“
„ Meine Frau wünscht, dass du ihr sagst, wie die Palazzi rechts und links heißen.“
Francesco erklärte mit gewohntem Pathos: „ Links sehen Sie den Campo und die Chiesa San Samuele mit dem typisch venezianisch- byzantinischen Glockenturm aus dem 12. Jahrhundert; der Palazzo Gassi folgt, ein besonders schöner Bau, im Inneren mit berühmten Deckengemälden Alessandro Longhis geschmückt…“
Während ich übersetzte, sagte Francesco: „Warum bist du nicht mit ihr gekommen, einen Ring am Finger?“
Diesmal war ich dankbar für Marlens Einwurf. „ Meine Frau will wissen, wie der Palazzo dort heißt.“
„ Es ist der Palazzo Rezzonocco, ein Werk Longhenas.“
Wir waren nun fast am Ende des Kanals. Es war dunkel geworden, dunkler durch Regenwolken, die vom Westen heraufzogen. Die Kuppel von Santa Maria della Salute strahlten Scheinwerfer an.
„ Steigen wir am Markusplatz aus?“ fragte Marlen.
„ Wenn du willst…“
„ Ich friere, und es sieht so aus, als regne es gleich.“
„ Hier hielten wir damals lange, weist du noch, Enrico?“
„ Ich weiß…“
„ Alle Liebespaare halten hier, die Kuppel von Santa Maria della Salute zu betrachten. Auch Noelly wollte, dass….“ Francesco biss sich auf die Zunge, weil ihm der Name, den wir bisher vermieden hatten, entfallen war.
„ Noelly…“
„ Wer ist Noelly?“ fragte Marlen.
„ Noelly? Es ist der Name eines Mädchens…“
„ Welchen Mädchens?“
„ Seiner Frau vielleicht“ sagte ich schlagfertig. „ Noelly e mia moglie“, sagte Francesco.
“ Nein, das ist nicht wahr!”
„ Es ist wahr.- Sie ist ein Jahr später wiedergekommen, Allein“
„ Was sagt der grässliche Mensch?“
„ Von seiner Frau erzählt er.“
„ Immer erzählt er Dinge, die uns nichts angehen. – Sind wir nicht bald da?“
„ Gleich, Marlen.“


Wie gestern schon geschrieben, einen schönen Tag allen.

Gruß Rainer- Maria

CaptnDelta Offline





Beiträge: 1.611


21.05.2009 08:12
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten
Zitat von Rainer-Maria-Rohloff
In der Gondel

Hmmmmm, Venezia!







-Th

Rainer-Maria-Rohloff Online


Beiträge: 1.662


24.05.2009 12:08
RE: Zeitgeschichtliche Literatur 1949-89 in Ost und West Zitat · antworten

Die falsche Schätzung von Johann Peter Hebel

Reiche und vornehme Leute haben manchmal das Glück wenigstens von ihren Bedienten die Wahrheit zu hören, die ihnen nicht leicht ein andere sagt. Einer, der sich viel auf seine Person und auf seinen Wert und nicht wenig auf seinen Kleiderstaat einbildete das er sich eben zu einer Hochzeit angezogen hatte und sich mit seinen fetten roten Backen im Spiegel beschaute, dreht sich vorm Spiegel um und fragt seinen Kammerdiener, der ihn von der Seite her wohl gefällig beschaute: „Nun, Thadde „ fragt er ihn, „wie viel mag ich wohl Wert sein, wie ich da stehe?“ der Thadde macht ein Gesicht, als wenn er ein halbes Königreich zu schätzen hätte, und drehte lang die rechte Hand mit aus gestreckten Fingern so her und hin. „ Doch auch 550 Gulden“ , sagt er endlich, „weil doch heut zu Tag alles teurer ist als sonst.“ Da sagt der Herr: „Du dummer Kerl glaubst du nicht das mein Gewand was ich an habe allein seine 500 Gulden Wert ist?“ Da trat der Kammerdiener ein paar Schritte gegen die Stubentür zurück und sagte: „Verzeiht mit meinen Irrtum , ich hab’s etwas angeschlagen sonst hätt ich nicht so viel herausgebracht.“


Das Komma

Zu den schwierigsten Aufgaben nach 1945 gehörte der Aufbau eines neuen demokratischen Justizapparates . Die dazu von der Verwaltung der Provinz Sachsen erlassenen Maßnahmen veranlassten den sowjetischen Oberst Rodionow eines Tages, die Vizepräsidenten Robert Siewert zu sich zu bestellen. In der Unterhaltung erklärte er sich mit den Entscheidungen, die getroffen wurden waren, einverstanden. Es sei absolut richtig möglichst viele Arbeiter vor allem junge Antifaschisten im Justizapparat einzusetzen. Mit einer Formulierung in einer schriftlichen Entscheidung Robert Siewert’s war Oberst Rodionow nicht einverstanden. Es handelte sich nur um ein Wort, und Rober Siewert versuchte die Sache zu bagatellisieren. Darauf fragte der Oberst: „Genosse Siewert, kennen sie die Geschichte vom Komma?“ Robert Siewert kannte sie nicht. So erzählte Rodionow: „Zar Peter dem Großen wurde von dem General Prokurator einmal eine Entscheidung vorgelegt:, Hängen kann man nicht laufen lassen. Der Zar überlegte hin und her was eigentlich gemeint sei. In dem Schriftsatz fehlte nämlich das Komma, und von diesem Komma hing das Leben eines Menschen ab. Überlegen Sie, Genosse Siewert es handelt sich hier nur um ein Komma. Setzt man das Komma hinter das Wort hängen, dann wird der arme Kerl gehängt. Setzt man das Komma so: ,Hängen kann man nicht, laufen lassen’ , dann ist der Mann frei. Darum kommt es zu weilen bei wichtigen Entscheidungen auch auf ein einziges Wort an, und das bitte ich zu beherzigen.“

Verfasser unbekannt



Gruß und ein schönen Sonntag allen

Rainer-Maria

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